2017

Sonntag, 15.10.2017

Farocki Now: A Temporary Academy/Bausteine

Von Mittwochabend an ist erst im HKW und dann von Donnerstagmorgen bis Samstag im silent green in Berlin die vom Zeitplan mir jetzt angenehm unkomprimiert vorkommende Farocki Now: A Temporary Academy. Das ist ein »Forum für Workshops, Präsentationen und Debatten […], die Arbeit und Denken Harun Farockis für die Gegenwart erschließen, neu kontextualisieren und produktiv machen«. Klickt man auf den Veranstaltungslink, kann man mehr erfahren. An einer der sechs Gruppen, die im silent green etwas präsentieren, bin ich beteiligt.

Das ist am 19.10., Donnerstagmorgen, von 10 bis 13 Uhr. Vivien Kristin Buchhorn, Julia Katharina Milz und Ewelina Aleksandra Rosinska stellen da ihr work-in-progress vor, das »Bausteine« heißt. Es nimmt Bezug auf einen Film – »Leben BRD« (1990) – und einen Text – »Was getan werden soll« (1975) – von Harun Farocki. Das ist ein Projekt, an dem wir in den letzten Monaten an der dffb gearbeitet haben. Englisch haben wir es für die Konferenzkommunikation in 601 Zeichen so zusammengefasst:

dffb
Building Blocks
With Michael Baute, Vivien Kristin Buchhorn, Julia Katharina Milz and Ewelina Aleksandra Rosinska
The project is based on discussing the methods of Harun Farocki’s documentary (film-)work. The project tries to open a dialogue with »Leben BRD« (How to Live in the FRG), a documentary film by Farocki, shot in 1989. During the summer of 2017 we’ve produced short documentary sketches, cinematographic building blocks, which will update the material from 1989 for the purpose of assemblable and disassemblable long-term observation and analysis of normative practices in our current society. The project forced us consistently to negotiate between our own vision of filmmaking and the legacy of Farocki.

Montag, 25.09.2017

Filmreihe von Hartmut Bitomsky in Hohenschönhausen

„Imaginäre Architektur – Der Baumeister Hans Scharoun“ (1993, 60 min), war zu sehen am 21. September im „studio im Hochhaus“. Der Film ermöglicht ein Kennenlernen der Gebäude von Scharoun, auch der großen und bekannten, wie Philharmonie und Staatsbibliothek in Berlin. Er bewegt sich vor allem im Inneren der Bauten und entdeckt von dort aus ihre Vorder- und ihre Rückseite. Die Außenwelt tritt aus den Gebäuden heraus und der Film greift so eine Behauptung von Scharoun selbst auf, dass das Außen und Innen der Architektur noch nicht in einem echten Verhältnis und Austausch miteinander stehen können. Die Menschen sind dort noch nicht angekommen. Aber es gibt auch eine Unverbindlichkeit in der Begegnung mit den Gebäuden, Gebilden und den Menschen darin, eine Grenze sich dieser „organischen Architektur” von Scharoun wirklich auszusetzen. Der Film war ursprünglich 80 Minuten lang und wurde nach Fertigstellung 1993 ohne Wissen von Bitomsky fast um ein Drittel gekürzt und einmal im Fernsehen gesendet. Die lange Fassung ist nicht erhalten geblieben.

Weitere Filme von Bitomsky im „studio im Hochhaus”:
19. Okt.: „Der VW Komplex“ (1989, 90 min) / 2. Nov.: „Deutschlandbilder” (1983, 60 min) / 16. Nov.: „Reichsautobahn“ (1987, 91 min) / 30. Nov.: „Die UFA“ (1992, 88 min) / 14. Dez.: „B-52“ (1999, 110 min), immer um 19 Uhr.
Die Reihe ist kuratiert von Michel Freerix.
Adresse:
studio im Hochhaus, Zingster Straße 25, 13051 Berlin

– Antonia Weisse –

Sonntag, 24.09.2017

Maria Lang

Der einzige Film von Maria Lang, den ich kenne, ist Familiengruft. Ein Liebesgedicht an meine Mutter von 1981/82, ihr zweiter Film an der dffb. Ute Aurand hatte ihn mitgebracht an die FU, zusammen mit eigenen Filmen und einem 16mm-Projektor.

Zur Vorführung im Rahmen eines Seminars zur Geschichte der dffb kam nur eine Handvoll Studierende.

