new filmkritik

Sonntag, 04.02.2018

Ida Lupino …

… zum Hundertsten! Es gratulieren das BFI, das National Public Radio und ich.

Samstag, 27.01.2018

Filme der Fünfziger (XXXIX): Die Stärkere (1953)

Kriegsversehrten Männern konnte man in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg häufig begegnen, nur im Film sah man sie selten und im Zentrum standen die sichtbaren Verletzungen schon gar nicht. Frauen dagegen wurden öfter von unheilbaren Krankheiten heimgesucht; Maria Schell wäre beinahe gestorben, wäre ihr nicht Dieter Borsche als „Dr. Holl“ (1951) zu Hilfe geeilt; Ruth Leuwerik verhalf mit tödlicher Erkrankung ihrem Partner O.W. Fischer in „Ein Herz spielt falsch“ (1953) zur Läuterung. Willy Birgel gewinnt 1956 Elisabeth Müller, die als Tänzerin mit Kinderlähmung in seine Klinik kommt. Es sind vor allem die Männer, die sich in dieser Konstellation mit Ritterlichkeit, Treue und Mannestugend bewähren.
Nach einem Verkehrsunfall, verursacht durch Liederrausch und Liebessehnsucht, ist die berühmte Sängerin klassischer Lieder Elisabeth Faber (Antje Weissgerber) gelähmt und hadert mit dem Schicksal. Kann ein 42jähriger Mann – Hans Söhnker, der den Ehemann spielt, war allerdings schon 50 – mit einer gelähmten Ehefrau noch eine glückliche Ehe führen? Auf dieses Problem muss man erst mal kommen.

„Eine gelähmte Frau muss ihrem Ehepartner Freiheiten lassen“, sinniert Professsor Wolters (Paul Bildt). „Ein Mann kann zwei, drei Jahre als Mensch leben, eines Tages …“. Dr. Hannah Claassen (Tilly Lauenstein), die Freundin Elisabeths, unterbricht ihn. Sie wartet schon seit zehn Jahren auf ihren Mann. „Sind Männer so anders als Frauen?“ – „Allgemein gesagt: Ja.“ Hannah ist das weibliche Vorbild der Entsagung; eine Ärztin in grau oder im weißen Kittel, dazu Brille und deutlich von Freudlosigkeit gezeichnet. Es geht hier also nicht nur um die Krankheit, sondern auch unausgesprochen um die Frage, ob ein Mann seiner Frau treu sein kann, wenn er nicht mehr mit ihr schlafen kann.

Aus dem Haus des Ehepaars Faber tönt die Singstimme von Elisabeth. Sie hat zum Hochzeitstag ein Tonbandgerät gekauft und ein Lied aufgenommen. Kameramann Igor Oberberg folgt dem Tonkabel auf dem Boden, hebt in einem Halbkreis die Kamera zum Gesicht Antje Weissgerbers, schwingt dann elegant zurück und nimmt mit den letzten Tönen des Pianos den musikalischen Begleiter in den Blick – ein Moment klassischer Kameraschule. Jochen Faber (Hans Söhnker) stürzt herein: Ein Magnetophon! Das kostete 1953 die stolze Summe von rd. 1000 DM und ist natürlich für ihn, die Frau bekommt Rosen. Was hat sie denn gesungen? „Mir ist als wenn ich längst gestorben bin“ – Brahms, sehr schön.
Faber ist Architekt, die Wohnung ist ein Wirrwarr aus 50er Jahre-Möbeln und gewagter Moderne. Ein vertikaler Glasaufsatz mit Porträts von Elisabeth schmückt den Schreibtisch, ein schräg gestellter Lampenschirm mit Trotteln ragt in vorgetäuschter Heimeligkeit ins Bild, durch geöffnete Türen sieht man den Garten und Hintergrundmalerei. Jochen muss mit seinem Mercedes-Cabrio für ein paar Tage auf ein Schloss, das zum Hotel umgebaut wird, und sich dort mit dem Innenarchitekten herumstreiten.
Die Pflegerin Frau Prein (Elsa Wagner) tröstet Elisabeth während Jochens Abwesenheit mit Lebensweisheiten zur Ehe: “Die Hauptsache für die Frau ist doch der Mann. Man soll nicht immer hinter den Männern herdenken, das mögen sie nicht. Wenn er wiederkommt, musst Du nett sein und nicht viel fragen.“

