Einträge von Rainer Knepperges

Freitag, 21.01.2022

Weltenbummler

In einer seiner Fernsehsendungen überquert Hardy Krüger auf dem Weg zu einer kultischen Stätte einen leeren Platz und anstatt dieses Nicht-Ereignis mit ein paar kommentierenden Sätzen zu überdecken, sagt er: „Augenblick mal.“ Und setzt sein Reden aus dem Off erst fort, wenn er im Bild den Platz überquert hat und wieder was passiert. (Eine Opfergabe der Einheimischen.) Diese Sprechpause kommt völlig unerwartet, auf seltsame Weise knüpft sie zwischen Reden und Zeigen eine gestische Verbindung.

Ein Bild aus Hartmut Bitomskys schönem Film REICHSAUTOBAHN: Unter einer Brücke sitzt er da und blättert in einem Buch mit Fotografien der alten Autobahn. Der Weltenbummler seinerseits bedient sich am Abend im Hotelzimmer eines Fotobandes, um seinen und unseren ersten Eindruck vom exotischen Ort zu vertiefen. Wie Bitomsky zeigt auch Krüger gerne den Daumen, der ein Foto in die Kamera hält. Eine Mitfahrerin gibt ihm, während er fährt, ein kleines Plastik-Album mit Familienfotos. Er hält es aufgeschlagen ans Lenkrad gepreßt. Der Kamerablick, der zuvor noch auf die Straße gerichtet war, senkt und verengt sich auf die Fotos. Aufmerksamkeit ist Aktion.

Zu all dem gehört auch die erheiternde Illusion, Hardy Krüger wäre allein ohne Kamera und Tonleute unterwegs. Angeblich erste Begegnungen sind inszeniert: die Kamera erwartet aus der Distanz das „unerwartete Zusammentreffen“ oder befindet sich bereits im Raum, den er zum ersten mal betritt. Daß dies nicht total bescheuert wirkt, liegt an der ohnehin durch den Kommentar bewußt zerstörten Trennungslinie zwischen der Gegenwart des Sprechens und der Vergangenheit des Gefilmten.

So zieht er auch beim Erzählen dem erinnernden Perfekt stets das dramatisierende Präsens vor, und benutzt dabei die Worte: „Dann“ und „Da“ und „Jetzt“. Ganz so als zähle eben nicht das Gesehen-und-erlebt-haben sondern viel mehr der Moment des Kennenlernens, die frische unvermittelte Erfahrung. So zurren die vielfältigen bunten Eindrücke seiner Reisen zusammen auf die eine sympathische Propagierung von Sinn und Zweck der Wanderschaft: persönlich Bekanntschaft zu machen.

Am Ostermontag, an Krügers 65. Geburtstag, zeigte der Filmclub 813 Robert Aldrichs THE FLIGHT OF THE PHOENIX und noch im selben Monat eine umfassende Werkschau Hartmut Bitomsky.

(Text von 1993)

Mittwoch, 23.12.2020

Auge und Umkreis (IX)


Johnny Reno (1966 R.G. Springsteen)

„Sun‘s going down. That‘ll be a long night,“ sagt einer, der aus dem Gefängnisfenster auf diesen Abendhimmel schaut.

Wir waren im Sommer nach Deauville geraten. Der neue Film von Claude Lelouch hatte uns dort hin getragen. Vom Balkon konnten wir nachts die Fischerbote aufs Meer fahren sehen, und nah bei den Hafenlichtern von Trouville war das Casino mit seiner Leuchtschrift.


Charade (1963 Stanley Donen)

In Le Havre, im „Studio“, in einer Nachmittagsvorstellung sahen wir dann wieder einmal Charade, dieses dunkle rätselhafte Filmgedicht. Über die Ungewissheit, die dauernde. Und über die Kurzfristigkeit – und ihren Triumph.
„For a few minutes they were mine. That is enough.“


Mädchen am Kreuz (1929 Jacob und Luise Fleck)

Gerne sähe ich mehr von der Regisseurin Luise Fleck und ihrer Produzentin Liddy Hegewald. Die „Hegewaldfime“ waren Exploitation-Kino, kostengünstige „Problemfilme“, von der Kritik verspottet. Aber was die Filme erfolgreich machte, wirkt heute noch. Ein klarer Blick auf die Schräglage, die das Leben früher oder später aus dem Gleis geraten lässt. Die Unwucht der Ordnung.


Maman Colibri (1929 Julien Duvivier)

Der Vater kommt zur Tür herein, während Mutter und Sohn miteinander tanzen. Als würden sie von ihm erwischt, so rahmt der Spiegel sie als Paar und ihn allein.

Die Einsamkeit ist überall im unerschöpflich reichen Werk von Duvivier. Genau betrachtet war auch Don Camillo einsam.


Darling, How Could You! (1951 Mitchell Leisen)

Eine Komödie des Peter-Pan-Autors J.M. Barrie, in dessen Welt sich die Lebenszeit um ein Schwerkraftzentrum krümmt: um die Eltern herum. Da ist ein Ort – „where we never grow old,“ sang Aretha Franklin (in Sydney Pollacks Doku) in Griffweite des Vaters, schrie sie gleichsam aus dem Abgrund der Familie heraus.


A Walk In The Spring Rain (1970 Guy Green)

Ich sah wieder Guy Greens Light in the Piazza und war wieder begeistert, beglückt. Wie damals in Wien.


