Gespräch mit Herbert Fell

Du bist 1973 zum Studium nach München gekommen. Bei wem hast du studiert und was war das für eine Atmosphäre?

Oh, das war … angenehm. Wir waren wie alle damals politisiert – irgendwie – und haben im ersten halben Jahr anstelle eines Films eine kritische Recherche über die Arbeitsbedingungen beim Bayerischen Rundfunk gemacht. Ab dem dritten Semester haben sich dann verschiedene Studienbereiche gegründet. Ich war in einer Gruppe, die sich ein bisschen provokativ „Unterhaltung“ genannt hat, weil wir weder mit Medienpädagogik noch mit Fernsehpublizistik – so hießen die beiden anderen Studienbereiche – etwas am Hut hatten. Dennoch waren wir links, liebten aber auch John Ford, Western, überhaupt amerikanisches Kino. Geleitet hat diesen Studienbereich Hartmut Bitomsky. Der andere wichtige Mensch war Helmut Färber, der Filmgeschichte unterrichtete.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der WDR-Filmredaktion?

Das dritte Programm des WDR war mit fast all seinen Redakteuren eines Tages an der Filmhochschule aufgetaucht, und von daher gab es da schon mal einen Kontakt. Ich wusste, dass Werner Dütsch (Redakteur der WDR Filmredaktion) Antonioni mochte, und so kam ich mit meinem Freund Josef Schwellensattel auf die Idee, ihm ein Portrait von Tonino Guerra, seinem Drehbuchautor, vorzuschlagen. Die Filmredaktion war damals eine richtig große Redaktion. Neben einem breiten Spielfilmprogramm wurden auch viele Sendungen über Film produziert. So kam es mit meinem Freund Sepp u.a. zu einem Film über Viscontis Kostümbildner Piero Tosi und zu einem Portrait des georgischen Regisseurs Otar Iosseliani. Dann machte Rosenbauer, der damalige Fernsehdirektor, der Filmredaktion den Vorschlag, sich auch aktiv um den Dokumentarfilm zu kümmern, also nicht nur welche zu zeigen, sondern selbst welche zu produzieren. Und so hat Werner Dütsch gesagt, er möchte gern mal was anderes von mir sehen als Filmemacher-Portraits. Und dann kam eben was anderes.

Du hast dann für diese Redaktion sieben Dokumentarfilme gedreht. Wie bist du bei diesen Filmen vorgegangen?

Da gab es zunächst ein Thema, über das ich etwas machen wollte, z.B. Kinder und Musik (bei 3 zu 4). Dann habe ich mich umgesehen, gesammelt, habe Kindergärten, Schulklassen, Kinderbands, Trommelgruppen und vieles andere, was es da gibt, besucht, um daraus etwas Rundes zu basteln. Es gab ein Heft, in dem ich über alles, was ich gesehen habe, Buch führte. Aus den dort verzeichneten einzelnen Mosaiksteinen galt es ein sinnvolles inhaltliches Konzept zu bauen. Das geschah eher intuitiv, wie es beim Drehen auch kein Schnittkonzept gab. Die Filme sind dann hauptsächlich am Schneidetisch entstanden. Meine Dokumentarfilme sind Montagefilme. Vielleicht ist diese Art zu arbeiten bei Sun City entstanden, denn da gab es diese Rentnerstadt mit ihren vielen Absonderlichkeiten, die alle in einem Film unterzubringen waren. Wahrscheinlich war es auch eine Reaktion auf die Portraitfilme, in denen sich alles auf einen Menschen konzentriert und man versucht, möglichst tief in ihn einzudringen. Jetzt wollte ich stattdessen den Fokus weit öffnen, der Oberfläche zu ihrem Recht verhelfen und den Zuschauer einladen, selbst Querverbindungen herzustellen. Wobei es immer auch Umwege und Abwege geben sollte. Vielleicht waren die Dreharbeiten deshalb manchmal wie ein Flanieren, leichtfüßig, fast sorglos. Eine Leichtigkeit, die ich mir auch für den fertigen Film wünschte, vor allem wenn es um schwergewichtige Themen ging.

Nach deinem letzten Film für den WDR, der 2003 entstand, gibt es in deiner Filmographie eine Lücke von fast 15 Jahren …

Das hing damit zusammen, dass mein Redakteur Werner Dütsch in Pension gegangen ist. Ich habe versucht, mit meiner Art von Filmen irgendwo anders Fuß zu fassen, was mir aber nicht gelang. Und dann hatte ich irgendwann die Nase voll und habe über eine Freundin den Kontakt zu einem Verlag bekommen. Ich dachte, weg von diesem Scheiß-Filmbusiness. Hinein ins blöde Buchbusiness. Und so habe ich dann einige Jahre lang übersetzt. Parallel ergab sich die Möglichkeit, für den Bayerischen Rundfunk Drehbücher zu lektorieren.

… bis du 2018 dein Comeback als Filmemacher hattest. Seitdem drehst du in unregelmäßigen Abständen Home Movies.

Dass ich wieder mit dem Filmen angefangen habe, verdanke ich Marius Pfannenstiel, der mich fragte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm einen Film über seine Arbeit zu machen. Bei der Geworfenheit der Steine gab es vorweg ein richtiges Konzept, wie die Sachen aufeinander folgen sollten. Da wir beide keinen Film machen wollten, in dem der Künstler selbst oder irgendein Kommentar Erklärungen abgibt, war ein richtiges Drehbuch auch sinnvoll.
Das erste Home Movie sollte eigentlich eines mit vielen Menschen werden. Drehs auf dem Frühlingsfest, in den Riem Arcaden und in der Allianz Arena waren geplant. Doch dann kam die Pandemie, und schließlich gefiel mir die Idee, nur zu Hause zu filmen. Und so kam es als Erstes zum Faltenröckchen

Das Gespräch führte Susanne Quester am 18. Mai 2022 in München


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