Einträge von Werner Sudendorf

Mittwoch, 15.08.2018

Filme der Fünfziger (XLIV): Kommen Sie am ersten …! (1951)

Grafik: Boris Streimann

Anfang der 50er war die bundesrepublikanische Gesellschaft in einem kaum mehr nachvollziehbarem Ausmaß von Spießigkeit, Intoleranz und Angst vor kommunistischer = russischer Agitation durchsetzt. Wolfgang Staudtes „Der Untertan“ wurde in der Filmpresse als „Film gegen Deutschland“ denunziert, Staudte als „Kommunist“ zur Hetzjagd freigegeben.
Seit Anfang 1951 wartete die Real-Film Hamburg monatelang auf die Bewilligung einer Bürgschaft für den Film „Engel auf Abwegen“. Erst Monate später stellte sich heraus, dass der Grund für die Verzögerung nicht in der Qualität des Antrags lag, sondern in der Person des Real-Film Chefs Walter Koppel. Koppel war früher Mitglied der DKP und 1947 aus der Partei ausgetreten; aber war er nicht noch links und konnte es nicht sein, dass er mit seinen Filmen das Bewusstsein der bundesdeutschen Bevölkerung untergraben wollte? Also gab es erst mal keine Bundesbürgschaft. Erst Mitte 1952 wurde Koppel rehabilitiert. Inzwischen hielt die Real-Film ihren Betrieb mit Ateliervermietungen aufrecht und der Hamburger Senat beschloss, die Produktion mit Landesbürgschaften zu unterstützen.
In dieser Atmosphäre entstand der Film „Kommen Sie am ersten…“, und er sieht ganz so aus als solle mit ihm gute bürgerliche Gesinnung demonstriert werden. Inge Imhof (Hannelore Schroth) verliert ihre Stellung im Textilgeschäft von Herrn Kolbe (Hermann Pfeiffer), weil viele Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlt haben. Also macht sich Inge daran, die offenen Schulden einzutreiben. Sie geht in alltagsgrauen Aufnahmen (Kamera: Albert Benitz) durch die Straßen Hamburgs, die Viertel der Mietshäuser, die Treppen zur U-Bahn hinab oder die Treppen zu einer höhergelegenen Straße hinauf. Es geht um den willkürlich verzögerten Geldverkehr, der Geschlechterbeziehung, Ehefrieden, und soziale Sicherheit bedroht und sich auch auf die Beziehung der Generationen auswirkt. Als Inge einmal erfolgreich Geld eingetrieben hat, nimmt ihr Vater (Josef Sieber) ihr es gleich wie selbstverständlich ab. Inge guckt zwar überrascht, aber ihr Vater hat auch Schulden; da muss das so sein.
In dem Haus des säumigen Kunden und jungen Komponisten Bruno Freyberg (Ernst Lothar) trifft Inge auf Gustav Schäfer (Günther Lüders), einen professionellen Schuldeneintreiber, der sie in die Tricks seines Gewerbes einweiht. „Das Klingeln ist die Seele des Kassierens – nach einer Weile klingelt man melodisch und im Takt. Der „Donauwalzer“ zum Beispiel wirkt verheerend.“ So geht es in die Wohnungen der Schuldner, auch in die Ehe von Gustav Schäfer, niemals aber in die Wohnung von Inge und ihrem Vater.

Der Komponist (Ernst Lothar) in seiner Wohnung

Der Komponist Bruno lebt mit seinem Textdichter (Joachim Teege) in einer Junggesellenwohnung – volle Aschenbecher, Schnapsflaschen auf dem Tisch, Kunstdrucke an der Wand und natürlich ein Klavier. Bruno ist immer zu spät, lebt auf Pump und hat Löcher in den Strümpfen; dabei ist er begabt und erfolgreich. Gleich hören wir einen von ihm komponierten Slowfox „Das Schicksal hat ja gesagt“ in der Tanzbar „Paradiso“ und im Radio. Ein anderes Stück singt er übers Telefon seinem Musikverleger vor, der es natürlich gleich kauft. Noch am selben Abend erklingt die Neukomposition  flott arrangiert in der Tanzbar. Eigentlich, sagen Regie und Buch, gehören alle zu einer Familie; das Leben in dieser Familiengesellschaft könnte so einfach sein, aber erst muss Inge kommen und Ordnung schaffen. Denn Bruno hat nicht nur Schulden, sondern auch ein Verhältnis mit der Frau von Gustav Schäfer, der seinerseits das durchhängende Eheglück von Minnie und Dr. Brand (Inge Meysel und Robert Meyn) wieder ins Lot bringt. Minnie kauft sich immer neue Sachen, die sie nicht bezahlen kann, um ihrem Mann zu gefallen. Der aber merkt es nicht und ist auch noch Psychologe – das ist mal richtig lustig. Inge schleicht sich regelmäßig in die Wohnung von Bruno; so bekommt sie schließlich das Geld und ihre Anstellung bei Kolbe zurück. Sie führt Bruno auch auf den Weg der Tugend zurück. „Man kann“, so ermahnt sie ihn zu seinem Verhältnis mit Frau Schäfer, „nicht immer nur nehmen und nehmen ohne zu fragen, was es kostet.“ Bruno verliebt sich in die strenge Inge und nimmt sie, ohne lange zu fragen, zur Braut. Die entpuppt sich vor dem Verlobungsessen als wahre Lustbremse. Was sollen sie bei der Verlobung essen? „Was meine Frau am liebsten ist“, meint Bruno. Und ganz im Sinne der einwandfreien Geldmoral antwortet Inge: „Bezahltes Essen“.

Hannelore Schroth hat sich den Komponisten gefangen

Gedreht wurde, weil die Real-Film-Studios vermietet waren, in einem Behelfssatelier der Graf-Goltz-Kaserne in Hamburg-Rahlstedt; gleich nebenan waren die Synchronstudios der Eagle-Lion-Film, einer Tochtergesellschaft der britischen Rank-Film, die den Verleih von „Kommen Sie am ersten…“ übernahm. Noch während der Dreharbeiten zogen die ersten Soldaten des Bundesgrenzschutzes ein; im August musste die Produktion dem Militär weichen und wechselte auf das Gelände der Dynamit-Nobel in Geesthacht etwa 30 Kilometer von der Hamburger Innenstadt entfernt. Diese Provisorien sind wahrscheinlich dafür verantwortlich, dass die Showeinlagen im „Paradiso“ etwas ärmlich wirken.
Erich Engel inszenierte den Film wie eine Boulevardkomödie; die Schuldeneintreiber benutzen das Treppenhaus, während der Komponist mit der untreuen Ehefrau im Fahrstul entschwindet. Michael Jary komponierte die Musik, die im selben Jahr auch auf Schallplatte erschien, und Axel von Ambesser spricht einen selbstverfassten Kommentar, den man seinerzeit launig und charmant nannte. „Der wichtigste Körperteil der Frau ist die Handtasche. Eine Frau kann vielleicht den Kopf verlieren, die Nerven verlieren, die Unschuld verlieren – das ist alles halb so schlimm. Aber die Handtasche, das ist schlecht.“ Gut war das auch nicht; der Film kam bis auf Platz 31 der Bestenliste 1951/52.

Kein DVD, aber auf https://www.youtube.com/watch?v=JWOl7ejzpsI&t=4s

Ergänzungen und Präzisierungen zu filmportal:
Mit Josef Sieber (Vater Imhof), Tanzpaar Ninowa und Milos.
Standphotograph: Peter Michael Michaelis. Dreharbeiten von Ende Juli bis Ende August 1951 in den Behelfsateliers Hamburg-Rahlstedt und Geesthacht.

Dank an Volker Reißmann und die Zeitschrift „Hamburger Flimmern“

Freitag, 10.08.2018

Enno Patalas (15. Oktober 1929 – 7. August 2018)


Ich kann nicht behaupten, dass ich Enno Patalas gut gekannt habe, aber ich verdanke ihm und seiner Arbeit meine nachdrücklichsten Erfahrungen mit der Filmgeschichte. Keine vorschnellen Urteile – alles zeigen – alles sehen. Das und mehr ist geblieben. Hier einige unordentliche, spontan aufgeschriebene Erinnerungen.

Zunächst kannte ich Enno Patalas nur von seiner Zeitschrift „Filmkritik“, die ich ab etwa 1964 abonniert hatte. Jeden Monatsanfang ging ich oft mehrfach in der Woche zum Buchhändler und fragte, ob die neue Nummer schon angekommen sei. Wenn ich sie dann nach Hause mitnehmen konnte, verschlang ich sie wie andere Menschen meiner Generation etwa die „Bravo“. Bestimmt habe ich nicht alle Texte verstanden – Kuhlbrodt und Kotulla schrieben immer relativ verständlich, Patalas war schon schwieriger, Färber war eindeutig mehrere Nummern zu hoch. Mit der „Filmkritik“ im Kopf hatte ich aber Gewißheit, über alle wichtigen Filme informiert zu sein. Sehen konnte ich die meisten in der Kleinstadt, in der ich lebte, nicht. Dafür gab es dann im Marion von Schröder Verlag die von Patalas initiierte Reihe „Cinemathek“ mit Filmprotokollen; ich glaube, ab der Nummer 11 konnte man die Reihe als Abonnent der Filmkritik günstiger beziehen. Die Bücher hatten dann nicht nur eine fortlaufende Nummer, sondern trugen auch eine Zählung wie eine Quartalszeitschrift. Immerhin, jetzt konnte ich die Filme lesen.
Als ich 1972 nach München kam, war Rudolph Joseph noch der Direktor des Filmmuseums. Filme wurden meiner Erinnerung nach nur Dienstags bis Donnerstags gezeigt; das kam mir sehr eigenartig vor, das Filmmuseum im Stadtmuseum hatte für mich den Status einer Einsiedelei. Aber in München gab es ja genug Kinos wie den „Türkendolch“, das „Isabella“, das „Theatiner Filmkunst“ und das „Leopold“. In den Nachtvorstellungen konnte ich die Filme sehen, bei denen ich Urlaub von jeder ideologisch gefärbten, ja überhaupt jeder kritischen Haltung nehmen konnte. Alle Filme in den Nachtvorstellungen waren Entdeckungen.
1973 wurde Enno Patalas Leiter des Filmmuseums; seitdem bin ich, solange ich in München war und auch, wenn ich heute dort bin, ins Filmmuseum gegangen. Patalas begann mit Griffith, dann folgten bald die deutschen Meister Pabst, Murnau, Lang und Lubitsch. Und weil die in der Bundesrepublik verfügbaren Kopien oft schlecht oder schlecht erhalten oder verstümmelt waren, begann Patalas sich in der Welt nach besseren Filmkopien umzusehen. In Moskau wurde er fündig und mit dem staatlichen Filmarchiv Gosfilmofond entwickelte sich ein reger Tauschhandel. Der Direktor von Gosfilmfond übermittelte Patalas eine Wunschliste – meist neue amerikanische Filme, aber auch James Bond- und Russ Meyer-Filme. Dafür bekam Patalas dann Filme von Fritz Lang, Murnau und anderen deutschen Regisseuren in nie zuvor gesehener Qualität und Länge. Alle Stummfilme wurden selbstverständlich mit 16 Bildern pro Sekunde und ohne Musikbegleitung vorgeführt. Uns gingen die Augen über, aber bei manchen Filmen wurden auch die Lider schwer. Großer Tag, die Nibelungen von Fritz Lang, beide Teile in frisch gezogenen Kopien von Gosfilmofond, beide Teile an einem Abend. Beim zweiten Teil – 16 Bilder, stumm – fielen mir die Augen zu. Anderen wird es genau so ergangen sein. Als ich später eine kleine historische Studie über die Laufbildgeschwindigkeit von Stummfilmen machte und zu dem grobgefassten Ergebnis kam, dass Stummfilme fast nie in der richtigen Geschwindigkeit gelaufen sind und man sie heute frei von jeder Norm mit 16 bis 22 Bildern zeigen könne, rief mich Patalas an. „Kann man also Stummfilme so zeigen wie man es für richtig hält? Hab ich schon immer gesagt.“

