Einträge von Rainer Knepperges

Mittwoch, 20.07.2011

Telefon (14 und Ende)

Split-Screen-Telefonate gab es im Kino schon vor hundert Jahren, bei Albert Capellani.
Rechts und links: Mann und Frau, und zwischen beiden eine Straßenansicht. Modernes Triptychon.

In Stanley Donens Indiscreet (1958) telefonieren Cary Grant und Ingrid Bergman in einem illusorischen Splitscreen-Doppelbett. Und in The Grass is Greener (1960) gibt es eine Art Telefonballett zu viert. Die Telefone in den Filmen von Stanley Donen wären ein schöner Sondersammelbereich, aber es gibt schon so viele Sammlungen und irgendwann kommt man sich komisch vor, irgendwann muss Schluss sein.
Allerdings ganz bestimmt nicht ohne an einen Film zu erinnern, den ich als Kind nicht verstand. Wohl weil es dort, wie in so vielen Filmen dieser Zeit, nur um das Eine ging.

Doris Day und Rock Hudson in Pillow Talk (Bettgeflüster, 1959 Michael Gordon)

I’d like to say Hey! Doris Day.
Doris, you probably don’t remember me
but I was there at the movies. I was there
when you talked that pillow talk. I was there
when you rocked Hudsons Rock. I was there
when you rearranged the situation by interior decoration
and gave lover boy a shock. I was there
I’d like to say Hey! Doris Day.

(Brenner – Beresford, 1985)

Doris Day und Jacqueline Susann in London, 1973

Eine skizzenhafte, total unvollständige Liste, aber auch schon so – ein Traum von einer besseren Filmgeschichte: Asta Nielsen, Ossi Oswalda, Molly Picon, Marion Davies, Liesl Karlstadt, Elsa Lanchester, Rosalind Russell, Kathleen Freeman, Doris Day, Claude Gensac, Shirley MacLaine, Elaine May (1965, im Split-screen-double-bind “Mother and Son” mit Mike Nichols), Bernadette Lafont, Barbra Streisand, Diane Keaton, Cleo Kretschmer, Demet Akbağ, Jane Lynch, Julia Louis-Dreyfus, Joan Cusack, Christina Applegate, Angie Reed

Im Kino ab morgen: Brautalarm / Bridesmaids mit (und geschrieben von) Kristen Wiig (und Annie Mumolo), inszeniert von Paul Feig. Ein Film, der an der Filmkritik vorbei sein großes Publikum findet, weil es darin so ausführlich und unverblühmt, so befreit von der Angst vor der Lächerlichkeit, so ernsthaft und komisch wie nie zuvor, um die Freundschaft zwischen Frauen geht.

Donnerstag, 30.06.2011

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Gisela Trowe in Straßenbekanntschaft (1947/48 Peter Pewas). Mehr dazu in der neuen Ausgabe von CARGO.

Dienstag, 14.06.2011

Telefon (12 und 13)

Zuerst entferne den Balken aus deinem Auge.
Und dann sieh zu, wie du den Splitter aus meinem Auge ziehst. (Klaus Kinski)

“I know you’ve seen big eye shots before in your life, but this is one of the better ones!” monstermoviemusic

Wim Wenders mochte Das Gesicht im Dunkeln (1969 Riccardo Freda), “in dem Klaus Kinski die Hauptrolle spielt. Der Film ist ein Farbfilm, in dem die Farben einen ganz seltsamen dunklen Glanz haben…”

“Dazu kommt noch, dass der Film einige Male in ganz ungewohnte selbstvergessene Zustände gerät und vor sich hin zu träumen beginnt.”


Fremde Stadt (1972 Rudolf Thome)


Eddi Arent und die Farben Rot und Blau in…


Das Geheimnis der weißen Nonne (1966 Cyril Frankel)


Zimmer 13 (1964 Harald Reinl)


Fremde Stadt (1972 Rudolf Thome)

Der Zimmerkellner (Stefan Abendroth), der seinen Auftrag, ein Telefonat, mit ein paar improvisierten Lügen bravourös erledigt, wird gelobt, er hätte Schauspieler werden sollen.
“Ja, das wollte ich eigentlich auch. Aber meine Eltern haben gesagt, ich soll erst einen Beruf erlernen. Dabei ist es dann geblieben.”

