Einträge von Johannes Beringer

Samstag, 17.10.2015

Liebe – Erinnerung – Stammheim

Aus Karsten Heins Fotoroman „Das vierte Album“ wird ein Kinoereignis: Lesung, Filmmusik und Leinwand-Projektion.

Kino fsk, Oranienplatz, Berlin, Montag, 19. Oktober 2015, 20 Uhr, mit Diskussion.

Montag, 21.09.2015

Hamburger Filmmacher Cooperative (1968 – 1972)

Im Kino im Sprengel in Hannnover läuft, zusammengestellt von Peter Hoffmann, vom 25. September bis 5. Dezember 2015 ein umfangreiches und gut dokumentiertes Programm zur Hamburger Cooperative. Also Filme, die auf den Hamburger Filmschauen liefen und die größtenteils über die Cooperative verliehen wurden: Filme der Hamburger Filmschauen 1968 und 1969, und als letzter Programmblock die Hamburger der Filmschauen ’70 und ’71. Dazwischen bezieht die Retrospektive auch das Vorfeld und das ausgedehnte Umfeld des in der Hamburger Coop repräsentierten ‚Anderen Kinos’ mit ein. (Klaus Wyborny / Die Cinegrafik Produktion – Helmut Herbst, Franz Winzentsen u.a. / Der radikale Underground – Wien, Zürich, Köln / Hellmuth Costard / Politische Filme der Filmmacher Coop / Filme vom Dörnberg und vom Kasseler Filmkollektiv / Filme von Werner Nekes und Dore O. / Filme von Lutz Mommartz und Bernd Upnmoor.)
Vieles ist unbekannt oder so gut wie (oder kennt jemand die ‚politische Filmarbeit’ am ‚Jugendhof Dörnberg’?), anderes kann wiederentdeckt werden, und mein Lieblingsfilm Na und? (1967) von Marquart Bohm und Helmut Herbst ist auch dabei.

Dienstag, 15.09.2015

Cinéma Cinémas

Zehn Jahre gab es dieses Kino-Magazin auf Antenne 2 (1982-1992) – es war auch hier, über Kabel auf TV5 (glaube ich) zu sehen. (Ich habe ab 1986 ein bisschen geguckt und war immer wieder mal ganz entzückt.)
Claude Ventura: „Wir wollten in das Magazin unsere Emotionen und Träume vom Kino reinpacken, fernab jeder Idee von Promotion. Es gab für uns keine didaktischen Absichten, kein Nachrichten-Erfordernis, keinen Aktualitäts-Imperativ, wir folgten dem Schlag unserer Herzen …“
Michel Boujut: „ … Entscheidend für unseren Zugang war dieser Hang zur Fiktion, denn der bestimmte alles Übrige und stellte unsere Identität her. Das gab den Anreiz, den richtigen Blickwinkel zu finden, eine Ambiance herzustellen, Situationen zu erfinden. Eine Suite in einem Hotelpalast, ein Bahnhofquai, ein Swimming Pool, ein fahrendes Auto, ein Waschsalon oder eine nächtliche Bar – die Klischees schüchterten uns nicht ein, solange sie die Farben des Traums hatten und unserer Vorstellungswelt entsprachen.
Cinéma Cinémas bestand aus Resonanzen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, zwischen dem Hier und dem Anderswo, vor allem aber dem Echo zwischen den beiden Küsten des Atlantiks. Es galt, ein Gleichgewicht zu finden zwischen rohem Dokument und besonderem Portrait, Begegnung und Chronik, Interview und essayistischem Fragment. Unsere Ermittlungen und Nachforschungen führten uns unweigerlich auf die Spur der geliebten Phantome von gestern (Louise Brooks, Gene Tierney, Faulkner, Goodis, Capra, Ford, Hitchcock, Welles, Cassavetes und anderen), aber auch der Cineasten, Szenaristen und Schauspieler von heute, den kleinen und den grossen, denjenigen, die man vergisst, und denjenigen, die man beweihräuchert.“