Büro des Innenarchitekten (Paul Henckels und Gertrud Kückelmann)

Innenarchitekt Draaden (Paul Henckels) sitzt in einem grotesk altfränkisch eingerichteten Büro – Vasen, Gummibaum, gerahmter Spiegel, Wandlüster, Kommode mir Uhrenaufsatz und dalmatinergefleckter Bürostuhl – mit Sybille Erler (Gertrud Kückelmann) ; er kann nicht zum Schloss fahren, Sybille soll ihn vertreten. Sybille ist eine selbstbewusste und schlagfertige junge Frau, das Glanzlicht des Films. Auf dem Schloss sägt sie als erstes Tischbeine ab, um daraus einen passenden Schreibtisch zu machen. Natürlich geraten Sybille und Faber aneinander, Faber nennt sie „liebes Kind“, sie antwortet: „Wollen Sie bitte übersehen, dass ich eine Frau bin!“ Faber erklärt seine Idee eines Hotelzimmers: „Einfaches Bett mit Strohgeflecht, strohfarbene Bettdecke, Strohmatten als Vorleger…“ Sybille unterbricht ihn: „Und da liegt es dann.“ – „Was?“ – „Das Kindlein. Auf Heu und auf Stroh.“

Zur Arbeit trägt Sybille hautenge Caprihosen und ein weißes Männerhemd, auch mal eine Weste. Westen trugen nur Männer, Hosen für Frauen waren „unschicklich“ – Sybille ist eine

Gertrud Kückelmann bei der Arbeit

erotische Provokation. Zum Richtfest aber stattet sie sich aus wie eine Elfe, mit durchsichtiger Bluse und Puffärmeln. Natürlich verlieben sich Faber und Sybille, Ehefrau Elisabeth denkt derweil selbstlos an Scheidung. Er wünschte sich doch Kinder, die sie „wegen ihrer Stimme“ noch nicht haben wollte. Und jetzt ist es zu spät, „jetzt muss ich bezahlen“. Zur Einweihung des Schlosses soll sie das „Laudate Dominum“ singen, aber sie sagt wegen Nervenzerrüttung ab. Jochen eilt zu ihr; gerad da kommt der Scheidungsanwalt. „Das ist mir zu dumm!“ empört sich Jochen. Und gegenüber Hannah: „Ich finde eine eigene Lösung.“ Aus einem Album mit Fotos von Waisenkindern sucht sich Jochen ein Kind aus; Käthe soll es sein, nicht Kurt. Aber Käthe und Kurt haben sich versprochen, beieinander zu bleiben; so nimmt er eben beide. „Wir sind eine Ehe, eine richtige Ehe“, erklärt er Elisabeth. Und jetzt auch, Kurt und Käthe marschieren herein, eine Familie. Elisabeth singt nun, im Auge stilles Glück, zur Eröffnung des Hotels das „Laudate Dominum“. Und Sybille weint, das Lied wird im Rundfunk übertragen, an ihrem Arbeitstisch. Totale der Musikveranstaltung, Kamerafahrt auf Antje Weissgerbers gelöstes Gesicht bis zur Großaufnahme, Amen und Ende.