St.Ives (1975 J. Lee Thompson)

In den 1860er Jahren wohnten Arthur Schnitzlers Großeltern im Carltheatergebäude. Die Operetten Offenbachs und der Komiker Knaack befeuerten die Nachahmungsfreude des kleinen Jungen. Also, erinnert er sich, „unternahm ich es einmal, mit dem undisziplinierten Ehrgeiz meiner sechs oder sieben Jahre, das Couplet ‘Als ich noch Prinz war von Arkadien‘ ganz in Knaack‘scher Manier, mit einem Kehrbesen manövrierend, im Beisein einer mir völlig unbekannten Dame vorzutragen, die eben bei meiner Mama zu Besuch anwesend war. Noch heute ist mir der ungerührte, kalte, geradezu vernichtende Blick gegenwärtig, mit dem mich die Dame nach geendeter Produktion von oben herab maß.“


Orphée (1950 Jean Cocteau)

„Was ich im Theater immer am schönsten fand, in meiner Kindheit und auch heute noch, das war der Kronleuchter – ein schöner, leuchtender, kristallener, reichverzierter, kreisförmiger und regelmäßiger Gegenstand.“ (Baudelaire: „Mein entblößtes Herz“)


Frédérique Franchini in Noviciat (1965 Noël Burch)

Eine Komödie frei nach Sacher-Masoch. Ein Mann, der nur schauen will, wird im Nahkampf zum Gefangenen, dann zum Diener und zuletzt zur Ware, wechselt gegen seinen Wunsch seine Besitzerin.


Gloria Swanson in Stage Struck (1925 Allan Dwan)

Gloria Swanson wechselte unbeschwert von ernsten zu komischen Rollen, hin und her, wie es ihr gefiel.
Curtis Harrington, mit dem sie beim Dreh von Killer Bees (1974) Freundschaft schloss, betonte (in: Video Watchdog, Nov/Dez 1992), dass Norma Desmond in Sunset Boulevard und Gloria Swanson von einander so verschieden waren, wie man nur sein kann.


Baron Eugen Ransonnet-Villez, erster Unterwasserzeichner, Selbstportrait mit Taucherglocke, 1867


Journey To The Center Of The Earth (1959 Henry Levin)

In einem ungewöhnlich schweren Brocken Lava ist ein Senkblei verborgen. Darauf ist etwas geschrieben, mit Blut.

Agatha Christie mochte Jules Vernes Bücher. Besonders Die Reise zum Mittelpunkt der Erde. „Mir gefiel der Gegensatz zwischen dem besonnenen Neffen und dem übertrieben selbstsicheren Onkel.”

„Als Kind schon spürte ich in meinem Herzen zwei sich widerstreitende Empfindungen: Lebensangst und Lebensüberschwang. Dies entspricht durchaus dem Charakter eines nervösen Faulenzers.” (Baudelaire: „Mein entblößtes Herz“)


The Unholy Wife (1957 John Farrow)

Der Junge wird gefragt, ob er „manchmal einsam“ sei. „Immer!“ antwortet er zornig. Darauf bekommt er, zur Beschwichtigung, eine Muschel geschenkt, aus der jederzeit die See zu ihm spräche.
Wir kennen die simple Erklärung: Man höre das eigene Blut rauschen. Nein, wir sind der Ozean, sagt John Cage.


Saraband For Dead Lovers (1948 Basil Dearden)

„Vertrauen wir dreist allen Zeugnissen der Sinne. Da ist nichts Falsches vom Echten zu sondern. (…) Wenn bei erregtem Blute oder äußerlichem Drucke das Auge zuckende Blitze oder leuchtende Kreise sieht, sind das sowenig Irrtümer, als wenn es irgendandere Erscheinungen der Außenwelt wahrnimmt. (…) Die Welt des Geistes oder der Wissenschaft findet in der Sinnlichkeit ihr Material, ihre Voraussetzung, ihre Begründung, ihren Anfang, ihre Grenze.“(Josef Dietzgen: „Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit. Dargestellt von einem Handarbeiter“, 1869)


The Unvisible Man Returns (1940 Joe May)

Was glaubt der Unsichtbare, im Spiegel sehen zu können?
Von seiner Liebsten wird er dabei erwischt, wie er sich entpackt. Ihr Entsetzen ist das vor der Hohlheit, vor dem fehlenden Inneren, ein Schrecken, den der Film mit vorzüglichen Tricks zelebriert.


3 Women (1977 Robert Altman)

„Manchmal stand sie mitten in der Nacht auf, um sich Notizen zu machen,“
(Anne Hart: „Live and Times of Miss Jane Marple“)


Maskerade (1934 Willi Forst)

Sie kommt nachts besoffen heim, singt im Treppenhaus, weckt den Hausmeister, und erzählt ihm, sie habe eine Eroberung gemacht. Paula Wessely schwankt nur ganz sanft, artikuliert dabei feinstens. Und Hans Moser, aus dem Schlaf gerissen, total verhuscht, begreift nichts. Seine Nüchternheit ist hilfloser als ihre süße Betrunkenheit. Das gibt ein hübsches Bild dafür, wie klar man sieht, wenn man betrunken ist, denn ohne die Wirkung des Schaumweins glaubt sie die Wahrheit nicht, dass ein schöner Mann sie lieben könnte.


