Einträge von Werner Sudendorf

Freitag, 04.05.2018

Filme der Fünfziger (XLI): Liane – das Mädchen aus dem Urwald (1956)

Zu den unausgesprochenen Tabus im deutschen Kino der 50er gehörte die Darstellung der weiblichen Brust, die nur in Kulturfilmen gezeigt werden durfte. In Spielfilmen ging dagegen, so die These, vom entblößten Busen immer eine erotisierende Wirkung aus. Einer der ersten, der dieses Tabu brach, war der Göttinger, später Berliner Filmproduzent Gero Wecker. Er kaufte in Cannes 1952 die deutschen Verleihrechte für „Sie tanzte nur einen Sommer“ (Schweden 1951; R: Arne Mattson), der in der Bundesrepublik neben „Don Camillo und Peppone“ der erfolgreichste Film der Saison 1952/53 wurde. 1955 produzierte er mit „Die Mädels vom Immenhof“ den ersten Teil der „Immenhof“-Trilogie mit den Kinderstars Heidi Brühl und Angelika Meichsner.
Weibliche Kinderstars wie Romy Schneider, Christine Kaufmann, Cornelia Froboess oder Sabine Sinjen waren Mitte der 50er Jahre schon junge Frauen; mit Karin Baal und Marion Michael wandelten sich die süßen Kinder zu erotischen Objekten und öffneten das Kino zum Paradies für Pädophile.

Über Anzeigen in der „Bild“-Zeitung suchte Gero Wecker 1956 eine Hauptdarstellerin für „Liane“. Tausende Mädchen meldeten sich; ausgewählt wurde die fünfzehnjährige Marion Ilonka Michaela Delonge, die sich fortan Marion Michael nannte. Das junge Mädchen aus wenig begütertem Haus schien mit der Aussicht auf Filmengagement, Hauptrolle und Sieben-Jahres-Vertrag in den Sahnetopf gefallen zu sein, aber die Sahne erwies sich – ähnlich wie bei Karin Baal – als Essig. Der Sieben-Jahres-Vertrag kam erst nach dem ersten „Liane“-Film, für

Starfoto Marion Michael – wahrscheinlich Fotomontage

den Marion Michael ganze 1.300 DM Gage erhielt. Mit geradezu bösartiger Häme verbiss sich die Boulevardpresse in das Mädchen, nannte sie „Bundes-Nackedei“ („Bild“-Zeitung) und verfolgte ihre Bemühungen, sich von dem „Liane“-Klischee zu lösen, mit galligem Sarkasmus. Marion Michael war ein Kind, das in die Erwachsenenwelt und auf die Bühne des Kinos katapultiert wurde, damit nicht zurecht kam und letztendlich scheiterte. In dem Remake von „Bomben auf Monte Carlo“ (1960; R: Georg Jacoby) als Partnerin von Eddie Constantine sieht man deutlich, dass sie völlig überfordert ist; schon hier ist sie nur noch ein verschrecktes, von ‚Ängsten verfolgtes Mädchen.

Als Exploitation Movie ist „Liane“ gar nicht mal so schlecht wie ich befürchtet hatte. Gnadenlos mixt Regisseur Eduard von Borsody die Genres – es geht von Tieraufnahmen (Giraffen, Wasserbüffel, Zebras, Elefanten, Löwen) zum Buddy_Movie des Expeditionslagers, von der Denunziation der Farbigen als zivilisatorisch zurückgebliebene Wilde mit choreografierten Tänzen und Kriegsbemalung zu der Attraktion der halbnackten Liane, wird dann zum biederen Kriminalfilm und endet schließlich mit der Rückkehr – grosses Hallo im Stammesdorf – von Thoren und Liane. Ebenso gnadenlos setzt die Musik illustrierende Effekte ein –Trommelfieber und grell instrumentierte Tanzrhythmen in Afrika, von Mantovani ausgeliehene „cascading strings“ in Hamburg und das Schifferklavier, um die Reederei Amelongen ins rechte Bild zu setzen. Anhand nahezu jeder Sequenz lässt sich die innere Befindlichkeit der Autoren und ihre Spekulation auf die Vorurteile ihres Publikums festmachen.

Die Männer einer Urwald-Expedition entdecken im Südosten Afrikas beim Stamm der Wo-Dos das weiße Mädchen Liane. Es wird gefangen und nach Hamburg gebracht, denn Liane könnte die Enkelin des Reeders Amelungen (Rudolf Forster) sein. „Sehen Sie doch den Gesichtsschnitt und die Augenpartie – ich meine, sie muss aus einem sehr guten Stall sein“, lautet eine erste rassenkundliche Diagnose. Begleitet wird Liane von dem hemdsärmeligen Thoren (Hardy Krüger), in den sich schon die Expeditionsärztin Jacqueline Goddard (Irene Galter)verliebt hatte, und von Tanga (Jean Pierre Faye), einem Jäger der Wo-Do. In der Nacht legt sich Tanga als Beschützer neben das Bett von Liane, später legt sich Liane, jetzt schon im Baby Doll, neben das Bett von Thoren. Also immer noch eine Wilde. Amelungen hat seinen Geschäftsführer Viktor Schöninck (Reggie Nalder) als Generalerben eingesetzt, aber nun ist ja Liane aufgetaucht, die Enkelin und legitime Erbin. Schöninck tötet Amelungen und rast bei einer Verfolgungsfahrt in den Tod. Liane („Die kann ja schon richtig mit Messer und Gabel essen“) hat genug von der Zivilisation und kehrt mit Thoren zurück zu den Wo-Dos, in die Welt, „in der sie ihre glückliche und wunschlose Kindheit verbrachte.“ (Presseheft)

Die Beute …

Alle sind glücklich, alle Vorurteile und Ressentiments bestätigt, alle Klischees werden bedient. Hardy Krüger darf sogar ein wenig renitent werden (das Jugendproblem, die Halbstarken). Marion Michael hat ganz wenig Text, ganz viel Körper und sehr lange Haare. Was treibt Thoren weg von der intelligenten und schönen Ärztin und hin zur Kindfrau? Die Ärztin, so formuliert er es selbst, ist ihm zu intelligent, sie könnte seine vorgespielte Sicherheit durchschauen. Liane dagegen kann er dominieren; in einer der ersten gemeinsamen Szenen füttert Thoren die hilflose Liane tatsächlich mit einer Banane. So beginnt die falsche Romanze.
1957 wurde noch ein zweiter „Liane“-Film gedreht („Liane – die weisse Sklavin“; R: Hermann Leitner), 1961 entstand als Zusammenschnitt beider Teile „Liane – Tochter des Dschungels“.

Als Produzent Gero Wecker 1974 im Alter von 51 Jahren starb, titelte die „Bild-Zeitung: „Herzinfarkt! Der Mann, der den Deutschen den nackten Filmbusen brachte“. Nicht nur das, sondern auch acht Oswalt Kolle Fime, von „Das Wunder der Liebe“ (1968) bis „Liebe als Gesellschaftsspiel (1972). Gero Wecker kennt heute niemand mehr. Und Marion Michael?

… wird gefüttert.

„Liane wird mich bis zum Tod verfolgen“ soll Marion Michael gesagt haben. Das war sogar noch untertrieben – nicht bis zum Tod im Jahr 2007, sondern bis heute und für immer. Das ist sogar in Lars Kraumes jüngstem Film „Das schweigende Klassenzimmer“ zu sehen.

DVD bei e-m-s. Die DVD-Fassung ist unvollständig; es fehlt die Schlussszene mit Hardy Krüger und Marion Michael im Dschungelteich.

Ergänzungen und Präzisierungen zu Filmportal:
Mit Anneliese Würtz, Editha Horn, Waltraud Runze, Walther Blum, Kurt Lucas, Hans Emons, Erik Radolf
Kamera: Ekkehard Kyrath (Außenaufnahmen in Kenia oder Nairobi)
Außenaufnahmen der Spielszenen: Ab 14.7 1956 in Sabaudia (Italien) im Park der Villa Fogliano, Hafenaufnahmen in Baia (Golf von Neapel). Atelieraufnahmen in den Arca Filmstudios Berlin Pichelsberg ab 30.7 bis Ende August 1956.
Geschäftsführer: H.G. Steinamm; Kasse: Marianne Vogt; Ateliersekretärin: Annemarie Scheu; Garderobe: Luise Lehmann, Ernst Nuckel; Star- und Pressefotos: Roman Stempka
Agfacolor

Literatur:
Maja Figge: Deutschsein (wieder-)herstellen. Weißsein und Männlichkeit im bundesdeutschen Kino der fünfziger Jahre. transcript Verlag, Bielefeld 2015. S. 265 – 300
Michael Flitner: Das Mädchen aus dem Urwald. Über Geschlecht und Nation in einem Film der 1950er Jahre. https://publishup.uni-potsdam.de/opus4-ubp/frontdoor/deliver/index/docId/2838/file/gr1_05_Ess01.pdf

Mittwoch, 18.04.2018

Filme der Fünfziger (XL): Geliebte Corinna (1956)

