Dienstag, 28.08.2018

Die Grüße der Pariser Fischfabriken

Von Volker Pantenburg

Ein grünes Buch von 1977: Studentenbewegung 67–69. Protokolle und Materialien, herausgegeben und eingeleitet von Frank Wolff und Eberhard Windaus, Frankfurt: Verlag Roter Stern 1977.

Eine Doppel-DVD von 2018: Filme zur Studentenbewegung 1967–1969, Ulmer Dramturgien 2. Filme von Günter Hörmann, Hans-Dieter Müller, Wilfried E. Reinke, absolutmedien 2018.

Das Buch, vor zehn oder zwanzig Jahren antiquarisch erworben, habe ich damals nicht kapiert. Es enthält im Wesentlichen drei lange Protokolle von Filmen – „keine spektakulären Bilder, Sensationen, Straßenschlachten usw., die das Fernsehen so gerne zeigt, sondern zumeist interne Dokumente, Diskussionen, sprechende Gesichter.“ (24). Jedem der drei Protokolle sind ein paar Dokumente zur Seite gestellt, der SDS-Beschluss zum Rauswurf der Kommune 1 Anfang Mai 1967; ein Flugblatt der „projektgruppe frauen“ im SDS zum Beispiel. Dann noch das Protokoll der 169. Sitzung des 5. Deutschen Bundestags vom 30.4.1968. „Einziger Punkt der Tagesordnung: Bericht der Bundesregierung zur innenpolitischen Situation“.

Zwischendrin stößt man auf Doppelseiten mit s/w-Fotos, dem Anschein nach abfotografiert von der Leinwand. Ein paar Einträge aus dem betont jovialen Abbildungsverzeichnis: „S. 140 Im Seminar in der Myliusstraße / unten: Vorne rechts stehend: Sylvia Bovenschen, Regine Dermitzel, Ronny Loewy.“ „S. 141 unten: Dany Cohn-Bendit überbringt die Grüße der pariser Fischfabriken.“ „S. 191 Joscha Schmierer, heute KBW, als Django für den vorbereitenden Ausschuß der DK: ‚Wer hat denn die Emanzipationsdebatte geführt, die Männer oder die Frauen?‘“ „S. 202: Neben Hans-Jürgen ein kleiner Freund, warum wissen wir seinen Namen nicht?“

Der letzte protokollierte Satz im Buch ist der „Zwischenruf eines [namenlosen] Genossen“: „Ihr seid doch alle milieugeschädigt von der Konferenz, das ist ‘ne reine Männerkonferenz.“ Kurz zuvor rufen „Mehrere Genossinnen“: „Scheiße!“ – Dann noch das Foto eines Flugzeugabsturzes, „Nur zehn Minuten nach dem Ende eines von 60000 Menschen besuchten Spieles ist am Sonntag ein einmotoriges Flugzeug in die oberen Tribünenplätze des bereits verlassenen Stadions gestürzt.“

So blickte man 77 als Beteiligter auf 67–69 zurück.

Frank Wolff, einer der Herausgeber des Buchs, ist selbst Darsteller in einigen der protokollierten Filme. Wie seine Brüder Reinhart und KD (damals Gründer und Leiter des Verlags Roter Stern, später Stroemfeld) spielte er im Frankfurter SDS eine Rolle und war auch im Bundesvorstand.

Auf der Doppel-DVD kann man jetzt die Filme sehen, die im Buch protokolliert sind. Filme und Buch direkt aufeinander zu beziehen ist trotzdem nicht ganz leicht: Das Buch wertet zusätzlich auch die Tonbandprotokolle der Sitzungen aus und ist daher oft ausführlicher; anderes dagegen kommt in den Filmen, aber nicht im Buch vor.

Man merkt, wie wenig das ist, einen Text zu lesen (der Unterschied zwischen der Lektüre eines Stücks und einem Theaterbesuch); und man sieht, wie viel von den Machtverhältnissen und Psychodynamiken sich über das bewegte Bild mitteilt (die Position der Körper im Raum, wie einer das Rednerpult umfasst, Gesten der angemaßten oder tatsächlichen Souveränität, wer steht, wer sitzt, wer hat die Macht über das Mikrofon). Ohnehin sind von den insgesamt zehn Filmen, die es gab, im Buch nur vier vertreten: „Ruhestörung“ (über die Zeit vom 2. bis 10. Juni 1967 in Berlin); „Aktiver Streik. Frankfurter Wintersemester 68/69“ und „Django und die Tradition. Die letzte Delegiertenkonferenz Hannover November 1968“).

