Donnerstag, 16.09.2021

Montag, 30.08.2021

Filme der Fünfziger LVIII: Ihre große Prüfung 1954. Regie: Rudolf Jugert

Jede Zeit hat ihre eigenen Probleme mit der nachwachsenden jungen Generation; in den 1950ern gab es das Phänomen der Halbstarken, das durch Rock-Musik, Mopeds und Boogie-Woogie klassifiziert und definiert wurde. Das Kino thematisierte die Halbstarken zunächst in Good-Will-Filmen, in denen an die Vernunft der Erwachsenen wie an die Einsicht der Jugendlichen appelliert wurde. Einer der frühen Filme dieser Reihe ist Ihre große Prüfung, wobei mit „Ihre“ nicht etwa eine Gruppe von Menschen resp. Jugendlichen gemeint ist, sondern die Lehrerin Helma Krauss, die an der Schule einer ihr fremden Stadt eine Oberprima übernommen hat. Luise Ullrich hatte in den Nachkriegsfilmen die Figur der patenten, lebenspraktischen und auch erotisch nicht unerfahrenen Frau entwickelt; in Vergiss die Liebe nicht (1953), Regina Amstetten (1953) und Eine Frau von heute (1954) verkörpert sie Frauen, die sich im Leben gut ohne und gelegentlich auch gegen Männer behaupten können. Ihre große Prüfung ist zwar 1954 gedreht, das Drehbuch ist aber noch ganz dem Geist des Jahres 1950 verhaftet. Unter den Schülern der Oberprima gibt es den verwaisten Jugendlichen Bruck (Paul Bösiger), der in einem Heim wohnt und mit dem Klassenlehrer so aneinandergeraten war, dass dieser an einer Herzattacke starb. Eine Schülerin stammt, an ihrer Aussprache klar erkennbar, aus dem Osten und wohnt mit ihrer Mutter in prekären Verhältnissen. Und die Lehrerin Helma Krauss befindet sich, so der Tierarzt Dr. Clausen (Hans Söhnker), im „Paragraphengestrüpp der Zölibatsverpflichtung“ – bis 1951 durften Frauen nur dann den Lehrberuf ausüben, wenn sie unverheiratet waren.

An der Schule gibt es gravierende Spannungen; der Schüler Bruck weigert sich, den Grund der Auseinandersetzung mit dem früheren Klassenlehrer  zu offenbaren, der Lehrer Dr. Rottach (Ernst Schröder) plädiert für seine Relegation. Helma Krauss und der Schuldirektor sehen dafür aber keine juristische Handhabe. Helma Krauss wird Klassenlehrerin der Oberprima, aber die Klasse fürchtet, dass Dr. Rottach, der

Dr. Rottach (Ernst Schröder)

eigentlich damit gerechnet hatte, Klassenlehrer der Oberprima zu werden, die Schüler aus Rache durchs Abitur fallen lassen wird. Dr. Rottach ist ein intelligenter, vor Ehrgeiz schwitzender Lateinlehrer, der die Klasse schon mal aus Bosheit minutenlang das Aufstehen und Setzen üben lässt. Helma Krauss behandelt im Unterricht auch Sartre, Dr. Rottach konfisziert ein Sartre Buch bei einer Schülerin („Ich habe meine Gründe“.) Helma Krauss wird im Kollegium wegen ihrer verständnisvollen Art zunehmend angefeindet und gibt ein Versprechen ab: sollte ein Schüler ihrer Klasse das Abitur nicht bestehen, wird sie die Schule verlassen. Der Weg zur Abiturprüfung ist also wie ein Showdown, der Lehrerin geht es nun darum, das Vertrauen der Schüler zu gewinnen und sie zum Lernen zu motivieren. Das gelingt ihr, weil sie vor allem keine Scheu davor hat, soziale Klassenzugehörigkeiten zu überspringen und jugendliche Frechheiten großzügig zu thematisieren und in die Schranken zu weisen. Es geht um Übergriffigkeiten beider Seiten, der Alten wie der Jungen, und um die Bequemlichkeiten des Einrichtens in Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid.

Drei Typen der Lehrerin: die selbstbewußte Frau

Als Pin-Up

Die nachdenkliche Frau

 

Anders als in späteren Jugendfilmen spielen Kriminalität und explizite Feindschaft keine Rolle; Regisseur Jugert zeigt stattdessen eine Typologie der Kleinstadthonoratioren, die in ihrer geballten Einfalt durchaus auch gefährlich werden können. Auffällig ist das Fehlen der Kirche als sittlicher Autorität – ihr wurde in dieser Funktion schon keine Glaubwürdigkeit mehr zugetraut. Es werden neue Topoi eingeführt, die in Filmen späterer

Die Mädchen der Abiturklasse: 2. Reihe rechts: Karin Dor

Die Jungs der Abiturklasse: Vorn Wolfgang Völz und Götz George

Jahre wieder auftauchen. Das Hallenbad ist der Treffpunkt der Jugend und der alleinstehende, liberal gesinnte Tierarzt eine gute Partie für eine alleinstehende Frau. Karin Dor als Tochter des Tierarztes und Paul Bösiger als Schüler Bruck sind zwei relativ neue, junge Charaktere im deutschen Film; Rudolf Jugert hatte sich bei allen Erfolgen mit Schmachtfetzen wie Ein Herz spielt falsch (1953) einen Sinn für eine realitätsnahe und typensichere Inszenierung des Kleinstadtlebens bewahrt. Es ist noch die Zeit, da Jean Paul Sartre als Phänomen zwar diskutiert wird, aber als Abiturstoff die klassisch-romantischen Epigonen (Paul Heyse, Felix Dahn, Martin Greif) abgefragt werden. Richard Dehmel gibt mit dem Satz „Ein bißchen Güte von Mensch zu Mensch ist mehr wert als alle Liebe zur Menschheit“ den Tenor der Abituransprache des Direktors vor.
Die Prüfung ist bestanden. Es hätte schlimmer kommen können.