Als „Liane – das Mädchen aus dem Urwald“ für Jugendliche ab 12 Jahren freigegeben wurde, machte man der Jugendpsychologin in der FSK heftige Vorwürfe. So viel Nacktheit, und das ab 12 Jahren! „Sie kennen die Jugendpsychologie nicht“, entgegnete die Dame. „Jugendliche denken sich gar nichts Böses dabei, wenn einmal ein nackter Körper im Film erscheint. Wenn man den Besuch dieses Films beschränken zu müssen glaubt – dann würde ich empfehlen, ihn für Männer über 50 zu verbieten.“
Gleich nach der Premiere von „Liane“ begann Produzent Gero Wecker mit Regisseur Eduard von Borsody die Dreharbeiten zu „Geliebte Corinna“. Der Stoff basierte auf dem gleichnamigen Roman von Robert Pilchowski, der bereits 1951 als Buch erschien und in Fortsetzungen in der Frauenzeitschrift „Constanze“ abgedruckt wurde. „Constanze“ war die führende Frauenzeitschrift (Auflage Mitte der 50er: 600.000) und das Kalkül war klar. Wenn 600.000 Leserinnen alle zwei Wochen eine Romanfortsetzung lesen, dann sind sie auch potentielle Kinobesucherinnen. Curt Johannes Braun, seinerzeit 53 Jahre alt, und Ernst von Salomon, 54, und auch Autor der „Liane“-Filme, bearbeiteten den Stoff für das Kino. Aus der Pariser Kunststudentin Corinna wurde eine medizinische Assistentin und aus dem Liebesroman eine Huldigung an die Männer über fünfzig.
Corinna Stephan (Elisabeth Müller) ist medizinisch-technische Assistentin im Tropeninstitut in Hamburg. Am Wochenende trifft sie sich mit dem jungen Schauspieler Klaus Brockmann (Klaus Kinski); Brockmann jammert am Elbstrand. „Ich bin ein Versager, weil niemand an mich glaubt.“ Corinna offeriert ihm ein Schinkenbrot, er will Liebe und fällt über Corinna her. Da kommt Peter Mansfeld (Hans Söhnker) des Weges, befreit Corinna und treibt Klaus in die Flucht. Mansfeld ist ein deutscher Geschäftsmann, seit 15 Jahren in Malakka („Dort fühlen sich nur die Affen wohl“) und auf Europareise. Corinna zeigt ihm Hamburg, er führt sie aus nach St. Pauli, wo sie ein Wirt aus Daffke zu Mann und Frau erklärt. „Sie können sich doch im Ernst nicht vorstellen, dass wir beide verheiratet wären“, erklärt Mansfeld. „Doch, könnt ich“, erwidert Corinna kokett. In Corinnas Wohnung wartet der vertriebene Versager Klaus mit einer Pistole, Mansfeld vertreibt ihn erneut und wird verletzt. Corinna ist auch ausgebildete Krankenschwester, sie verarztet den Kavalier und beide verbringen die Nacht miteinander. Am nächsten Morgen – Mansfeld ist schon in Geschäften unterwegs – haben sie sich im Hotel verabredet. Aber Mansfeld bekommt ein Telegramm; sein Sohn ist verunglückt, er fährt sofort nach Malakka. Zurück bleibt Corinna, untröstlich und allein.

Chin, der unheimliche Chinese (Valerij Inkijinov)

Ein halbes Jahr später. Corinna hat immer wieder Briefe an Mansfeld geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Klaus hat die Hauptrolle in seinem Theater und auch Corinna verloren und säuselt in weinerlichem Tonfall: “Meine Chance ist vorbei.“ Dann entschlossen: „Ich hab genug von diesem Leben.“ Er erschießt sich in Corinnas Wohnung. Das ist ein kleiner Skandal, Corinna kommt in die Schlagzeilen und will jetzt aus Hamburg verschwinden. Gut, dass ihr Chef am Tropeninstitut ein paar Angebote an der Hand hat. Dr. Suter (Alexander Kerst) in Malakka sucht eine Assistentin. Also auf nach Malakka.

An Bord des Schiffes ist auch Chin (Valerij Inkijinow), der reichste Mann in Malakka und Freund von Mansfeld. Dr. Suter warnt Corinna vor Chin („Was ein Chinese denkt, kann ein Europäer nie ergründen“). Im Hospital von Dr. Suter regiert seine Mutter (Annie Rosar); sie will ihren Sohn mit Corinna verheiraten. Aber da ist noch Mansfeld, jetzt zu Pferd und rätselhaft unzugänglich. Mansfeld ist verheiratet, seine alkoholsüchtige Frau (Hannelore Schroth) will sich nicht von ihm scheiden lassen. Sie hat die Briefe von Corinna und auch von Mansfeld an Corinna unterschlagen. Es könnte sein, meint Suter zu Mansfeld, dass

Mutter Suter, Europäerin mit Charakter (Annie Rosar)

seine Frau geistesgestört ist. Eine kranke Frau im Stich lassen? Das geht natürlich gar nicht. Aber weil sie so böse ist, wird Mansfelds Frau von einem Malayen erstochen. Prima, jetzt können Mansfeld und Corinna heiraten.

Es geht um den Generationenstreit zwischen den Männern; die Jungen sind weinerlich und lebensunfähig, die mittlere Generation ist langweilig und hört auf die Mama; nur die Älteren sind wahrhaft ritterlich, geschäftstüchtig, stark und erotisch. Das exotische Element bedient jedes Klischee. Wenn Chin auftaucht, klingeln regelmäßig kleine Glöckchen. Er bedient sich auch einer Wahrheitsdroge, „die wir Europäer nicht kennen“. Die Malayen sind unterwürfig wie kleine Kinder, aber sie lieben ihre Herrschaft. Und natürlich sind sie unberechenbar, eben Asiaten. Der Unterschied zu „uns Europäern“? „Uns Europäern ist das Wesen ins Gesicht geschrieben.“
Die Hauptdarstellerin Elisabeth Müller verliert im Laufe des Films völlig ihre Konturen – es geht ja auch darum, die alten Herren ins rechte Licht zu rücken und die Fremde zu dämonisieren. Die chinesischen Schriftzeichen sind ganz einfach, erklärt Chin Mansfeld. Dies ist ein Schriftzeichen für die Frau, was

Variety, 5. September 1956

bedeuten wohl zwei Schriftzeichen für die Frau – zwei Frauen? Nein, Streit. Die Chinesen sind eben Philosophen. – Und was macht eine Frau, wenn sie sich verlassen und betrogen vorkommt? „Aushalten, tapfer sein“, weiß Annie Rosar.
Gedreht wurde in den Arca Studios in Pichelsberg, dort wurde auch das malayische Dorf aufgebaut. Als Tonspur hört man gelegentlich fremdländisches Gerede; das ist der ferne Osten, was sonst. Im Tropeninstitut blubbert es unaufhörlich (Geheimnis Wissenschaft), an Bord des Schiffes rauschen die Wellen. Die Tonspur soll Authentizität ersetzen. Einmontiert sind Szenen aus einem Dokumentarfilm von Mannus Franzen, dem zeitweiligen Mitstreiter von Joris Ivens. Reisfelder, lachende, barbusige Frauen bei der Arbeit. „Wir“ Europäer fahren in amerikanischen Schlitten.
Der Film ist auch ein Lehrstück über die fehlende Autonomie der Stars des deutschen Films. Elisabeth Müller hatte seit 1954 einen Exklusivvertrag über zwei Filme jährlich mit Herbert Horn geschlosssen; Horn war Inhaber des Neuen Filmverleihs, der die Filme der Arca verlieh und mitproduzierte. Um 1956 in Hollywood den Film „The Power and the Price“ von Henry Koster zu drehen, musste Frau Müller einer Verlängerung ihres Vertrags mit Horn zustimmen. MGM konnte Elisabeth Müller unter diesen Umständen nicht als neuen europäischen Star aufbauen und Horn verbrannte sie nach ihrem ersten Hollywood-Engagement in diesem Altherrenquark, den weder die Leserinnen der „Constanze“ noch die Herren um 50 sehen wollten.

Als DVD bei e-m-s erschienen

Ergänzungen und Präzisierungen zu filmportal:
Die literarische Vorlage stammt von Robert Pilchowski, nicht von Hans Habe. Habe soll zwar auch unter dem Pseudonym Robert Pilchowski geschrieben haben, aber Robert Pilchowski existierte als Literat und reale Person.
Kameraführung: Walter Hrich; Kameraassistent: Heinz-Günter Görisch; Bilder aus Indonesien: Mannus Franken; Requisite außen: Fritz Moritz; Requisite innen: Horst Giese; Garderobe: Hans Kothe, Lisa Willweber; Standfotos: Horst Maack; Geschäftsführer: Theo Mietzner; Produktionssekretärin: Katja Fleischer; Ateliersekretärin: Ursula Baumann.
Aussenaufnahmen in Hamburg etwa Mitte Oktober 1956; Atelierarbeiten in den Arca-Studios, Berlin, ab 18. Oktober 1956 bis Mitte November; im Völkerkunde-Museum, Berlin

Samstag, 27.01.2018

Filme der Fünfziger (XXXIX): Die Stärkere (1953)

Kriegsversehrten Männern konnte man in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg häufig begegnen, nur im Film sah man sie selten und im Zentrum standen die sichtbaren Verletzungen schon gar nicht. Frauen dagegen wurden öfter von unheilbaren Krankheiten heimgesucht; Maria Schell wäre beinahe gestorben, wäre ihr nicht Dieter Borsche als „Dr. Holl“ (1951) zu Hilfe geeilt; Ruth Leuwerik verhalf mit tödlicher Erkrankung ihrem Partner O.W. Fischer in „Ein Herz spielt falsch“ (1953) zur Läuterung. Willy Birgel gewinnt 1956 Elisabeth Müller, die als Tänzerin mit Kinderlähmung in seine Klinik kommt. Es sind vor allem die Männer, die sich in dieser Konstellation mit Ritterlichkeit, Treue und Mannestugend bewähren.
Nach einem Verkehrsunfall, verursacht durch Liederrausch und Liebessehnsucht, ist die berühmte Sängerin klassischer Lieder Elisabeth Faber (Antje Weissgerber) gelähmt und hadert mit dem Schicksal. Kann ein 42jähriger Mann – Hans Söhnker, der den Ehemann spielt, war allerdings schon 50 – mit einer gelähmten Ehefrau noch eine glückliche Ehe führen? Auf dieses Problem muss man erst mal kommen.

„Eine gelähmte Frau muss ihrem Ehepartner Freiheiten lassen“, sinniert Professsor Wolters (Paul Bildt). „Ein Mann kann zwei, drei Jahre als Mensch leben, eines Tages …“. Dr. Hannah Claassen (Tilly Lauenstein), die Freundin Elisabeths, unterbricht ihn. Sie wartet schon seit zehn Jahren auf ihren Mann. „Sind Männer so anders als Frauen?“ – „Allgemein gesagt: Ja.“ Hannah ist das weibliche Vorbild der Entsagung; eine Ärztin in grau oder im weißen Kittel, dazu Brille und deutlich von Freudlosigkeit gezeichnet. Es geht hier also nicht nur um die Krankheit, sondern auch unausgesprochen um die Frage, ob ein Mann seiner Frau treu sein kann, wenn er nicht mehr mit ihr schlafen kann.

