Einträge von Rainer Knepperges

Donnerstag, 11.04.2019

Auge und Umkreis (IV)


Tell it to the Marines (1928 George Hill)

Er (Lon Chaney), der einsam bleibt.


Ludwig II (1954 Helmut Käutner)

Das Geborgensein in der Katastrophe (Jules Verne), die Wucherung des Vorstellungslebens (Ernst Mach) und die Schrumpfung des Ichs… Tropfen, Tränen, Kugeln, Attentate und Doppelgänger… all das gesehen durch runde Rahmen. Ich hatte mir ein wenig zu viel vorgenommen. Na und!


Doppelgänger / Journey to the Far Side of the Sun (1969 Robert Parrish)

Zu Beginn von Creed II (2018 Steven Caple Jr.) geht es um einen Heiratsantrag, den der Titelheld macht, während seine Liebste vor einem rundem Badezimmerspiegel steht und seinen Antrag überhaupt nicht hört. Nicht mit dem Kopf, sondern aus dem Herzen zu sprechen, war zuvor der Rat gewesen. Wie sich im weiteren Verlauf dieses schönen Boxerfilms zeigt, ist nicht der Kopf das Verletzbare, sondern die Rippen, der Brustkorb, der Stolz, das Herz. Der Kopf hält alles aus.

Um was geht es seit mindestens zweitausend Jahren? Um Auferstehung.


The Creeping Flesh (1973 Freddie Francis)

Auf der Suche nach einem Mittel gegen das Böse beobachtet ein Forscher (Peter Cushing), wie an prähistorischen Knochen lebendiges Fleisch wächst. Aus dem Blut des Urzeitmenschen gewinnt er ein Serum, mit dem er seine Tochter impft, damit sie nicht wird wie ihre Mutter.

Das Leben, das sich unablässig wiederholt, um im Sturz seinen Ursprung zu begreifen. Das wäre (in Anlehnung an Pierre Klossowski) die knappe Formel des „Transcendental Style in Film“.


Ordet (1955 Carl Theodor Dreyer)

Nachdem mir Paul Schraders First Reformed so ans Herz gegangen war, wollte ich Dreyers Ordet wiedersehen.
Alle in meiner Erinnerung aufbewahrten Wirkungen und Wunder traten wieder ein, und ich kochte mir auch, wie die Leute in dem Film, noch tief in der Nacht einen Kaffee.

In Sheridan Le Fanus Gruselgeschichte “Grüner Tee” (1869) ist die Rede von einem hauchdünnnen Gewebe, “welches uns erst in den Stand setzt, das Außen von dem Inneren zu scheiden.”

”Der Sitz, oder besser das Instrument der äußeren Wahrnehmung ist das Auge, Sitz der Inneren Wahrnehmung hingegen ist das Nervengewebe und Hinrnzentrum unmittelbar hinter und über den Augenbrauen. Ihr erinnert Euch ja, wie wirksam ich Eure Erscheinungen durch die simple Application von eiskaltem Eau de Cologne zerstreut habe.”


Doppelgänger / Journey to the Far Side of the Sun (1969 Robert Parrish)

Seitenverkehrt ist jedes Spiegelbild, aber auch dieses spezielle Kölnischwasseretikett in Robert Parrishs Film. Denn auf dem Planeten am anderen Ende des Sonnensystems ist alles (genau wie auf der Erde, nur…) seitenverkehrt.

Verkehrt ist allerdings auch der Trailer zum Film, da wo im Kopierwerk gedacht wurde, das nicht-verkehrte Spiegelbild sei ein Fehler, den man korrigieren müsse.


The Owl Service (1969 Peter Plummer)

“Die zahlreichen Jungen Mädchen mit Spiegel, die begierig eine noch unbestimmte Identität zu betrachten versuchen“ – Sarah Kofman sah in den Bildern von Balthus eine „Pause“, einen „Aufschub, der nicht andauern kann, und der Stillstand der Zeit verrät doch das unmittelbare Bevorstehen einer Krise und eines Erwachens.“

“She wants to be flowers but you make her owls. You must not complain then if she goes hunting.” (Alan Garner: „The Owl Service“)


The Mask (1994 Charles Russell)

„What is the dirt that the pearl is build around? The pearl is the personality that you built around yourself as a protection against that thought: if they ever find out that I’m worthless, if they’ll ever find out that I‘m not enough, I’ll be destroyed.“ Jim Carrey in Jim & Andy (2017 Chris Smith)


The Late Show (1977 Robert Benton)

1929 schrieb Marjorie Hope Nicolson in ihrem Essay „The Professor and the Detective“, der als „eskapistisch“ denunzierte Detektivroman sei keineswegs Flucht vor dem Leben, sondern allenfalls Flucht vor der Monotonie der literarischen Selbstbetrachtung. Der Detektivroman antworte auf die Formlosigkeit der Moderne mit der Rettung der Kausalität.


De komst van Joachim Stiller (1976 Harry Kümel)

„Oft ist Freundschaft nichts anderes. Man liebt sich selbst verklärt in einem anderen. So lieben alle Menschen Jesus Christus.
Um wieviel friedvoller ist es aber, verklärt in einem anderen sich zu finden, als das erhöhte Dasein seiner selbst vergebens in sich selbst zu suchen.“
(Peter Altenberg: Paulina, Ashantee, 1897)


One Hundred Men and a Girl (1937 Henry Koster)

Das ist ein Spiegel sondergleichen. Trotzdem bleibt er recht unbenutzt. Wozu auch soll er von Nutzen sein in diesem dionysisch frohen Film. Zu welchem Zwecke sollten Spiegel dienen in Henry Kosters Kosmos.


Johnny Doesn’t Live Here Anymore (1944 Joe May)

„And this film is sexy. If you don’t see it you’re blind.“ (Raquel Stecher)


The Effect of Gamma Rays on Man-in-the-Moon Marigolds (1972 Paul Newman)

Der Effekt der Mutter (Joanne Woodward) auf ihre Kinder. Im mittleren Bereich der gemessenen Strahlung treten Mutationen auf – – – schöne Mutationen, sagt die Tochter und meint ihr Ringelblumen-Experiment.
Es mögen in uns Atome sein, die vom anderen Ende des Sonnensystems stammen.


The Gorgon (1964 Terence Fisher)

Rund ist der Spiegel, durch den das Haupt der Medusa anzuschauen ist.

Von Freud lernen wir, dass “im Mythos das Genitale der Mutter gemeint ist. Athene, die das Medusenhaupt an ihrem Panzer trägt, wird eben dadurch das unnahbare Weib, dessen Anblick jeden Gedanken an sexuelle Annäherung erstickt.”


Das Auge der Polizei, 1908

Rund ist die Johannisschüssel mit dem Kopf des Täufers.


Whistle And I’ll Come To You (1968 Jonathan Miller)

Die Leere. Das Meer. Und das fremde Zimmer.
Es steht darin ein zweites Bett. Das ist zuviel.
Der Reisende findet am Strand eine uralte Flöte.
Innigste Vertrautheit von Horror und Humor.


Dr Jekyll & Sister Hyde (1971 Roy Ward Baker)

Ein Mann mordet für die Wissenschaft, er tötet Frauen, und verwandelt sich im Selbstversuch zeitweise in eine Schönheit. Sie (Martine Beswick) ist mit sich zufrieden.


Roberte (1979 Pierre Zucca)

Pierre Zucca war Standfotograf bei Chabrol, Rivette und Truffaut, auch am Set von Hitchcocks Topaz und Franjus Judex.
„Als Antwort auf die Frage ‚Warum filmen Sie?’, gelange ich zu dieser Absurdität: ich filme, um das zu sehen, was ich, wenn ich nicht filmen würde, nicht sehen könnte.“


Psyche 59 (1964 Alexander Singer)

Liebe hat die Frau (Partricia Neal) blind gemacht – psychosomatisch. Die Einsicht in die traumatischen Gründe für ihr Erblinden macht sie wieder sehend. Aber der Mann (Curd Jürgens) will ihr Sehenkönnen nicht sehen können.


McQ (1974 John Sturges)

Es ist Nacht. Es hat an der Tür geklingelt. Die Frau betrachtet sich im Rundspiegel und betastet ihre Frisur, bevor sie dem Mörder die Tür öffnet.


No Man‘s Woman (1955 Franklin Adreon)

Die egoistische Frau, beliebte Anti-Heldin der 50er.

Auch sie (Marie Windsor) schaut in den Spiegel bevor sie ihrem Mörder die Tür aufmacht.


Mann im Schatten (1961 Arthur Maria Rabenalt)

Eine schöne Variante: Die Geschäftsfrau holt aus dem Tresor, hinter dem Rundbild, Geld hervor, bevor sie ihrem Mörder die Tür aufmacht.
Eine originelle Einzelheit in diesem Krimi voll origineller Einzelheiten: Sie (Ellen Schwiers) balanciert, um beide Hände frei zu haben, das Bild auf ihrem Kopf.


Amazon Women on the Moon (1987 Carl Gottlieb)

Er (Ed Begley Jr.) ist der Sohn des Unsichtbaren. Den Spiegel, der in seinem Labor an der Wand hängt, benutzt er nicht. Denn sonst würde er sich nicht im Besitz der Erfindung seines Vaters wähnen und würde nicht nackt, im Glauben er sei unsichtbar, in den Pub gehen, um dort ein ums andere Mal die Gäste beim Dartspiel zu stören.

„Der zwischen jenen drei Bildern sich hindurch laviert: dem Bild, das man sich von ihm macht, demjenigen, das er sich selbst von sich macht, und dem, welches er im Spiegel zu lesen glaubt …
Der zu gut weiß, dass „ich“ kein Anderer ist.“
(Michel Leiris: „Das Band am Hals der Olympia“)

Montag, 31.12.2018

Auge und Umkreis (III)


Belphégor (1965 Claude Barma)

Wassertropfen – Rundspiegel – Selbstschauung

In den Kapiteln I und II war Jules Vernes Katastrophenvergnügen verknüpft mit Ernst Machs Einsicht: „Das Ich ist unrettbar“. Und als eine Art Cliffhanger gab es da einen gigantischen Wassertropfen.


Arabesque (1966 Stanley Donen)

Letzter Versuch der Entschlüsselung. Der Regen auf der Windschutzscheibe verwischt die Hieroglyphen. Nur das Auge des dritten Vogels löst sich nicht auf. Der winzige schwarze Punkt ist ein Mikrofilm. Darin verborgen: der Termin des Attentats auf den Premierminister oder auf dessen Double.


Ein Ausschnitt aus „The Last of England“. F. Madox Brown, 1855, ***

Signatur und Jahresdatum sind an die Kante der Reling gemalt, unter diese Wassertropfen.

