Einträge von Rainer Knepperges

Donnerstag, 29.12.2016

Was ist Zeit?

„Zeit ist Geschwindigkeit dividiert durch Weg.“

Zu dem Zeitpunkt, als dieser Satz gesagt wird, nach einer halben Stunde im Johannes-Heesters-Film Professor Nachtfalter, da sind bereits alle besoffen. 17 singende Mädchen fuhren zuvor auf Motorrollern über die Dörfer und per Fähre über den Bodensee, während im Mädchenpensionat „Drachenburg“ das Problem der „Frühreife“ besprochen wurde. Und dann, als man glaubt, der Film käme im Revuefilmmodus irgendwie zur Ruhe, muss eine Tänzerin aus Versehen oben ohne tanzen. 1951, Zeiten!

Ich frage mich, ob der Motorroller-Anfang von Professor Nachtfalter (1951 Rolf Meyer) Vorbilder hat. Und ob die Tradition, auf einem Motorroller fahrend im Vorspann den Titelsong zu singen – wie Gus Backus in Holiday in St. Tropez (1964 Ernst Hofbauer) und Markus in Gib Gas, Ich will Spaß (1983 Wolfgang Büld) * – bis in unsere Zeit hinein fortgesetzt wird? Oder ist sie vorbei: unsere schnelllebige Zeit?

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Professor Nachtfalter (1951 Rolf Meyer), Helga Feddersen

„Wenn einer erst verheiratet ist, dann ist es aus mit ihm.“ sagt sie.

„Du sollst nicht geliebt sein wollen, wo du nicht liebst“, sagt Schleiermacher. Wo hab ich das Zitat gehört? War es in Professor Nachtfalter? Mir gefiel der Film sehr. Auch weil darin ein Lehrer und eine Unternehmerin, gebunden an zwei Welten – die Schule und den Amüsierbetrieb, getrennt durch Konventionen (und ein Gewässer), zueinander finden, indem die Frau den Mann hinüberholt in ihre Welt, ins Entertainment, wo er hingehört.

„Es war einmal ein Licht“, sagt der Mönch Ekkehard, als er gedrängt wird etwas zu erzählen. „Und es war einmal ein dunkler Nachtfalter, der flog um das Licht und wusste, dass er verbrennen müsse, wenn er hineinfliege, und flog doch hinein.“
„Ist das Eure ganze Geschichte?“
„Meine ganze Geschichte!“

Scheffels Ekkehard handelt von einer gestrengen Herzogin, die sich einen jugendschönen Lehrer aus dem Kloster entführt, auf ihren Klingsteinfelsen am Bodensee, um von ihm Latein zu lernen. „Es war vor beinahe tausend Jahren.“ So beginnt der Roman von 1855. Dass es dem Titelhelden nicht gelingt, spontan eine Geschichte zu erfinden, bedeutet Kränkung, Krise und Herausforderung. Das Drama der Kreativität – vor beinahe tausend Jahren.

„Manche der heißesten Liebeslieder sind einfach Schulaufgaben gewesen.“
(Arnold Hauser: Sozialgeschichte der mittelalterlichen Kunst, 1951)

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„Ja ja, ich weiß, das Benzinzeitalter ist angebrochen“, sagt die Postkutscherin in Mein Mädchen ist ein Postillon (1958 Rudolf Schündler). Und Alice und Ellen Kessler singen: „Man kann nicht immer brav sein, dazu sind wir zu modern, denn unser Hobby das ist die heiße Musik.“

„Schon das Auftreten der Kessler-Zwillinge bedeutet ein erotisches Moment subtiler Art: der abstrakte Charme ihrer Girl-Gestalten gewinnt durch die Verdoppelung beunruhigende Züge.“ (Enno Patalas über Die Tote von Beverly Hills, FK 5/1964)

In Paul Martins Hochzeitsnacht im Paradies (1962) betrinkt sich Peter Alexander an der Hotelrezeption mit immer größer werdenden Cognacgläsern (in einer siebenminütigen Einstellung) bis die Kesslerzwillinge das Foyer betreten. Anlass fürs Saufen, Grund seines Kummers ist Marika Rökk, seine Ex, die ihn terrorisiert. Peter Alexander war 13 Jahre jünger als Rökk, aber die beiden konnten miteinander toll Twist tanzen.

Lieben und Geliebtwerden. „Für dieses Zersprengtwerden und Verschwimmen ist die Zerlegung der Frau in zwei Frauen ein gutes Bild.“ (Harun Farocki: Vertauschte Frauen, FK Nr.282 1980)

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Liebe, Leidenschaft und Leid (1943 Jan Alfréd Holman)

Nie zu lieben! Das war das Versprechen, das die Tochter der sterbenden Mutter geben musste. Eine Fotografie und – da hinein doppelbelichtet – die lebendigen Augen der Toten, sie mahnen: Liebe bringt nur Leid.
Der Film hat in der Mitte einen großen Zeitsprung – von einer nächtlichen Straßenkreuzung im Kutschen- zum Benzinzeitalter. Ohne Schrifteinblendung, dazu ist er zu modern.

Drehbuch: Kurt Heuser. Der schrieb für Pabst, Sierck, Trenker, Dieterle, Ucicky, Paul May und Rabenalt (Alraune). Im Songtext zum Evergreen „So oder so ist das Leben“ (1934) reimte er „leiden“ auf „entscheiden“.

In dem Karnevalskrimimelodram Die Fastnachtsbeichte (1960 William Dieterle) nach einer Zuckmayer-Erzählung, adaptiert von Kurt Heuser, hat Grit Böttcher eine schöne Nebenrolle. Maskiert holt sie sich Küsse und Zärtlichkeiten, die einer anderen gelten. Diese Andere nennt die Liebe „tödlich, mörderisch“.

Ein Leben für Do (1954 Gustav Ucicky), nach Pilchowskis „Daddy und Do“, adaptiert von Kurt Heuser, erzählt Kindheit und Jugend des Mädchens Do, das ihren Daddy (Hans Söhnker) maßlos liebt, zu sehr. Die zwei Schauplätze, die beiden Hälften des Films sind: Afrika und die Alpen. Ein großer Zeitsprung trennt die Orte; Sehnsuchtsmusik verbindet sie. Seicht und konventionell, sagt man, waren die Filme, die Ucicky nach dem Krieg machte. Dann war es also in den 50ern eine seichte Konvention, das Inzest-Tabu in den Mittelpunkt eines Film zu rücken und mit einem Trick außer Kraft zu setzen.

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Martina (1949 Arthur Maria Rabenalt), Jeanette Schultze

„Wir müssen einmal damit aufhören die Zeit für alles verantwortlich zu machen,“ mahnt der Staatsanwalt und fordert Haft für die Angeklagte.

Die Prostituierte hat eine Schwester, die ist Psychoanalytikerin, und zwischen den Frauen ist ein moderner Mann, ein Schwede, der sagt: „Bei uns in Schweden ist alles natürlicher. Wir baden sogar nackt zusammen.“

Martina wird gespielt von Jeanette Schultze (1931 – 1972, auch in Professor Nachtfalter der Blickfang, das Biest, die Besondere). Rabenalts Film folgt der Titelheldin, die sich der Staatsgewalt entzieht und vor Schuldgefühlen flieht, durch dramaturgisches Dornengestrüpp in die Freiheit. Ein schönes Double-Feature ergäbe sich in der Kombination von Martina und Wolfgang Bülds Penetration Angst (2003).

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Martina (1949 Arthur Maria Rabenalt), Cornell Borchers

Auch Unvergängliches Licht (1951 Arthur Maria Rabenalt) erzählt von einer Ausreißerin (Cornell Borchers). Orgien mit schönen jungen Frauen für reiche alte Männer werden veranstaltet im mondänen Haus ihrer Mutter. Eine Rolle für Hilde Hildebrand, die zuvor schon Amüsierbetriebs-Chefin war in Käutners Große Freiheit Nr.7 und später in Dieterles Fassnachtsbeichte.

Werner Sudendorf schrieb kürzlich: „Wäre der deutsche Film ein Arbeitsamt, dann würden Frauen dort vor allem folgende Berufe finden: Chefsekretärin, Privatsekretärin, Sängerin oder Mannequin.“ Das Kino der 50er aber war kein Amt, und die Zuschauerinnen wussten, wovon so viele Filme erzählten: von Prostitution.
Und welche Berufe wurden dem männlichen Kinogänger offeriert? Seelsorger, Kriminalkommissar und Frauenarzt.

Arnold Hauser schreibt über die mittelalterliche höfische Kultur, „dass sie eine ausgesprochen weibliche Kultur ist; weiblich nicht nur insofern, dass die Frauen am geistigen Leben des Hofes teilhaben und die Richtung der dichterischen Produktion bestimmen, sondern auch dass die Männer selber in vieler Beziehung weiblich denken und fühlen.“

„Eleonore von Aquitanien, Marie von Champagne, Ermengarde von Narbonne und wie die Gönnerinnen der Dichter alle heißen, sind aber nicht nur große Damen, die ihre literarischen „Salons“ haben, nicht nur Kennerinnen, von denen die entscheidenden Anregungen ausgehen, sie selber sind es, die oft durch den Mund der Dichter sprechen.
Damit also, dass die Männer ihre ästhetische und sittliche Erziehnung den Frauen verdanken und dass die Frauen die Quelle, der Gegenstand und das Publikum der Dichtung sind, ist noch durchaus nicht alles gesagt; die Dichter wenden sich nicht nur an die Frauen, sie sehen auch die Welt mit den Augen der Frauen.“ (Arnold Hauser: Sozialgeschichte der mittelalterlichen Kunst, 1951)

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Hilde Krahl in Schatten der Nacht (1950 Eugen York)

An dieser Stelle ein Jahresrückblick: Ich mochte Ghostbusters (2016 Paul Feig), weil darin 4 Frauen loyal und lustig, und berufstätig erfolgreich sind – wie in den allerwenigsten Filmen unserer hoffnungslosen Epoche.
Toni Erdmann (2016 Maren Ade) mochte ich nicht, weil da – im lustigen Stalker-Vater, der sich sorgt, dass die kinderlose Geschäftsfrau-Tochter „kein Mensch“ (!) mehr sei – der Patriarchatstriumph des Donald Trump sich ankündigte.

