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Mittwoch, 18.04.2018

Filme der Fünfziger (XL): Geliebte Corinna (1956)

Als „Liane – das Mädchen aus dem Urwald“ für Jugendliche ab 12 Jahren freigegeben wurde, machte man der Jugendpsychologin in der FSK heftige Vorwürfe. So viel Nacktheit, und das ab 12 Jahren! „Sie kennen die Jugendpsychologie nicht“, entgegnete die Dame. „Jugendliche denken sich gar nichts Böses dabei, wenn einmal ein nackter Körper im Film erscheint. Wenn man den Besuch dieses Films beschränken zu müssen glaubt – dann würde ich empfehlen, ihn für Männer über 50 zu verbieten.“
Gleich nach der Premiere von „Liane“ begann Produzent Gero Wecker mit Regisseur Eduard von Borsody die Dreharbeiten zu „Geliebte Corinna“. Der Stoff basierte auf dem gleichnamigen Roman von Robert Pilchowski, der bereits 1951 als Buch erschien und in Fortsetzungen in der Frauenzeitschrift „Constanze“ abgedruckt wurde. „Constanze“ war die führende Frauenzeitschrift (Auflage Mitte der 50er: 600.000) und das Kalkül war klar. Wenn 600.000 Leserinnen alle zwei Wochen eine Romanfortsetzung lesen, dann sind sie auch potentielle Kinobesucherinnen. Curt Johannes Braun, seinerzeit 53 Jahre alt, und Ernst von Salomon, 54, und auch Autor der „Liane“-Filme, bearbeiteten den Stoff für das Kino. Aus der Pariser Kunststudentin Corinna wurde eine medizinische Assistentin und aus dem Liebesroman eine Huldigung an die Männer über fünfzig.
Corinna Stephan (Elisabeth Müller) ist medizinisch-technische Assistentin im Tropeninstitut in Hamburg. Am Wochenende trifft sie sich mit dem jungen Schauspieler Klaus Brockmann (Klaus Kinski); Brockmann jammert am Elbstrand. „Ich bin ein Versager, weil niemand an mich glaubt.“ Corinna offeriert ihm ein Schinkenbrot, er will Liebe und fällt über Corinna her. Da kommt Peter Mansfeld (Hans Söhnker) des Weges, befreit Corinna und treibt Klaus in die Flucht. Mansfeld ist ein deutscher Geschäftsmann, seit 15 Jahren in Malakka („Dort fühlen sich nur die Affen wohl“) und auf Europareise. Corinna zeigt ihm Hamburg, er führt sie aus nach St. Pauli, wo sie ein Wirt aus Daffke zu Mann und Frau erklärt. „Sie können sich doch im Ernst nicht vorstellen, dass wir beide verheiratet wären“, erklärt Mansfeld. „Doch, könnt ich“, erwidert Corinna kokett. In Corinnas Wohnung wartet der vertriebene Versager Klaus mit einer Pistole, Mansfeld vertreibt ihn erneut und wird verletzt. Corinna ist auch ausgebildete Krankenschwester, sie verarztet den Kavalier und beide verbringen die Nacht miteinander. Am nächsten Morgen – Mansfeld ist schon in Geschäften unterwegs – haben sie sich im Hotel verabredet. Aber Mansfeld bekommt ein Telegramm; sein Sohn ist verunglückt, er fährt sofort nach Malakka. Zurück bleibt Corinna, untröstlich und allein.

Chin, der unheimliche Chinese (Valerij Inkijinov)

Ein halbes Jahr später. Corinna hat immer wieder Briefe an Mansfeld geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Klaus hat die Hauptrolle in seinem Theater und auch Corinna verloren und säuselt in weinerlichem Tonfall: “Meine Chance ist vorbei.“ Dann entschlossen: „Ich hab genug von diesem Leben.“ Er erschießt sich in Corinnas Wohnung. Das ist ein kleiner Skandal, Corinna kommt in die Schlagzeilen und will jetzt aus Hamburg verschwinden. Gut, dass ihr Chef am Tropeninstitut ein paar Angebote an der Hand hat. Dr. Suter (Alexander Kerst) in Malakka sucht eine Assistentin. Also auf nach Malakka.