Moonstruck (1987 Norman Jewison)

„The past and the future are a joke for me now. I see that they are nothing. I see that they ain‘t here. The only thing that‘s here is you… and me“, sagt Nicolas Cage zu Cher, in Moonstruck. Und: „Love don‘t make things nice, it ruins everything. It breaks your heart. It makes things a mess. We aren‘t here to make things perfect. Snowflakes are perfect, stars are perfect, not us. We are here to ruin ourselves. And break our hearts. And love the wrong people. And die!“


Romanze in Moll (1943 Helmut Käutner)

„Die größte Torheit ist, anzunehmen, dass wir auf festem Grund gehen.“ (E.M. Cioran: Ansätze zum Taumel)


Jigsaw (1963 Val Guest)

Der Spiegel als Werkzeug der Selbstverachtung. Weil das eine Rückblende ist, ist ihr Tod schon gewiss, ihre Leiche liegt schon zerstückelt im Keller.

Jean Cocteau: „Ich verrate Ihnen das Geheimnis aller Geheimnisse. Spiegel sind die Türen, durch die der Tod kommt und geht. Wenn Sie sich selbst ihr Leben lang im Spiegel anschauen, sehen sie den Tod bei der Arbeit. Wie Bienen in einer gläsernen Bienenwabe.“


Games (1968 Curtis Harrington)

„Die Nautilus war in eine Strömung von phosphoreszierenden Infusorien geraten, sie schwamm inmitten von Myriaden leuchtender Tierchen, deren glänzender Funke noch stärker aufglühte, wenn sie mit dem Rumpf der Nautilus in Berührung kamen. Dieser leuchtende Strom blendete zuerst wie Bleiguss im Schmelzofen oder weißglühendes Metall beim Abstich. Aber nach und nach konnte ich in dieser Lichtquelle noch verschiedene Helligkeiten und Schattenbildungen unterscheiden, die sich unaufhörlich gegeneinander verschoben: lebendiges Licht.“ (Jules Verne: 20.000 Meilen unter den Meeren, 1869-1870)

Sie ist „die verschwindende Meerjungfrau“, Entfesselungskünstlerin auf der kleinen Kirmesbühne einer Hafenstadt. Vor dem Spiegel verwandelt sich die falsche Prinzessin in die Fischerstochter, die sie wirklich ist.


Simone Simon in Temptation Harbor (1947 Lance Comfort)

Lance Comfort hat dunkle und finstere und grimmige und rabenschwarze Filme gemacht. Geschichten, in denen alles schief läuft. Hatter’s Castle (1942), Great Day (1945), Bedelia (1946), Temptation Harbour (1947), Daughter of Darkness (1948), Silent Dust (1949). Ein halbes Dutzend grandioser Filme, alle in den 40ern. Und danach noch: Tomorrow at Ten (1962).


Night Tide (1961 Curtis Harrington)

„In meiner frühesten Jugend erschienen mir alle Schatten und Lichter auf Bildern als unmotivierte Flecke. Als ich in früher Jugend zu zeichnen begann, hielt ich das Schattieren für eine bloße Manier. Ich porträtierte einmal den Herrn Pfarrer, einen Freund des Hauses, und schraffierte nicht aus Bedürfnis, sondern weil ich es an anderen Bildern so gesehen hatte, die Hälfte seines Gesichts ganz schwarz. Darob hatte ich eine harte Kritik von meiner Mutter zu bestehen, und mein tief verletzter Künstlerstolz ist wohl der Grund, dass mir diese Tatsachen so im Gedächtnis geblieben sind.“
(Ernst Mach: „Wozu hat der Mensch zwei Augen“, 1867)


Vynález zkázy (Die Erfindung des Verderbens 1957 Karel Zeman)

An Projektilen erforschte Ernst Mach den Überschallknall. Er tat dies mit Hilfe von Fotografien.
Für Egon Friedell war Mach “der klassische Philosoph des Impressionismus”. Sein Name ist vielfach verewigt, auch in der Zahl zur Benennung von Fluggeschwindigkeiten, die allerdings seit der Epoche der (abstürzenden) Starfighter hörbar aus der Mode gekommen sind.

„Ein Düsenflugzeug durchbrach einmal die Schallmauer und zerstörte gleich zwei Scheiben von Miss Marples Gewächshaus.“ (Anne Hart: „The Life and Times of Miss Jane Marple“)


Wing and a Prayer (1944 Henry Hathaway)

„Boy, I got to knock that moon right out of the sky.“
„Leave it alone. I‘ll need that moon, when I get home.“

In Jules Vernes “Von der Erde zum Mond” lobt ein Ballistiker die Projektile: “In meinen Augen nämlich ist die Kugel die hervorragende Offenbarung menschlicher Macht. Gott hat das All, die Gestirne und Planeten geschaffen: was sind sie denn anderes als Geschosse. Gott gehört die Geschwindigkeit der Elektrizität, des Lichts, der Sterne und Kometen, sein ist die Geschwindigkeit des Schalls und der Winde. Dem Menschen aber gehört die Geschwindigkeit der Kugel.”


The Sound Barrier (1952 David Lean)

Ernst Mach (1838 – 1916) und Jules Verne (1828 – 1905) waren Zeitgenossen von Josef Dietzgen (1828 – 1888), Sir William Crookes (1834 – 1919) und Sacher-Masoch (1836 – 1895). Dass auch eine Peitsche den Überschallknall erzeugt, war mir gar nicht klar. Wie so manches.


