Einträge von Werner Sudendorf

Donnerstag, 14.12.2017

Filme der Fünfziger (XXXVIII): Der Mann meines Lebens (1954)

Am 30. Januar 1954 trieb es den Familienminister Wuermeling (CDU) zu einer programmatischen Erklärung: “Der durchschnittliche Unterhaltungsfilm zeigt allzu oft eine Auffassung der Ehe und Familie, die dem im Abendland gültigen Bild widerspricht. In der Sorge um den Bestand unserer Familie und damit auch um die Zukunft unserer Gesellschaft muss das einmal offen ausgesprochen werden. Nicht Prüderie und altjüngferlicher Moralismus, sondern das ewig gültige Richtbild von Ehe und Familie sollen bei der Beurteilung maßgebend sein.“ Mit Blick auf die Bundesbürgschaften für Filme forderte Wuermeling, nur jene Produktionen „finanzieren zu helfen, die den Wert von Ehe und Familie nicht herabsetzen. … Wenn in der Demokratie der Staatsbürger der Träger des Staates ist, dann hat er das Recht und die Pflicht, allem entgegenzutreten, was seinem Staat die Existenzgrundlagen entzieht.“ Er forderte „nicht Staatszensur, sondern Volkszensur unseres kulturellen Lebens!“.

Im Februar und März desselben Jahres ging es von Seiten der katholischen Kirche mal wieder auf Treibjagd gegen die Freiwillige Selbstkontrolle und ihre Praxis der Jugendfreigabe. Ein Gutachten von Dr. Viktor Engelhardt kam zu dem Ergebnis, das „eine gar nicht wiederzugebende Fülle von Gangstermorden, Grausamkeiten, Wildwestroheiten, Nervenaufpeitschungen, erotischen Zweideutigkeiten und falschen luxuriösen Lebensbildern – in welchem die Chansonsängerin als die große Künstlerin und die Nachtbar als das normale Lebensmilieu dargestellt wird – auf die Kinder herab(prasselt).“ Die Katholische Filmliga Neuss zeigte als abschreckendes Beispiel den Howard Hughes Film „The Outlaw“ (Geächtet), der ab 12 Jahren zugelassen war, aber von der Katholischen Kirche mit 2EE (Für Erwachsene mit erheblichen Einwänden) bewertet wurde. In derselben Zeit folgten die deutschen Illustrierten der sich überschlagenden „Chronique scandaleuse“ zwischen Eva Bartok und dem noch verheirateten Curd Jürgens. Der Vizepräsident des Bundestages Dr. Richard Jäger (CSU) erkannte darin, in Kalter Kriegs-Rhetorik delirierend, den Ausdruck „kulturbolschewistischer Tendenzen“.

In dieser Atmosphäre des Kulturkampfes entstand „Der Mann meines Lebens“, gedreht immerhin unter der Regie von Erich Engel, dem man sicherlich keine Sympathien für die reaktionären Wortführer unterstellen kann. Der Titel spekuliert auf das weibliche Publikum, ist aber eine Mogelpackung. Es geht nicht um eine weibliche Perspektive, sondern um seine Abwehr zugunsten einer funktionierenden Ordnung, und sei sie noch so freudlos.

Der Künstler

Der weltbekannte Violinist Nils Ascan (René Deltgen) kommt in seine Heimatstadt zurück, um ein Konzert zu geben. Vor fünfzehn Jahren – das wäre dann 1939 gewesen – war er Hals über Kopfwegen wegen einer dummen Liebesgeschichte weggegangen. So kann man Verfolgung und Emigration auch definieren. Nun will er seine Jugendliebe, die Oberschwester Helga Dargatter (Marianne Hoppe), wiedergewinnen. Professor Bergstetten (Karl Ludwig Diehl), der leitende Arzt des ärztlichen Krankenhauses, wiegt bedenklich sein Oberhaupt gegenüber seiner Oberschwester. „Es gibt ja wirklich auch heute noch Persönlichkeiten in der Kunst die, na ja… Na eben, unheimliche Menschen. Wenn Sie so wollen, dämonisch.“ Und auch Professor Kühn (Otto Gebühr), Ascans ehemaliger Lehrer, ermahnt Helga: „Was das Schicksal einmal getrennt hat, das soll der Mensch nicht wieder zusammenkleistern.“ Nach dem Konzert, von dem Helga nur den Schluß (die Pflichten!) mitbekommt, tuscheln die Frauen: „Er ist hinreißend, aber auch ein bisschen unheimlich.“ Helga will sich nicht wieder auf den „Teufelsgeiger“ einlassen.
In einer Parallelhandlung geht Oberarzt Dr. Reynold (Malte Jaeger) im Urlaub seiner Verlobten Schwester Agnes (Ina Halley) mit Schwester Thea (Gisela Trowe) ins Bett. Oberschwester Helga erfüllt als Königin der gestärkten Schwesternschürze mit steinernem Gesicht jetzt ihre Pflicht und erklärt der störrischen Thea: „Ich will, dass in diesem Haus Ordnung herrscht, moralische Sauberkeit. So geht es eben nicht – ‚das ist meine Angelegenheit’.

Madonna Oberschwester

Damit stellen Sie sich außerhalb der Gemeinschaft von uns allen. Ein Krankenhaus ist nicht irgendein Betrieb, sondern ein Zusammenschluss von Menschen, die alle aufeinander angewiesen sind. Und so wenig ich heute meinen Posten verlassen könnte, um irgendein privates Interesse zu verfolgen, so wenig sollten Sie als unsere Mitarbeiterin gegen den Geist verstoßen, der bei uns herrscht.“ Damit ist Gisela Trowe leider aus dem Filmgeschehen entlassen.
Ascan wird in einem Wirtshaus und Gelegenheitsbordell eine Flasche an den Kopf geworfen. Schwester Helga eilt zu ihm und ja, sie wird jetzt bei ihm bleiben und ihren Posten verlassen. Beim nächsten Konzert spielt Ascan so schön wie nie zuvor. Doch Schwester Agnes hat von dem Fehltritt ihres Verlobten gehört und wirft sich in einem Selbstmordversuch aus dem Fenster. Nun eilt Helga gegen Ascans heftigen Protest wieder zurück ins Krankenhaus. Sie assistiert bei der Operation, Dr. Reinhold und Agnes vertragen sich wieder und Helga bleibt jetzt für immer im Krankenhaus. „Gott sei Dank“, seufzt Professor Bergstetten, „der Spuk ist vorüber“. Das Ärztekollegium und Oberschwester Helga, auch jetzt noch mit Schürze, treffen sich zu einem Hausmusikabend. „So schön waren wir noch nie zusammen.“ Im Schlußbild fährt die Kamera auf das edel versteinerte Gesicht von Marianne Hoppe.

Der Spuk

Solche freudlosen und moralinsauren Filme waren selbst in 1950er Jahren die Ausnahme. Die Kamera versucht mit Lichteffekten, mit Schatten auf René Deltgens Gesicht und madonnenhafter Ausleuchtung von Marianne Hoppe, der erkennbar dünn konstruierten Geschichte tragischen Sinn zu geben. Einsam spaziert René Deltgen im Hafen der Stadt und auf neblig-trüben Straßen, einsam und eisern schreitet Marianne Hoppe die Flure des Krankenhauses entlang. Die Produktion ist nicht nur in diesen Szenen erkennbar unterfinanziert; so scheint auch die Kleidung der Frauen aus einem sehr bescheidenen Kostümfundus zu stammen. Das Tageskleid der Frau des Kulturreferenten sieht aus wie ein umgearbeiteter Bademantel, ein Bolerojäckchen mit eingearbeiteter Weste wäre besser in einem Revuefilm untergebracht. Der rasende Beifall der Konzertbesucher stammt aus der Konserve und passt nicht zu der überschaubaren Menge des Publikums.

Auch wenn ich einigen Mitarbeitern der Produktion damit vielleicht Unrecht tue – mir kommt es vor, als wollten hier alte Kameraden die Frauen mores lehren. Der Produzent Viktor von Struve war Produktions- und Herstellungsleiter bei der Ufa und Terra. Die Vorlage stammt vom ehemaligen Produktionschef der Ufa Otto Heinz Jahn. Der Leiter der Combo im Wirtshaus ist Eberhard Glombig, ehedem Komponist des Reichsparteitagsfilms „Nürnberg 1937“ (1938, R: Carl Junghans); und Orchesterdirigent war Fritz Stein, im „Dritten Reich“ bekannt als rigoroser Antisemit.