Ich empfehle stattdessen Görümce – Die Schwägerin (2016 Kivanc Baruonu). Die Komikerin Gupse Özay spitzt den zivilisatorischen Entscheidungskampf dramatisch zu: Als ihr heißgeliebter Bruder sich von ihr lösen und heiraten will, schickt die eifersüchtige Antiheldin sich an, die Berufstätigkeit der Braut zu sabotieren, um mit deren Selbstbewusstsein auch die Basis möglichen Glücks zu zerstören. Indem diese türkische Komödie weibliche Berufstätigkeit zum Fundament aller Utopien macht, tut sie etwas derzeit Seltenes. Görümce ist Toni Erdmann für moderne Menschen, von rechts auf links gedreht.

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Schatten der Nacht (1950 Eugen York)

Dreifachüberblendungen können auch missglücken. Hier bilden die Gesichter von Hilde Krahl und Will Fritsch mit einer sich drehenden Spirale den Aussagesatz: Es geht dem Mann die Frau im Kopf herum.

Zu diesem Zeitpunkt, kurz vor Schluss, als der Film an dem Punkt angelangt ist, wo es zur Sache geht, nimmt die Prostituierte den Platz der toten Geliebten ein. Es erweist sich: Heilige und Hure sind die gleiche Frau. Käutner hat das Sujet in Frau nach Maß (1941) unübertrefflich ausgekostet, als vollendete Komödie. Eugen Yorks Melodram ist ungenießbar. Aber unverzichtbar fürs fortgeschrittene Studium von Petzolds Phoenix.

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Im Banne des Unheimlichen (1968 Alfred Vohrer)

Zu seinem Spielfilm Betrogen (1985) schrieb Harun Farocki im Rückblick (in „Rote Berta Geht Ohne Liebe Wandern“, 2009): „Erst beim Besetzen ging mir durch den Kopf, dass die Darstellerin, nach der ich suchte, für mich gar nicht als wirkliche Person vorstellbar war“. Ein in den 80ern von Farocki mehrfach verwendetes Bild war, „wie ein Maskenbildner das Gesicht eines Models schminkt. – Er verwandelt Fleisch in Marmor, er versteinert die Schönheit der Frau.“ Pygmalion rückwärts.

Man stelle sich vor: Ein Mann und eine Frau sind aneinander gefesselt; er ist ganz fixiert auf ihre Fähigkeit eine Tote darzustellen; sie ist ganz fixiert auf sein Unvermögen, ihr Lebendigsein zu erkennen. Christian Petzold verriet zur Premiere von Phoenix in Toronto, was er am zehnten oder elften Drehtag gedacht hatte: Was Johnny mit Nelly macht, das sei nicht so weit entfernt von seiner Arbeit als Regisseur. Seine Hauptdarstellerin widersprach ihm deutlich mit einer Grimasse.

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Was da in den Pupillen von Harald Leipnitz flackert, ist Heidelinde Weis – tanzend. Im weißen Hemd, das er ihr geliehen hat als Nachthemd für die Marihuana-Entziehungskur in seinem Schlafzimmer.

„Einerseits widersetzt sich die Liebe den Interessen der Kultur, anderseits bedroht die Kultur die Liebe mit empfindlichen Einschränkungen.“ (Freud: Das Unbehagen in der Kultur, 1930)

„Und das ist schön anzusehen für uns, die wir ins Kino gehen, weil wir das Laster lieben.“ (Hans Schifferle: German Psychotronic; Steadycam Nr.18 1991)

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Mädchen hinter Gittern (1965 Rudolf Zehetgruber)

Harald Leipnitz und Heidelinde Weis. Der Enthaltsame und die Süchtige fordern einander heraus. Zwischen ihnen ist die Welt kartografisch in zwei kreisrunde Hälften geteilt. Beide gehen in einander über.
Gäbe es das Zölibat nicht, Drehbuchautoren hätten es erfinden müssen.

„Der Erfolg der Kirche blieb in der Bekämpfung der geschlechtlichen Liebe immer weit hinter ihrem Ideal zurück; jetzt aber, wo die Grenzen der gesellschaftlichen Kategorien und mit ihnen die Kriterien der sittlichen Werte fließend werden, bricht die unterdrückte Sinnlichkeit mit doppelter Gewalt hervor und überflutet die Lebensformen nicht nur der höfischen Kreise, sondern zum Teil auch die des Klerus. Es gibt kaum noch eine Epoche der abendländischen Geschichte, in deren Literatur so viel von körperlicher Schönheit und Nacktheit, von An- und Ausziehen, von Baden und Waschen der Helden durch junge Mädchen und Frauen, von Brautnächten und Beischlaf, von Besuchen am Bettlager und Einladungen ins Bett die Rede wäre wie in der ritterlichen Dichtung des sittenstrengen Mittelalters.“ (Arnold Hauser: Sozialgeschichte der mittelalterlichen Kunst, 1951)

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Hinter Klostermauern (1952 Harald Reinl)

Frits van Dongen und Katharina Mayberg. Die Zwei sind in Reinls frühem Film ein asoziales Paar, sexy, aggressiv und ohne Zukunft. Sie nisten sich im sakralen Leerstand ein. Ein Hausbesetzer- und Spieler- und Nonnen-Film Noir.

Frits van Dongen alias Philip Dorn, geboren als Hein van der Niet (1901 – 1975), war der erste holländische Hollywoodstar. Er ähnelte ein wenig Ray Milland – vor dem Krieg, danach eher Robert Ryan. Seine Karriere war krankheitsbedingt viel zu kurz. Gäbe es doch mehr deutsche Filme mit ihm.

Ein Film wie Hinter Klostermauern hat, so ungewöhnlich er auch ist, mit vielen anderen Filmen der Zeit doch etwas gemeinsam. Das ist Margarete Hagen, die kauzige Alte – schon in Liebe, Leidenschaft und Leid (1943); eine süße Internatsdirektorin in Professor Nachtfalter (1951); helfend an der Seite von Marianne Koch in Die Landärztin (1958 Paul May). Und neben Cornell Borchers in Das ewige Spiel (1951 Franz Cap), in einem Film in Episoden, „die immer die gleichen Menschen in verschiedenen Jahrhunderten zeigen – gespenstische Wiedergeburten, das Schicksal ein gleichmäßig sich drehendes Mühlrad.“ (Kurowski: „Denn viele von uns sind verlorene Kinder“, 1989)

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Im Stahlnetz des Dr. Mabuse (1960 Harald Reinl), Ady Berber

“Anatomie des Teufels – Kriminelle Instinkte des Menschen” von Pfarrer Dr. Brietenstein. Der Buchschnitt ist verbrannt, ein Flammenwerfer traf die Besitzerin.
Reinls Film ist so unberechenbar brutal, dass nur noch die Gesichter so etwas wie Vertrautheit stiften. Vorrübergehend.

Ady Berber (1913 – 1966), SGE-Glamour-Boy, Freistilringer, Weltmeister, Nebendarsteller, spielte in Duviviers Marianne (1955) und in Wylers Ben Hur (1959). Jeder kennt ihn aus Vohrers Die Toten Augen von London (1960). Einen kleinen, wahnwitzigen Gastauftritt hatte er auch in Hofbauers Tausend Takte Übermut (1965).

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Bankraub in der Rue Latour (1961 Curd Jürgens)

„Als wirrer Drehbuchdichter“ spiele Klaus Kinskí ohne „Verwandlungsaufgaben“ in diesem Film lediglich „sich selbst“, schrieb ein Kritiker damals. Nie hat mir Kinski besser gefallen.

Zum Bau der mittelalterlichen Kathedralen sah Arnold Hauser „die einzige vollkommene Parallele“ im Arbeitskollektiv des Films. „Eine solche autonome berufständische Gruppenbildung wäre mit dem Geist der Antike unvereinbar gewesen.“ Erst das gotische Zeitalter bringt die dafür notwendige Mobilität der Künstler und Handwerker. „Von da an werden Anregungen von überallher aufgenommen und nach überallhin verbreitet.“ Gebaut wird rasch. Die Finanzierung aber dauert mitunter Jahrhunderte.

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Ein krimineller Plan, den angebliche Filmgeschäftsmänner schmieden, wird durchschaut von der Sekretärin (Ingeborg Schöner). Sie rät von der Banküberfallsmaskerade ab und überredet die Räuber stattdessen tatsächlich Filmemacher zu werden. Was ist der Einbruch in eine Bank gegen den Einstieg ins Filmgeschäft?

Curd Jürgens, den ich mag, seit ich seine Rolf-Olsen-Filme kenne, hat selten Regie geführt. Das ist schade, denn sein Bankraub in der Rue Latour besitzt eine wunderbare Ruhe. Ruhe, die wie ein unbekanntes Getränk zusammengemischt ist aus Euphorie und Resignation. Vorzeitige Anti-Oberhausener-Lässigkeit.
Das Pendel schlage „inzwischen zu sehr ins Anti-Oberhausenerische“, fürchtet Christoph Hochhäusler *. Die Angst ist unbegründet. Das wird nie Schule machen.

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Bankraub in der Rue Latour (1961 Curd Jürgens), Klaus Kinski >

„Wir waren die heutige Jugend von gestern,“ sagt 1986, in einem Ruderboot auf dem Luganersee, O.W. Fischer zu Maria Schell.