The Net (1953 Anthony Asquith)

Werfen wir mal einen Blick auf die 60er Jahre des vorletzten Jahrhunderts.
1860: Die Erfindung der Rotationsschnellpresse; Wilkie Collins: „Die Frau in Weiß“.
1861: der amerikanische Bürgerkrieg; William H. Mumler erfindet die Geisterfotografie; Reis: das Telefon; Dickens: „Große Erwartungen“,
1862: Eastman Johnson: „A Ride for Liberty“; Victor Hugo: „Die Elenden“.
1863: Lincoln: „The Gettysburg Adress“; Manet: „Das Frühstück im Grünen“; die Farbenfabrik Bayer in Barmen.
1864: Jacques Offenbach: Barcarole; Jules Verne: „Reise zum Mittelpunkt der Erde“; Richard Dadd „The Fairy Feller’s Master-Stroke“.
1865: Lewis Carroll: „Alice im Wunderland“; Wilhelm Busch: „Max und Moritz“; Wagner: „Liebestod“.


Busch: Max und Moritz

Erfunden wurde also damals neben vielem auch der Detektivroman. Fotografiert wurden Geister, gemalt das Licht.


During One Night (1960 Sidney J. Furie)

Schaut man von oben auf die Wolken und sieht den Schatten des Flugzeugs, in dem man sitzt, dann kann man um den Flugzeugschatten herum einen kleinen Regenbogen entdecken, vollständig kreisrund. Das ist die Glorie.


During One Night (1960 Sidney J. Furie)

Ein Kriegsfilm, der den ersten Sex eines amerikanischen Piloten und einer englischen Kellnerin zum bedeutendsten Ereignis macht.

“Eine Katastrophe lässt sich nicht denken, ohne dass man gleichzeitig an ein höchst unbedeutendes Ereignis denkt.”
(Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang)


Harun Farocki zeichnet hier ein Kriegsszenario plus Dame mit Perlenkette. Bei der Gelegenheit erinnert er sich, dass es Storyboard-Vordrucke beim WDR gab, mit hässlichen runden Ecken.


Wesley Willis: Artist of the Streets (1988 Carl Hart)

Wesley Willis war ein virtuoser Meister im Wechsel zwischen Linealzeichnung und beherzter Schraffur. Er zeichnete die Häuser, Autos und Straßen seiner Stadt mit Kugelschreiber auf große Bögen und verkaufte diese an Passanten.
Auch die tristesten Gegenden von Chicago vermitteln dem, der vor Augen hat, wie Willis sie gemalt hat, die Halluzination lebendiger Schönheit.


Frederic Edwin Church: Aurora Borealis, 1865

Der amerikanische Maler Frederic Edwin Church (1826 – 1900) zeigte seine monumentalen Landschaftsgemälde gegen Eintritt, in verdunkelten Sälen. Es gab Stuhlreihen. Ferngläser wurden verteilt. Dem Publikum fiel es 1865 nicht schwer, „Aurora Borealis”, ein Panorama mit Expeditionsschiff, Eismeer und Polarlicht, zu interpretieren: als Parteinahme im Bürgerkrieg.

Im Wallraf-Richartz-Museum in Köln hing im vorigen Jahr eine Landschaft von Church neben einer Orchidee von Martin Johnson Heade (1819 – 1904). 1865 beginnt dieser seine „Gremlins in the Studio“ zu malen.
Im gleichen Jahr malt Gustave Courbet den Strand von Trouville.


Heisser Sand (2020 Bruno Sukrow) ****

„Wenn wir uns in einem Boot auf dem Fluss treiben lassen, wie lange brauchen wir dann ans Meer?“ fragt die Heldin in Bruno Sukrows neuestem Kunststück Heisser Sand. Sie will in ein anderes Land. „Einfach nur raus aus meinem Elternhaus.“


Hibernatus (1969 Eduard Molinaro)

Ein im Polareis eingefrorener junger Mann wird nach 65 Jahren gefunden und aufgetaut. Er lebt, zur Freude der Wissenschaft, und er hält seine längst erwachsene Enkeltochter für seine Mutter. Ihr (Claude Gensac) gefällt‘s, bis ihrem Mann (Louis de Funes) der Kragen platzt, er spricht aufgeregt von Überschall- und Mondflug, und verfällt dabei in Raserei.

Setzen wir von dort aus unseren kleinen Rückblick auf die 1860er Jahre fort.

1866: Louise Otto-Peters „Das Recht der Frau auf Erwerb“; das Telegraphenkabel England-USA; Courbet malt den „Ursprung der Welt“.
1867: Strauss: “An der schönen blauen Donau”, Jules Verne: „Die Kinder des Kapitäns Grant“,
Dostojewski: „Schuld und Sühne“, Marx: „Das Kapital“, Nobel: Dynamit, und in Luckenwalde wird der Pappteller erfunden.


Eugen Ransonnet-Villez: „Gruppe von Alcyonien“, 1867

1868: Collins: „Der Monddiamant“.
1869: Flaubert: „Die Erziehung des Herzens“, Tolstoi: „Krieg und Frieden“, Sacher-Masoch: „Venus im Pelz“, Eröffnung des Suezkanals, Union Pacific trifft Central Pacific, Fahrrad mit Hinterradantrieb, Gründung der SPD.