Auf dem Cover der DVD ist Dutschke abgebildet, aber das führt in die Irre. Denn die unschätzbare Pointe der Filme liegt darin, dass in den dokumentierten Veranstaltungen, Sitzungen, Protesten die ikonischen Figuren eher am Rande vorkommen. Kaum Dutschke, Teufel, Kunzelmann. Dafür Joscha Schmierer und Christian Semler, Wolfgang Lefèvre und Hans-Joachim Hameister. Zudem, vor allem in den Filmen über Freiburg, ein großer Querschnitt. Erstsemester, Professoren der Medizin und Biologie, Leute aus dem Mittelbau.

Im Buch von 1977 heißt es, die Filme seien „zum Teil gemeinsam mit einer Gruppe des frankfurter SDS“ gemacht worden. In der DVD ist davon nicht die Rede, dort wird – an etwas versteckter Stelle – erläutert, dass es sich um ein Projekt der Ulmer mit finanzieller Unterstüztung der VW-Stiftung gehandelt habe. Alexander Kluge, Günter Hörmann und Hans-Dieter Müller initiierten damals von Ulm aus diese Serie von Filmen, die keineswegs die „Studentenbewegung“, sondern „Die Universität Wilhelm von Humboldts in ihrem heutigen Zustand für Lehrende und Lernende“ porträtierend sollte. Das Exposé zu diesem Projekt hätte ich gern im eher spärlichen PDF-Material der DVD gefunden; Ulrich Bröckling und Sylvia Paletschek zitieren im Booklet daraus die folgenden thematischen Schwerpunkte:

– die Lebens- und Arbeitswelt von Studenten, Dozenten und wissenschaftlichem Nachwuchs
– die Arbeitsweisen der Fakultäten und Institute sowie der Universitätsselbstverwaltung
– die „akademische Geselligkeit“
– das Selbstverständnis der Universität in der Reformdiskussion

Dann kam offenbar die Studentenbewegung dazwischen, so dass sich in den Filmen aus Berlin, Hannover und Frankfurt der SDS in den Vordergrund schob und es kaum noch um die inneruniversitären Veränderungen ging (u.a.: geplante Einführung des Kurzstudiums von 6 Semester, leichterer Zugang für Arbeiter und andere soziale Schichten, Einführung der Drittelparität). In Freiburg, wo alles etwas später losging und sich vieles an der politisch erzwungenen Entwicklung einer „Grundordnung“ für die Universität kristallisierte, bleiben die Filme, ausnahmslos von Hans Dieter Müller gedreht, viel näher am ursprünglichen Projekt. Diese Filme sind für mich die noch größere Entdeckung.

Aber kurz zu den SDS-Filmen: Im Buch zeichnen Wolff/Windaus ein „paradoxes Bild“ der Jahre 67–69: „[D]ie größte westdeutsche/berliner Revolte der Zeit seit dem zweiten Weltkrieg war stark nicht staats- oder machtpolitisch, sondern ‚vorpolitisch‘ – sie riß alle wesentlichen, fast existentiellen Fragen von Familie, Erziehung, Sexualität, Kultur und Wissenschaft, Bewußtsein, sinnloser Arbeit, langweiliger Freizeit, Herrschaft auf, im Zusammenhang mit den politischen Verhältnissen des eigenen Landes und der ganzen Welt. Dagegen war der SDS, Markenzeichen dieser anderen Politik, selbst im konventionellen Sinn eine politische Organisation.“ (12/13) Diese Spannung grundiert die sechs Stunden Film fast durchgehend: Wie soll das zusammenpassen, das Misstrauen gegen jede Art von Autorität und die missliche Notwendigkeit, in jeder Sitzung, für jeden Beschluss, durch jede Rednerliste, qua Mikrofonhoheit im Hörsaal immer wieder aufs Neue Autorität begründen oder auf sie zurückgreifen zu müssen? Die Formierung und das Auseinanderfallen von Gruppen, das lässt sich hier im Minutentakt beobachten, in den Filmen naturgemäß viel stärker als im Buch.

Ein paar Eindrücke:

– Wolfgang Lefèvre im langen Gespräch in „Was tun?“, im Februar 1968 zuhause vor dem Kachelofen. Wie er über das Scheitern des Springer-Tribunals spricht und darüber, dass der SDS durch die Ereignisse des letzten Jahres vollständig überfordert worden sei.