An Bord des Schiffes ist auch Chin (Valerij Inkijinow), der reichste Mann in Malakka und Freund von Mansfeld. Dr. Suter warnt Corinna vor Chin („Was ein Chinese denkt, kann ein Europäer nie ergründen“). Im Hospital von Dr. Suter regiert seine Mutter (Annie Rosar); sie will ihren Sohn mit Corinna verheiraten. Aber da ist noch Mansfeld, jetzt zu Pferd und rätselhaft unzugänglich. Mansfeld ist verheiratet, seine alkoholsüchtige Frau (Hannelore Schroth) will sich nicht von ihm scheiden lassen. Sie hat die Briefe von Corinna und auch von Mansfeld an Corinna unterschlagen. Es könnte sein, meint Suter zu Mansfeld, dass

Mutter Suter, Europäerin mit Charakter (Annie Rosar)

seine Frau geistesgestört ist. Eine kranke Frau im Stich lassen? Das geht natürlich gar nicht. Aber weil sie so böse ist, wird Mansfelds Frau von einem Malayen erstochen. Prima, jetzt können Mansfeld und Corinna heiraten.

Es geht um den Generationenstreit zwischen den Männern; die Jungen sind weinerlich und lebensunfähig, die mittlere Generation ist langweilig und hört auf die Mama; nur die Älteren sind wahrhaft ritterlich, geschäftstüchtig, stark und erotisch. Das exotische Element bedient jedes Klischee. Wenn Chin auftaucht, klingeln regelmäßig kleine Glöckchen. Er bedient sich auch einer Wahrheitsdroge, „die wir Europäer nicht kennen“. Die Malayen sind unterwürfig wie kleine Kinder, aber sie lieben ihre Herrschaft. Und natürlich sind sie unberechenbar, eben Asiaten. Der Unterschied zu „uns Europäern“? „Uns Europäern ist das Wesen ins Gesicht geschrieben.“
Die Hauptdarstellerin Elisabeth Müller verliert im Laufe des Films völlig ihre Konturen – es geht ja auch darum, die alten Herren ins rechte Licht zu rücken und die Fremde zu dämonisieren. Die chinesischen Schriftzeichen sind ganz einfach, erklärt Chin Mansfeld. Dies ist ein Schriftzeichen für die Frau, was

Variety, 5. September 1956

bedeuten wohl zwei Schriftzeichen für die Frau – zwei Frauen? Nein, Streit. Die Chinesen sind eben Philosophen. – Und was macht eine Frau, wenn sie sich verlassen und betrogen vorkommt? „Aushalten, tapfer sein“, weiß Annie Rosar.
Gedreht wurde in den Arca Studios in Pichelsberg, dort wurde auch das malayische Dorf aufgebaut. Als Tonspur hört man gelegentlich fremdländisches Gerede; das ist der ferne Osten, was sonst. Im Tropeninstitut blubbert es unaufhörlich (Geheimnis Wissenschaft), an Bord des Schiffes rauschen die Wellen. Die Tonspur soll Authentizität ersetzen. Einmontiert sind Szenen aus einem Dokumentarfilm von Mannus Franzen, dem zeitweiligen Mitstreiter von Joris Ivens. Reisfelder, lachende, barbusige Frauen bei der Arbeit. „Wir“ Europäer fahren in amerikanischen Schlitten.
Der Film ist auch ein Lehrstück über die fehlende Autonomie der Stars des deutschen Films. Elisabeth Müller hatte seit 1954 einen Exklusivvertrag über zwei Filme jährlich mit Herbert Horn geschlosssen; Horn war Inhaber des Neuen Filmverleihs, der die Filme der Arca verlieh und mitproduzierte. Um 1956 in Hollywood den Film „The Power and the Price“ von Henry Koster zu drehen, musste Frau Müller einer Verlängerung ihres Vertrags mit Horn zustimmen. MGM konnte Elisabeth Müller unter diesen Umständen nicht als neuen europäischen Star aufbauen und Horn verbrannte sie nach ihrem ersten Hollywood-Engagement in diesem Altherrenquark, den weder die Leserinnen der „Constanze“ noch die Herren um 50 sehen wollten.