The China Syndrome (1979 James Bridges)

„Was war das damals für eine anständige und tapfere Partei! Was für eine weitsichtige auch!“ (Sebastian Haffner meint den Protest der Sozialdemokraten im Norddeutschen Reichstag 1870 gegen die Annektion Elsaß-Lothringens, und dass sie stattdessen eine Volksabstimmung in Elsaß und Lothringen verlangten.)

Die Tänze damals waren Walzer, Galopp und Cancan, „der Wahnsinn der Beine“ (Rigolboche). Es ist das Zeitalter von Jacques Offenbach.

Siegfried Kracauer spricht (in: “Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit”) von einem dionysischen Taumel. “Geweckt wird dieser Rausch, der keinem vergangenen gleicht, durch die Geburt der Demokratie, Paris bringt ihn hervor, das große kosmopolitische Paris, in dem sich bereits die Umrisse der kommenden Gesellschaft enthüllen.”
Die Frauen zeigen Dessous und tiefste Dekolletés. Die Männer tragen Voll- und Knebelbärte, dazu neuartige Hüte, sogenannte „Melonen“.


Quatermass 2 (1957 Val Guest)

Klaus Wyborny: „Wenn in unseren Zivilisationen Großbauten entstehen, deren Grundform nicht das Rechteck ist, heißt das häufig, daß hier etwas umhüllt wird, das den Menschen physisch gefährlich ist, und dessen Verhalten sich nicht einmal approximativ zuverlässig vorhersehen läßt. Das gilt für Gasomenter und Kernreaktoren, für Beschleuniger und Fußballstadien (in denen die Angst vor der physischen Energie der Zuschauer mit der Rundform zu beschwichtigen versucht wird).“
(„Neues vom Rechteck“, 1979/80)


The Naked Gun (1988 David Zucker)

„Everywhere I look, something reminds me of her.”


Little Big Horn (1951 Charles Marquis Warren)

Marie Windsor, von Lloyd Bridges betrachtet

Wenn im Kino kleine Portraits zu sehen sind, deren Rahmung nicht rechteckig ist, heißt das häufig, dass hier eine Erinnerung eingefasst wird, die dem Helden physisch gefährlich werden kann, und deren Auswirkungen sich nicht vorhersehen lassen. Das gilt für Amulette und Taschenuhrdeckel, für Bilder von Frauen und Kindern, insbesondere von Müttern, Töchtern, Ehefrauen (deren Tod / Vergewaltigung / Untreue aus dem Helden einen Ruhelosen macht).


Dreamscape (1984 Joseph Ruben)

Die oben erwähnte Glorie (um den Flugzeugschatten herum) ist verwandt mit einem anderen optischen Effekt. Einem Schockeffekt, der Bergsteigern begegnet. Schon Goethe hat sich erschreckt vor seinem eigenen Brockengespenst


The Good Bad Man (1916 Allan Dwan)

Der Outlaw zeigt der Liebsten das Bild seiner Mutter. Er meint, er tauge nichts. Weil er seinen Vater nicht kennt.

„Der Vaterlose fühlt sich immer im Blickpunkt, sowohl im Guten wie im Bösen.“ (Peter Handke: „Vor der Baumschattenwand nachts“)

Der Wunsch der Mutter war: Der Sohn solle nicht in Gefahr geraten bei dem Versuch, den Vater zu rächen. Doch sie macht ihn zum Boten ihrer Wünsche. Doublebind en miniature.

Ein Rachedrama, aber trotzdem (weil von Dwan): ein springlebendiger Film, locker aufgebaut, nur lose gestapelt, aus beweglichen Dreiecken. Mittendrin nicht greifbar, just „Passin‘ Through“, Ödipus Fairbanks.


The Good Bad Man (1916 Allan Dwan)

Das Amulett hat die tödliche Kugel aufgefangen.


They Died With Their Boots On (1941 Raoul Walsh)

In The Adventures of Errol Flynn (2005 David Heeley) erzählt Olivia de Havilland von den Dreharbeiten zu The Adventures of Robin Hood (1939 Michael Curtiz). Von ihrem Vergnügen an den sechs, sieben, acht mal wiederholten Takes einer großen Kuss-Szene. Die vielen, vielen Küsse brachten Errol Flynn in Bedrängnis. „He had – if I may say so – a little trouble with his tights.“


King Of The Khyber Rifles (1953 Henry King)

Die Liebe vor dem Hintergrund nicht endender Kriege. In vielen Abenteuerfilmen und Western der 50er Jahre ist „Rassenmischung“ eine große, letzte Hoffnung.

Eigentlich gibt es „Rassen“ überhaupt nur in der Haus- und Nutztierzucht.


Showdown at Abilene (1956 Charles Haas)

Der deutsche Titel: Schüsse peitschen durch die Nacht

“Es versetzt in Erstaunen, dass man selbst als Cinephiler beim Betrachten dieser vielen wieder zugänglichen Filme erkennen muss, dass der gute alte amerikanische Western tatsächlich ein terrain vague ist, eine geradezu unbekannte filmische Gattung.” (Hans Schifferle)

“Das Erstaunliche ist, dass man, wenn man weiß, was die Worte wert sind, sich bemüht, was auch immer zu formulieren, und dass es einem gelingt. Es bedarf dazu freilich einer übernatürlichen Unverfrorenheit.” (E.M. Cioran)

Ich denke, ein Bild könnte die Arbeit mit den Worten überflüssig machen. Das ist natürlich Faulheit.