Nicht als DVD

Ergänzungen zu filmportal:
Mit Günther Jerschke (Hotelportier), Josef Dahmen (Fernfahrer), Ilse Kiewiet (Wirtstochter), Mirja Ziegel-Horwitz (Kneipenwirtin).
Geigensoli: Prof. Erich Röhn; Orchester Eberhard Glombig; Fritz Stein mit dem Orchester F.F.B. (Forces Françaises de Berlin); Kameraassistent: Henry Rupé; Garderobiere: Lotte Runow und  Johann Fischer; Atelier-Sekretärin: Liselotte Christ; Standfotos: Johann Lindner. Bruno Suckau, in filmportal mit einem Fragezeichen unter Ton versehen, steht als Tonmann im Vorspann.
Gedreht in den Ateliers Bendestorf. Außenaufnahmen ab 30.12.1953; Atelieraufnahmen 4.1.1954 bis 11.2.1954

Dank an Guido Altendorf, Barbara Schroeter und Joachim Voelmecke

 

 

Samstag, 18.11.2017

Filme der Fünfziger (XXXVII): Ein Herz kehrt heim (1956)

Das Herz im Titel bemüht bewusst das empfindsame Gemüt; aber was ist mit dem Titel gemeint? Findet ein Mann nach langen Irrwegen seine Frau oder vielleicht umgekehrt? Kehrt der verlorene Sohn zurück, wurde ein Baby vertauscht? Nichts von alledem, wir begegnen einem Heimkehrerfilm, bei dem man bis zum Schluss nicht weiß, wessen Herz nach Hause findet. Kommen Heimkehrer im BRD-Film aus dem Osten, sind sie in der Regel verbittert und müssen sich erst mal zurechtfinden. Kommen sie aus dem Westen, bevorzugt aus Amerika, haben sie etwas gutzumachen, weil sie natürlich reich geworden sind, während die Deutschen so schrecklich gelitten haben. Hier geht es jetzt um Wiedergutmachung und da hört der Spaß auf.

Robert Lennart (Willy Birgel) ist ein international gefragter Dirigent, gastiert gerade in der Mailänder Scala und muss direkt vom Konzert eiligst zum Flughafen. Im Dirigentenflur hängt neben Plakaten für Konzerte in Mailand, Rom und New York wie selbstverständlich eine Ankündigung für die Musikfestspiele der Stadt Neuburg. So ein Zufall! Lennart war einmal eine Zeit, lang ist’s her, Kapellmeister in Neuburg, „genial und unverstanden“, verbrachte dort seine glücklichste Zeit und hieß „übrigens“ damals noch Nordhoff. In Neuburg möchte er gerne dirigieren, Gage ist egal, Zeit ist erstaunlicherweise auch noch, das nächste Engagement in Rio ist erst am 28. Also auf nach Neuburg.
Neuburg ist eine Industriestadt; Arbeiter, unter ihnen Fabrikantensohn Wolfgang Thomas (Maximilian Schell), verlassen verdreckt die Fabrik. Von der Industrieanlage sieht man später aus der Ferne noch Archivbilder eines Hochofens und ansonsten nur das Direktionszimmer. In der Thomas-Villa stehen riesige Porzellanvasen mit und ohne Blumen, Keramik- und Steinfiguren in Fülle, die Tapeten haben dezente Pflanzenmuster, im Garten plätschert ein Zierbrunnen. Es gibt ein Kunstzimmer mit Flügel und Bibliothek, einen großen Wintergarten, einen privaten Essraum und natürlich einen Salon. Wolfgang, der einzige Sohn, will eigentlich Pianist werden und verbringt seine freie Zeit am liebsten mit dem jungen Komponisten Reinhard Besselmann (Heinz Reinke), genannt „Muffel“, dessen Gefährtin Maxie (Ernie Mangold) und seiner Freundin, der Solotänzerin Sylvia Hartung (Hertha Martin). Das passt dem Vater Martin Thomas (Hans Nielsen) nicht. „Ich war auch mal jung; hatte auch Hirngespinste und wollte etwas anderes als mein Vater. Heute bin ich ihm dankbar, dass er mich richtig geführt hat. Es wird langsam Zeit, dass der Junge sich auf den Betrieb konzentriert.“ Der Generationskonflikt wird in der Villa beim edel gedeckten Abendbrot aufgetischt.

Ernie Mangold becirct vergeblich Willy Birgel

Die jungen Leute ziehen derweil in ihrer Studentenwohnung über die Alten her. Das Repertoire des Dirigenten Lennart nennt Muffel „garnierte Kulturplatte“. Lennart zeigt seiner Sekretärin Snyder (Ursula Herking), auch eine Emigrantin, die Stadt; Fachwerkhäuser, Stadtteich, im Hintergrund das Konzerthaus, dazu seufzen Flöten und Geigen. Jetzt aber zur Probe, die schon unter der Leitung von Kapellmeister Boerner (Charles Regnier) begonnen hat. Lennart und Boerner kennen sich von früher, Lennart hatte Boerner die Freundin ausgespannt. Jetzt drängt er ihn vom Dirigentenpult und korrigiert gleich die Streicher. „Inniger, noch inniger“. Vor dem Konzert gibt es einen Empfang im Hause Thomas. Die Hausherrin Irene Thomas (Maria Holst) ist die frühere Freundin von Lennart, die er vor 20 Jahren schuftig sitzen gelassen hat. Und Wolfgang, 21 Jahre alt, ist sein Sohn. Lennart lädt ihn ein, mit nach Amerika zu kommen und dort Musik zu studieren. Freund Muffel hat eine moderne Sinfonie geschrieben, Lennart dirigiert sie gleich in Neustadt. Anschließend ist Boogie-Woogie Party in der Studentenbude, mit Existenzialistinnen und verkanteter Kamera. Lennart strahlt: „Ich finde das sehr nett bei Euch, lauter junge Leute.“ Mit dem reichen Onkel aus Amerika gibt es keinen Generationenkonflikt.

Wolfgang schreibt einen Abschiedsbrief an seine Eltern; zufällig hört er aber, dass Lennart ihn nicht wegen seiner Begabung, sondern wegen der entdeckten Vaterschaft mitnehmen will. Jetzt bleibt Wolfgang doch zu Hause und alles wird gut für die Familie Thomas, die Thomas Werke und Neustadt. Lennart „fährt zurück in seine Welt des Ruhms, des Erfolges – und der Einsamkeit.“ (Presseheft)

Der von Eugen York souverän inszenierte Kramladen an Themen (Konflikt der Generationen, Standesdünkel, Klassische Musik vs. moderne Musik vs. Boogie Woogie, Selbstverwirklichung vs. Verantwortung, Anstand vs. Schuftigkeit) ist direkt aus der Haltung der Wohlstandsgesellschaft geschnitten. Der Remigrant muß sich entschuldigen, bleibt aber der Schuft. „Ich weiß,“, sagt Lennart zu Irene Thomas, „ich habe mich nicht gut benommen. Deshalb bin ich so froh, dass ich Gelegenheit habe, Dich um Verzeihung zu bitten.“ Nein, die wird nicht gewährt. „Nach all den Jahren“, so Lennart weiter, „empfinde ich auf einmal ein Gefühl der Zugehörigkeit.“ Wieder falsch. „Du gehörst zu niemandem von uns. Es muß alles so bleiben wie es ist.“ Der Streit kulminiert in einem Gespräch zwischen Vater Thomas und Lennart, geschnitten wie ein Showdown von der amerikanischen Einstellung bis zur Großaufnahme der erregten Gesichter. „Für mich sind Sie ein Einbrecher, ein Einbrecher in das Glück anderer Menschen.“ – „Ich hole mir nur, was mir gehört.“ – „Sie haben überhaupt kein Recht, weder juristisch noch moralisch.“ Das muß jetzt mal gesagt werden, aus Anstand. „Dieser Mann kann doch nicht einfach daherkommen und unser Leben kaputt machen. Das kann kein Gesetz zulassen.“

Schade, dass Ernie Mangold als Freundin Muffels nur wenige Szenen hat. Sie wäre sofort mit Lennart gegangen, raus aus dem Kleinstadtmief in die große Welt. So viel Frechheit, so viel fröhliche Unmoral. Am Ende des Kabarettchansons sieht sie mit Heinz Reinke direkt in die Kamera, als wolle sie uns eine lange Nase drehen, und sagt auch noch: „Was seid ihr alle prüde“.

Nicht auf DVD

Ergänzungen zu filmportal:
Kameraassistent: Alex Henningsen; Star- und Standfotos: Gabriele du Vinage; Pressefotos: Renée Falke
Es spielt das Deutsche Filmorchester Eberhard Soblick unter der Leitung von Wolfgang Zeller. Solist: Shura Cherkassky. Ballett der Hamburger Staatsoper. Choreographie: Sabine Ress;; Kabarett-Text: Günter Neumann (aus dem Programm der „Insulaner“).

Dreharbeiten vom 17. August – 30. September 1956 in den Real Film Studios; Außenaufnahmen in Celle am 16. September.