Von den Edgar-Wallace-Filmen gibt es bekanntermaßen fließende Übergänge zum italienischen Giallo und zu den deutschen Fernsehkrimiserien. Zum neuen deutschen Film hin hat man sich immer einen Graben gedacht.
Vielleicht war es nur eine zugemauerte Tür.


Dieter Borsche, Karin Baal, Die Toten Augen von London (1961 Alfred Vohrer)

Dominik Graf sprach kürzlich sehr schön über “das wachsamere Organ: das Ohr”. Alfred Vohrer bearbeitete in den 50er Jahren unzählige amerikanische Filme als Synchronregisseur.

Eine aktuelle Liste der “25 wichtigsten deutschen Regisseure” stellt Vohrer auf den 13. Platz. “Ich lande da immerhin auf Platz 12.” (Thome, Tagebuch, 10.5.11)
Nah beisammen.


Suzanne Roquette, Gisela Uhlen, Eddi Arent; “ihm traut man alles zu” (Olaf Möller); in Der Bucklige von Soho (1966 Alfred Vohrer)


Vorstellbar: Für das, was Diana Körner in Die Blaue Hand (1967 Alfred Vohrer) durchmacht, nahm sie zwei Jahre später Rache – in Rote Sonne.


Iris Berben, Marquard Bohm, Ulli Lommel in Detektive (1968 Rudolf Thome)

Dass Berbens hamburgische Sprechweise und Bohms eigensinnige Betonungen bei der Nachsynchronisation verloren gingen, ist bei jedem Sehen des Films erneut ein Trauerfall. Enno Patalas hatte kurz davor noch geschrieben, dass Thome ein Fanatiker des Originaltons sei „und (ungleich Lemke, aber gleich Straub) das Nachsynchronisieren verschmäht.“ Klaus Lemke jedenfalls filmte Iris Berben im Frühjahr 1969 mit Originalton, in Brandstifter, wo sie auf die Frage, was sie denn so mache, leise lispelt: „Ich mach‘ nicht mit.“
Im selben Jahr spielte sie in Der Mann mit dem Glasauge.


Der Gorilla von Soho (1968 Alfred Vohrer)

Der deutsche Krimi – zwischen Helmut Käutners Schwarzer Kies (1961) und Käutners Auftritt in Derrick: Auf eigene Faust (1976 Zbynek Brynych) – eigentlich war alles möglich.


Renate Grosser, Im Banne des Unheimlichen (1968 Alfred Vohrer)

Wie gerne würde ich Renate Grosser in Mädchen Mädchen (1967 Roger Fritz) mal wieder sehen.

Willy Haas schrieb, dass er die Bücher von Edgar Wallace “mit der Autosuggestion lese, es handle sich um Parodien. Dennoch, wenn ich einmal drin stecke, kann ich nicht mehr aufhören. Von wie tief muss eine Wirkung kommen, die sogar ungefährdet die Schwelle der unfreiwilligen Lächerlichkeit überschreitet?”

Auflegen. Gerade hat ein Unbekannter angerufen. Mit einer vertrauten Stimme. Louis de Funes? Oder Klaus Kinski? Auch der hatte manchmal die Synchronstimme von Gerd Martienzen.

Karin Baal und Claudia Butenuth in Das Geheimnis der grünen Stecknadel (1969 Massimo Dallamo). Ein ernster, beinahe trauriger Edgar-Wallace-Film. Die Karussellorgel spielt Musik von Ennio Morricone.

Außerdem wird in Das Geheimnis der grünen Stecknadel unter der Dusche geraucht.