In der „Überfülle chaotischer, schmerzlicher Einzelheiten“ erkennt Harry Tomicek „das Pathos des Details“. Und so etwas wie eine britische Tradition, „die spätestens bei der Manier der Präraffaeliten beginnt, jedes Brombeerblatt und jedes Kringel im Schafwollpelz akribisch auszumalen,“ und die „eine ganze Generation englischer Kameraleute wie Douglas Slocombe, Jack Cardiff, Guy Green, Freddie Francis, Gerry Fisher auf das selbstverständlichste anleitet, gestochen scharf und schön zu photographieren.“

„Von der kleinsten Perückenlocke bis zu jedwedem Knopf der betressten Kleidung“ prägen sich einem Erschrockenen (in Sheridan Le Fanus „Geisterhand“, 1861) alle Details der Bedrohung ein, so gegenwärtig „wie Gewandung und Antlitz auf dem Portrait des eigenen Vaters, das ihm tagtäglich zum Frühstück, zum Nachtmahl und zum Abendessen vor Augen gehangen.“


The Dim Little Island (1949 Humphrey Jennings)

„Mit leerem, katastrophalen Blick sitzt das Ehepaar auf dem überfüllten Deck eines Auswanderer-Schiffs, die Hände ineinandergelegt (…) ohne irgendwo mehr hinzusehen.“ ***

Ford Madox Browns Gemälde „The Last of England“ bildet den Ausgangspunkt für Humphrey Jennings poetische Propaganda, die sich aus Schiffsbau, Musik und Schilf ihren Argumentationsstrang flicht.

Hartmut Bitomsky, 1975: “Vielleicht gibt es etwas, das dem surrealistischen automatischen Schreiben gegenübersteht, ein automatisches Sehen. Jennings lehnte es ab, Bilder zu erfinden; er suchte die Welt an den Stellen auf, wo sie seinem ungestillten Verlangen entgegenkam und von ihm wiederum abwich. Denn es gibt immer mehr zu sehen, als man erblicken kann.”


She Wore a Yellow Ribbon (1949 John Ford)

Das gelbe Band — „Captain Brittles ist Witwer, die Frau hat er im Idianerkrieg verloren, mit ihr die beiden Töchter, ihre Gräber liegen neben dem Fort. Zur einen Seite eine Leere, die ihr Tod hinterlassen hat, und zur anderen Seite ein Leben, in dem kein Platz für sie ist.“ (Hartmut Bitomsky: Gelbe Streifen Strenges Blau; Filmkritik, Juni 1978) „Der Film ist schön, denn das Kontinuum seiner Photographie enthält die Scherben der Geschichte.“

„Im allgemeinen ist es ja richtig, daß was sinnlich sich nahe berührt, sich auch gedanklich verbindet. Da aber Gedanken durch Association leicht in mannigfaltige und zufällige Verbindung treten, so ist man häufigen Irrtümern ausgesetzt, wenn man umgekehrt auch alles gedanklich Verknüpfte für sinnlich verknüpft hält.“
(Ernst Mach: Die Wucherung des Vorstellungslebens; Erkenntnis und Irrtum, 1905)


Aquaman (2018 James Wan)

Ein Tropfen Wasser noch. Körperflüssigkeit, Schweiß aus der Stirn des Wassermanns ist nötig, die eingetrocknete Mechanik in Gang zu setzen, die (in einer Höhle unter der Sahara) eine konservierte Mitteilung hervorbringt. Eine väterliche Botschaft, die der Held im Nu vergessen hat. Aquaman hat soviel Einsicht in die Unaufmerksamkeit seiner Zuschauer, dass er diese in seinem Protagonisten parodiert.


Les croix de bois (1931 Raymond Bernard)

Raymond Bernard erzählte 1973 wieviele Experimente nötig waren, um mit den ersten Tonfilm-Mikrophonen Explosionen aufzuzeichnen. Den Klang des Krieges zu reproduzieren.
Les croix de bois ist ergreifend, weil auf einem erbärmlichen Friedhof plötzlich ein Vogel zwitschert.
Bei der Premiere dann im Moulin Rouge: Die Träne des Präsidenten Doumer. (Und im Monat darauf das tödliche Attentat.)


Les amours de minuit (1931 Marc Allegret & Augusto Genina)

Der Blick aufs Publikum ist oft der Blick auf einen einzelnen Menschen im Publikum.


Un revenant (1946 Christian-Jaque)

Eric Rohmer hatte recht: Jules Vernes “Ein Kapitän von 15 Jahren” ist beachtlich!
Ein Schiff nimmt Kurs auf Valparaiso und kommt dort selbstverständlich nicht an. Die Besatzung muss, gestrandet und verirrt, Zuflucht suchen im verlasssenen Innneren eines Termitenbaus, dessen hohle Kuppel noch in der selben Nacht die Reisenden in höchster Gefahr gemütlich beherbergt, inmitten einer Überschwemmung, wie in einer Taucherglocke.
Was allerdings nach dem überstandenen Abenteuer auf sie wartet, sind die Realitäten der Sklaverei.


When Tomorrow Comes (1939 John M. Stahl)

Als der Blick auf das Portrait der Ehefrau (Barbara O’Neil) fällt, ist das dezente Krachen eines Blitzes die Ankündigung kommenden Unheils. Wenig später wird das Liebespaar (Boyer und Dunne) vor dem gefährlichen Sturm in einer Kirche Zuflucht suchen und zueinander finden. Die nächtliche Überschwemmung ist für die Liebenden, auf der Orgelempore im Trockenen, ein Geschenk. Ich sah mir den Film in Bologna gleich zwei mal an, um alle seine Überraschungen doppelt auszukosten.


Pandora and the Flying Dutchman (1951 Albert Lewin)

Kamera: Jack Cardiff. „Mit 14,“ sagte Cardiff, “war ich ein Veteran.“

Wie ein Geschenk kam Lewins Film in den 80ern noch einmal ins Kino. Frieda Grafe beschrieb, dass da, wo man ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert sehen soll, ein gerahmtes Photo Ava Gardners von Man Ray zu sehen ist. „Das Kino ist ein Wiederholungsritual, das besser als andere vorher den Zeitbegriff ruinieren kann durch seine magische Fähigkeit, alles in Gegenwart zu verwandeln.“


The Sound Barrier (1952 David Lean)

Nigel Patrick lenkt (in Lewins Film, als einer von Pandoras Anbetern) seinen überhitzten Rennwagen beim Rekordversuch am Meeresstrand in die kühle Brandung.

Leans Testpilotenfilm propagiert den heroischen Unsinn, im Sturzflug den Steuerknüppel zur Rettung nach vorn zu pressen. Es geht um Antriebe, sowohl Düsen als auch “dunkle Impulse zu gewaltsamem Tun, zum Eindringen, Zerschlagen, Irgendwo-ein-Loch-Aufreißen.” (Freud: Über infantile Sexualtheorien, 1908)

Im Fokus von The Sound Barrier steht Ralph Richardson als Personifikation des Vaters und des Fortschritts. Ihm zum Opfer fallen Sohn und Schwiegersohn. Die Tochter klagt zwar an, aber nur bis der Vater es schafft, sie mit seiner schrägen Einsamkeit zu rühren.


Forever England (1935 Walter Forde)

Diese Taschenuhr – einst im Besitz Lord Nelsons und über Generationen vererbt – wird zum spontanen Geschenk. Zum Beweis einer Liebe, die Klassenschranken ignoriert.
Eine Generation später: Der unehelich geborene Sohn wird, wie der Vater und die Vorväter, Soldat. Er ist ein hochbegabter Schütze. Die Uhr gibt ihm die Mutter vor der Abreise. Das Ziel: Valparaiso… Eine Kreisblende… Der Weltkrieg beginnt.

Die Basis von Kriegs- und Familiengeschichten, auch die von Aquaman (2018): Dass die Eltern getrennt leben, in getrennten Welten. Der biertrinkende Leuchtturmwärter und die königliche Bewohnerin der Hohlerde. Sie ist ein Nemo, er ein Niemand. Noch vor Filmbeginn liegt das Wappen von Warner auf dem Meeresgrund und das Siegel von MC schwimmt auf der Oberfläche.

Im Finale von Forever England (1935), in einem unterkühlten Massaker, inszeniert von Anthony Asquith, ist das Töten fast so unbekümmert wie in Hawks‘ Sergeant York und fast so finster wie in Bogdanovichs Targets. Je nachdem, wie man es sieht.

Eine bizarre Heldenphantasie (nach C.S. Forester): Der junge Soldat erlangt den Respekt des Feindes und nach dem Heldentod die Anerkennung seines Vaters. Der Feind war ihm vertraut, sogar nah, der Vater aber unbekannt.


Forever England (1935 Walter Forde)

Durch den Tod des Sohnes (John Mills) wird das Geschenk erneut zum Erbstück. Der Deckel auf der Rückseite enthält das Bild der Mutter (Betty Balfour). Und in den Händen des Vaters nun: Der Beweis vom unerkannten Wert derer jenseits der Klassenschranken. Als hätte das Sterben einen Zweck.

Judy Geater weist darauf hin, dass die Schauspielerin Betty Balfour nur 5 Jahre älter war als John Mills – „so when Mills cuddles and kisses Balfour it doesn’t really feel like a mother/son relationship.“
(Patrick Wilson und Nicole Kidman, in Aquaman: 6 Jahre Altersunterschied.)

Kennt man John Fords Pilmgrimage (1933), dann weiß man, was alles drinsteckt in Geschichten von Kriegshelden und ihren Müttern. Fords schockierend bittere Interpretation heitert sich unvermutet auf, als die Mutter zur Scharfschützin wird.


So Big! (1932 William Wellman)

Diese Taschenuhr hat in Wellmans Film, der Edna Ferbers Roman seltsam undramatisch komprimiert, keine große Bedeutung. Es gibt eigentlich nichts, was die Menschen einander vererben könnten. Aber es gelingt manchmal, etwas Kostbares weiterzugeben: Selbstvertrauen.


Pirates of the Caribbean (2003 Gore Verbinski)

Dieses Medallion aus Aztekengold hat der Sohn vom Vater bekommen. Es wandert noch durch viele Hände. Denn ein Fluch ist daran geknüpft, aber auch die Erkenntnis, dass in den Adern des jungen englischen Waffenschmieds das Blut eines Piraten fließt; erster Grund, warum die schöne Mutige ihn liebt.