Wolfgang Liebeneiner inszenierte und hat auch einen Auftritt als Dirigent. Liebeneiner verschränkt geschickt die Handlungsstränge zwischen Liebesgeschichte, Arbeitsbesprechungen und Elisabeths Einsamkeit, er lässt die Dinge sprechen – ein weißes Telefon auf Elisabeths Schoß, das nicht klingelt, Glöckchen in Sybilles Hand, die lustig bimmeln. Das luftige Glück der Verliebtheit, die bittere Verzagtheit der Ehefrau – alles steht ebenbürtig miteinander. Und auch die Jugend und Entschiedenheit von Gertrud Kückelmanns Figur Sybille wird nicht denunziert, sondern hat ihren selbstverständlichen Platz. Eine „saubere Inzenierung“ befanden die Kritiker, und doch wirkt das meiste wie von gestern, wie ein zeitversetzter alter Ufa-Durchschnittsfilm. Woran lag das? Liebeneiner ist ein geschickter Moderator, Liebesszenen macht er hübsch und amüsant, dramatische Szenen werden ernst und gemessen. Statt das Melodram aufzuladen, diszipliniert er die Gefühle.
„Die Stärkere“ war die erste Produktion der Capitol-Film, finanziert mit Mitteln der alten Ufa, d.h. des Bundes. Die Capitol-Film sollte mit ihren Produktionen das Überleben der Atelierbetriebe in Tempelhof sichern. Dazu wurde auch gleich der Prisma-Verleih gekauft. Chef der Capitol Film war Richard Riedel, ehemals Produktionschef und Drehbuchautor von „… reitet für Deutschland“ (1941). Das Drehbuch zu „Die Stärkere“ schrieb Walter von Hollander, Drehbuchautor seit 1936 und als Moderator der Rundfunksendung „Was wollen Sie wissen“ wie als „Frau Irene“ in der „HörZu“ in den 1950ern der Kummerkasten der Nation. Igor Oberberg (Kamera), Emil Hasler (Ausstattung) und Carl Otto Bartning (Schnitt) waren Profis seit den zwanziger Jahren; für die ehemalige Leiterin der Ufa-Kostümabteilung Manon Hahn war „Die Stärkere“ die erste Arbeit nach dem Krieg. Die Capitol-Film schloss ihre Büros einen Monat nach der Uraufführung ihres zehnten und letzten Films „Das Mädchen aus Flandern“ Ende März 1956 mit einem Verlust von rd. 5 Millionen DM.
Der Tarnname wirkt bis heute fort; in den aktuellen Büchern zur Ufa findet man nichts.

Keine DVD, aber im Internet: https://www.youtube.com/watch?v=rC9AP2x_xgI

Ergänzungen zu filmportal:
Dreharbeiten: 13. 4. 1953 – Ende Mai, Ateliers Tempelhof; Juni: Stadt und Schloss Büdingen. Tonaufnahmen mit Rita Streich: 12.4. 1953. FFB Orchester, Chor der St. Hedwigs Kathedrale Berlin in der Einstudierung von Professor Dr. Karl Forster. Starfotos: Hans Grimm

Dank an Barbara Schröter

Freitag, 19.01.2018

Inge Classen

Zwischen den Jahren zufällig beim Durchblättern der letzten Ausgabe „BLACKBOX – filmpolitischer Informationsdienst“, Nr. 270, Dezember 2017, sah ich zwei Traueranzeigen. Platziert zwischen den Mitteilungen der Förderentscheidungen Hamburg unter Gender-Gesichtspunkten in den letzten 10 Jahren und denen des BKM/FFA, Filmstiftung NRW für November 2017.
Eine Anzeige als Erinnerung der 3 SAT Redaktion, und an anderer Stelle die ihrer Lebensgefährtin mit den Lebensdaten der INGE CLASSEN, 15.02.1957 – 14.10.2017

Die schwarzen Rahmungen um ihren Namen, jeweils unten auf einer rechten Seite, und darüber, die Aufzählung von Fördersummen, wem was zugestanden wurde, um ein Filmvorhaben beginnen zu können, oder es mit Unterstützung auszuwerten, sah ich als ein Bild, das sagt, dass es weitergeht und dass Inge Classen damit zu tun gehabt haben muss.

(Und wie ihr Name da zu lesen war, erschien mir ihr nicht gerecht, zwischen den Zahlen, irgendwie darauf reduziert zu sein, als fehle da noch was.)

Im Internet fand ich dann noch andere Traueranzeigen, die zwei Monate zuvor im Oktober in überregionalen Zeitungen abgedruckt waren.
Am Tag ihres Ablebens war ich bei Dreharbeiten beschäftigt, eindrückliche Momente mit A. Schanelec, und denke jetzt an „Orly“, den Inge Classen seinerzeit noch mitproduziert hatte.

