2017

Mittwoch, 23.08.2017

Filme der Fünziger XXXVI: Heimatlos (1958)

Gegen Ende der 50er Jahre machten Heimatfilme nicht mehr die grossen und sicheren Umsätze. Dabei waren sie in der Produktion immer noch billig; Schauspieler, Regisseure, das gesamte Produktionsteam waren sich klar, dass hier kein großer Kassenschlager, sondern ein Brotfilm gedreht wurde. Und die Außenaufnahmen war so günstig. Manfred Barthel, lange Jahre bei der Gloria-Film, weiß Bescheid. „Filmleute fielen in einen Ferienort ein, sorgten für Neugier und Unruhe unter den Urlaubern, bestellten beim Fremdenverkehrsverein Volkstänze und Trachtenumzug gegen Freibier und eine Spende in die Vereinskasse, und schon konnte gedreht werden.“
Ein bisschen Zeitgeist aber sollte schon sein; und so heißt dieser Film Heimatlos nach dem großen Erfolgsschlager von Freddie Quinn, den schon alle, alle kannten und von dem in dem Film nun so getan wird als würde er gerade erst aufgenommen.
Barbara Kirchner (Marianne Hold) hat sich mit Franz Leitner (Rudolf Lenz) verlobt, schon gibt es die erste Auseinandersetzung. Barbara möchte ihre Freundin in München besuchen, Franz findet das unpassend und wird eifersüchtig. Sofort lernt Barbara den Hallodri Konrad Fürst (Peter Weck) kennen, der schicke Autos nach Italien verschiebt. Als Barbara nach München fährt, ist ihre Freundin dummerweise verreist. Wo soll sie jetzt unterkommen für die Nacht? Konrad ist zur Stelle, quartiert sie in einer Pension ein und führt sie abends in die „Bar Pigalle“ aus. Als Barbara am nächsten Tag nach Hause kommt, hat Franz schon alles ihrem Vater (Willy Rösner) gepetzt; große Auseinandersetzung, Barbara zieht um nach München und lebt mit Konrad zusammen. Der will kurzzeitig anständig werden, wird aber von der Polizei erschossen. Jetzt muß Barbara arbeiten und findet in der „Bar Pigalle“ einen Job. Dort singt Freddy unter anderem sein Lied:  „Keine Freunde, keine Liebe/ keiner denkt an mich das ganze Jahr/ keine Freunde, keine Liebe/ wie es früher, früher einmal war.“ Bei seinem Vortrag hebt er traurig mal den einen, dann den anderen Arm, dann müde vom Elend beide auf einmal. Ein Showtalent ist er nicht, aber nett. Er besorgt Barbara eine billigere Wohnung; sie bekommt aus ihrer Liaison mit Konrad ein Kind, ein herziges Mädchen. Da kommt der Pfarrer aus dem Heimatort des Weges und entdeckt die vielen unglücklichen Umstände. Aber Barbara ist auch patent und praktisch. Von jetzt auf gleich wird sie Modeschneiderin. Ihr ehemaliger Verlobter, vom Pfarrer eingeweiht, wirbt wieder um sie und bringt dem Kindchen einen Hundewelpen mit. Auch Freddy geht es schon besser, er hat jetzt einen Plattenvertrag. Er bringt dem Kind einen Spielzeughund aus Holz mit und hält um Barbaras Hand an. So unbeholfen und so nett – Barbara heiratet Franz, Freddy geht ins Aufnahmestudio und singt: „Ruhelos zieh ich von Ort zu Ort, ruhlos wie Wolken im Wind. Überall such ich ein liebes Wort, such ich Menschen, die gut zu mir sind.“ So bleibt Freddys Polydor-Legende als Heimatloser intakt und Marianne Hold kann noch im selben Jahr in Mein Schatz ist aus Tirol und Der Priester und das Mädchen erneut die Liebe finden.