„Es gibt nichts, was ein Fetisch nicht tun und verrichten kann, wenn es nur der rechte Fetisch ist. Wir sind geneigt uns dieser Auffassung gegenüber sehr stolz zu fühlen, aber auch unter uns finden sich Menschen, welche Amulette, Glücksschweinchen, Medaillons und andere Dinge mit sich tragen, und nicht nur zum Scherz. Unsere wissenschaftliche Auffassung von der Abhängigkeit der Naturvorgänge voneinander ist eben doch eine andere, als jene, welche noch in dem Volke lebt, von dem wir ein Teil sind.“
(Ernst Mach: Die Wucherung des Vorstellungslebens)


The Way of a Goucho (1952 Jacques Tourneur)

Ein Amulett der Santa Teresa, ein Geschenk der Lady (Gene Tierney) an den Deserteur (Rory Calhoun).
„Ein Technicolor-Traum über den Preis der Freiheit, durchsetzt von extremer Dunkelheit.“ (Christoph Huber)


Pandora and the Flying Dutchman (1951 Albert Lewin)

In Jules Vernes „Die Kinder des Kapitäns Grant“ will Lord Glenarvan nach gemeinsam überstandenen Abenteuern in Patagonien den Indio Thalcave überreden, mit ihm die Suche nach Kapitän Grant fortzusetzen. Doch Thalcave will seine Heimat, die Pampas, nicht verlassen. Auch lehnt er jede Bezahlung seiner Dienste ab. Glenarvan ist gerührt und möchte dem tapferen Indio wenigstens ein Andenken hinterlassen. Aber er kann ihm nichts schenken, denn Waffen, Pferde, alles ist in den Katastrophen unterwegs verlorengegangen. Da kommt ihm eine Idee, er nimmt aus seiner Brieftasche ein kostbares Medaillon mit einem gemalten Portrait, und gibt es dem Indio.
»Meine Frau,« sagt Lord Glenarvan.
Thalcaves sanfter Blick ruht lange auf dem Bild, bis er die schlichten Worte spricht: »Gute Dame! Schöne Dame!«


Account Rendered (1957 Peter Graham Scott)

Diese Brosche ist ein Beweisstück in einem Mordfall.

„Das Leben, das sich unablässig wiederholt, um in seinem Sturz seiner selbst inne zu werden, als halte es in einem jähen Begreifen seines Ursprungs den Atem an.“
(Pierre Klossowski)

Juno und Iris nehmen die 100 Augen des enthaupteten Argus und streuen sie auf Pfauengefieder. Das Wahnsinnsbild, das Rubens um 1610 gemalt hat, hängt in Köln.

Die Eintrittspreise deutscher Museen sind so hoch, dass deutlich, als wäre es ein Schild am Eingang, zu verstehen ist: Geringverdiener unerwünscht.


Passport to Destiny (1944 Ray McCarey)

Eine britische Putzfrau (Elsa Lanchester) beschließt Hitler zu töten. Sie nimmt einen Talisman mit nach Berlin.


Mission: Impossible (1996 Brian de Palma)


Doppelgänger (1969 Robert Parrish)

„Alles, was der primitive Mensch nicht versteht, erscheint ihm in einem eigentümlichen Licht. Wir können diese Erleuchtung nur wiedergewinnen, wenn wir uns lebhaft in die frühe Jugend, in die Kindheit zurückversetzen. (…)
Dem Beobachter, der die modernen [christlichen] Religionen kennt, fällt an allen diesen primitiven [vorchristlichen] Systemen auf, daß dieselben, und insbesondere die Vorstellungen von einem Leben nach dem Tode, nichts mit Lohn und Strafe, nichts mit Vergeltung und überhaupt nichts mit Ethik zu tun haben. (…)
Wo aber ein Teil des Volkes zu dauernder Sklaverei verurteilt, der andere Teil bestrebt ist, alles Gute des diesseitigen Lebens für sich zu nehmen, da ist eine Ethik, welche mit Vergeltung nach dem Tode rechnet, für ersteren Teil ein nicht zu unterschätzender Trost, für letzteren Teil recht bequem.“
(Ernst Mach: Die Wucherung des Vorstellungslebens)


The Outer Limits – Demon With A Glass Hand (1964 Byron Haskin)

Diese Medaille ohne jede Prägung ist einem Ausserirdischen gewaltsam abgenommen worden, im Kampf um Leben und Tod. Der Fortbestand der Menschheit steht auf dem Spiel. Plot und Drehort kehren wieder in Terminator und in Blade Runner.


The Outer Limits – Hundred Days Of The Dragon (1963 Byron Haskin)

Ein neu entwickeltes Serum macht das menschliche Gesicht formbar wie Knetgummi. Eine einfache Pressform mit seitlichen Griffen genügt, den Präsidenten durch einen Doppelgänger zu ersetzen. Die Stärke dieses kleinen Fernsehfilms: Den Gesichtsverlust konsequent ernst und zuletzt sogar wörtlich zu nehmen.

Fortsetzung folgt in Kürze

Freitag, 12.10.2018

In Hamburg

Das Metropolis-Kino zeigt amerikanische Polizeifilme der 70er.
The New Centurions (1972 Richard Fleischer) mit Stacy Keach und George C. Scott, der schönste Film der Reihe und Hauptinspiration für Wolf-Eckart Bühlers legendäres FILMKRITIK-Polizeifilm-Heft, läuft (DF, 35mm) am Sonntag um 21:15. Einführung: Volker Hummel

Mittwoch, 08.08.2018

Auge und Umkreis (II)


The Thief of Bagdad (1940 Powell, Whelan u.a.)

Das lebende Bild. Es zeigt eine Frau in Gedanken.

„Am folgenden Tage, dem 8. August, durchbrachen die Sonnenstrahlen nur zeitweise die warmen Dunstmassen am Himmelsgewölbe. Die gewöhnliche Mittagsbrise erlangte nicht die Stärke, sie zu zerstreuen. Gegen Abend glänzte der Himmel im lebhaftesten Farbenspiel. Ineinanderfließende Farbtöne aller Art, vom Chromgelb bis zum Ultramarin, verliehen dem Horizont das blendende Aussehen der Palette eines Malers. Unter dem Flockenschleier feiner Wölkchen färbte die untergehende Sonne Himmel und Land mit allen Strahlen des Spektrums, außer demjenigen, den die phantastische und etwas abergläubische Miss Campbell zu sehen verlangte.“
(Jules Verne: „Der grüne Strahl“, 1882)

“Das Licht leitet das organische Leben ein. Das grüne Chlorophyll und das (komplementär) rote Hämoglobin spielen in dem chemischen Prozeß des Pflanzenleibes und dem chemischen Gegenprozeß des Tierleibes eine hervorragende Rolle.”
(Ernst Mach: „Die Raumempfindungen des Auges“)


Shape of Water (2017 Guillermo del Toro)

Im lebendigen Wiederstreit zwischen Rot und Grün erreicht Shape of Water den größten Erfolg seiner poetischen Anstrengungen, als zwei vom Fahrtwind gepeitschte Regentropfen auf der Außenseite eines U-Bahnfensters sich bewegend, wachsend, miteinander eine größere Einheit bilden.

“Die Tropfen, miteinander in Berührung gebracht, fließen zusammen. (…) Wir können die Anziehungs- und Abstoßungskräfte der Natur als Absichten der Natur auffassen.”
(Ernst Mach: “Die Gestalten der Flüssigkeit”, 1872)


Inspirace (1949 Karel Zeman)

Ein Film, der ins Innere eines Wassertropfens vordringt. Auf der gefährlichen Suche nach der Inspiration.

Viele Filme beginnen mit forschenden Bewegungen.
Noch vor dem eigentlichen Filmanfang gehen oft Fahrten vorbei an Himmelskörpern oder entlang an Buchstaben aus dem Namen der Verleihfirma.

„The unbelievably small and the unbelievably vast eventually meet like the closing of a gigantic circle.“ sagt Jack Arnolds Mr. C (Grant Williams).

A: „Ich bin ein Nichts / ich bin ein Niemand“, hat der alte Gunter Gabriel gesungen, „ein winziges Detail / mit ein paar Liedern.“

B: „I can’t do anything / I am nothing / Our lives are meaningless / Swim in the sunshine,“ singt der junge Brian D’Addario. „I am nothing/ I’m no one / It’s wonderful,“ (The Lemon Twigs, 2017)

Was A und B gewaltig unterscheidet ist nicht nur das Alter der Sänger.
Mr. C geht den Weg von A nach B, er macht zwar keine Verjüngungskur, aber er schrumpft. Er wird so klein, dass er das lastende Gefühl, winzig zu sein, endlich von sich abstreift.
„And I felt my body dwindling, melting…. becoming …. nothing…. my fears melted away and in their place came – acceptance.“ The Incredible Shrinking Man (1957 Jack Arnold).

„An einem heiteren Sommertag im Freien erschien mir mit einmal die Welt samt meinem Ich als eine zusammenhängende Masse von Empfindungen, nur im Ich stärker zusammenhängend. Obgleich die eigentliche Reflexion sich erst später hinzugesellte, so ist doch dieser Moment für meine ganze Anschauung bestimmend geworden.“ (Ernst Mach, 1886)


Cornelius Hugh de Witt: The Golden Geography

Wertlosigkeitsgefühl und Größenwahn treffen sich in der Vergötterung. Raymond Roussel liebte die Bücher Jules Vernes. So sehr, daß er der Ansicht war, es sei ein Sakrileg, den Namen seines Lieblingsautors anders als „auf Knien“ auszusprechen. „Er ist bei weitem das größte literarische Genie aller Zeiten und er wird bleiben, wenn alle Autoren unserer Zeit bereits seit langem vergessen sein werden.” (Roussel, 1921)

Bei Roland Barthes las ich die Erklärung, Jules Verne sei bei Kindern so beliebt, weil seine Helden sich auf ihren Reisen so gemütlich einrichten – wie Kinder in ihren selbstgebauten Hütten und Höhlen.

Es mag zwar stimmen, dass die Reisen seiner Helden (temporäre) Abkapselungen von der Welt sind, aber das ist allenfalls die halbe Wahrheit. Denn Jules Verne ist der Autor – der einzige vielleicht, der berühmteste jedenfalls – dessen Geschichten auf einem kreiselnden Planeten am Rande des eisigen Universums spielen, auf dünner Erdkruste über flüssigem Eisenerz.

In Jim & Andy: The Great Beyond (2017 Chris Smith) findet Jim Carrey, bärtig, weise, lächelnd, eloquent die Worte für eine Weltbeschreibung à la Verne. Er vergisst dabei nicht die Geschwindigkeit des von uns bewohnten Kreisels zu erwähnen, und die in Magma schwimmenden tektonischen Platten unter unseren Füßen.

Der unsichere Boden, den nicht jeder so empfindet, hat seine Entsprechung im selbstaufgebürdeten Leistungsdruck. Die Früh- und Spätschichten der Seele heißen Depressssion und Obsession.

Der Mann, der im Gedicht von Ringelnatz dem “Fußballwahn” verfällt, will in letzter Konsequenz gegen den Erdball treten. “Er rang mit mancherlei Probemen / Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?”

„Das Rätsel liegt darin, dass mein Körper zugleich sehend und sichtbar ist. (…) Sichtbar und beweglich zählt mein Körper zu den Dingen, ist eines von ihnen, er ist dem Gewebe der Welt verhaftet, und sein Zusammenhalt ist der eines Dinges. Da er aber sieht und sich bewegt, hält er die Dinge in seinem Umkreis, sie bilden einen Anhang oder eine Verlängerung seiner selbst, sind seine Kruste und bilden einen Teil seiner Definition, wie auch die Welt aus eben dem Stoff des Körpers gemacht ist.“
(Maurice Merleau-Ponty: „Das Auge und der Geist“, Rowohlt, 1967)

Sterne, Strahlen, Aureolen, Umlaufbahnen sind geeignet, uns auf den ersten Film-Metern entweder klein zu kriegen oder „kosmisch“ zu stimmen.