Uraufführung am 26. 10 1956 in Bielefeld und anderen Städten

 

Mittwoch, 23.08.2017

Filme der Fünfziger XXXVI: Heimatlos (1958)

Gegen Ende der 50er Jahre machten Heimatfilme nicht mehr die grossen und sicheren Umsätze. Dabei waren sie in der Produktion immer noch billig; Schauspieler, Regisseure, das gesamte Produktionsteam waren sich klar, dass hier kein großer Kassenschlager, sondern ein Brotfilm gedreht wurde. Und die Außenaufnahmen waren so günstig. Manfred Barthel, lange Jahre bei der Gloria-Film, weiß Bescheid. „Filmleute fielen in einen Ferienort ein, sorgten für Neugier und Unruhe unter den Urlaubern, bestellten beim Fremdenverkehrsverein Volkstänze und Trachtenumzug gegen Freibier und eine Spende in die Vereinskasse, und schon konnte gedreht werden.“
Ein bisschen Zeitgeist aber sollte schon sein; und so heißt dieser Film Heimatlos nach dem großen Erfolgsschlager von Freddie Quinn, den schon alle, alle kannten und von dem in dem Film nun so getan wird als würde er gerade erst aufgenommen.
Barbara Kirchner (Marianne Hold) hat sich mit Franz Leitner (Rudolf Lenz) verlobt, schon gibt es die erste Auseinandersetzung. Barbara möchte ihre Freundin in München besuchen, Franz findet das unpassend und wird eifersüchtig. Sofort lernt Barbara den Hallodri Konrad Fürst (Peter Weck) kennen, der schicke Autos nach Italien verschiebt. Als Barbara nach München fährt, ist ihre Freundin dummerweise verreist. Wo soll sie jetzt unterkommen für die Nacht? Konrad ist zur Stelle, quartiert sie in einer Pension ein und führt sie abends in die „Bar Pigalle“ aus. Als Barbara am nächsten Tag nach Hause kommt, hat Franz schon alles ihrem Vater (Willy Rösner) gepetzt; große Auseinandersetzung, Barbara zieht um nach München und lebt mit Konrad zusammen. Der will kurzzeitig anständig werden, wird aber von der Polizei erschossen. Jetzt muß Barbara arbeiten und findet in der „Bar Pigalle“ einen Job. Dort singt Freddy unter anderem sein Lied:  „Keine Freunde, keine Liebe/ keiner denkt an mich das ganze Jahr/ keine Freunde, keine Liebe/ wie es früher, früher einmal war.“ Bei seinem Vortrag hebt er traurig mal den einen, dann den anderen Arm, dann müde vom Elend beide auf einmal. Ein Showtalent ist er nicht, aber nett. Er besorgt Barbara eine billigere Wohnung; sie bekommt aus ihrer Liaison mit Konrad ein Kind, ein herziges Mädchen. Da kommt der Pfarrer aus dem Heimatort des Weges und entdeckt die vielen unglücklichen Umstände. Aber Barbara ist auch patent und praktisch. Von jetzt auf gleich wird sie Modeschneiderin. Ihr ehemaliger Verlobter, vom Pfarrer eingeweiht, wirbt wieder um sie und bringt dem Kindchen einen Hundewelpen mit. Freddy will dem Kind einen Spielzeughund aus Holz schenken; er hat jetzt einen Plattenvertrag und hält um Barbaras Hand an. So unbeholfen und so nett – Barbara heiratet Franz. Freddy geht ins Aufnahmestudio und singt: „Ruhelos zieh ich von Ort zu Ort, ruhlos wie Wolken im Wind. Überall such ich ein liebes Wort, such ich Menschen, die gut zu mir sind.“ So bleibt Freddys Polydor-Legende als Heimatloser intakt und Marianne Hold kann noch im selben Jahr in Mein Schatz ist aus Tirol und Der Priester und das Mädchen erneut die Liebe finden.

Herbert F. Fredersdorf hat den Film inszeniert; Fredersdorf war ursprünglich Cutter, dann Regieassistent. Als Regisseur ist er mit dem Film „Weit ist der Weg“ (1947/48) über einen Holocaust-

Der oben vollverglaste touropa-Bus

Überlebenden bekannt geworden, kehrte dann zunächst zu seinem Beruf als Cutter zurück und drehte in den 1950er Jahren nur noch Märchen- und Heimatfilme. Ganz außergewöhnlich ist ein Auftritt von Sybille Pagel, der späteren Dany Mann, mit dem Lied „Auf der Gamsbockalm“, in der sich Schuhplattler und Swing vermischen.
Das Land, die gar nicht so intakte Heimat, ist mit Aufnahmen von einem Trachtenumzug, Wiesen, blühenden Bäumen und Bergen präsent. Die Stadt dagegen hat nur die Innenräume der „Bar Pigalle“, die Wohnungen und ganz zum Schluß das Aufnahmestudio Freddys zu bieten. Auch die Freundin, ursprünglich der gute Stadtkamerad, taucht nicht mehr auf. Sie ist ein Totalausfall.

Aufgefallen ist mir ein schicker Touropa-Bus, mit dem Marianne Hold und Peter Weck nach München fahren. Touropa Busse fuhren keine Linienstrecken in der Provinz. Die Produktionsfirma Divina-Film, ein Ableger des Gloria-Verleihs, hatte touropa und die Abendzeitung München als Werbepartner eingekauft. Unter dem Motto „Frühling und Film in Südtirol“ konnten Münchner beim „Amtlichen Bayerischen Reisebüro“ eine Wochenendreise mit touropa nach Bozen und Meran zu den Außenaufnahmen von Heimatlos buchen. Alle Schauspieler mußten bei der Abendveranstaltung mitmachen; Freddy sang seine traurigen Lieder, Sybille Pagel ihre Schlager, bei einem Quiz konnte man Probeaufnahmen gewinnen und am Sonntag als Komparsen bei den Dreharbeiten mitmachen. Der Programmpunkt ging allerdings schief, am Sonntag regnete es Bindfäden. Macht nichts, die Kosten konnten sowieso als Werbung abgesetzt werden. So kam der touropa-Bus in den Film. Der ist wirklich sehenswert.

DVD bei filmjuwelen

Präzisierungen zu filmportal:
Kameraführung : Günther Grimm
Mit Willy Rösner (Vater Kirchner), Monika John (Frau Huber), Michael Burk (Wiggerl), Nora Minor (Crescentia), Marion Fuchs (Dienstmädchen), Cheryl Benard (Das Kind), Lotar Olias

Samstag, 05.08.2017

Filme der Fünfziger XXXV: Waldwinter (1956)

Über 90 Filme hat Wolfgang Liebeneiner seit 1937 inszeniert. An vielen hat er als Drehbuchautor mitgewirkt, in einigen seiner Regiefilme ist er auch als Schauspieler aufgetreten; von 1931 bis 1937 war er im Film nur als Schauspieler präsent. Man könnte einen Autorenfilmer vermuten, aber kann ein Multi-Funktionär ein Autorenfilmer sein? Liebeneiner war im „Dritten Reich“ im Aufsichtsrat der Terra, Leiter der künstlerischen Fakultät der Filmakademie Babelsberg, Leiter der Fachschaft Film der Reichsfilmkammer und … und … und Produktionschef der Ufa, sogar Professor von Goebbels Gnaden. Man sieht seinen Filmen den Kenner und Könner an und man kann neben den bekannten Propagandaschoten „Bismarck“ (1940), „Ich klage an“ (1941) und „Die Entlassung“ (1942) durchaus Filme entdecken, die viel vom Alltag im „Dritten Reich“ vermitteln. Liebeneiner war ein Alleskönner: Realist, Melodramatiker, Gesellschaftskritiker, Komödiant, was auch immer. Nur politisch war er nach eigener Aussage nie. Ein Konformist, ein Opportunist, gar Parteigänger jeglicher Partei? Vielleicht eher ein Chamäleon – stets in der ersten Reihe und doch nie erkennbar.

Nun also „Waldwinter“ aus dem Jahr 1956, Liebeneiners dritter Heimatfilm nach „… und ewig bleibt die Liebe“ und der schaurigen „Schönen Müllerin“, beide 1954. Liebeneiner hat dem Film in etwas holpriger Diktion einige grundsätzliche Überlegungen beigegeben. „Wenn man dem ‚Heimatfilm’ das Unechte und Kitschige nimmt, wenn man ihn ohne Sentimentalität und ohne heuchlerische Spekulation auf intimste Erinnerungswerte herstellt, dann tritt eines der wesentlichsten und wichtigsten Probleme unseres Daseins hervor: die Frage nach dem Wesen und dem Wert der Heimat, die uns alle angeht. … Hier ist eine Fülle von Konflikten möglich, die Fragen unserer Zeit anschneiden und die die Antwort nicht aufdrängen, sondern es dem Zuschauer überlassen, aus dem Geschehen seine Schlüsse zu ziehen und sich mit der Liebe und dem Hass, mit den Leiden und Freuden der Mitmenschen auf der Leinwand zu identifizieren. Darum ist ein echter ‚Heimatfilm’ aktuell und spannend und ein wahres Kind unserer Zeit.“

Schlesien, tief eingeschneite Felder, ein Rehkitz und dazu das schlesische Volkslied „In dem Schneegebirge“ mit den Zeilen „Ade, mein Schatz, ich scheide. Ade, mein Schätzelein! Wann kommst du denn doch wieder, Herzallerliebste mein?“ Baron Malte (Rudolf Forster) ist mit dem Dorf zu Weihnachten in der Dorfkirche. In einem Kübelwagen kommt Enkel Martin (Claus Holm) gefahren und warnt den Baron, dass das Dorf in wenigen Tagen vom Krieg überrannt wird. Gut, dass es noch das Jagdschloss im Bayerischen Wald gibt. Hast Du nicht gesehen, sind wir mit allen Dorfbewohnern rund 10 Jahre später im Bayerischen Wald.