The Bravados (1958 Henry King)

Guy Endore stellte fest, dass es sicherlich kein bloßer Zufall ist, wenn wir das Wort „Augapfel“ auch gebrauchen, um das Kostbarste zu bezeichnen, das wir besitzen. Im Chinesischen bedeutet das Ideogramm für „Pupille“- „t’ung“ – zugleich „Baby“ oder „Puppe“.


Damals (1943 Rolf Hansen)

Im Griechischen bedeutet das Wort „kore“, das vielleicht in unserem „Kern“ fortlebt, sowohl „Augapfel“ wie „kleines Mädchen“. Warum? Mag es nicht darin liegen, daß ein Kind in dem kleinen Rundspiegel des müttelichen Auges zuerst zur Schule geht, zuerst die Antwort abliest auf seine erste und schrecklichste Frage: Wer bin ich?


Gražuolė (1969 Arūnas Žebriūnas)

Und die tröstliche Antwort, die aus diesem Spiegel widerstrahlt, lautet: „Du bist mein Augapfel. Du bist Mamas kleiner Liebling.“
Warum bedeutet im Hebräischen das Wort für „Pupille“ auch „kleiner Mensch“? Warum haben wir im Lateinischen das Wort pupilla, von dem sowohl das Wort „Pupille“ wie das englische „pupil“ = „Schüler“, „kleiner Gelehrter“ abgeleitet sind?
(Guy Endore, in: „Umweg bei Nacht“, 1958)


Harvey (1950 Henry Koster)

Ende

Montag, 20.04.2020

Auge und Umkreis (VIII)


The Whispering Chorus (1918 Cecil B. DeMille)

„Es ist so schwer den Anfang zu finden. Oder besser: Es ist schwer, am Anfang anzufangen. Und nicht zu versuchen, weiter zurückzugehen.“
(Ludwig Wittgenstein, 1948, Vermischte Bemerkungen)


The Affairs of Anatol (1921 Cecil B. DeMille)

Mit DeMille beginnen, heißt dem Irrtum entgehen, Anfänge wären unschuldig oder harmlos… es gäbe da in der Kindheit des Kinos noch keine Zerstörungswut. Archaisch, auch kindlich ist Aggression, die sich gegen das Abbild richtet.


La dame masqueé (1924 Victor Tourjansky)

Der Spiegel hat zwei Seiten. Die eine rückt zu nah heran, betont das Teilstückhafte, löst dadurch Angst aus. Die andere erst gibt Kontur und bietet das Ich zur Betrachtung an – – – mit den Augen der anderen.


Chicago (1927 Frank Urson)

Dali & Dr. Lacan waren fasziniert von den Schwestern Papin, die als Dienerschaft in Le Mans 1933 ihre Herrschaft, Mutter und Tochter, mit grobem Werkzeug ermordeten und ihnen (zuvor!) die Augen aus den Köpfen rissen.


Three on a Match (1932 Mervyn Leroy)

Der Gangster, der sich in Anwesenheit seiner Schergen die Haare aus der Nase zupft, ist nur eine (besonders böse) Nebenfigur in einem Frauenfilm von Mervyn LeRoy.


The Kiss Before the Mirror (1933 James Whale)

A Universal Picture. Ihr Blick in den Spiegel, ihr fest entschlossenes Schönseinwollen (für wen?) erweckt seine Eifersucht. Aber vollends vernichtet den Mann, dass sie durch den Spiegel auf ihn mit Verachtung schaut.
Mit seinem Wahnsinn impft er, zum Mörder geworden, seinen Anwalt. Oder steckt er ihn an?
Tragödie im Plural. Das Remake hieß Wives Under Suspicion


Strictly Dynamite (1934 Elliott Nugent), an RKO Radio Picture.

Der junge Autor (Norman Foster) betrachtet sich im Spiegel. Im Nacken sitzt ihm der Misserfolg. Es wurde ihm geraten, sich selbst anzupreisen – als regelrechter Sprengstoff.

Salvador Dali schreibt 1934 an André Breton: “I’m in Hollywood where I’ve made contact with the three American Surrealists, Harpo Marx, Walt Disney, and Cecil B. DeMille. I believe I’ve intoxicated them suitably and hope that the possibilities for Surrealism here will become a reality.”


Becky Sharp (1935 Rouben Mamoulian)

Nur eine Pose. Gerade noch hat sie (Miriam Hopkins) getanzt vor dem Spiegel.

„Das Gesicht ist ein Zeichen für die anderen, das ich selbst gar nicht entziffern kann – zumeist nicht einmal vor dem Spiegel, der mir stets verbirgt, was meine Geliebte, mein Feind, mein Kind oder mein Nachbar in meinen Gesichtszügen zu lesen glauben.“ (Thomas Macho: Wittgenstein und die Photographie, 2008)

„Aber es ist doch ein Jammer, dass jemand ganz allein für sich oft am schönsten ist.“ (Irmgard Keun: Nach Mitternacht, 1937)


The Plainsman (1936 Cecil B. DeMille)

Salvador Dali: “Die Wirklichkeit ist eine Begleiterscheinung des Denkens – eine Folge des Nichtdenkens, eine durch Gedächtnisschwund hervorgerufene Erscheinung.“

„Wenn du dich benimmst, werde ich dich ihm vorstellen“, sagte George Antheil zu Dali. Der küsste wenig später die Hände von Cecil B. DeMille und nannte ihn „den größten Surrealisten auf Erden“. DeMille hatte nichts dagegen, dass der Unbekannte ihm die Hände küsste, und ließ sich erklären, was das sei: ein Surrealist?