Und dass Sie drei Jahre nach Harun Farocki verstorben ist, dass beide Anfang der Achtziger in der FILMKRITIK über Truffauts „La Femme d’à côté“ geschrieben haben. Sie, die genau den Film Beschreibende, während Farocki, wie ein Sidekick, sich in seinem Text über die deutsche Synchronisation ärgert.
„Duras filmt“, eine Dokumentation der Dreharbeiten zu „Agatha“ und Margarete Duras zu ihrer Arbeit, protokolliert von Inge Claßen, kann man in der FILMKRITIK Heft 4, April 1982 nachlesen.

Da war Inge Classen 25 Jahre alt und das, was sie dann als Produzentin alles möglich machte, lag noch vor ihr. Eine Cinephile, die als Redakteurin später Regisseuren wie Peter Nestler und Harun Farocki die Arbeit, die Weiterarbeit ermöglichte und all den hier Nichtgenannten mit ihrem Engagement bar jeder Eitelkeit die Grundlagen verschaffte im deutschen Fördersystem Filme herstellen zu können.

(„Was zum Beispiel Inge Classen und andere auf 3sat zeigen, hat mit dem übrigen Sender nicht viel zu tun, der eine Abladestelle für allerlei Zulieferanten ist. Und was Werner Dütsch und die Filmredaktion beim WDR machen, das ragt ja wie ein Fremdkörper aus dem Übrigen.“ *)

2013, als sie schon sehr krank war, nicht mehr aktiv arbeitete, zeigte das Arsenal-Kino einige der von ihr betreuten, mit auf den Weg gebrachten Filme als kleine Hommage. Der Einführungstext dazu beschreibt ihre Haltung, ihre Arbeit.

Montag, 08.01.2018

8. Januar 1933 – „Geboren under Capricorn“

Zum 85. Geburtstag von Jean-Marie Straub.

Zwei Einträge aus Anlass von Jean-Marie Straubs Geburtstag, verbunden mit einem Gruß nach Rolle und herzlichen Glückwünschen:

* ein Text von Volko Kamensky zu LOTHRINGEN!, hier auf der Langtextseite.

* eine Montage, *amitiés. Heimo Bachstein, Danièle Huillet / Jean-Marie Straub von Volker Pantenburg.

*

Beide Arbeiten entstanden im Zusammenhang der Retrospektive und Ausstellung Sagen Sie’s den Steinen. Zur Gegenwart des Werks von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, kuratiert von Annett Busch und Tobias Hering in Zusammenarbeit mit Antonia Weiße.

Mittwoch, 03.01.2018

2017 (in Listen)

Rainer Knepperges: (chronologisch)

Eleni Prokopiou > To syrtaki tis amartias (1966 Giorgos Papakostas)
Ata Demirer > Olanlar Oldu (2017 Hakan Algül)
Taraji P. Henson > Hidden Figures (2016 Theodore Melfi)
Michael Shannon > Elvis & Nixon (2016 Liza Johnson)
Ursula Grabley > Und das ist die Hauptsache!? (1931 Joe May)
Gina Arnold > Gina Wildkatze (1974 Gina von Freiburg)
Helmut Käutner > Versuchung im Sommerwind (1972 Rolf Thiele)
Gal Gadot > Wonder Woman (2017 Patty Jenkins)
Pierre Batcheff > Les amours de minuit (1931 Marc Allegret & Augusto Genina)
Märta Torén > Maddalena (1954 Augusto Genina)
Hertha Thiele > Mädchen in Uniform (1931 Léontine Sagan)
Mary Nolan > Outside The Law (1930 Tod Browning)
Jirí Vala > Smyk (1960 Zbyněk Brynych)
Mary (2017 Bruno Sukrow)
Umschwung in der Hauptstadt (2017 Lukas Laier & Moritz Vetter) ****
Isabel Sarli > La Mujer del zapatero (1965 Armando Bo)
Armando Bo > Pelota de cuero (1963 Armando Bo)
Sveva Alviti > Dalida (2017 Lisa Azuelos)
Robert de Niro > The Comedian (2017 Taylor Hackford)
Holly Hunter > The Big Sick (2017 Michael Showalter)
Carlos Cores > Los Tallos Amargos (1957 Fernando Ayala)
Coco (2017 Lee Unkrich & Adrian Molina)
Frances McDormand > Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017 Martin McDonagh)
Harry Baur > L’Assassinat du père Noël (1941 Christian-Jaque)

In Aachen, Berlin, Bologna, Buer, Chicago, Frankfurt, Mannheim, Nürnberg, Wiesbaden und Köln – im Kino.