Jetzt – noch bis heute Abend – zeigt Ute Aurand Filmprogramme im Zeughauskino: Filme von Maria Lang, und solche, die für Maria Lang wichtig waren.

Auch ein Buch hat Ute Aurand zusammengestellt: „Maria Lang. Texte zum Film“. Sie verlegt es selbst, man kann es unter der hier angegebenen Email-Adresse bei ihr bestellen. Jede und jeder sollte das tun.

Über Familiengruft ist dort zu lesen:

„Der Vater schlachtet einen Hasen. Das ist klar und überschaubar. Jeder Schnitt hat eine Funktion und am Ende liegt das Fleisch sauber und ordentlich zerteilt in der großen Schüssel.
Die Mutter macht Hefeteig. Dabei sind mehrere Arbeitsgänge erforderlich, mit langen Pausen dazwischen. Das ist verwirrend und undurchsichtig. Am Ende wird ein Zopf daraus geflochten.

[…]

Ich rede über die Sprachlosigkeit, die Mauern, die Liebe, die Verachtung. Der Film ist ein Dokument meiner Hilflosigkeit. Ich kann darin meine Liebe nur beschreiben, die so nahe bei der Verachtung liegt, und aufhören zu glauben, daß genau das nicht sein darf.“ (aus dffb-Info 227, 1982)

Samstag, 23.09.2017

Klaus Heinrich

Klaus Heinrich wird heute 90 Jahre alt. Als Erinnerung an die Bedeutung seiner Seminare am Religionswissenschaftlichen Institut der FU Berlin hier ein Auszug aus der Diskussion zum Film »Der Tod des Empedokles« von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet.

***

»Klaus Heinrich: Nun können wir beginnen. Der Grund ist, daß wir hier uns diesen Film angesehen haben – einerseits die Anregung eines Teilnehmers, andererseits, daß wir uns mehrfach schon mit den Straub-Filmen beschäftigt haben – und endlich auch dies, daß wir eigentlich jedes Semester einmal auch einen Film oder einen Filmbesuch hier zum Gegenstand machen wollten. Das war früher selbstverständlich, das ist eine Zeitlang dann nicht mehr so selbstverständlich gewesen, paßte nicht mehr so in die departementalisierte Universitätslandschaft hinein. Jetzt ist der Straub-Film, den wir gesehen haben – ich habe mir erzählen lassen, von 2 Stunden und 12 Minuten Länge – ein Gebilde, das uns auf eine ganze Reihe von Diskussionsfragen verlocken wird: einmal steht da das Verhältnis Hölderlin – Empedokles, dann das Verhältnis von uns und den Straubs zu Hölderlins Empedokles zur Debatte. Dann steht natürlich das Problem des Filmemachens und – wie bei den Straubs immer – das Prinzip der Wahrheit, nicht des Scheins im Filmemachen, also wie wende ich mich gegen den Schein, warum wende ich mich gegen den Schein, und dann steht natürlich auch die Frage nach der Übersetzung eines Kunstgebildes in eine andere Kunst hier zur Debatte, dann die Frage innerhalb des Filmes selber, was ist es, ein – na, also wenn ich nun nichts damit zu tun hätte, würde ich fragen, ein Naturfilm, ein Kostümfilm, ein Literaturfilm, ein Theaterfilm und so fort. Ich finde, es wäre eine gute Vorbereitung jetzt auf die Diskussion, wenn jemand von Ihnen, der davon etwas weiß, uns etwas erzählt zur Produktion dieses Films, also wie ist und aus welchem Grunde gerade dieses Gebilde gemacht worden, das fragen wir ja bei anderen Kunstprodukten auch. Kann jemand etwas Näheres dazu sagen, das finde ich wäre ganz schön.

Harun Farocki: Ich will es versuchen. […]«

[Beginn des 48-seitigen Dokuments »Tonbandaufnahme der Diskussion über den Film „Der Tod des Empedokles“ von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub im Religionswissenschaft­lichen Institut der Freien Universität Berlin mit Professor Klaus Heinrich am 6. Juli 1987«, transkribiert von Gabriele Reuleaux und Karl Heinz Wegmann. An der Diskussion nahmen teil: Harun Farocki, Brigitta Lange, Norbert Onken, Konrad Honsel, Dagmar Kamlah, Christiane Bange, Irene Tobben, Thomas Milz, Peter Nau, Karl Heinz Wegmann, Carlos Bustamante, Frank Pilgram, Ulrich Paulun, Reinhard Bernauer.]