Aus dem Haus des Ehepaars Faber tönt die Singstimme von Elisabeth. Sie hat zum Hochzeitstag ein Tonbandgerät gekauft und ein Lied aufgenommen. Kameramann Igor Oberberg folgt dem Tonkabel auf dem Boden, hebt in einem Halbkreis die Kamera zum Gesicht Antje Weissgerbers, schwingt dann elegant zurück und nimmt mit den letzten Tönen des Pianos den musikalischen Begleiter in den Blick – ein Moment klassischer Kameraschule. Jochen Faber (Hans Söhnker) stürzt herein: Ein Magnetophon! Das kostete 1953 die stolze Summe von rd. 1000 DM und ist natürlich für ihn, die Frau bekommt Rosen. Was hat sie denn gesungen? „Mir ist als wenn ich längst gestorben bin“ – Brahms, sehr schön.
Faber ist Architekt, die Wohnung ist ein Wirrwarr aus 50er Jahre-Möbeln und gewagter Moderne. Ein vertikaler Glasaufsatz mit Porträts von Elisabeth schmückt den Schreibtisch, ein schräg gestellter Lampenschirm mit Trotteln ragt in vorgetäuschter Heimeligkeit ins Bild, durch geöffnete Türen sieht man den Garten und Hintergrundmalerei. Jochen muss mit seinem Mercedes-Cabrio für ein paar Tage auf ein Schloss, das zum Hotel umgebaut wird, und sich dort mit dem Innenarchitekten herumstreiten.
Die Pflegerin Frau Prein (Elsa Wagner) tröstet Elisabeth während Jochens Abwesenheit mit Lebensweisheiten zur Ehe: “Die Hauptsache für die Frau ist doch der Mann. Man soll nicht immer hinter den Männern herdenken, das mögen sie nicht. Wenn er wiederkommt, musst Du nett sein und nicht viel fragen.“

Büro des Innenarchitekten (Paul Henckels und Gertrud Kückelmann)

Innenarchitekt Draaden (Paul Henckels) sitzt in einem grotesk altfränkisch eingerichteten Büro – Vasen, Gummibaum, gerahmter Spiegel, Wandlüster, Kommode mir Uhrenaufsatz und dalmatinergefleckter Bürostuhl – mit Sybille Erler (Gertrud Kückelmann) ; er kann nicht zum Schloss fahren, Sybille soll ihn vertreten. Sybille ist eine selbstbewusste und schlagfertige junge Frau, das Glanzlicht des Films. Auf dem Schloss sägt sie als erstes Tischbeine ab, um daraus einen passenden Schreibtisch zu machen. Natürlich geraten Sybille und Faber aneinander, Faber nennt sie „liebes Kind“, sie antwortet: „Wollen Sie bitte übersehen, dass ich eine Frau bin!“ Faber erklärt seine Idee eines Hotelzimmers: „Einfaches Bett mit Strohgeflecht, strohfarbene Bettdecke, Strohmatten als Vorleger…“ Sybille unterbricht ihn: „Und da liegt es dann.“ – „Was?“ – „Das Kindlein. Auf Heu und auf Stroh.“

Zur Arbeit trägt Sybille hautenge Caprihosen und ein weißes Männerhemd, auch mal eine Weste. Westen trugen nur Männer, Hosen für Frauen waren „unschicklich“ – Sybille ist eine

Gertrud Kückelmann bei der Arbeit

erotische Provokation. Zum Richtfest aber stattet sie sich aus wie eine Elfe, mit durchsichtiger Bluse und Puffärmeln. Natürlich verlieben sich Faber und Sybille, Ehefrau Elisabeth denkt derweil selbstlos an Scheidung. Er wünschte sich doch Kinder, die sie „wegen ihrer Stimme“ noch nicht haben wollte. Und jetzt ist es zu spät, „jetzt muss ich bezahlen“. Zur Einweihung des Schlosses soll sie das „Laudate Dominum“ singen, aber sie sagt wegen Nervenzerrüttung ab. Jochen eilt zu ihr; gerad da kommt der Scheidungsanwalt. „Das ist mir zu dumm!“ empört sich Jochen. Und gegenüber Hannah: „Ich finde eine eigene Lösung.“ Aus einem Album mit Fotos von Waisenkindern sucht sich Jochen ein Kind aus; Käthe soll es sein, nicht Kurt. Aber Käthe und Kurt haben sich versprochen, beieinander zu bleiben; so nimmt er eben beide. „Wir sind eine Ehe, eine richtige Ehe“, erklärt er Elisabeth. Und jetzt auch, Kurt und Käthe marschieren herein, eine Familie. Elisabeth singt nun, im Auge stilles Glück, zur Eröffnung des Hotels das „Laudate Dominum“. Und Sybille weint, das Lied wird im Rundfunk übertragen, an ihrem Arbeitstisch. Totale der Musikveranstaltung, Kamerafahrt auf Antje Weissgerbers gelöstes Gesicht bis zur Großaufnahme, Amen und Ende.

Wolfgang Liebeneiner inszenierte und hat auch einen Auftritt als Dirigent. Liebeneiner verschränkt geschickt die Handlungsstränge zwischen Liebesgeschichte, Arbeitsbesprechungen und Elisabeths Einsamkeit, er lässt die Dinge sprechen – ein weißes Telefon auf Elisabeths Schoß, das nicht klingelt, Glöckchen in Sybilles Hand, die lustig bimmeln. Das luftige Glück der Verliebtheit, die bittere Verzagtheit der Ehefrau – alles steht ebenbürtig miteinander. Und auch die Jugend und Entschiedenheit von Gertrud Kückelmanns Figur Sybille wird nicht denunziert, sondern hat ihren selbstverständlichen Platz. Eine „saubere Inzenierung“ befanden die Kritiker, und doch wirkt das meiste wie von gestern, wie ein zeitversetzter alter Ufa-Durchschnittsfilm. Woran lag das? Liebeneiner ist ein geschickter Moderator, Liebesszenen macht er hübsch und amüsant, dramatische Szenen werden ernst und gemessen. Statt das Melodram aufzuladen, diszipliniert er die Gefühle.
„Die Stärkere“ war die erste Produktion der Capitol-Film, finanziert mit Mitteln der alten Ufa, d.h. des Bundes. Die Capitol-Film sollte mit ihren Produktionen das Überleben der Atelierbetriebe in Tempelhof sichern. Dazu wurde auch gleich der Prisma-Verleih gekauft. Chef der Capitol Film war Richard Riedel, ehemals Produktionschef und Drehbuchautor von „… reitet für Deutschland“ (1941). Das Drehbuch zu „Die Stärkere“ schrieb Walter von Hollander, Drehbuchautor seit 1936 und als Moderator der Rundfunksendung „Was wollen Sie wissen“ wie als „Frau Irene“ in der „HörZu“ in den 1950ern der Kummerkasten der Nation. Igor Oberberg (Kamera), Emil Hasler (Ausstattung) und Carl Otto Bartning (Schnitt) waren Profis seit den zwanziger Jahren; für die ehemalige Leiterin der Ufa-Kostümabteilung Manon Hahn war „Die Stärkere“ die erste Arbeit nach dem Krieg. Die Capitol-Film schloss ihre Büros einen Monat nach der Uraufführung ihres zehnten und letzten Films „Das Mädchen aus Flandern“ Ende März 1956 mit einem Verlust von rd. 5 Millionen DM.
Der Tarnname wirkt bis heute fort; in den aktuellen Büchern zur Ufa findet man nichts.

Keine DVD, aber im Internet: https://www.youtube.com/watch?v=rC9AP2x_xgI

Ergänzungen zu filmportal:
Dreharbeiten: 13. 4. 1953 – Ende Mai, Ateliers Tempelhof; Juni: Stadt und Schloss Büdingen. Tonaufnahmen mit Rita Streich: 12.4. 1953. FFB Orchester, Chor der St. Hedwigs Kathedrale Berlin in der Einstudierung von Professor Dr. Karl Forster. Starfotos: Hans Grimm

Dank an Barbara Schröter

Donnerstag, 14.12.2017

Filme der Fünfziger (XXXVIII): Der Mann meines Lebens (1954)

Am 30. Januar 1954 trieb es den Familienminister Wuermeling (CDU) zu einer programmatischen Erklärung: “Der durchschnittliche Unterhaltungsfilm zeigt allzu oft eine Auffassung der Ehe und Familie, die dem im Abendland gültigen Bild widerspricht. In der Sorge um den Bestand unserer Familie und damit auch um die Zukunft unserer Gesellschaft muss das einmal offen ausgesprochen werden. Nicht Prüderie und altjüngferlicher Moralismus, sondern das ewig gültige Richtbild von Ehe und Familie sollen bei der Beurteilung maßgebend sein.“ Mit Blick auf die Bundesbürgschaften für Filme forderte Wuermeling, nur jene Produktionen „finanzieren zu helfen, die den Wert von Ehe und Familie nicht herabsetzen. … Wenn in der Demokratie der Staatsbürger der Träger des Staates ist, dann hat er das Recht und die Pflicht, allem entgegenzutreten, was seinem Staat die Existenzgrundlagen entzieht.“ Er forderte „nicht Staatszensur, sondern Volkszensur unseres kulturellen Lebens!“.