Als DVD bei e-m-s erschienen

Ergänzungen und Präzisierungen zu filmportal:
Die literarische Vorlage stammt von Robert Pilchowski, nicht von Hans Habe. Habe soll zwar auch unter dem Pseudonym Robert Pilchowski geschrieben haben, aber Robert Pilchowski existierte als Literat und reale Person.
Kameraführung: Walter Hrich; Kameraassistent: Heinz-Günter Görisch; Bilder aus Indonesien: Mannus Franken; Requisite außen: Fritz Moritz; Requisite innen: Horst Giese; Garderobe: Hans Kothe, Lisa Willweber; Standfotos: Horst Maack; Geschäftsführer: Theo Mietzner; Produktionssekretärin: Katja Fleischer; Ateliersekretärin: Ursula Baumann.
Aussenaufnahmen in Hamburg etwa Mitte Oktober 1956; Atelierarbeiten in den Arca-Studios, Berlin, ab 18. Oktober 1956 bis Mitte November; im Völkerkunde-Museum, Berlin

Dienstag, 10.04.2018

Rhinland. Fontane (Film von Bernhard Sallmann, D 2017, DCP, 67 Minuten)

Das ist sicher eine Erfahrung für sich, allein unterwegs zu sein mit Kamera und Mikrophon – Teile der Mark Brandenburg (die Fontane-Bücher im Kopf) zu erforschen, sich Wind und Wetter auszusetzen, Standorte zu wählen und vom Stativ aus aufzunehmen, was sich dem Auge und dem Ohr je nach Jahreszeit an einem bestimmten Tag bietet, Gestimmtheiten der Landschaft und des Himmels einzufangen, Örtlichkeiten zu zeigen.
Das ist also der zweite Teil des auf vier Filme angelegten Projekts von Bernhard Sallmann, Teile von Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ zu exzerpieren und mit der eigenen Wanderung zu konfrontieren. (Oderland. Fontane von 2016 war der erste Teil, es sollen nach dem Rhinland noch hinzukommen das Spreeland und das Havelland.)

Rhinland. Fontane wird am Donnerstag, 12.4.2018, 20 Uhr, im Kino Krokodil, Greifenhagener Str. 32, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg, im Rahmen einer Feier in Berlin erstmals aufgeführt (in Anwesenheit von Bernhard Sallmann). Bis Ende April wird der Film danach fast täglich im Krokodil gezeigt.
Für weitere Termine dort und anderswo (Union-Kino, fsk-Kino, Tilsiter Lichtspiele) empfiehlt es sich die Seite der Kinos selbst oder www.facebook.com/RhinlandFontane zu konsultieren.

Donnerstag, 05.04.2018

Harun Farocki über TRANSIT (1966)

Eine von Farockis Antworten bei der Zulassungsprüfung der dffb, Mai 1966. Die Frage, auf die Farocki hier antwortet, ist nicht Teil der Akte (Deutsche Kinemathek: Signatur: N 7815-dffb), aber vermutlich lautete sie, welches Buch man gern verfilmen würde.

Zwei TRANSIT-Verfilmungen, die mit Farockis Interesse für das Buch auf die eine oder andere Weise zusammenhängen:

FLUCHTWEG NACH MARSEILLE, BRD 1977, Regie: Ingemo Engström und Gerhard Theuring

TRANSIT, D 2018, Regie: Christian Petzold, ab heute im Kino.

Dienstag, 27.03.2018

Günter Peter Straschek – Materialien

Aus Anlass der Ausstellung Günter Peter Straschek: Emigration – Film – Politik, kuratiert von Julia Friedrich (noch bis 1. Juli im Museum Ludwig in Köln), einige Hinweise auf weitere Materialien:

 

(1) von Straschek:

* Ein Brief Strascheks und die Antwortpostkarte Jean-Marie Straubs (April / Mai 1968)

* Fritz Lang (geschrieben im Sommer 2009)

* Lindtberg und Sirk (geschrieben im Sommer 2009)

 

(2) Texte und Hinweise Johannes Beringers zu Straschek:

* Kurztext zu HURRA FÜR FRAU E. (1967)

* Radiosendungen von Günter Peter Straschek

* Fragmentarisches. Zu Günter Peter Straschek (Dezember 2009)

***

Und noch der Trailer sowie Stefan Ripplingers Text über Strascheks Filme und die Ausstellung.