Die Mach-Erfahrung („An einem heiteren Sommertag…“) ist nichts, was irgendwie erworben wird, kein Verdienst, keine Belohnung, sondern Geschenk.
Die verzweifelte Suche nach Inspiration ist etwas ganz anderes. Rückzug. Versenkung. Gefangenseinwollen.

Innenansicht des „Inspiratrions“. Es bot Vibrationen und elektrische Stimulation. via 50watts

„Meine Tinte war, wie ich bereits erzählte, schon seit längerer Zeit immer weniger geworden. Ich verdünnte sie mit Wasser, bis sie schließlich so blass war, dass sie kaum einen Schimmer auf dem Papier hinterließ.“ (Daniel Defoe: Das Leben und die seltsamen, überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe, 1719)

„Im Grunde konnte ich die letzten Jahre nicht schreiben, weil mir das Gefühl der Peinlichkeit meinem eigenen Leben gegenüber die Sprache geraubt hatte. Das, was ich erlebte, erschien mir in einem solchen Maße unzulänglich und banal, dass sich das Konstrukt der Unzulänglichkeit auch auf meine Gedanken und Gefühle und von dort auf meine Ideen und Fantasien ausdehnte, weshalb ich am Schluss gar nichts mehr hatte, nur noch eine Leere, in der mich manchmal irgendein Auftrag erreichte, eine Anfrage, für die ich dann einen Text verfassen konnte, weil jemand anderer mich quasi an die Maschine gesetzt hatte.“ (Frank Witzel: „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“)


Everything is Thunder (1936 Milton Rosmer)

“alphabet bisquits for lunch, that’s all I have”

„Die babylonische, die aztekische, die chinesische. Aber sprechen wir nicht mehr davon.“ So beginnt ein Text von Ringelnatz („Eheren und Holzeren“, 1924), in dem auch das Wort „Pinguinbutter“ vorkommt.

Woraus ist die Welt, woraus sind wir gemacht?

Ein kompletter Kreis Schmelzkäse-Ecken in Alupapier – das ist der silberne Mond, den Ingrid Bergmann (in Indiscreet) nachts hungrig aus dem Kühlschrank holt.


Think Fast, Mr. Moto (1937 Norman Foster)

„Verändern Sie das Auge des Menschen, und Sie verändern seine Weltanschauung. (…) Die Menschenseele ist eingesperrt in ihr Haus, in den Kopf; sie betrachtet sich die Natur durch ihre beiden Fenster, durch die Augen.“
(Ernst Mach: „Wozu hat der Mensch zwei Augen“, 1867)

„Liege ich z. B. auf einem Ruhebett, und schließe das rechte Auge, so bietet sich meinem linken Auge das Bild der folgenden Figur 1.“

„In einem durch den Augenbrauenbogen, die Nase und den Schnurrbart gebildeten Rahmen erscheint ein Teil meines Körpers, so weit er sichtbar ist, und dessen Umgebung.“
(Ernst Mach: „Die Analyse der Empfindungen“, 1886) ***


Wie man die Selbstschauung „Ich“ ausführt.

Von Mach selbst skizziert, (anders als auf der professionellen Zeichnung oben) mit Kaffeetasse und Zigarette. ***


Forty Guns (1957 Sam Fuller)

Die Liebste – – – betrachtet durch den Lauf eines Gewehrs.

Es sähe alles anders aus, wären unsere Augen seitwärts am Kopf, sagen Mach und Merleau-Ponty.

Bedwyr Williams macht in seinem Kurzfilm Hotel 70° (2014) den Vorschlag, durch beherztes In-die-Ecke-rennen das Gesicht zum Tortenstück zu verformen.


The Snorkel (1958 Guy Green)

„Wir können von jedem Menschen, selbst dem charakterlosesten annehmen, dass er einen Charakter hätte, wenn es eben in dieser Welt nicht zu schwierig wäre. So hätte wohl auch die Flüssigkeit ihre eigene Gestalt, wenn es der Druck der Verhältnisse gestattete, wenn sie nicht durch ihr eigenes Gewicht zerdrückt würde. (…)
Fällt aber ein Tropfen frei herab, so bewegen sich alle Teile gleich schnell, keiner wird durch den andern gehindert, keiner drückt also den andern. Ein frei fallender Tropfen leidet also nicht unter seinem Gewicht, er verhält sich wie schwerlos, er nimmt die Kugelform an.“
(Ernst Mach: Die Gestalten der Flüssigkeit, 1896) ***


Sous le ciel de Paris (1951 Julien Duvivier)

Die Lebenslinie… Zur exakten Prophezeiung reicht die Lupe nicht. Es muss in eine leuchtende Kugel hinein geschaut werden.


Sous le ciel de Paris (1951 Julien Duvivier)

Im “Land der Pelze” (1873) taucht Jules Verne den Nordpol in vulkanisches Licht: „Der nördliche Horizont erschien fortwährend vom Feuer aus der Erde erleuchtet, und gewiß vollzog sich jetzt in diesen Gegenden der Erdkugel eine furchtbare plutonische Arbeit.”

“Man sieht die Dinge, weil es an Worten mangelt; das Licht ihres Seins ist der umflammte Krater, in dem die Sprache vergeht.”
(Foucault: “Raymond Roussel”, 1963)

Für den gemeinen Mann bleibt Meer und Erde (physikalisch) eine Scheibe, der Himmel ein Gewölbe. Wenn nun dieser Mann an einer westlichen Meeresküste die glühende Sonne ins Wasser tauchen sieht, so glaubt er, er müsse sie zischen hören. Er hört sie wohl auch wirklich zischen, indem er irgend ein zufälliges Geräusch hierauf bezieht. (…) Ich selbst hörte noch als Kind von 4 oder 5 Jahren die Sonne zischen, als sie scheinbar in einen großen Teich tauchte, und wurde darob von den Erwachsenen verlacht. Die Erinnerung ist mir aber sehr wertvoll.
(Ernst Mach: „Die Wucherung des Vorstellungslebens“)


A Universal Picture

Reis‘ ich rund herum um diese Erde / das macht niemals, dass ich glücklich werde / Darling, no-oh-no / das geht nicht so. (Esther & Abi Ofarim: „Wenn ich bei dir sein kann“)
Gesungen zur Melodie von „Cotton Fields“, arrangiert von Peter Thomas, „eines der schönsten deutschsprachigen Liebeslieder“ (Stefan Ertl)


An RKO Radio Picture

Zurück zum Anfang. Der Vorhang öffnet sich. Und noch vor dem eigentlichen Filmbeginn sind da:

Die kreisrunden Radiowellen, die vom Sendemast der RKO ausgehen – – – Die große Null, hoch oben in den Suchscheinwerferlichtern der 20th Century Fox – – – Der Sternenkreis um den Berg namens Paramount – – – Der Strahlenkranz um die Fackel von Columbia (im Laufe der Jahrzehnte wurde er zum Logo) – – – das Wappen der Warner Bros. von Saul Bass für die 70er kurz mal rund gemacht – – – Das Zelluloidband mit den Worten “ars gratia artis”, das den MGM-Löwen kreisrund umgibt (und seit kurzem: eine Rückwärtsfahrt durch die Iris im Löwenauge).

Die lebendige Lady im Logo der Gainsborough Pictures – – – Der Gong von Rank – – – Die Zielscheibe der Archers – – – Der Strahlenkranz ums große G von Gaumont – – – Der Stern auf der Umlaufbahn der Cineriz – – – Der Kreis, dem die Svensk Filmindustri irgendwann die Beweglichkeit konzentrischer Ringe verlieh.

Das dreifache C von Artur Brauner – – – Das große mittige O von MelOdie-Film – – – Die Irisblende der Real-Film – – – Der stilisierte Globus von Prisma.

Das Prismenspiel des BFI – – – Die römische Münze der Janus Films – – – Das kreiselnde C der Criterion Collection.

Die Sterne, aus deren wirbelnder Kreisformation das O der Orion Pictures aufleuchtet, vor jedem Film von Woody Allen in den goldenen 80ern.


La Perle (1929 Henri d‘ Ursel)

Sie rührt sich! Sie senkt den Kopf auf die Schulter um zu träumen.

Aus Erich Kästners Drehbuch zu Münchhausen (1943 Josef von Báky): „Das Gemälde zeigt eine auf einer Ottomane ruhende nackte Frau, die dem Betrachter den Rücken kehrt. Diese Rückenansicht gehört zu der Gattung, die uns auf die Vorderseite neugierig macht. Zu Münchhausen, der die Dame angelegentlich mustert, tritt Cagliostro und schaut ihn lächelnd von der Seite an. Plötzlich wird die gemalte Dame im Bilderrahmen lebendig!“

Der Rahmen ist allerdings rechteckig, nicht rund, deshalb…
stattdessen… eine Frau (Ilse Werner), die einen Mann anschaut.


Münchhausen (1943 Josef von Báky)

Von Konstantinopel nach Venedig, dann zum Mond.


Das doppelte Lottchen (1950 Josef von Báky)

Das doppelte Lottchen – das ist die Doppelgängerangst, ab- und umgewendet in Wunscherfüllung. Erlösung von der Furcht, wir könnten verschwinden, vom Anderen ersetzt: Das doppelte Glück, geliebt zu werden als freiwillig Verwechselte, geliebt auch als das Andere, das irgendwie halb in uns steckt.


Die seltsame Geschichte des Brandner Kaspar (1949 Josef von Báky)

Ein Heimatfilm. Natürlich versessen auf Konflikte, Wilderei, Eifersucht, Mord. Ein Dialektfilm: verliebt in den Sprechakt. Ein SGE-Kanon-Film. Und ein Horrorfilm: der Tod sitzt am Tisch und will sich amüsieren. Paul Hörbiger verkörpert Freund Hein auf dünnen, beweglichen Beinen. Das Jenseits ist bayrischer Barock. Vom Himmel hinab, wo eine ewige Puttenplage grassiert, sieht die Wirklichkeit hier unten winzig klein und harmlos, gar nicht tödlich aus.

