Einträge von Rainer Knepperges
Freitag, 11.06.2010
Donnerstag, 03.06.2010
Fronleichnam

Constance Dowling und June Vincent, Black Angel, Roy William Neills letzter Film, 1946
Joe Dante: “I’ve been a Roy William Neill fan ever since I saw Frankenstein Meets the Wolf Man, with its long swooping takes and striking use of foreground compositions. Then I discovered his Sherlock Holmes movies, The Black Room and the rest. I even named a character after him in The Howling. Definitely an underrated filmmaker, well worth the critical reappraisal he never got!” *
The Black Room, 1935. Es geht um Zwillinge, denen ein blutiges Schicksal prophezeit ist.
Boris Karloff in einer Doppelrolle. Ein Film voll von Spiegeln.
Katherine DeMille singt: “Sweet music from nowhere / you never know where / love will start.”
Karloff sagt daraufhin, während er eine Birne isst: “A pear is the best fruit. Lots of juice in a pear. Adam should have chosen a pear.”

Es gibt viel zu staunen: “The black room. It is black.”

Frankenstein Meets the Wolf Man, 1943
Der Tod wird kommen, und er wird deine Augen haben.
Das wird sein wie das Aufgeben eines Lasters,
als erschiene im Spiegel
ein totes Gesicht (Cesare Pavese, 1950; geschrieben für Constance Dowling)

The Spider Woman, 1944, Gale Sondergaard und Basil Rathbone, ebenbürtige Gegner.
Toller Film, sehr sexy…
Ein flüchtiger Blick auf die 108 Titel umfassende Filmographie von Roy William Neill (1887-1946) macht auf einige Titel besonders neugierig: The Man From M.A.R.S. (ein 3-D Film von 1922), The Menace (1932; Horrorfilm, der auf einer Halloweenparty endet), Black Moon (1934; Voodoo-Film mit Menschenopfern), Mills of the Gods (1934; sensationell kämpferischer Depressionsfilm), Doctor Syn (1937; der nachtaktive Schurke ist am Tage Vikar), und so weiter…
Donnerstag, 27.05.2010
Kinostart
“… es war eine seltsame und ergreifende Geschichte, die viel mit uns selbst zu tun hatte… ”
(William Hope Hodgson: Die Boote der Glen Carrig, 1907)
Der Mann auf dem Bild hat gerade einem geschulten Philosophen ein sehr gute Frage gestellt.
Zu den schönsten Gefängnisfilmen, zu Jacques Beckers Le Trou und Don Siegels Escape from Alcatraz, gibt es jetzt eine feine Ergänzung: Die Eroberung der Inneren Freiheit – Sokratische Gespräche unter Gefangenen, von Silvia Kaiser und Aleksandra Kumorek
“Was wir wissen”, sagt Maurice Maeterlinck, “geht uns nichts mehr an.”
Sonntag, 23.05.2010
Valeur humaine du cinema

Amerikaner mit Gesicht, Bechers Backhaus, Köln
Wer ist dieser Michel Dard, aus dessen Buch, “Valeur humaine du cinema” (Paris, 1928), Siegfried Kracauer zitiert? Im Kino “sind wir Brüder der Giftpflanzen, der Kieselsteine…”.
Mir gefällt auch, daß “das Kino alle Dinge aus ihrem Chaos heraushebt, bevor es sie wieder ins Chaos der Seele eintaucht”.
Donnerstag, 13.05.2010
Nach langem Zögern
Der Marquis de Saint-Cricq war eine Quelle unergründlicher Narreteien.
“So schritt er eines Tages in Holzschuhen an der Spitze eines von ihm formierten Zuges leerer Mietwagen über die Boulevards, befahl der Riesenprozession, vor Tortoni zu stoppen, ließ sich drei Portionen Eis aus dem Lokal kommen, aß eine davon und füllte sich nach langem Zögern mit den beiden übriggebliebenen die Schuhe.”
(Siegfried Kracauer: Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit)
Das neuste SigiGötz-Entertainment ist (schon seit einigen Tagen) im Umlauf.
Das Heft ist für 2,50 Euro (plus 1 Euro Versandkosten) zu bestellen bei Ulrich Mannes.
Freitag, 30.04.2010
Schilder



The Disorderly Orderly, Frank Tashlin, 1964


Neuss, 2010

Terry, Milton Caniff, 1944

Charlton Heston, Oklahoma City, 1961; Jerry Lewis, Los Angeles, 1973.