Neben dem Kernteam Anne Andreu, Michel Boujut (die markante Kommentar-Stimme der Beiträge), Claude Ventura gab es auch den in Kalifornien stationierten Philippe Garnier und verschiedene weitere Mitarbeiter (André S. Labarthe, Guy Girard, Christian Meunier, Alain Nahum u.a.m.). Nicht zuletzt die Mitarbeit der Regisseure selber, die ‚screen tests’ mit Schauspielern beisteuerten, einen ‚Filmbrief’ / ‚Lettre d’un cinéaste’ inszenierten (Luc Moullet, Alain Cavalier etwa) oder, wie Godard, dem Team die Türöffner-Szene mit Eddie Constantine / Lemmy Caution aus Alphaville als ‚jingle’ überliessen.
(Ich habe zitiert und übersetzt aus dem Booklet zu „La Collection Cinéma Cinémas“, INA 2008 – eine Auswahl von 12 Episoden von je einer Stunde auf vier DVDs.)

Mittwoch, 01.07.2015

Michael Pehlke in der ‚Filmkritik’

In der alten ‚Filmkritik’ (auf die sich die ‚newfilmkritik’ doch beruft) gibt es auch Texte, unter denen (oder über denen) weniger bekannte oder ganz unbekannte Namen stehen – also vergessene Namen, vergessene Texte.
Der Name Michael Pehlke (der als Dramaturg an verschiedenen grossen Theatern arbeitete und auch Regie führte) gehört in diesen Zusammenhang: grossartige Texte von einem, der kein Filmkritiker war – aber etwas vom Inszenieren verstand und immer ein gutes Stück Zeitdiagnostik ablieferte. Die bewährte sich vor allem bei seinen zwei langen Texten über die ‚Berlinale 1983. Atemnot. Deutsche Schauspieler’ und den ‚Notizen zu einigen Besonderheiten der Berlinale 1984’. (‚Filmkritik’ 5/1983 und 3-4/1984.) ‚Wäre tun so leicht als wissen, was zu tun ist …’ (‚Filmkritik’ 10/1983) geht über den Marcel Opuls Film Le Chagrin et la Pitié. Einiges in der Kolumne ‚Im Kino’: The Blade-Runner von Ridley Scott, Wolfen von Michael Wadleigh, Domino von Thomas Brasch, The Riffs von Enzo G. Castellari. Ein besonderes Vergnügen scheint für ihn gewesen zu sein, Die wilden Fünfziger seines Theaterkollegen Peter Zadek auseinanderzunehmen (‚Filmkritik’ 11/1983).
Mitarbeit auch bei Filmen von Günter Peter Straschek und Harun Farocki (Wie man sieht, 1986).
Michael Pehlke (7. März 1943 – 17. Mai 2015) ist letzten Freitag auf dem Friedhof Heerstrasse in Berlin-Westend die letzte Ehre erwiesen worden.

Samstag, 20.06.2015

Die ‚Rencontres Internationales’, dieses Jahr vom 23. – 28. Juni im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, zeigen als ‚special screenings’ die neuen Filme von Jean-Marie Straub, Kommunisten (Mittwoch, 24.6., 19 Uhr), und von Claire Denis, Voilà l’enchaînement (Donnerstag, 25.6., 20 Uhr). Der Eintritt ist frei.
Das Interview mit Straub aus ‚Les Inrockuptibles’ (11.3.2015) ist in deutscher Übersetzung hier zu finden.
Im Juni 2015-Heft von ‚konkret’ ist gerade eine ausführliche Würdigung des Straub-Films von Stefan Ripplinger erschienen.

Donnerstag, 30.04.2015

Les Disques de Rivka

Nebenwege, die zu einem Hauptweg führen.
Das Projekt Racines von Richard Copans – Gründer von „Les Films d’ici“ in Paris, Kameramann, Realisator, Produzent (Robert Kramer, Luc Moullet, Richard Dindo, Stan Neumann u.a.m.) – erforschte die eigenen Herkünfte und brachte neben dem Film gleichen Titels (2002, 95 Minuten) auch zwei ‚Nebenprodukte’ hervor: Vilnius (2000, 43 Minuten) und Les Disques de Rivka (2005, 45 Minuten).