Die 180 Minuten lange Tonbandaufnahme der Diskussion ist zurzeit in der Ausstellung Sagen Sie’s den Steinen. Zur Gegenwart des Werks von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub in der Berliner Akademie der Künste zu hören. Herkunft des Transkripts: Salzgeber & Co Medien GmbH. Leihgeber der Tonbandaufnahme: Manfred Bauschulte.

Donnerstag, 07.09.2017

37/100

Die Geschichte vom Filmemacher, dessen Lebensgefährtin, sollte sie ihn überleben, ihm die Worte „Au contraire“ auf den Grabstein schreiben wollte.

Sonntag, 03.09.2017

36/100

Die Geschichte vom französischen Filmkritiker, der die Hauptbefriedigung seines Metiers in der Zwecklosigkeit dieser Tätigkeit sah – Filmkritik, schrieb er 1958, sei ungefähr, wie von einer Brücke herunter ins Wasser zu spucken.

Mittwoch, 23.08.2017

Filme der Fünfziger XXXVI: Heimatlos (1958)

Gegen Ende der 50er Jahre machten Heimatfilme nicht mehr die grossen und sicheren Umsätze. Dabei waren sie in der Produktion immer noch billig; Schauspieler, Regisseure, das gesamte Produktionsteam waren sich klar, dass hier kein großer Kassenschlager, sondern ein Brotfilm gedreht wurde. Und die Außenaufnahmen waren so günstig. Manfred Barthel, lange Jahre bei der Gloria-Film, weiß Bescheid. „Filmleute fielen in einen Ferienort ein, sorgten für Neugier und Unruhe unter den Urlaubern, bestellten beim Fremdenverkehrsverein Volkstänze und Trachtenumzug gegen Freibier und eine Spende in die Vereinskasse, und schon konnte gedreht werden.“
Ein bisschen Zeitgeist aber sollte schon sein; und so heißt dieser Film Heimatlos nach dem großen Erfolgsschlager von Freddie Quinn, den schon alle, alle kannten und von dem in dem Film nun so getan wird als würde er gerade erst aufgenommen.
Barbara Kirchner (Marianne Hold) hat sich mit Franz Leitner (Rudolf Lenz) verlobt, schon gibt es die erste Auseinandersetzung. Barbara möchte ihre Freundin in München besuchen, Franz findet das unpassend und wird eifersüchtig. Sofort lernt Barbara den Hallodri Konrad Fürst (Peter Weck) kennen, der schicke Autos nach Italien verschiebt. Als Barbara nach München fährt, ist ihre Freundin dummerweise verreist. Wo soll sie jetzt unterkommen für die Nacht? Konrad ist zur Stelle, quartiert sie in einer Pension ein und führt sie abends in die „Bar Pigalle“ aus. Als Barbara am nächsten Tag nach Hause kommt, hat Franz schon alles ihrem Vater (Willy Rösner) gepetzt; große Auseinandersetzung, Barbara zieht um nach München und lebt mit Konrad zusammen. Der will kurzzeitig anständig werden, wird aber von der Polizei erschossen. Jetzt muß Barbara arbeiten und findet in der „Bar Pigalle“ einen Job. Dort singt Freddy unter anderem sein Lied:  „Keine Freunde, keine Liebe/ keiner denkt an mich das ganze Jahr/ keine Freunde, keine Liebe/ wie es früher, früher einmal war.“ Bei seinem Vortrag hebt er traurig mal den einen, dann den anderen Arm, dann müde vom Elend beide auf einmal. Ein Showtalent ist er nicht, aber nett. Er besorgt Barbara eine billigere Wohnung; sie bekommt aus ihrer Liaison mit Konrad ein Kind, ein herziges Mädchen. Da kommt der Pfarrer aus dem Heimatort des Weges und entdeckt die vielen unglücklichen Umstände. Aber Barbara ist auch patent und praktisch. Von jetzt auf gleich wird sie Modeschneiderin. Ihr ehemaliger Verlobter, vom Pfarrer eingeweiht, wirbt wieder um sie und bringt dem Kindchen einen Hundewelpen mit. Freddy will dem Kind einen Spielzeughund aus Holz schenken; er hat jetzt einen Plattenvertrag und hält um Barbaras Hand an. So unbeholfen und so nett – Barbara heiratet Franz. Freddy geht ins Aufnahmestudio und singt: „Ruhelos zieh ich von Ort zu Ort, ruhlos wie Wolken im Wind. Überall such ich ein liebes Wort, such ich Menschen, die gut zu mir sind.“ So bleibt Freddys Polydor-Legende als Heimatloser intakt und Marianne Hold kann noch im selben Jahr in Mein Schatz ist aus Tirol und Der Priester und das Mädchen erneut die Liebe finden.

