Montag, 19.11.2007

Das Ende der Wurst bleibt Film

Lektüre in PROFESSIONAL-PRODUCTION, Nr. 213, 11/07, S. 26-28, “ FILM-ARCHIVIERUNG, SEPARATION MASTER, 100 Jahre und länger“:
Arri fädelt neue Geschäfte ein. Aus dem Fleischwolf der Wertschöpfungskette – Dreh auf Film, digitale Postproduktion, DVD-Edition, Digital-Cinema-Master – kommt zuletzt für die Kino-Auswertung das ausbelichtete Farbnegativ. Die Farbemulsionen jedoch enthalten organische, kompostartig vergammelnde Substanzen. Schwarzweißfilm basiert auf weit beständigeren Silberhalogeniden; Kodak preist eine Haltbarkeit von 500 Jahren an.
Zur Mumifizierung von Filmwerken gilt es, die Farbnegative umzukopieren – jeder Farbauszug (YMC: Yellow, Magenta und Cyan) jeweils separat auf Schwarzweiß, wie beim Off-Set-Druck oder einst beim Technicolor-Verfahren.
Man appeliert an die Verantwortung, das mit Filmförder-Millionen aus öffentlichen Mitteln hergestellte Kultur- und Wirtschaftsgut vor der Zersetzung zu bewahren; die Rede ist von Spielfilmen oder „effektlastigen TV-Filmen“. Indem aus Steuergeldern Filme werden, leitet sich der Anspruch ab, diese Allgemeinguts-Mobilie doch bittschön gebührend alterszusichern. Mit der Produktionsförderung sollen auch die Kosten für die Langzeitarchivierung verknüpft und draufgeschlagen werden, zur Bezahlung der mit dem Sicherungs-„Separation-Master“ zu beauftragenden Besitzer der dazu prädestinierten Arrilaser-Maschine, damit „Mädchen Mädchen II“, „Sturmflut“ und „Das Wunder von Bern“ nicht vermodern. Vorbild ist ein US Studio, das die Sicherungskopien just in einem Salzbergwerk in Pennsylvania einlagert.
Im Filmbild sei – entscheidender Vorzug gegenüber all den migrationsfreudigen Datenträgerformaten – das Bild selbst als optischer Klartext enthalten, ohne Verschlüsselung und Algorithmus. Die homosapientische Kompetenz in Angelegenheiten von Optik und Strahlengang sei beständiger als das Software-Gepütschere; das Heilsversprechen der Digitalisierung ins Gegenteil gewendet.
Wiederum der Zunahme des Korns beim Ineinanderkopieren dreier Filmbilder – um aus der Sicherungskopie in ferner Zukunft erneut ein vervielfältigbares Ganzes zu machen – tritt man mithilfe digitaler Grain-Reduction-Systeme entgegen. Das Korn lasse sich in die Struktur und den „Look“ der im Original verwendeten Emulsion wandeln.
So ersinnt der Hersteller der zu verwendenden Arrilaser-Maschinen, mit denen zunächst aus den Rechnern heraus die Negative aktueller Großtaten für die Kinoauswertung ausbelichtet werden, den Mehrwert einer besseren Auslastung der teuren, nun in ihrer Attraktivität noch gesteigerten Geräte; tags Produktion, nachts Archivierung.
Arri-Kameras, Arri-Licht, Arri-Postproduktion mit Visual Effects, Tonstudio, Kopierwerk und – fürs Gedächtnis der Menschheit – Arri-„Separation-Master“.
Gewinn-Generierung im Felde des Films; schöpferischer Geist des Entrepreneurs. Das Derbe des Wortes „Unternehmer“ bekommt einen Anklang von Adel.

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