Dort will der Baron eine Glashütte aufbauen, aber sein Gut ist verschuldet und sein Wald zu einem beträchtlichen Teil schon abgeholzt. Der Verwalter Stengle (Willy A. Kleinau) drängt darauf, das Jagdschloss an einen Hotelier zu verkaufen. Aber Onkel Malte will „seine Schlesier“ nicht im Stich lassen. „Ich habe die Leute herausgebracht, ich muss dafür sorgen, dass sie zurecht kommen.“

Martin (Claus Holm), Marianne (Sabine Bethmann) und Hansi, Hansili und Hansilein

Enkel Martin ist Geschäftsmann, gerade in Paris im Modesalon seiner Geliebten Simone (Erica Beer). Eigentlich will er mit Simone nach Ägypten und wird jetzt von „grand-maman und grand-pere“ nach Falkenberg gerufen. Martin hat eine einfache Lösung für die finanziellen Probleme; die Großeltern sollen das Gut verkaufen, sich eine nette Drei-Zimmer-Wohnung mieten und ins Theater und in Konzerte gehen. Da bekommt er es aber mit Marianne (Sabine Bethmann in dezenten Blau- und Pastelltönen mit Halsschleifchen) zu tun, der angenommenen Tochter des Barons. Sie spricht von Pflicht und Verantwortung und der Heimat, die sie sich aufgebaut haben; er nennt sie Kindchen und Kleines. Ach, seufzt die Frau Baronin, wie soll Martin sein Leben durchstehen ohne Familie, ohne Heimat. Er weiß doch gar nicht, was das ist. Da läutet die Kirchenglocke; Marianne führt Martin durch den Schnee ins Dorf, wo die Kinder Schlitten fahren und unter „O Tannenbaum“ Gesang Krippenfiguren anmalen. Marianne zeigt Martin auch den Weg in den tiefverschneiten Wald, wo das Rehkitz aus dem Vorspann wohnt. Ist es womöglich auch aus Schlesien geflohen? Marianne ruft es „Hansi“, Hansili“ und „Hansilein“ und Martin wird’s ganz wunderlich im Gemüt, wie er Marianne und Hansilein engumschlungen sieht.

Die todschicke Rivalin Simone (Erica Beer) verzichtet auf Martin

Der Verwalter Stengle ist ein Gauner; er hat dem Baron Geld gestohlen – deswegen die finanziellen Nöte – und steht unter dem Pantoffel seiner modebewußten, ehrgeizigen Frau (Ilse Steppat). Als Martin das herausbekommt, will Stengle ihn erschießen. Aber Martin wird nur verletzt, Stengle gefasst und jetzt werden Martin und Marianne das Gut samt Glashütte, Verantwortung und Heimatpflege übernehmen. Der Förster (Gerd Fröbe als Rübezahl-Figur) hat es schon vorher gewußt. „Nu bleibts beim Alten“.

„Der Baron“, so heißt es einmal, „will sich nicht an die neuen Zeiten gewöhnen.“ Die Paarungen der neuen Zeit sind Geschäft ohne soziale Verantwortung und Kriminalität, die große ferne Stadt und französische Mode, kommunistische Parolen und irre Blicke (Klaus Kinski an der Zither!). Die Integration der vertriebenen Schlesier dagegen ist nur eine Arabeske. Es geht um Martin, einen „der vielen, die ihre Heimat verloren haben oder sie nicht finden können.“ An ihm liegt es, ob die Gegenwart die idyllische Variante der Vergangenheit werden kann. Komm zurück, Martin! Und Martin antwortet im Ton eines abgelaufenen Kalenderblatts „Das ist ja großartig“.

Nicht auf DVD. YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=arFpNhG5Qwc

Ergänzungen zu Filmportal:
Kassiererin: Elsa Cialowicz; Produktionsseketärin: Herta Hirsch; Ateliersekretärin: Irmgard Brahmann; Presse- und Porträtfotograf: Roman Stempka (Cinepress); Presse: Peter Kühn, Hans J. Wiechers (Cinepress)
Dreharbeiten: 19. 12. 1955 – 13.1. 1956 in den Ateliers Tempelhof; Aussenaufnahmen bis 4. 3. 1956 in Viechtach/Bayerischer Wald

 

Dienstag, 27.06.2017

Filme der Fünfziger (XXXIV): Heisse Ernte (1956)

Es liegt nahe, in „Heisse Ernte“ von Hans H. König eine deutsche Variante von „Bitterer Reis“ (1949; R: Giuseppe de Santis) zu sehen. Da gibt es  Parallelen wie die überfüllten Eisenbahnabteile,  die Barackenunterkünfte der Erntearbeiterinnen, die Gemeinheiten und Gaunereien; aber dann ist bei König doch einiges, ja vieles ganz anders.
Die Produktion gibt Rätsel auf; als Drehbuchautorin wird neben Johannes Kai zunächst die völlig unbekannte Ingrid Thauer genannt; an ihre Stelle tritt im Vorspann und in allen Filmografien der ehemalige amerikanische Filmoffizier Carl Winston. Mit Komparserie und Ausstattung wurde ein enormer Aufwand betrieben (auf der filmportal-Seite kann man einige Kostümskizzen sehen); in Tettnang baute man wegen der schlechten Wetterverhältnisse sogar zwei Säle zu Behelfsateliers um. Und schließlich ist der Film offensichtlich in zwei unterschiedlichen Versionen gelaufen.

Erik Schumann und Edith Mill

Edith Mill kommt als Auschra mit vielen Saisonarbeiterinnen zur Hopfenernte in den Film. Auschra ist aus dem Memelland geflüchtet und nun will es der Zufall oder besser gesagt das Schicksal, dass Konrad Stammer (Erik Schumann), der Sohn des Grossbauern, als Soldat bei Auschra einquartiert war. Konrad spaziert in Schaftstiefeln und mit einem Schäferhund über sein Anwesen; das soll Kraft und Autorität ausstrahlen, geht aber nicht ganz auf, weil der Herrn dem temperamentvollen Schäferhund eher hinterherstolpert. Konrad ist mit Sybille Scharfenberg (Hanna Rucker), der Tochter des Nachbarbauern, verlobt. Er fährt ein schickes VW Cabrio, Sybille ein NSU-Fiat Neckar Sport Cabriolet, das 1955 die stolze Summe von 11.000 DM kostete. Auschra fährt mit vielen anderen Frauen im Pferdewagen. Da geht es sehr simpel um Klassenunterschiede und ihre Auflösung. Sybille rauscht rücksichtslos mit ihren Neckar Sport am Pferdegespann vorbei, die Pferde brechen aus und Auschra fällt vom Wagen. Sie hat sich den Arm ausgekugelt. Gut, dass Konrad gleich zur Stelle ist; er renkt den Arm wieder ein, kümmert sich und, ja, verliebt sich in die stille, charakterstarke, bescheidene und fleißige Auschra, die unverschuldet ins Subproletariat gefallen ist.

Helmut Schmid

Wo es solches Glück gibt im Leben wie im Liederschatz („Wer das Leben liebt, so wie ich und Du,/ ja, dem fliegt das Glück nur zu“), da gibt es auch Neid und Missgunst. Stanislaus (Helmut Schmid), Auschras Großknecht aus Ostpreussen, dampft den Schwefelgeruch des Teufels und hat es auf die tapfere Auschra abgesehen. Kameramann Kurt Hasse umgibt Helmut Schmid mit Lichteffekten als ob dieser das Böse permanent ausschwitzen würde. Diese Radikalisierung hätte man sich auch für andere Figuren gewünscht. Auch Sybille ist gemein zu Auschra – sie bietet ihr  Geld, damit Auschra Konrad freigibt. Die Dynamik des Barackenlebens führt derweil zu Frauenkämpfen, nächtlichem Nacktbaden, Lagerfeuer-Romantik, Unterwäsche-Erotik und Top-Shots auf dekolletierte Tänzerinnen.
Stanislaus will Auschra mit Gewalt zurückerobern und wird dabei von Sybille und ihrem Gehilfen Inspektor Schleinitz (Robert Freytag) unterstützt. Aus Habgier bringt Stanilaus Schleinitz um und wirft Auschra von der Dachkammer einer Hopfen-Darre in die Tiefe. In der ersten, auch eine Zeit lang im Kino gezeigten Version, stirbt Auschra, in der zweiten Fassung erhebt sie sich wunderbarer Weise wie nach einem kleinen Stolpersturz. Diese Version lief im Fernsehen und wurde auch 1995 als Video unter dem Titel „Der Gutsherr und das Mädchen“ veröffentlicht.
Natürlich sind Eltern und Schwiegereltern nicht glücklich über die Auflösung der Verlobung von Konrad und Sybille („Soviel Arbeit und jetzt auch noch das!“), aber das spielt in der zweiten Fassung keine Rolle mehr, denn Auschra hat einen Todessturz überlebt. Und so näselt Vater Stammer (Friedrich Domin) der ungewollten Schwiegertochter die Worte „Du bist jetzt zu Hause“ ins Ohr, womit auch die ungerechten Klassenunterschiede wieder ins Lot gerückt sind.