Im Februar und März desselben Jahres ging es von Seiten der katholischen Kirche mal wieder auf Treibjagd gegen die Freiwillige Selbstkontrolle und ihre Praxis der Jugendfreigabe. Ein Gutachten von Dr. Viktor Engelhardt kam zu dem Ergebnis, das „eine gar nicht wiederzugebende Fülle von Gangstermorden, Grausamkeiten, Wildwestroheiten, Nervenaufpeitschungen, erotischen Zweideutigkeiten und falschen luxuriösen Lebensbildern – in welchem die Chansonsängerin als die große Künstlerin und die Nachtbar als das normale Lebensmilieu dargestellt wird – auf die Kinder herab(prasselt).“ Die Katholische Filmliga Neuss zeigte als abschreckendes Beispiel den Howard Hughes Film „The Outlaw“ (Geächtet), der ab 12 Jahren zugelassen war, aber von der Katholischen Kirche mit 2EE (Für Erwachsene mit erheblichen Einwänden) bewertet wurde. In derselben Zeit folgten die deutschen Illustrierten der sich überschlagenden „Chronique scandaleuse“ zwischen Eva Bartok und dem noch verheirateten Curd Jürgens. Der Vizepräsident des Bundestages Dr. Richard Jäger (CSU) erkannte darin, in Kalter Kriegs-Rhetorik delirierend, den Ausdruck „kulturbolschewistischer Tendenzen“.

In dieser Atmosphäre des Kulturkampfes entstand „Der Mann meines Lebens“, gedreht immerhin unter der Regie von Erich Engel, dem man sicherlich keine Sympathien für die reaktionären Wortführer unterstellen kann. Der Titel spekuliert auf das weibliche Publikum, ist aber eine Mogelpackung. Es geht nicht um eine weibliche Perspektive, sondern um ihre Abwehr zugunsten einer bestehenden Ordnung, und sei sie noch so freudlos.

Der Künstler

Der weltbekannte Violinist Nils Ascan (René Deltgen) kommt in seine Heimatstadt zurück, um ein Konzert zu geben. Vor fünfzehn Jahren – das wäre dann 1939 gewesen – war er Hals über Kopfwegen wegen einer dummen Liebesgeschichte weggegangen. So kann man Verfolgung und Emigration auch definieren. Nun will er seine Jugendliebe, die Oberschwester Helga Dargatter (Marianne Hoppe), wiedergewinnen. Professor Bergstetten (Karl Ludwig Diehl), der leitende Arzt des ärztlichen Krankenhauses, wiegt bedenklich sein Oberhaupt gegenüber seiner Oberschwester. „Es gibt ja wirklich auch heute noch Persönlichkeiten in der Kunst die, na ja… Na eben, unheimliche Menschen. Wenn Sie so wollen, dämonisch.“ Und auch Professor Kühn (Otto Gebühr), Ascans ehemaliger Lehrer, ermahnt Helga: „Was das Schicksal einmal getrennt hat, das soll der Mensch nicht wieder zusammenkleistern.“ Nach dem Konzert, von dem Helga nur den Schluß (die Pflichten!) mitbekommt, tuscheln die Frauen: „Er ist hinreißend, aber auch ein bisschen unheimlich.“ Helga will sich nicht wieder auf den „Teufelsgeiger“ einlassen.
In einer Parallelhandlung geht Oberarzt Dr. Reynold (Malte Jaeger) im Urlaub seiner Verlobten Schwester Agnes (Ina Halley) mit Schwester Thea (Gisela Trowe) ins Bett. Oberschwester Helga erfüllt als Schürzenkönigin mit steinernem Gesicht jetzt ihre Pflicht und erklärt der störrischen Thea: „Ich will, dass in diesem Haus Ordnung herrscht, moralische Sauberkeit. So geht es eben nicht – ‚das ist meine Angelegenheit’.

Madonna Oberschwester

Damit stellen Sie sich außerhalb der Gemeinschaft von uns allen. Ein Krankenhaus ist nicht irgendein Betrieb, sondern ein Zusammenschluss von Menschen, die alle aufeinander angewiesen sind. Und so wenig ich heute meinen Posten verlassen könnte, um irgendein privates Interesse zu verfolgen, so wenig sollten Sie als unsere Mitarbeiterin gegen den Geist verstoßen, der bei uns herrscht.“ Damit ist Gisela Trowe leider aus dem Filmgeschehen entlassen.
Ascan wird in einem Wirtshaus und Gelegenheitsbordell eine Flasche an den Kopf geworfen. Schwester Helga eilt zu ihm und ja, sie wird jetzt bei ihm bleiben und ihren Posten verlassen. Beim nächsten Konzert spielt Ascan so schön wie nie zuvor. Doch Schwester Agnes hat von dem Fehltritt ihres Verlobten gehört und wirft sich in einem Selbstmordversuch aus dem Fenster. Nun eilt Helga gegen Ascans heftigen Protest wieder zurück ins Krankenhaus. Sie assistiert bei der Operation, Dr. Reinhold und Agnes vertragen sich wieder und Helga bleibt jetzt für immer im Krankenhaus. „Gott sei Dank“, seufzt Professor Bergstetten, „der Spuk ist vorüber“. Das Ärztekollegium und Oberschwester Helga, auch jetzt noch mit Schürze, treffen sich zu einem Hausmusikabend. „So schön waren wir noch nie zusammen.“ Im Schlußbild fährt die Kamera auf das edel versteinerte Gesicht von Marianne Hoppe.

Der Spuk

Solche freudlosen und moralinsauren Filme waren selbst in 1950er Jahren die Ausnahme. Die Kamera versucht mit Lichteffekten, mit Schatten auf René Deltgens Gesicht und madonnenhafter Ausleuchtung von Marianne Hoppe, der erkennbar dünn konstruierten Geschichte tragischen Sinn zu geben. Einsam spaziert René Deltgen im Hafen der Stadt und auf neblig-trüben Straßen, einsam und eisern schreitet Marianne Hoppe die Flure des Krankenhauses entlang. Die Produktion ist nicht nur in diesen Szenen erkennbar unterfinanziert; so scheint auch die Kleidung der Frauen aus einem sehr bescheidenen Kostümfundus zu stammen. Das Tageskleid der Frau des Kulturreferenten sieht aus wie ein umgearbeiteter Bademantel, ein Bolerojäckchen mit eingearbeiteter Weste wäre besser in einem Revuefilm untergebracht. Der rasende Beifall der Konzertbesucher stammt aus der Konserve und passt nicht zu der überschaubaren Menge des Publikums.

Auch wenn ich einigen Mitarbeitern der Produktion damit vielleicht Unrecht tue – mir kommt es vor, als wollten hier alte Kameraden die Frauen mores lehren. Der Produzent Viktor von Struve war Produktions- und Herstellungsleiter bei der Ufa und Terra. Die Vorlage stammt vom ehemaligen Produktionschef der Ufa Otto Heinz Jahn. Der Leiter der Combo im Wirtshaus ist Eberhard Glombig, ehedem Komponist des Reichsparteitagsfilms „Nürnberg 1937“ (1938, R: Carl Junghans); und Orchesterdirigent war Fritz Stein, im „Dritten Reich“ bekannt als rigoroser Antisemit.

Nicht als DVD

Ergänzungen zu filmportal:
Mit Günther Jerschke (Hotelportier), Josef Dahmen (Fernfahrer), Ilse Kiewiet (Wirtstochter), Mirja Ziegel-Horwitz (Kneipenwirtin).
Geigensoli: Prof. Erich Röhn; Orchester Eberhard Glombig; Fritz Stein mit dem Orchester F.F.B. (Forces Françaises de Berlin); Kameraassistent: Henry Rupé; Garderobiere: Lotte Runow und  Johann Fischer; Atelier-Sekretärin: Liselotte Christ; Standfotos: Johann Lindner. Bruno Suckau, in filmportal mit einem Fragezeichen unter Ton versehen, steht als Tonmann im Vorspann.
Gedreht in den Ateliers Bendestorf. Außenaufnahmen ab 30.12.1953; Atelieraufnahmen 4.1.1954 bis 11.2.1954

Dank an Guido Altendorf, Barbara Schroeter und Joachim Voelmecke

Samstag, 18.11.2017

Filme der Fünfziger (XXXVII): Ein Herz kehrt heim (1956)

Das Herz im Titel bemüht bewusst das empfindsame Gemüt; aber was ist mit dem Titel gemeint? Findet ein Mann nach langen Irrwegen seine Frau oder vielleicht umgekehrt? Kehrt der verlorene Sohn zurück, wurde ein Baby vertauscht? Nichts von alledem, wir begegnen einem Heimkehrerfilm, bei dem man bis zum Schluss nicht weiß, wessen Herz nach Hause findet. Kommen Heimkehrer im BRD-Film aus dem Osten, sind sie in der Regel verbittert und müssen sich erst mal zurechtfinden. Kommen sie aus dem Westen, bevorzugt aus Amerika, haben sie etwas gutzumachen, weil sie natürlich reich geworden sind, während die Deutschen so schrecklich gelitten haben. Hier geht es jetzt um Wiedergutmachung und da hört der Spaß auf.

Robert Lennart (Willy Birgel) ist ein international gefragter Dirigent, gastiert gerade in der Mailänder Scala und muss direkt vom Konzert eiligst zum Flughafen. Im Dirigentenflur hängt neben Plakaten für Konzerte in Mailand, Rom und New York wie selbstverständlich eine Ankündigung für die Musikfestspiele der Stadt Neuburg. So ein Zufall! Lennart war einmal eine Zeit, lang ist’s her, Kapellmeister in Neuburg, „genial und unverstanden“, verbrachte dort seine glücklichste Zeit und hieß „übrigens“ damals noch Nordhoff. In Neuburg möchte er gerne dirigieren, Gage ist egal, Zeit ist erstaunlicherweise auch noch, das nächste Engagement in Rio ist erst am 28. Also auf nach Neuburg.
Neuburg ist eine Industriestadt; Arbeiter, unter ihnen Fabrikantensohn Wolfgang Thomas (Maximilian Schell), verlassen verdreckt die Fabrik. Von der Industrieanlage sieht man später aus der Ferne noch Archivbilder eines Hochofens und ansonsten nur das Direktionszimmer. In der Thomas-Villa stehen riesige Porzellanvasen mit und ohne Blumen, Keramik- und Steinfiguren in Fülle, die Tapeten haben dezente Pflanzenmuster, im Garten plätschert ein Zierbrunnen. Es gibt ein Kunstzimmer mit Flügel und Bibliothek, einen großen Wintergarten, einen privaten Essraum und natürlich einen Salon. Wolfgang, der einzige Sohn, will eigentlich Pianist werden und verbringt seine freie Zeit am liebsten mit dem jungen Komponisten Reinhard Besselmann (Heinz Reinke), genannt „Muffel“, dessen Gefährtin Maxie (Ernie Mangold) und seiner Freundin, der Solotänzerin Sylvia Hartung (Hertha Martin). Das passt dem Vater Martin Thomas (Hans Nielsen) nicht. „Ich war auch mal jung; hatte auch Hirngespinste und wollte etwas anderes als mein Vater. Heute bin ich ihm dankbar, dass er mich richtig geführt hat. Es wird langsam Zeit, dass der Junge sich auf den Betrieb konzentriert.“ Der Generationskonflikt wird in der Villa beim edel gedeckten Abendbrot aufgetischt.