Herbert F. Fredersdorf hat den Film inszeniert; Fredersdorf war ursprünglich Cutter, dann Regieassistent. Als Regisseur ist er mit dem Film „Weit ist der Weg“ (1947/48) über einen Holocaust-

Der oben vollverglaste touropa-Bus

Überlebenden bekannt geworden, kehrte dann zunächst zu seinem Beruf als Cutter zurück und drehte in den 1950er Jahren nur noch Märchen- und Heimatfilme. Ganz außergewöhnlich ist ein Auftritt von Sybille Pagel, der späteren Dany Mann, mit dem Lied „Auf der Gamsbockalm“, in der sich Schuhplattler und Swing vermischen.
Das Land, die gar nicht so intakte Heimat, ist mit Aufnahmen von einem Trachtenumzug, Wiesen, blühenden Bäumen und Bergen präsent. Die Stadt dagegen hat nur die Innenräume der „Bar Pigalle“, die Wohnungen und ganz zum Schluß das Aufnahmestudio Freddys zu bieten. Auch die Freundin, ursprünglich der gute Stadtkamerad, taucht nicht mehr auf. Sie ist ein Totalausfall.

Aufgefallen ist mir ein schicker Touropa-Bus, mit dem Marianne Hold und Peter Weck nach München fahren. Touropa Busse fuhren keine Linienstrecken in der Provinz. Die Produktionsfirma Divina-Film, ein Ableger des Gloria-Verleihs, hatte touropa und die Abendzeitung München als Werbepartner eingekauft. Unter dem Motto „Frühling und Film in Südtirol“ konnten Münchner beim „Amtlichen Bayerischen Reisebüro“ eine Wochenendreise mit touropa nach Bozen und Meran zu den Außenaufnahmen von Heimatlos buchen. Alle Schauspieler mußten bei der Abendveranstaltung mitmachen; Freddy sang seine traurigen Lieder, Sybille Pagel ihre Schlager, bei einem Quiz konnte man Probeaufnahmen gewinnen und am Sonntag als Komparsen bei den Dreharbeiten mitmachen. Der Programmpunkt ging allerdings schief, am Sonntag regnete es Bindfäden. Macht nichts, die Kosten konnten sowieso als Werbung abgesetzt werden. So kam der touropa-Bus in den Film. Der ist wirklich sehenswert.

DVD bei filmjuwelen

Präzisierungen zu filmportal:
Kameraführung : Günther Grimm
Mit Willy Rösner (Vater Kirchner), Monika John (Frau Huber), Michael Burk (Wiggerl), Nora Minor (Crescentia), Marion Fuchs (Dienstmädchen), Cheryl Benard (Das Kind), Lotar Olias

Samstag, 05.08.2017

Filme der Fünfziger XXXV: Waldwinter (1956)

Über 90 Filme hat Wolfgang Liebeneiner seit 1937 inszeniert. An vielen hat er als Drehbuchautor mitgewirkt, in einigen seiner Regiefilme ist er auch als Schauspieler aufgetreten; von 1931 bis 1937 war er im Film nur als Schauspieler präsent. Man könnte einen Autorenfilmer vermuten, aber kann ein Multi-Funktionär ein Autorenfilmer sein? Liebeneiner war im „Dritten Reich“ im Aufsichtsrat der Terra, Leiter der künstlerischen Fakultät der Filmakademie Babelsberg, Leiter der Fachschaft Film der Reichsfilmkammer und … und … und Produktionschef der Ufa, sogar Professor von Goebbels Gnaden. Man sieht seinen Filmen den Kenner und Könner an und man kann neben den bekannten Propagandaschoten „Bismarck“ (1940), „Ich klage an“ (1941) und „Die Entlassung“ (1942) durchaus Filme entdecken, die viel vom Alltag im „Dritten Reich“ vermitteln. Liebeneiner war ein Alleskönner: Realist, Melodramatiker, Gesellschaftskritiker, Komödiant, was auch immer. Nur politisch war er nach eigener Aussage nie. Ein Konformist, ein Opportunist, gar Parteigänger jeglicher Partei? Vielleicht eher ein Chamäleon – stets in der ersten Reihe und doch nie erkennbar.