Herbert F. Fredersdorf hat den Film inszeniert; Fredersdorf war ursprünglich Cutter, dann Regieassistent. Als Regisseur ist er mit dem Film „Weit ist der Weg“ (1947/48) über einen Holocaust-

Der oben vollverglaste touropa-Bus

Überlebenden bekannt geworden, kehrte dann zunächst zu seinem Beruf als Cutter zurück und dreht in den 1950er Jahren nur noch Märchen- und Heimatfilme. Ganz außergewöhnlich ist ein Auftritt von Sybille Pagel, der späteren Dany Mann, mit dem Lied „Auf der Gamsbockalm“, in der sich Schuhplattler und Swing vermischen. Aufgefallen ist mir ein schicker Touropa-Bus, mit dem Marianne Hold und Peter Weck nach München fahren. Touropa Busse fuhren keine Linienstrecken in der Provinz. Die Produktionsfirma Divina-Film, ein Ableger des Gloria-Verleihs, hatte touropa und die Abendzeitung München als Werbepartner eingekauft. Unter dem Motto „Frühling und Film in Südtirol“ konnten Münchner beim „Amtlichen Bayerischen Reisebüro“ eine Wochenendreise mit touropa nach Bozen und Meran zu den Außenaufnahmen von Heimatlos buchen. Alle Schauspieler mußten bei der Abendveranstaltung mitmachen; Freddy sang seine traurigen Lieder, Sybille Pagel ihre Schlager, bei einem Quiz konnte man Probeaufnahmen gewinnen und am Sonntag als Komparsen bei den Dreharbeiten mitmachen. Der Programmpunkt ging allerdings schief, am Sonntag regnete es Bindfäden. Macht nichts, die Kosten konnten sowieso als Werbung abgesetzt werden. So kam der touropa-Bus in den Film. Der ist wirklich sehenswert.

DVD bei filmjuwelen

Präzisierungen zu filmportal:
Kameraführung : Günther Grimm
Mit Willy Rösner (Vater Kirchner), Monika John (Frau Huber), Michael Burk (Wiggerl), Nora Minor (Crescentia), Marion Fuchs (Dienstmädchen), Cheryl Benard (Das Kind), Lotar Olias

Samstag, 05.08.2017

Filme der Fünfziger XXXV: Waldwinter (1956)

Über 90 Filme hat Wolfgang Liebeneiner seit 1937 inszeniert. An vielen hat er als Drehbuchautor mitgewirkt, in einigen seiner Regiefilme ist er auch als Schauspieler aufgetreten; von 1931 bis 1937 war er im Film nur als Schauspieler präsent. Man könnte einen Autorenfilmer vermuten, aber kann ein Multi-Funktionär ein Autorenfilmer sein? Liebeneiner war im „Dritten Reich“ im Aufsichtsrat der Terra, Leiter der künstlerischen Fakultät der Filmakademie Babelsberg, Leiter der Fachschaft Film der Reichsfilmkammer und … und … und Produktionschef der Ufa, sogar Professor von Goebbels Gnaden. Man sieht seinen Filmen den Kenner und Könner an und man kann neben den bekannten Propagandaschoten „Bismarck“ (1940), „Ich klage an“ (1941) und „Die Entlassung“ (1942) durchaus Filme entdecken, die viel vom Alltag im „Dritten Reich“ vermitteln. Liebeneiner war ein Alleskönner: Realist, Melodramatiker, Gesellschaftskritiker, Komödiant, was auch immer. Nur politisch war er nach eigener Aussage nie. Ein Konformist, ein Opportunist, gar Parteigänger jeglicher Partei? Vielleicht eher ein Chamäleon – stets in der ersten Reihe und doch nie erkennbar.

Nun also „Waldwinter“ aus dem Jahr 1956, Liebeneiners dritter Heimatfilm nach „… und ewig bleibt die Liebe“ und der schaurigen „Schönen Müllerin“, beide 1954. Liebeneiner hat dem Film in etwas holpriger Diktion einige grundsätzliche Überlegungen beigegeben. „Wenn man dem ‚Heimatfilm’ das Unechte und Kitschige nimmt, wenn man ihn ohne Sentimentalität und ohne heuchlerische Spekulation auf intimste Erinnerungswerte herstellt, dann tritt eines der wesentlichsten und wichtigsten Probleme unseres Daseins hervor: die Frage nach dem Wesen und dem Wert der Heimat, die uns alle angeht. … Hier ist eine Fülle von Konflikten möglich, die Fragen unserer Zeit anschneiden und die die Antwort nicht aufdrängen, sondern es dem Zuschauer überlassen, aus dem Geschehen seine Schlüsse zu ziehen und sich mit der Liebe und dem Hass, mit den Leiden und Freuden der Mitmenschen auf der Leinwand zu identifizieren. Darum ist ein echter ‚Heimatfilm’ aktuell und spannend und ein wahres Kind unserer Zeit.“