Montag, 07.11.2016

LeRoy und Büld

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Mervyn LeRoy gilt in den dreißiger Jahren als Inbegriff modernen amerikanischen Kinos. Seine Filme sind schnell, effektiv, effizient und erfolgreich. Er sucht die wirksamste Kinoform und verlässt sie sofort, wenn er glaubt, dass die Formulierung trefflich geraten sei. Sein Stil besteht darin, die erprobten Wendungen der Hollywood-Filmsprache intensiv und straff zur eigenen Sprache und dabei das Wie des Erzählens im Was des Erzählens gleichsam unsichtbar zu machen.“
(Harry Tomicek: Before the Code, Viennale 1996)

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Aline MacMahon in Heat Lightning (1934 Mervyn LeRoy)

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Jane Simmons in Home before Dark (1958 Mervyn LeRoy)

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Virginia Field in Waterloo Bridge (1940 Mervyn LeRoy)

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Thirty Seconds Over Tokyo (1944 Mervyn LeRoy) via

Ich kannte I Am a Fugitive from a Chain Gang (1932) und Hard to Handle (1933). Dann sah ich Home before Dark (1958) und The Bad Seed (1956). Nach Random Harvest (1942) und Waterloo Bridge (1940) war er reif: der Zorn auf die Filmgeschichte. Immer läßt sie das Entscheidende weg, die dumme Filmhistorie. LeRoy gilt darin als alter Streitfall. Ob seine Filme nicht zuallererst Warner- oder MGM-Filme seien, wird skeptisch gefragt. Ob andererseits der von ihm produzierte Wizard of Oz nicht eher ein LeRoy- als ein Victor-Fleming-Film sei, wird zaghaft zurück gefragt. Unübersehbar ziehen zwar Antirassismus und weibliche Solidarität als Themen durch das Werk des Vielseitigen, dessen kontinuierlicher Erfolg aber wenig Entdecker und Verteidiger inspirierte. Nur einige wenige Schwärmer: „There is only one Mervyn LeRoy,” schreibt Mulrooney. Fest steht: Er hat einige der allerbesten Enden inszeniert, nach denen Menschen aus Kinosälen wieder auf die Straße treten mussten. Von Two Seconds (1932) bis Gypsy (1962)

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Vivian Leigh in Waterloo Bridge (1940)

„Mervyn LeRoys Madame Curie (1943) fällt mir noch ein. In einer fantastischen Szene kommt das Forscherpaar Marie (Greer Garson) und Pierre Curie (Walter Pidgeon) eines Nachts in den Schuppen zurück, in dem sie über Jahre schon versuchen, ein unbekanntes chemisches Element zu isolieren. Am Tage zuvor hat es einen weiteren Fehlschlag gegeben, am Boden einer Petrischale, in der die Substanz sich offenbaren sollte, ist nichts zu sehen. Dann, in der Dunkelheit, sehen Marie und Pierre von Weitem schon ein seltsames Schimmern im Hof. Sie öffnen die Tür, und vor ihnen steht die Schale, aus der heraus ein helles Licht den Raum und die Gesichter der beiden Liebenden erleuchtet, die sich mit dem ekstatischen Lächeln glücklicher Eltern in die Arme fallen. Es ist – ein Radium!“ (Volker Hummel)

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Mervyn LeRoy und Edward G. Robinson

Im Frankfurter Filmmuseum liegen die attraktiven Reihen und Retros gerade so dicht beisammen, dass sich zufällig oder zwangsläufig die schönsten Double Features ergeben. Am Mittwoch läuft Leroys Little Caesar und Lemkes Paul. Am Freitag folgen aufeinander Filme von Paul May und Dominik Graf. Am Samstag (12.11.) bildet sich sogar ein Quartett, ein vierblättriges Kleeblatt aus Raoul Walsh, Helmut Käutner, Klaus Lemke und Jack Arnold!

Nürnberg lockt unterdessen mit KARACHO, dem 2. Festival des Actionfilms. Ein Wochenendkongress im KommKino, liebevoll dem Kruden gewidmet, mit kundigen Einführungen von Cestnik, Huber, Krick, Vanisian, u.v.a. Mit Rarem, das einst alltäglich war: Charles Bronson (in einem besonders bösen Lee-Thompson-Film), Michelle Nichols (Uhura, als Gangsterchefin in Chikago Poker), Patty McCormack (LeRoys Bad Seed, in Die Cadillac-Bande von San Francisco) und und und.

Das Münchner Werkstattkino schafft es allerdings, sogar das zu überbieten. Denn dort läuft derweil eine Wolfgang Büld Retrospektive, und zusätzlich hat der übersehene Gigant des deutschen Trivialfilms in der Spätvorstellung Carte Blanche.

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Wolfgang Büld, der katholische Glam-Rock-Boy aus Lüdenscheid hatte schon als Filmstudent in München, mit den drei großen Lieben: Bahnhofskino, Musik und England, nicht die Hoffnung unterzukommen im Neuen Deutschen Film, „der so etabliert war, dass für Leute wie mich daneben nicht genug Luft zum Atmen war, und ich begehrte deshalb gegen die Diktatur des Neuen Deutschen Films und des guten Geschmacks auf, den er verkörpern sollte.“ So wurde Büld der erste Dokumentarist des Punk. Für ihn: „die logische Weiterentwicklung der Musik, die ich von Kindheit an gehört hatte.“

1977, als er Punk in London filmte, war er 24, also „nicht mehr so jung“, aber nur unbedeutend älter als die Leute vor der Kamera. Diese Perspektive bewahrte er sich irgendwie, nie schaut er altklug auf seine Helden, immer ist er teilnehmender Außenseiter wie sie. Brennende Langeweile (1978), die Rhein-Ruhr-Love-Story des Lemke-Meisterschülers galt als Fremdkörper im „Eliteprogramm“ des kleinen Fernsehspiels. „Die Ansage im Fernsehen war so eine halbe Entschuldigung, in der Form, dass dieser Film die Sprachlosigkeit der Nach-68er-Generation zeigt.“ * Brennende Langeweile ist die pure Poesie der Provinz: der lässig beiseite genuschelte Wunsch, weg zu wollen, unbedingt.

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Wolfgang Büld und Gaye Advert

Sein großer Erfolg Gib Gas – ich will Spaß (1983) ist der perfekte SGE-Kanon-Film. Stefan Ertl schrieb: „Der Klassiker unter den Teenager-Romanzen, ein Musical und ein Road-Movie, mit Nena und Markus. Kleine Taschenlampe brenn ist Markus’ Liebeserklärung an Nena: Wenn man zu zweit durchnässt in einer Hütte landet, entgeht man nicht mehr der großen Liebe.“
Die vom Filmclub 813 ermöglichte Anschauung erwies nun, dass sogar Manta Manta, der vornehm ignorierte Riesenerfolg von 1991, ein rundum filmisches Vehikel ist, das gekonnt bremst und anfährt, rauf und runter schaltet zwischen Demut und Größenwahn. Eine überraschend lehrreiche Lesung aus dem George-Lucas-Evangelium: American Graffiti im südlichen Ruhrgebiet.

„Ich habe kulturell zu Deutschland keine Beziehung“, sagt Büld. „Meine deutschen Platten passen in eine Tüte und die englischen sind ein halbes Zimmer.“ * Die andere Hälfte ist mit amerikanischen Romanen gefüllt. Seine Filme sind randvoll lebendig dank des Vertrauens in eigenwillige, eigensinnige Pin-up-Girls wie Gaye Advert und Nena und Beatrice Manowski. Im neuen Jahrtausend, seit er in London lebt, ist die Frau, die er filmt, Fiona Horsey. Die wildeste von allen.

Am Freitag um 20:00 Penetration Angst (2003) in Anwesenheit von Wolfgang Büld und Dominik Graf,
am Samstag um 20:00 die Kurzfilme: Nur die Sehnsucht bleibt (1976), Nur ein kleines bisschen Liebe (1977), Das Kloster (1975) in Anwesenheit von Wolfgang Büld,
am Sonntag um 20:00 Lovesick – Sick Love (2004),
am Montag um 20.15 Twisted Sisters (2006) und
am Dienstag (15.11.) um 20:00 Brennende Langeweile (1978).

Mittwoch, 22.06.2016

Wer nimmt die Blicke ernst?

1931 - Wer nimmt die Liebe ernst... Erich Engel
Wer nimmt die Liebe ernst …? (1931 Erich Engel)

„Ordnungssysteme, die kollabieren: Das ist die Moderne für diesen wunderbaren, wunderbar unaufgeregten, wunderbar unaufgeregt asozialen Film“, den man sich heute um 20 Uhr im Filmclub 813 als 35mm-Kopie anschauen kann.

1937 Conrad Veidt - Dark Journey
Dark Journey (1937 Victor Saville)

1944 - Bees in Paradise - Val Guest
Bees in Paradise (1944 Val Guest)

1947 they made me a fugitive - cavalcanti
They Made Me A Fugitive (1947 Alberto Cavalcanti)

1948 - Wake Of The Red Witch - Edward Ludwig
Wake Of The Red Witch (1948 Edward Ludwig)

Alle haben es getan: Lewis Allen, Ingmar Bergman, Zbynek Brynych, Alberto Cavalcanti, Benjamin Christensen, Cecil B. DeMille, Gordon Douglas, Julien Duvivier, Jean Epstein, Norman Foster, Freddie Francis, Alfred Hitchcock, J. Lee Thompson, Mervyn Leroy, Leo McCarey …

1948 - Impasse des Deux Anges. Maurice Tourneur

In Impasse des Deux Anges (1948 Maurice Tourneur) stehen zwei Menschen nach Jahren des Getrenntseins überraschend vor einander. Das Erstaunen der Frau wird akzentuiert durch eine Großaufnahme. Sie weiß nichts anderes zu sagen als seinen Namen: „Jean!“.

1948 - Impasse des Deux Anges - Maurice Tourneur

Aus reglosem Gesicht schauen seine Augen, im Unterschied zu ihren Augen, direkt in die Kamera.
Was nach allgemeiner Auffassung als Regelbruch gilt, tatsächlich aber zu allen Zeiten gebräuchlich war und nur in seltenen Fällen illusionszerstörend ist, wirkt auf höchst intensive, vielfach verschiedene und bislang ungeklärte Art und Weise.
Der Blick von Paul Meurisse findet schon im nächsten Gegenschuss durch eine sanfte Neuausrichtung zurück in die Blickachse zu Simone Signoret, hinein in die Vertrautheit. Danach wird beider Dialog über die Schultern hinweg gefilmt, bis sich beide in einer Seitenansicht im Profil den Bildraum teilen.
In einem Straßencafé sitzen sie dann später nebeneinander und es ist die Frau, die mit Worten vorsichtige Schritte unternimmt, in eine gemeinsame, geisterhafte Erinnerung einzutreten. Aber bevor die Rückblende einsetzt, huscht Signorets Blick für einen Moment in die Leere, hinein in die Kamera.
Ins Nichts, das, wie wir ja im Stillen wissen, nirgendwo verlässlicher zu finden ist als bei uns Zuschauern.