Go West Young Man (1936 Henry Hathaway)

Mae West. Komödiantin, Sexsymbol, Drehbuchautorin.
Dali porträtierte sie, machte aus ihrem Gesicht ein Appartement.


Go West Young Man (1936 Hathaway) – via

Angesichts der Gestaltung dieser Mahlzeit wird eine Beschwerde laut: Es sieht mich an! „Es sieht mich an!“ ruft ein alter Mann.

Dali erfand die „paranoisch-kritische Methode“ zur Herstellung von Doppel- oder Vexierbildern, zur Stimulation und Simulation von Halluzinationen.

“Dieses Laster, genannt Surrealismus, besteht in dem unmäßigen und leidenschaftlichen Gebrauch des Rauschgiftes Bild,“ sagt Louis Aragon.


Danger – Love at Work (1937 Otto Preminger)

„Im Film, wie auf der Photographie, sehen Gesicht und Haare nicht grau aus, sie machen einen ganz natürlichen Eindruck; Speisen in einer Schüssel dagegen sehen im Film oft grau und darum unappetitlich aus.“
(Ludwig Wittgenstein: Bemerkungen über die Farben)


The Sisters (1938 Anatole Litvak)

Ein Kapitel in John Dickson Carrs „Tod im Hexenwinkel“ (1933) ist einem Butler gewidmet, der gern ins Kino geht. Es wird da beschrieben, was Abenteuerfilme mit ihm machen: „Seine Seele wurde zu einem Ballon, einem Fesselballon zwar, aber immerhin einem Ballon.“

Es gefällt mir, wenn in einer handlungsreichen Erzählung plötzlich jemand Selbstgenügsamkeit an den Tag legt.

„Kaum konnte er lesen, hatte er auch die Geschichten der großen Entdeckungen verschlungen. Aber er nahm die Schilderungen nicht etwa kritiklos hin. Wenn er Robinson Crusoe gewesen wäre, hätte er vieles anders angepackt, vor allem aber die Insel niemals wieder verlassen.“
(Jules Verne: „Fünf Wochen im Ballon“)


The Buccaneer (1938 Cecil B. DeMille)

“Das menschliche Auge sehen wir nicht als Empfänger, es scheint nicht etwas einzulassen, sondern auszusenden. Das Ohr empfängt; das Auge blickt. (Es wirft Blicke, es blitzt, strahlt leuchtet.) Mit dem Auge kann man schrecken, nicht mit dem Ohr, der Nase. Wenn du das Auge siehst, so siehst du etwas von ihm ausgehen. Du siehst den Blick des Auges.” (Wittgenstein: Zettel)


Destry Rides Again (1939 George Marshall)

Sie (Marlene Dietrich) solle sich schämen, meint der Titelheld (James Stewart). Slut-shaming! Fast ein Grund, den Film nicht zu mögen. Aber das ist unmöglich – dank der Lieder (von Friedrich Hollaender), die sie singt.

„Da ist das berühmte von den boys in the backroom. Es ist eine Art von Vermächtnis einer Salon-Diva, die allen ihren boys zugetan ist – zweideutig und gutmütig zugleich -, und es läuft (soviel ich verstanden habe) darauf hinaus, dass sie sich auch über den Tod hinweg bei diesen Jungens noch ein herzhaft gutes Andenken bewahren will.“
(Dolf Sternberger, 1960)


The Letter (1940 William Wyler)

Sie (Bette Davis), die sich im Spiegel anschaut, sieht nicht, was wir sehen: die Tür zur Veranda, in den nächtlichen Garten hinaus, ins Mondlicht hinein, wohin es sie ziehen wird, auf der Suche nach irgendeinem Weg zu sterben.


The Little Foxes (1941 William Wyler)

Der Spiegel ist so positioniert, dass sie (Bette Davis) auf sich selbst herabblickt.
Wie es ist, sich zu vergleichen.

Es ergab sich so. Vom Geborgensein in der Katastrophe (Jules Verne) und vom “unrettbaren” Ich (Ernst Mach) führte eine Fährte hin zu Wassertropfen, Himmelskörpern, rundgerahmten Portraits und Spiegeln. Viele Monde vergingen, bis mir – im vorigen Kapitel – Exzesse des Argwohns (Agatha Christie und Wittgenstein) bei der Klärung halfen, was es werden soll, wenn es fertig ist: Eine Morphologie der Unsicherheit.


Cottage To Let (1941 Anthony Asquith)

In Austin Freemans „Auge des Osiris“ (1911) lobt der Detektiv den Erzähler, er habe Talent zum Ermittler: So selten zu finden sind diejenigen, die etwas notieren, was sie für unwichtig und irrelevant halten; wer nur das notiert, was ihm bedeutsam erscheint, macht alles falsch. „Denn er beraubt sich des Materials, über das er nachdenken könnte.“


Flying Fortress (1942 Walter Forde).