Patalas holte Kopien aus allen möglichen Filmarchiven; er sah dieselben Titel in ganz verschiedenen Fassungen und begann selbst und als erster in der Bundesrepublik mit  Rekonstruktionsarbeit. Natürlich lag er häufig im Clinch mit der Murnau-Stiftung, dem Rechteinhaber der meisten deutschen Filme. Es ging um Geld, um die Hoheit über die deutsche Filmgeschichte, und es ging, wie immer, um Eitelkeiten. Den Streit mit der Murnau-Stiftung hat Patalas dem Filmmuseum München sozusagen in die Gene gelegt.
Patalas machte Einführungen zu den Filmen seiner Retrospektiven, förderte und duldete die Gründung des Münchner Filmzentrums, schrieb nur noch wenig und war nun König in seinem eigenen Reich. Wie jeder König machte er auch Fehler, die dann häufig genug seine Frau Frieda Grafe ausbügelte. Frieda Grafe übersetzte und schrieb, immer intelligent, manchmal skurril, gelegentlich auch über die Retros im Filmmuseum. Vielleicht war es Frieda Grafes Einfluss, der Enno Patalas zu einer verblüffenden Einführung zu Dreyers „Passion de Jeanne d’Arc“ veranlasste. Wieviel Furore der Film in der Filmgeschichte gemacht hatte, ein Film aus lauter Großaufnahmen – das war das übliche Repertoire. Aber er schloss mit einer Bemerkung von Ernst Lubitsch, der nach einer Vorführung gesagt haben soll: „Ein tolles Kunststück, aber es bringt den Film nicht weiter.“ Das saß und nagte noch lange nach der Vorführung in mir und wahrscheinlich auch in anderen. In einem Artikel in der „Zeit“ über Außenseiter des deutschen Kinos brachte er es fertig, Will Tremper und Jean-Marie Straub auf eine Ebene zu stellen. Das war nicht Provokation, das war sein Programm.

Einfach war Patalas nicht. Er neigte zu endlosen Monologen und wenn ich ihn in seinem Büro besuchte (anderen ging es wohl ähnlich), nahm er jedes Telefonat an und plauderte dann am Telefon als gäbe es den Gast nicht. Lange Zeit galt sein Interesse nur dem Film selbst, nicht aber irgendwelchen anderen Zeugnissen aus dem Kontext der Filmproduktion. Als mein Kollege Gero Gandert das Drehbuch zu „Metropolis“ im Nachlass von Gottfried Huppertz gefunden hatte, kam er stolz wie Bolle mit dem Ordner zu Patalas und wollte ihm das Buch zeigen. Patalas blickte nicht einmal auf. Später änderte er seine Haltung, da suchte auch er nach Briefen, Drehbüchern, Produktionsnotizen und war deshalb immer wieder in der Kinemathek.

Mit „Metropolis“ von Fritz Lang hat er sich länger als jeder andere beschäftigt. Ich weiß nicht, wieviele Rekonstruktionen er selbst von diesem Film gemacht hat; zuletzt leitete er eine mit Fördergeldern ausgestattete Arbeitsgruppe, die alle Zeugnisse und Filmschnipsel säuberlich in eine neueste Rekonstruktion überführte. An der letzten „vollständigen“ Fassung von Metropolis hat er nicht mehr mitgewirkt. Er hat sich dann den Outtakes von Murnaus „Tabu“ gewidmet, konnte aber für das Projekt keine Mittel mehr gewinnen. Zehn, fünfzehn Mal dieselbe Wasserszene in nur graduell unterschiedlichen Einstellungen zu sehen, erschöpfte selbst den leidenschaftlichsten Cinephilen.

Drei kleine Episoden noch aus den vielen, die mir im Gehirn herumpurzeln. Die ersten beiden haben auch mit seiner Frau Frieda Grafe zu tun. Als sie mir ihren Beitrag über Marlene Dietrich zu dem ersten der zwei Hanser-Bände geschickt hatte, rief ich sie an und fragte, ob man hier, ob man dort nicht eine erläuternde Fußnote anbringen könnte. Die Antwort war klar und deutlich „nein“, die bündige Erklärung ein Klassiker: „Fußnoten sind männlich.“ Die Erklärung habe ich später auch gelegentlich benutzt, immer mit dem Erfolg großen Erstaunens und Aufgabe jeder weiteren Nachfrage.

Als ich Enno Patalas vor Jahren das letzte Mal in der Ainmillerstrasse besuchte, hatte er gerade die Korrespondenz seiner Frau mit Josef von Sternberg veröffentlicht. Das war gar nicht der Anlass meines Besuches, aber Patalas steuerte zielsicher und leicht beleidigt auf das Thema zu. „Ich habe mich gewundert, warum Sie nicht schon früher nach den Briefen gefragt haben.“ Er hatte sie für mich, für die Sammlungen der Kinemathek schon gepackt. Wir haben dann noch länger miteinander gesprochen; seine Bibliothek hatte er schon verschenkt und seine Manuskripte, die „Filmkritik“- Dokumente? Nein, nein, alles verschwunden.

Irgendwann in den 90er Jahren hatte Enno Patalas gewaltigen Krach mit der Stadt München. Er kündigte seinen Rücktritt an, ich war gerade in München, besuchte ihn und schwatzte ihm mit den üblichen Telefonunterbrechungen die Schreibmaschine ab, auf der er jahrelang die Programme des Filmmuseums geschrieben hatte. Sie kam in die ständige Ausstellung des Filmmuseums und steht dort hoffentlich heute noch. Die Monatsprogramme, meist nur vier kleine Seiten ohne Bilder, waren immer ein Versprechen auf große Entdeckungen; sie dokumentierten fast anmutig in ihrer Bescheidenheit die Armut der Institution und ihren potentiellen Reichtum. Patalas trat dann – eine bayrische Spezialität – vom Rücktritt zurück. Aufhören gehörte nicht zu seinen Begabungen.

Wir – wer immer dazugehören will – danken und verneigen uns.

Samstag, 28.07.2018

Filme der Fünfziger (XLIII): …und führe uns nicht in Versuchung (1957)

Herzen im Sturm der Leidenschaften

„Ich bring sie um“, möchte der Stationsvorsteher Hudetz (Gerhard Riedmann) denken, als ihn seine Frau wieder einmal mit ihrer Eifersucht quält. „Wenn ich den Sonderzug abgefertigt habe, komm ich rauf“, ruft er seiner 13 Jahre älteren Else (Heidemarie Hatheyer) zu. „Ja, aber dann wirst Du über Deinen Büchern sitzen und kein Wort mit mir reden.“ Der „Herr Stationsvorsteher“ studiert nebenbei auf Ingenieur, er will raus aus seiner engen Welt. „Von der Schule in den Krieg, vom Krieg ins Lager, vom Lager in deine Gefangenschaft – nie war ich mein eigener Herr“, wirft er Else an den Kopf. „Gib mich frei“. Nein, das tut sie nicht, auf keinen Fall. Gegen die Hatheyer kommt Riedmann nicht an.
Gerhard Riedmann kannten die Kinogänger bislang nur als singenden Hallodri aus Operetten- und Heimatfilmen wie etwa dem „Vetter aus Dingsda“ (1958; Regie: Karl Anton) oder der „Fischerin vom Bodensee“ (1956; R: Harald Reinl). 1957 stand er auf Platz 8 in der Riege der beliebtesten Schauspieler und spielte in acht Filmen – ein enormes Arbeitspensum. Aber was heißt schon spielen? Als Stationsvorsteher stellt er die Weichen, hält steif und stumm die Signalkelle hoch und pfeift auf der Trillerpfeife. Sein Gesicht bleibt in allen Situationen leer und unbewegt.

Das Annerl (Johanna Matz) liebt den Hudetz, stellt ihm nach, raubt ihm einen Kuß und schon hat er das Signalstellen ganz vergessen. Ein Personenzug rast vorbei, stößt mit einem entgegenkommenden Zug zusammen. Nachträglich korrigiert Hudetz schnell noch das Signal und wird vor Gericht aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Das Annerl hat für ihn Zeugnis abgelegt; seine Frau, von Eifersucht getrieben, sagt vor Gericht gegen ihn aus. Es glaubt ihr keiner. Hudetz nimmt sie in Schutz: „Meine Frau ist krank“. Wir befinden uns im Genre des Problemfilms.

Die böse Ehefrau (Heidemarie Hatheyer)

„Der Hudetz war im Krieg einer meiner besten Leute – ein anständiger, immer hilfsbereiter Kamerad. Deswegen hab ich ihn auch hierhergebracht“, bemerkt der Herr Baron (Rudolf Forster). Wie kann der Kamerad, der sich im Krieg mit Anstand bewährt hat, schuldig sein? Wer  ist Schuld am moralischen Debakel des Hudetz – der Krieg, die Zeit, die Frauen? Nicht der liebe Gott, so sagt die Exegese, führt in die Versuchung, sondern unsere eigene Schwäche. Das ist dem Film aber zu kompliziert. Der Altersunterschied der Eheleute wird mehrfach thematisiert. Das kann doch nicht gut gehen.