Überblendung


Klaus Kinski, Brigitte Grothum, Edith Hancke – Telefonterror
Die seltsame Gräfin (1961 Josef von Báky und Jürgen Roland)


I Tre Volti Della Paura – Il Telefono (1963 Mario Bava)

In einem Irrenhaus, das untergebracht ist in einem Keller, lacht eine alte Frau hinter Gitterstäben, neben einer Wiege aus Maschendraht!


Marianne Hoppe und Lil Dagover, Die seltsame Gräfin (1961 Josef von Báky und Jürgen Roland) ***

“Manchmal mag man ja auch Platten hören, die nur eine Andeutung sind von der Musik, die man gern hat.” (Wenders: Terror der Gesetzlosen, 1969)


Eva Renzi in Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (1970 Dario Argento)
Mehr als nur eine Andeutung von dem Kino, das ich gern hab.

Ein Edgar-Wallace-Film, der endet wie Fremde Stadt. Ich denke darüber nach, ob das möglich wäre, da ertönt plötzlich aus Lautsprechern im Supermarkt: “Liebe Kunden, wir öffnen Kasse 1 für Sie!” Die Fröhlichkeit der Durchsage wird von einem Mann im Rollstuhl, ungezügelt laut und grimmig kommentiert: “Aufregend!”

Donnerstag, 26.05.2011

The number one activity is people looking at other people.


Social Life of Small Urban Places
(1979, William H. Whyte) steckt voller Erkenntnisse. Kleine Erkenntnisse, deren große Bedeutung man mit eigenen Augen erfassen muss: “People move chairs.” “People touch water.” Das Erkennen von Möglichkeiten. Das Erkennen von Schönheit.

Ich weiß nicht, ob es richtig wäre Social Life of Small Urban Places ein kleines Meisterwerk zu nennen, denn vielleicht ist es ein großes.
Hier ein kurzer Ausschnitt. Hier in ganzer Länge (58 Minuten).

Donnerstag, 19.05.2011

Die karnevalistische Wissenschaft

Jack Palance oder Anthony Quinn?
Attila, der Hunnenkönig oder Attila, die Geißel Gottes?
Welcher der beiden Filme aus dem Jahr 1954 war die Inspiration?

“Mein Lieblingsschauspieler war Jack Palance”, schrieb Peter Nau (Zur Kritik des politischen Films, 1978). Das Wahnsinnsgesicht des Amerikaners mit ukrainischen Eltern löste auch bei dem Kölner Horst Drenske etwas Folgenreiches aus, es kam zur Gründung der 1. Kölner Hunnenhorde, 1958. Das Außergewöhnliche dieses Vereins (und der vielen, inzwischen bald hundert anderen “Stämme”) war und ist die schillernde Verflechtung von Ethnologie, Kino und Karneval.

Die Stämme von Köln zeigen das Behagen in der Gegenkultur. Anja Dreschkes Film, der mehr ist als nur eine Ethnologie des Inlands, beschreibt und erlaubt das elementare Vergnügen sich selbst im Anderen wiederzuerkennen. Und so lassen sich vor den Toren der Stadt, wenn im Sommer die Hunnen und Mongolen ihre zahlreichen Lager aufschlagen, einige Visionen erhaschen – von dem Entstehen, der Blüte und Ausbreitung von Kultur – durch Kostümierung.

Die Beschäftigung mit etwas Fremden wirkt kindlich, wenn sie spontanem Wohlgefallen folgt. Es wird stattdessen ernst genommen, wer sich nur möglichst umständlich von oben über etwas beugt.
Bewunderndes Aufschauen, Imitieren und Sich-hinein-Versenken – all das gilt nicht als seriöse Erkenntnismethode, doch jede Kultur ist letztlich Schmuck und Schminke, Maskerade und Mobiliar: ein Gemisch aus Erfundenem und Erbeutetem.

Eigentlich schön, sich vorzustellen, dass sich die etablierten Instanzen des deutschen Dokmentarfilmfestivalbetriebs von diesem herrlichen Film pikiert abwenden, ganz so wie die großen uniformierten Karnevalsvereine an den faszinierenden Kölner Stämmen gebannt vorbeischauen.