Zeitgleich produzierte Richard König mit teilweise identischer Besetzung nach einer Idee von Hans König die Komödie „Zwei Bayern in St. Pauli“ (Regie: Hermann Kugelstadt). Das sieht ganz danach aus, als wollte der Produzent die gewagtere Produktion „Heiße Ernte“ mit einer Klamotte wirtschaftlich absichern. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass die ursprüngliche Fassung von „Heiße Ernte“ sich auch noch in weiteren Teilen als dem Ende von der verfügbaren Fassung unterscheidet. Aber sicher wird man natürlich erst sein, wenn die erste Fassung wieder auftaucht. Und auch das ist ziemlich unwahrscheinlich, denn wer sollte sich schon auf die Suche nach einem Heimatfilm von Hans H. König aus den 1950ern begeben? Das wäre vielleicht ein Fall für das Werkstattkino in München.

Mittwoch, 03.05.2017

Filme der Fünfziger (XXXIII): Dunja (1955)

Karl Heinz Böhm und Eva Bartok sehen in die Kulisse

Die Filme der fünfziger Jahre zeigen die Vorstellungen und Phantasien, die die Gesellschaft von sich hatte und mit denen sie sich ihrer selbst vergewissern wollte: so wie sie sein wollte oder wie sie sein sollte, welche Rollenmodelle, welche Vergnügungen es geben sollte und welche nicht. Auch als Moralapostel pustete sich das Kino gelegentlich ziemlich auf. Das ist schon manchmal etwas schräg, aber ganz schrill kann es werden, wenn es um die Vorstellungen von Nicht-Bundesrepublikanischem geht. In Italien ist die Liebe zu Haus, mit Wein, Gesang und Caprifischern, in Frankreich ist es immerzu pikant und olala, die Amerikaner sind reich und etwas naiv-ungehobelt und in Russland gibt es – wir blicken zurück in die goldene Zeit der Zaren – russische Seele, russisches Gemüt, Tanz und Wodka und ganz viel Traurigkeit.
„Dunja“ ist das Remake des ungemein erfolgreichen Film „Der Postmeister“ (1940), den Gustav Ucicky nach der Novelle von Puschkin mit Heinrich George, Hilde Krahl und Margit Symo gedreht hatte. Regisseur Josef von Baky hatte Walter Richter in einer Theateraufführung von „Fuhrmann Henschel“ gesehen und engagierte ihn für seine geplante filmische Adaption des Hauptmann-Stückes. Zunächst aber spielte Richter den „Postmeister“ in Bakys Remake.
Vor allem Farbe gibt es in der Neuverfilmung; knalliges, flirrendes Rot und schwere, bedrückende Dunkelheit. Die Agfa in Leverkusen hatte ein neues Agfacolor Negativ- und Positiv-Material entwickelt, das hier erstmals angewendet wurde . Jetzt sieht alles – oder jedenfalls das meiste – wie ein beleuchteter Hades aus. Es gibt kaum Tageslicht oder natürliche Lichtquellen, und in dieser synthetischen Atmosphäre agieren oder stehen nun Ivan Desny, Karl Heinz Böhm und Eva Bartok um Walter Richter herum, den Postmeister eben. In Richters Interpretation lebt der Postmeister völlig abgekapselt von der Wirklichkeit, folgt nur seinen eigenen Phantasien und ist in seinem religiösem Wahn und Selbstmitleid unberechenbar. Einen Tyrannen und Egoisten nennt ihn Desny zu Recht, und meint damit seine erdrückende Gutherzig- und Gluckenhaftigkeit. Neben Richter als der nach innen wütenden Vatergestalt verblassen alle anderen Figuren. Desny zieht sich durch weltmännische Lässigkeit aus der Bredouille; Eva Bartoks fehlende Begabung kaschieren Anders und Baky durch ganz viel Schatten, der ihr Gesicht dekorativ verdeckt oder aus dem sie für einen interessanten Moment auch heraustreten darf. So viele gute Menschen werden hier betrogen, des Selbstmitleids und lautstarken Jammers will es gar kein Ende nehmen. In solchen Momenten dürfen auch Eva Bartok und Karl Heinz Böhm als verlorene Kinder ihren großen Auftritt haben. Günter Anders rettet den Film mit vielen ungewöhnlichen und unaufdringlichen Kamerablicken.
Es tanzen die Kosaken, es tanzt Maria Litto sehr viel züchtiger als Margit Symo in der früheren Version, es wird zum Fest gesungen und zur Arbeit gesummt, es kommt einem vor als solle auch die Musik in Agfacolor sein. Das ist eine ganz spezielle Art von deutschem Melodram, man könnte diese Form etwas ungalant das „Drama mit dem melodramatischen Rumms“ nennen.
Macht Platz 29 auf der Liste der meistbesuchten Filme der Saison 1955/56.

DVD bei filmjuwelen

Ergänzungen und Konkretisierungen zu filmportal:
Herstellungsleitung: Dr. Herbert Gruber; Ton: Herbert Janeczk, Ing. Kurt Schwarz; Regieassistent: Wolfgang Glück; Kostüme: Edith Almoalino; Choreographie: Dia Luca; 2. Kameramann: Hannes Staudinger; Kamera-Assistent: Herbert Müller; Maskenbildner: Jonas Müller; Leo Wiedemann, Leo Umyssa, Hilde Schmidt-Hnilitschka; Aufnahmeleiter: Wolfgang Birk, Alois Bednar; Standfotos: Otto Klimatschek
Mit Otto Schenk (Sascha), Bruno Dallansky (Pjotr), Ernst Meister (1. Fähnrich), Jörg Liebenfels (2. Fähnrich), Georg Hartmann (Hausmeister), Kurt Müller-Böck (1. Offizier), Peter Sparovitz (Knecht)
Dreharbeiten vom 26. September 1955 bis 5. November 1955 in den Ateliers der Wien Film am Rosenhügel und Sievering.
Deutsche Uraufführung: 22.12. 1955, Theater am Kröpcke, Hannover
Der Film wurde ursprünglich im Format 1,85:1 gedreht und war auch als Breitwand-Kopie verfügbar; bei der Uraufführung wurde eine Kopie im Format 1,3 :1 gezeigt. Beide Bildformate wurden vom Verleih angeboten. Bei der DVD Einspielung wurde das Format 1,3 :1 verwendet.

Donnerstag, 20.04.2017

Filme der Fünfziger XXXII: Du mein stilles Tal (1955)

Der dramatische Konflikt vieler Familien-, Heimat- und Gesellschaftsfilme der 50er entsteht mit der Entdeckung einer Verfehlung, einer Sünde oder Erblast. Rechnet man nach, wie lange das schuldbringende Ereignis zurückliegt, landet man meistens in der NS-Zeit und kann spekulieren, ob mit der Schuld auch verklausuliert Politisches verbunden und gemeint sein soll. Gerade das soll nicht sein; die Schuld ist eine persönliche, private und nahezu intime Verfehlung, die ganz zufällig in der NS-Zeit lokalisiert ist, mit der sie ansonsten aber auch rein gar nichts zu tun hat. Schuld soll immer nur persönlich gesehen werden.
Je länger sie zurückliegt, desto mehr relativiert sich die Schuld; ihre konkrete Thematisierung in der Gegenwart kann gefährlich werden, hat destruktives Potential und bedroht das Glück. Lohnt sich also moralische Rigidität oder ist es nicht besser, die Schuld – ist ja schon so lange her – auszuschweigen, zu verdrängen und zu leugnen? „Du mein stilles Tal“ hieß zunächst „Schweigepflicht“ und hat mit diesem Titel auch die Antwort parat; die rechtliche Verpflichtung von Geistlichen, Anwälten und Ärzten weitet der Film aus zu einem moralischen Anspruch an Jedermann. Nicht nur kann es besser sein zu schweigen, es kann sogar Deine Pflicht sein, weil sonst das System – hier die Familie – zusammenbricht. Im Umkehrschluss ist es dann pflichtvergessen und charakterlos, über die Schuld der Vergangenheit zu reden.