***

Stefan Ertl: (alphabetisch)

Neue Filme
AFTERMATH (Elliot Lester)
DADDY´S HOME 2 (Sean Anders)
GET OUT (Jordan Peele)
MANCHESTER BY THE SEA (Kenneth Lonergan)
MR. CHURCH (Bruce Beresford)
QUAND ON A 17 ANS (André Téchiné)
VELOCE COME IL VENTO (Matteo Rovere)
VOYAGE OF TIME (Terrence Malick)
WAR FOR THE PLANET OF THE APES (Matt Reeves)
WONDER WOMAN (Patty Jenkins)

Alte Filme
BABY (Uwe Frießner)
KÄPT´N RAUHBEIN AUS ST. PAULI (Rolf Olsen)
POLIZEIRUF 110: KREISE (Christian Petzold)
DER PROZESS (Eberhard Fechner)
VERSUCHUNG IM SOMMERWIND (Rolf Thiele)

Glamour
Cate Blanchett in THOR: RAGNAROK (Taika Waititi)

Dienstag, 02.01.2018

Die Pausenzeichen des Westdeutschen Rundfunks (5)

[Aus Köln in die Welt. Beiträge zur Rundfunkgeschichte, hg. von Walter Först, Köln: Grote 1974; = Annalen des Westdeutschen Rundfunks, Band 2, Innenseite des vorderen Buchdeckels]

Samstag, 30.12.2017

Fernando Birri, 1925 – 2017


Vor genau einem Jahr waren wir – Michael Baute, Stefan Pethke und ich – gemeinsam mit Markus Ruff vom Arsenal und Settimio Presutto, Fernando Birris engstem Mitarbeiter an diesem Film, in der Schlussphase der DVD und DCP-Produktion von ORG.

Michael war 2011 im Rahmen des LIVING ARCHIVE-Projekts auf den Film aufmerksam geworden, seitdem gab es die Pläne, die 177 Minuten zu digitalisieren und wieder zugänglich zu machen. Es entstand auch ein Video-Essay mit Studierenden aus Braunschweig und Frankfurt/Main; mit Presutto filmten wir ein Gespräch, das letztlich unveröffentlicht blieb.

Aus verschiedenen Gründen zog sich das alles sehr lang hin und war einigermaßen kompliziert, aber das passt gut zum Film selbst, dessen Produktionsgeschichte 1968 begann und über zehn Jahre dauerte.

Der Film wurde bei der Berlinale gezeigt, Birri war, so schrieb er per Mail aus Rom, sehr glücklich über die Arbeit und Leidenschaft, que permiten el milagro de resucitar ORG como un Ave Fénix de sus cenizas. Am 22. Dezember 2016 schickte er uns einen Text für das Booklet der DVD, „Das Ei des Phönix (fast ein halbes Jahrhundert später)“.

Immer mal wieder fragte ich in den letzten Jahren unter Kinobegeisterten herum, wer Birri kenne und etwas über ORG wisse, aber niemand konnte Genaueres sagen, den meisten war der Name Birri gar kein Begriff. Vielleicht ist das nur mein Eindruck, aber die Filmgeschichte Lateinamerikas scheint in der öffentlichen Wahrnehmung keine besonders große Rolle zu spielen.

Hier ist ein Porträt von Michael Chanan zu sehen, ein zwanzigminütiger Auszug aus einer längeren Dokumentation über das lateinamerikanische Kino, die Chanan 1983 für Channel 4 gedreht hat. Trigon-Film in der Schweiz scheint einige seiner Filme demnächst auf DVD herauszubringen.

Am 27. Dezember 2017 ist Fernando Birri mit 92 Jahren gestorben.