Schlesien, tief eingeschneite Felder, ein Rehkitz und dazu das schlesische Volkslied „In dem Schneegebirge“ mit den Zeilen „Ade, mein Schatz, ich scheide. Ade, mein Schätzelein! Wann kommst du denn doch wieder, Herzallerliebste mein?“ Baron Malte (Rudolf Forster) ist mit dem Dorf zu Weihnachten in der Dorfkirche. In einem Kübelwagen kommt Enkel Martin (Claus Holm) gefahren und warnt den Baron, dass das Dorf in wenigen Tagen vom Krieg überrannt wird. Gut, dass es noch das Jagdschloss im Bayerischen Wald gibt. Hast Du nicht gesehen, sind wir mit allen Dorfbewohnern rund 10 Jahre später im Bayerischen Wald.

Dort will der Baron eine Glashütte aufbauen, aber sein Gut ist verschuldet und sein Wald zu einem beträchtlichen Teil schon abgeholzt. Der Verwalter Stengle (Willy A. Kleinau) drängt darauf, das Jagdschloss an einen Hotelier zu verkaufen. Aber Onkel Malte will „seine Schlesier“ nicht im Stich lassen. „Ich habe die Leute herausgebracht, ich muss dafür sorgen, dass sie zurecht kommen.“

Martin (Claus Holm), Marianne (Sabine Bethmann) und Hansi, Hansili und Hansilein

Enkel Martin ist Geschäftsmann, gerade in Paris im Modesalon seiner Geliebten Simone (Erica Beer). Eigentlich will er mit Simone nach Ägypten und wird jetzt von „grand-maman und grand-pere“ nach Falkenberg gerufen. Martin hat eine einfache Lösung für die finanziellen Probleme; die Großeltern sollen das Gut verkaufen, sich eine nette Drei-Zimmer-Wohnung mieten und ins Theater und in Konzerte gehen. Da bekommt er es aber mit Marianne (Sabine Bethmann in dezenten Blau- und Pastelltönen mit Halsschleifchen) zu tun, der angenommenen Tochter des Barons. Sie spricht von Pflicht und Verantwortung und der Heimat, die sie sich aufgebaut haben; er nennt sie Kindchen und Kleines. Ach, seufzt die Frau Baronin, wie soll Martin sein Leben durchstehen ohne Familie, ohne Heimat. Er weiß doch gar nicht, was das ist. Da läutet die Kirchenglocke; Marianne führt Martin durch den Schnee ins Dorf, wo die Kinder Schlitten fahren und unter „O Tannenbaum“ Gesang Krippenfiguren anmalen. Marianne zeigt Martin auch den Weg in den tiefverschneiten Wald, wo das Rehkitz aus dem Vorspann wohnt. Ist es womöglich auch aus Schlesien geflohen? Marianne ruft es „Hansi“, Hansili“ und „Hansilein“ und Martin wird’s ganz wunderlich im Gemüt, wie er Marianne und Hansilein engumschlungen sieht.

Die todschicke Rivalin Simone (Erica Beer) verzichtet auf Martin

Der Verwalter Stengle ist ein Gauner; er hat dem Baron Geld gestohlen – deswegen die finanziellen Nöte – und steht unter dem Pantoffel seiner modebewußten, ehrgeizigen Frau (Ilse Steppat). Als Martin das herausbekommt, will Stengle ihn erschießen. Aber Martin wird nur verletzt, Stengle gefasst und jetzt werden Martin und Marianne das Gut samt Glashütte, Verantwortung und Heimatpflege übernehmen. Der Förster (Gerd Fröbe als Rübezahl-Figur) hat es schon vorher gewußt. „Nu bleibts beim Alten“.