Hochzeit auf Gut Breithagen, Tochter Nicky (Ingeborg Schöner) heiratet mit großem Aufgebot– eine Prozession der Hochzeitsgesellschaft aus der Kirche mit Glockengeläut und Top-Shots der Kamera, eine Parade geschmückter Mercedes-Karossen mit Hurrah und Hoje, ein rasanter Aufgalopp des Reitervereins im Park des Gutes und Voltigier-Vorführungen der Jüngsten. Alle sind reich und glücklich, nur die Gutsherrin Elisabeth Breithagen liegt mit dem Schicksal überkreuz. „Es war“, so bekennt sie dem Hausarzt und Regisseur Leonard Steckel, „ein qualvoller innerer Kampf über 20 Jahre.“ Elisabeth („Ich möchte, dass Sie mich verstehen“) erzählt ihrem Arzt auf der Gartenbank ihre Geschichte. Vor 20 Jahren zeigte Rittmeister Breithagen (Curd Jürgens) ihr das Gut, den Hof, den Park, die Stallungen und das Land. Der Rittmeister mit gewienerten Reitstiefeln und Schal im offenem Hemdkragen zeigt und zeigt bis er es nicht mehr aushält und Elisabeth an sich reißt. Sie soll seine Frau werden, aber Elisabeth fremdelt.
Der Pianist Erik Linden (Bernhard Wicki) gibt zur selben Zeit in dem Städtchen ein Konzert; Linden ist sensibel, tiefsinnig, ein Mann von Welt mit einem Blick, dass es einem heiß den Rücken runtergeht. Er sagt: „Jetzt reise ich viel; Rom, Paris, Chicago, New York.“ Und in das Städtchen der Elisabeth, die ihm beim Klavierspiel für eine Nacht verfällt. Am nächsten Tag reist Linden ohne wirklichen Abschied weiter; enttäuscht und ohne Hoffnung gibt Elisabeth dem Rittmeister das Jawort, fällt bei der Hochzeit kurz in Ohnmacht und entdeckt mit dem Hausarzt, dass sie schwanger ist. Nein, der Rittmeister weiß nichts, bis heute nicht.
Auf der Parkbank der Gegenwart dann die bange Frage: „Muss ich schweigen?“ Der Hausarzt steht auf, schaut in die Ferne und liest im Horizont die Antwort: „Ich glaube ja, Sie würden sonst das Lebensglück der beiden Neuvermählten auf furchtbare Weise zerstören.“ Elisabeth erhebt sich tapfer: “Ich muss mit meiner Schuld alleine fertig werden.“
Acht Jahre nach der Hochzeit mit Gert Breithagen trifft sie Linden wieder in Berlin; er fährt ihr nach, will mit ihr, seiner späterkannten großen Liebe, nach Lateinamerika. Elisabeth zögert; sie will ja glücklich werden, aber was sagt denn die Kirche dazu? Hans Leibelt spricht als Pfarrer: „Das Leben Ihres Kindes ist hier auf dem Gut des Rittmeisters und Sie, die Mutter, gehören zu ihrem Kind.“ So gönnt sich Elisabeth nur einen dramatischen nächtlichen Abschiedskuss im Scheinwerferlicht, am Kreuzweg ihres Lebens. Curd Jürgens ahnte schon Betrug, betrank sich und verfiel mit stierem Blick – große Szene – einem Tobsuchtsanfall; seit Emil Jannings ist das im deutschen Film der finale Ausweg betrogener Männer.

Nun aber wieder Gegenwart, mit Hochzeitstrubel und Gästeschar. Unter den Gästen das „fremdartige, dunkle Mädchen“ Rita Borell (Nadja Regin), und auch Elisabeth ahnt Betrug, ist eifersüchtig und macht ihrem Gert ein spätes Liebesgeständnis. Zu spät, mit Bittermiene wird sie zurückgewiesen. „Ich lebte seit 20 Jahren mit einem Eisblock.“ Der Anwalt (Ernst Schröder), zum Schweigen verpflichtet, besorgt für Gert und Rita ein Haus auf Capri. Aber wird Rita Gert in 20 Jahren noch treu sein? Gert kommt blitzschnell zu sich, nein, das wird nichts. Tochter Nicky will mit ihrem Mann in die Flitterwochen, aber, an die Eltern gewandt: „Ich gehe nicht eher, als bis ihr mir sagt, was los ist.“ Das möchten jetzt auch alle Kinobesucher wissen. Curd Jürgens spricht, an Winnie Markus gewandt, die erlösenden Worte: “Nichts auf der Welt wird uns trennen.“ So hat sich die Verschwiegenheit doch gelohnt, zum Glück für alle und zum Extra-Glück für Nicky. Das Haus auf Capri geht jetzt an sie. Hoffen wir, dass sie dort nicht einem Typen so fremdartig und dunkel wie Bernhard Wicki verfällt.

Handlung, Posen und Dialoge könnten direkt Groschenromanserien wie „Die Truhe“ oder „Erika“ entnommen sein. Der Handlungsentwurf sah ursprünglich wohl anders aus. Pfarrer, Rechtsanwalt und Arzt wissen, dass die Tochter unehelich ist, dass das Gut vor dem Konkurs steht und der Gutsherr in die Hände einer Salonschlange gefallen ist. Davon blieben nur Rudimente. Auch die Besetzung ist wie auf dem Reißbrett entworfen. Jürgens hatte es schon in „Man nennt es Liebe“ mit der eher unkonventionellen Ehefrau Winnie Markus zu tun und war in „Gefangene der Liebe“ mit einem unehelichen Kind konfrontiert, dessen Vater wiederum Bernhard Wicki darstellte. Die drei Schauspieler waren in der Wahl ihrer Engagements nicht unbedingt wählerisch. Winnie Markus und Bernhard Wicki spielten 1955/56 jeder in 7 Spielfilmen, Curd Jürgens brachte es auf ein glattes Dutzend. 1955 hatte Jürgens für seine Darstellung in „Des Teufels General“ (R: Helmut Käuntner) in Venedig den Volpi Pokal bekommen; als er hörte, dass der Gloria Verleih den Titel des Films „Schweigepflicht“ in „Du mein stilles Tal“ ändern wollte, verklagte Jürgens die Produktionsfirma CCC auf Beibehaltung des ursprünglichen Titels. Er befürchtete, dass sein Marktwert durch die Mitwirkung an einem Heimatfilm sinken könnte. Offiziell ging es ihm und allen anderen Beteiligten um künstlerische Integrität. Ihre Namen sollten aus dem Vorspann entfernt werden, falls der Film unter dem Titel „Du mein stilles Tal“ laufen würde. Kurzzeitig erwog man den Titel „Erbe der Väter“, der mit dem Film aber noch weniger zu tun hatte als „Du mein stilles Tal“, das im Titellied „Im schönsten Wiesengrunde“ wenigstens angesprochen wird. Der Prozess machte viel Aufsehen, hatte aber so gut wie keinen Effekt. Die Künstler wurden weiterhin im Vorspann genannt, die Parteien (Gloria/CCC und Jürgens) einigten sich im Juli 1958 darauf, den Prozess einzustellen und sich die Prozesskosten zu teilen. „Du mein stilles Tal“ landete in der Liste der bestbesuchten Filme der Saison 1955/ 56 auf Platz 35.

 

 

 

 

 

Samstag, 18.03.2017

Filme der Fünfziger XXXI: Die Mücke (1958)

Thomas Brandlmeier, der mit Ulrich Kurowski vor allen anderen das Kino der 50er Jahre wiederentdeckt hat, zählt in seinem Beitrag „Aus der Ferne so nah“ im Walter Reisch Buch des filmarchiv austria Die Mücke und Der Cornet zu den wichtigsten bundesdeutschen Filmen der 50er Jahre. Beide entstanden unter der Regie des Remigranten Walter Reisch, der in den USA als Drehbuchautor u.a. für Ernst Lubitsch (Ninotschka 1939) arbeitete und für das Drehbuch zu „Titanic“ (1953; Regie: Jean Negulesco) den Oscar erhalten hatte. Produziert hatte „Die Mücke“ und „Der Cornet“ F. A. Mainz, der mit Reisch wahrscheinlich über den gemeinsamen Bekannten Emile Lustig in Kontakt kam. Mit Lustig, damals noch Emil, hatte Mainz 1932 den Verleih Europa-Film gegründet. 1936 war Lustig Produzent in Prag; zu seinen Filmen zählt er „Port Arthur“. Auftraggeber war die Tobis, Direktor der Tobis war Mainz. Über Frankreich und Portugal emigrierte Lustig 1941 nach New York und kam für die beiden Filme von Walter Reisch nach Deutschland zurück. Ein dritter Film „Mitternachtssonne“ nach einem Drehbuch von Walter Reisch kam nicht mehr zustande.