Kino und Karneval sind lustige Geschwister der Religion. Denn auch das unbequemste Kostüm ist ein bequemes Heraus aus der nicht selbstgewählten Welt. In besonderen Fällen ein an- und ausziehbares Jenseits.

Kinostart heute in Köln. Festival-Premiere in London.

Montag, 16.05.2011

Telefon (10)


Vince Barnett in Scarface (1932 Howard Hawks)

Der Sekretär zückt seinen Revolver, in Notwehr, gegen das Monster namens Telekommunikation.

Die Arbeit hat bei Hawks zwei Gesichter.
Bei einsamen Tätigkeiten ist das Desaster sehr wahrscheinlich.
Gemeinsames Tun mündet recht verlässlich in Ekstase.


Rosalind Russell & Cary Grant in His Girl Friday (1940 Howard Hawks)

Die Journalistin und der Journalist sind kein harmonisches Paar, nicht Mann und Frau, sondern eine wilde Improvisation gegen den Fortlauf der Welt.

Versagen oder Triumph, das ist bei Hawks in letzter Konsequenz: Tod oder Musik.

Donnerstag, 05.05.2011

Telefon (9)


How to Use the Dial Telephone (1927)


I Have to Dial My Own Phone (1949)


Dial M for Murder (Alfred Hitchcock, 1954) *

In der Mitte des Films: plötzlich das Bild der Maschinerie, die verlässlich die Anschlüsse verbindet. Kein Fräulein vom Amt ist da, nur eine Maschine, kein Mensch, der rettend eingreifen könnte.

Anthony Dawson, Grace Kelly, Ray Milland. Weil die Sympathievergabe vom Willen nicht gesteuert, unwillkürlich vonstattengeht, ist zu diesem Zeitpunkt die Überforderung vollkommen.

Truffaut im Gespräch mit Hitchcock: “Ehe wir Dial M for Murder verlassen, über den wir gesprochen haben, als sei es einer ihrer kleineren Filme, möchte ich doch sagen, dass das einer von denen ist, die ich mir am häufigsten ansehe…”

Und wenn – durchaus möglich – in Dial M for Murder der Schlüssel zum Verständnis der dunkelsten Geheimnisse des Kinos zu finden wäre, wie würde derjenige, der wüsste, in welches Schloss dieser Schlüssel passt, am Ende dastehen?

Mittwoch, 13.04.2011

Telefon (7)

“Die Liebe zu EINEM Gegenstande, der Kampf mit Hindernissen und die Freude des erkämpften Gelingens muss unseren eilenden Geist aufhalten; denn sonst wird diesem Kurzsichtigen die Welt bald zu klein.” (Friedrich Schlegel)


Ein wirklich leidenschaftlicher Bildersammler könnte sich ein Sondersammelgebiet erschließen und seine ganze Aufmerksamkeit ausschließlich jenen Telefonapparaten widmen, die groß, allzu groß, im Vordergrund einer Filmaufnahme stehen.


Jeremy Kemp, Darling Lili (Blake Edwards 1970)

Ein seltsames Etwas aus der Wählscheiben-Epoche: ein fingergroßer, echtsilberner Telefonwähler für $ 6,75 inklusive Luxussteuer, wurde 1961 von John McGiver, in seiner Rolle als freundlicher Verkäufer bei Tiffany’s, als letzter Schrei gepriesen – “für den Herrn oder die Dame, die bereits alles haben”.


Jeremy Kemp, Top Secret (Zucker, Abrahams & Zucker 1984)

“Ich gehe immer dran”, sang Helge Schneider 1993 in seinem Lied “Telefonmann”.


Jean-Louis Trintignant, Col cuore in gola (Tinto Brass 1967)

Zu Begin des Jahres lernte ich “das Dschungeltelefon” kennen. Das ist eine Blockhütte irgendwo in Australien, wo Menschen frontal in eine Kamera schauen und zu den Zuschauern von Radio Télé Lëtzebuerg sprechen können. Eine verrückte Erfindung.