1948 - Impasse des Deux Anges . Maurice Tourneur
Impasse des Deux Anges (1948 Maurice Tourneur)

1956 - the wrong man
The Wrong Man (1956 Alfred Hitchcock)

1965 the naked prey - cornel wilde
The Naked Prey (1965 Cornel Wilde)

1965 - the skull - freddie francis
The Skull (1965 Freddie Francis)

1965-dr. terror's house of horrors - freddie francis
Dr. Terror’s House of Horrors (1965 Freddie Francis)

1968 the detective - gordon douglas
The Detective (1968 Gordon Douglas)

1968 - Im Banne des Unheimlichen - Alfred Vohrer
Im Banne des Unheimlichen (1968 Alfred Vohrer)

1972 - Blutiger Freitag - Rolf Olsen
Blutiger Freitag (1972 Rolf Olsen)

1981 - Die Todesgöttin des Liebescamps - Anders
Die Todesgöttin des Liebescamps (1981 Christian Anders)

und so weiter und so weiter

Donnerstag, 16.06.2016

Karten, Pläne (VII)

1915 - Alias Jimmy Valentine - Maurice Tourneur
Alias Jimmy Valentine (1915 Maurice Tourneur)

Der Plan zu einem Bankraub, den der Räuber nicht ausführen wird. Ein falscher Name schenkt ihm Gelegenheit zur Läuterung. Nicht im erprobten Talent, sondern im Abweichen vom dem, was bislang Gewohnheit war, liegt seine Zukunft.

1921 - Forbidden Fruit - Cecil B. DeMille 1

Forbidden Fruit (1921 Cecil B. DeMille)

Aus dem kartografischen Wandschmuck des Ölmillionärs ragen kleine Bohrturmmodelle heraus. So eine Idee ist nichts Ungewöhnliches bei Cecil B. DeMille, der die Menschheit mit der Badewanne und mit dem modernen Kino bekannt machte.

Modern. Was ist das? Es gibt da mindestens zwei Auffassungen. Eine sagt: Was wirklich modern ist, bleibt modern. Andererseits muss das, was modern ist, notwendigerweise ummodern werden, damit etwas neues modern sein kann.

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Hier wird der Plan für einen Einbruch fixiert. Das, was zu wissen nötig ist, passt auf eine Manschette. Alles Wissenswerte tragen die Leute in DeMilles Filmen am Leib.

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Zu den Partys in DeMilles Strandhaus brachten die weiblichen Gäste ihre Abendgarderobe fürs ganze Wochenende mit; Männer waren gebeten ihre eigenen Hosen mit einem im Gästeschlafzimmerschrank bereitgestellten Hemd zu kombinieren. Es gab zur Auswahl drei russische Hemden – rot, weiß oder schwarz – und dazu als Schmuck eine goldene oder eine silberne Kette.

1937 - Souls at Sea - Henry Hathaway
Souls at Sea (1936 Henry Hathaway)

Nackt. Das ist die ideale Art zu reisen, zumindest war sie das in einem nie realisierten Filmprojekt von Henry Hathaway: A Passage to India. Die Dokumentation einer Pilgerreise. Hathaway erzählte Polly Platt, was die Pilger machen: „they start out from Kashmir and go on foot out of India up into the Himalayas to a big cave. The last fourty miles, they take off their clothes and they go naked through the ice and the snow to a cave where there’s a phallic symbol hanging down.“

1939 - The Arsenal Stadium Mystery - Thorold Dickinson
The Arsenal Stadium Mystery (1939 Thorold Dickinson)

Wie war die Situation auf dem Spielfeld, als der Tod eintrat?

Prügeleien in Fußballstadien werden schon seit einiger Zeit nicht mehr gesendet. Auch Flitzer sollen nicht den Weg ins Gedächtnis der Zuschauer finden. Vor ein paar Tagen nannten die deutschen Sendeanstalten diese (von der Uefa vertretene) Strategie: Zensur! „Die Realität“ solle nicht sichtbar werden! (Wo doch diesmal klar zu sehen wäre, von wem die Gewalt ausgeht! Nicht von Deutschen!)

Wo mit Bedacht zwischen zwei Gütern entschieden werden muss, melden immer häufiger nicht nur die Rechten, ihr „Wir“ sei von Fremdherrschaft bedroht. „Ich meine, wir dürfen uns nicht vorschreiben lassen, was bei UNS im Land Satire ist, durch einen AUSLÄNDER, wo immer er herkommt.“ Das sagte Renate Künast im Bundestag am 12.5.2016.

„Deutsch ist zwar unmusikalisch, aber ohne Zweifel die ausdrucksvollste aller Sprachen“, bemerkte Sherlock Holmes anlässlich einer Sturzflut deutscher Schimpfworte aus dem Mund eines überführten Spions zu Beginn des ersten Weltkriegs. *

Die Wahnsinnsidee vom Kulturvolk in Notwehr, sie wurde 1914 fixiert im Manifest der 93. Es lohnt sich das zu lesen.

1943 - Forever And A Day - Edmund Goulding b
Forever And A Day (1943 Edmund Goulding, Robert Stevenson, u.a.)

Nigel Bruce, der unsterbliche Darsteller des Dr. Watson, war im ersten Weltkrieg von elf Kugeln ins linke Bein getroffen worden. In Forever And A Day lauscht er schlechten Meldungen, die ihn zwingen, mit einem Fähnchen auf einer Karte, den Frontverlauf bei Lille zu korrigieren.

Gedreht mitten im Krieg, um die Moral zu stärken; aber der Film verlässt das Haus nicht. Die Tradition ist sein Bewegungsraum. Schwer melancholisch.

Horace and Pete

Es ist Mitte Juni, so soll auch dieses Jahr schon beinah halb vorbei sein. Meine Top-Ten 2016 sähe bislang so aus (alphabetisch): Alice Through the Looking Glass (James Bobin), Die Geschichte des Grafen Porno zu Gailsberg (Sadi Kantürk), Horace & Pete (Louis C.K.), Louie – Season 5 (Louis C.K.), Ovation! (Henry Jaglom), Pawn Sacrifice (Edward Zwick), Spotlight (Thomas McCarthy), Un + Une (Claude Lelouch), Unterwäschelügen (Klaus Lemke), Verfluchte Liebe – deutscher Film (Sievert & Graf).

1947  Cheyenne - Raoul Walsh
Cheyenne (1947 Raoul Walsh)

Jeder kleine Kreis markiert einen Überfall. Der fleißige Räuber hinterlässt Gedichte.
„I’m happy the frontier is settling down / With a thriving bank in every town / Let the riders and nesters deposit their pay / So I and my gun can take it away. / The Poet“

Dazu 5 Entdeckungen im ersten Halbjahr 2016 (in Kinos in Köln, München, Nürnberg, Tel Aviv): A Day in the Life of Bonnie Consolo (1975 Barry Spinello), Brennende Langeweile (1978 Wolfgang Büld), La lunga notte del ’43 (1960 Florestano Vancini), Der Pfarrer von St.Pauli (1970 Rolf Olsen), Die Spanische Fliege (1955 Carl Boese).

1949 - The Doolins of Oklahoma - Gordon Douglas

Von seiner Frau (Virginia Huston) wird der Outlaw (Randolph Sott) gefragt, ob es denn nicht irgendwo einen Zufluchtsort gäbe, wo sie gemeinsam leben könnten. Zwischen Texas und Kansas sei dieser Streifen Land, sagt er und zieht einen Fetzen Landkarte aus der Hemdtasche.

1949 - The Doolins of Oklahoma - Gordon Douglas b
The Doolins of Oklahoma (1949 Gordon Douglas)

Er: „No Man’s Land they call it. They have no laws there. This is a strip 35 miles wide and 10 miles long. A man could change his name and nobody would care who he was and what he had been.“
Sie: „Well then let’s go, now, and together.“

„Ein Film mit einem langen Atem und ohne Langeweile.“ (Joe Hembus: Westernlexikon)

1951 - Anne of the Indies - Jacques Tourneur
Anne of the Indies (1951 Jacques Tourneur)

„Kommt, ihr Unglücklichen, in denen noch verborgene Vorzüge stecken – kommt und empfangt die sicheren tugendhaften Kräfte von Fluss, Wald und Feld! Zwei Monate (Juli und August 1877) habe ich sie eingesogen, und sie beginnen, einen neuen Menschen aus mir zu machen. Jeden Tag Zurückgezogenheit – jeden Tag mindestens zwei, drei Stunden Frieden, Baden, keine Gespräche, keine Bindungen, keine Kleidung, keine Bücher, keine Manieren.“
Walt Whitman nennt in seinem Tagebuch das Nacktherumlaufen „mein adamisches Luftbad“.

Marianne de ma jeunesse .1955 Julien Duvivier
Marianne de ma jeunesse (1955 Julien Duvivier)

„Der Nudismus ist das Geheimnis einer guten Gesundheit“, sagt Michel Simon in La fin du jour (1939 Julien Duvivier)

A Shot in the Dark 5
Elke Sommer und Peter Sellers in…

A Shot in the Dark 9
A Shot in the Dark (1964 Blake Edwards)

Ein Wandschirm, mit dem Stadtplan von Paris bedruckt. Davor eine als Uhr getarnte Zeitbombe.
Drumherum ein als Bilderstrecke getarnter Text über das Preisgegebensein und das Moderne.

