April 2019

Donnerstag, 11.04.2019

Auge und Umkreis (IV)


Tell it to the Marines (1928 George Hill)

Er (Lon Chaney), der einsam bleibt.


Ludwig II (1954 Helmut Käutner)

Das Geborgensein in der Katastrophe (Jules Verne), die Wucherung des Vorstellungslebens (Ernst Mach) und die Schrumpfung des Ichs… Tropfen, Tränen, Kugeln, Attentate und Doppelgänger… all das gesehen durch runde Rahmen. Ich hatte mir ein wenig zu viel vorgenommen. Na und!


Doppelgänger / Journey to the Far Side of the Sun (1969 Robert Parrish)

Zu Beginn von Creed II (2018 Steven Caple Jr.) geht es um einen Heiratsantrag, den der Titelheld macht, während seine Liebste vor einem rundem Badezimmerspiegel steht und seinen Antrag überhaupt nicht hört. Nicht mit dem Kopf, sondern aus dem Herzen zu sprechen, war zuvor der Rat gewesen. Wie sich im weiteren Verlauf dieses schönen Boxerfilms zeigt, ist nicht der Kopf das Verletzbare, sondern die Rippen, der Brustkorb, der Stolz, das Herz. Der Kopf hält alles aus.

Um was geht es seit mindestens zweitausend Jahren? Um Auferstehung.


The Creeping Flesh (1973 Freddie Francis)

Auf der Suche nach einem Mittel gegen das Böse beobachtet ein Forscher (Peter Cushing), wie an prähistorischen Knochen lebendiges Fleisch wächst. Aus dem Blut des Urzeitmenschen gewinnt er ein Serum, mit dem er seine Tochter impft, damit sie nicht wird wie ihre Mutter.

Das Leben, das sich unablässig wiederholt, um im Sturz seinen Ursprung zu begreifen. Das wäre (in Anlehnung an Pierre Klossowski) die knappe Formel des „Transcendental Style in Film“.


Ordet (1955 Carl Theodor Dreyer)

Nachdem mir Paul Schraders First Reformed so ans Herz gegangen war, wollte ich Dreyers Ordet wiedersehen.
Alle in meiner Erinnerung aufbewahrten Wirkungen und Wunder traten wieder ein, und ich kochte mir auch, wie die Leute in dem Film, noch tief in der Nacht einen Kaffee.

In Sheridan Le Fanus Gruselgeschichte “Grüner Tee” (1869) ist die Rede von einem hauchdünnnen Gewebe, “welches uns erst in den Stand setzt, das Außen von dem Inneren zu scheiden.”

”Der Sitz, oder besser das Instrument der äußeren Wahrnehmung ist das Auge, Sitz der Inneren Wahrnehmung hingegen ist das Nervengewebe und Hinrnzentrum unmittelbar hinter und über den Augenbrauen. Ihr erinnert Euch ja, wie wirksam ich Eure Erscheinungen durch die simple Application von eiskaltem Eau de Cologne zerstreut habe.”


Doppelgänger / Journey to the Far Side of the Sun (1969 Robert Parrish)

Seitenverkehrt ist jedes Spiegelbild, aber auch dieses spezielle Kölnischwasseretikett in Robert Parrishs Film. Denn auf dem Planeten am anderen Ende des Sonnensystems ist alles (genau wie auf der Erde, nur…) seitenverkehrt.

Verkehrt ist allerdings auch der Trailer zum Film, da wo im Kopierwerk gedacht wurde, das nicht-verkehrte Spiegelbild sei ein Fehler, den man korrigieren müsse.


The Owl Service (1969 Peter Plummer)

“Die zahlreichen Jungen Mädchen mit Spiegel, die begierig eine noch unbestimmte Identität zu betrachten versuchen“ – Sarah Kofman sah in den Bildern von Balthus eine „Pause“, einen „Aufschub, der nicht andauern kann, und der Stillstand der Zeit verrät doch das unmittelbare Bevorstehen einer Krise und eines Erwachens.“

“She wants to be flowers but you make her owls. You must not complain then if she goes hunting.” (Alan Garner: „The Owl Service“)


The Mask (1994 Charles Russell)

„What is the dirt that the pearl is build around? The pearl is the personality that you built around yourself as a protection against that thought: if they ever find out that I’m worthless, if they’ll ever find out that I‘m not enough, I’ll be destroyed.“ Jim Carrey in Jim & Andy (2017 Chris Smith)


The Late Show (1977 Robert Benton)

1929 schrieb Marjorie Hope Nicolson in ihrem Essay „The Professor and the Detective“, der als „eskapistisch“ denunzierte Detektivroman sei keineswegs Flucht vor dem Leben, sondern allenfalls Flucht vor der Monotonie der literarischen Selbstbetrachtung. Der Detektivroman antworte auf die Formlosigkeit der Moderne mit der Rettung der Kausalität.