After Hours (Martin Scorsese 1985)

Auf Wählscheibentelefonen, unter Klarsichtplastik auf einem kleinen Etikett, stand früher oft die Nummer des Anschlusses, den man gerade benutzte, handgeschrieben.


Die spektakulär ins Bild gesetzten Telefonapparate in den Filmen von Seijun Suzuki dürfen nicht unerwähnt bleiben.


Yaju No Seishun (Seijun Suzuki 1963)

In True Stories (David Byrne 1986) singt John Goodman:
“People like us
who answer the telephone

We don’t want freedom
We don’t want justice
We just want someone to love.”


Attack of the Puppet People (Bert I. Gordon 1958)

Mittwoch, 16.03.2011

Telefon (6)


The Nutty Professor (Jerry Lewis 1963)

Es kostet ihn am Telefon einige Mühe sich bei seinem vergesslichen Vater ins Gedächtnis zu rufen. Das Bonusmaterial der DVD enthält eine ausufernde, völlig rückhaltlose Improvisation dieser Szene.

Jerry Lewis’ unübertreffliche, zu Herzen gehende Interpretation von “Dr. Jekyll and Mr. Hyde” wird heute um 21:45 vom BR aus Anlass seines 85. Geburtstages gesendet.

Sonntag, 13.03.2011

Ohne Ziel


Hans Albers mit Versuchsobjekten. Vom Teufel gejagt (Viktor Tourjansky 1950)

Es war ein besonders tiefer Wühltisch, eher ein Käfig als ein Tisch, in dem ich, ohne zu wissen was ich suchte, diesen Fund machte. Eine seltsame, weil deutsche Variation von Stevensons “Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde” – das versprach die hässliche Hülle der DVD. Und tatsächlich erzählt dieser Schwarzweißfilm vom Verderben eines Wissenschaftlers.

Mein schlimmster Fehler bestand lediglich in einer gewissen Neigung zu ungestümer Heiterkeit, die für viele Glückseligkeit bedeutet, die ich aber nur schwer in Übereinstimmung bringen konnte mit meinem gebieterischen Verlangen, hocherhobenen Hauptes in der Öffentlichkeit eine ungewöhnlich ernste Miene zur Schau zu stellen. (Robert Louis Stevenson: “Dr. Jekyll und Mr. Hyde”, 1885; übersetzt von Wolfram Benda, dtv)


Nach dem Selbstversuch. Im Regen, im Anzug, in Trance…

Schon oft ist die Geschichte dieser Verwandlung erzählt worden, doch hier ist sie selber ganz verwandelt. So als müsse die schöne weltweite Gültigkeit der englischen Erzählung erst sorgsam in die deutsche Kultur eingepasst werden, so hat sich dieser Dr. Jekyll assimiliert und ist ein Dr. Mabuse geworden. Ihm geht es nicht um die Aufspaltung der menschlichen Doppelnatur, sondern um Konsolidierung eines Unternehmens, Rettung seiner vom Konkurs bedrohten Klinik. Merkwürdig schlüssig ist die Paradoxie, dass der Held seine umnachteten Befehle erst anderen und zuletzt sich selber gibt. Nicht das Unbewusste kommt zu seinem Recht, sondern blinder Gehorsam gedeiht im Weichfeld guter Absichten.

Das Gesicht des Hauptdarstellers ist die Sensation des Films. Vergleichbar mit den unvorstellbaren Sachen die Mitchum in The Night of the Hunter macht, lässt hier Hans Albers seine sympathische Natur entgleiten – ins Glasige und Grausame, ins Finstere und Fiese. Die Tasse, die ihm gleich darauf à la Bresson zu Bruch geht, hat dann beinah beruhigende Wirkung.