Insbesondere letzterer ist in meinen Augen einmalig: Copans, der seine Recherche auf Litauen ausdehnte (sein Grossvater väterlicherseits hatte, bevor er Ende des 19. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten auswanderte, Wurzeln in Vilnius, dt. Wilna), interessierte sich für die Schallplattensammlung mit jiddischem Gesang und Synagogen-Musik von Rivka, die ihm gegenüber jedoch misstrauisch und ablehnend blieb. Zwei Jahre später fuhr er erneut nach Vilnius und konnte die sehr alte und schwache Rivka auch filmen und 2004 (nach ihrem Tod) nochmal ergänzendes Material und Informationen durch den Bericht ihres Neffen Boris sammeln. Das Zeugnis von Rivka, die das Massaker an den Juden in Litauen in einem Waldversteck überlebt hatte, besteht nicht nur in dem, was sie sagt, sondern vor allem in dem, was sie gesammelt und festgehalten hat: neben den Schallplatten (die einem Nachbarn gehörten und die sie nach dem Krieg beim Sohn des Bürgermeisters fand) Portraitfotos der jüdischen Bevölkerung von Butrimonys (ihrem Heimatdorf) – ihre eigenen, schriftlichen Aufzeichnungen über die Gräueltaten, begangen von litauischen Nachbarn, mit denen man vorher friedlich zusammengelebt hatte. Besonders diese Aufzeichnungen mit Namensnennungen, immer unmittelbar nach den Ereignissen festgehalten, waren natürlich brisant – und hätten sie auch nach dem Krieg noch jederzeit das Leben kosten können. (Die Kollaborateure und Mörder lebten ja schliesslich in derselben Umgebung.) Die Kennzeichnung der Stelle unter den lichten Bäumen, wo sich die Grube mit den 970 getöteten Juden (Männer, Frauen, Kinder) von Butrimonys befindet, und die Erinnerungstafel gehen auf ihre akribischen Aufzeichnungen zurück.

Copans (dessen mütterliche Seite der Familie französisch-katholisch ist) war natürlich klar, dass er bei seiner Recherche in Litauen auf die Shoah treffen würde. Er war dann aber doch geschockt, als er seinen Familiennamen auf den 1942 von den Nazis erstellten Listen der Ghettobewohner von Vilnius fand. Unbekannte Cousins und Verwandte waren bei der Auflösung des Ghettos auf Nimmerwiedersehen verschwunden.
Copans schreibt: „Ich wollte einen kurzen, ganz einfachen Film mit Rivka machen, um ihre Geschichte zu erzählen. Ich wusste nicht, dass ich Bauern treffen würde, die sie 1941 vielleicht denunziert, und andere, die sie während langen litauischen Wintern versteckt hatten. Ich wusste nicht, dass ihre Geschichte mich bis nach Washington führen würde, wo die 350 Fotos ihrer Vorkriegs-Nachbarn heute konserviert werden.
Ich hatte nicht geahnt, in welchem Mass ihre Lebensgeschichte mit der Arbeit des Erinnerns verbunden war. Wenige waren es, die ab 1946 die Lebensspuren der durch die Shoah vernichteten jüdischen Gemeinden sammeln und bewahren wollten.“

Montag, 02.03.2015

Karsten Hein, Das vierte Album (2014)