„Der Baron“, so heißt es einmal, „will sich nicht an die neuen Zeiten gewöhnen.“ Die Paarungen der neuen Zeit sind Geschäft ohne soziale Verantwortung und Kriminalität, die große ferne Stadt und französische Mode, kommunistische Parolen und irre Blicke (Klaus Kinski an der Zither!). Die Integration der vertriebenen Schlesier dagegen ist nur eine Arabeske. Es geht um Martin, einen „der vielen, die ihre Heimat verloren haben oder sie nicht finden können.“ An ihm liegt es, ob die Gegenwart die idyllische Variante der Vergangenheit werden kann. Komm zurück, Martin! Und Martin antwortet im Ton eines abgelaufenen Kalenderblatts „Das ist ja großartig“.

Nicht auf DVD. YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=arFpNhG5Qwc

Ergänzungen zu Filmportal:
Kassiererin: Elsa Cialowicz; Produktionsseketärin: Herta Hirsch; Ateliersekretärin: Irmgard Brahmann; Presse- und Porträtfotograf: Roman Stempka (Cinepress); Presse: Peter Kühn, Hans J. Wiechers (Cinepress)
Dreharbeiten: 19. 12. 1955 – 13.1. 1956 in den Ateliers Tempelhof; Aussenaufnahmen bis 4. 3. 1956 in Viechtach/Bayerischer Wald

 

Samstag, 15.07.2017

Kinohinweis

Kommenden Dienstag, 18.7.2017 im Sputnik:

Rainer Komers Werkschau

Gezeigt wird die VIER ELEMENTE Tetralogie mit den Teilen KOBE (2006, 45‘), MA‘RIB (2008, 30‘), MILLTOWN, MONTANA (2009, 34‘) und RUHR RECORD (2014, 45‘). Vorfilm: 25572 BÜTTEL (2012, 5‘).

Gesamtdauer: 160 Min., no dialogue. Mit Filmgespräch; Rainer Komers ist anwesend. Präsentiert vom Filmclub Berlin.

Mehr Informationen hier.

Beginn: 20.00 Uhr.

Samstag, 08.07.2017

Werner Hamacher (1948-2017)

[Werner Hamacher als – wenn man das so sagen kann – Delamarche in Hanns Zischlers »AMERIKA« VOR AUGEN ODER KAFKA IN 43 MIN. 30 SEC. Gefilmt von Ingo Kratisch 1978, im Jahr der Publikation von „pleroma – zum Begriff der Lektüre bei Hegel. Genesis und Metaphorik einer dialektischen Hermeneutik“ in einer Produktion für die Redaktion Literatur und Sprache des WDR.]

***

Der erste Text, den ich von Werner Hamacher las, hatte da, wo die anderen Beiträge des Bandes ihre Titel vermerkten, drei Sterne. Gegen Ende dieses Texts heißt es in einer Parenthese „– wo der feste Grund der Erkenntnis fehlt, verwandeln sich alle hermeneutischen Fragen in solche der Ethik –“.

In einem der letzten Texte, die ich von ihm las, steht: „Geschichte ist in allen ihren Elementen eine zu widerspenstige Sache, als daß man sie wegerzählen oder zu Zwecken der Werbung oder der Warnung zurechtstutzen könnte.“

Dienstag, 27.06.2017

Filme der Fünfziger (XXXIV): Heisse Ernte (1956)

Es liegt nahe, in „Heisse Ernte“ von Hans H. König eine deutsche Variante von „Bitterer Reis“ (1949; R: Giuseppe de Santis) zu sehen. Da gibt es  Parallelen wie die überfüllten Eisenbahnabteile,  die Barackenunterkünfte der Erntearbeiterinnen, die Gemeinheiten und Gaunereien; aber dann ist bei König doch einiges, ja vieles ganz anders.
Die Produktion gibt Rätsel auf; als Drehbuchautorin wird neben Johannes Kai zunächst die völlig unbekannte Ingrid Thauer genannt; an ihre Stelle tritt im Vorspann und in allen Filmografien der ehemalige amerikanische Filmoffizier Carl Winston. Mit Komparserie und Ausstattung wurde ein enormer Aufwand betrieben (auf der filmportal-Seite kann man einige Kostümskizzen sehen); in Tettnang baute man wegen der schlechten Wetterverhältnisse sogar zwei Säle zu Behelfsateliers um. Und schließlich ist der Film offensichtlich in zwei unterschiedlichen Versionen gelaufen.