Telefon (5)
So sonderbar wie Lil Dagover – seltsame Gräfin und spinnerte Lady – so grotesk ist ihr weißes Telefon. “… das Groteske, das heißt: die Mischung von Erhabenem und Lächerlichem, die allen Menschenwesen eigen ist.” (Victor Hugo)

Vom Teufel gejagt war der 100. Film des Regisseurs Tourjansky, dessen Filmographie 1912 in Russland als Darsteller und 1914 als Regisseur begann. In unzähligen seiner frühen Filme war Nathalie Kovanko, seine Ehefrau, sein Star, bis ihm 1931 auf der Terrasse des Cafe de la Paix die geheimnisvolle Simone Simon begegnet. Der Exilrusse reiste vielbeschäftigt zwischen Paris und Hollywood (als Victor) und Berlin (als Viktor) hin und her. Erst 1938 entschied er sich ganz für die Arbeit in Deutschland. Man möchte sagen: falsch. Der “Routinier” war UFA-Regisseur, Bavaria-Regisseur, und man muss wegen des Hetzfilms Feinde (1940) sagen: auch Nazi-Regisseur.

Interessant wäre vielleicht ein Blick auf die 10 Jahre erfolgreiche Arbeit des Duos Emil Burri (Drehbuch) und Tourjansky (Regie und Drehbuch): Eine Frau wie du (1939) Der Gouverneur (1939) Feinde (1940) – alle mit Brigitte Horney. Und die folgenden: Tonelli (1943), Orientexpress (1944), Liebeswirbel / Dreimal Komödie (1944/1949), Der blaue Strohhut (1949) – alle produziert von Georg Witt, dem Ehemann von Lil Dagover. In kleinen Rollen immer mit dabei: der Schauspieler Joseph Offenbach. Ob man beim Anschauen der Filme raten könnte, wann zwischendrin der zweite Weltkrieg endete?
Erst nach Vom Teufel gejagt (1950): plötzlich eine Zäsur – in der Zusammenarbeit. Emil Burri bildete später ein Drehbuch-Gespann mit Johannes Mario Simmel. Georg Witt fand Mitte der 50er ein neues Erfolgsrezept: Filme mit Liselotte Pulver unter der Regie von Kurt Hoffmann. Toujanskys letzter Film, 1962 in Italien gedreht, hat den schönen deutschen Titel: Cleopatra, die nackte Königin vom Nil.


Vom Teufel gejagt

Im ersten Stock seiner Privatklinik hat der Irrenarzt seine Privatwohnung, wie hinter Gittern.
Der Kriminalkommissar (Joseph Offenbach) betritt den Tatort, die Kneipe am Bahndamm, wie ein Gangster. Die Männer an seiner Seite postieren sich wie Bodyguards. Allerlei ist fremd.

„Der deutsche Nachkriegsfilm, von 1945 bis zum Beginn des Neuen Deutschen Films, gehört inzwischen zu den unbekanntesten Epochen der deutschen Filmgeschichte. Das negative Urteil über das Kino der Adenauer-Ära, über dessen Schnulzen, Heimat- und Schlagerfilme, hat auch die interessanten Filme verdrängt.“ Ulrich Kurowski schrieb das im Juli 1985 in epd Film und weckte damit damals Wünsche, die mir nicht alle in Erfüllung gingen. Ungesehen bis heute: Die Mücke (Walter Reisch 1954) und Verzauberter Niederrhein (Willy Zielke 1954).


Hier hatte der Film am 24.10.1950 seine Uraufführung: Hahnentor Lichtspiele, Köln, 1500 Plätze.

In jeder Hinsicht unkonventionell, weil Kurowski vor lauter ungestillter Neugierde auch das Eingeständnis der Wissenslücke nicht scheute, ließ er seinen Text mit einer Bitte an den Leser enden: „Ich suche auch noch Filme: Kronjuwelen (Franz Cap 1950), Das ewige Spiel (Cap 1951), Türme des Schweigens (Bertram 1952), Vom Himmel gefallen (Brahm 1955). Wer etwas über den Verbleib von Kopien dieser Filme weiß, möge dies bitte der Redaktion mitteilen.“

Vom Teufel gejagt hat einen wunderschönen Schluß: Der Affe schaut aus dem Käfig auf seinen Herren herab, dessen Augen im Tod nicht ganz geschlossen sind. Dem Tier und dem Toten ist eine gewisse Lässigkeit gemeinsam.