Im umfangreichen begleitenden Katalog ist neben Texten über Straschek und zahlreichen Materialien zu seinen Kurzfilmen und der Fernsehreihe FILMEMIGRATION AUS NAZIDEUTSCHLAND auch ein substanzieller Teil der Korrespondenz mit Straub und Huillet abgedruckt (S. 272-324). Dank an Julia Friedrich, Karin Rausch und Barbara Ulrich für die Genehmigung zum Abdruck von Brief und Postkarte.

Samstag, 24.03.2018

Godard / Varda in der Cargo #37

In der auch sonst sehr lesenswerten aktuellen Ausgabe Cargo [#37] schreibt Simon Rothöhler über Godards 2017 in Locarno und Wien wiederaufgeführte Fernseharbeit Grandeur et décadence dʹun petit commerce de cinéma (1986) und den Zusammenhang früher Videoarbeiten und der „Utopie eines kinematographisch informierten Fernsehens“, das den Begriff des Kinos neu durchmessen wollte. Darüber hinaus findet sich in derselben Ausgabe ein Beitrag über den zuletzt im Gespräch mit Reichart erwähnten Film von Agnès Varda & JR, Visages, villages (2017), den Gertrud Koch beigesteuert hat. Über Godards Arbeit mit Video als Verfahren der Aneignung schreibe ich in einem kürzlich erschienenen Beitrag. Erfreulicherweise sind die Filme der Dziga Vertov Gruppe jetzt auf Blu-ray und mit englischen Untertiteln neu herausgekommen. Reichart hat zuletzt im Filmdienst über das auf der Berlinale wiedererweckte Kübelkind (Stöckl/Reitz, 1969–71) berichtet. Ob das dort zitierte damalige Urteil der FSK heute anders ausfiele? „…die Sequenzen, in denen das Kübelkind erwürgt und erhängt wird, sowie das Ersäufen weiterer Kübelkinder sind dazu angetan, Jugendliche in ihrer Entwicklung schwer zu beeinträchtigen.“ Na dann, nichts wie los…!

Dienstag, 13.03.2018

Günter Peter Straschek im Museum Ludwig

Am 2. März 2018 ist die Ausstellung Günter Peter Straschek: Emigration – Film – Politik im Museum Ludwig in Köln in Anwesenheit von zahlreichen Gästen eröffnet worden.
Gleichzeitig ist ein umfangreicher Katalog in der Reihe ‚Hier und Jetzt‘ erschienen.
Ein begleitendes wöchentliches Filmprogramm (jeweils Freitag) läuft noch bis zum 22. Juni 2018.

Dienstag, 06.03.2018

Godard / Reichart

Im Herbst 2017 hat Thomas Helbig sich ausführlich mit Wilfried Reichart unterhalten. Leitfaden der Gespräche, in denen es auch um Reicharts eigene Arbeitsbiographie beim WDR und vieles andere geht, sind die Begegnungen mit Jean-Luc Godard zwischen 1971 und 2010.

* Mit Godard sprechen.

André S. Labarthe, 1931–2018

Gestern die Meldung, dass André S. Labarthe gestorben ist.

Fast zehn Jahre ist es her, dass wir – Erik Stein, Stefan Pethke und ich – bei unserer Reise für „Kunst der Vermittlung“ mit ihm ein Gespräch führten. Soweit ich mich erinnere, hatten wir ihn gar nicht auf unserer Liste, als wir losfuhren. Dann wollte der Zufall, dass es beim Coté Court-Festival in Pantin eine kleine ASL-Retrospektive gab. Man denkt bei ASL immer gleich an „Cinéastes de notre temps“ und „Cinéma, de notre temps“ – ich wette, dass in Nachrufen, falls es in Deutschland überhaupt welche geben wird, reflexhaft das Adjektiv „legendär“ benutzt werden wird –, aber sein Blick war viel weiter als nur auf’s Kino. In Pantin liefen auch Sendungen zu Bruno Schulz, zu Artaud, zu Philipp Sollers und vielen anderen. Premiere hatte damals „Bernadette Lafont, exactement“, und wenn mein Gedächtnis besser wäre, könnte ich mit Sicherheit sagen, dass Lafont auch zu Gast war (in meiner Erinnerung war sie es).