Ernie Mangold becirct vergeblich Willy Birgel

Die jungen Leute ziehen derweil in ihrer Studentenwohnung über die Alten her. Das Repertoire des Dirigenten Lennart nennt Muffel „garnierte Kulturplatte“. Lennart zeigt seiner Sekretärin Snyder (Ursula Herking), auch eine Emigrantin, die Stadt; Fachwerkhäuser, Stadtteich, im Hintergrund das Konzerthaus, dazu seufzen Flöten und Geigen. Jetzt aber zur Probe, die schon unter der Leitung von Kapellmeister Boerner (Charles Regnier) begonnen hat. Lennart und Boerner kennen sich von früher, Lennart hatte Boerner die Freundin ausgespannt. Jetzt drängt er ihn vom Dirigentenpult und korrigiert gleich die Streicher. „Inniger, noch inniger“. Vor dem Konzert gibt es einen Empfang im Hause Thomas. Die Hausherrin Irene Thomas (Maria Holst) ist die frühere Freundin von Lennart, die er vor 20 Jahren schuftig sitzen gelassen hat. Und Wolfgang, 21 Jahre alt, ist sein Sohn. Lennart lädt ihn ein, mit nach Amerika zu kommen und dort Musik zu studieren. Freund Muffel hat eine moderne Sinfonie geschrieben, Lennart dirigiert sie gleich in Neustadt. Anschließend ist Boogie-Woogie Party in der Studentenbude, mit Existenzialistinnen und verkanteter Kamera. Lennart strahlt: „Ich finde das sehr nett bei Euch, lauter junge Leute.“ Mit dem reichen Onkel aus Amerika gibt es keinen Generationenkonflikt.

Wolfgang schreibt einen Abschiedsbrief an seine Eltern; zufällig hört er aber, dass Lennart ihn nicht wegen seiner Begabung, sondern wegen der entdeckten Vaterschaft mitnehmen will. Jetzt bleibt Wolfgang doch zu Hause und alles wird gut für die Familie Thomas, die Thomas Werke und Neustadt. Lennart „fährt zurück in seine Welt des Ruhms, des Erfolges – und der Einsamkeit.“ (Presseheft)

Der von Eugen York souverän inszenierte Kramladen an Themen (Konflikt der Generationen, Standesdünkel, Klassische Musik vs. moderne Musik vs. Boogie Woogie, Selbstverwirklichung vs. Verantwortung, Anstand vs. Schuftigkeit) ist direkt aus der Haltung der Wohlstandsgesellschaft geschnitten. Der Remigrant muß sich entschuldigen, bleibt aber der Schuft. „Ich weiß,“, sagt Lennart zu Irene Thomas, „ich habe mich nicht gut benommen. Deshalb bin ich so froh, dass ich Gelegenheit habe, Dich um Verzeihung zu bitten.“ Nein, die wird nicht gewährt. „Nach all den Jahren“, so Lennart weiter, „empfinde ich auf einmal ein Gefühl der Zugehörigkeit.“ Wieder falsch. „Du gehörst zu niemandem von uns. Es muß alles so bleiben wie es ist.“ Der Streit kulminiert in einem Gespräch zwischen Vater Thomas und Lennart, geschnitten wie ein Showdown von der amerikanischen Einstellung bis zur Großaufnahme der erregten Gesichter. „Für mich sind Sie ein Einbrecher, ein Einbrecher in das Glück anderer Menschen.“ – „Ich hole mir nur, was mir gehört.“ – „Sie haben überhaupt kein Recht, weder juristisch noch moralisch.“ Das muß jetzt mal gesagt werden, aus Anstand. „Dieser Mann kann doch nicht einfach daherkommen und unser Leben kaputt machen. Das kann kein Gesetz zulassen.“

Schade, dass Ernie Mangold als Freundin Muffels nur wenige Szenen hat. Sie wäre sofort mit Lennart gegangen, raus aus dem Kleinstadtmief in die große Welt. So viel Frechheit, so viel fröhliche Unmoral. Am Ende des Kabarettchansons sieht sie mit Heinz Reinke direkt in die Kamera, als wolle sie uns eine lange Nase drehen, und sagt auch noch: „Was seid ihr alle prüde“.

Nicht auf DVD

Ergänzungen zu filmportal:
Kameraassistent: Alex Henningsen; Star- und Standfotos: Gabriele du Vinage; Pressefotos: Renée Falke
Es spielt das Deutsche Filmorchester Eberhard Soblick unter der Leitung von Wolfgang Zeller. Solist: Shura Cherkassky. Ballett der Hamburger Staatsoper. Choreographie: Sabine Ress;; Kabarett-Text: Günter Neumann (aus dem Programm der „Insulaner“).

Dreharbeiten vom 17. August – 30. September 1956 in den Real Film Studios; Außenaufnahmen in Celle am 16. September.

Uraufführung am 26. 10 1956 in Bielefeld und anderen Städten

 

Mittwoch, 23.08.2017

Filme der Fünfziger XXXVI: Heimatlos (1958)

Gegen Ende der 50er Jahre machten Heimatfilme nicht mehr die grossen und sicheren Umsätze. Dabei waren sie in der Produktion immer noch billig; Schauspieler, Regisseure, das gesamte Produktionsteam waren sich klar, dass hier kein großer Kassenschlager, sondern ein Brotfilm gedreht wurde. Und die Außenaufnahmen waren so günstig. Manfred Barthel, lange Jahre bei der Gloria-Film, weiß Bescheid. „Filmleute fielen in einen Ferienort ein, sorgten für Neugier und Unruhe unter den Urlaubern, bestellten beim Fremdenverkehrsverein Volkstänze und Trachtenumzug gegen Freibier und eine Spende in die Vereinskasse, und schon konnte gedreht werden.“
Ein bisschen Zeitgeist aber sollte schon sein; und so heißt dieser Film Heimatlos nach dem großen Erfolgsschlager von Freddie Quinn, den schon alle, alle kannten und von dem in dem Film nun so getan wird als würde er gerade erst aufgenommen.
Barbara Kirchner (Marianne Hold) hat sich mit Franz Leitner (Rudolf Lenz) verlobt, schon gibt es die erste Auseinandersetzung. Barbara möchte ihre Freundin in München besuchen, Franz findet das unpassend und wird eifersüchtig. Sofort lernt Barbara den Hallodri Konrad Fürst (Peter Weck) kennen, der schicke Autos nach Italien verschiebt. Als Barbara nach München fährt, ist ihre Freundin dummerweise verreist. Wo soll sie jetzt unterkommen für die Nacht? Konrad ist zur Stelle, quartiert sie in einer Pension ein und führt sie abends in die „Bar Pigalle“ aus. Als Barbara am nächsten Tag nach Hause kommt, hat Franz schon alles ihrem Vater (Willy Rösner) gepetzt; große Auseinandersetzung, Barbara zieht um nach München und lebt mit Konrad zusammen. Der will kurzzeitig anständig werden, wird aber von der Polizei erschossen. Jetzt muß Barbara arbeiten und findet in der „Bar Pigalle“ einen Job. Dort singt Freddy unter anderem sein Lied:  „Keine Freunde, keine Liebe/ keiner denkt an mich das ganze Jahr/ keine Freunde, keine Liebe/ wie es früher, früher einmal war.“ Bei seinem Vortrag hebt er traurig mal den einen, dann den anderen Arm, dann müde vom Elend beide auf einmal. Ein Showtalent ist er nicht, aber nett. Er besorgt Barbara eine billigere Wohnung; sie bekommt aus ihrer Liaison mit Konrad ein Kind, ein herziges Mädchen. Da kommt der Pfarrer aus dem Heimatort des Weges und entdeckt die vielen unglücklichen Umstände. Aber Barbara ist auch patent und praktisch. Von jetzt auf gleich wird sie Modeschneiderin. Ihr ehemaliger Verlobter, vom Pfarrer eingeweiht, wirbt wieder um sie und bringt dem Kindchen einen Hundewelpen mit. Freddy will dem Kind einen Spielzeughund aus Holz schenken; er hat jetzt einen Plattenvertrag und hält um Barbaras Hand an. So unbeholfen und so nett – Barbara heiratet Franz. Freddy geht ins Aufnahmestudio und singt: „Ruhelos zieh ich von Ort zu Ort, ruhlos wie Wolken im Wind. Überall such ich ein liebes Wort, such ich Menschen, die gut zu mir sind.“ So bleibt Freddys Polydor-Legende als Heimatloser intakt und Marianne Hold kann noch im selben Jahr in Mein Schatz ist aus Tirol und Der Priester und das Mädchen erneut die Liebe finden.