Hudetz zieht in die Stadt, arbeitet bei der Bahn im Ersatzteillager. Seine Frau will ihn zurück; er sträubt sich – große Auseinandersetzung – die Frau stirbt. Sie hatte es doch immer, wie ein Arzt sagt, am Herzen. Frau Hudetz hinterlässt einen Brief an das Gericht, indem sie ihre belastende Aussage widerruft. Alles könnte nun gut werden. „Ich will vergessen und leben“, sagt Hudetz zu Annerl.

Aber das Gewissen quält die beiden, immerzu nagen Betrug und uneingestandene Schuld an ihrem Glück. Da tut es gut, dass es in der Bundesrepublik Institutionen gibt, die Erlösung versprechen. Erst heiraten Annerl

Gerhard Riedmann

und Hudetz und dann gehen sie zusammen zum Staatsanwalt, um ihre Schuld anzuzeigen. Immer stelle ich mir fälschlicherweise vor, dass sie beim Staatsanwalt durch zwei getrennte Türen gehen – eine für Frauen und eine für Männer. So wie es auch früher in der Kirch’n war. Aber darüber ist die böse Zeit schon lang hinweg. Es bleibt der Bußgang als Erlösungsphantasie.

Johanna Matz wollte, so der Verleih, das Image des „Hannerl“ abschütteln; dass sie hier den Namen Annerl trägt, hat ihr dabei sicher nicht geholfen. Im Jahr darauf verliebt sie sich als bürgerliche Lixie Härtl im Film „Im Prater blüh’n wieder die Bäume“ (1958; R: Hans Wolff) in den Erzherzog Peter Ferdinand (Gerhard Riedmann). Ganz so wie die „Sissie“; und der Riedmann schaut auch immer so ernst drein wie der Böhm. Wurd’ aber nix mit dem neuen Traumpaar. Annie Rosar spielt mit Lust und Können „die Leimgruberin“, die böse Klatschbase –  Willy Rösner, nach eigenen Angaben seit 1916 beim

Johanna Matz gesehen von Franz Weihmayr

Film, wohltuend routiniert den Vater des Annerl. Regie führte Rolf Hansen, wieder begleitet von seinem Team Franz Weihmayr (Kamera), Robert Herlth (Bauten) und Mark Lothar (Musik). Lothar machte es sich leicht und übernahm gleich einige Melodiebögen aus seinem letzten Film „Die Letzten werden die Ersten sein“. Merkt eh’ keiner. Bei Franz Weihmayr allerdings kann man weinen, dass er keine besseren Stoffe hatte. Seine in schwarz-weiß gedrehten Bilder haben bisweilen eine ganz düstere, geheimnisvolle Atmosphäre.
Der Film entstand nach Ödon von Horvaths Stück „Der jüngste Tag“. Dr. Franz Höllering, Übersetzer und Dramaturg, bearbeitete, nein, korrigierte die Vorlage. „Die bei Horvarth sich verwirrenden Fäden sind hier wieder geordnet, hellere Farben lockern die lastende Atmosphäre auf und ihre größere Plastizität, die klar geordnete Exposition führt ohne Verschnörkelung zum Konflikt, die Gestalten erscheinen menschlicher und der Filmschluß wirkt lebensnäher und begreiflicher als die visionäre Apotheose, in der das Stück bei Horvarth endet.“ (Presseheft) Eine Romanversion erschien zum Erscheinen des Films in der „Star-Revue“. Vielleicht ist das auch ein Standard bei der Horvarth Rezeption in den 50ern – erledigt durch hellere Farben und philologisch in Ordnung gebracht.

Keine DVD

Dienstag, 03.07.2018

Filme der Fünfziger (XLII): Die Letzten werden die Ersten sein (1957)

In der Katholischen Kirche gab es am Sonntag drei Formen des Gottesdienstes: Die Frühmesse für alle, die sowieso jeden Tag frühmorgens zur Kirche gingen; die Kinder- und Jugendmesse etwa um 9 Uhr; und das Hochamt am späten Vormittag, die feierliche Messe zur Einstimmung auf den Sonntag. Im Genre der Problemfilme will dieser Film „um den ewigen Konflikt von Schuld und Sühne“ (Programmheft) das Hochamt sein; angepriesen wird wie eine Promilleangabe auf der Schnapsflasche „ein starker menschlicher Gehalt“, und eine Schauspielerleistung, die „zu einem Erlebnis von seltener Eindringlichkeit“ führt in einem „durch und durch realistischen Film“. Die literarische Vorlage war John Galsworthy’s bitter-sarkastische Novelle „Die Ersten und die Letzten“. Für die Bundesrepublik musste daraus ein Bibelspruch werden. Ahnte niemand, dass diese Mischung unweigerlich zum Kater führte?
Schon die Titelschrift in erhabener Walbaum sieht aus als sei sie in Stein gemeisselt. Es folgen Wolkenformationen und aus dem bewegten Äther spricht Gottes Stimme: Die Letzten werden die Ersten sein. Ach, du jemine.
Eine Gesellschaft verlässt die Villa des Rechtsanwalts Ludwig Darandt (O.E. Hasse). Er ist ein Realist und hartgesottener Pragmatiker; der Herr Senator, der gerade das Haus verlässt, möchte ihn gern in die Politik einbinden. Und was macht der Bruder, auch ein Doktor, aber arbeitslos, vielleicht Jurist? Nein, er ist Doktor der Philosophie, da kann man nicht viel helfen. Mit dem Bruder Lorenz (Maximilian Schell) brechen nach der Party ernste Probleme in das geordnete Leben. Lorenz ist ein Spätheimkehrer und findet sich in der Bundesrepublik nicht zurecht. Er hat das Mädchen Wanda (Ulla Jacobsen) kennengelernt, das als „displaced person“ in Hamburg hängen geblieben ist und zur Prostitution getrieben wurde. Nun ist ihr Zuhälter zurückgekehrt, erniedrigt sie und Lorenz hat ihn umgebracht. Ludwig muß helfen, schon seiner Reputation wegen.
Ein Bettler (Bruno Hübner) findet sich, der die Leiche beraubt hat und auch gut der Mörder sein könnte. Ludwig übernimmt die Verteidigung, will ihn aber hinter Gitter bringen. Lorenz quält das Gewissen. „Mein Bruder“, sagt Ludwig zu Wanda, „ist ein schwacher Mensch“ –„Nennen Sie Gewissen Schwäche?“, fragt Wanda zurück. Auch Wanda will Lorenz retten. Nach dem Schuldspruch – zehn Jahre Gefängnis für den Bettler – bezichtigt sie sich selbst des Mordes und bringt sich um. Lorenz geht zu Wanda, bettet die Tote auf das Bett, nimmt jetzt in einem Brief auch alle Schuld auf sich und bringt sich ebenfalls um. Ludwig entdeckt die beiden, dekorativ und friedlich auf dem Bett vereint, und nein, er nimmt sich nicht das Leben, sondern den Brief und zerreißt ihn im Herbstwind. Aus den Wolken tönt Gottes Stimme: „Kain, wo ist dein Bruder.“ Schluß, Ende, Ratlosigkeit.

Die dunklen Gassen

Der Film erstickt förmlich an seiner vorgeführten Seriosität und Kunstfertigkeit. Robert Herlth baut die Interieurs der Villa mit geblümten Sesseln zum Nachmittagstee, flackerndem Kamin im Wohnzimmer und einer imponierenden Bibliothek samt dunkel furnierten, schweren Möbeln im Arbeitszimmer des Rechtsanwalts. Das Paar Lorenz-Wanda lebt in einer billigen Absteige, gelegen an einer expressionistisch gefärbten Weggabelung mit Tunnel, Nebel und grobem Pflaster. „Durch und durch realistisch“ geht es von einer Kunstwelt in die andere. Im Haus des Rechtsanwalt schlägt die Wanduhr die Schicksalsstunde, an der Weggabelung klackern bedrohlich die Schritte unsichtbarer Polizisten. Als Wanda ihr Schuldbekenntnis schreibt, kündigt eine rhythmisch geschlagene, im Melodiefluss gedämpfte Pauke künftiges Unheil an. Der Film spielt in Hamburg; man war sogar dort zu Außenaufnahmen. Erhalten bleiben nur Illustrationen – Segelschiffe kreuzen in Rückprojektion beim Gespräch im Alstercafe, Schiffshörner tuten monströs durch nebliges Gewölk.

Erboster Denker im Schatten (Maximilian Schell)

Franz Weihmayers Kamera ist ganz alte, durchaus beeindruckende Schule: es flackern die Lichter, die Gesichter sind mit Halbschatten verdunkelt und gelegentlich auch dämonisch von unten angeleuchtet. O.E. Hasse schreitet gemessen, aufrecht und vornehm durch bedeutende Schrecken aus Licht, Ausstattung und Musik; Maximilian Schell dagegen, ganz der gequälte Mensch, geht und hetzt gebeugt unter der Last der Philosophie und des Gewissens. Interessant ist die Figur der Frau des Rechtsanwalts (Adelheid Seeck); ganz Dame der Gesellschaft besteht ihre Funktion nur darin, den Kaffeetisch zu präsentieren, zur Oper zu gehen und verständnisvolle Gattin zu sein („Ich weiß, Du hast morgen wieder einen schweren Tag“). Sie ist reine Dekoration und geschützt vor einem Drama, von dem sie gar nichts erfährt. „Ein Herrenzimmerfilm“ befand Friedrich Luft.