Zur Happy Hour in die Melancholie

Dieses Buch, auf den ersten Blick eher unscheinbar (wenn auch schwergewichtig), entwickelt einen starken Sog nach vorne hin, ans Ende des Buches – und damit auch nach hinten, in die Vergangenheit: erst einmal auf die unmittelbar vergangene (um 2005 herum, als der Hauptteil der Fotos gemacht wurde), dann auf eine zeitlich weiter abliegende (bezeichnet durch das Datum der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 in Stammheim). Ich habe zuerst an La jetée von Chris Marker gedacht und an Vertigo, dann auch an En la ciudad de Sylvia von José Luis Guerín, aber „Das vierte Album“ ist ja ein ‚Fotoroman’, ein Buch mit Bildern und Texten.
Und die Ausgangslage ist nicht fiktiv, sondern real: Kazimierz Henrykowski, genannt Kazik, Fotograf und Bildreporter in Berlin (Büronachbar von Karsten Hein), hat 2005, unmittelbar nachdem er mit einem Flug aus Warschau in Tegel angekommen war, eine junge Frau fotografiert, an der Wand des Frauengefängnisses Plötzensee entlanggehend, die ihn nicht mehr losgelassen hat. Er folgt ihr also (Pergamonaltar, Flughafen Tempelhof) und verliert sie – sieht sie später zufällig wieder, als er in einem Café Unter den Linden sitzt (ein Zufall, der ihn stark beschäftigt in seinen Notizen). Er folgt ihr erneut, mit grösserer Notwendigkeit (Hauptgebäude der FU in Dahlem, Schliessfach voll mit ihrem Gepäck) und wird von ihr entdeckt, als sie vor einem Schaukasten steht und selbst fotografiert. Sie ist keinewswegs empört, spricht Kazik vielmehr als Fotograf (mit Presseausweis) an und bittet ihn, sie zu begleiten in den folgenden Tagen.
Ein kleines Archiv in Berlin hat Karsten Hein ausgemacht (nach Fotos), das die beiden dann besucht haben: der freundliche Archivar, „spezialisiert auf die Geschichte der linken Gruppen in der alten Bundesrepublik“, ist ein „Hüter der Erinnerungen an eine Zukunft, die es nicht gab“. Das Mädchen, stellt sich heraus, ist auf der Spur ihrer vermissten Schwester, Mitglied einer „Knastgruppe“, bestehend aus vier oder fünf ganz jungen Leuten, die kurz vor oder nach dem Mauerfall in Berlin und auch in dem Archiv waren. Weitere Stationen sind das Naturkundemuseum, ein Besuch bei Ewa, einer Freundin von Kazik, Studium eines Buches von Frances A. Yates über „Gedächtnis und Erinnern“ (zuerst London 1966) – ein ganzer (übersetzter) Exkurs von Kazik ist hier eingeschaltet über die Ars Memoriae, die Mnemonik / Memotechnik in der Antike. Die Aufnahmen von dem Mädchen werden zunehmend intimer, Kazik scheint sich in sie verliebt zu haben … „Fotos als gefrorene Erinnerungen“: Kerstin oder Kirsten, wie das Mädchen vielleicht heisst, ist wieder aus seinem Leben verschwunden.