Herbert F. Fredersdorf hat den Film inszeniert; Fredersdorf war ursprünglich Cutter, dann Regieassistent. Als Regisseur ist er mit dem Film „Weit ist der Weg“ (1947/48) über einen Holocaust-

Der oben vollverglaste touropa-Bus

Überlebenden bekannt geworden, kehrte dann zunächst zu seinem Beruf als Cutter zurück und drehte in den 1950er Jahren nur noch Märchen- und Heimatfilme. Ganz außergewöhnlich ist ein Auftritt von Sybille Pagel, der späteren Dany Mann, mit dem Lied „Auf der Gamsbockalm“, in der sich Schuhplattler und Swing vermischen.
Das Land, die gar nicht so intakte Heimat, ist mit Aufnahmen von einem Trachtenumzug, Wiesen, blühenden Bäumen und Bergen präsent. Die Stadt dagegen hat nur die Innenräume der „Bar Pigalle“, die Wohnungen und ganz zum Schluß das Aufnahmestudio Freddys zu bieten. Auch die Freundin, ursprünglich der gute Stadtkamerad, taucht nicht mehr auf. Sie ist ein Totalausfall.

Aufgefallen ist mir ein schicker Touropa-Bus, mit dem Marianne Hold und Peter Weck nach München fahren. Touropa Busse fuhren keine Linienstrecken in der Provinz. Die Produktionsfirma Divina-Film, ein Ableger des Gloria-Verleihs, hatte touropa und die Abendzeitung München als Werbepartner eingekauft. Unter dem Motto „Frühling und Film in Südtirol“ konnten Münchner beim „Amtlichen Bayerischen Reisebüro“ eine Wochenendreise mit touropa nach Bozen und Meran zu den Außenaufnahmen von Heimatlos buchen. Alle Schauspieler mußten bei der Abendveranstaltung mitmachen; Freddy sang seine traurigen Lieder, Sybille Pagel ihre Schlager, bei einem Quiz konnte man Probeaufnahmen gewinnen und am Sonntag als Komparsen bei den Dreharbeiten mitmachen. Der Programmpunkt ging allerdings schief, am Sonntag regnete es Bindfäden. Macht nichts, die Kosten konnten sowieso als Werbung abgesetzt werden. So kam der touropa-Bus in den Film. Der ist wirklich sehenswert.

DVD bei filmjuwelen

Präzisierungen zu filmportal:
Kameraführung : Günther Grimm
Mit Willy Rösner (Vater Kirchner), Monika John (Frau Huber), Michael Burk (Wiggerl), Nora Minor (Crescentia), Marion Fuchs (Dienstmädchen), Cheryl Benard (Das Kind), Lotar Olias

Samstag, 05.08.2017

Filme der Fünfziger XXXV: Waldwinter (1956)

Über 90 Filme hat Wolfgang Liebeneiner seit 1937 inszeniert. An vielen hat er als Drehbuchautor mitgewirkt, in einigen seiner Regiefilme ist er auch als Schauspieler aufgetreten; von 1931 bis 1937 war er im Film nur als Schauspieler präsent. Man könnte einen Autorenfilmer vermuten, aber kann ein Multi-Funktionär ein Autorenfilmer sein? Liebeneiner war im „Dritten Reich“ im Aufsichtsrat der Terra, Leiter der künstlerischen Fakultät der Filmakademie Babelsberg, Leiter der Fachschaft Film der Reichsfilmkammer und … und … und Produktionschef der Ufa, sogar Professor von Goebbels Gnaden. Man sieht seinen Filmen den Kenner und Könner an und man kann neben den bekannten Propagandaschoten „Bismarck“ (1940), „Ich klage an“ (1941) und „Die Entlassung“ (1942) durchaus Filme entdecken, die viel vom Alltag im „Dritten Reich“ vermitteln. Liebeneiner war ein Alleskönner: Realist, Melodramatiker, Gesellschaftskritiker, Komödiant, was auch immer. Nur politisch war er nach eigener Aussage nie. Ein Konformist, ein Opportunist, gar Parteigänger jeglicher Partei? Vielleicht eher ein Chamäleon – stets in der ersten Reihe und doch nie erkennbar.

Nun also „Waldwinter“ aus dem Jahr 1956, Liebeneiners dritter Heimatfilm nach „… und ewig bleibt die Liebe“ und der schaurigen „Schönen Müllerin“, beide 1954. Liebeneiner hat dem Film in etwas holpriger Diktion einige grundsätzliche Überlegungen beigegeben. „Wenn man dem ‚Heimatfilm’ das Unechte und Kitschige nimmt, wenn man ihn ohne Sentimentalität und ohne heuchlerische Spekulation auf intimste Erinnerungswerte herstellt, dann tritt eines der wesentlichsten und wichtigsten Probleme unseres Daseins hervor: die Frage nach dem Wesen und dem Wert der Heimat, die uns alle angeht. … Hier ist eine Fülle von Konflikten möglich, die Fragen unserer Zeit anschneiden und die die Antwort nicht aufdrängen, sondern es dem Zuschauer überlassen, aus dem Geschehen seine Schlüsse zu ziehen und sich mit der Liebe und dem Hass, mit den Leiden und Freuden der Mitmenschen auf der Leinwand zu identifizieren. Darum ist ein echter ‚Heimatfilm’ aktuell und spannend und ein wahres Kind unserer Zeit.“

Schlesien, tief eingeschneite Felder, ein Rehkitz und dazu das schlesische Volkslied „In dem Schneegebirge“ mit den Zeilen „Ade, mein Schatz, ich scheide. Ade, mein Schätzelein! Wann kommst du denn doch wieder, Herzallerliebste mein?“ Baron Malte (Rudolf Forster) ist mit dem Dorf zu Weihnachten in der Dorfkirche. In einem Kübelwagen kommt Enkel Martin (Claus Holm) gefahren und warnt den Baron, dass das Dorf in wenigen Tagen vom Krieg überrannt wird. Gut, dass es noch das Jagdschloss im Bayerischen Wald gibt. Hast Du nicht gesehen, sind wir mit allen Dorfbewohnern rund 10 Jahre später im Bayerischen Wald.

Dort will der Baron eine Glashütte aufbauen, aber sein Gut ist verschuldet und sein Wald zu einem beträchtlichen Teil schon abgeholzt. Der Verwalter Stengle (Willy A. Kleinau) drängt darauf, das Jagdschloss an einen Hotelier zu verkaufen. Aber Onkel Malte will „seine Schlesier“ nicht im Stich lassen. „Ich habe die Leute herausgebracht, ich muss dafür sorgen, dass sie zurecht kommen.“

Martin (Claus Holm), Marianne (Sabine Bethmann) und Hansi, Hansili und Hansilein

Enkel Martin ist Geschäftsmann, gerade in Paris im Modesalon seiner Geliebten Simone (Erica Beer). Eigentlich will er mit Simone nach Ägypten und wird jetzt von „grand-maman und grand-pere“ nach Falkenberg gerufen. Martin hat eine einfache Lösung für die finanziellen Probleme; die Großeltern sollen das Gut verkaufen, sich eine nette Drei-Zimmer-Wohnung mieten und ins Theater und in Konzerte gehen. Da bekommt er es aber mit Marianne (Sabine Bethmann in dezenten Blau- und Pastelltönen mit Halsschleifchen) zu tun, der angenommenen Tochter des Barons. Sie spricht von Pflicht und Verantwortung und der Heimat, die sie sich aufgebaut haben; er nennt sie Kindchen und Kleines. Ach, seufzt die Frau Baronin, wie soll Martin sein Leben durchstehen ohne Familie, ohne Heimat. Er weiß doch gar nicht, was das ist. Da läutet die Kirchenglocke; Marianne führt Martin durch den Schnee ins Dorf, wo die Kinder Schlitten fahren und unter „O Tannenbaum“ Gesang Krippenfiguren anmalen. Marianne zeigt Martin auch den Weg in den tiefverschneiten Wald, wo das Rehkitz aus dem Vorspann wohnt. Ist es womöglich auch aus Schlesien geflohen? Marianne ruft es „Hansi“, Hansili“ und „Hansilein“ und Martin wird’s ganz wunderlich im Gemüt, wie er Marianne und Hansilein engumschlungen sieht.

Die todschicke Rivalin Simone (Erica Beer) verzichtet auf Martin

Der Verwalter Stengle ist ein Gauner; er hat dem Baron Geld gestohlen – deswegen die finanziellen Nöte – und steht unter dem Pantoffel seiner modebewußten, ehrgeizigen Frau (Ilse Steppat). Als Martin das herausbekommt, will Stengle ihn erschießen. Aber Martin wird nur verletzt, Stengle gefasst und jetzt werden Martin und Marianne das Gut samt Glashütte, Verantwortung und Heimatpflege übernehmen. Der Förster (Gerd Fröbe als Rübezahl-Figur) hat es schon vorher gewußt. „Nu bleibts beim Alten“.

„Der Baron“, so heißt es einmal, „will sich nicht an die neuen Zeiten gewöhnen.“ Die Paarungen der neuen Zeit sind Geschäft ohne soziale Verantwortung und Kriminalität, die große ferne Stadt und französische Mode, kommunistische Parolen und irre Blicke (Klaus Kinski an der Zither!). Die Integration der vertriebenen Schlesier dagegen ist nur eine Arabeske. Es geht um Martin, einen „der vielen, die ihre Heimat verloren haben oder sie nicht finden können.“ An ihm liegt es, ob die Gegenwart die idyllische Variante der Vergangenheit werden kann. Komm zurück, Martin! Und Martin antwortet im Ton eines abgelaufenen Kalenderblatts „Das ist ja großartig“.