Donnerstag, 14.12.2017

Filme der Fünfziger (XXXVIII): Der Mann meines Lebens (1954)

Am 30. Januar 1954 trieb es den Familienminister Wuermeling (CDU) zu einer programmatischen Erklärung: “Der durchschnittliche Unterhaltungsfilm zeigt allzu oft eine Auffassung der Ehe und Familie, die dem im Abendland gültigen Bild widerspricht. In der Sorge um den Bestand unserer Familie und damit auch um die Zukunft unserer Gesellschaft muss das einmal offen ausgesprochen werden. Nicht Prüderie und altjüngferlicher Moralismus, sondern das ewig gültige Richtbild von Ehe und Familie sollen bei der Beurteilung maßgebend sein.“ Mit Blick auf die Bundesbürgschaften für Filme forderte Wuermeling, nur jene Produktionen „finanzieren zu helfen, die den Wert von Ehe und Familie nicht herabsetzen. … Wenn in der Demokratie der Staatsbürger der Träger des Staates ist, dann hat er das Recht und die Pflicht, allem entgegenzutreten, was seinem Staat die Existenzgrundlagen entzieht.“ Er forderte „nicht Staatszensur, sondern Volkszensur unseres kulturellen Lebens!“.

Im Februar und März desselben Jahres ging es von Seiten der katholischen Kirche mal wieder auf Treibjagd gegen die Freiwillige Selbstkontrolle und ihre Praxis der Jugendfreigabe. Ein Gutachten von Dr. Viktor Engelhardt kam zu dem Ergebnis, das „eine gar nicht wiederzugebende Fülle von Gangstermorden, Grausamkeiten, Wildwestroheiten, Nervenaufpeitschungen, erotischen Zweideutigkeiten und falschen luxuriösen Lebensbildern – in welchem die Chansonsängerin als die große Künstlerin und die Nachtbar als das normale Lebensmilieu dargestellt wird – auf die Kinder herab(prasselt).“ Die Katholische Filmliga Neuss zeigte als abschreckendes Beispiel den Howard Hughes Film „The Outlaw“ (Geächtet), der ab 12 Jahren zugelassen war, aber von der Katholischen Kirche mit 2EE (Für Erwachsene mit erheblichen Einwänden) bewertet wurde. In derselben Zeit folgten die deutschen Illustrierten der sich überschlagenden „Chronique scandaleuse“ zwischen Eva Bartok und dem noch verheirateten Curd Jürgens. Der Vizepräsident des Bundestages Dr. Richard Jäger (CSU) erkannte darin, in Kalter Kriegs-Rhetorik delirierend, den Ausdruck „kulturbolschewistischer Tendenzen“.

In dieser Atmosphäre des Kulturkampfes entstand „Der Mann meines Lebens“, gedreht immerhin unter der Regie von Erich Engel, dem man sicherlich keine Sympathien für die reaktionären Wortführer unterstellen kann. Der Titel spekuliert auf das weibliche Publikum, ist aber eine Mogelpackung. Es geht nicht um eine weibliche Perspektive, sondern um ihre Abwehr zugunsten einer bestehenden Ordnung, und sei sie noch so freudlos.

Der Künstler

Der weltbekannte Violinist Nils Ascan (René Deltgen) kommt in seine Heimatstadt zurück, um ein Konzert zu geben. Vor fünfzehn Jahren – das wäre dann 1939 gewesen – war er Hals über Kopfwegen wegen einer dummen Liebesgeschichte weggegangen. So kann man Verfolgung und Emigration auch definieren. Nun will er seine Jugendliebe, die Oberschwester Helga Dargatter (Marianne Hoppe), wiedergewinnen. Professor Bergstetten (Karl Ludwig Diehl), der leitende Arzt des ärztlichen Krankenhauses, wiegt bedenklich sein Oberhaupt gegenüber seiner Oberschwester. „Es gibt ja wirklich auch heute noch Persönlichkeiten in der Kunst die, na ja… Na eben, unheimliche Menschen. Wenn Sie so wollen, dämonisch.“ Und auch Professor Kühn (Otto Gebühr), Ascans ehemaliger Lehrer, ermahnt Helga: „Was das Schicksal einmal getrennt hat, das soll der Mensch nicht wieder zusammenkleistern.“ Nach dem Konzert, von dem Helga nur den Schluß (die Pflichten!) mitbekommt, tuscheln die Frauen: „Er ist hinreißend, aber auch ein bisschen unheimlich.“ Helga will sich nicht wieder auf den „Teufelsgeiger“ einlassen.
In einer Parallelhandlung geht Oberarzt Dr. Reynold (Malte Jaeger) im Urlaub seiner Verlobten Schwester Agnes (Ina Halley) mit Schwester Thea (Gisela Trowe) ins Bett. Oberschwester Helga erfüllt als Schürzenkönigin mit steinernem Gesicht jetzt ihre Pflicht und erklärt der störrischen Thea: „Ich will, dass in diesem Haus Ordnung herrscht, moralische Sauberkeit. So geht es eben nicht – ‚das ist meine Angelegenheit’.