Die Zeit ist nicht freundlich zur Spionin Vilma Korinth (Hilde Krahl), genannt die „Mücke“. Sie kämpft um ihre Existenz und hält gerade noch die Fassade der „Grande Dame“ aufrecht. Sie kämpft auch um ihre Integrität und gegen die, die sie mit den Worten „Eine Frau wie Sie …“ zuordnen wollen. Dazu gehören eine ominöse „Excellenz“ aus dem Hotel „Vier Jahreszeiten“, der Waffenhändler Karrari (Gustav Knuth), der Vilma engagiert, um seine Frau zu überwachen („Das Spionieren liegt Dir im Blut“), der Kommissar Hugo Voss (Bernhard Wicki), der sie von einem Steckbrief kennt und mit Liebe erpresst, und schließlich sogar Karraris Frau Jeanette (Margot Hielscher). Jeder in diesem Spiel könnte auch eine andere Identität haben als die, die er gerade zeigt; daher rührt ein Teil der Spannung und auch ein Teil der Empörung Vilmas über die Worte: “Eine Frau wie Sie…“.
Jeanette hält Vilma zu recht für eine von ihrem Mann beauftragte Aufpasserin und lässt sich trotzdem täuschen. Hugo könnte ein Liebhaber Jeanettes sein, hat es aber auf Vilma abgesehen; Vilma gibt sich unbeeindruckt und verliebt sich doch in Hugo, der in Wirklichkeit ein Kommissar ist und jetzt in ihrem ehemaligen Hotel wohnt, in ihrem Bett schläft, umgeben von ihrem Geruch. Das Hotel heißt „Kompass“, aber die Nadel springt wie verrückt zwischen den Himmelsrichtungen hin und her.
Das „Kompass“ liegt in einem ärmeren Bereich von Hamburg; eine Schmalspurbahn fährt aus einem Hauseingang und versperrt Karraris Packard den Weg, Anwohner stehen auf der Straße und blicken interessiert in die Kamera. Eine Art Wendeltreppe führt bis unters Dach des Hauses, in dem Vilma wohnt und ein Matrose mit einer Nutte ein anderes Zimmer verlässt. Das „Kompass“ ist eine Absteige.
Im Hotel „Vier Jahreszeiten“ beginnt der Film mit zwei Kamerafahrten. Der Diener der nie erscheinenden „Excellenz“ geht die Hoteltreppe herunter, um Vilma in der Lobby eine Absage zu erteilen. Kurz darauf eilt Karrari die Treppen herunter, um Vilma abzufangen. Ausgangspunkt der Fahrten ist eine Einstellung wie aus einem englischen Horrorfilm. Das „Vier Jahreszeiten“ ist das Hotel der schlechten Träume, des falschen Prunks und der bösen Geschäfte. Es ist auch wie ein drittes Auge, es blickt auf die Strassen hinab und in die Verhältnisse hinein. Man schreitet in ihm lange Flure entlang, geht auf Balkone hinaus, steht im Schatten der Hintertüren und diniert mit Vokalmusik. „Das ist Brahms, nicht?“, fragt Vilma und Jeanette antwortet „Ja, er ist doch in Hamburg geboren. Sie spielen es jeden Abend.“ Wieder eine Täuschung; das Lied „Es war nur eine Liebelei“ ist natürlich nicht von Brahms, sondern von Peter Kreuder und Walter Reisch. Der Sänger Axel Monje singt auch nicht selbst, sondern soll nur gute Figur machen und öffnet den Mund zum Gesang von Wolfgang Sauer. Der Sänger geht auf Hugo zu, der mit einer nicht angezündeten Zigarette an der Bar sitzt, und will ihm Feuer geben. Danke, nicht nötig; Hugo ist Nichtraucher, er tut nur so als ob.

Vilma war im Spanischen Bürgerkrieg als Spionin zum Tode verurteilt und von Karrari freigelassen worden. Jetzt ist die Polizei Karrari auf den Fersen und Vilma warnt ihn mit seinen Worten von früher: „Renn, sag ich Dir, renn und nimm nichts mit.“ Diesen letzten Rollenwechsel macht Karrari nicht mit. In der Gesellschaft der Täuschungen und Finten will er seine persönliche Rache. Das wird scheitern.
Gustav Knuth verlässt seine Standardrolle als großherziger Gemütsmensch; mit Meckifrisur in einem Anzug vom Format eines Clownskostüms ist er ein von Eifersucht und Misstrauen geplagter Tatmensch. Alles soll käuflich sein und was nicht käuflich ist, das kann nur Betrug sein. Wicki spielt mit falschen Liebesschwüren und Dackelblick den schmierigen Romeo, eine Figur, so Vilma, wie aus einem billigen Fortsetzungsroman. Margot Hielscher ist die dauerenttäuschte Ehefrau in großer Garderobe und spricht den moralischen Nekrolog auf ihren Mann: „In seiner Liebe zu mir war er ehrlich; in dieser Hinsicht können wir alle von ihm lernen.“ Und Hilde Krahl ist schön, intelligent, diszipliniert, immer überlegen und auch müde vom Überlegen-Sein. Sie singt, tanzt sogar Boogie Woogie und ist eine bewunderungswürdige Intrigantin. Walter Reisch inszeniert sie mit der Kamera aus der Obersicht, der Untersicht, gehend, liegend, frustriert und gelöst. Sie hätte, im schwarz glänzenden Abendkleid als Frau zwischen den Männern, „Gilda“ sein können, wäre jemand anders, jemand böseres als Bernhard Wicki ihr Partner gewesen und hätte es andere Nachfolgefilme gegeben als „Ewiger Walzer“.
Am Ende will Wicki sie besuchen und wird nicht vorgelassen. Krahl verhandelt über einen neuen Auftrag der „Excellenz“, sie soll sofort verreisen. Der Diener wird Wicki erklären, dass die Mücke bei der Wahl zwischen Liebe und Beruf den Beruf gewählt hat. „Das ist nicht wahr“, protestiert Krahl. „Es ist besser als wahr, es ist zweckmäßig“, repliziert der Diener. Abgeklärter ist die Gesellschaft im deutschen Film selten beschrieben worden.

Zur selben Zeit wie „Die Mücke“ dreht Pabst „Das Bekenntnis der Ina Kahr“, John Brahm „Die goldene Pest“, Roberto Rossellini „Angst“, Gabor von Radvany „Ingrid“, Helmut Käutner „Ludwig II“, Hans Braun „Der letzte Sommer“ und Julien Duvivier den sehr eigenen Film „Marianne“. Das war alles in allem eine bemerkenswerte und mutige Phase.

Nicht auf DVD

Ergänzungen und Präzisierungen zum Eintrag bei filmportal:
Mit Ida Perry. Gesang: Wolfgang Sauer; Kameraassistenz: Henry Rupé; Tonassistenz: Curt Dau, Walter Rüdiger; Schnitt: Charlotte Hüske; Kostüme: Salon Bibernell; Maskenbildner: Herbert Grieser, Charlotte Schmidt-Kersten; Standfotos: Karl Lindner, Gabriele du Vinage. Dreharbeiten in Hamburg, in den Ateliers Hamburg-Wandsbek, Berlin-Pichelsberg und Berlin-Tempelhof. Begonnen Anfang August 1958

Filme der Fünfziger XXX: Die Landärztin (1958)

„Die Landärztin“ lebt unter blauem Himmel, weißen Wolken und bei den grünen Wäldern; der Film spielt in der gleichen Ideenwelt, in der – so las ich vor kurzem auf einer Verpackung von Bio-Eiern – die glückliche, mobile Henne lebt. Man macht sich gern lustig über das rückständige Publikum der Heimatfilme, ist selbst natürlich aufgeklärt und ernährt sich hautsächlich von Bio-Produkten. Im Unterschied zu den fünfziger Jahren sieht der moderne Mensch selbstverständlich keine Heimatfilme, er ist sie jetzt einfach zum Frühstück.