Nicht auf DVD. YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=arFpNhG5Qwc

Ergänzungen zu Filmportal:
Kassiererin: Elsa Cialowicz; Produktionsseketärin: Herta Hirsch; Ateliersekretärin: Irmgard Brahmann; Presse- und Porträtfotograf: Roman Stempka (Cinepress); Presse: Peter Kühn, Hans J. Wiechers (Cinepress)
Dreharbeiten: 19. 12. 1955 – 13.1. 1956 in den Ateliers Tempelhof; Aussenaufnahmen bis 4. 3. 1956 in Viechtach/Bayerischer Wald

 

Dienstag, 27.06.2017

Filme der Fünfziger (XXXIV): Heisse Ernte (1956)

Es liegt nahe, in „Heisse Ernte“ von Hans H. König eine deutsche Variante von „Bitterer Reis“ (1949; R: Giuseppe de Santis) zu sehen. Da gibt es  Parallelen wie die überfüllten Eisenbahnabteile,  die Barackenunterkünfte der Erntearbeiterinnen, die Gemeinheiten und Gaunereien; aber dann ist bei König doch einiges, ja vieles ganz anders.
Die Produktion gibt Rätsel auf; als Drehbuchautorin wird neben Johannes Kai zunächst die völlig unbekannte Ingrid Thauer genannt; an ihre Stelle tritt im Vorspann und in allen Filmografien der ehemalige amerikanische Filmoffizier Carl Winston. Mit Komparserie und Ausstattung wurde ein enormer Aufwand betrieben (auf der filmportal-Seite kann man einige Kostümskizzen sehen); in Tettnang baute man wegen der schlechten Wetterverhältnisse sogar zwei Säle zu Behelfsateliers um. Und schließlich ist der Film offensichtlich in zwei unterschiedlichen Versionen gelaufen.

Erik Schumann und Edith Mill

Edith Mill kommt als Auschra mit vielen Saisonarbeiterinnen zur Hopfenernte in den Film. Auschra ist aus dem Memelland geflüchtet und nun will es der Zufall oder besser gesagt das Schicksal, dass Konrad Stammer (Erik Schumann), der Sohn des Grossbauern, als Soldat bei Auschra einquartiert war. Konrad spaziert in Schaftstiefeln und mit einem Schäferhund über sein Anwesen; das soll Kraft und Autorität ausstrahlen, geht aber nicht ganz auf, weil der Herrn dem temperamentvollen Schäferhund eher hinterherstolpert. Konrad ist mit Sybille Scharfenberg (Hanna Rucker), der Tochter des Nachbarbauern, verlobt. Er fährt ein schickes VW Cabrio, Sybille ein NSU-Fiat Neckar Sport Cabriolet, das 1955 die stolze Summe von 11.000 DM kostete. Auschra fährt mit vielen anderen Frauen im Pferdewagen. Da geht es sehr simpel um Klassenunterschiede und ihre Auflösung. Sybille rauscht rücksichtslos mit ihren Neckar Sport am Pferdegespann vorbei, die Pferde brechen aus und Auschra fällt vom Wagen. Sie hat sich den Arm ausgekugelt. Gut, dass Konrad gleich zur Stelle ist; er renkt den Arm wieder ein, kümmert sich und, ja, verliebt sich in die stille, charakterstarke, bescheidene und fleißige Auschra, die unverschuldet ins Subproletariat gefallen ist.

Helmut Schmid

Wo es solches Glück gibt im Leben wie im Liederschatz („Wer das Leben liebt, so wie ich und Du,/ ja, dem fliegt das Glück nur zu“), da gibt es auch Neid und Missgunst. Stanislaus (Helmut Schmid), Auschras Großknecht aus Ostpreussen, dampft den Schwefelgeruch des Teufels und hat es auf die tapfere Auschra abgesehen. Kameramann Kurt Hasse umgibt Helmut Schmid mit Lichteffekten als ob dieser das Böse permanent ausschwitzen würde. Diese Radikalisierung hätte man sich auch für andere Figuren gewünscht. Auch Sybille ist gemein zu Auschra – sie bietet ihr  Geld, damit Auschra Konrad freigibt. Die Dynamik des Barackenlebens führt derweil zu Frauenkämpfen, nächtlichem Nacktbaden, Lagerfeuer-Romantik, Unterwäsche-Erotik und Top-Shots auf dekolletierte Tänzerinnen.
Stanislaus will Auschra mit Gewalt zurückerobern und wird dabei von Sybille und ihrem Gehilfen Inspektor Schleinitz (Robert Freytag) unterstützt. Aus Habgier bringt Stanilaus Schleinitz um und wirft Auschra von der Dachkammer einer Hopfen-Darre in die Tiefe. In der ersten, auch eine Zeit lang im Kino gezeigten Version, stirbt Auschra, in der zweiten Fassung erhebt sie sich wunderbarer Weise wie nach einem kleinen Stolpersturz. Diese Version lief im Fernsehen und wurde auch 1995 als Video unter dem Titel „Der Gutsherr und das Mädchen“ veröffentlicht.
Natürlich sind Eltern und Schwiegereltern nicht glücklich über die Auflösung der Verlobung von Konrad und Sybille („Soviel Arbeit und jetzt auch noch das!“), aber das spielt in der zweiten Fassung keine Rolle mehr, denn Auschra hat einen Todessturz überlebt. Und so näselt Vater Stammer (Friedrich Domin) der ungewollten Schwiegertochter die Worte „Du bist jetzt zu Hause“ ins Ohr, womit auch die ungerechten Klassenunterschiede wieder ins Lot gerückt sind.

Zeitgleich produzierte Richard König mit teilweise identischer Besetzung nach einer Idee von Hans König die Komödie „Zwei Bayern in St. Pauli“ (Regie: Hermann Kugelstadt). Das sieht ganz danach aus, als wollte der Produzent die gewagtere Produktion „Heiße Ernte“ mit einer Klamotte wirtschaftlich absichern. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass die ursprüngliche Fassung von „Heiße Ernte“ sich auch noch in weiteren Teilen als dem Ende von der verfügbaren Fassung unterscheidet. Aber sicher wird man natürlich erst sein, wenn die erste Fassung wieder auftaucht. Und auch das ist ziemlich unwahrscheinlich, denn wer sollte sich schon auf die Suche nach einem Heimatfilm von Hans H. König aus den 1950ern begeben? Das wäre vielleicht ein Fall für das Werkstattkino in München.

Mittwoch, 03.05.2017

Filme der Fünfziger (XXXIII): Dunja (1955)

Karl Heinz Böhm und Eva Bartok sehen in die Kulisse

Die Filme der fünfziger Jahre zeigen die Vorstellungen und Phantasien, die die Gesellschaft von sich hatte und mit denen sie sich ihrer selbst vergewissern wollte: so wie sie sein wollte oder wie sie sein sollte, welche Rollenmodelle, welche Vergnügungen es geben sollte und welche nicht. Auch als Moralapostel pustete sich das Kino gelegentlich ziemlich auf. Das ist schon manchmal etwas schräg, aber ganz schrill kann es werden, wenn es um die Vorstellungen von Nicht-Bundesrepublikanischem geht. In Italien ist die Liebe zu Haus, mit Wein, Gesang und Caprifischern, in Frankreich ist es immerzu pikant und olala, die Amerikaner sind reich und etwas naiv-ungehobelt und in Russland gibt es – wir blicken zurück in die goldene Zeit der Zaren – russische Seele, russisches Gemüt, Tanz und Wodka und ganz viel Traurigkeit.
„Dunja“ ist das Remake des ungemein erfolgreichen Film „Der Postmeister“ (1940), den Gustav Ucicky nach der Novelle von Puschkin mit Heinrich George, Hilde Krahl und Margit Symo gedreht hatte. Regisseur Josef von Baky hatte Walter Richter in einer Theateraufführung von „Fuhrmann Henschel“ gesehen und engagierte ihn für seine geplante filmische Adaption des Hauptmann-Stückes. Zunächst aber spielte Richter den „Postmeister“ in Bakys Remake.
Vor allem Farbe gibt es in der Neuverfilmung; knalliges, flirrendes Rot und schwere, bedrückende Dunkelheit. Die Agfa in Leverkusen hatte ein neues Agfacolor Negativ- und Positiv-Material entwickelt, das hier erstmals angewendet wurde . Jetzt sieht alles – oder jedenfalls das meiste – wie ein beleuchteter Hades aus. Es gibt kaum Tageslicht oder natürliche Lichtquellen, und in dieser synthetischen Atmosphäre agieren oder stehen nun Ivan Desny, Karl Heinz Böhm und Eva Bartok um Walter Richter herum, den Postmeister eben. In Richters Interpretation lebt der Postmeister völlig abgekapselt von der Wirklichkeit, folgt nur seinen eigenen Phantasien und ist in seinem religiösem Wahn und Selbstmitleid unberechenbar. Einen Tyrannen und Egoisten nennt ihn Desny zu Recht, und meint damit seine erdrückende Gutherzig- und Gluckenhaftigkeit. Neben Richter als der nach innen wütenden Vatergestalt verblassen alle anderen Figuren. Desny zieht sich durch weltmännische Lässigkeit aus der Bredouille; Eva Bartoks fehlende Begabung kaschieren Anders und Baky durch ganz viel Schatten, der ihr Gesicht dekorativ verdeckt oder aus dem sie für einen interessanten Moment auch heraustreten darf. So viele gute Menschen werden hier betrogen, des Selbstmitleids und lautstarken Jammers will es gar kein Ende nehmen. In solchen Momenten dürfen auch Eva Bartok und Karl Heinz Böhm als verlorene Kinder ihren großen Auftritt haben. Günter Anders rettet den Film mit vielen ungewöhnlichen und unaufdringlichen Kamerablicken.
Es tanzen die Kosaken, es tanzt Maria Litto sehr viel züchtiger als Margit Symo in der früheren Version, es wird zum Fest gesungen und zur Arbeit gesummt, es kommt einem vor als solle auch die Musik in Agfacolor sein. Das ist eine ganz spezielle Art von deutschem Melodram, man könnte diese Form etwas ungalant das „Drama mit dem melodramatischen Rumms“ nennen.
Macht Platz 29 auf der Liste der meistbesuchten Filme der Saison 1955/56.