Nun also „Waldwinter“ aus dem Jahr 1956, Liebeneiners dritter Heimatfilm nach „… und ewig bleibt die Liebe“ und der schaurigen „Schönen Müllerin“, beide 1954. Liebeneiner hat dem Film in etwas holpriger Diktion einige grundsätzliche Überlegungen beigegeben. „Wenn man dem ‚Heimatfilm’ das Unechte und Kitschige nimmt, wenn man ihn ohne Sentimentalität und ohne heuchlerische Spekulation auf intimste Erinnerungswerte herstellt, dann tritt eines der wesentlichsten und wichtigsten Probleme unseres Daseins hervor: die Frage nach dem Wesen und dem Wert der Heimat, die uns alle angeht. … Hier ist eine Fülle von Konflikten möglich, die Fragen unserer Zeit anschneiden und die die Antwort nicht aufdrängen, sondern es dem Zuschauer überlassen, aus dem Geschehen seine Schlüsse zu ziehen und sich mit der Liebe und dem Hass, mit den Leiden und Freuden der Mitmenschen auf der Leinwand zu identifizieren. Darum ist ein echter ‚Heimatfilm’ aktuell und spannend und ein wahres Kind unserer Zeit.“

Schlesien, tief eingeschneite Felder, ein Rehkitz und dazu das schlesische Volkslied „In dem Schneegebirge“ mit den Zeilen „Ade, mein Schatz, ich scheide. Ade, mein Schätzelein! Wann kommst du denn doch wieder, Herzallerliebste mein?“ Baron Malte (Rudolf Forster) ist mit dem Dorf zu Weihnachten in der Dorfkirche. In einem Kübelwagen kommt Enkel Martin (Claus Holm) gefahren und warnt den Baron, dass das Dorf in wenigen Tagen vom Krieg überrannt wird. Gut, dass es noch das Jagdschloss im Bayerischen Wald gibt. Hast Du nicht gesehen, sind wir mit allen Dorfbewohnern rund 10 Jahre später im Bayerischen Wald.

Dort will der Baron eine Glashütte aufbauen, aber sein Gut ist verschuldet und sein Wald zu einem beträchtlichen Teil schon abgeholzt. Der Verwalter Stengle (Willy A. Kleinau) drängt darauf, das Jagdschloss an einen Hotelier zu verkaufen. Aber Onkel Malte will „seine Schlesier“ nicht im Stich lassen. „Ich habe die Leute herausgebracht, ich muss dafür sorgen, dass sie zurecht kommen.“

Martin (Claus Holm), Marianne (Sabine Bethmann) und Hansi, Hansili und Hansilein

Enkel Martin ist Geschäftsmann, gerade in Paris im Modesalon seiner Geliebten Simone (Erica Beer). Eigentlich will er mit Simone nach Ägypten und wird jetzt von „grand-maman und grand-pere“ nach Falkenberg gerufen. Martin hat eine einfache Lösung für die finanziellen Probleme; die Großeltern sollen das Gut verkaufen, sich eine nette Drei-Zimmer-Wohnung mieten und ins Theater und in Konzerte gehen. Da bekommt er es aber mit Marianne (Sabine Bethmann in dezenten Blau- und Pastelltönen mit Halsschleifchen) zu tun, der angenommenen Tochter des Barons. Sie spricht von Pflicht und Verantwortung und der Heimat, die sie sich aufgebaut haben; er nennt sie Kindchen und Kleines. Ach, seufzt die Frau Baronin, wie soll Martin sein Leben durchstehen ohne Familie, ohne Heimat. Er weiß doch gar nicht, was das ist. Da läutet die Kirchenglocke; Marianne führt Martin durch den Schnee ins Dorf, wo die Kinder Schlitten fahren und unter „O Tannenbaum“ Gesang Krippenfiguren anmalen. Marianne zeigt Martin auch den Weg in den tiefverschneiten Wald, wo das Rehkitz aus dem Vorspann wohnt. Ist es womöglich auch aus Schlesien geflohen? Marianne ruft es „Hansi“, Hansili“ und „Hansilein“ und Martin wird’s ganz wunderlich im Gemüt, wie er Marianne und Hansilein engumschlungen sieht.