De komst van Joachim Stiller (1976 Harry Kümel)

„Oft ist Freundschaft nichts anderes. Man liebt sich selbst verklärt in einem anderen. So lieben alle Menschen Jesus Christus.
Um wieviel friedvoller ist es aber, verklärt in einem anderen sich zu finden, als das erhöhte Dasein seiner selbst vergebens in sich selbst zu suchen.“
(Peter Altenberg: Paulina, Ashantee, 1897)


One Hundred Men and a Girl (1937 Henry Koster)

Das ist ein Spiegel sondergleichen. Trotzdem bleibt er recht unbenutzt. Wozu auch soll er von Nutzen sein in diesem dionysisch frohen Film. Zu welchem Zwecke sollten Spiegel dienen in Henry Kosters Kosmos.


Johnny Doesn’t Live Here Anymore (1944 Joe May)

„And this film is sexy. If you don’t see it you’re blind.“ (Raquel Stecher)


The Effect of Gamma Rays on Man-in-the-Moon Marigolds (1972 Paul Newman)

Der Effekt der Mutter (Joanne Woodward) auf ihre Kinder. Im mittleren Bereich der gemessenen Strahlung treten Mutationen auf – – – schöne Mutationen, sagt die Tochter und meint ihr Ringelblumen-Experiment.
Es mögen in uns Atome sein, die vom anderen Ende des Sonnensystems stammen.


The Gorgon (1964 Terence Fisher)

Rund ist der Spiegel, durch den das Haupt der Medusa anzuschauen ist.

Von Freud lernen wir, dass “im Mythos das Genitale der Mutter gemeint ist. Athene, die das Medusenhaupt an ihrem Panzer trägt, wird eben dadurch das unnahbare Weib, dessen Anblick jeden Gedanken an sexuelle Annäherung erstickt.”


Das Auge der Polizei, 1908

Rund ist die Johannisschüssel mit dem Kopf des Täufers.


Whistle And I’ll Come To You (1968 Jonathan Miller)

Die Leere. Das Meer. Und das fremde Zimmer.
Es steht darin ein zweites Bett. Das ist zuviel.
Der Reisende findet am Strand eine uralte Flöte.
Innigste Vertrautheit von Horror und Humor.


Dr Jekyll & Sister Hyde (1971 Roy Ward Baker)

Ein Mann mordet für die Wissenschaft, er tötet Frauen, und verwandelt sich im Selbstversuch zeitweise in eine Schönheit. Sie (Martine Beswick) ist mit sich zufrieden.


Roberte (1979 Pierre Zucca)

Pierre Zucca war Standfotograf bei Chabrol, Rivette und Truffaut, auch am Set von Hitchcocks Topaz und Franjus Judex.
„Als Antwort auf die Frage ‚Warum filmen Sie?’, gelange ich zu dieser Absurdität: ich filme, um das zu sehen, was ich, wenn ich nicht filmen würde, nicht sehen könnte.“


Psyche 59 (1964 Alexander Singer)

Liebe hat die Frau (Partricia Neal) blind gemacht – psychosomatisch. Die Einsicht in die traumatischen Gründe für ihr Erblinden macht sie wieder sehend. Aber der Mann (Curd Jürgens) will ihr Sehenkönnen nicht sehen können.


McQ (1974 John Sturges)

Es ist Nacht. Es hat an der Tür geklingelt. Die Frau betrachtet sich im Rundspiegel und betastet ihre Frisur, bevor sie dem Mörder die Tür öffnet.


No Man‘s Woman (1955 Franklin Adreon)

Die egoistische Frau, beliebte Anti-Heldin der 50er.

Auch sie (Marie Windsor) schaut in den Spiegel bevor sie ihrem Mörder die Tür aufmacht.


Mann im Schatten (1961 Arthur Maria Rabenalt)

Eine schöne Variante: Die Geschäftsfrau holt aus dem Tresor, hinter dem Rundbild, Geld hervor, bevor sie ihrem Mörder die Tür aufmacht.
Eine originelle Einzelheit in diesem Krimi voll origineller Einzelheiten: Sie (Ellen Schwiers) balanciert, um beide Hände frei zu haben, das Bild auf ihrem Kopf.


Amazon Women on the Moon (1987 Carl Gottlieb)

Er (Ed Begley Jr.) ist der Sohn des Unsichtbaren. Den Spiegel, der in seinem Labor an der Wand hängt, benutzt er nicht. Denn sonst würde er sich nicht im Besitz der Erfindung seines Vaters wähnen und würde nicht nackt, im Glauben er sei unsichtbar, in den Pub gehen, um dort ein ums andere Mal die Gäste beim Dartspiel zu stören.

„Der zwischen jenen drei Bildern sich hindurch laviert: dem Bild, das man sich von ihm macht, demjenigen, das er sich selbst von sich macht, und dem, welches er im Spiegel zu lesen glaubt …
Der zu gut weiß, dass „ich“ kein Anderer ist.“
(Michel Leiris: „Das Band am Hals der Olympia“)


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