Madonna Oberschwester

Damit stellen Sie sich außerhalb der Gemeinschaft von uns allen. Ein Krankenhaus ist nicht irgendein Betrieb, sondern ein Zusammenschluss von Menschen, die alle aufeinander angewiesen sind. Und so wenig ich heute meinen Posten verlassen könnte, um irgendein privates Interesse zu verfolgen, so wenig sollten Sie als unsere Mitarbeiterin gegen den Geist verstoßen, der bei uns herrscht.“ Damit ist Gisela Trowe leider aus dem Filmgeschehen entlassen.
Ascan wird in einem Wirtshaus und Gelegenheitsbordell eine Flasche an den Kopf geworfen. Schwester Helga eilt zu ihm und ja, sie wird jetzt bei ihm bleiben und ihren Posten verlassen. Beim nächsten Konzert spielt Ascan so schön wie nie zuvor. Doch Schwester Agnes hat von dem Fehltritt ihres Verlobten gehört und wirft sich in einem Selbstmordversuch aus dem Fenster. Nun eilt Helga gegen Ascans heftigen Protest wieder zurück ins Krankenhaus. Sie assistiert bei der Operation, Dr. Reinhold und Agnes vertragen sich wieder und Helga bleibt jetzt für immer im Krankenhaus. „Gott sei Dank“, seufzt Professor Bergstetten, „der Spuk ist vorüber“. Das Ärztekollegium und Oberschwester Helga, auch jetzt noch mit Schürze, treffen sich zu einem Hausmusikabend. „So schön waren wir noch nie zusammen.“ Im Schlußbild fährt die Kamera auf das edel versteinerte Gesicht von Marianne Hoppe.

Der Spuk

Solche freudlosen und moralinsauren Filme waren selbst in 1950er Jahren die Ausnahme. Die Kamera versucht mit Lichteffekten, mit Schatten auf René Deltgens Gesicht und madonnenhafter Ausleuchtung von Marianne Hoppe, der erkennbar dünn konstruierten Geschichte tragischen Sinn zu geben. Einsam spaziert René Deltgen im Hafen der Stadt und auf neblig-trüben Straßen, einsam und eisern schreitet Marianne Hoppe die Flure des Krankenhauses entlang. Die Produktion ist nicht nur in diesen Szenen erkennbar unterfinanziert; so scheint auch die Kleidung der Frauen aus einem sehr bescheidenen Kostümfundus zu stammen. Das Tageskleid der Frau des Kulturreferenten sieht aus wie ein umgearbeiteter Bademantel, ein Bolerojäckchen mit eingearbeiteter Weste wäre besser in einem Revuefilm untergebracht. Der rasende Beifall der Konzertbesucher stammt aus der Konserve und passt nicht zu der überschaubaren Menge des Publikums.

Auch wenn ich einigen Mitarbeitern der Produktion damit vielleicht Unrecht tue – mir kommt es vor, als wollten hier alte Kameraden die Frauen mores lehren. Der Produzent Viktor von Struve war Produktions- und Herstellungsleiter bei der Ufa und Terra. Die Vorlage stammt vom ehemaligen Produktionschef der Ufa Otto Heinz Jahn. Der Leiter der Combo im Wirtshaus ist Eberhard Glombig, ehedem Komponist des Reichsparteitagsfilms „Nürnberg 1937“ (1938, R: Carl Junghans); und Orchesterdirigent war Fritz Stein, im „Dritten Reich“ bekannt als rigoroser Antisemit.