Ernst Mach: „Denken Sie sich den umgekehrten Fall! Wir wären so klein, dass wir in einem Walde von Moos spazieren gehen könnten und unsere Augen wären entsprechend nahe aneinander. Die Moose würden uns baumartig erscheinen. Darauf kröche ungeheures, unförmliches, zuvor nie gesehenes Getier herum. (…) An den Stämmen des Mooswaldes finden wir mächtige durchsichtige, glänzende Kugeln von einigen Fuß im Durchmesser, die eigentümlich langsam im Winde wogen. Wir nähern uns neugierig und finden, daß diese Kugeln, in denen sich lustig einige Tiere herumtummeln, daß sie flüssig, daß sie Wasser sind. Noch eine unvorsichtige Berührung und — o weh! — schon zieht eine unsichtbare Gewalt meinen Arm mächtig ins Innere der Kugel und hält mich unerbittlich fest!“ (1867)

Fortsetzung folgt

Mittwoch, 18.07.2018

Auge und Umkreis (I)


Ukradená vzducholoď (Das gestohlene Luftschiff 1966 Karel Zeman)

„Im Augenblick bin ich ein wenig in meine Kindheit zurück gefallen,” sagte Eric Rohmer, 2009***. “Ich lese meine Jules-Verne-Sammlung noch mal durch. … das beachtliche Ein Kapitän von fünfzehn Jahren.“ Hinter seinem Pseudonym und einem bei öffentlichen Auftritten angeklebten Schnurrbart hatte er sich versteckt vor seiner Mutter, die nie erfahren sollte, dass der Sohn ein Filmemacher war.

Halbjahresrückblick (Januar – Juni 2018)

(Wie lang eine Minute ist, wie kurz ein Jahr) …kurzes Auftauchen in der Mitte.

A Day at Henley (1911), 9 Minuten vollkommenster Psychedelik, eine Landpartie im Kinemacolor-Verfahren festgehalten, im flirrend pulsierenden Zerfall fixiert, ein irrsinnig lebendiges Kaputtgehen von nie gesehener Schönheit. Die Welt als himmelhohes Korallenriff, der Tag als flüssiges Feuerwerk – wie sonst nur in den Sturz-Sekunden des Einschlafens. 9 Minuten lang: wahrhaftige Unbeschreiblichkeit. Vielleicht hätte Jules Verne sie beschreiben können.

Jules Verne: „Der Major schlief schlecht; gegen 23 Uhr stand er schließlich auf. Als er seine Augen richtig aufmachte, flimmerte der ganze Waldboden vor ihm, als spiegele sich Licht im Wasser. Zuerst glaubte er, ein Grasbrand züngele am Boden entlang, aber dann bemerkte er, dass sich vor ihm eine Riesenkultur phosphoreszierender Pilze ausbreitete. Die leuchtenden Substanzen erhellten das Wäldchen fast einen Kilometer weit, und der Major wollte gerade den Geographen zur wissenschaftlichen Begutachtung des Phänomens wecken, als er weiter weg Schatten zwischen den Bäumen entlanghuschen sah.“ („Die Kinder des Kapitäns Grant“, 1867)

Entdeckungen und (*) Wiedersehen in Bologna, Köln, München, Nürnberg oder (**) daheim:

Seed (1931 John M. Stahl)
Caravan (1934 Erik Charell)
When Tomorrow Comes (1939 John M. Stahl)
Santa (1943 Norman Foster, Alfredo G. de la Vega)
Xiao cheng zhi chun (Spring in a Small Town 1948 Fei Mu)
Das doppelte Lottchen (1950 Josef von Baky) **
Le Ragazze di Piazza di Spagna (1952 Luciano Emmer)
Ave Maria (1953 Alfred Braun)
Je suis un sentimental (1955 John Berry) **

Nachts schlaflos in der Küche zu sitzen und Milch zu trinken, das ist ein Ritual der Selbstvergewisserung, deshalb ein bekanntes (amerikanisches?), beinahe klassisches Bild. Dass Ingrid Bergman in Stanley Donen‘s Indiscreet zum Glas Milch noch etwas verzehrt – und zwar Schmelzkäse-Ecken, ohne Brot, direkt aus dem Alupapier – das ist etwas Besonderes… in diesem insgesamt besonders schönen Film. Indiscreet nach Jahrzehnten wiederzusehen, im Kino, war ein unverhofftes Glück.

Indiscreet (1958 Stanley Donen) *
Immer wenn es Nacht wird (1961 Hans Dieter Bove)
Night Tide (1961 Curtis Harrington) **
La Ragazza in Vetrina (1961 Luciano Emmer) *
Naked City: Lament for a Dead Indian (1962 Robert Gist) **
The Birds (1963 Alfred Hitchcock) *
Ukradená vzducholoď (Das gestohlene Luftschiff 1966 Karel Zeman) **
Hau drauf, Kleiner (1974 May Spils)
Der zweite Frühling (1975 Ulli Lommel)
Filmemigration aus Nazideutschland (1975 G.P. Straschek)


Night Tide (1961 Curtis Harrington)

Aus der Tiefe des Meeres schaut die Meerjungfrau starr ihrem männlichen Opfer hinterher, auf seiner panischen Flucht an die Wasseroberfläche.

Ernst Mach: „Dass beim Erwachen im dunklen Zimmer die letzten Traumbilder in lebhaften Farben mit einer Fülle von Licht noch vorhanden waren, ist mir oft vorgekommen. — Eine eigentümliche Erscheinung, die mir seit einigen Jahren häufiger begegnet, ist folgende. Ich erwache und liege mit geschlossenen Augen ruhig da. Vor mir sehe ich die Bettdecke mit allen ihren Fältchen, und auf derselben meine Hände mit allen Einzelheiten ruhig und unveränderlich. Öffne ich die Augen, so ist es entweder ganz dunkel, oder zwar hell, aber die Decke und die Hände liegen ganz anders, als sie mir erschienen waren. Es ist dies ein besonders starres und dauerndes Phantasma, wie ich es unter anderen Verhältnissen nicht beobachtet habe. Ich glaube an diesem Bild zu bemerken, daß alle auch weit voneinander abliegenden Teile zugleich deutlich erscheinen, in einer Weise, wie dies bei objektiv Gesehenem aus bekannten Gründen unmöglich ist.“ („Die Analyse der Empfindungen“, 1886)


Night Tide (1961 Curtis Harrington)

In der Tiefe der Nacht (also genau um 4) aus einem Traum erwacht, schaut der Matrose auf die Uhr.

In “Die Kinder des Kapitäns Grant” beschreibt Jules Verne inmitten gefahrvoller Situationen irritierende Lichtphänomene. 17 Kapitel vor den leuchtenden Pilzen in Australien (nur 12 Kapitel sind es in der schön gekürzten Ausgabe von 1966, die mir in die Hände fiel, als ich gerade solche Lektüre dringend brauchte), als die Reisenden noch in Patagonien unterwegs vor einer Überschwemmungskatastrophe in die Krone eines großen Baumes geflohen sind, spiegeln sich in der Wasserfläche die Sternbilder der südlichen Hemisphäre, als wölbe sich der Himmel auch unter ihnen. Bis plötzlich vom östlichen Horizont ein dichter, finstrer Dunst bedrohlich aufsteigt, und schnell die Hälfte des Himmelsgewölbes verhüllt. Diese Wolke scheint sich von selbst zu bewegen, denn von Wind ist kein Hauch zu spüren, kein Blatt regt sich am Baum, kein Fältchen kräuselt die Wasserfläche, fast so, als sei alle Luft von einer gigantischen Pumpe abgesaugt. Selbst die Schatten haben sich aufgelöst und jeder Laut ist erstorben. „Das Schweigen wetteiferte an Tiefe und Stärke mit der Finsternis.“ Aber die Nerven jeglicher Lebewesen spüren die hochgespannte Elektrizität, mit der sich die Atmosphäre auflädt. Als jemand vorschlägt man solle herabklettern aus der Baumkrone ins tiefergelegene Nest, und sich verkriechen „in Philosophie und in unsere Ponchos“, bemerken sie alle erstaunt ein überraschendes Dämmerlicht. Es wird hervorgebracht von Myriaden leuchtender Punkte, die sich summend über der Wasserfläche hin und her bewegen. Phosphoreszierende Insekten. Johanniswürmchen. „Lebendige Diamanten, aus denen sich die Damen von Buenos-Aires prächtigen Schmuck fertigen.“ Der Sohn des Kapitäns Grant erhascht eins dieser leuchtenden Tierchen. Eine Art große Hummel von 2 cm Länge. Am Brustpanzer strahlt das Tier so hell, dass der Forscher Paganel an seiner Uhr ablesen kann, dass es 10 Uhr abends ist.


L’anticristo (1974 Alberto de Martino)

Ernst Mach beschreibt den Traum als etwas Geschmeidiges, das in seinem Verlauf reagieren kann auf die Anzweiflung der Echtheit des Traums.

Beim Schreiben über Filme müsste diese Geschmeidigkeit zu fühlen sein, die man beim Filmesehen doch zumindest an guten Tagen hat.


All of Me (1984 Carl Reiner)

„Das Ich ist unrettbar. Teils diese Einsicht, teils die Furcht vor derselben führen zu den absonderlichsten pessimistischen und optimistischen, religiösen, asketischen und philosophischen Verkehrtheiten. Der einfachen Wahrheit, welche sich aus der psychologischen Analyse ergibt, wird man sich auf die Dauer nicht verschließen können. Man wird dann auf das Ich, welches schon während des individuellen Lebens vielfach variiert, ja im Schlaf und bei Versunkenheit in eine Anschauung, in einen Gedanken, gerade in den glücklichsten Augenblicken, teilweise oder ganz fehlen kann, nicht mehr den hohen Wert legen. Man wird dann auf individuelle Unsterblichkeit gern verzichten, und nicht auf das Nebensächliche mehr Wert legen als auf die Hauptsache. Man wird hiedurch zu einer freieren und verklärten Lebensauffassung gelangen, welche Missachtung des fremden Ich und Überschätzung des eigenen ausschließt. Das ethische Ideal, welches sich auf dieselbe gründet, wird gleich weit entfernt sein von jenem des Asketen, welches für diesen biologisch nicht haltbar ist, und zugleich mit seinem Untergang erlischt, wie auch von jenem des Nietzscheschen frechen ‚Übermenschen‘, welches die Mitmenschen nicht dulden können, und hoffentlich nicht dulden werden.“ (Ernst Mach: „Die Analyse der Empfindungen“, 1886)

Daddy’s Home 2 (2017 Sean Anders)
Jim & Andy: The Great Beyond (2017 Chris Smith)
The Post (2017 Steven Spielberg)
Ready Player One (2018 Steven Spielberg)
Bad Girl Avenue (2018 Klaus Lemke)
The 15:17 to Paris (2018 Clint Eastwood)
Lucky (2017 John Carroll Lynch)
Die zwei Leben des Reno Roc (2018 Bruno Sukrow)
Grolsch (2018 Bruno Sukrow)
The Rider (2018 Chloé Zhao)

In Kürze mehr von Jules Verne und Ernst Mach, und über rundgerahmte Gesichter in Filmen.