 

Realist im dämonischen Licht (O.E. Hasse)

Rolf Hansen inszenierte, Jochen Huth schrieb das Drehbuch. Beide hatten schon in der Ufa zusammengearbeitet. Aber die alte Schule des Qualitätsfilms zeigte nur noch im Glanz erstarrtes Handwerk und verwies geheimnisvoll auf “letzte Worte“. „Das letzte Wort“, so der angeklagte Bettler, „hat ein anderer.“ „Das letzte Wort“, so Lorenz, „ist noch nicht gesprochen“. Das war dann doch nur, wie Friedrich Wagner in der „Frankfurter Allgemeinen“ schrieb, „kostbar gemachte Kunstdruckillustrierte und deutsche Tiefsinnsknorzelei.“

Keine DVD, kein Video

Ergänzungen und Präzisierungen zu filmportal:
Standfotos: G.V. Krau; Innen-Requisite: Sylvester Schimpke; Ateliersekretärin: Annemarie Petke; Außenaufnahmen: Hamburg, ab 5. 10. 1956. Atelier: CCC-Film Atelier Spandau bis 30.11.1956

Freitag, 04.05.2018

Filme der Fünfziger (XLI): Liane – das Mädchen aus dem Urwald (1956)

Zu den unausgesprochenen Tabus im deutschen Kino der 50er gehörte die Darstellung der weiblichen Brust, die nur in Kulturfilmen gezeigt werden durfte. In Spielfilmen ging dagegen, so die These, vom entblößten Busen immer eine erotisierende Wirkung aus. Einer der ersten, der dieses Tabu brach, war der Göttinger, später Berliner Filmproduzent Gero Wecker. Er kaufte in Cannes 1952 die deutschen Verleihrechte für „Sie tanzte nur einen Sommer“ (Schweden 1951; R: Arne Mattson), der in der Bundesrepublik neben „Don Camillo und Peppone“ der erfolgreichste Film der Saison 1952/53 wurde. 1955 produzierte er mit „Die Mädels vom Immenhof“ den ersten Teil der „Immenhof“-Trilogie mit den Kinderstars Heidi Brühl und Angelika Meichsner.
Weibliche Kinderstars wie Romy Schneider, Christine Kaufmann, Cornelia Froboess oder Sabine Sinjen waren Mitte der 50er Jahre schon junge Frauen; mit Karin Baal und Marion Michael wandelten sich die süßen Kinder zu erotischen Objekten und öffneten das Kino zum Paradies für Pädophile.

Über Anzeigen in der „Bild“-Zeitung suchte Gero Wecker 1956 eine Hauptdarstellerin für „Liane“. Tausende Mädchen meldeten sich; ausgewählt wurde die fünfzehnjährige Marion Ilonka Michaela Delonge, die sich fortan Marion Michael nannte. Das junge Mädchen aus wenig begütertem Haus schien mit der Aussicht auf Filmengagement, Hauptrolle und Sieben-Jahres-Vertrag in den Sahnetopf gefallen zu sein, aber die Sahne erwies sich – ähnlich wie bei Karin Baal – als Essig. Der Sieben-Jahres-Vertrag kam erst nach dem ersten „Liane“-Film, für

Starfoto Marion Michael – wahrscheinlich Fotomontage

den Marion Michael ganze 1.300 DM Gage erhielt. Mit geradezu bösartiger Häme verbiss sich die Boulevardpresse in das Mädchen, nannte sie „Bundes-Nackedei“ („Bild“-Zeitung) und verfolgte ihre Bemühungen, sich von dem „Liane“-Klischee zu lösen, mit galligem Sarkasmus. Marion Michael war ein Kind, das in die Erwachsenenwelt und auf die Bühne des Kinos katapultiert wurde, damit nicht zurecht kam und letztendlich scheiterte. In dem Remake von „Bomben auf Monte Carlo“ (1960; R: Georg Jacoby) als Partnerin von Eddie Constantine sieht man deutlich, dass sie völlig überfordert ist; schon hier ist sie nur noch ein verschrecktes, von ‚Ängsten verfolgtes Mädchen.

Als Exploitation Movie ist „Liane“ gar nicht mal so schlecht wie ich befürchtet hatte. Gnadenlos mixt Regisseur Eduard von Borsody die Genres – es geht von Tieraufnahmen (Giraffen, Wasserbüffel, Zebras, Elefanten, Löwen) zum Buddy_Movie des Expeditionslagers, von der Denunziation der Farbigen als zivilisatorisch zurückgebliebene Wilde mit choreografierten Tänzen und Kriegsbemalung zu der Attraktion der halbnackten Liane, wird dann zum biederen Kriminalfilm und endet schließlich mit der Rückkehr – grosses Hallo im Stammesdorf – von Thoren und Liane. Ebenso gnadenlos setzt die Musik illustrierende Effekte ein –Trommelfieber und grell instrumentierte Tanzrhythmen in Afrika, von Mantovani ausgeliehene „cascading strings“ in Hamburg und das Schifferklavier, um die Reederei Amelongen ins rechte Bild zu setzen. Anhand nahezu jeder Sequenz lässt sich die innere Befindlichkeit der Autoren und ihre Spekulation auf die Vorurteile ihres Publikums festmachen.

Die Männer einer Urwald-Expedition entdecken im Südosten Afrikas beim Stamm der Wo-Dos das weiße Mädchen Liane. Es wird gefangen und nach Hamburg gebracht, denn Liane könnte die Enkelin des Reeders Amelungen (Rudolf Forster) sein. „Sehen Sie doch den Gesichtsschnitt und die Augenpartie – ich meine, sie muss aus einem sehr guten Stall sein“, lautet eine erste rassenkundliche Diagnose. Begleitet wird Liane von dem hemdsärmeligen Thoren (Hardy Krüger), in den sich schon die Expeditionsärztin Jacqueline Goddard (Irene Galter)verliebt hatte, und von Tanga (Jean Pierre Faye), einem Jäger der Wo-Do. In der Nacht legt sich Tanga als Beschützer neben das Bett von Liane, später legt sich Liane, jetzt schon im Baby Doll, neben das Bett von Thoren. Also immer noch eine Wilde. Amelungen hat seinen Geschäftsführer Viktor Schöninck (Reggie Nalder) als Generalerben eingesetzt, aber nun ist ja Liane aufgetaucht, die Enkelin und legitime Erbin. Schöninck tötet Amelungen und rast bei einer Verfolgungsfahrt in den Tod. Liane („Die kann ja schon richtig mit Messer und Gabel essen“) hat genug von der Zivilisation und kehrt mit Thoren zurück zu den Wo-Dos, in die Welt, „in der sie ihre glückliche und wunschlose Kindheit verbrachte.“ (Presseheft)

Die Beute …

Alle sind glücklich, alle Vorurteile und Ressentiments bestätigt, alle Klischees werden bedient. Hardy Krüger darf sogar ein wenig renitent werden (das Jugendproblem, die Halbstarken). Marion Michael hat ganz wenig Text, ganz viel Körper und sehr lange Haare. Was treibt Thoren weg von der intelligenten und schönen Ärztin und hin zur Kindfrau? Die Ärztin, so formuliert er es selbst, ist ihm zu intelligent, sie könnte seine vorgespielte Sicherheit durchschauen. Liane dagegen kann er dominieren; in einer der ersten gemeinsamen Szenen füttert Thoren die hilflose Liane tatsächlich mit einer Banane. So beginnt die falsche Romanze.
1957 wurde noch ein zweiter „Liane“-Film gedreht („Liane – die weisse Sklavin“; R: Hermann Leitner), 1961 entstand als Zusammenschnitt beider Teile „Liane – Tochter des Dschungels“.

Als Produzent Gero Wecker 1974 im Alter von 51 Jahren starb, titelte die „Bild-Zeitung: „Herzinfarkt! Der Mann, der den Deutschen den nackten Filmbusen brachte“. Nicht nur das, sondern auch acht Oswalt Kolle Fime, von „Das Wunder der Liebe“ (1968) bis „Liebe als Gesellschaftsspiel (1972). Gero Wecker kennt heute niemand mehr. Und Marion Michael?

… wird gefüttert.

„Liane wird mich bis zum Tod verfolgen“ soll Marion Michael gesagt haben. Das war sogar noch untertrieben – nicht bis zum Tod im Jahr 2007, sondern bis heute und für immer. Das ist sogar in Lars Kraumes jüngstem Film „Das schweigende Klassenzimmer“ zu sehen.

DVD bei e-m-s. Die DVD-Fassung ist unvollständig; es fehlt die Schlussszene mit Hardy Krüger und Marion Michael im Dschungelteich.

Ergänzungen und Präzisierungen zu Filmportal:
Mit Anneliese Würtz, Editha Horn, Waltraud Runze, Walther Blum, Kurt Lucas, Hans Emons, Erik Radolf
Kamera: Ekkehard Kyrath (Außenaufnahmen in Kenia oder Nairobi)
Außenaufnahmen der Spielszenen: Ab 14.7 1956 in Sabaudia (Italien) im Park der Villa Fogliano, Hafenaufnahmen in Baia (Golf von Neapel). Atelieraufnahmen in den Arca Filmstudios Berlin Pichelsberg ab 30.7 bis Ende August 1956.
Geschäftsführer: H.G. Steinamm; Kasse: Marianne Vogt; Ateliersekretärin: Annemarie Scheu; Garderobe: Luise Lehmann, Ernst Nuckel; Star- und Pressefotos: Roman Stempka
Agfacolor

Literatur:
Maja Figge: Deutschsein (wieder-)herstellen. Weißsein und Männlichkeit im bundesdeutschen Kino der fünfziger Jahre. transcript Verlag, Bielefeld 2015. S. 265 – 300
Michael Flitner: Das Mädchen aus dem Urwald. Über Geschlecht und Nation in einem Film der 1950er Jahre. https://publishup.uni-potsdam.de/opus4-ubp/frontdoor/deliver/index/docId/2838/file/gr1_05_Ess01.pdf

Mittwoch, 18.04.2018

Filme der Fünfziger (XL): Geliebte Corinna (1956)