Nicht als DVD

Ergänzungen zu filmportal:
Mit Günther Jerschke (Hotelportier), Josef Dahmen (Fernfahrer), Ilse Kiewiet (Wirtstochter), Mirja Ziegel-Horwitz (Kneipenwirtin).
Geigensoli: Prof. Erich Röhn; Orchester Eberhard Glombig; Fritz Stein mit dem Orchester F.F.B. (Forces Françaises de Berlin); Kameraassistent: Henry Rupé; Garderobiere: Lotte Runow und  Johann Fischer; Atelier-Sekretärin: Liselotte Christ; Standfotos: Johann Lindner. Bruno Suckau, in filmportal mit einem Fragezeichen unter Ton versehen, steht als Tonmann im Vorspann.
Gedreht in den Ateliers Bendestorf. Außenaufnahmen ab 30.12.1953; Atelieraufnahmen 4.1.1954 bis 11.2.1954

Dank an Guido Altendorf, Barbara Schroeter und Joachim Voelmecke

Buchvorstellungshinweis (Berlin)

Jörg Becker, Spiegelungen – Variationen einer Metapher
Lesung, Filmbeispiele, Rede und Gespräch mit Jörg Becker
14. Dezember 2017, 19.30 Uhr
Kino Wolf, Weserstraße 59, 12045 Berlin

Freitag, 24.11.2017

Barstow, California

Rainer Komers, Kameramann, Filmemacher, Gedichtemacher, hat seit 2008 korrespondiert und telefoniert mit dem lebenslang in kalifornischen Gefängnissen einsitzenden Stanley Jackson, genannt Spoon. Dessen Gedichtband „Longer Ago“ (2010) und die Autobiographie „By Heart. Poetry, Prison, and Two Lives“ (zusammen mit Judith Tannenbaum, 2010) hatten es ihm angetan. In der Edition Versensporn ist es erstmals, angeregt von Komers, zu einer Veröffentlichung in Deutschland von Spoons Gedichten in der Originalsprache gekommen (einer Auswahl aus den Jahren 1986 bis 2012; Versensporn Nr. 11, Jena 2013). Jetzt gibt es eine deutsche Übersetzung der Gedichte und der Prosa: Spoon Jackson, „Felsentauben erwachen auf Zellenblock 8“, aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort versehen von Rainer Komers, edition offenes feld, Dortmund 2017.

Der Film Three Poems by Spoon Jackson von Michel Wenzer (Schweden 2003, 14 Minuten) hatte Komers mit den Gedichten und der Situation von Spoon Jackson bekannt gemacht. Am 3. April 2016 ist es im Lancaster State Prison, Los Angeles County, zu einer ersten Begegnung mit Spoon „von Angesicht zu Angesicht“ gekommen (wie Komers in seinem Nachwort ‚Realness Eats Raw Meat’ schreibt). Schon während der gegenseitigen Annäherung und der sich einstellenden grösseren Vertrautheit war in ihm die Idee gereift, seine ‚landscape listening’- Filme aus dem dünn besiedelten amerikanischen Westen – Nome Road System, 2004, und Milltown, Montana, 2010 – fortzusetzen und in die kalifornische Mojave-Wüste zu fahren. Das hiess also, eine Verbindung von aussen herzustellen zu Spoons Herkunft und Adoleszenz, insbesondere den von ihm selbst gesprochenen autobiographischen Text ‚By Heart’ (aufgenommen von Michel Wenzer) auf der Tonebene einzusetzen. Wenn in Spoons Fall „Gedichte schreiben … heisst, Kassiber in Zeilenform schreiben“ und dem Langzeit-Gefangenen die Erinnerung an die Landschaft seiner Jugend nur noch ‚by heart’ möglich ist, wären doch Kamera und Mikrophon in hervorragender Weise geeignet, die Gegenwart und Wirklichkeit des realen Orts festzuhalten und mitzuteilen. In Barstow, California hat sich Komers also kinematographisch mit dieser eindrucksvollen Gegend auseinandergesetzt, hat auch Zugang gefunden zu der immer noch dort lebenden Jackson-Familie, sich mit zwei von Spoons Brüdern vor der Kamera unterhalten.

Barstow, California – D 2017, HD, 1 Stunde 16 Minuten (strandfilm- und KOMERS.film-produktion).


atasehir escort atasehir escort kadikoy escort kartal escort bostanci escort