Als ich vor drei Jahren anfing, mich für Karten und Pläne in Filmen zu interessieren, war nicht abzusehen, dass es mir gelingen würde – in Kapitel II – entlang vieler Bilder ein bedeutsames Thema (den Vater-Sohn-Konflikt) zu behandeln. Eine feine Sache, die mir dann in den Kapiteln III, IV, V und VI glatt misslang.

His last bow 1917

Es gibt die schöne Stelle in Journey to the Center of the Earth (1959 Henry Levin), wenn sich die Expedition dem Erdmittelpunkt nähert und es wärmer und wärmer wird und auch Arlene Dahl immer mehr Kleidungsstücke ablegt.

„Modern zu sein, war nämlich immer schon modern,“ sagt Liselotte Pulver in Charly Steinbergers Monika und die Sechzehnjährigen (1974), mit einem zufriedenen Lächeln.

Was aber ist das nun genau? Modern zu sein. Und was wäre das Gegenteil?
Einem Mann stirbt der Hund. Seine Tochter ist eine kaltherzige Karrierefrau. Der liebenswerte Spaßvogel trifft den Entschluss, seine Tochter zu erden. Nackt, so steht sie zu guter Letzt ihrem fellbedeckten Vater gegenüber. Aus kapitalistischer Prostitution im tristen Ausland holt er sie heim ins grüne Vaterland. Der Film, der in Cannes keine Palme bekam, ist zwar besser – aber auch 160 Minuten länger als sein Trailer.

The Globe, Swanage
The Globe (1887), Swanage, Dorset, Postkarte

Die am ehesten naturnahe menschliche Gesellungsform ist, laut Sir Galahad, nicht die Familie, sondern die Frauensippe, in deren Schutz neues Leben und Reichtümer gedeihen, während Männer „ihrer Naturfunktion nach flüchtig und ewig wechselnd“ vorbeiziehen. „Mit dem ‚Vaterschaftswahn’ aber beginnt jegliche Unnatur, mag ihm auch sonst noch so Großartiges entstammen.“
(Sir Galahad alias Bertha Diener: Mütter und Amazonen, 1932)

Plötzliche Erkenntnis durch Billianfilme: ‚Männer’ gibt es gar nicht wirklich. Es liegt nur an ihrer langweiligen Verkleidung; ein Teil von uns spielt lebenslang diese tristen, sachlichen, unfreundlichen Hosenrollen. Von Natur aus sind aber alle mehr so Frauen wie bei Billian. Ich muss mir angewöhnen, das so zu sehen. Es ist lustiger und lässt die Welt gleich viel vertrauter wirken.“
(Silvia Szymanski: Filmtagebuch einer 13-Jährigen #16: 15. Hofbauerkongress)

The Italian Job (1969)
Michael Caine in The Italian Job (1969 Peter Collinson) via

Michael Caine on Acting in Film (1987): “We hang on to each others eyes. That’s the most important thing in film: eyes.” Filmschauspielern mit blonden Wimpern empfiehlt er nachdrücklich: Mascara.

2013 Water Music
Water Music (2014 Collective One Take) – Eine Alpendurchquerung mittels Sizilien-Landkarte

„Der Ritter De la Tour Landry erzählt in der Belehrung für seine Töchter von einem sonderbaren Orden minnender Adliger und Frauen, der in seiner Jugend in Poitou und anderswo bestanden habe, Sie nannten sich ‘Galois et Galoises’ und hielten ‘une ordonnance moult sauvaige’ (‘eine gar strenge Ordensregel’), deren vornehmlichste Bestimmung war, dass sie sich im Sommer warm in Pelze und gefütterte Hauben kleiden mussten und Feuer im Kamin brannten, während sie im Winter nichts als einen Rock ohne Pelz tragen durften, keine Mäntel oder anderen Schutz, keinen Hut, keine Handschuhe oder Muff, wie es auch fror. (…) Man kann in dieser wunderlichen Verirrung – so sonderbar, dass der Schreiber sie schwerlich ausgedacht haben kann – kaum etwas anderes sehen als eine asketische Steigerung des Liebesreizes. (…) ‘Und ich fürchte sehr, dass jene Galois et Galoisinnen, die in diesem Aufzug und bei diesen Liebesspielen starben , Märtyrer der Liebe wurden’“
(Johan Huizinga: „Herbst des Mittelalters“, 1919)

Bedwyr Williams Polar Bear Island Coastline 2014

Bedwyr Williams: „This Polar Bear in Scott Polar Research Institute has been deep cleaned. The blue edging looks like a coastline as if it were an island. It would be a boring island apart from the head region and the nether regions.“

Dienstag, 31.05.2016

Nie zu bezahlen

Ernst Hodel Basel Bahnhof

Als ich staunend vor Ernst Hodels Wandgemälde (5 x 15 Meter!) im Bahnhof von Basel stand, musste ich natürlich an Henry Hathaways GARDEN OF EVIL denken.

Garden of Evil 1954

garden of evil

Das 6. Bildrausch Filmfest Basel bot am Wochenende Gelegenheit zurückzuschauen auf die Anfänge der Neuen Münchner Gruppe. Im Kraftfeld von Lemke & Enke & Zihlmann entstanden damals ein paar der schönsten Filme der 60er Jahre: MANNÖVER von May Spils, SABINE 18 von Marran Gosov, MÄDCHEN MÄDCHEN von Roger Fritz und ANATHAHAN ANATHAHAN von Martin Müller.
Vor einiger Zeit druckte SigiGötz-Entertainment einen längeren Text von mir mit der Überschrift:

MÜNCHEN MÄRZ 1969
von Rainer Knepperges

Der fremde Name einer Insel, eines Sternberg-Films oder Vulkans, ANATAHAN, thront als grafisch gestaltetes Firmenlogo über dem kleinen Wort „präsentiert“, worauf in zwei Zeilen die Leinwand füllend der Filmtitel folgt: ANATAHAN ANATAHAN, und in fast ebenso fetten, weißen Großbuchstaben, einzeilig: ANSGARD KULIK, ein unbekannter Name, dem die 16mm-Filmprojektion ein wenig von der Unruhe eines ersten Auftritts mit auf den Weg zur Leinwand gibt. Dann: SONJA LINDORF; und für den Bruchteil einer Sekunde erinnert sich die Filmkopie an dieser Stelle irgendwann mal durchgeschmort zu sein, und flackert auf. SIGI GRAUE, ROSI PRIESS, jeder Name zwei Sekunden lang zu lesen, WERNER ENKE, EBERHARD MAIER, ohne ein Geräusch, ohne Musik, KINKS, CHRISTI CULEMANN, nichts als römische Lettern und Licht und arabische Ziffern: ECLAIR ARRI 16

ANATAHAN_Anatahan

Sich diesem raren Film über die Beschreibung des Vorspanns zu nähern, hat zu tun mit einer weit verbreiteten, aber im Kino selten dargestellten Neigung, der hier rückhaltlos gefrönt wird: der Lust am Auflisten. Da sind die vielen Klassiker, aus denen eine Theatergruppe die besten Stellen reißt, um ein Stück daraus zu basteln. Da ist der Jungfilmer, der seine Pantheon Directors wie die Bundesligatabelle vom handgemalten Poster abliest. Da gibt es die Frage: „Welchen Tee möchtest du denn? Grünen? Schwarzen? Roten? Jasmin? Fenchel? Pfefferminz? Rauch? Malven? Chinesischen? Earl Grey? Hagebutten? Lindenblüten? Orange Peakou? Teefix?“ und die höfliche Antwort: „Vielleicht Malventee.“
Nachdem aber über Geldmangel, Kabelhilfe und das neue Micki-Maus-Heft geredet wurde, in dem es auf Goldsuche durch die Erde hindurch geht, ist Schluß mit dem Addieren – sind drei schon einer zu viel – und Zwei, frisch aus der Badewanne, in weiße Handtücher gehüllt, liegen auf der dunkelroten (wenn man’s weiß, denn der Film ist schwarzweiß), vom Zaren Nikolaus stammenden Samtdecke einander in den Armen, zur Musik von MARIANNE FAITHFULL.

ANATAHAN ANATAHAN

Deshalb zurück zum Vorspann. Denn da setzt nach einer halben Minute Stille plötzlich die Musik ein, beim Namen KLAUS LEMKE. Er spielt einen amerikanischen Regisseur auf Besuch in München, eigentlich ein Deutscher, der sich aber Montgomery Hathaway nennt. RENATE ZIMMERMANN, BERND FIEDLER, THEM, deren gewaltiges Gloria im Film regelrecht einprügelt auf den, zwischen weißen Lautsprechern, bäuchlings auf dem Teppich das Plattencover betrachtenden Veith von Fürstenberg. Die Reihenfolge der Nennungen im Vorspann ist also vielleicht weniger zufällig, als ich dachte, denn gleich nach THEM kommt eben VEITH FÜRCHTEGOTT VON FÜRSTENBERG, der später dann über das Zusammenkommen und Auseinandergehen von Van Morrisons Band monologisiert, während Sonja Lindorf mit undurchschaubarem Schmunzeln geschehen lässt, dass er sie unterdessen sehr vornehm befummelt. NAGRA KUDELSKI, ein guter Name für ein Tonbandgerät. BERND SCHWAMM, STEPPENWOLF, CHRIS KARRER, AMON DÜÜL II, ALEXANDER ENGELBRECHT, und jetzt zur Musik der Gesang: Throw my ticket out the window. AXEL SCHEUERECKER, CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL, GUNTRAM WARNECKE, Throw my suitcase out there, too. EDDIE COCHRAN, WOLFGANG LIMMER, CRASH. Throw my troubles out the door. BOB DYLAN. I don’t need them anymore. CHRIS WILHELM, HEINER OBERMAIER, ‚cause Tonight I’ll Be Staying Here With You.