Labarthe lud uns dann zu sich nach Hause ein. Von den Leuten, mit denen wir in dieser einen Woche Gespräche führten (Bergala, Douchet, Eisenschitz, Huet, Lagier) war er der einzige, der uns zur Begrüßung einen Wodka (oder Whisky – mein Gedächtnis, meine Ignoranz gegenüber Alkohol) anbot. Was sind das eigentlich für Zigaretten, die so gelblich aussehen, wie aus Kunststoff, und sehr lange brennen? Diesen Typus von Zigarette verbinde ich mit André S. Labarthe, vielleicht wurden sie nur noch für ihn hergestellt. Gleich neben der Küche war eine Kammer mit Filmdosen, haufenweise 16mm-Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten, von unzähligen Gesprächen.

Einen Teil des Gesprächs, das, wie ich der mp3-Datei entnehme, am 16. Juni 2008 um 13:58 begann, kann man hier nachlesen. Wir stellten dann ein ganzes Dossier zu ASL zusammen, mit einem Text von Ralph Eue und weiteren Materialien. Hilfreich immer noch die Filmographie, die Jean-Luc Dirick aus Anlass des Festivals 2008 zusammengestellt hat.

Ich zitiere den Schluss von Ralph Eues Text, den Abschnitt mit der schönen Überschrift ASL „polymorph“

„Wofür steht eigentlich das S. in Labarthes Namen? Erstens: es dient dazu, das Pech hinters Licht zu führen. Ohne das S. hätte sein Name nämlich 13 Buchstaben, was ihn zur Zielscheibe für Unglück und Missgeschick machen würde. Zweitens: wollte er in seiner Anfangszeit als Kritiker Verwechslungen vorbeugen, da es einen entfernten Verwandten gab, der auch André hieß, Chefredakteur der Zeitschrift Constellation und Autor populärwissenschaftlicher Bücher (u.a. De la bombe atomique au sérum Bogomolotz, 1951) war. Drittens: macht das S. die Möglichkeit eines Plurals spürbar. Viertens: könnte es auch für Singulär stehen. Fünftens: Für Sylvain jedenfalls, wie gelegentlich zu lesen, steht es nicht. Sechstens: als Hommage für das große S in CinemaScope? Ja, das wäre denkbar.

»Bei Namen ist es wie bei Filmen, sie brauchen ein Gegenüber, damit sie sich in ihrer ganzen polymorphen Fülle realisieren. Versteht sich, dass sie bei jedem neuen Gegenüber ganz neue Assoziationen befördern.«“

Sonntag, 04.02.2018

Ida Lupino …

… zum Hundertsten! Es gratulieren das BFI, das National Public Radio und ich.

Samstag, 27.01.2018

Filme der Fünfziger (XXXIX): Die Stärkere (1953)

Kriegsversehrten Männern konnte man in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg häufig begegnen, nur im Film sah man sie selten und im Zentrum standen die sichtbaren Verletzungen schon gar nicht. Frauen dagegen wurden öfter von unheilbaren Krankheiten heimgesucht; Maria Schell wäre beinahe gestorben, wäre ihr nicht Dieter Borsche als „Dr. Holl“ (1951) zu Hilfe geeilt; Ruth Leuwerik verhalf mit tödlicher Erkrankung ihrem Partner O.W. Fischer in „Ein Herz spielt falsch“ (1953) zur Läuterung. Willy Birgel gewinnt 1956 Elisabeth Müller, die als Tänzerin mit Kinderlähmung in seine Klinik kommt. Es sind vor allem die Männer, die sich in dieser Konstellation mit Ritterlichkeit, Treue und Mannestugend bewähren.
Nach einem Verkehrsunfall, verursacht durch Liederrausch und Liebessehnsucht, ist die berühmte Sängerin klassischer Lieder Elisabeth Faber (Antje Weissgerber) gelähmt und hadert mit dem Schicksal. Kann ein 42jähriger Mann – Hans Söhnker, der den Ehemann spielt, war allerdings schon 50 – mit einer gelähmten Ehefrau noch eine glückliche Ehe führen? Auf dieses Problem muss man erst mal kommen.