Als „Liane – das Mädchen aus dem Urwald“ für Jugendliche ab 12 Jahren freigegeben wurde, machte man der Jugendpsychologin in der FSK heftige Vorwürfe. So viel Nacktheit, und das ab 12 Jahren! „Sie kennen die Jugendpsychologie nicht“, entgegnete die Dame. „Jugendliche denken sich gar nichts Böses dabei, wenn einmal ein nackter Körper im Film erscheint. Wenn man den Besuch dieses Films beschränken zu müssen glaubt – dann würde ich empfehlen, ihn für Männer über 50 zu verbieten.“
Gleich nach der Premiere von „Liane“ begann Produzent Gero Wecker mit Regisseur Eduard von Borsody die Dreharbeiten zu „Geliebte Corinna“. Der Stoff basierte auf dem gleichnamigen Roman von Robert Pilchowski, der bereits 1951 als Buch erschien und in Fortsetzungen in der Frauenzeitschrift „Constanze“ abgedruckt wurde. „Constanze“ war die führende Frauenzeitschrift (Auflage Mitte der 50er: 600.000) und das Kalkül war klar. Wenn 600.000 Leserinnen alle zwei Wochen eine Romanfortsetzung lesen, dann sind sie auch potentielle Kinobesucherinnen. Curt Johannes Braun, seinerzeit 53 Jahre alt, und Ernst von Salomon, 54, und auch Autor der „Liane“-Filme, bearbeiteten den Stoff für das Kino. Aus der Pariser Kunststudentin Corinna wurde eine medizinische Assistentin und aus dem Liebesroman eine Huldigung an die Männer über fünfzig.
Corinna Stephan (Elisabeth Müller) ist medizinisch-technische Assistentin im Tropeninstitut in Hamburg. Am Wochenende trifft sie sich mit dem jungen Schauspieler Klaus Brockmann (Klaus Kinski); Brockmann jammert am Elbstrand. „Ich bin ein Versager, weil niemand an mich glaubt.“ Corinna offeriert ihm ein Schinkenbrot, er will Liebe und fällt über Corinna her. Da kommt Peter Mansfeld (Hans Söhnker) des Weges, befreit Corinna und treibt Klaus in die Flucht. Mansfeld ist ein deutscher Geschäftsmann, seit 15 Jahren in Malakka („Dort fühlen sich nur die Affen wohl“) und auf Europareise. Corinna zeigt ihm Hamburg, er führt sie aus nach St. Pauli, wo sie ein Wirt aus Daffke zu Mann und Frau erklärt. „Sie können sich doch im Ernst nicht vorstellen, dass wir beide verheiratet wären“, erklärt Mansfeld. „Doch, könnt ich“, erwidert Corinna kokett. In Corinnas Wohnung wartet der vertriebene Versager Klaus mit einer Pistole, Mansfeld vertreibt ihn erneut und wird verletzt. Corinna ist auch ausgebildete Krankenschwester, sie verarztet den Kavalier und beide verbringen die Nacht miteinander. Am nächsten Morgen – Mansfeld ist schon in Geschäften unterwegs – haben sie sich im Hotel verabredet. Aber Mansfeld bekommt ein Telegramm; sein Sohn ist verunglückt, er fährt sofort nach Malakka. Zurück bleibt Corinna, untröstlich und allein.

Chin, der unheimliche Chinese (Valerij Inkijinov)

Ein halbes Jahr später. Corinna hat immer wieder Briefe an Mansfeld geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Klaus hat die Hauptrolle in seinem Theater und auch Corinna verloren und säuselt in weinerlichem Tonfall: “Meine Chance ist vorbei.“ Dann entschlossen: „Ich hab genug von diesem Leben.“ Er erschießt sich in Corinnas Wohnung. Das ist ein kleiner Skandal, Corinna kommt in die Schlagzeilen und will jetzt aus Hamburg verschwinden. Gut, dass ihr Chef am Tropeninstitut ein paar Angebote an der Hand hat. Dr. Suter (Alexander Kerst) in Malakka sucht eine Assistentin. Also auf nach Malakka.

An Bord des Schiffes ist auch Chin (Valerij Inkijinow), der reichste Mann in Malakka und Freund von Mansfeld. Dr. Suter warnt Corinna vor Chin („Was ein Chinese denkt, kann ein Europäer nie ergründen“). Im Hospital von Dr. Suter regiert seine Mutter (Annie Rosar); sie will ihren Sohn mit Corinna verheiraten. Aber da ist noch Mansfeld, jetzt zu Pferd und rätselhaft unzugänglich. Mansfeld ist verheiratet, seine alkoholsüchtige Frau (Hannelore Schroth) will sich nicht von ihm scheiden lassen. Sie hat die Briefe von Corinna und auch von Mansfeld an Corinna unterschlagen. Es könnte sein, meint Suter zu Mansfeld, dass

Mutter Suter, Europäerin mit Charakter (Annie Rosar)

seine Frau geistesgestört ist. Eine kranke Frau im Stich lassen? Das geht natürlich gar nicht. Aber weil sie so böse ist, wird Mansfelds Frau von einem Malayen erstochen. Prima, jetzt können Mansfeld und Corinna heiraten.

Es geht um den Generationenstreit zwischen den Männern; die Jungen sind weinerlich und lebensunfähig, die mittlere Generation ist langweilig und hört auf die Mama; nur die Älteren sind wahrhaft ritterlich, geschäftstüchtig, stark und erotisch. Das exotische Element bedient jedes Klischee. Wenn Chin auftaucht, klingeln regelmäßig kleine Glöckchen. Er bedient sich auch einer Wahrheitsdroge, „die wir Europäer nicht kennen“. Die Malayen sind unterwürfig wie kleine Kinder, aber sie lieben ihre Herrschaft. Und natürlich sind sie unberechenbar, eben Asiaten. Der Unterschied zu „uns Europäern“? „Uns Europäern ist das Wesen ins Gesicht geschrieben.“
Die Hauptdarstellerin Elisabeth Müller verliert im Laufe des Films völlig ihre Konturen – es geht ja auch darum, die alten Herren ins rechte Licht zu rücken und die Fremde zu dämonisieren. Die chinesischen Schriftzeichen sind ganz einfach, erklärt Chin Mansfeld. Dies ist ein Schriftzeichen für die Frau, was

Variety, 5. September 1956

bedeuten wohl zwei Schriftzeichen für die Frau – zwei Frauen? Nein, Streit. Die Chinesen sind eben Philosophen. – Und was macht eine Frau, wenn sie sich verlassen und betrogen vorkommt? „Aushalten, tapfer sein“, weiß Annie Rosar.
Gedreht wurde in den Arca Studios in Pichelsberg, dort wurde auch das malayische Dorf aufgebaut. Als Tonspur hört man gelegentlich fremdländisches Gerede; das ist der ferne Osten, was sonst. Im Tropeninstitut blubbert es unaufhörlich (Geheimnis Wissenschaft), an Bord des Schiffes rauschen die Wellen. Die Tonspur soll Authentizität ersetzen. Einmontiert sind Szenen aus einem Dokumentarfilm von Mannus Franzen, dem zeitweiligen Mitstreiter von Joris Ivens. Reisfelder, lachende, barbusige Frauen bei der Arbeit. „Wir“ Europäer fahren in amerikanischen Schlitten.
Der Film ist auch ein Lehrstück über die fehlende Autonomie der Stars des deutschen Films. Elisabeth Müller hatte seit 1954 einen Exklusivvertrag über zwei Filme jährlich mit Herbert Horn geschlosssen; Horn war Inhaber des Neuen Filmverleihs, der die Filme der Arca verlieh und mitproduzierte. Um 1956 in Hollywood den Film „The Power and the Price“ von Henry Koster zu drehen, musste Frau Müller einer Verlängerung ihres Vertrags mit Horn zustimmen. MGM konnte Elisabeth Müller unter diesen Umständen nicht als neuen europäischen Star aufbauen und Horn verbrannte sie nach ihrem ersten Hollywood-Engagement in diesem Altherrenquark, den weder die Leserinnen der „Constanze“ noch die Herren um 50 sehen wollten.

Als DVD bei e-m-s erschienen

Ergänzungen und Präzisierungen zu filmportal:
Die literarische Vorlage stammt von Robert Pilchowski, nicht von Hans Habe. Habe soll zwar auch unter dem Pseudonym Robert Pilchowski geschrieben haben, aber Robert Pilchowski existierte als Literat und reale Person.
Kameraführung: Walter Hrich; Kameraassistent: Heinz-Günter Görisch; Bilder aus Indonesien: Mannus Franken; Requisite außen: Fritz Moritz; Requisite innen: Horst Giese; Garderobe: Hans Kothe, Lisa Willweber; Standfotos: Horst Maack; Geschäftsführer: Theo Mietzner; Produktionssekretärin: Katja Fleischer; Ateliersekretärin: Ursula Baumann.
Aussenaufnahmen in Hamburg etwa Mitte Oktober 1956; Atelierarbeiten in den Arca-Studios, Berlin, ab 18. Oktober 1956 bis Mitte November; im Völkerkunde-Museum, Berlin

Samstag, 27.01.2018

Filme der Fünfziger (XXXIX): Die Stärkere (1953)

Kriegsversehrten Männern konnte man in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg häufig begegnen, nur im Film sah man sie selten und im Zentrum standen die sichtbaren Verletzungen schon gar nicht. Frauen dagegen wurden öfter von unheilbaren Krankheiten heimgesucht; Maria Schell wäre beinahe gestorben, wäre ihr nicht Dieter Borsche als „Dr. Holl“ (1951) zu Hilfe geeilt; Ruth Leuwerik verhalf mit tödlicher Erkrankung ihrem Partner O.W. Fischer in „Ein Herz spielt falsch“ (1953) zur Läuterung. Willy Birgel gewinnt 1956 Elisabeth Müller, die als Tänzerin mit Kinderlähmung in seine Klinik kommt. Es sind vor allem die Männer, die sich in dieser Konstellation mit Ritterlichkeit, Treue und Mannestugend bewähren.
Nach einem Verkehrsunfall, verursacht durch Liederrausch und Liebessehnsucht, ist die berühmte Sängerin klassischer Lieder Elisabeth Faber (Antje Weissgerber) gelähmt und hadert mit dem Schicksal. Kann ein 42jähriger Mann – Hans Söhnker, der den Ehemann spielt, war allerdings schon 50 – mit einer gelähmten Ehefrau noch eine glückliche Ehe führen? Auf dieses Problem muss man erst mal kommen.

„Eine gelähmte Frau muss ihrem Ehepartner Freiheiten lassen“, sinniert Professsor Wolters (Paul Bildt). „Ein Mann kann zwei, drei Jahre als Mensch leben, eines Tages …“. Dr. Hannah Claassen (Tilly Lauenstein), die Freundin Elisabeths, unterbricht ihn. Sie wartet schon seit zehn Jahren auf ihren Mann. „Sind Männer so anders als Frauen?“ – „Allgemein gesagt: Ja.“ Hannah ist das weibliche Vorbild der Entsagung; eine Ärztin in grau oder im weißen Kittel, dazu Brille und deutlich von Freudlosigkeit gezeichnet. Es geht hier also nicht nur um die Krankheit, sondern auch unausgesprochen um die Frage, ob ein Mann seiner Frau treu sein kann, wenn er nicht mehr mit ihr schlafen kann.