Costa Brava, 2001
Sonntag, 11.04.2010
The Anatomy of Atavism
Ich bin überzeugt, dass Schwimmen für den Menschen genauso natürlich ist wie für eine Ente. (Herman Melville: Typee, 1846)

Rose Rolando, alias Rosa Covarrubias, Woman (Maurice Tourneur, 1918)
Als ich im Dezember etwas über den Unterwasserfilmpionier und Erfinder John Ernest Williamson schrieb, hätte ich auf einen Artikel von Brian Taves hinweisen sollen, aus dem nicht nur einiges über den Film With Williamson Beneath the Sea (1932) zu erfahren ist, sondern nebenbei auch ein wenig über Maurice Tourneur.
Williamson lieh dem Regisseur 1919 seine Tiefseeröhre für das Finale von The White Heather, ein Duell zwischen zwei Tauchern. Als großangelegte Zusammenarbeit von Williamson und Tourneur war Jules Vernes The Mysterious Island geplant. Aber daraus wurde nichts. Maurice Tourneur stritt sich mit MGM, brach die Arbeit ab und verließ, nach 12 Jahren in Hollywood, die USA.
1926. Auf dem Buchrücken von Harry Waldmans Monographie ist diese Jahreszahl versehentlich Tourneurs Todesdatum.
Maurice Tourneur (1873 – 1961), geboren und gestorben in Paris, war erst Buchillustrator, zuletzt französischer Übersetzer amerikanischer Krimis, in der Mitte seines Lebens einer der Großen seiner Generation. Neben ihm: Griffith, De Mille, King und Walsh. Ford und Vidor waren fast zwanzig Jahre jünger als Tourneur. Er verfilmte Leroux (Le Mystere de la chambre jaune, 1913), Maeterlinck (The Blue Bird, 1918), Conrad (Victory, 1919), Stevenson (Treasure Island, 1920).
Immer wieder wird die Frage gestellt: Wie konnte Maurice Tourneur in Vergessenheit geraten?

Maurice Tourneur beim Dreh von The White Heather, 1919 (Via México)
1920 sagte er über das Kino: „It is the most significant instrument for bringing together nations and classes because it shows us in the most rapid and forceful way how human beings resemble each other, how the color of their skin or their language does not prevent their hearts from beating in a similar manner. More through the cinema than through the efforts of diplomats, men will realize their needs, aspirations and joys and will stop considering others as strangers.“
Im Kapitel Subjects for further research schwärmt Sarris (in “The American Cinema”) von “Barbara Bedford’s expressively pervers performance” in The Last of the Mohicans (1920). In Woman war, nach Meinung der New York Times, Adam beeindruckend primitiv, aber Eva eine “modern lady minus her clothes”.
Woman erzählt episodisch vom Paradies, von Claudius und Messalina, Heloise und Abelard, einem bretonischen Fischer und einer Meerjungfrau. Bei den Dreharbeiten ertrank der bedeutende Kameramann John van der Broek. Im Jahr darauf lernte Tourneur, eigens für die Dreharbeiten von The White Heather, das Tauchen. Das war 1919, in dem Jahr, in dem Tourneurs fünfzehnjähriger Sohn Jacques amerikanischer Staatsbürger wurde. Es heißt, lange bevor es Mode wurde, habe sich Maurice Tourneur psychoanalysieren lassen. Stimmt es, was Peter Nau schreibt, dass der Mensch in Unterwasserfilmen einen Blick auf die eigenen Ursprünge wirft?
Jane Randolph, Cat People (Jacques Tourneur, 1942)
Elaine Morgan hat dargelegt, dass Primaten vor der Bedrohung durch Raubkatzen vom trockenen Land ins flache Küstenwasser flohen, wo sie im Laufe von etwa zwölf Millionen Jahren ihr Fell gegen eine wärmende Unterhautfettschicht austauschten und, indem sie den Kopf über Wasser hielten, den aufrechten Gang erlernten.
“Viele Eigenschaften, die als ‘einzigartig’ beim Menschen bezeichnet werden, sind nur unter Landsäugern einzigartig. Für die meisten von ihnen finden wir, wie wir sehen werden, sobald wir die wasserbewohnenden Säuger betrachten, Parallelen in Mengen. (…) Weshalb entwickelte Homo sapiens den größten Penis von allen lebenden Primaten? (…) Weshalb schaltete er vom Aufreiten von hinten um auf die frontale Annäherung? Und auch hier werden Sie vielleicht nicht gleich bereit sein zu glauben, das stete sexuelle Verhalten des Mannes stehe in irgendwelchem Zusammenhang mit einer im Wasser verbrachten Phase seiner Geschichte. Doch wenn Sie sich erst vergegenwärtigen, dass praktisch alle Landsäugetiere die sexuelle Annäherung von hinten und praktisch alle Wassersäuger die frontale Annäherung dabei benutzen, dann werden Sie mindestens argwöhnen, dass das nicht reiner Zufall sein kann.” (Elaine Morgan: The Descent of Woman, 1972)
Dass aus dieser Wandlung (ausführlich nachzulesen in Klaus Theweleits “Männerphantasien”, 1977) dann Grausamkeit und Sprache hervorgingen, sei hier nur nebenbei erwähnt; …so does ancient sin cling to the low places, the depressions in the world consciousness.