ANATAHAN ANATAHAN Fürstenberg Them Eiskonfekt

Der Regisseur MARTIN MÜLLER, Jüngster in der Münchner Gruppe, ging, als die Filmerei in Schwabing richtig losging, noch zur Schule, war Hauptdarsteller in Marran Gosovs schönstem Kurzfilm SABINE 18, hat ein paar kurze und ein paar lange Filme gemacht. Soweit ich sie kenne, ist kein schlechter dabei. Ein besonders schöner entstand noch vor wenigen Sommern mit Peter Przygodda. Viele gute Jahre war Müller Regie-Assistent bei Lemke. Tonmann war er bei Wenders und Krebitz und Karmakar. Er lacht gerne und spricht leise. Musik hört er laut.

Die Buchstaben im Vorspann sind von Hand gesetzt. Noch bis in die 90er gab es das selbstklebende „Letra-Set“. Ich habe den Umgang damit nie vermisst, aber jetzt sehe ich den Reiz der kleinen Abweichungen bei den Buchstabenabständen. ILFORD V. Im Münchner Werkstattkino widmeten Dolly & Bernd mal ein Programm ganz dem 16mm-Format – dem ewigen Teenager unter den Filmmaterialen – das vom Leben am meisten einsteckt. Sweet Little 16mm. Manches verschwindet, manches bleibt. ROLLING STONES. Zu deren Cry to me der nachfolgend genannte CHRISTIAN FRIEDEL durch eine dunkle Münchner Diskothek hindurch langsame, große Schritte macht, dabei eine Zigarette dreht, die er unangezündet dem DJ rüber reicht, um sich sodann von einer Frau im langen, engen, schwarzen Kleid auffordern zu lassen, die leere Tanzfläche zu erobern. Wo sich beide im Takt von Creedence Clearwater Revivals Proud Mary, ganz auf die korrespondierenden Bewegung ihrer Hüften konzentriert, immer mal wieder in die Augen sehen. Gefilmt ist das in der Totalen, mit Tanzboden und Saaldecke, also richtig, wie alles in diesem Film.

Lemke hört Elvis - Siebdruck 2012

Nachdem Klaus Lemke einen grandiosen Super-8-Film gesehen hat, in dem Werner Enke zum energischen Sound der Kinks – erst im Alleingang, dann zusammen mit Eberhard Maier – die Münchner Bürgersteige unsicher, also aus München Paris gemacht hat, sitzt Lemke ganz versunken da und hört über Kopfhörer Are You Lonesome Tonight. ELVIS.

ANATAHAN ANATAHAN 1

MÜNCHEN MÄRZ 1969. Mit diesem Schriftzug endet der Vorspann. Und während das letzte Lied auf der brandneuen LP Nashville Skyline weiter erklingt, beginnt der Film mit einem großen Bett, das einer buntgemischten Clique von Männern und Frauen als Couch dient. Es sind insgesamt elf Leute, die wie zum Gruppenbild dicht arrangiert – gewiss von keinem drängelnden Fotografen, allenfalls von einem flämischen Meister, am ehesten vom süßen Schicksal, von der Schwerkraft ihrer Leiber dirigiert wurden – wie Zueinandergefundene. I should have left this town this morning. But it was more than I could do. Ich liebe Gruppenbilder, weil sie im Vorbewusstsein entstehen, gemeinsam einen unwiederbringlichen Augenblick aus dem Fluss der Zeit aufs trockene Ufer des Papiers ziehen zu können. Stolz und Traurigkeit mischen sich zu todgeweihter Albernheit. Böse Kräfte, die jede Gemeinschaft auseinander driften lassen, werden für einen kurzen Moment nicht ignoriert, sondern diesen Mächten wird getrotzt. Oh, your love comes on so strong. And I’ve waited all day long. For tonight when I’ll be staying here with you. Sie ist da, die lange erwartete Zeit, die vergeht. Is it really any wonder. The love that a stranger might receive. Dass die Liebe kein Verdienst ist, nichts Errungenes, sondern Geschenk, nur Leihgabe, das ist Fluch und Segen. You cast your spell and I went under. I find it so difficult to leave.

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Eine langsame Tonblende von der Musik zum O-Ton macht es jetzt möglich Fürstenberg zu lauschen, der inmitten derer, die andächtig aufs Bett drapiert sind, aus einem Dialog zwischen zwei Groupies vorliest: „Backstage with the Stones!“
Später hat der Film dann die wunderbare Ruhe, ein blondes Mädchen, das eine ganz sanfte Stimme hat und Christi Culemann heißt, in schüchternen Worten ganz ausführlich davon erzählen zu lassen, dass sie in London Mick Jagger auf der Straße sah, ihn ansprach, ein Autogramm von ihm bekam, dabei vergnügt bemerkte, wie dreckig er war, was ihr am allerbesten gefiel an ihm, wie speckig seine Haare waren, und dass er ihr noch nachher manchmal Postkarten schrieb. Vom anderen Ende der Welt. Aber leider nie aus Europa.

Im Düsseldorfer Filmmuseum, wo Florian Deterding im Juni 2012 ein schönes Programm mit Filmen von Lemke und der Münchner Gruppe zeigte, war Bernd Fiedler zu Gast. Der Kameramann von ANATAHAN ANATAHAN (und ROTE SONNE und ROCKER und …) erzählte, dass er die Arri einfach nicht ausgemacht hat, als Christi Culemann mit ihrer Erzählung am Ende nicht weiter wusste. Zum Glück, denn so fing er die Augen des Mädchens ein, die direkt in die Kamera schauen, dann beiseite und wieder direkt in die Kamera. Drei unbeschreibliche Blicke. Man kann sie zwar zählen, drei Stück, als wären es Sternschnuppen am klaren Nachthimmel oder Tiger im Gehege, doch ihr Effekt bleibt unfasslich. Denn die Wirkung dieser Blicke hat Martin Müller noch verstärkt mit ein paar leisen Takten Back Street Girl von den Stones. Die tiefste Rührung repetierbar zu machen, das Heiligste der Seele zu konservieren, das wurde in dem Dutzend Jahrzehnte, seit es Platten und Filme gibt, laut Schätzungen 12.000.000.000 mal versucht – und hier vollbracht.

(1971 sendete Hessen III eine stark gekürzte Fassung des Films unter dem Titel „Anatahan’s Rock Show“. Das halbstündige DJ-Portrait CRASH THEO von Karin Thome und Bernd Fiedler, erwies sich in Düsseldorf als tolle Ergänzung zu den 57 Minuten von ANATAHAN ANATAHAN. Anderen Städten und Gemeinden, Fernsehsendern oder Pfarreien sei das Nachspiel wärmstens empfohlen.)

Garden of Evil - Hathaway
Garden of Evil (1954 Henry Hathaway)

Auf meiner Liste paradiesischer Orte hat Basel, wo ich Müllers Film am Sonntag wiedersehen konnte, (dank des Bildrausch Filmfests) nun einen Platz im Alphabet und auf dem Globus zwischen Aachen (wegen Bruno Sukrow) und Bologna (Il Cinema Ritrovato). Und noch ein Tipp: Der Filmclub 813 zeigt deutsche Lustspiele 1930–1932, die zum Frühjahresanfang im Zeughauskino für Furore sorgten.

Freitag, 08.01.2016

6 Richtige – in 35mm

„Es herrscht eine bedenkliche Atmosphäre, die, ohne nackte Unmoral ins Bild zu bringen, jedes moralische Gefühl erweicht und unterhöhlt. An solchen Filmen sollte man nicht achselzuckend vorübergehen, man muss ihre Gesinnung schärfstens anprangern.“ Mit diesem Zitat aus dem Filmdienst macht das Hofbauerkommando neugierig auf: Die Spanische Fliege (1955 Carl Boese). Der Film läuft heute auf dem 15. außerordentlichen Filmkongress im Nürnberger KommKino um 15:00.

Möglich, dass die Berlinale in ihrer 1966-Retro achselzuckend vorübergehen wird an solchen Filmen, deren bedenkliche Atmosphäre seit einigen Jahren schon Neugierige nach Nürnberg lockt. Um so bemerkenswerter, dass das Berliner Zeughauskino heute um 21:00 etwas Interessantes annonciert:

Das gelbe Haus
Das gelbe Haus am Pinnasberg (1970 Alfred Vohrer).

Die Kapitänswitwe Bengta Bischoff lieferte die Literaturvorlage. „In ihrer Sozialwohnung nahe der Herbertstraße. wo die Mädchen sitzen und die Zuhälter walten, erdachte die Rentnerin umflattert von zwei Wellensittichen, eine Geschichte, wie sie noch keinem professionellen Pornographen in den Sinn gekommen ist.“ Das gelbe Haus am Pinnasberg oder Die 36 Eros-Brüder von St. Pauli. Dem Spiegel war die Angelegenheit schon deshalb suspekt, weil der Konkret-Verlag involviert war.

Sonntag 10.1. – am vierten Tag des Hofbauerkongresses läuft Die Perle der Karibik (1981 Manfred Stelzer), die wunderschöne Monarch-Fortsetzung, mit Diethard Wendtland und Alisa Saltzman.
„Der Regisseur selbst bezeichnete dieses Kleinod als ‚traurige Komödie’. Vielleicht im Sinne von Oscar Wilde. Für ihn war das Leben eine Komödie für jene, die denken, aber eine Tragödie für jene, die fühlen.“ (KommKino, Nürnberg, 17:15)

Montag 11.1. – Um 19:00 zeigt das Hamburger Metropolis Re-education-Filme, darunter auch: Frischer Wind in alten Gassen (1951 Fritz Peter Buch). Ein Bürgermeister (Wolfgang Preiss) überlässt Schülern und Schülerinnen für einige Tage die Stadtverwaltung. Als Mittel im Kampf gegen den Untertanengeist. Reenactment tatsächlicher Ereignisse in Eberbach am Neckar.

Dienstag 12.1. – Der Filmclub 813 feiert Jubiläum. Es läuft wie vor 25 Jahren Rote Sonne (1970 Rudolf Thome). Zusätzlich noch die Kurzfilme Zinnsoldat (1968) und Na und? (1966), deren Regisseure, Martin Müller und Helmut Herbst, als Gäste der Feier erwartet werden.