Erik Schumann und Edith Mill

Edith Mill kommt als Auschra mit vielen Saisonarbeiterinnen zur Hopfenernte in den Film. Auschra ist aus dem Memelland geflüchtet und nun will es der Zufall oder besser gesagt das Schicksal, dass Konrad Stammer (Erik Schumann), der Sohn des Grossbauern, als Soldat bei Auschra einquartiert war. Konrad spaziert in Schaftstiefeln und mit einem Schäferhund über sein Anwesen; das soll Kraft und Autorität ausstrahlen, geht aber nicht ganz auf, weil der Herrn dem temperamentvollen Schäferhund eher hinterherstolpert. Konrad ist mit Sybille Scharfenberg (Hanna Rucker), der Tochter des Nachbarbauern, verlobt. Er fährt ein schickes VW Cabrio, Sybille ein NSU-Fiat Neckar Sport Cabriolet, das 1955 die stolze Summe von 11.000 DM kostete. Auschra fährt mit vielen anderen Frauen im Pferdewagen. Da geht es sehr simpel um Klassenunterschiede und ihre Auflösung. Sybille rauscht rücksichtslos mit ihren Neckar Sport am Pferdegespann vorbei, die Pferde brechen aus und Auschra fällt vom Wagen. Sie hat sich den Arm ausgekugelt. Gut, dass Konrad gleich zur Stelle ist; er renkt den Arm wieder ein, kümmert sich und, ja, verliebt sich in die stille, charakterstarke, bescheidene und fleißige Auschra, die unverschuldet ins Subproletariat gefallen ist.

Helmut Schmid

Wo es solches Glück gibt im Leben wie im Liederschatz („Wer das Leben liebt, so wie ich und Du,/ ja, dem fliegt das Glück nur zu“), da gibt es auch Neid und Missgunst. Stanislaus (Helmut Schmid), Auschras Großknecht aus Ostpreussen, dampft den Schwefelgeruch des Teufels und hat es auf die tapfere Auschra abgesehen. Kameramann Kurt Hasse umgibt Helmut Schmid mit Lichteffekten als ob dieser das Böse permanent ausschwitzen würde. Diese Radikalisierung hätte man sich auch für andere Figuren gewünscht. Auch Sybille ist gemein zu Auschra – sie bietet ihr  Geld, damit Auschra Konrad freigibt. Die Dynamik des Barackenlebens führt derweil zu Frauenkämpfen, nächtlichem Nacktbaden, Lagerfeuer-Romantik, Unterwäsche-Erotik und Top-Shots auf dekolletierte Tänzerinnen.
Stanislaus will Auschra mit Gewalt zurückerobern und wird dabei von Sybille und ihrem Gehilfen Inspektor Schleinitz (Robert Freytag) unterstützt. Aus Habgier bringt Stanilaus Schleinitz um und wirft Auschra von der Dachkammer einer Hopfen-Darre in die Tiefe. In der ersten, auch eine Zeit lang im Kino gezeigten Version, stirbt Auschra, in der zweiten Fassung erhebt sie sich wunderbarer Weise wie nach einem kleinen Stolpersturz. Diese Version lief im Fernsehen und wurde auch 1995 als Video unter dem Titel „Der Gutsherr und das Mädchen“ veröffentlicht.
Natürlich sind Eltern und Schwiegereltern nicht glücklich über die Auflösung der Verlobung von Konrad und Sybille („Soviel Arbeit und jetzt auch noch das!“), aber das spielt in der zweiten Fassung keine Rolle mehr, denn Auschra hat einen Todessturz überlebt. Und so näselt Vater Stammer (Friedrich Domin) der ungewollten Schwiegertochter die Worte „Du bist jetzt zu Hause“ ins Ohr, womit auch die ungerechten Klassenunterschiede wieder ins Lot gerückt sind.