Dr. Petra Jensen (Marianne Koch) ist eine junge Ärztin, die eine Stelle als Landärztin antreten will. Sie fährt mit einem Motorroller NSU Prima in Kürzlingen ein und muß gleich eine, durch ein frisch erworbenes VW-Cabrio unterstützte Werbung ihres Klinik-Kollegen Dr. Friebe abwehren. Die Hebamme Margarete Haagen wechselt das alte Arztschild aus und unterhält sich angeregt mit dem Bürgermeister Michl Lang. Die Kamera fährt weit, weit zurück und trotzdem hören wir weiterhin schön deutlich das Gespräch der beiden Figuren. Der Bürgermeister und das halbe Dorf hatte einen Mann erwartet, nicht eine Frau Doktor. „Fräulein, bitte“ korrigiert Marianne Koch. Die Männer wollen nicht zum Damendoktor, die Frauen sagen erst mal nichts. „Was halten Sie denn von der Gleichberechtigung?“, fragt die Ärztin den Bürgermeister. „Schon, aber doch nicht gleich so.“ Nun betritt Rudolf Prack die Szene und stellt klar: „Nix Kollege. Ich bin von einer anderen Fakultät.“ Prack ist der Tierarzt Dr. Rinner und nennt Koch „akademische Krankenschwester“. Rudolf Vogel und Willy Millowitsch streiten über die Affäre. Millowitsch findet die Veränderung gut, Vogel graust es auf seine komische Art. Das Fräulein Doktor aber – Respekt, Respekt – kuriert ihn von seinem Ischias. Friedrich Domin, wieder eine andere Fakultät, kommt als Pfarrer um die Ecke; natürlich verbündet er sich mit Marianne Koch und ihrem Motorroller. Darf er mitfahren? Freilich; und er hält den Hut fest wie man es sonst nur bei alten Damen sieht.
Domin, Vogel, Millowitsch und Prack stehen Marianne Koch zur Seite und bald ist Dr. Petra – Fräulein bitte – Jensen vom Dorf akzeptiert. Auch Rudolf Prack hat ein VW Cabrio und wohnt ganz allein in einem Haus, ach was sag ich, einem Zoo mit Pferd und Esel, Welpen und Katzenkindern; als Gastgeber ist er herrlich unbeholfen, aber als Mann und Tierarzt todschick mit Seidenschal im offenen Hemd, Blazer und Pfeife. Ganz so wie in der Werbung einer Illustrierten. Koch dagegen trägt ein eher unförmiges, durch Schulterriemen gehaltenes Lätzchen-Oberteil. Die Taille ist durch ein Riemchen modisch fest geschnürt. Koch hat ein neues Angebot aus der Stadt, hat sich aber im Dorf durchgesetzt. Was rät ihr Tierarzt und Zoodirektor Rudolf Prack? Soll sie bleiben, soll sie gehen? Er nimmt sie in die Arme und sie flüstert: “Vielleicht habe ich nur darauf gewartet.“ Ja, ahnten wir es nicht schon die ganze Zeit?
Die grausliche Frau Bürgermeister hat ihre schwangere Tochter Afra (Maria Perschy) so heftig geschlagen, dass sie sofort und mit Problemen niederkommen muß. Es ist die Stunde der Bewährung für Frl. Jensen, draußen tobt heftig ein Sturm; wie gut, dass Rudolf Prack und Margarete Haagen helfen und Afras Freund, der Hallodri-Sohn des Tischlers Zipfhauser (Rudolf Vogel), eine Sauerstoffflasche herbeizaubert und damit seinem neugeborenen Kind das Leben rettet. Margarete Haagen zeigt, wie man den Sauerstoff einsetzt. Man hält einfach den Schlauch der Flasche an das Neugeborene, das dann schreit und ergo lebt. Bald wird im Wirtshaus Hochzeit gefeiert; der Bürgermeister hält seine Rede nicht auf das Brautpaar, sondern auf Petra Jensen, die auf einmal ganz verlegen wird und gesteht, dass sie nach Kürzlingen gehört, ja ihren Platz gefunden hat im Kreis der großen Heimatfilmschauspielerfamilie und als Beifahrerin im Cabrio von Rudolf Prack, dem studierten Pfeifen-Casanova.
Paul May hat den Film wie nach Ilse Kubaschewskis Rezeptbuch inszeniert: keine unsympathischen Hauptfiguren, keine Rückblenden, immer ein Happy End; Tiere, Kinder und Landschaft fürs Gemüt; viel Musik und immer was zum Lachen.

Keine DVD
Christine Neubauer spielte die Landärztin in der gleichnamigen TV-Serie (2005 – 2013)

Ergänzungen und Präzisierungen zum Eintrag bei filmportal:
Mit Elinor Wallenstein, Otto Schmöle, Minna Fröhlich, Friedrich Neubauer. Maske: Sophie Obermeier; Requisiten: Waldemar Hinrichs, Michael Eder; Garderobe: Else Heckmann, Anni Hannoszek, Herbert Lindenberg. Regieassistenz: Bertl Möller; Kameraassistenz: Ernst Wild; Schnitt-Assistenz: Eva Tittes. Dreharbeiten 29. Juli bis Mitte September 1958; Aussenaufnahmen in Neubeuern, Landkreis Rosenheim; Innenaufnahmen im Divina-Atelier in Baldham

Mittwoch, 01.03.2017

Filme der Fünfziger (XXIX): Rosen für Bettina (1956)

Elisabeth Müller schwebt durch diesen Film als zentrale Figur, an der sich weniger eine Geschichte entwickelt, als dass Konstellationen und Verhältnisse verschoben werden. Das Schicksal schlägt die erfolgreiche Primaballerina Bettina Sanden (Elisabeth Müller) mit einer schweren Krankheit. Gerade noch hat sie ein Engagement an den Broadway abgelehnt, weil Lebensgefährte und Choreograf Kostja (Ivan Desny) nicht mit engagiert wird, da bekommt sie Kinderlähmung. Wird Kostja in dieser Krise zu ihr stehen? Er versucht es ja, aber auch ihn trifft das Schicksal in Gestalt seiner Karriere und einer neuen Primaballerina; das Fleisch ist schwach und das Leben muss weitergehen. Bettina nun liegt im Bett mit dieser zur Zeit der Filmproduktion noch unheilbaren und heimtückischen Krankheit.

Nachdem Dr. Brinkmann (Carl Wery, der kernig-knorrige Hausarzt des deutschen Films) sie untersucht hat, lässt Professor Förster (Willy Birgel) Bettina in sein Privatsanatorium nach Hohentann überstellen. Der Professor ist, das wissen wir aus einer Balletteinlage zu Beginn des Films, ein großer Verehrer von Bettinas Kunst. Die Klinik von Dr. Brinkmann hat den Charme einer Behörde der fünfziger Jahre; helle, durch Glastüren von einander abgesetzte Gänge sieht man aus einem Wartebereich mit Gummibäumen. Durch diese, in milchig-wässriges Laborweiss getönte Endlosigkeit bewegen sich wie Geistererscheinungen konfessionelle Krankenschwestern mit ausladenden Flügelhauben.

Professor Försters Klinik dagegen besteht im Wesentlichen aus einer großen Terrasse, auf der die Kranken in Liegestühlen einen gemalten Alpenprospekt genießen oder mit Gehstock, Sonnenbrille und Bademantel hinter Glastüren ihre Wege ziehen. Der ehemalige Feinmechaniker Herr Kalborn (Hermann Speelmanns) mit der im Krieg gewachsenen lederbezogenen Handprothese hat als Mädchen für alles und guter Geist in Försters Klinik wieder Lebenssinn gefunden. Ein Kind wird gesund und freut sich über eine Puppe zur Belohnung. Im Krankenbett halb hängend, halb sitzend, sieht Bettina im Fernsehen die Premiere „ihrer“ Ballettaufführung von „Bolero“ und bricht zusammen. Gut, dass Professor Förster gleich zur Stelle ist und als erstes den Fernseher mit der schrecklichen Trommelei, der Extra-Qual von Art Blakey ausstellt.
Bettina gratuliert Kostja zu der Inszenierung; „Du hast sie doch gar nicht gesehen“, meint Kostja. „Ich habe die Kritiken gelesen“ antwortet Bettina. Im Kino darf das Fernsehen als öffentliches Medium noch keine Rolle spielen; die Übertragung war eine Privatvorstellung.
Kostja fährt mit der neuen Primaballerina Irene (Eva Kerbler) auf Tournee nach Spanien und trinkt jetzt auch in Deutschland nur noch Sherry statt Wodka. Irene hatte sich schon in Professor Brinkmanns Klinik mit Bettina verständigt und dann mit den gegenüber einer Gelähmten klug gewählten Worten “Ich will sie nicht länger aufhalten“ schnell das Zimmer verlassen.
Fast alles geschieht in öffentlichen Räumen, im Theater, den Krankenhäusern und einem riesigen Restaurant mit einer Empore. Dort residiert der Opernintendant; der Aufgang zur Empore ähnelt einem Boxring. „Machen Sie doch mal die Türen zu“, rufen der Intendant und seine Sekretärin im Theater; die Türen bleiben offen. Es gibt keinen Raum für Wahrheit oder für Intimität, nur Vorgelebtes und Nachgemachtes, Illustrationen, Formeln, Konventionen. In allen Falschaussagen – selbst der Titel „Rosen für Bettina“ ist verfehlt, sie bekommt nur Nelken – scheinen die Defizite, die vergebliche Suche nach einem Sinn durch. Bettina lässt sich von Dr. Förster ein letztes Mal zum Künstlereingang des Theaters fahren, geht auf die Bühne, hört imaginäre Musik und Applaus – aber sie wird nicht hysterisch oder melodramatisch. Es gibt keinen Gefühlsausbruch, sondern nur den Weg zurück, zum Mercedes von Professor Brinkmann, dem väterlichen Arzt und Liebhaber. Bettina lehnt den Kopf an seine Schulter, sagt müde: „Nach Hause“ und zufrieden lächelnd fährt Willy Birgel Elisabeth Müller in das Sanatorium der Liebe.

Drei Dinge sollte ich noch hinzufügen: Elisabeth Müller rollt das „R“  in altfränkischer Theatermanier, vielleicht auch als Relikt ihres schweizer Akzents. In diesen seltenen Momenten bricht die Illusionsmaschine komplett zusammen – so als würde ein Mikrofongalgen in voller Pracht ins Bild ragen. – Henry Koster engagierte Elisabeth Müllers auf Grund von „Bettina“ nach Hollywood für seinen Film „The power and the price“ (1956). Das geplante Engagement für Pabst’ letzten Film „Durch die Wälder, durch die Auen“ (1956) kam deshalb nicht zustande. – Und in der „Film und Frau“ gab es in der Nr. 3, 1956 tatsächlich einen Lifestyle-Artikel „Das Haus ohne Stufen“ über die Wohnung einer Gelähmten.

Nicht als DVD


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