Mit dieser Schrifttafel beginnt Cat People von Jacques Tourneur. Beim wunderbaren Produzenten Val Lewton waren solche Anfänge üblich. Der zitierte Autor ist eine blanke Erfindung. Tom Conway spielt im Film den zwielichtigen Dr. Louis Judd.
Schöne Musik dazu: You narcissistic arsehole / Oh you nasty, nasty man! (Kate Miller-Heidke).
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Zum Unterwasserfilm gibt es viel zu lesen im brandneuen Sonderheft 13 von “Kolik.Film”.
Freitag, 26.03.2010
Zukunft
Was ist das Kino? Zuallererst ein rätselhafter Ort. Ich nenne nur als Beispiel den Palast, der am einzigen Boulevard der Stadt, dem Hohenzollernring, 1931 erbaut, verborgen hinter einer Bürofassade damals 3000 Plätze hatte. Die feine Architektur, mit selbstverständlichen Schwüngen und klugen Kurven, wurde irgendwann dann zerschachtelt in 13 mitunter wild verwinkelte Kinoräume. Schmale Gänge führen zu den Projektorkammern oder überraschend auch mal in einen großen Saal (Kino 11), einst ein gewaltiger Balkon, mit zwei kleinen Logen. Separees! Aus Sparsamkeit erhaltene Details und Proportionen erzählen bis heute davon, wie es war – sein müsste – nicht bleiben konnte. Aber wer wie ich, viel Zeit verbrachte in diesem gigantischen Versteck, während drum herum die großen Säle der Stadt nacheinander schließen mussten, der lernte es zu respektieren, mehr noch, fand Gefallen am Martialischen dieser bizarren Umrüstung. Es gibt da eine kleine Brücke, die ein altes Treppen-Schneckenhaus frech durchkreuzt. Das sieht aus, als wären auf mexikanische Art gekreuzte Patronengurte im Traum zur zivilen Architektur geworden.
Vorgestern – und gestern dann gleich noch einmal – sah ich Eyyvah Eyvah, der in Köln im Filmpalast (OmU) und in vielen anderen deutschen Städten läuft, auch wenn kein deutsches Feuilleton darüber schreibt. Es wäre auch gar nicht so einfach, das zu tun. Typisch für diesen Film, dass mittendrin ein Musiker den Streit mit einem Kollegen nicht scheut, um die Tonart eines Lieds an die Stimmlage der Sängerin anzupassen. Sorgfalt, Geduld und Zartheit sind dem Film so selbstverständlich, dass es kaum zu fassen ist. Wären Schönheit und Humor allein – Rhythmusgefühl und kinematographische Weisheit noch dazu – Vergnügen an Sprache und Licht obendrein – die Kriterien des Europäischen Filmpreises, dann wäre diese türkische Komödie wohl der sichere Gewinner. Es gibt aber, nehme ich an, noch ganz andere Ansprüche. Die Leute jedenfalls, für die der Film gemacht ist, wissen in welchen Kinos er läuft, in Aschaffenburg, Augsburg, Bielefeld, Berlin, Bochum, Bremen, Bretten, Crailsheim, Darmstadt, Dillingen, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Erbach, Essen, Frankfurt, Freiburg, Gelsenkirchen, Günzburg, Hamburg, Hannover, Hechingen, Hürth, Karlstadt, Kelheim, Köln, Krefeld, Landshut, Lichtenfels, Marktredwitz, Mannheim, Meschede, Memmingen, Mosbach, München, Neckarsulm, Nürnberg, Osnabrück, Salzgitter, Schrobenhausen, Sindelfingen, Stuttgart, Walldorf und Wuppertal. Denn was ist das Kino eigentlich? Gar kein Ort. Flucht. Sache von Einwanderern. Zukunft.
Demet Akbağ und Ata Demirer
EYYVAH EYVAH von Hakan Algül