Aus dem Haus des Ehepaars Faber tönt die Singstimme von Elisabeth. Sie hat zum Hochzeitstag ein Tonbandgerät gekauft und ein Lied aufgenommen. Kameramann Igor Oberberg folgt dem Tonkabel auf dem Boden, hebt in einem Halbkreis die Kamera zum Gesicht Antje Weissgerbers, schwingt dann elegant zurück und nimmt mit den letzten Tönen des Pianos den musikalischen Begleiter in den Blick – ein Moment klassischer Kameraschule. Jochen Faber (Hans Söhnker) stürzt herein: Ein Magnetophon! Das kostete 1953 die stolze Summe von rd. 1000 DM und ist natürlich für ihn, die Frau bekommt Rosen. Was hat sie denn gesungen? „Mir ist als wenn ich längst gestorben bin“ – Brahms, sehr schön.
Faber ist Architekt, die Wohnung ist ein Wirrwarr aus 50er Jahre-Möbeln und gewagter Moderne. Ein vertikaler Glasaufsatz mit Porträts von Elisabeth schmückt den Schreibtisch, ein schräg gestellter Lampenschirm mit Trotteln ragt in vorgetäuschter Heimeligkeit ins Bild, durch geöffnete Türen sieht man den Garten und Hintergrundmalerei. Jochen muss mit seinem Mercedes-Cabrio für ein paar Tage auf ein Schloss, das zum Hotel umgebaut wird, und sich dort mit dem Innenarchitekten herumstreiten.
Die Pflegerin Frau Prein (Elsa Wagner) tröstet Elisabeth während Jochens Abwesenheit mit Lebensweisheiten zur Ehe: “Die Hauptsache für die Frau ist doch der Mann. Man soll nicht immer hinter den Männern herdenken, das mögen sie nicht. Wenn er wiederkommt, musst Du nett sein und nicht viel fragen.“

Büro des Innenarchitekten (Paul Henckels und Gertrud Kückelmann)

Innenarchitekt Draaden (Paul Henckels) sitzt in einem grotesk altfränkisch eingerichteten Büro – Vasen, Gummibaum, gerahmter Spiegel, Wandlüster, Kommode mir Uhrenaufsatz und dalmatinergefleckter Bürostuhl – mit Sybille Erler (Gertrud Kückelmann) ; er kann nicht zum Schloss fahren, Sybille soll ihn vertreten. Sybille ist eine selbstbewusste und schlagfertige junge Frau, das Glanzlicht des Films. Auf dem Schloss sägt sie als erstes Tischbeine ab, um daraus einen passenden Schreibtisch zu machen. Natürlich geraten Sybille und Faber aneinander, Faber nennt sie „liebes Kind“, sie antwortet: „Wollen Sie bitte übersehen, dass ich eine Frau bin!“ Faber erklärt seine Idee eines Hotelzimmers: „Einfaches Bett mit Strohgeflecht, strohfarbene Bettdecke, Strohmatten als Vorleger…“ Sybille unterbricht ihn: „Und da liegt es dann.“ – „Was?“ – „Das Kindlein. Auf Heu und auf Stroh.“

Zur Arbeit trägt Sybille hautenge Caprihosen und ein weißes Männerhemd, auch mal eine Weste. Westen trugen nur Männer, Hosen für Frauen waren „unschicklich“ – Sybille ist eine

Gertrud Kückelmann bei der Arbeit

erotische Provokation. Zum Richtfest aber stattet sie sich aus wie eine Elfe, mit durchsichtiger Bluse und Puffärmeln. Natürlich verlieben sich Faber und Sybille, Ehefrau Elisabeth denkt derweil selbstlos an Scheidung. Er wünschte sich doch Kinder, die sie „wegen ihrer Stimme“ noch nicht haben wollte. Und jetzt ist es zu spät, „jetzt muss ich bezahlen“. Zur Einweihung des Schlosses soll sie das „Laudate Dominum“ singen, aber sie sagt wegen Nervenzerrüttung ab. Jochen eilt zu ihr; gerad da kommt der Scheidungsanwalt. „Das ist mir zu dumm!“ empört sich Jochen. Und gegenüber Hannah: „Ich finde eine eigene Lösung.“ Aus einem Album mit Fotos von Waisenkindern sucht sich Jochen ein Kind aus; Käthe soll es sein, nicht Kurt. Aber Käthe und Kurt haben sich versprochen, beieinander zu bleiben; so nimmt er eben beide. „Wir sind eine Ehe, eine richtige Ehe“, erklärt er Elisabeth. Und jetzt auch, Kurt und Käthe marschieren herein, eine Familie. Elisabeth singt nun, im Auge stilles Glück, zur Eröffnung des Hotels das „Laudate Dominum“. Und Sybille weint, das Lied wird im Rundfunk übertragen, an ihrem Arbeitstisch. Totale der Musikveranstaltung, Kamerafahrt auf Antje Weissgerbers gelöstes Gesicht bis zur Großaufnahme, Amen und Ende.

Wolfgang Liebeneiner inszenierte und hat auch einen Auftritt als Dirigent. Liebeneiner verschränkt geschickt die Handlungsstränge zwischen Liebesgeschichte, Arbeitsbesprechungen und Elisabeths Einsamkeit, er lässt die Dinge sprechen – ein weißes Telefon auf Elisabeths Schoß, das nicht klingelt, Glöckchen in Sybilles Hand, die lustig bimmeln. Das luftige Glück der Verliebtheit, die bittere Verzagtheit der Ehefrau – alles steht ebenbürtig miteinander. Und auch die Jugend und Entschiedenheit von Gertrud Kückelmanns Figur Sybille wird nicht denunziert, sondern hat ihren selbstverständlichen Platz. Eine „saubere Inzenierung“ befanden die Kritiker, und doch wirkt das meiste wie von gestern, wie ein zeitversetzter alter Ufa-Durchschnittsfilm. Woran lag das? Liebeneiner ist ein geschickter Moderator, Liebesszenen macht er hübsch und amüsant, dramatische Szenen werden ernst und gemessen. Statt das Melodram aufzuladen, diszipliniert er die Gefühle.
„Die Stärkere“ war die erste Produktion der Capitol-Film, finanziert mit Mitteln der alten Ufa, d.h. des Bundes. Die Capitol-Film sollte mit ihren Produktionen das Überleben der Atelierbetriebe in Tempelhof sichern. Dazu wurde auch gleich der Prisma-Verleih gekauft. Chef der Capitol Film war Richard Riedel, ehemals Produktionschef und Drehbuchautor von „… reitet für Deutschland“ (1941). Das Drehbuch zu „Die Stärkere“ schrieb Walter von Hollander, Drehbuchautor seit 1936 und als Moderator der Rundfunksendung „Was wollen Sie wissen“ wie als „Frau Irene“ in der „HörZu“ in den 1950ern der Kummerkasten der Nation. Igor Oberberg (Kamera), Emil Hasler (Ausstattung) und Carl Otto Bartning (Schnitt) waren Profis seit den zwanziger Jahren; für die ehemalige Leiterin der Ufa-Kostümabteilung Manon Hahn war „Die Stärkere“ die erste Arbeit nach dem Krieg. Die Capitol-Film schloss ihre Büros einen Monat nach der Uraufführung ihres zehnten und letzten Films „Das Mädchen aus Flandern“ Ende März 1956 mit einem Verlust von rd. 5 Millionen DM.
Der Tarnname wirkt bis heute fort; in den aktuellen Büchern zur Ufa findet man nichts.

Keine DVD, aber im Internet: https://www.youtube.com/watch?v=rC9AP2x_xgI

Ergänzungen zu filmportal:
Dreharbeiten: 13. 4. 1953 – Ende Mai, Ateliers Tempelhof; Juni: Stadt und Schloss Büdingen. Tonaufnahmen mit Rita Streich: 12.4. 1953. FFB Orchester, Chor der St. Hedwigs Kathedrale Berlin in der Einstudierung von Professor Dr. Karl Forster. Starfotos: Hans Grimm

Dank an Barbara Schröter

Donnerstag, 14.12.2017

Filme der Fünfziger (XXXVIII): Der Mann meines Lebens (1954)

Am 30. Januar 1954 trieb es den Familienminister Wuermeling (CDU) zu einer programmatischen Erklärung: “Der durchschnittliche Unterhaltungsfilm zeigt allzu oft eine Auffassung der Ehe und Familie, die dem im Abendland gültigen Bild widerspricht. In der Sorge um den Bestand unserer Familie und damit auch um die Zukunft unserer Gesellschaft muss das einmal offen ausgesprochen werden. Nicht Prüderie und altjüngferlicher Moralismus, sondern das ewig gültige Richtbild von Ehe und Familie sollen bei der Beurteilung maßgebend sein.“ Mit Blick auf die Bundesbürgschaften für Filme forderte Wuermeling, nur jene Produktionen „finanzieren zu helfen, die den Wert von Ehe und Familie nicht herabsetzen. … Wenn in der Demokratie der Staatsbürger der Träger des Staates ist, dann hat er das Recht und die Pflicht, allem entgegenzutreten, was seinem Staat die Existenzgrundlagen entzieht.“ Er forderte „nicht Staatszensur, sondern Volkszensur unseres kulturellen Lebens!“.

Im Februar und März desselben Jahres ging es von Seiten der katholischen Kirche mal wieder auf Treibjagd gegen die Freiwillige Selbstkontrolle und ihre Praxis der Jugendfreigabe. Ein Gutachten von Dr. Viktor Engelhardt kam zu dem Ergebnis, das „eine gar nicht wiederzugebende Fülle von Gangstermorden, Grausamkeiten, Wildwestroheiten, Nervenaufpeitschungen, erotischen Zweideutigkeiten und falschen luxuriösen Lebensbildern – in welchem die Chansonsängerin als die große Künstlerin und die Nachtbar als das normale Lebensmilieu dargestellt wird – auf die Kinder herab(prasselt).“ Die Katholische Filmliga Neuss zeigte als abschreckendes Beispiel den Howard Hughes Film „The Outlaw“ (Geächtet), der ab 12 Jahren zugelassen war, aber von der Katholischen Kirche mit 2EE (Für Erwachsene mit erheblichen Einwänden) bewertet wurde. In derselben Zeit folgten die deutschen Illustrierten der sich überschlagenden „Chronique scandaleuse“ zwischen Eva Bartok und dem noch verheirateten Curd Jürgens. Der Vizepräsident des Bundestages Dr. Richard Jäger (CSU) erkannte darin, in Kalter Kriegs-Rhetorik delirierend, den Ausdruck „kulturbolschewistischer Tendenzen“.

In dieser Atmosphäre des Kulturkampfes entstand „Der Mann meines Lebens“, gedreht immerhin unter der Regie von Erich Engel, dem man sicherlich keine Sympathien für die reaktionären Wortführer unterstellen kann. Der Titel spekuliert auf das weibliche Publikum, ist aber eine Mogelpackung. Es geht nicht um eine weibliche Perspektive, sondern um ihre Abwehr zugunsten einer bestehenden Ordnung, und sei sie noch so freudlos.