Donnerstag, 07.01.2016

2015

Weil ich fand, meine einsame Liste könne Gesellschaft vertragen, wandte ich mich an einen verlässlichen Listenverfasser:
Stefan Ertl

Neue Filme

ALOHA (Cameron Crowe)
AVENGERS: AGE OF ULTRON (Joss Whedon)
FURIOUS 7 (James Wan)
JOY (David O. Russell)
KNIGHT OF CUPS (Terrence Malick)
MAGGIE (Henry Hobson)
NORTHERN SOUL (Elaine Constantine)
OVATION! (Henry Jaglom)
SHE´S FUNNY THAT WAY (Peter Bogdanovich)
SPY (Paul Feig)

Alte Filme

DAVE ALLEN IN SEARCH OF THE GREAT ENGLISH ECCENTRIC (Robin Brown)
PASSE TON BAC D´ABORD (Maurice Pialat)
PIT STOP (Jack Hill)
LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH (Sergio Martino)
DIE WAHRE TITANIC (Bruno Sukrow)

Freitag, 18.12.2015

Karten, Pläne (VI)

Remake Remix
Cüneyt Arkın

Man hänge alle Negative seiner Filme aneinander und die Welt wäre zweimal umrundet. Das sagt dieser Mann mit einem Lächeln.
Wie es möglich gewesen sei, wöchentlich einen Film zu drehen, wollte schon Bogdanovich wissen – von Allan Dwan. Dessen Antwort war: Er habe alle neuen Griffith-Filme angeschaut und mit den eigenen Schauspielern kopiert, so sei dann jedes Mal ein ganz neuer Film entstanden.
Zwischen unendlich vielem, was man über das türkische Kino erfahren und über das Kino der Welt begreifen kann, zeigt Remake Remix Ripp-Off (2014 Cem Kaya) auch, wie in der Not ein Kamerawagen zu bauen ist: Mit vier Stücken Seife an Stelle der Räder.
Im Zustand höchster Konzentration übergeht dieser erstaunliche Film nichts: Nicht die Zensur, nicht die Löhne der Filmarbeiter, nicht die Traurigkeit eines Regisseurs, der nie einen wirklich guten Film gemacht zu haben glaubt.

Cem Kaya stellt außerdem die Rätselfrage: Warum ist das allerpopulärste Vergnügen manchmal das bestgehütetste Geheimnis eines Landes?

1935  The Farmer Takes a Wife - Victor Fleming
The Farmer Takes a Wife (1935 Victor Fleming)

Hier wird mit einer Zahnarztzange auf den Erie-Kanal gezeigt.

Auf einer Wegstrecke beheimatet zu sein, davon erzählen die Binnenschifffahrtsfilme. Ein schönes Genre.

“And you’ll always know your neighbour / And you’ll always know your pal / If you’ve ever navigated on the Erie Canal”

1936 Everything is thunder - Richterich three miles from Aachen
Everything is thunder (1936 Milton Rosmer), „three miles from Aachen“.

Für den britischen Kriegsgefangenen und die Deutsche, die ihn liebt, gibt es einen Fluchtweg raus aus Deutschland.
Es reicht dem Schlepper ein Bierdeckel. Drei Meilen außerhalb von Aachen liegt Richterich. „A“, Pfeil, „R“. Beängstigend abstrakt ist diese Zeichnung.

mysterious mr.moto 1

mysterious mr.moto 2

Mysterious Mr.Moto (1937 Norman Foster) via

Mr. Moto war, von Peter Lorre dargestellt, die Antwort auf die Frage: Wer soll in einem guten Krimi die mysteriöseste Gestalt sein? Eindeutig: der Detektiv.

Gerecht wäre, Norman Foster (1903 – 1976) würde als Film-Noir-Erfinder mit Retrospektiven rund um den Globus geehrt. Auf die Fährte des gleichnamigen Architekten gehört hingegen das Warnschild „langweiliger Irrweg“.

L’Assassinat du Père Noël 1941 Christian-Jaque
Harry Baur in L’Assassinat du Père Noël (1941 Christian-Jaque) via The Cine-Tourist

“Ich gäbe viel darum, wenn ich mir die historische Betrachtung der Welt wieder abgewöhnen könnte. (…) Die Geschichte stellt alles so dar, als hätte es nicht anders kommen können. Es hätte aber auf hundert Arten kommen können.“ (Elias Canetti, 1950)

1942 Desperate Journey  - Raoul Walsh
Desperate Journey (1942 Raoul Walsh)

Auch Thomas Klimowski sammelt auf dem Feld Kartografie und Kino

Die Spur führt nach Berlin
Die Spur führt nach Berlin (1952 Franz Cap)

Streifenwagen rasen rund um den Delphi-Filmpalast. Ein deutscher Nachkriegsfilm, als wär’s ein amerikanischer Polizeifilm. Ein Berlin, das aussieht wie Chicago ohne Häuser. Mit Barbara Rütting als Russin. Und das wilde Finale zeigt die Reichstagsruine als graffitigeschmücktes Schlachtfeld.

Unter Franz Caps Regie war Barbara Rütting auch Die Geierwally (1956), die cool durchs überhitzte Drama schreitet; die in kalter Atmosphäre fiebrig glüht. Vom vergessenen František Čáp würde ich gerne mehr sehen. Beispielsweise Mafia – Die ehrenwerte Gesellschaft (1966).

1953 Operation Diplomat - John Guillermin
Operation Diplomat (1953 John Guillermin)

Der geheime Ort, wohin ein Diplomat entführt wurde, muss gefunden werden – mit Hilfe der Erinnerung an Klänge, entlang der blind zurückgelegten Wegstrecke.

Bad Day at Blackrock1 1955 Sturges
Bad Day at Black Rock (1955 John Sturges)

Finger, Pfeile, Stifte, Zirkel… Hier ist es mal ein Zug, der zeigt. Und der Ort ist so übersichtlich, dass niemand einen Plan vermisst.

1956  Bigger Than Life - Nicholas Ray

1956 - Bigger Than Life - Nicholas Ray
Bigger Than Life (1956 Nicholas Ray)

Historische Landkarten zieren die Wände im Haus des manisch-depressiven Mannes (James Mason). Seine Frau (Barbara Rush) hofft, die heiteren Erinnerungen in ihrem Fotoalbum könnten gegen die finstere Inspiration ankommen, die er aus der Bibel bezieht.

1957 The One That Got Away a

1957 The One That Got Away b
The One That Got Away (1957 Roy Ward Baker)

Um so liebevoller ein Plan vor unseren Augen skizziert wird, um so mehr sagt uns die Erfahrung: Das Vorhaben wird nicht gelingen.

In La Bonne Année (1973) zeigt Claude Lelouch den Plan eines Juwelenraubs als Plansequenz. Vom Hubschrauber aus gefilmt: Der Probedurchlauf einer Fluchtfahrt – mit dem Mercedes zum Hafen und weiter mit dem Motorboot übers Meer. Das Tatsächliche dient Lelouch zur Anschauung des vage Vorstellbaren.

Quatermass Quatermass II
The Quatermass Xperiment (1955 Val Guest), Quatermass II (1957 Val Guest)

the day the earth caught fire 1961 Val Guest
The Day the Earth Caught Fire (1961 Val Guest)

Val Guest hat einige ausgesprochen beängstigende Katastrophenfilme und einige ausgesprochen alberne Komödien gemacht. In beiden Genres kommen, glaube ich, die gleichen Tugenden zum Einsatz. Joe Dante ist ein großer Fan von Guests The Abominable Snowman (1957). Sehr gut gefiel mir auch Dangerous Davis – The Last Detective (1980).

A Shot in the Dark 2

A Shot in the Dark 3

A Shot in the Dark 4
Peter Sellers und Graham Stark in A Shot in the Dark (1964 Blake Edwards)

Nicht mehr nur von Globen, sondern auch von Globussen sprechen zu dürfen, ist lautmalerische Anerkennung der Gefahren der Rotation.

1965 That Darn Cat - Robert Stevenson
That Darn Cat! (1965 Robert Stevenson) via

Für den 15. Hofbauerkongress (7. – 11.Januar 2016) und die 66. Berlinale-Retro (11.-21. Februar) lässt sich gemäß der Mengenlehre eine Schnittmenge imaginieren: Das Spukschloss im Salzkammergut (1966 Hans Billian).

Mehr über 1966 im neuen SigiGötz-Entertainment

1966 - The Beatles, Hamburg, Polizeischulungsfilm
The Beatles am 26. Juni 1966 in der Ernst-Merck-Halle (hergestellt vom Filmtrupp des Kommandos der Schutzpolizei -111-)

Im Kontrast zu den Ekstasen der „Beat-Anhänger“ stellt sich die Polizei in dieser dokumentarischen Eigenproduktion als nüchtern und pragmatisch dar, zumindest im Tonfall des Kommentars gelingt ihr dies. Zu sehen sind vor der ausverkauften Konzert-Halle viele Neugierige, die der polizeilichen Aufforderung „sich nach Hause zu begeben“ nicht folgen, und deshalb den Einsatz des Schlagstocks zu spüren bekommen. Über Lautsprecher wird an die Vernunft der Leute appelliert, die mit Wasserwerfern um den Dammtorbahnhof herum gescheucht werden. 117 Festnahmen. Und schon am folgenden, regnerischen Morgen ermöglicht ein „vereinfachtes Jugendverfahren“ die Urteilssprüche gegen die „Störer“.
Ein Film, der verwirrt. Ob dieses seelenruhige Pro-Eskalations-Training noch die Handschrift des Polizeisenators Helmut Schmidt trug, oder ob sich darin Kommendes ankündigte, kann ich nicht sagen.

1968 - Banditi a Milano (Carlo Lizzani )
Banditi a Milano (1968 Carlo Lizzani)

Im Filmclub 813 sah ich Lizzanis Banditen von Mailand.
Darin gerät das, was andere Action-Krimis im Hintergrund abhandeln, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Die Passanten, die zufällig eine Kugel abbekommen.