Erwähnen muss ich noch das winzige Kino 13 oben rechts unterm Dach des Filmpalasts. Für viele war es sicher eine bittere Enttäuschung, aber für jeden war es ein Erlebnis. Ein in der ganzen Welt einzigartiger Raum, ein Polyeder von grausamer Kompliziertheit. Unzählbar seine Ecken, seine stumpfen und spitzen Winkel. Unbegreiflich die Geländer, Ebenen, Schrägen, Stufen überall, selbst M.C. Escher wäre gestolpert. Irgendwo war oder ist auch noch ein Kühlschrank. Früher hieß es “Ufa 13″, für mich heißt das Ding auf ewig so. Dieser liebgewonnene teppichbodenbezogene Hohlkristall. In den letzten Jahren sah ich dort einige Filme mit Will Ferrell. Niemand, der das Gefühl nicht kennt, kann sich vorstellen, wie es ist, in einem halb kubistischen, halb expressionistischen Rhombikosidodekaeder zu sitzen und Old School auf der Leinwand anzuschauen. Ich habe mir deshalb jetzt vorgenommen, den Raum, als Mitglied eines internationalen Forscherteams, mit Echolot zu vermessen und ihn auf der nächsten Dokumenta nachzubauen, aus Krokant.
Samstag, 13.03.2010
Pluto
Seine Entdeckung gab man am 13. März 1930 bekannt. Tags darauf schlug die 11jährige Venetia Burney vor, den von der Sonne am weitesten entfernten Planeten nach dem römischen Gott der Unterwelt zu benennen. Eine neue Disneyfigur wurde Monate später auf den selben Namen getauft.
“Pluto trat meistens als der Haushund von Micky Maus auf, obwohl er auch,” so formuliert es Wikipedia, “sowohl der Hund von Donald Duck als auch der von Goofy war, der ebenfalls ein Hund ist.” Es stiftet Verwirrung, in dieser Welt ein Tier zu sein, das nicht redet und sich nicht bekleidet.
1941 gab man dem 94. Element – nach Uran und Neptunium – den naheliegenden Namen Plutonium. Lange galt der Merksatz: Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten.
Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun… Im Februar 2000 eröffnete das American Museum of Natural History neue Räumlichkeiten ohne ein Modell des in die wissenschaftliche Diskussion geratenen “Zwergplaneten”. Will Galmot schrieb einen Protestbrief.
Dienstag, 09.03.2010
Wirklich (komisches Wort)
Las Vegas, 1965, mit den Augen von Michael Pfleghar
Serenade für zwei Spione – einer jener Filme, über die man, wie Volker Pantenburg hier so schön vorschlug, schreiben sollte, bevor man sie sieht. 1965 fand der Spiegel: Mit seinem zweiten Kino-Film zerstört Michael Pfleghar (“Die Tote von Beverly Hills”) die Hoffnung, ein Erneuerer des deutschen Films zu sein. 45 Jahre später, im winterlichen, und wie man mir erklärte, bekanntermaßen (!) ungeheizten Filmclub 813 siegten über die großen Erwartungen dann doch die unvorhersehbaren Kleinigkeiten: 1) Wie Hellmut Lange in einer offenen Straßenbahn durch San Francisco gondelt, während die Kamera parallel fahrend (in einem Kabrio?) vom angestrengten Lächeln des vernarbten Helden gelangweilt wegschwenkt, einfach mal so, nach vorne, in eine spektakuläre Stadtschlucht.
2) Wie Heidelinde Weis, in einer Regentonne badend, ihren Wunsch charmant artikuliert und rücksichtslos durchsetzt, Hellmut Lange nackt zu sehen. “Ganz! Sonst schreie ich!”
3) Wie eine Schießerei, nach wilder Verfolgungsjagd, auf dem Boden eines Bergsees – allerdings nur illusorisch unter Wasser, durch ein blubberndes Aquarium hindurch gefilmt – auf sonnigem Wüstenboden ausgefochten wird. Wirklich lustig ist was anderes.
Köln, 2013, mit den Augen von SPD und FDP (klein: die etwas dunklere “Sparversion”)
Nach neuesten Berechnungen ist der Leuchteffekt des fluoreszierenden “Siegerentwurfs” teurer als geplant. Eine halbe Stunde der dargestellten Strahlkraft verschlänge in etwa die Energie einer gewöhnlichen Neutronenbombe. *
Wirklich traurig ist was anderes: Ende März schließt sang- und klanglos der ehemalige UFA-Palast (Riphahn/1931). In einer Januarnacht sah ich auf dem Ring bereits einen Fuchs über den verwaisten Bürgersteig laufen.