„Eine gelähmte Frau muss ihrem Ehepartner Freiheiten lassen“, sinniert Professsor Wolters (Paul Bildt). „Ein Mann kann zwei, drei Jahre als Mensch leben, eines Tages …“. Dr. Hannah Claassen (Tilly Lauenstein), die Freundin Elisabeths, unterbricht ihn. Sie wartet schon seit zehn Jahren auf ihren Mann. „Sind Männer so anders als Frauen?“ – „Allgemein gesagt: Ja.“ Hannah ist das weibliche Vorbild der Entsagung; eine Ärztin in grau oder im weißen Kittel, dazu Brille und deutlich von Freudlosigkeit gezeichnet. Es geht hier also nicht nur um die Krankheit, sondern auch unausgesprochen um die Frage, ob ein Mann seiner Frau treu sein kann, wenn er nicht mehr mit ihr schlafen kann.

Aus dem Haus des Ehepaars Faber tönt die Singstimme von Elisabeth. Sie hat zum Hochzeitstag ein Tonbandgerät gekauft und ein Lied aufgenommen. Kameramann Igor Oberberg folgt dem Tonkabel auf dem Boden, hebt in einem Halbkreis die Kamera zum Gesicht Antje Weissgerbers, schwingt dann elegant zurück und nimmt mit den letzten Tönen des Pianos den musikalischen Begleiter in den Blick – ein Moment klassischer Kameraschule. Jochen Faber (Hans Söhnker) stürzt herein: Ein Magnetophon! Das kostete 1953 die stolze Summe von rd. 1000 DM und ist natürlich für ihn, die Frau bekommt Rosen. Was hat sie denn gesungen? „Mir ist als wenn ich längst gestorben bin“ – Brahms, sehr schön.
Faber ist Architekt, die Wohnung ist ein Wirrwarr aus 50er Jahre-Möbeln und gewagter Moderne. Ein vertikaler Glasaufsatz mit Porträts von Elisabeth schmückt den Schreibtisch, ein schräg gestellter Lampenschirm mit Trotteln ragt in vorgetäuschter Heimeligkeit ins Bild, durch geöffnete Türen sieht man den Garten und Hintergrundmalerei. Jochen muss mit seinem Mercedes-Cabrio für ein paar Tage auf ein Schloss, das zum Hotel umgebaut wird, und sich dort mit dem Innenarchitekten herumstreiten.
Die Pflegerin Frau Prein (Elsa Wagner) tröstet Elisabeth während Jochens Abwesenheit mit Lebensweisheiten zur Ehe: “Die Hauptsache für die Frau ist doch der Mann. Man soll nicht immer hinter den Männern herdenken, das mögen sie nicht. Wenn er wiederkommt, musst Du nett sein und nicht viel fragen.“

Büro des Innenarchitekten (Paul Henckels und Gertrud Kückelmann)

Innenarchitekt Draaden (Paul Henckels) sitzt in einem grotesk altfränkisch eingerichteten Büro – Vasen, Gummibaum, gerahmter Spiegel, Wandlüster, Kommode mir Uhrenaufsatz und dalmatinergefleckter Bürostuhl – mit Sybille Erler (Gertrud Kückelmann) ; er kann nicht zum Schloss fahren, Sybille soll ihn vertreten. Sybille ist eine selbstbewusste und schlagfertige junge Frau, das Glanzlicht des Films. Auf dem Schloss sägt sie als erstes Tischbeine ab, um daraus einen passenden Schreibtisch zu machen. Natürlich geraten Sybille und Faber aneinander, Faber nennt sie „liebes Kind“, sie antwortet: „Wollen Sie bitte übersehen, dass ich eine Frau bin!“ Faber erklärt seine Idee eines Hotelzimmers: „Einfaches Bett mit Strohgeflecht, strohfarbene Bettdecke, Strohmatten als Vorleger…“ Sybille unterbricht ihn: „Und da liegt es dann.“ – „Was?“ – „Das Kindlein. Auf Heu und auf Stroh.“

Zur Arbeit trägt Sybille hautenge Caprihosen und ein weißes Männerhemd, auch mal eine Weste. Westen trugen nur Männer, Hosen für Frauen waren „unschicklich“ – Sybille ist eine