Atlantic ocean floor, National Geography 1968
Heinrich C. Berann: Atlantic Ocean Floor, National Geographic, 1968

Zu sehen, dass auf dem Grund des atlantischen Ozeans etwas Seltsames liegt, kontinentgroß. Es könnte ein Krokodil sein. Oder auch zwei.

Montag, 12.10.2015

Dunkle Wahrheit

1923 - Coeur Fidèle - Jean Epstein

1926 Rien que les heures - Alberto Cavalcanti

1926 Jean Epstein - Mauprat

1927 The Show - Tod Browning

1932 - Chandu The Magician - William Cameron Menzies

1934 - Rapt - Dimitri Kirsanoff

1934 Of Human Bondage  - John Cromwell

1935 - Tokyo no eiyu - Hiroshi Shimizu

1936 - The Prisoner of Shark Island - John Ford

1939 Charlie Chan at Treasure Island - Norman Foster.

1939 Charlie Chan at Treasure Island - Norman Foster..

1940 - The Girl In The News - Carol Reed

1940 Contraband Powell

1947 Black Narcissus

1947 John Mills, The October Man, Roy Baker

1951 The Late Edwina Black - Maurice Elvey

1952 - What Price Glory - John Ford

1955 Marianne de ma jeunesse - Julien Duvivier

1957 - The Three Faces of Eve -  Nunnally Johnson 1

1957 - The Three Faces of Eve -  Nunnally Johnson 2

1957 - The Three Faces of Eve -  Nunnally Johnson 3

1957 - The Three Faces of Eve -  Nunnally Johnson - 4

1958 - The Return of Dracula - Paul Landres

1961 Claudelle Inglish - Gordon Douglas

1961 Der Fälscher von London - Harald Reinl

1961- Der Fälscher von London - Harald Reinl

1962 - Confessions of an Opium Eater - Albert Zugsmith

1965 Tausend Takte Übermut - Hofbauer

1966 - Persona - Bergman

1967 Torture Garden Freddie Francis

1968 Deadfall - Bryan Forbes

1969 - Engel die ihre Flügel verbrennen

1969  Pit Stop - Jack Hill

1974 - Teens in the Universe - Richard Viktorov

1976 - Idole - Klaus Lemke

1977 - Derrick Tod des Wucherers - Brynych

1980 - The Changeling - Peter Medak

1994 - L'enfer - Chabrol

2012 - The Grey - Joe Carnahan

2013 - Les recontres d'apres minuit - Yann Gonzalez

1923 – Coeur Fidèle – Jean Epstein
1926 – Rien que les heures – Alberto Cavalcanti
1926 – Mauprat – Jean Epstein
1927 – The Show – Tod Browning
1932 – Chandu The Magician – William Cameron Menzies
1934 – Rapt – Dimitri Kirsanoff
1934 – Of Human Bondage – John Cromwell
1935 – Tokyo no eiyu – Hiroshi Shimizu
1936 – The Prisoner of Shark Island – John Ford
1939 – Charlie Chan at Treasure Island – Norman Foster
1940 – The Girl In The News – Carol Reed
1940 – Contraband – Powell & Pressburger
1947 – Black Narcissus – Powell & Pressburger
1947 – The October Man – Roy Baker
1951 – The Late Edwina Black – Maurice Elvey
1952 – What Price Glory – John Ford
1955 – Marianne de ma jeunesse – Julien Duvivier
1957 – The Three Faces of Eve – Nunnally Johnson
1958 – The Return of Dracula – Paul Landres
1961 – Claudelle Inglish – Gordon Douglas
1961 – Der Fälscher von London – Harald Reinl
1962 – Confessions of an Opium Eater – Albert Zugsmith
1965 – Tausend Takte Übermut – Ernst Hofbauer
1966 – Persona – Ingmar Bergman
1967 – Torture Garden – Freddie Francis
1968 – Deadfall – Bryan Forbes
1969 – Engel die ihre Flügel verbrennen – Zbynek Brynych
1969 – Pit Stop – Jack Hill
1974 – Teens in the Universe – Richard Viktorov
1976 – Idole – Klaus Lemke
1977 – Derrick: Tod des Wucherers – Zbynek Brynych
1980 – The Changeling – Peter Medak
1994 – L’enfer – Claude Chabrol
2012 – The Grey – Joe Carnahan
2013 – Les recontres d’après minuit – Yann Gonzalez

1976 - Taxi Driver - Scorsese

1976 Taxi Driver - Scorsese
1976 – Taxi Driver – Martin Scorsese

Freitag, 05.06.2015

Etwas zum Staunen

die Mücke a

Als schwarze Silhouette schreitet die Hauptdarstellerin vom Dunkel ins Licht, hinein in den Filmtitel, zwischen die mannshohen Buchstaben. Dort wendet sie sich um, zieht an einer Zigarette und lässt den bodenlangen Mantel einen Spalt weit offen. Weiß leuchtet das enge Kleid. Dann die Pose, dann der Blick. So wie sie den Mantel öffnet, so auch die Augen, die Lippen, nur so weit es ihr gefällt.

die Mücke b
Die Mücke (1954 Walter Reisch)

Walter Reisch: „Her name is Hilde Krahl, a very good actress. I had guided her through her very first picture, Silhouetten, directed by me in Vienna. She called me one day wanting me to come and make a picture for her. Nothing could have pleased me more. I had about four months‘ leave of absence from Fox, and gave up a lot of money just to make a picture with her. I wrote and directed a picture for her called Die Mücke [Madame Mosquito, 1954]—that’s an insect, you know—the story of an aging spy à la Mademoiselle Docteur [Edmond T. Greville, 1937] who in today’s age of computers and electronic devices, when her beauty and her feminine charms can no longer beguile and deceive officers of the enemy’s army, has lost her job. A very good picture.“

die Mücke c

Als die Spionin zu Fuß unterwegs ist in den leeren Straßen von Bad Pyrmont, verfolgt von der Limousine eines Waffenhändlers, da fährt eine Dampflok aus einer Häuserecke und zwingt den Verfolger anzuhalten.

die Mücke d

Vom Waffenhändler bekommt die Spionin den Auftrag, herauszufinden, ob seine Frau (Margot Hielscher) ihm treu ist.

Wenn die beiden Frauen sich gemeinsam amüsieren, und über allem ein Geheimnis liegt, da, in der Mitte, gefällt mir der Film am besten. Ob zuletzt das Dunkle oder das Frivole siegt, ist nicht vorhersehbar. Doch Walter Reisch ist zu sehr Drehbuchautor. Mit Wendungen zügelt er die wilde Richtungslosigkeit seines Films.

die Mücke e

In einem Kino in Triest hat der Waffenhändler ein heimliches Geschäft abgeschlossen.
Dieser Böse, dargestellt von Gustav Knuth, könnte in Walter Reischs Film durchaus auch jenen schönen Satz sagen, der mir im neuen Film von Hakan Algül sehr gut gefiel: „Auch wir, die Bösen, auch wir lieben.“

(Pferde, Luxus und Gefahr. Auch das gibt’s in der türkischen Tierarztkomödie Niyazi Gül Dörtnala.)

die Mücke g

Dem Detektiv in Josephine Teys Kriminalroman „Wie ein Hauch im Wind“ ging 1950 etwas Hoffnungsvolles durch den Kopf. „Zumindest hatten sie Verstand, die heutigen Kinder. Das Kino sorgte dafür, nahm er an. Es waren immer die auf den billigen Plätzen – die Stammkunden -, die alles begriffen, während diejenigen auf den Balkonplätzen noch im Dunkeln tappten.“

Die BRD-Filme der vielgescholtenen 50er Jahre wurden unsinnigerweise Papas Kino genannt. Die vielen Frauenfilme von Alraune (1952 Rabenalt) bis Barbara (1961 Wisbar) waren Kino par excellence – sowohl Die Sünderin (1951 Forst) als auch Die Rote (1961 Käutner), all der Skandal und das Verruchte – es war Mamas Kino.

Die kurze Zeit, in der das deutsche Filmschaffen ohne staatlichen Auftrag war, zwischen Nürnberger Prozess und Oberhausener Manifest, diese Phase will rehabilitiert werden. „Ach rüttel mich, ach schüttel mich.“ Wer sich nicht fürchtet, es könne ihm ein Apfel auf den Kopf fallen, dem kann Die Mücke überzeugende, optische Argumente liefern. Auch dank des Kameramanns Kurt Hasse, in dessen Filmografie sich erstaunliche vier (!) SGE-Kanon-Filme befinden: Himmel ohne Sterne (1955 Helmut Käutner), Mein Vater, der Schauspieler (1956 Robert Siodmak), Raubfischer in Hellas (1959 Horst Hächler), Stadt ohne Mitleid (1961 Gottfried Reinhardt).
Da sind außerdem die Titel von drei Barbara-Rütting-Filmen: Liebe, wie die Frau sie wünscht; Alle Sünden dieser Erde; Ich war ihm hörig. Und dann die ersten fünf Filme von Alfred Vohrer: Schmutziger Engel, Meine 99 Bräute, Verbrechen nach Schulschluss, Mit 17 weint man nicht, Bis dass das Geld Euch scheidet… In den Titeln steckt das volle Programm: Mamas Kino, von dem der Junge Deutsche Film sich losreißen wollte. Um was zu werden. Was? Literaturverfilmung. Fernsehen. Patriarchat.
Kurt Hasse war übrigens auch Kameramann bei der Raumpatrouille (1965).

tol'able time tunnel

„Ein gigantisches schwarzweißes spiralenförmiges Ding, dessen Ausmaße schlicht unfassbar sind,“ sollte ich noch nachliefern. Claudia Basrawi hat mich gebeten, ihre Vision vom zweiten Teil der Quereinsteigerinnen nicht zu verfilmen, sondern stattdessen mit ein paar Bildmontagen zu illustrieren. Besonders lag ihr der „Fassjunge“ am Herzen.

Noch eine Empfehlung. Neu im Kino: Melissa McCarthy, Miranda Hart und Rose Byrne in Spy (2015 Paul Feig). Etwas zum Lachen. Eine Action-Komödie für die Stammkunden. Ein makelloser Film.


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