Kazik ist zwei Jahre später (November 2007) an den Folgen eines Autounfalls gestorben: davor hatte er sich obsessiv mit den gesammelten Bildern befasst, sie „wie in einem Album“ zusammengestellt, die drei erstellten Versionen wieder verworfen – sich in seiner Bilderwelt verloren. Daher der Titel „Das vierte Album“: Karsten Hein ist von Ewa gebeten worden, sich der Sache anzunehmen (leichter gesagt als getan) und diese Herzensangelegenheit Kaziks abzuschliessen und herauszugeben.
Es gab in diesem Nachlass auch rätselhafte Bilder, nicht leicht zuzuordnen – nicht zuzustellen durch das Gewicht der Worte. „Fotografien haben der Gravitation von Worten wenig entgegenzusetzen, wie ich von Kazik gelernt habe. Auch unscheinbare Worte besitzen die Kraft, ein Bild in ihre Richtung zu lenken. Andererseits, wenn man über ein Foto, dessen Darstellung und Entstehung völlig offen sind, nachzudenken beginnt, öffnet sich einem der Boden unter den Füssen.“ (S. 86)
„Die Frau sei wie elektrisiert gewesen“, berichtet der Archivar, „als sie einen Grundriss des siebten Stocks des Gefängnisses von Stammheim entdeckte, in dem die RAF-Gefangenen 1977 untergebracht gewesen waren. Sie kannte die Zeichnung offenbar durch ihre Schwester.“ (S. 96) Der Archivar berichtet dann noch, die Schwester habe „die etwas befremdliche Fähigkeit“ besessen, „den Bericht, den Irmgard Möller, die einzige Überlebende der ‚Nacht von Stammheim’, darüber angefertigt hatte, wörtlich hersagen zu können; ebenso die ominösen ‚13 Widersprüche’ der staatlichen Ermittlungsstellen über den Tathergang jener Nacht.“ (S. 100)
Die Beschäftigung mit der „Nacht von Stammheim“ habe Kazik nicht mehr losgelassen, schreibt Karsten Hein; er sei es ja auch aus seiner Heimat gewohnt gewesen, offiziellen Versionen nicht zu glauben.
„Da sass er nun, dieser arme Pole, ohne recht zu wissen, wie er überhaupt dazu gekommen war, mit dieser bösen Hinterlassenschaft unserer westdeutschen Geschichte und zerbrach sich den Kopf über eine Frage, die die Deutschen selbst und selbst die Linke schon längst nicht mehr interessierte.
Er verstand nicht die Tragödie des Deutschen Herbstes, die Gnadenlosigkeit dieser Auseinandersetzung mitten im Frieden, in diesem reichen Land. Aber er nahm es als ‚deutsch’ hin.“ (S. 220)
Hat sich mit und in diesen Ereignissen, insbesondere der Nacht von Stammheim, die Neue Bundesrepublik konstituiert? Was ist aus der „Knastgruppe“ geworden (deren Mitglieder noch Kinder waren 1977)? Was ist mit der vermissten Schwester passiert?

Karsten Hein, „Das vierte Album“. Fotoroman mit Bildern von Kazimierz Henrykowski und einem Text von Karl-Heinz Dellwo. A-3970 Weitra (Verlag der Bibliothek der Provinz) 2014, 238 Seiten, 20 x 28 cm, Hardcover.

Dienstag, 17.02.2015

The Shepherd of the Hills (USA 1941, Henry Hathaway, 97 Min.)

In der Reihe ‚Glorious Technicolor’ der Berlinale dieser wunderbare Film: dem kommt man vielleicht ein bisschen näher, wenn man auf den Produktionswert des Sujets achtet – ein Roman von Harold Bell Wright von 1907. (Das Sujet ist, wie Jan-Christopher Horak bei seiner Einführung sagte, verschiedene Male verfilmt worden.) Es muss da also eine Verankerung gegeben haben (und immer noch geben) im kollektiven Bewusstsein – eine Episode ist hier erzählt aus der Gründerzeit der Vereinigten Staaten (so wie bei Homer Episoden stehen für die Fundierung dessen, was heute Abendland heisst). Das muss nicht notwendigerweise über ‚Hochliteratur’ geschehen, populäre Literatur dient diesem Zweck auch – wichtiger ist doch, dass so ein Buch massenhaft gelesen wird und die Menschen sich ein Bild machen können von einer vergangenen Epoche. Ein Sujet / ein Bild, das nicht ein- für allemal endgültig fixiert ist, sondern immer neu bearbeitet und angeeignet wird – so wie in diesem Film auch, der die Figurenkonstellation gegenüber dem Buch stark verändert. Der Vorspann schon weist auf die ‚Übernahme’ hin: man sieht den Einband des Buches mit Titel und Autor, dann wird aufgeblättert auf die credits des Films hin. – Der credit kommt hier, finde ich, besonders auch den Drehbuchautoren zu für die hervorragenden Dialoge und die für einzelne Darsteller geschriebenen parts.
Das Sujet nimmt nämlich durchaus das Mass einer Familientragödie antiken Stils an: die tote Mutter (Sarah) muss vom Sohn (John Wayne) gerächt werden – am lange abwesenden, dann unerkannt zurückgekehrten Vater (Harry Carey). Kein ‚Western’, ein ‚Pastorale’ – geht es doch um eine Gemeinschaft von Schwarzbrennern und Schafzüchtern in einer abgelegenen, hügeligen Gegend (Ozark, südliches Missouri), die so arm ist, dass Barfussgehen alltäglich ist und der Aberglaube gedeiht. Formidabel dann die Szene im Freien, in der der blinden, gottesfürchtigen Tante der Verband um die Augen abgenommen wird (der ‚gute Hirte’ hatte ihr die Operation bezahlt) – und sie die Umstehenden, ihr nahe Stehenden zum erstenmal sieht. Sie bei ihren Namen nennt – so auch den Fremden, Zurückgekehrten, den ‚guten Hirten’, den lange abwesenden Vater.