Mittwoch, 04.07.2018

Hinweis

Das Zeughauskino startet heute eine Reihe mit Filmen von Peter Goedel.
„Schauplätze geistiger Erfahrung“ (Peter Nau)
Besonders nachdrücklich empfehle ich Talentprobe – am Sonntag um 18:00 Uhr

Mittwoch, 03.01.2018

2017 (in Listen)

Rainer Knepperges: (chronologisch)

Eleni Prokopiou > To syrtaki tis amartias (1966 Giorgos Papakostas)
Ata Demirer > Olanlar Oldu (2017 Hakan Algül)
Taraji P. Henson > Hidden Figures (2016 Theodore Melfi)
Michael Shannon > Elvis & Nixon (2016 Liza Johnson)
Ursula Grabley > Und das ist die Hauptsache!? (1931 Joe May)
Gina Arnold > Gina Wildkatze (1974 Gina von Freiburg)
Helmut Käutner > Versuchung im Sommerwind (1972 Rolf Thiele)
Gal Gadot > Wonder Woman (2017 Patty Jenkins)
Pierre Batcheff > Les amours de minuit (1931 Marc Allegret & Augusto Genina)
Märta Torén > Maddalena (1954 Augusto Genina)
Hertha Thiele > Mädchen in Uniform (1931 Léontine Sagan)
Mary Nolan > Outside The Law (1930 Tod Browning)
Jirí Vala > Smyk (1960 Zbyněk Brynych)
Mary (2017 Bruno Sukrow)
Umschwung in der Hauptstadt (2017 Lukas Laier & Moritz Vetter) ****
Isabel Sarli > La Mujer del zapatero (1965 Armando Bo)
Armando Bo > Pelota de cuero (1963 Armando Bo)
Sveva Alviti > Dalida (2017 Lisa Azuelos)
Robert de Niro > The Comedian (2017 Taylor Hackford)
Holly Hunter > The Big Sick (2017 Michael Showalter)
Carlos Cores > Los Tallos Amargos (1957 Fernando Ayala)
Coco (2017 Lee Unkrich & Adrian Molina)
Frances McDormand > Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (2017 Martin McDonagh)
Harry Baur > L’Assassinat du père Noël (1941 Christian-Jaque)

In Aachen, Berlin, Bologna, Buer, Chicago, Frankfurt, Mannheim, Nürnberg, Wiesbaden und Köln – im Kino.

***

Stefan Ertl: (alphabetisch)

Neue Filme
AFTERMATH (Elliot Lester)
DADDY´S HOME 2 (Sean Anders)
GET OUT (Jordan Peele)
MANCHESTER BY THE SEA (Kenneth Lonergan)
MR. CHURCH (Bruce Beresford)
QUAND ON A 17 ANS (André Téchiné)
VELOCE COME IL VENTO (Matteo Rovere)
VOYAGE OF TIME (Terrence Malick)
WAR FOR THE PLANET OF THE APES (Matt Reeves)
WONDER WOMAN (Patty Jenkins)

Alte Filme
BABY (Uwe Frießner)
KÄPT´N RAUHBEIN AUS ST. PAULI (Rolf Olsen)
POLIZEIRUF 110: KREISE (Christian Petzold)
DER PROZESS (Eberhard Fechner)
VERSUCHUNG IM SOMMERWIND (Rolf Thiele)

Glamour
Cate Blanchett in THOR: RAGNAROK (Taika Waititi)

Samstag, 22.04.2017

April in Paris


Rien que les heures (1926 Alberto Cavalcanti)


Alraune (1952 Arthur Maria Rabenalt)

Von Paris nur zu träumen mit Hilfe eines Stadtplans – oder eines Kinoprogramms.

Die Cinémathèque française zeigt alle Filme von Jacques Becker. Heute um 21:30: Le Trou (1960)

Man sagt, ein Gefangener sei seinem Bewacher überlegen, weil auf seiner Seite das stärkere Interesse sei. Der Wächter kann vergessen, dass er Wache schiebt, der Gefangene denkt dagegen immer daran, dass er bewacht wird, und deshalb denkt er an die Vorbereitung seiner Flucht öfter als der Wächter an ihre Vereitelung; das erklärt auch, warum die unwahrscheinlichsten Fluchtversuche gelingen. (Jules Verne: Die Kinder des Kapitän Grant)


Morgen um 19:00: Casque d’or (1952 Jacques Becker).

Er hatte die Empfindung: „Diese Augen haben im Leben schon irgendwann einmal in die meinen geschaut.“ Warum sollte das nicht möglich sein? Dieses Bild war freilich ein halbes Jahrhundert alt, vielleicht noch älter. Aber Menschenaugen sind wie Sterne; seit Hunderttausenden von Jahren kommen und glänzen sie immer wieder als die gleichen. (Ganghofer: Waldrausch)

La Vie à l’envers (1963 Alain Jessua) am 29.4. um 20:00

Gary Vanisian schrieb mir aus Paris, schwärmend von diesem Film. „Über einen Mann (Charles Denner, der große!), einen kleinen Angestellten, der heiratet, aus Uninspiriertheit, und immer mehr in einen Geisteszustand abdriftet, der oberflächlich eine depressive Psychose wäre, bei genauerer Betrachtung aber Freiheit und Glück sein könnte.“

Die Cinémathèque française zeigt alle Filme von Alain Jessua.

(Signierstunde mit Alain Jessua – heute um 18:30)

Donnerstag, 29.12.2016

Was ist Zeit?

„Zeit ist Geschwindigkeit dividiert durch Weg.“

Zu dem Zeitpunkt, als dieser Satz gesagt wird, nach einer halben Stunde im Johannes-Heesters-Film Professor Nachtfalter, da sind bereits alle besoffen. 17 singende Mädchen fuhren zuvor auf Motorrollern über die Dörfer und per Fähre über den Bodensee, während im Mädchenpensionat „Drachenburg“ das Problem der „Frühreife“ besprochen wurde. Und dann, als man glaubt, der Film käme im Revuefilmmodus irgendwie zur Ruhe, muss eine Tänzerin aus Versehen oben ohne tanzen. 1951, Zeiten!

Ich frage mich, ob der Motorroller-Anfang von Professor Nachtfalter (1951 Rolf Meyer) Vorbilder hat. Und ob die Tradition, auf einem Motorroller fahrend im Vorspann den Titelsong zu singen – wie Gus Backus in Holiday in St. Tropez (1964 Ernst Hofbauer) und Markus in Gib Gas, Ich will Spaß (1983 Wolfgang Büld) * – bis in unsere Zeit hinein fortgesetzt wird? Oder ist sie vorbei: unsere schnelllebige Zeit?

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Professor Nachtfalter (1951 Rolf Meyer), Helga Feddersen

„Wenn einer erst verheiratet ist, dann ist es aus mit ihm.“ sagt sie.

„Du sollst nicht geliebt sein wollen, wo du nicht liebst“, sagt Schleiermacher. Wo hab ich das Zitat gehört? War es in Professor Nachtfalter? Mir gefiel der Film sehr. Auch weil darin ein Lehrer und eine Unternehmerin, gebunden an zwei Welten – die Schule und den Amüsierbetrieb, getrennt durch Konventionen (und ein Gewässer), zueinander finden, indem die Frau den Mann hinüberholt in ihre Welt, ins Entertainment, wo er hingehört.

„Es war einmal ein Licht“, sagt der Mönch Ekkehard, als er gedrängt wird etwas zu erzählen. „Und es war einmal ein dunkler Nachtfalter, der flog um das Licht und wusste, dass er verbrennen müsse, wenn er hineinfliege, und flog doch hinein.“
„Ist das Eure ganze Geschichte?“
„Meine ganze Geschichte!“

Scheffels Ekkehard handelt von einer gestrengen Herzogin, die sich einen jugendschönen Lehrer aus dem Kloster entführt, auf ihren Klingsteinfelsen am Bodensee, um von ihm Latein zu lernen. „Es war vor beinahe tausend Jahren.“ So beginnt der Roman von 1855. Dass es dem Titelhelden nicht gelingt, spontan eine Geschichte zu erfinden, bedeutet Kränkung, Krise und Herausforderung. Das Drama der Kreativität – vor beinahe tausend Jahren.

„Manche der heißesten Liebeslieder sind einfach Schulaufgaben gewesen.“
(Arnold Hauser: Sozialgeschichte der mittelalterlichen Kunst, 1951)

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„Ja ja, ich weiß, das Benzinzeitalter ist angebrochen“, sagt die Postkutscherin in Mein Mädchen ist ein Postillon (1958 Rudolf Schündler). Und Alice und Ellen Kessler singen: „Man kann nicht immer brav sein, dazu sind wir zu modern, denn unser Hobby das ist die heiße Musik.“

„Schon das Auftreten der Kessler-Zwillinge bedeutet ein erotisches Moment subtiler Art: der abstrakte Charme ihrer Girl-Gestalten gewinnt durch die Verdoppelung beunruhigende Züge.“ (Enno Patalas über Die Tote von Beverly Hills, FK 5/1964)

In Paul Martins Hochzeitsnacht im Paradies (1962) betrinkt sich Peter Alexander an der Hotelrezeption mit immer größer werdenden Cognacgläsern (in einer siebenminütigen Einstellung) bis die Kesslerzwillinge das Foyer betreten. Anlass fürs Saufen, Grund seines Kummers ist Marika Rökk, seine Ex, die ihn terrorisiert. Peter Alexander war 13 Jahre jünger als Rökk, aber die beiden konnten miteinander toll Twist tanzen.

Lieben und Geliebtwerden. „Für dieses Zersprengtwerden und Verschwimmen ist die Zerlegung der Frau in zwei Frauen ein gutes Bild.“ (Harun Farocki: Vertauschte Frauen, FK Nr.282 1980)

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Liebe, Leidenschaft und Leid (1943 Jan Alfréd Holman)

Nie zu lieben! Das war das Versprechen, das die Tochter der sterbenden Mutter geben musste. Eine Fotografie und – da hinein doppelbelichtet – die lebendigen Augen der Toten, sie mahnen: Liebe bringt nur Leid.
Der Film hat in der Mitte einen großen Zeitsprung – von einer nächtlichen Straßenkreuzung im Kutschen- zum Benzinzeitalter. Ohne Schrifteinblendung, dazu ist er zu modern.

Drehbuch: Kurt Heuser. Der schrieb für Pabst, Sierck, Trenker, Dieterle, Ucicky, Paul May und Rabenalt (Alraune). Im Songtext zum Evergreen „So oder so ist das Leben“ (1934) reimte er „leiden“ auf „entscheiden“.

In dem Karnevalskrimimelodram Die Fastnachtsbeichte (1960 William Dieterle) nach einer Zuckmayer-Erzählung, adaptiert von Kurt Heuser, hat Grit Böttcher eine schöne Nebenrolle. Maskiert holt sie sich Küsse und Zärtlichkeiten, die einer anderen gelten. Diese Andere nennt die Liebe „tödlich, mörderisch“.

