Sonntag, 19.01.2014

Etwas über deutsche Filmliteratur

Wenn man Anfang der 1970er Jahre deutsche Filmbücher kaufen wollte, konnte man ewig lange suchen und fand dann doch nichts ausser alten Kamellen wie Heinrich Fraenkels „Unsterblicher Film“ (und von dem immer nur Band 2), Autobiografien oder vielleicht, wenn man Glück hatte, Herbert Iherings „Von Reinhardt bis Brecht“. Die Zeiten für Filmliteratur waren denkbar schlecht; da waren selbst die sechziger Jahre besser gewesen, als zur Krise des deutschen Films 1961 sogar zwei Bücher erschienen – Walter Schmiedings „Kunst oder Kasse“ und Joe Hembus „Der deutsche Film kann gar nicht besser sein“. Schlagartig besserte sich die Situation, als 1971 Frieda Grafe in der Reihe Hanser „Godard: Kritiker“ herausgab; das Buch verkaufte sich erstaunlich gut und mit einem Mal stellte man fest, dass es für gute und anspruchsvolle Filmliteratur auch in Deutschland einen Markt gab. Ulrich Kurowski folgte 1972 mit seinem ebenfalls erfolgreichen „Lexikon Film“ und verhob sich dann ziemlich mit dem „Lexikon des internationalen Films“, das nie über zwei Bände hinauskam.

Seit Jahren geben Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen in der edition text+kritik die Reihe „Film & Schrift“ heraus, in der jetzt gerade der Band 17 über Herbert Linder erschienen ist. Als sie diese Reihe ankündigten, war ich ziemlich perplex, weil sie als dritten Band Erwin Goelz alias Frank Maraun ankündigten. Ich dachte, ich würde mich etwas mit der deutschen Filmkritik auskennen – aber wer im Himmel war Erwin Goelz? Und Lucy von Jacoby, Libertas Schultze-Boysen oder Hans Ulrich Eylau? Das wissen wir jetzt alles dank dieser Reihe.

In dem neuen Band über Herbert Linder schildert Rolf Aurich als Subtext die Folgen des programmatischen Artikels von Enno Patalas „Ästhetische Linke“, der langfristig zur Trennung der Kritiker der Berliner Schule von denen der Münchner Sensibilisten führte; den Untergang der „Filmkritik“ läutete der Artikel nicht ein. Dafür war das neue Redaktionsstatut der „Filmkritik“ verantwortlich, das zu Streit und Ärger führte. Einer der Protagonisten der Streithanseln war Herbert Linder, der im Zorn die Abonnentenkartei der Filmkritik mitgehen ließ, dann in die USA ging, zwei Nummern der „filmhefte“ herausgab und aufhörte zu schreiben. Das Buch versammelt seine Kritiken und Aufsätze und wird eingeleitet mit einem fiktiven Dialog über die „Ästhetische Linke“. Sehr lesenswert. Seine Kritik über Dr. Gerd Albrechts „Nationalsozialistische Filmpolitik“ ist ein Klassiker.

Linder war im übrigen auch für meinen ersten Flop verantwortlich; in der „Eisenstein-Chronik“ hatte ich in einer längeren Passage eine Kritik von Linder zitiert – ohne ihn zu fragen. Das ließ er sich nicht gefallen und klagte mit Erfolg gegen den Hanser Verlag; der Verlag musste zahlen und das Buch durfte nicht mehr ausgeliefert werden. Auch das war Linder.

Bei jetzt 17 und bald sicher zwanzig Bänden mit Filmkritiken wünschte man sich ein Register, damit man mal etwas nachsehen kann. Ich glaube, das wird nie kommen – die Bücher sollen gelesen, nicht nachgeschlagen werden. Aber praktisch wäre ein Register schon.

Eberhard Spiess, der vor Jahren verstorbene Leiter des Archivs des Deutschen Instituts für Filmkunde in Wiesbaden, heute Deutsches Filminstitut in Frankfurt, gab Ende der sechziger Jahre die Filmkundlichen Mitteilungen heraus. Um den Einkaufsetat der Bibliothek zu entlasten, versprach er, jedes Filmbuch, das er umsonst bekam, in den „Mitteilungen“ zu rezensieren. So wurden die „Mitteilungen“ zu einer Bibliographie der Filmliteratur jener Zeit und die Bibliothek des DIF bekam immer mehr Bücher umsonst. Diese Idee nahm Hans Helmut Prinzler für die von der Kinemathek herausgegebene Zeitschrift „FilmGeschichte“ auf – allerdings in etwas bescheidenerem Rahmen, dafür mit ausführlicheren Rezensionen. Das führt er auch heute noch weiter und publiziert auf seiner webseite www.hhprinzler.de kontinuierlich Besprechungen zu Filmbüchern und Nachrichten zur Filmgeschichte. Heute, am 22. 12. empfahl Knut Elstermann diese Seite in der sonntäglichen Rubrik des „Tagesspiegel“, in der Journalisten dazu befragt werden, was sie in dieser Woche geärgert und worüber sie sich gefreut haben. Eine wirkliche Überraschung – dass Elstermann, der überall Präsente und fast jedem Film Zugeneigte, gerade diese Webseite herausstellt, ist und zeigt sein Gespür für Klasse.

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