Gertrud Kückelmann bei der Arbeit

erotische Provokation. Zum Richtfest aber stattet sie sich aus wie eine Elfe, mit durchsichtiger Bluse und Puffärmeln. Natürlich verlieben sich Faber und Sybille, Ehefrau Elisabeth denkt derweil selbstlos an Scheidung. Er wünschte sich doch Kinder, die sie „wegen ihrer Stimme“ noch nicht haben wollte. Und jetzt ist es zu spät, „jetzt muss ich bezahlen“. Zur Einweihung des Schlosses soll sie das „Laudate Dominum“ singen, aber sie sagt wegen Nervenzerrüttung ab. Jochen eilt zu ihr; gerad da kommt der Scheidungsanwalt. „Das ist mir zu dumm!“ empört sich Jochen. Und gegenüber Hannah: „Ich finde eine eigene Lösung.“ Aus einem Album mit Fotos von Waisenkindern sucht sich Jochen ein Kind aus; Käthe soll es sein, nicht Kurt. Aber Käthe und Kurt haben sich versprochen, beieinander zu bleiben; so nimmt er eben beide. „Wir sind eine Ehe, eine richtige Ehe“, erklärt er Elisabeth. Und jetzt auch, Kurt und Käthe marschieren herein, eine Familie. Elisabeth singt nun, im Auge stilles Glück, zur Eröffnung des Hotels das „Laudate Dominum“. Und Sybille weint, das Lied wird im Rundfunk übertragen, an ihrem Arbeitstisch. Totale der Musikveranstaltung, Kamerafahrt auf Antje Weissgerbers gelöstes Gesicht bis zur Großaufnahme, Amen und Ende.

Wolfgang Liebeneiner inszenierte und hat auch einen Auftritt als Dirigent. Liebeneiner verschränkt geschickt die Handlungsstränge zwischen Liebesgeschichte, Arbeitsbesprechungen und Elisabeths Einsamkeit, er lässt die Dinge sprechen – ein weißes Telefon auf Elisabeths Schoß, das nicht klingelt, Glöckchen in Sybilles Hand, die lustig bimmeln. Das luftige Glück der Verliebtheit, die bittere Verzagtheit der Ehefrau – alles steht ebenbürtig miteinander. Und auch die Jugend und Entschiedenheit von Gertrud Kückelmanns Figur Sybille wird nicht denunziert, sondern hat ihren selbstverständlichen Platz. Eine „saubere Inzenierung“ befanden die Kritiker, und doch wirkt das meiste wie von gestern, wie ein zeitversetzter alter Ufa-Durchschnittsfilm. Woran lag das? Liebeneiner ist ein geschickter Moderator, Liebesszenen macht er hübsch und amüsant, dramatische Szenen werden ernst und gemessen. Statt das Melodram aufzuladen, diszipliniert er die Gefühle.
„Die Stärkere“ war die erste Produktion der Capitol-Film, finanziert mit Mitteln der alten Ufa, d.h. des Bundes. Die Capitol-Film sollte mit ihren Produktionen das Überleben der Atelierbetriebe in Tempelhof sichern. Dazu wurde auch gleich der Prisma-Verleih gekauft. Chef der Capitol Film war Richard Riedel, ehemals Produktionschef und Drehbuchautor von „… reitet für Deutschland“ (1941). Das Drehbuch zu „Die Stärkere“ schrieb Walter von Hollander, Drehbuchautor seit 1936 und als Moderator der Rundfunksendung „Was wollen Sie wissen“ wie als „Frau Irene“ in der „HörZu“ in den 1950ern der Kummerkasten der Nation. Igor Oberberg (Kamera), Emil Hasler (Ausstattung) und Carl Otto Bartning (Schnitt) waren Profis seit den zwanziger Jahren; für die ehemalige Leiterin der Ufa-Kostümabteilung Manon Hahn war „Die Stärkere“ die erste Arbeit nach dem Krieg. Die Capitol-Film schloss ihre Büros einen Monat nach der Uraufführung ihres zehnten und letzten Films „Das Mädchen aus Flandern“ Ende März 1956 mit einem Verlust von rd. 5 Millionen DM.
Der Tarnname wirkt bis heute fort; in den aktuellen Büchern zur Ufa findet man nichts.

Keine DVD, aber im Internet: https://www.youtube.com/watch?v=rC9AP2x_xgI

Ergänzungen zu filmportal:
Dreharbeiten: 13. 4. 1953 – Ende Mai, Ateliers Tempelhof; Juni: Stadt und Schloss Büdingen. Tonaufnahmen mit Rita Streich: 12.4. 1953. FFB Orchester, Chor der St. Hedwigs Kathedrale Berlin in der Einstudierung von Professor Dr. Karl Forster. Starfotos: Hans Grimm

Dank an Barbara Schröter


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