Ein Leben für Do (1954 Gustav Ucicky), nach Pilchowskis „Daddy und Do“, adaptiert von Kurt Heuser, erzählt Kindheit und Jugend des Mädchens Do, das ihren Daddy (Hans Söhnker) maßlos liebt, zu sehr. Die zwei Schauplätze, die beiden Hälften des Films sind: Afrika und die Alpen. Ein großer Zeitsprung trennt die Orte; Sehnsuchtsmusik verbindet sie. Seicht und konventionell, sagt man, waren die Filme, die Ucicky nach dem Krieg machte. Dann war es also in den 50ern eine seichte Konvention, das Inzest-Tabu in den Mittelpunkt eines Film zu rücken und mit einem Trick außer Kraft zu setzen.

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Martina (1949 Arthur Maria Rabenalt), Jeanette Schultze

„Wir müssen einmal damit aufhören die Zeit für alles verantwortlich zu machen,“ mahnt der Staatsanwalt und fordert Haft für die Angeklagte.

Die Prostituierte hat eine Schwester, die ist Psychoanalytikerin, und zwischen den Frauen ist ein moderner Mann, ein Schwede, der sagt: „Bei uns in Schweden ist alles natürlicher. Wir baden sogar nackt zusammen.“

Martina wird gespielt von Jeanette Schultze (1931 – 1972, auch in Professor Nachtfalter der Blickfang, das Biest, die Besondere). Rabenalts Film folgt der Titelheldin, die sich der Staatsgewalt entzieht und vor Schuldgefühlen flieht, durch dramaturgisches Dornengestrüpp in die Freiheit. Ein schönes Double-Feature ergäbe sich in der Kombination von Martina und Wolfgang Bülds Penetration Angst (2003).

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Martina (1949 Arthur Maria Rabenalt), Cornell Borchers

Auch Unvergängliches Licht (1951 Arthur Maria Rabenalt) erzählt von einer Ausreißerin (Cornell Borchers). Orgien mit schönen jungen Frauen für reiche alte Männer werden veranstaltet im mondänen Haus ihrer Mutter. Eine Rolle für Hilde Hildebrand, die zuvor schon Amüsierbetriebs-Chefin war in Käutners Große Freiheit Nr.7 und später in Dieterles Fassnachtsbeichte.

Werner Sudendorf schrieb kürzlich: „Wäre der deutsche Film ein Arbeitsamt, dann würden Frauen dort vor allem folgende Berufe finden: Chefsekretärin, Privatsekretärin, Sängerin oder Mannequin.“ Das Kino der 50er aber war kein Amt, und die Zuschauerinnen wussten, wovon so viele Filme erzählten: von Prostitution.
Und welche Berufe wurden dem männlichen Kinogänger offeriert? Seelsorger, Kriminalkommissar und Frauenarzt.

Arnold Hauser schreibt über die mittelalterliche höfische Kultur, „dass sie eine ausgesprochen weibliche Kultur ist; weiblich nicht nur insofern, dass die Frauen am geistigen Leben des Hofes teilhaben und die Richtung der dichterischen Produktion bestimmen, sondern auch dass die Männer selber in vieler Beziehung weiblich denken und fühlen.“

„Eleonore von Aquitanien, Marie von Champagne, Ermengarde von Narbonne und wie die Gönnerinnen der Dichter alle heißen, sind aber nicht nur große Damen, die ihre literarischen „Salons“ haben, nicht nur Kennerinnen, von denen die entscheidenden Anregungen ausgehen, sie selber sind es, die oft durch den Mund der Dichter sprechen.
Damit also, dass die Männer ihre ästhetische und sittliche Erziehnung den Frauen verdanken und dass die Frauen die Quelle, der Gegenstand und das Publikum der Dichtung sind, ist noch durchaus nicht alles gesagt; die Dichter wenden sich nicht nur an die Frauen, sie sehen auch die Welt mit den Augen der Frauen.“ (Arnold Hauser: Sozialgeschichte der mittelalterlichen Kunst, 1951)

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Hilde Krahl in Schatten der Nacht (1950 Eugen York)

An dieser Stelle ein Jahresrückblick: Ich mochte Ghostbusters (2016 Paul Feig), weil darin 4 Frauen loyal und lustig, und berufstätig erfolgreich sind – wie in den allerwenigsten Filmen unserer hoffnungslosen Epoche.
Toni Erdmann (2016 Maren Ade) mochte ich nicht, weil da – im lustigen Stalker-Vater, der sich sorgt, dass die kinderlose Geschäftsfrau-Tochter „kein Mensch“ (!) mehr sei – der Patriarchatstriumph des Donald Trump sich ankündigte.

Ich empfehle stattdessen Görümce – Die Schwägerin (2016 Kivanc Baruonu). Die Komikerin Gupse Özay spitzt den zivilisatorischen Entscheidungskampf dramatisch zu: Als ihr heißgeliebter Bruder sich von ihr lösen und heiraten will, schickt die eifersüchtige Antiheldin sich an, die Berufstätigkeit der Braut zu sabotieren, um mit deren Selbstbewusstsein auch die Basis möglichen Glücks zu zerstören. Indem diese türkische Komödie weibliche Berufstätigkeit zum Fundament aller Utopien macht, tut sie etwas derzeit Seltenes. Görümce ist Toni Erdmann für moderne Menschen, von rechts auf links gedreht.

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Schatten der Nacht (1950 Eugen York)

Dreifachüberblendungen können auch missglücken. Hier bilden die Gesichter von Hilde Krahl und Willy Fritsch mit einer sich drehenden Spirale den Aussagesatz: Es geht dem Mann die Frau im Kopf herum.

Zu diesem Zeitpunkt, kurz vor Schluss, als der Film an dem Punkt angelangt ist, wo es zur Sache geht, nimmt die Prostituierte den Platz der toten Geliebten ein. Es erweist sich: Heilige und Hure sind die gleiche Frau. Käutner hat das Sujet in Frau nach Maß (1941) unübertrefflich ausgekostet, als vollendete Komödie. Eugen Yorks Melodram ist ungenießbar. Aber unverzichtbar fürs fortgeschrittene Studium von Petzolds Phoenix.

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Im Banne des Unheimlichen (1968 Alfred Vohrer)

Zu seinem Spielfilm Betrogen (1985) schrieb Harun Farocki im Rückblick (in „Rote Berta Geht Ohne Liebe Wandern“, 2009): „Erst beim Besetzen ging mir durch den Kopf, dass die Darstellerin, nach der ich suchte, für mich gar nicht als wirkliche Person vorstellbar war“. Ein in den 80ern von Farocki mehrfach verwendetes Bild war, „wie ein Maskenbildner das Gesicht eines Models schminkt. – Er verwandelt Fleisch in Marmor, er versteinert die Schönheit der Frau.“ Pygmalion rückwärts.

Man stelle sich vor: Ein Mann und eine Frau sind aneinander gefesselt; er ist ganz fixiert auf ihre Fähigkeit eine Tote darzustellen; sie ist ganz fixiert auf sein Unvermögen, ihr Lebendigsein zu erkennen. Christian Petzold verriet zur Premiere von Phoenix in Toronto, was er am zehnten oder elften Drehtag gedacht hatte: Was Johnny mit Nelly macht, das sei nicht so weit entfernt von seiner Arbeit als Regisseur. Seine Hauptdarstellerin widersprach ihm deutlich mit einer Grimasse.

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Was da in den Pupillen von Harald Leipnitz flackert, ist Heidelinde Weis – tanzend. Im weißen Hemd, das er ihr geliehen hat als Nachthemd für die Marihuana-Entziehungskur in seinem Schlafzimmer.

„Einerseits widersetzt sich die Liebe den Interessen der Kultur, anderseits bedroht die Kultur die Liebe mit empfindlichen Einschränkungen.“ (Freud: Das Unbehagen in der Kultur, 1930)

„Und das ist schön anzusehen für uns, die wir ins Kino gehen, weil wir das Laster lieben.“ (Hans Schifferle: German Psychotronic; Steadycam Nr.18 1991)

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Mädchen hinter Gittern (1965 Rudolf Zehetgruber)

Harald Leipnitz und Heidelinde Weis. Der Enthaltsame und die Süchtige fordern einander heraus. Zwischen ihnen ist die Welt kartografisch in zwei kreisrunde Hälften geteilt. Beide gehen in einander über.
Gäbe es das Zölibat nicht, Drehbuchautoren hätten es erfinden müssen.

„Der Erfolg der Kirche blieb in der Bekämpfung der geschlechtlichen Liebe immer weit hinter ihrem Ideal zurück; jetzt aber, wo die Grenzen der gesellschaftlichen Kategorien und mit ihnen die Kriterien der sittlichen Werte fließend werden, bricht die unterdrückte Sinnlichkeit mit doppelter Gewalt hervor und überflutet die Lebensformen nicht nur der höfischen Kreise, sondern zum Teil auch die des Klerus. Es gibt kaum noch eine Epoche der abendländischen Geschichte, in deren Literatur so viel von körperlicher Schönheit und Nacktheit, von An- und Ausziehen, von Baden und Waschen der Helden durch junge Mädchen und Frauen, von Brautnächten und Beischlaf, von Besuchen am Bettlager und Einladungen ins Bett die Rede wäre wie in der ritterlichen Dichtung des sittenstrengen Mittelalters.“ (Arnold Hauser: Sozialgeschichte der mittelalterlichen Kunst, 1951)

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Hinter Klostermauern (1952 Harald Reinl)

Frits van Dongen und Katharina Mayberg. Die Zwei sind in Reinls frühem Film ein asoziales Paar, sexy, aggressiv und ohne Zukunft. Sie nisten sich im sakralen Leerstand ein. Ein Hausbesetzer- und Spieler- und Nonnen-Film Noir.

Frits van Dongen alias Philip Dorn, geboren als Hein van der Niet (1901 – 1975), war der erste holländische Hollywoodstar. Er ähnelte ein wenig Ray Milland – vor dem Krieg, danach eher Robert Ryan. Seine Karriere war krankheitsbedingt viel zu kurz. Gäbe es doch mehr deutsche Filme mit ihm.

Ein Film wie Hinter Klostermauern hat, so ungewöhnlich er auch ist, mit vielen anderen Filmen der Zeit doch etwas gemeinsam. Das ist Margarete Hagen, die kauzige Alte – schon in Liebe, Leidenschaft und Leid (1943); eine süße Internatsdirektorin in Professor Nachtfalter (1951); helfend an der Seite von Marianne Koch in Die Landärztin (1958 Paul May). Und neben Cornell Borchers in Das ewige Spiel (1951 Franz Cap), in einem Film in Episoden, „die immer die gleichen Menschen in verschiedenen Jahrhunderten zeigen – gespenstische Wiedergeburten, das Schicksal ein gleichmäßig sich drehendes Mühlrad.“ (Kurowski: „Denn viele von uns sind verlorene Kinder“, 1989)

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Im Stahlnetz des Dr. Mabuse (1960 Harald Reinl), Ady Berber

“Anatomie des Teufels – Kriminelle Instinkte des Menschen” von Pfarrer Dr. Brietenstein. Der Buchschnitt ist verbrannt, ein Flammenwerfer traf die Besitzerin.
Reinls Film ist so unberechenbar brutal, dass nur noch die Gesichter so etwas wie Vertrautheit stiften. Vorrübergehend.