Die todschicke Rivalin Simone (Erica Beer) verzichtet auf Martin

Der Verwalter Stengle ist ein Gauner; er hat dem Baron Geld gestohlen – deswegen die finanziellen Nöte – und steht unter dem Pantoffel seiner modebewußten, ehrgeizigen Frau (Ilse Steppat). Als Martin das herausbekommt, will Stengle ihn erschießen. Aber Martin wird nur verletzt, Stengle gefasst und jetzt werden Martin und Marianne das Gut samt Glashütte, Verantwortung und Heimatpflege übernehmen. Der Förster (Gerd Fröbe als Rübezahl-Figur) hat es schon vorher gewußt. „Nu bleibts beim Alten“.

„Der Baron“, so heißt es einmal, „will sich nicht an die neuen Zeiten gewöhnen.“ Die Paarungen der neuen Zeit sind Geschäft ohne soziale Verantwortung und Kriminalität, die große ferne Stadt und französische Mode, kommunistische Parolen und irre Blicke (Klaus Kinski an der Zither!). Die Integration der vertriebenen Schlesier dagegen ist nur eine Arabeske. Es geht um Martin, einen „der vielen, die ihre Heimat verloren haben oder sie nicht finden können.“ An ihm liegt es, ob die Gegenwart die idyllische Variante der Vergangenheit werden kann. Komm zurück, Martin! Und Martin antwortet im Ton eines abgelaufenen Kalenderblatts „Das ist ja großartig“.

Nicht auf DVD. YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=arFpNhG5Qwc

Ergänzungen zu Filmportal:
Kassiererin: Elsa Cialowicz; Produktionsseketärin: Herta Hirsch; Ateliersekretärin: Irmgard Brahmann; Presse- und Porträtfotograf: Roman Stempka (Cinepress); Presse: Peter Kühn, Hans J. Wiechers (Cinepress)
Dreharbeiten: 19. 12. 1955 – 13.1. 1956 in den Ateliers Tempelhof; Aussenaufnahmen bis 4. 3. 1956 in Viechtach/Bayerischer Wald

 

Samstag, 15.07.2017

Kinohinweis

Kommenden Dienstag, 18.7.2017 im Sputnik:

Rainer Komers Werkschau

Gezeigt wird die VIER ELEMENTE Tetralogie mit den Teilen KOBE (2006, 45‘), MA‘RIB (2008, 30‘), MILLTOWN, MONTANA (2009, 34‘) und RUHR RECORD (2014, 45‘). Vorfilm: 25572 BÜTTEL (2012, 5‘).

Gesamtdauer: 160 Min., no dialogue. Mit Filmgespräch; Rainer Komers ist anwesend. Präsentiert vom Filmclub Berlin.

Mehr Informationen hier.

Beginn: 20.00 Uhr.

Samstag, 08.07.2017

Werner Hamacher (1948-2017)

[Werner Hamacher als – wenn man das so sagen kann – Delamarche in Hanns Zischlers »AMERIKA« VOR AUGEN ODER KAFKA IN 43 MIN. 30 SEC. Gefilmt von Ingo Kratisch 1978, im Jahr der Publikation von „pleroma – zum Begriff der Lektüre bei Hegel. Genesis und Metaphorik einer dialektischen Hermeneutik“ in einer Produktion für die Redaktion Literatur und Sprache des WDR.]

***

Der erste Text, den ich von Werner Hamacher las, hatte da, wo die anderen Beiträge des Bandes ihre Titel vermerkten, drei Sterne. Gegen Ende dieses Texts heißt es in einer Parenthese „– wo der feste Grund der Erkenntnis fehlt, verwandeln sich alle hermeneutischen Fragen in solche der Ethik –“.

In einem der letzten Texte, die ich von ihm las, steht: „Geschichte ist in allen ihren Elementen eine zu widerspenstige Sache, als daß man sie wegerzählen oder zu Zwecken der Werbung oder der Warnung zurechtstutzen könnte.“


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