Der Künstler

Der weltbekannte Violinist Nils Ascan (René Deltgen) kommt in seine Heimatstadt zurück, um ein Konzert zu geben. Vor fünfzehn Jahren – das wäre dann 1939 gewesen – war er Hals über Kopfwegen wegen einer dummen Liebesgeschichte weggegangen. So kann man Verfolgung und Emigration auch definieren. Nun will er seine Jugendliebe, die Oberschwester Helga Dargatter (Marianne Hoppe), wiedergewinnen. Professor Bergstetten (Karl Ludwig Diehl), der leitende Arzt des ärztlichen Krankenhauses, wiegt bedenklich sein Oberhaupt gegenüber seiner Oberschwester. „Es gibt ja wirklich auch heute noch Persönlichkeiten in der Kunst die, na ja… Na eben, unheimliche Menschen. Wenn Sie so wollen, dämonisch.“ Und auch Professor Kühn (Otto Gebühr), Ascans ehemaliger Lehrer, ermahnt Helga: „Was das Schicksal einmal getrennt hat, das soll der Mensch nicht wieder zusammenkleistern.“ Nach dem Konzert, von dem Helga nur den Schluß (die Pflichten!) mitbekommt, tuscheln die Frauen: „Er ist hinreißend, aber auch ein bisschen unheimlich.“ Helga will sich nicht wieder auf den „Teufelsgeiger“ einlassen.
In einer Parallelhandlung geht Oberarzt Dr. Reynold (Malte Jaeger) im Urlaub seiner Verlobten Schwester Agnes (Ina Halley) mit Schwester Thea (Gisela Trowe) ins Bett. Oberschwester Helga erfüllt als Schürzenkönigin mit steinernem Gesicht jetzt ihre Pflicht und erklärt der störrischen Thea: „Ich will, dass in diesem Haus Ordnung herrscht, moralische Sauberkeit. So geht es eben nicht – ‚das ist meine Angelegenheit’.

Madonna Oberschwester

Damit stellen Sie sich außerhalb der Gemeinschaft von uns allen. Ein Krankenhaus ist nicht irgendein Betrieb, sondern ein Zusammenschluss von Menschen, die alle aufeinander angewiesen sind. Und so wenig ich heute meinen Posten verlassen könnte, um irgendein privates Interesse zu verfolgen, so wenig sollten Sie als unsere Mitarbeiterin gegen den Geist verstoßen, der bei uns herrscht.“ Damit ist Gisela Trowe leider aus dem Filmgeschehen entlassen.
Ascan wird in einem Wirtshaus und Gelegenheitsbordell eine Flasche an den Kopf geworfen. Schwester Helga eilt zu ihm und ja, sie wird jetzt bei ihm bleiben und ihren Posten verlassen. Beim nächsten Konzert spielt Ascan so schön wie nie zuvor. Doch Schwester Agnes hat von dem Fehltritt ihres Verlobten gehört und wirft sich in einem Selbstmordversuch aus dem Fenster. Nun eilt Helga gegen Ascans heftigen Protest wieder zurück ins Krankenhaus. Sie assistiert bei der Operation, Dr. Reinhold und Agnes vertragen sich wieder und Helga bleibt jetzt für immer im Krankenhaus. „Gott sei Dank“, seufzt Professor Bergstetten, „der Spuk ist vorüber“. Das Ärztekollegium und Oberschwester Helga, auch jetzt noch mit Schürze, treffen sich zu einem Hausmusikabend. „So schön waren wir noch nie zusammen.“ Im Schlußbild fährt die Kamera auf das edel versteinerte Gesicht von Marianne Hoppe.

Der Spuk

Solche freudlosen und moralinsauren Filme waren selbst in 1950er Jahren die Ausnahme. Die Kamera versucht mit Lichteffekten, mit Schatten auf René Deltgens Gesicht und madonnenhafter Ausleuchtung von Marianne Hoppe, der erkennbar dünn konstruierten Geschichte tragischen Sinn zu geben. Einsam spaziert René Deltgen im Hafen der Stadt und auf neblig-trüben Straßen, einsam und eisern schreitet Marianne Hoppe die Flure des Krankenhauses entlang. Die Produktion ist nicht nur in diesen Szenen erkennbar unterfinanziert; so scheint auch die Kleidung der Frauen aus einem sehr bescheidenen Kostümfundus zu stammen. Das Tageskleid der Frau des Kulturreferenten sieht aus wie ein umgearbeiteter Bademantel, ein Bolerojäckchen mit eingearbeiteter Weste wäre besser in einem Revuefilm untergebracht. Der rasende Beifall der Konzertbesucher stammt aus der Konserve und passt nicht zu der überschaubaren Menge des Publikums.

Auch wenn ich einigen Mitarbeitern der Produktion damit vielleicht Unrecht tue – mir kommt es vor, als wollten hier alte Kameraden die Frauen mores lehren. Der Produzent Viktor von Struve war Produktions- und Herstellungsleiter bei der Ufa und Terra. Die Vorlage stammt vom ehemaligen Produktionschef der Ufa Otto Heinz Jahn. Der Leiter der Combo im Wirtshaus ist Eberhard Glombig, ehedem Komponist des Reichsparteitagsfilms „Nürnberg 1937“ (1938, R: Carl Junghans); und Orchesterdirigent war Fritz Stein, im „Dritten Reich“ bekannt als rigoroser Antisemit.

Nicht als DVD

Ergänzungen zu filmportal:
Mit Günther Jerschke (Hotelportier), Josef Dahmen (Fernfahrer), Ilse Kiewiet (Wirtstochter), Mirja Ziegel-Horwitz (Kneipenwirtin).
Geigensoli: Prof. Erich Röhn; Orchester Eberhard Glombig; Fritz Stein mit dem Orchester F.F.B. (Forces Françaises de Berlin); Kameraassistent: Henry Rupé; Garderobiere: Lotte Runow und  Johann Fischer; Atelier-Sekretärin: Liselotte Christ; Standfotos: Johann Lindner. Bruno Suckau, in filmportal mit einem Fragezeichen unter Ton versehen, steht als Tonmann im Vorspann.
Gedreht in den Ateliers Bendestorf. Außenaufnahmen ab 30.12.1953; Atelieraufnahmen 4.1.1954 bis 11.2.1954

Dank an Guido Altendorf, Barbara Schroeter und Joachim Voelmecke

Samstag, 18.11.2017

Filme der Fünfziger (XXXVII): Ein Herz kehrt heim (1956)

Das Herz im Titel bemüht bewusst das empfindsame Gemüt; aber was ist mit dem Titel gemeint? Findet ein Mann nach langen Irrwegen seine Frau oder vielleicht umgekehrt? Kehrt der verlorene Sohn zurück, wurde ein Baby vertauscht? Nichts von alledem, wir begegnen einem Heimkehrerfilm, bei dem man bis zum Schluss nicht weiß, wessen Herz nach Hause findet. Kommen Heimkehrer im BRD-Film aus dem Osten, sind sie in der Regel verbittert und müssen sich erst mal zurechtfinden. Kommen sie aus dem Westen, bevorzugt aus Amerika, haben sie etwas gutzumachen, weil sie natürlich reich geworden sind, während die Deutschen so schrecklich gelitten haben. Hier geht es jetzt um Wiedergutmachung und da hört der Spaß auf.

Robert Lennart (Willy Birgel) ist ein international gefragter Dirigent, gastiert gerade in der Mailänder Scala und muss direkt vom Konzert eiligst zum Flughafen. Im Dirigentenflur hängt neben Plakaten für Konzerte in Mailand, Rom und New York wie selbstverständlich eine Ankündigung für die Musikfestspiele der Stadt Neuburg. So ein Zufall! Lennart war einmal eine Zeit, lang ist’s her, Kapellmeister in Neuburg, „genial und unverstanden“, verbrachte dort seine glücklichste Zeit und hieß „übrigens“ damals noch Nordhoff. In Neuburg möchte er gerne dirigieren, Gage ist egal, Zeit ist erstaunlicherweise auch noch, das nächste Engagement in Rio ist erst am 28. Also auf nach Neuburg.
Neuburg ist eine Industriestadt; Arbeiter, unter ihnen Fabrikantensohn Wolfgang Thomas (Maximilian Schell), verlassen verdreckt die Fabrik. Von der Industrieanlage sieht man später aus der Ferne noch Archivbilder eines Hochofens und ansonsten nur das Direktionszimmer. In der Thomas-Villa stehen riesige Porzellanvasen mit und ohne Blumen, Keramik- und Steinfiguren in Fülle, die Tapeten haben dezente Pflanzenmuster, im Garten plätschert ein Zierbrunnen. Es gibt ein Kunstzimmer mit Flügel und Bibliothek, einen großen Wintergarten, einen privaten Essraum und natürlich einen Salon. Wolfgang, der einzige Sohn, will eigentlich Pianist werden und verbringt seine freie Zeit am liebsten mit dem jungen Komponisten Reinhard Besselmann (Heinz Reinke), genannt „Muffel“, dessen Gefährtin Maxie (Ernie Mangold) und seiner Freundin, der Solotänzerin Sylvia Hartung (Hertha Martin). Das passt dem Vater Martin Thomas (Hans Nielsen) nicht. „Ich war auch mal jung; hatte auch Hirngespinste und wollte etwas anderes als mein Vater. Heute bin ich ihm dankbar, dass er mich richtig geführt hat. Es wird langsam Zeit, dass der Junge sich auf den Betrieb konzentriert.“ Der Generationskonflikt wird in der Villa beim edel gedeckten Abendbrot aufgetischt.