Ady Berber (1913 – 1966), SGE-Glamour-Boy, Freistilringer, Weltmeister, Nebendarsteller, spielte in Duviviers Marianne (1955) und in Wylers Ben Hur (1959). Jeder kennt ihn aus Vohrers Die Toten Augen von London (1960). Einen kleinen, wahnwitzigen Gastauftritt hatte er auch in Hofbauers Tausend Takte Übermut (1965).

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Bankraub in der Rue Latour (1961 Curd Jürgens)

„Als wirrer Drehbuchdichter“ spiele Klaus Kinskí ohne „Verwandlungsaufgaben“ in diesem Film lediglich „sich selbst“, schrieb ein Kritiker damals. Nie hat mir Kinski besser gefallen.

Zum Bau der mittelalterlichen Kathedralen sah Arnold Hauser „die einzige vollkommene Parallele“ im Arbeitskollektiv des Films. „Eine solche autonome berufständische Gruppenbildung wäre mit dem Geist der Antike unvereinbar gewesen.“ Erst das gotische Zeitalter bringt die dafür notwendige Mobilität der Künstler und Handwerker. „Von da an werden Anregungen von überallher aufgenommen und nach überallhin verbreitet.“ Gebaut wird rasch. Die Finanzierung aber dauert mitunter Jahrhunderte.

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Ein krimineller Plan, den angebliche Filmgeschäftsmänner schmieden, wird durchschaut von der Sekretärin (Ingeborg Schöner). Sie rät von der Banküberfallsmaskerade ab und überredet die Räuber stattdessen tatsächlich Filmemacher zu werden. Was ist der Einbruch in eine Bank gegen den Einstieg ins Filmgeschäft?

Curd Jürgens, den ich mag, seit ich seine Rolf-Olsen-Filme kenne, hat selten Regie geführt. Das ist schade, denn sein Bankraub in der Rue Latour besitzt eine wunderbare Ruhe. Ruhe, die wie ein unbekanntes Getränk zusammengemischt ist aus Euphorie und Resignation. Vorzeitige Anti-Oberhausener-Lässigkeit.
Das Pendel schlage „inzwischen zu sehr ins Anti-Oberhausenerische“, fürchtet Christoph Hochhäusler *. Die Angst ist unbegründet. Das wird nie Schule machen.

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Bankraub in der Rue Latour (1961 Curd Jürgens), Klaus Kinski >

„Wir waren die heutige Jugend von gestern,“ sagt 1986, in einem Ruderboot auf dem Luganersee, O.W. Fischer zu Maria Schell.

Montag, 07.11.2016

LeRoy und Büld

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Mervyn LeRoy gilt in den dreißiger Jahren als Inbegriff modernen amerikanischen Kinos. Seine Filme sind schnell, effektiv, effizient und erfolgreich. Er sucht die wirksamste Kinoform und verlässt sie sofort, wenn er glaubt, dass die Formulierung trefflich geraten sei. Sein Stil besteht darin, die erprobten Wendungen der Hollywood-Filmsprache intensiv und straff zur eigenen Sprache und dabei das Wie des Erzählens im Was des Erzählens gleichsam unsichtbar zu machen.“
(Harry Tomicek: Before the Code, Viennale 1996)

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Aline MacMahon in Heat Lightning (1934 Mervyn LeRoy)

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Jane Simmons in Home before Dark (1958 Mervyn LeRoy)

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Virginia Field in Waterloo Bridge (1940 Mervyn LeRoy)

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Thirty Seconds Over Tokyo (1944 Mervyn LeRoy) via

Ich kannte I Am a Fugitive from a Chain Gang (1932) und Hard to Handle (1933). Dann sah ich Home before Dark (1958) und The Bad Seed (1956). Nach Random Harvest (1942) und Waterloo Bridge (1940) war er reif: der Zorn auf die Filmgeschichte. Immer läßt sie das Entscheidende weg, die dumme Filmhistorie. LeRoy gilt darin als alter Streitfall. Ob seine Filme nicht zuallererst Warner- oder MGM-Filme seien, wird skeptisch gefragt. Ob andererseits der von ihm produzierte Wizard of Oz nicht eher ein LeRoy- als ein Victor-Fleming-Film sei, wird zaghaft zurück gefragt. Unübersehbar ziehen zwar Antirassismus und weibliche Solidarität als Themen durch das Werk des Vielseitigen, dessen kontinuierlicher Erfolg aber wenig Entdecker und Verteidiger inspirierte. Nur einige wenige Schwärmer: „There is only one Mervyn LeRoy,” schreibt Mulrooney. Fest steht: Er hat einige der allerbesten Enden inszeniert, nach denen Menschen aus Kinosälen wieder auf die Straße treten mussten. Von Two Seconds (1932) bis Gypsy (1962)

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Vivian Leigh in Waterloo Bridge (1940)

„Mervyn LeRoys Madame Curie (1943) fällt mir noch ein. In einer fantastischen Szene kommt das Forscherpaar Marie (Greer Garson) und Pierre Curie (Walter Pidgeon) eines Nachts in den Schuppen zurück, in dem sie über Jahre schon versuchen, ein unbekanntes chemisches Element zu isolieren. Am Tage zuvor hat es einen weiteren Fehlschlag gegeben, am Boden einer Petrischale, in der die Substanz sich offenbaren sollte, ist nichts zu sehen. Dann, in der Dunkelheit, sehen Marie und Pierre von Weitem schon ein seltsames Schimmern im Hof. Sie öffnen die Tür, und vor ihnen steht die Schale, aus der heraus ein helles Licht den Raum und die Gesichter der beiden Liebenden erleuchtet, die sich mit dem ekstatischen Lächeln glücklicher Eltern in die Arme fallen. Es ist – ein Radium!“ (Volker Hummel)

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Mervyn LeRoy und Edward G. Robinson

Im Frankfurter Filmmuseum liegen die attraktiven Reihen und Retros gerade so dicht beisammen, dass sich zufällig oder zwangsläufig die schönsten Double Features ergeben. Am Mittwoch läuft Leroys Little Caesar und Lemkes Paul. Am Freitag folgen aufeinander Filme von Paul May und Dominik Graf. Am Samstag (12.11.) bildet sich sogar ein Quartett, ein vierblättriges Kleeblatt aus Raoul Walsh, Helmut Käutner, Klaus Lemke und Jack Arnold!

Nürnberg lockt unterdessen mit KARACHO, dem 2. Festival des Actionfilms. Ein Wochenendkongress im KommKino, liebevoll dem Kruden gewidmet, mit kundigen Einführungen von Cestnik, Huber, Krick, Vanisian, u.v.a. Mit Rarem, das einst alltäglich war: Charles Bronson (in einem besonders bösen Lee-Thompson-Film), Michelle Nichols (Uhura, als Gangsterchefin in Chikago Poker), Patty McCormack (LeRoys Bad Seed, in Die Cadillac-Bande von San Francisco) und und und.

Das Münchner Werkstattkino schafft es allerdings, sogar das zu überbieten. Denn dort läuft derweil eine Wolfgang Büld Retrospektive, und zusätzlich hat der übersehene Gigant des deutschen Trivialfilms in der Spätvorstellung Carte Blanche.

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Wolfgang Büld, der katholische Glam-Rock-Boy aus Lüdenscheid hatte schon als Filmstudent in München, mit den drei großen Lieben: Bahnhofskino, Musik und England, nicht die Hoffnung unterzukommen im Neuen Deutschen Film, „der so etabliert war, dass für Leute wie mich daneben nicht genug Luft zum Atmen war, und ich begehrte deshalb gegen die Diktatur des Neuen Deutschen Films und des guten Geschmacks auf, den er verkörpern sollte.“ So wurde Büld der erste Dokumentarist des Punk. Für ihn: „die logische Weiterentwicklung der Musik, die ich von Kindheit an gehört hatte.“

1977, als er Punk in London filmte, war er 24, also „nicht mehr so jung“, aber nur unbedeutend älter als die Leute vor der Kamera. Diese Perspektive bewahrte er sich irgendwie, nie schaut er altklug auf seine Helden, immer ist er teilnehmender Außenseiter wie sie. Brennende Langeweile (1978), die Rhein-Ruhr-Love-Story des Lemke-Meisterschülers galt als Fremdkörper im „Eliteprogramm“ des kleinen Fernsehspiels. „Die Ansage im Fernsehen war so eine halbe Entschuldigung, in der Form, dass dieser Film die Sprachlosigkeit der Nach-68er-Generation zeigt.“ * Brennende Langeweile ist die pure Poesie der Provinz: der lässig beiseite genuschelte Wunsch, weg zu wollen, unbedingt.

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Wolfgang Büld und Gaye Advert

Sein großer Erfolg Gib Gas – ich will Spaß (1983) ist der perfekte SGE-Kanon-Film. Stefan Ertl schrieb: „Der Klassiker unter den Teenager-Romanzen, ein Musical und ein Road-Movie, mit Nena und Markus. Kleine Taschenlampe brenn ist Markus’ Liebeserklärung an Nena: Wenn man zu zweit durchnässt in einer Hütte landet, entgeht man nicht mehr der großen Liebe.“
Die vom Filmclub 813 ermöglichte Anschauung erwies nun, dass sogar Manta Manta, der vornehm ignorierte Riesenerfolg von 1991, ein rundum filmisches Vehikel ist, das gekonnt bremst und anfährt, rauf und runter schaltet zwischen Demut und Größenwahn. Eine überraschend lehrreiche Lesung aus dem George-Lucas-Evangelium: American Graffiti im südlichen Ruhrgebiet.

„Ich habe kulturell zu Deutschland keine Beziehung“, sagt Büld. „Meine deutschen Platten passen in eine Tüte und die englischen sind ein halbes Zimmer.“ * Die andere Hälfte ist mit amerikanischen Romanen gefüllt. Seine Filme sind randvoll lebendig dank des Vertrauens in eigenwillige, eigensinnige Pin-up-Girls wie Gaye Advert und Nena und Beatrice Manowski. Im neuen Jahrtausend, seit er in London lebt, ist die Frau, die er filmt, Fiona Horsey. Die wildeste von allen.

Am Freitag um 20:00 Penetration Angst (2003) in Anwesenheit von Wolfgang Büld und Dominik Graf,
am Samstag um 20:00 die Kurzfilme: Nur die Sehnsucht bleibt (1976), Nur ein kleines bisschen Liebe (1977), Das Kloster (1975) in Anwesenheit von Wolfgang Büld,
am Sonntag um 20:00 Lovesick – Sick Love (2004),
am Montag um 20.15 Twisted Sisters (2006) und
am Dienstag (15.11.) um 20:00 Brennende Langeweile (1978).


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