Zeitgleich produzierte Richard König mit teilweise identischer Besetzung nach einer Idee von Hans König die Komödie „Zwei Bayern in St. Pauli“ (Regie: Hermann Kugelstadt). Das sieht ganz danach aus, als wollte der Produzent die gewagtere Produktion „Heiße Ernte“ mit einer Klamotte wirtschaftlich absichern. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass die ursprüngliche Fassung von „Heiße Ernte“ sich auch noch in weiteren Teilen als dem Ende von der verfügbaren Fassung unterscheidet. Aber sicher wird man natürlich erst sein, wenn die erste Fassung wieder auftaucht. Und auch das ist ziemlich unwahrscheinlich, denn wer sollte sich schon auf die Suche nach einem Heimatfilm von Hans H. König aus den 1950ern begeben? Das wäre vielleicht ein Fall für das Werkstattkino in München.

Sonntag, 18.06.2017

Langtexthinweis

* Mai 1968 filmen. Von Volker Pantenburg

Freitag, 19.05.2017

David

David Laugomer betreibt in Berlin-Treptow, an einer langsam aus dem Dornröschenschlaf der deutschen Teilung erwachenden Straße, einen Laden für Schuhdesign, in dem auch Skulpturen von seiner Hand Platz gefunden haben. David ist ein großer sportlicher Mann von etwa 60 bis 70 Jahren, dessen bequeme Hausschuhe und Arbeitskleidung zur Erhöhung des Eindrucks freier Bewegung im gewohnten Kreis beitragen. Der Kopf ist ausdrucksvoll, bestimmt, mit schwarzen, von einem roten Stirnband zusammengehaltenem Haar. In jungen Jahren stellte David einen israelischen Rekord im 800-m-Lauf auf.

Ich sehe dem Künstler zu, wie er ein Paar Damenschuhe Schritt für Schritt herstellt; wie er – scheinbar traumverloren knetend, begutachtend, dann noch einen Tupfer anbringend – sich der Vollendung eines handlichen, aus Wachs geformten labyrinthischen Gebildes nähert. Beim Zusehen wird mir die ungemeine Bereicherung deutlich, die die Materie (Leder, Wachs) durch Handarbeit erfährt. Diese Durchdringung, ja Beseelung ist körperlich fühlbar – man spürt in allem gelingenden Handwerk Zauberkunst.

David Laugomer möchte, daß man den Stier noch als solchen erkennt, wobei es sein Ziel ist, bis an jene Grenze zu gehen, wo sich die reine Form in der Abstraktion herausbildet. Das gibt seinen Tierskulpturen, die von den steinzeitlichen Felsbildern in der Altamira-Höhle inspiriert sind, die tiefere, die Traumrealität.

Die Lust des Bildhauers, seine Geschöpfe zu berühren, überträgt sich auf mich, wenn er der in einem Park aufgestellten Kuh aus Granit nach Jahren wiederbegegnet. Diese Berührung ist einer der äußersten Genüsse, die das Bewußtsein uns gewähren kann: wir dringen dann in die Tiefe des Lebenstraums ein und existieren in den Geschöpfen mit.

Mit David Laugomer und Sabine Herpich, der Regisseurin, begegnen sich zwei Menschen, die als Bildner noch wissen, was Farbe und Form, als Autoren, was Sprache ist: daß diese aus dem Schweigen, aus der Tiefe der Erfahrung kommt. Mit den Worten Davids im Ohr, mit denen er seiner Mutter, des Holocausts gedenkt, sehe ich ihn jetzt wieder vor mir: wie er sinnierend beim Arbeiten vor sich hinblickt; über Fragen, die ihm von der Regisseurin gestellt werden, lange nachdenkt; wie er in einer Pause Datteln zerkaut. Er gibt mir bei seinem Arbeiten – wie auch als Darsteller dieses einzigartig persönlichen, innigen Films – das Gefühl, daß unterhalb der großen Vernichtung tiefere Adern unversehrt bestehen und daß die eigentliche Kraft des produktiven Menschen sich nicht wie beim Täter aus dem animalischen Willen speist, sondern im Vegetativen, in der Fühlungnahme mit seinem Material liegt.