Freitag, 16.01.2015

Lügenpresse

Das durch Nazigebrauch stigmatisierte Wort darf also nicht mehr auf eine Presse angewandt werden, die von einem Tag auf den andern aufgehört hat, Neonazis Neonazis zu nennen, als die zu Ministern und Generalstaatsanwalt ernannt wurden (ich spreche von der Ukraine); die nicht mehr auf die Maidan-Ereignisse beim Umsturz in Kiew zurückkommen wollte (die hatte jener Generalstaatsanwalt in Verwahrung genommen) und die Toten allein auf die eine (für sie richtige) Seite schaufelte; die auch den Besuch von Vize Joe Biden in Kiew im April 2014 im folgenden zu erwähnen ‚vergass’ (drei Tage vorher war der CIA-Chef dagewesen), obschon doch die provisorische ukrainische Regierung sich auf ‚amerikanische Rückendeckung’ berief, als sie daraufhin ihre Armee gegen die Separatisten in Marsch setzte; die Bilder fälschte und auf Bilderfälschung hereinfiel (bei der angeblichen ‚Schändung’ der Absturzstelle des Flugzeugs der Malaysia Airlines MH17). Etc.
Ich verwende also das Wort ‚Lügenpresse’ nicht und sage einfach: unsere politische Presse (inklusive TV-Nachrichten und Magazine) hat einseitig berichtet, immer wieder ein bisschen ‚nachgeholfen’, taktisch verschwiegen, hie und da (zum Beispiel in Talk-Shows) auch ganz schön ‚gewütet’ wie der ukrainische Ministerpräsident Jazenjuk vor versammelten Journalisten (so etwas wie die US-amerikanische Interessenvertretung in der Ukraine übernehmend, damit der Konflikt nicht etwa abkühle).

Dienstag, 04.11.2014

Phoenix IV

Phoenix ist ein Wunschtraum von einem Film. Ich vermag an diesen Plot nicht zu glauben – d.h. auf dem Papier schon und als schöne, intellektuelle Absicht –, aber nicht als filmische Realität. Die Fiktion wird von ihrer dokumentarischen Seite – dem Abbildrealismus des Mediums – permanent dementiert. (Kann man verheiratet gewesen sein und die körperlichen Merkmale seiner Frau – Verrat hin oder her – nicht mehr erkennen?) Der Verweis auf Vertigo, der sich natürlich aufdrängt, bleibt oberflächlich – schon von der Motivlage und Verstrickung der männlichen Person her. (Das erotisch-sexuelle Verlangen scheint hier völlig und ziemlich gegenwärtig ersetzt durch die Jagd nach Geld.) Kommt hinzu, dass die Filmpräsenz der Personen samt Umgebung über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg eine ganz andere geworden ist: technisch ist ja versucht worden, wie schon Bazin festgestellt hat, den Realitätseffekt immer noch weiter zu erhöhen – was Auswirkungen auch auf das Fiktive hat. (Mir scheint, die Schauspieler früher waren zwar exponiert, aber in der filmischen Materie auch geborgen. Von letzterem kann heute die Rede wohl nicht mehr sein.)
Woran ich schon glauben würde: dass jemand einen anderen oder eine andere wiedererkennt, aber nicht wiedererkennen will. Also so tut als ob. Das ist aber ein ganz anderer (und vielleicht kommuner) Plot.


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