Ernie Mangold becirct vergeblich Willy Birgel

Die jungen Leute ziehen derweil in ihrer Studentenwohnung über die Alten her. Das Repertoire des Dirigenten Lennart nennt Muffel „garnierte Kulturplatte“. Lennart zeigt seiner Sekretärin Snyder (Ursula Herking), auch eine Emigrantin, die Stadt; Fachwerkhäuser, Stadtteich, im Hintergrund das Konzerthaus, dazu seufzen Flöten und Geigen. Jetzt aber zur Probe, die schon unter der Leitung von Kapellmeister Boerner (Charles Regnier) begonnen hat. Lennart und Boerner kennen sich von früher, Lennart hatte Boerner die Freundin ausgespannt. Jetzt drängt er ihn vom Dirigentenpult und korrigiert gleich die Streicher. „Inniger, noch inniger“. Vor dem Konzert gibt es einen Empfang im Hause Thomas. Die Hausherrin Irene Thomas (Maria Holst) ist die frühere Freundin von Lennart, die er vor 20 Jahren schuftig sitzen gelassen hat. Und Wolfgang, 21 Jahre alt, ist sein Sohn. Lennart lädt ihn ein, mit nach Amerika zu kommen und dort Musik zu studieren. Freund Muffel hat eine moderne Sinfonie geschrieben, Lennart dirigiert sie gleich in Neustadt. Anschließend ist Boogie-Woogie Party in der Studentenbude, mit Existenzialistinnen und verkanteter Kamera. Lennart strahlt: „Ich finde das sehr nett bei Euch, lauter junge Leute.“ Mit dem reichen Onkel aus Amerika gibt es keinen Generationenkonflikt.

Wolfgang schreibt einen Abschiedsbrief an seine Eltern; zufällig hört er aber, dass Lennart ihn nicht wegen seiner Begabung, sondern wegen der entdeckten Vaterschaft mitnehmen will. Jetzt bleibt Wolfgang doch zu Hause und alles wird gut für die Familie Thomas, die Thomas Werke und Neustadt. Lennart „fährt zurück in seine Welt des Ruhms, des Erfolges – und der Einsamkeit.“ (Presseheft)

Der von Eugen York souverän inszenierte Kramladen an Themen (Konflikt der Generationen, Standesdünkel, Klassische Musik vs. moderne Musik vs. Boogie Woogie, Selbstverwirklichung vs. Verantwortung, Anstand vs. Schuftigkeit) ist direkt aus der Haltung der Wohlstandsgesellschaft geschnitten. Der Remigrant muß sich entschuldigen, bleibt aber der Schuft. „Ich weiß,“, sagt Lennart zu Irene Thomas, „ich habe mich nicht gut benommen. Deshalb bin ich so froh, dass ich Gelegenheit habe, Dich um Verzeihung zu bitten.“ Nein, die wird nicht gewährt. „Nach all den Jahren“, so Lennart weiter, „empfinde ich auf einmal ein Gefühl der Zugehörigkeit.“ Wieder falsch. „Du gehörst zu niemandem von uns. Es muß alles so bleiben wie es ist.“ Der Streit kulminiert in einem Gespräch zwischen Vater Thomas und Lennart, geschnitten wie ein Showdown von der amerikanischen Einstellung bis zur Großaufnahme der erregten Gesichter. „Für mich sind Sie ein Einbrecher, ein Einbrecher in das Glück anderer Menschen.“ – „Ich hole mir nur, was mir gehört.“ – „Sie haben überhaupt kein Recht, weder juristisch noch moralisch.“ Das muß jetzt mal gesagt werden, aus Anstand. „Dieser Mann kann doch nicht einfach daherkommen und unser Leben kaputt machen. Das kann kein Gesetz zulassen.“

Schade, dass Ernie Mangold als Freundin Muffels nur wenige Szenen hat. Sie wäre sofort mit Lennart gegangen, raus aus dem Kleinstadtmief in die große Welt. So viel Frechheit, so viel fröhliche Unmoral. Am Ende des Kabarettchansons sieht sie mit Heinz Reinke direkt in die Kamera, als wolle sie uns eine lange Nase drehen, und sagt auch noch: „Was seid ihr alle prüde“.

Nicht auf DVD

Ergänzungen zu filmportal:
Kameraassistent: Alex Henningsen; Star- und Standfotos: Gabriele du Vinage; Pressefotos: Renée Falke
Es spielt das Deutsche Filmorchester Eberhard Soblick unter der Leitung von Wolfgang Zeller. Solist: Shura Cherkassky. Ballett der Hamburger Staatsoper. Choreographie: Sabine Ress;; Kabarett-Text: Günter Neumann (aus dem Programm der „Insulaner“).

Dreharbeiten vom 17. August – 30. September 1956 in den Real Film Studios; Außenaufnahmen in Celle am 16. September.

Uraufführung am 26. 10 1956 in Bielefeld und anderen Städten

 

Mittwoch, 23.08.2017

Filme der Fünfziger XXXVI: Heimatlos (1958)

Gegen Ende der 50er Jahre machten Heimatfilme nicht mehr die grossen und sicheren Umsätze. Dabei waren sie in der Produktion immer noch billig; Schauspieler, Regisseure, das gesamte Produktionsteam waren sich klar, dass hier kein großer Kassenschlager, sondern ein Brotfilm gedreht wurde. Und die Außenaufnahmen waren so günstig. Manfred Barthel, lange Jahre bei der Gloria-Film, weiß Bescheid. „Filmleute fielen in einen Ferienort ein, sorgten für Neugier und Unruhe unter den Urlaubern, bestellten beim Fremdenverkehrsverein Volkstänze und Trachtenumzug gegen Freibier und eine Spende in die Vereinskasse, und schon konnte gedreht werden.“
Ein bisschen Zeitgeist aber sollte schon sein; und so heißt dieser Film Heimatlos nach dem großen Erfolgsschlager von Freddie Quinn, den schon alle, alle kannten und von dem in dem Film nun so getan wird als würde er gerade erst aufgenommen.
Barbara Kirchner (Marianne Hold) hat sich mit Franz Leitner (Rudolf Lenz) verlobt, schon gibt es die erste Auseinandersetzung. Barbara möchte ihre Freundin in München besuchen, Franz findet das unpassend und wird eifersüchtig. Sofort lernt Barbara den Hallodri Konrad Fürst (Peter Weck) kennen, der schicke Autos nach Italien verschiebt. Als Barbara nach München fährt, ist ihre Freundin dummerweise verreist. Wo soll sie jetzt unterkommen für die Nacht? Konrad ist zur Stelle, quartiert sie in einer Pension ein und führt sie abends in die „Bar Pigalle“ aus. Als Barbara am nächsten Tag nach Hause kommt, hat Franz schon alles ihrem Vater (Willy Rösner) gepetzt; große Auseinandersetzung, Barbara zieht um nach München und lebt mit Konrad zusammen. Der will kurzzeitig anständig werden, wird aber von der Polizei erschossen. Jetzt muß Barbara arbeiten und findet in der „Bar Pigalle“ einen Job. Dort singt Freddy unter anderem sein Lied:  „Keine Freunde, keine Liebe/ keiner denkt an mich das ganze Jahr/ keine Freunde, keine Liebe/ wie es früher, früher einmal war.“ Bei seinem Vortrag hebt er traurig mal den einen, dann den anderen Arm, dann müde vom Elend beide auf einmal. Ein Showtalent ist er nicht, aber nett. Er besorgt Barbara eine billigere Wohnung; sie bekommt aus ihrer Liaison mit Konrad ein Kind, ein herziges Mädchen. Da kommt der Pfarrer aus dem Heimatort des Weges und entdeckt die vielen unglücklichen Umstände. Aber Barbara ist auch patent und praktisch. Von jetzt auf gleich wird sie Modeschneiderin. Ihr ehemaliger Verlobter, vom Pfarrer eingeweiht, wirbt wieder um sie und bringt dem Kindchen einen Hundewelpen mit. Freddy will dem Kind einen Spielzeughund aus Holz schenken; er hat jetzt einen Plattenvertrag und hält um Barbaras Hand an. So unbeholfen und so nett – Barbara heiratet Franz. Freddy geht ins Aufnahmestudio und singt: „Ruhelos zieh ich von Ort zu Ort, ruhlos wie Wolken im Wind. Überall such ich ein liebes Wort, such ich Menschen, die gut zu mir sind.“ So bleibt Freddys Polydor-Legende als Heimatloser intakt und Marianne Hold kann noch im selben Jahr in Mein Schatz ist aus Tirol und Der Priester und das Mädchen erneut die Liebe finden.

Herbert F. Fredersdorf hat den Film inszeniert; Fredersdorf war ursprünglich Cutter, dann Regieassistent. Als Regisseur ist er mit dem Film „Weit ist der Weg“ (1947/48) über einen Holocaust-

Der oben vollverglaste touropa-Bus

Überlebenden bekannt geworden, kehrte dann zunächst zu seinem Beruf als Cutter zurück und drehte in den 1950er Jahren nur noch Märchen- und Heimatfilme. Ganz außergewöhnlich ist ein Auftritt von Sybille Pagel, der späteren Dany Mann, mit dem Lied „Auf der Gamsbockalm“, in der sich Schuhplattler und Swing vermischen.
Das Land, die gar nicht so intakte Heimat, ist mit Aufnahmen von einem Trachtenumzug, Wiesen, blühenden Bäumen und Bergen präsent. Die Stadt dagegen hat nur die Innenräume der „Bar Pigalle“, die Wohnungen und ganz zum Schluß das Aufnahmestudio Freddys zu bieten. Auch die Freundin, ursprünglich der gute Stadtkamerad, taucht nicht mehr auf. Sie ist ein Totalausfall.

Aufgefallen ist mir ein schicker Touropa-Bus, mit dem Marianne Hold und Peter Weck nach München fahren. Touropa Busse fuhren keine Linienstrecken in der Provinz. Die Produktionsfirma Divina-Film, ein Ableger des Gloria-Verleihs, hatte touropa und die Abendzeitung München als Werbepartner eingekauft. Unter dem Motto „Frühling und Film in Südtirol“ konnten Münchner beim „Amtlichen Bayerischen Reisebüro“ eine Wochenendreise mit touropa nach Bozen und Meran zu den Außenaufnahmen von Heimatlos buchen. Alle Schauspieler mußten bei der Abendveranstaltung mitmachen; Freddy sang seine traurigen Lieder, Sybille Pagel ihre Schlager, bei einem Quiz konnte man Probeaufnahmen gewinnen und am Sonntag als Komparsen bei den Dreharbeiten mitmachen. Der Programmpunkt ging allerdings schief, am Sonntag regnete es Bindfäden. Macht nichts, die Kosten konnten sowieso als Werbung abgesetzt werden. So kam der touropa-Bus in den Film. Der ist wirklich sehenswert.

DVD bei filmjuwelen

Präzisierungen zu filmportal:
Kameraführung : Günther Grimm
Mit Willy Rösner (Vater Kirchner), Monika John (Frau Huber), Michael Burk (Wiggerl), Nora Minor (Crescentia), Marion Fuchs (Dienstmädchen), Cheryl Benard (Das Kind), Lotar Olias


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