– Hans-Rüdiger Minow, dffb-Student, erläutert im Audimax der FU das Vorgehen der „Kommission für Bilddokumentation“, die aufgrund von Film- und Fotomaterial gegen prügelnde Polizisten bei den Demos am 2. Juni ermittelt: „Zwei Kommilitonen von der TU haben einen Grundrissplan gemacht, und zwar – ich glaube, einen Grundrissplan gezeichnet und einen fotografiert, mit Aufsicht und so weiter. Aufgrund dieses Planes und aufgrund der Fotos, die bei uns einlaufen, wird es möglich sein, Polizeibeamte, die ja bekanntlich die Nummern nicht gegeben haben, Polizeibeamte und Demonstranten zu identifizieren. Ein früher Fall von Gegenforensik, zugleich ein Blick auf den Produktionskontext des Giefer/Minow-Films „Berlin 2. Juni 1967“.

– eine Studentin, die im Film anonym bleibt, aber durch das Buch als Christa Blanke identifiziert werden kann, am 8. Juni im AStA der FU. Tag der Trauerfeier für Benno Ohnesorg, Strategiegespräch. Ich zitiere aus dem Buch: „Christa Blanke (erregt) Wer ist denn die Studentenschaft? Hier die Neinstimmer, die über viertausend Neinstimmer oder die Ungültigen oder die Fünftausend, die gar nicht gekommen sind etwa? Bilde Dir doch nicht ein, daß auf einmal hier Zweitausend oder Eintausend auf einmal mehr bereit sind… (Zwischenruf Lefèvre: Neuntausend haben wir gehabt!) Ja, ich… die Studentenschaft ist ein Mythos, das sage ich…“

– Jacob Taubes und Margarete von Brentano, die sich auf die Seite der Studierenden stellen. Schade, dass Taubes nur so kurz zu sehen ist, im Buch redet er länger.

– Carsten Bresch, Inhaber des Lehrstuhls für Genetik in Freiburg, der ein ca. drei Meter langes Endlospapier entblättert: wöchentliche Briefsendungen aus den USA, was man an Neuerscheinungen lesen müsste, um in seinem Gebiet up to date zu bleiben.

– einer der Erstsemesterstudentinnen in Freiburg ist nicht klar, wo die Grenze zwischen Wohngemeinschaft und Kommune verläuft: „Aber Immentalstraße – ich weiß nicht, ob sich das Kommune nennt, aber der Theweleit…“ – Theweleit kommt ansonsten nicht zu Wort, aber die Kamera streift ihn einige Male beim Schwenken im Hörsaal in der ersten Reihe.

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Im begleitenden Booklet (oder dem PDF im Bonusteil) hätte man mehr Kontext unterbringen können: Wurden die Filme damals gezeigt? Wenn ja, in welchen Zusammenhängen? Was war in der Zwischenzeit? (Im Klappentext des Buchs ist zu lesen, die Filme würden „jetzt“ – 1977 – erstmals aufgeführt.) Wenn die Filme für die DVD „neu editiert“ wurden, wie Günter Hörmann in der Vorbemerkung schreibt, was genau wurde verändert? Die Zwischentitel zum Beispiel sehen neu aus – hat man nur die ursprünglichen textidentisch ersetzt oder die Vorgänge von heute aus gerafft oder anders kommentiert?

Die Freiburger Filme erzählen vom institutionellen Ringen, von langen und wenig produktiven Sitzungen, von der Zähigkeit bei den Aushandlungen der Grundordnungversammlung. Ich verstehe jetzt auch besser den eigentümlichen Geruch in den Seminarbibliotheken noch in den 1990er Jahre; die konzentriert-kollektive Einräucherung mit Zigaretten- und vor allem Pfeifenqualm bei langwierigen in den Bibliotheksräumen abgehaltenen Studienausschuss-Sitzungen muss dauerhaft in die Buchseiten eingesickert sein: Bei jedem Aufschlagen von Anton Reiser ein Aroma von 1968.

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Zwanzig Jahre später hat Theweleit „Ein Aspirin von der Größe der Sonne“ (Jos Fritz Verlag 1990) geschrieben, einen der lesenswertesten mir bekannten Texte über 1968, vor allem darüber, wie man 1968 in der vermeintlichen Erinnerung daran vernichten kann. Joscha Schmierer, der sich 1968 in Hannover als Django stilisiert, 1973 zum Mitbegründer des KBW wird, später Pol Pot einen Solidaritätsbesuch abstattet und in den Nullerjahren unter Joschka Fischer und Frank-Walter Steinmeier im Planungsstab des Auswärtigen Amts arbeitet, spielt dabei eine besonders verheerende Rolle.

Filme zur Studentenbewegung 1967–1969, absolutmedien / Institut für Filmgestaltung Ulm e.V. 2018 [= Ulmer Dramaturgien 2]

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