Sabine Herpich: David, 2016

Peter NAU

Mittwoch, 03.05.2017

Filme der Fünfziger (XXXIII): Dunja (1955)

Karl Heinz Böhm und Eva Bartok sehen in die Kulisse

Die Filme der fünfziger Jahre zeigen die Vorstellungen und Phantasien, die die Gesellschaft von sich hatte und mit denen sie sich ihrer selbst vergewissern wollte: so wie sie sein wollte oder wie sie sein sollte, welche Rollenmodelle, welche Vergnügungen es geben sollte und welche nicht. Auch als Moralapostel pustete sich das Kino gelegentlich ziemlich auf. Das ist schon manchmal etwas schräg, aber ganz schrill kann es werden, wenn es um die Vorstellungen von Nicht-Bundesrepublikanischem geht. In Italien ist die Liebe zu Haus, mit Wein, Gesang und Caprifischern, in Frankreich ist es immerzu pikant und olala, die Amerikaner sind reich und etwas naiv-ungehobelt und in Russland gibt es – wir blicken zurück in die goldene Zeit der Zaren – russische Seele, russisches Gemüt, Tanz und Wodka und ganz viel Traurigkeit.
„Dunja“ ist das Remake des ungemein erfolgreichen Film „Der Postmeister“ (1940), den Gustav Ucicky nach der Novelle von Puschkin mit Heinrich George, Hilde Krahl und Margit Symo gedreht hatte. Regisseur Josef von Baky hatte Walter Richter in einer Theateraufführung von „Fuhrmann Henschel“ gesehen und engagierte ihn für seine geplante filmische Adaption des Hauptmann-Stückes. Zunächst aber spielte Richter den „Postmeister“ in Bakys Remake.
Vor allem Farbe gibt es in der Neuverfilmung; knalliges, flirrendes Rot und schwere, bedrückende Dunkelheit. Die Agfa in Leverkusen hatte ein neues Agfacolor Negativ- und Positiv-Material entwickelt, das hier erstmals angewendet wurde . Jetzt sieht alles – oder jedenfalls das meiste – wie ein beleuchteter Hades aus. Es gibt kaum Tageslicht oder natürliche Lichtquellen, und in dieser synthetischen Atmosphäre agieren oder stehen nun Ivan Desny, Karl Heinz Böhm und Eva Bartok um Walter Richter herum, den Postmeister eben. In Richters Interpretation lebt der Postmeister völlig abgekapselt von der Wirklichkeit, folgt nur seinen eigenen Phantasien und ist in seinem religiösem Wahn und Selbstmitleid unberechenbar. Einen Tyrannen und Egoisten nennt ihn Desny zu Recht, und meint damit seine erdrückende Gutherzig- und Gluckenhaftigkeit. Neben Richter als der nach innen wütenden Vatergestalt verblassen alle anderen Figuren. Desny zieht sich durch weltmännische Lässigkeit aus der Bredouille; Eva Bartoks fehlende Begabung kaschieren Anders und Baky durch ganz viel Schatten, der ihr Gesicht dekorativ verdeckt oder aus dem sie für einen interessanten Moment auch heraustreten darf. So viele gute Menschen werden hier betrogen, des Selbstmitleids und lautstarken Jammers will es gar kein Ende nehmen. In solchen Momenten dürfen auch Eva Bartok und Karl Heinz Böhm als verlorene Kinder ihren großen Auftritt haben. Günter Anders rettet den Film mit vielen ungewöhnlichen und unaufdringlichen Kamerablicken.
Es tanzen die Kosaken, es tanzt Maria Litto sehr viel züchtiger als Margit Symo in der früheren Version, es wird zum Fest gesungen und zur Arbeit gesummt, es kommt einem vor als solle auch die Musik in Agfacolor sein. Das ist eine ganz spezielle Art von deutschem Melodram, man könnte diese Form etwas ungalant das „Drama mit dem melodramatischen Rumms“ nennen.
Macht Platz 29 auf der Liste der meistbesuchten Filme der Saison 1955/56.