Montag, 23.08.2021

Über Deutschland

Essayistischer Dokumentarfilm nach dem Text „Über Deutschland – О Германии“ von Marina Zwetajewa
Regie: Bernhard Sallmann
Deutschland 2021, 80 min, deutsche Originalfassung (nach Bedarf mit russischen UT!!!)

„Die 17jährige Russin Marina Zwetajewa verbringt den Sommer 1910 im Sanatoriumsort Loschwitz bei Dresden. Im Russland des Kriegskommunismus erinnert sie 1919 diese Zeit und überblendet sie in ihrem Text ‚Über Deutschland’ mit einem Lobpreis der deutschen Kultur. Sie ist auf dem Sprung, eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts zu werden. Der Film denkt mit Zwetajewas Text als Hauptstimme Varianten von und über Deutschland.“

31.8.2021, 20 Uhr 30: Deutschland-Premiere im Kino Krokodil in Anwesenheit des Regisseurs.
Ab Donnerstag, 2.9., zeigt das Kino Krokodil, Greifenhagener Str. 32, 10437 Berlin (Tel. 44049298, ab 19 Uhr), den Film regulär. Auch am 26.9. gibt es als Begleitprogramm zur Deutschland-Wahl eine Vorführung. kinokrokodil@email.de www.kino-krokodil.de

Das FSK am Oranienplatz, Segitzdamm 2, 10969 Berlin-Kreuzberg (Tel. 030 6142464) zeigt den Film am 4.9. (in Anwesenheit von Bernhard Sallmann) und Sonntag, 5.9. www.fsk-kino.peripherfilm.de

Das ACUD-Kino, Veteranenstr. 21, 10119 Berlin-Mitte, zeigt den Film ab Donnerstag, 9.9. (Tel. 030 44359498). Am 14.9., 19 Uhr, ist der Regisseur anwesend. www.acudkino.de

Siehe auch: www.ostwärts-film.de

Sonntag, 15.08.2021

Samstag, 31.07.2021

[film, Dezember 1969, S. 19]

Sonntag, 27.06.2021

Frederic Rzewski, 1938 – 2021

Gestern, erfahre ich von Stefan Ripplinger, ist Frederic Rzewski gestorben. Wir sahen und hörten ihn im Frühjahr 2019 im Haus der Berliner Festspiele. Er spielte The People United Will Never Be Defeated. 36 Variationen über „El pueblo unido jamás será vencido“ für Klavier (1975), seinen Kommentar zur Zweihundertjahrfeier der USA – raumgreifend, kämpferisch, widerständig auch gegenüber dem aufdringlichen Gebläse der Saallüftung.

***

Gerd Conradt hat 1966 den Film Frederic Rzewski isst Spaghetti bei Carlone Via della Luce 5 gedreht und Rzewski in den folgenden Jahren und Jahrzehnten immer wieder getroffen und gefilmt.

Turn your Eyes to the Present von 2015 ist hier auf Conradts YouTube-Kanal zu sehen.

Ebenfalls auf dem Kanal (hier): ein Gespräch zwischen Conradt und Rzewski aus dem Jahr 2020.

Sonntag, 13.06.2021

GESCHWISTER

Für Irena

Meine Dichterschwester
zwei Straßen weiter
sorgt sich wegen des angekündigten Sturms
befürchtet die Gasrechnung wird steigen
wie auch die Zahl der rechten Wähler in Österreich
sie setzt sich auseinander
mit den unzähligen Problemen der Ziehtochter
die stets auf dem Boden sitzt
eine Träne im Auge
wegen des Bekannten
der unters Auto kam
leidet auch wegen eines Wölkchens
auf der Stirn des Freundes aus Chile
fragt ob ich meinen Steuerverpflichtungen nachkomme
und die Gesetze der Ampel
an der Leibnizkreuzung achte
denkt ich solle mich nicht herumtreiben
um Mitternacht am Alexanderplatz
wo sich zweifelhafte Typen aufhalten könnten
glaubt nicht dass die Berliner Mauer ganz gefallen ist
quält sich wegen des Selbstmords
der Unica Zürn
vor mehr als zwanzig Jahren
und jenes längst vergangenen Schicksals
der Frau Woolf aus England
telefoniert mit den Verwandten aber kurz
disputiert mit dem Mann einem Deutschen
zwei Dichter in einem Zimmer
das ist zuviel
geht mit kleinen Schritten den langen Flur
der Wohnung hinunter
und kehrt zurück
als wäre sie in Afrika gewesen
so arbeitet ihre Sorgenmanufaktur

das Bleistiftherz meiner Sprache
gebrochen an der Wurzel
ich schreibe Gedichte statt ihrer

(Bora Ćosić, DIE TOTEN. Das Berlin meiner Gedichte.
Aus dem Serbischen von Irena Vrkljan und Benno Meyer-Wehlack
Berlin (DAAD), 2001, S. 86/87)

Freitag, 14.05.2021

Mittwoch, 28.04.2021

gun crazy

gun crazy. Ein Videoessay zu Johnny Guitar (Nicholas Ray, USA 1954)
Von Alina Litau, Judith Stobbe, Adnan Zecevic

Entstanden im Seminar Praktische Filmkritik, geleitet von Michael Baute. Wintersemester 2020/21, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf


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