DVD bei filmjuwelen

Ergänzungen und Konkretisierungen zu filmportal:
Herstellungsleitung: Dr. Herbert Gruber; Ton: Herbert Janeczk, Ing. Kurt Schwarz; Regieassistent: Wolfgang Glück; Kostüme: Edith Almoalino; Choreographie: Dia Luca; 2. Kameramann: Hannes Staudinger; Kamera-Assistent: Herbert Müller; Maskenbildner: Jonas Müller; Leo Wiedemann, Leo Umyssa, Hilde Schmidt-Hnilitschka; Aufnahmeleiter: Wolfgang Birk, Alois Bednar; Standfotos: Otto Klimatschek
Mit Otto Schenk (Sascha), Bruno Dallansky (Pjotr), Ernst Meister (1. Fähnrich), Jörg Liebenfels (2. Fähnrich), Georg Hartmann (Hausmeister), Kurt Müller-Böck (1. Offizier), Peter Sparovitz (Knecht)
Dreharbeiten vom 26. September 1955 bis 5. November 1955 in den Ateliers der Wien Film am Rosenhügel und Sievering.
Deutsche Uraufführung: 22.12. 1955, Theater am Kröpcke, Hannover
Der Film wurde ursprünglich im Format 1,85:1 gedreht und war auch als Breitwand-Kopie verfügbar; bei der Uraufführung wurde eine Kopie im Format 1,3 :1 gezeigt. Beide Bildformate wurden vom Verleih angeboten. Bei der DVD Einspielung wurde das Format 1,3 :1 verwendet.

Donnerstag, 20.04.2017

Filme der Fünfziger XXXII: Du mein stilles Tal (1955)

Der dramatische Konflikt vieler Familien-, Heimat- und Gesellschaftsfilme der 50er entsteht mit der Entdeckung einer Verfehlung, einer Sünde oder Erblast. Rechnet man nach, wie lange das schuldbringende Ereignis zurückliegt, landet man meistens in der NS-Zeit und kann spekulieren, ob mit der Schuld auch verklausuliert Politisches verbunden und gemeint sein soll. Gerade das soll nicht sein; die Schuld ist eine persönliche, private und nahezu intime Verfehlung, die ganz zufällig in der NS-Zeit lokalisiert ist, mit der sie ansonsten aber auch rein gar nichts zu tun hat. Schuld soll immer nur persönlich gesehen werden.
Je länger sie zurückliegt, desto mehr relativiert sich die Schuld; ihre konkrete Thematisierung in der Gegenwart kann gefährlich werden, hat destruktives Potential und bedroht das Glück. Lohnt sich also moralische Rigidität oder ist es nicht besser, die Schuld – ist ja schon so lange her – auszuschweigen, zu verdrängen und zu leugnen? „Du mein stilles Tal“ hieß zunächst „Schweigepflicht“ und hat mit diesem Titel auch die Antwort parat; die rechtliche Verpflichtung von Geistlichen, Anwälten und Ärzten weitet der Film aus zu einem moralischen Anspruch an Jedermann. Nicht nur kann es besser sein zu schweigen, es kann sogar Deine Pflicht sein, weil sonst das System – hier die Familie – zusammenbricht. Im Umkehrschluss ist es dann pflichtvergessen und charakterlos, über die Schuld der Vergangenheit zu reden.

Hochzeit auf Gut Breithagen, Tochter Nicky (Ingeborg Schöner) heiratet mit großem Aufgebot– eine Prozession der Hochzeitsgesellschaft aus der Kirche mit Glockengeläut und Top-Shots der Kamera, eine Parade geschmückter Mercedes-Karossen mit Hurrah und Hoje, ein rasanter Aufgalopp des Reitervereins im Park des Gutes und Voltigier-Vorführungen der Jüngsten. Alle sind reich und glücklich, nur die Gutsherrin Elisabeth Breithagen liegt mit dem Schicksal überkreuz. „Es war“, so bekennt sie dem Hausarzt und Regisseur Leonard Steckel, „ein qualvoller innerer Kampf über 20 Jahre.“ Elisabeth („Ich möchte, dass Sie mich verstehen“) erzählt ihrem Arzt auf der Gartenbank ihre Geschichte. Vor 20 Jahren zeigte Rittmeister Breithagen (Curd Jürgens) ihr das Gut, den Hof, den Park, die Stallungen und das Land. Der Rittmeister mit gewienerten Reitstiefeln und Schal im offenem Hemdkragen zeigt und zeigt bis er es nicht mehr aushält und Elisabeth an sich reißt. Sie soll seine Frau werden, aber Elisabeth fremdelt.
Der Pianist Erik Linden (Bernhard Wicki) gibt zur selben Zeit in dem Städtchen ein Konzert; Linden ist sensibel, tiefsinnig, ein Mann von Welt mit einem Blick, dass es einem heiß den Rücken runtergeht. Er sagt: „Jetzt reise ich viel; Rom, Paris, Chicago, New York.“ Und in das Städtchen der Elisabeth, die ihm beim Klavierspiel für eine Nacht verfällt. Am nächsten Tag reist Linden ohne wirklichen Abschied weiter; enttäuscht und ohne Hoffnung gibt Elisabeth dem Rittmeister das Jawort, fällt bei der Hochzeit kurz in Ohnmacht und entdeckt mit dem Hausarzt, dass sie schwanger ist. Nein, der Rittmeister weiß nichts, bis heute nicht.
Auf der Parkbank der Gegenwart dann die bange Frage: „Muss ich schweigen?“ Der Hausarzt steht auf, schaut in die Ferne und liest im Horizont die Antwort: „Ich glaube ja, Sie würden sonst das Lebensglück der beiden Neuvermählten auf furchtbare Weise zerstören.“ Elisabeth erhebt sich tapfer: “Ich muss mit meiner Schuld alleine fertig werden.“
Acht Jahre nach der Hochzeit mit Gert Breithagen trifft sie Linden wieder in Berlin; er fährt ihr nach, will mit ihr, seiner späterkannten großen Liebe, nach Lateinamerika. Elisabeth zögert; sie will ja glücklich werden, aber was sagt denn die Kirche dazu? Hans Leibelt spricht als Pfarrer: „Das Leben Ihres Kindes ist hier auf dem Gut des Rittmeisters und Sie, die Mutter, gehören zu ihrem Kind.“ So gönnt sich Elisabeth nur einen dramatischen nächtlichen Abschiedskuss im Scheinwerferlicht, am Kreuzweg ihres Lebens. Curd Jürgens ahnte schon Betrug, betrank sich und verfiel mit stierem Blick – große Szene – einem Tobsuchtsanfall; seit Emil Jannings ist das im deutschen Film der finale Ausweg betrogener Männer.

Nun aber wieder Gegenwart, mit Hochzeitstrubel und Gästeschar. Unter den Gästen das „fremdartige, dunkle Mädchen“ Rita Borell (Nadja Regin), und auch Elisabeth ahnt Betrug, ist eifersüchtig und macht ihrem Gert ein spätes Liebesgeständnis. Zu spät, mit Bittermiene wird sie zurückgewiesen. „Ich lebte seit 20 Jahren mit einem Eisblock.“ Der Anwalt (Ernst Schröder), zum Schweigen verpflichtet, besorgt für Gert und Rita ein Haus auf Capri. Aber wird Rita Gert in 20 Jahren noch treu sein? Gert kommt blitzschnell zu sich, nein, das wird nichts. Tochter Nicky will mit ihrem Mann in die Flitterwochen, aber, an die Eltern gewandt: „Ich gehe nicht eher, als bis ihr mir sagt, was los ist.“ Das möchten jetzt auch alle Kinobesucher wissen. Curd Jürgens spricht, an Winnie Markus gewandt, die erlösenden Worte: “Nichts auf der Welt wird uns trennen.“ So hat sich die Verschwiegenheit doch gelohnt, zum Glück für alle und zum Extra-Glück für Nicky. Das Haus auf Capri geht jetzt an sie. Hoffen wir, dass sie dort nicht einem Typen so fremdartig und dunkel wie Bernhard Wicki verfällt.

Handlung, Posen und Dialoge könnten direkt Groschenromanserien wie „Die Truhe“ oder „Erika“ entnommen sein. Der Handlungsentwurf sah ursprünglich wohl anders aus. Pfarrer, Rechtsanwalt und Arzt wissen, dass die Tochter unehelich ist, dass das Gut vor dem Konkurs steht und der Gutsherr in die Hände einer Salonschlange gefallen ist. Davon blieben nur Rudimente. Auch die Besetzung ist wie auf dem Reißbrett entworfen. Jürgens hatte es schon in „Man nennt es Liebe“ mit der eher unkonventionellen Ehefrau Winnie Markus zu tun und war in „Gefangene der Liebe“ mit einem unehelichen Kind konfrontiert, dessen Vater wiederum Bernhard Wicki darstellte. Die drei Schauspieler waren in der Wahl ihrer Engagements nicht unbedingt wählerisch. Winnie Markus und Bernhard Wicki spielten 1955/56 jeder in 7 Spielfilmen, Curd Jürgens brachte es auf ein glattes Dutzend. 1955 hatte Jürgens für seine Darstellung in „Des Teufels General“ (R: Helmut Käuntner) in Venedig den Volpi Pokal bekommen; als er hörte, dass der Gloria Verleih den Titel des Films „Schweigepflicht“ in „Du mein stilles Tal“ ändern wollte, verklagte Jürgens die Produktionsfirma CCC auf Beibehaltung des ursprünglichen Titels. Er befürchtete, dass sein Marktwert durch die Mitwirkung an einem Heimatfilm sinken könnte. Offiziell ging es ihm und allen anderen Beteiligten um künstlerische Integrität. Ihre Namen sollten aus dem Vorspann entfernt werden, falls der Film unter dem Titel „Du mein stilles Tal“ laufen würde. Kurzzeitig erwog man den Titel „Erbe der Väter“, der mit dem Film aber noch weniger zu tun hatte als „Du mein stilles Tal“, das im Titellied „Im schönsten Wiesengrunde“ wenigstens angesprochen wird. Der Prozess machte viel Aufsehen, hatte aber so gut wie keinen Effekt. Die Künstler wurden weiterhin im Vorspann genannt, die Parteien (Gloria/CCC und Jürgens) einigten sich im Juli 1958 darauf, den Prozess einzustellen und sich die Prozesskosten zu teilen. „Du mein stilles Tal“ landete in der Liste der bestbesuchten Filme der Saison 1955/ 56 auf Platz 35.


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