DVD bei filmjuwelen

Ergänzungen und Konkretisierungen zu filmportal:
Herstellungsleitung: Dr. Herbert Gruber; Ton: Herbert Janeczk, Ing. Kurt Schwarz; Regieassistent: Wolfgang Glück; Kostüme: Edith Almoalino; Choreographie: Dia Luca; 2. Kameramann: Hannes Staudinger; Kamera-Assistent: Herbert Müller; Maskenbildner: Jonas Müller; Leo Wiedemann, Leo Umyssa, Hilde Schmidt-Hnilitschka; Aufnahmeleiter: Wolfgang Birk, Alois Bednar; Standfotos: Otto Klimatschek
Mit Otto Schenk (Sascha), Bruno Dallansky (Pjotr), Ernst Meister (1. Fähnrich), Jörg Liebenfels (2. Fähnrich), Georg Hartmann (Hausmeister), Kurt Müller-Böck (1. Offizier), Peter Sparovitz (Knecht)
Dreharbeiten vom 26. September 1955 bis 5. November 1955 in den Ateliers der Wien Film am Rosenhügel und Sievering.
Deutsche Uraufführung: 22.12. 1955, Theater am Kröpcke, Hannover
Der Film wurde ursprünglich im Format 1,85:1 gedreht und war auch als Breitwand-Kopie verfügbar; bei der Uraufführung wurde eine Kopie im Format 1,3 :1 gezeigt. Beide Bildformate wurden vom Verleih angeboten. Bei der DVD Einspielung wurde das Format 1,3 :1 verwendet.

Mittwoch, 26.04.2017

Langtexthinweis

* Texte zum 26. April 2017, zusammengestellt von Fritz Göttler und Markus Nechleba [… in progress]

Samstag, 22.04.2017

April in Paris


Rien que les heures (1926 Alberto Cavalcanti)


Alraune (1952 Arthur Maria Rabenalt)

Von Paris nur zu träumen mit Hilfe eines Stadtplans – oder eines Kinoprogramms.

Die Cinémathèque française zeigt alle Filme von Jacques Becker. Heute um 21:30: Le Trou (1960)

Man sagt, ein Gefangener sei seinem Bewacher überlegen, weil auf seiner Seite das stärkere Interesse sei. Der Wächter kann vergessen, dass er Wache schiebt, der Gefangene denkt dagegen immer daran, dass er bewacht wird, und deshalb denkt er an die Vorbereitung seiner Flucht öfter als der Wächter an ihre Vereitelung; das erklärt auch, warum die unwahrscheinlichsten Fluchtversuche gelingen. (Jules Verne: Die Kinder des Kapitän Grant)


Morgen um 19:00: Casque d’or (1952 Jacques Becker).

Er hatte die Empfindung: „Diese Augen haben im Leben schon irgendwann einmal in die meinen geschaut.“ Warum sollte das nicht möglich sein? Dieses Bild war freilich ein halbes Jahrhundert alt, vielleicht noch älter. Aber Menschenaugen sind wie Sterne; seit Hunderttausenden von Jahren kommen und glänzen sie immer wieder als die gleichen. (Ganghofer: Waldrausch)

La Vie à l’envers (1963 Alain Jessua) am 29.4. um 20:00

Gary Vanisian schrieb mir aus Paris, schwärmend von diesem Film. „Über einen Mann (Charles Denner, der große!), einen kleinen Angestellten, der heiratet, aus Uninspiriertheit, und immer mehr in einen Geisteszustand abdriftet, der oberflächlich eine depressive Psychose wäre, bei genauerer Betrachtung aber Freiheit und Glück sein könnte.“

Die Cinémathèque française zeigt alle Filme von Alain Jessua.

(Signierstunde mit Alain Jessua – heute um 18:30)


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