Genaugenommen ist niemand lange identisch. „Lippen und Zunge werden alle zwei Wochen erneuert. Die eigene Haut alle vier Wochen. Der allergrößte Teil des eigenen Körpers wird ständig neu synthetisiert. Man hat alle fünf Tage neue weiße und alle drei Monate neue rote Blutkörperchen. Die Zellen der Blutgefäße und des Darms werden alle fünf bis sieben Tage komplett ausgetauscht, sonst wäre man längst tot; die Oberfläche der Lunge alle acht Tage, die Knochen alle zehn Jahre. Die meisten der inneren Organe innerhalb von zwei bis drei Monaten (…) Nur der Zahnschmelz bleibt (wenn auch mit Löchern). Die Linse im Auge; und das Hirn.“ (Valentin Groebner in einem Radio-Essay, 2020)


Went the Day Well? (1942 Alberto Cavalcanti)

„Damals gehörten die Hoden für mich noch nicht zu der Assoziation Auge und Ei. Mein Freund wies mich auf meinen Irrtum hin. Wir schlugen in einem Lehrbuch der Anatomie nach, wo ich sehen konnte, dass die Hoden von Tieren und Menschen eiförmig sind und Aussehen und Farbe des Augapfels haben.“ (Georges Bataille: „Die Geschichte des Auges“)

Dali war der Ansicht, alle Kreativität hätte ihren Ursprung in den Hoden. Deshalb könnten Frauen keine Künstler sein. Das Schönste, was von Dali bleiben wird, ist das Buch, das Amanda Lear über ihn schrieb.


On Approval (1944 Clive Brook)

Diese britische Sexkomödie beginnt mit der Frage: Schon wieder ein Kriegsfilm? Nein, nein.

In der britischen Kinderkomödie Miss Robin Hood (1952 John Guillermin) brüllen wütende Kinder den Slogan “Down with Dali!” Der Grund dafür: Ihr Lieblingscomic hat plötzlich einen neuen Autor, der überhaupt nicht spannend erzählen kann, sich stattdessen in Kunsthistorie verzettelt.


Bluebeard (1944 Edgar Ulmer)

Der Maler (John Carradine) ist auch Puppenspieler und Mörder. Die Mordlust kommt beim Malen. Auf dem Umweg durch den Spiegel sollen sich Blick und Anblick verharmlosen.


Paris Underground / Madam Pimpernel (1945 Gregory Ratoff)

Ein Ehestreit. Es geht um Politik. Deshalb die Trennung. So fängt diese Geschichte an. Sie handelt von Freundschaft, Liebe, Widerstand. Ein Propagandafilm. Geringgeschätzte, hohe Kunstform. Hauptdarstellerin Constance Bennett war auch die Produzentin.


Spellbound (1945 Alfred Hitchcock)

Das Schuldgefühl, Überlebender zu sein.
An der Stelle des toten Bruders zu stehen, totenstarr.

Dalis Eltern erzählten ihm von klein auf, er sei die Wiedergeburt seines Bruders, der den gleichen Namen trug, und dessen Grab sie häufig besuchten – zusammen mit ihm, der dort Blumen auf einen Grabstein mit seinem eigenen Namen legte.
Dali meinte, dass er und sein Bruder „wie zwei Tropfen Wasser einander ähnelten, aber wir hatten unterschiedliche Reflexionen.“

Lacan meinte: Noch bevor wir zwei Jahre alt werden, erkennen wir uns im Spiegel. Zwischen den Geburtsjahren von Lacan (1901) und Dali (1904) liegen die Lebensdaten ihrer Brüder: 1901, im selben Jahr wie Lacan, wurde Dalis Bruder geboren. Er starb 1903. Lacans Bruder wurde 1902 geboren und starb 1904, in Dalis Geburtsjahr.


Spellbound (1945 Alfred Hitchcock)

Seinem „systematisierten Delirieren“ entsprach die Art, wie Dali sprach, eine unaufhörliche Attacke auf die korrekte Aussprache, mit der Ausdauer eines Kindes.

Dali und Lacan importierten Freud nach Frankreich. Philosophie aus Österreich gibt dem Gesprochenen den Vorrang vor der Schrift. Worüber man nicht schreiben kann, davon soll die Rede sein.


Dali & Dr. Lacan und Wittgensteins Hasen-Entenkopf

Jastrows berühmter „Hasen-Entenkopf“ beschäftigte Wittgenstein so sehr, dass er den Gesichtsausdruck und den Charakter des Hasen kritisch besprach.

Als Dali und Lacan, von gegenseitigem Respekt und gleichen Interessen erfüllt, einander in Paris zum ersten Austausch von Ideen trafen, da hatte der Maler etwas im Gesicht, etwas, das der Psychiater nicht ansprach: An Dalis Nasenspitze klebte ein Stück Zigarettenpapier. Das hatte beim Malen störende Reflexe auf einer Kupferplatte vermindern sollen, und war, wenn man Dali glaubt, ganz unabsichtlich an seiner Nase verblieben, ganz einfach vergessen worden. Erst anschließend, wieder allein, beim Blick in den Spiegel fiel es ihm auf. Aha, dachte Dali, war DAS also der Grund für die seltsame Art, wie Lacan ihn während des zweistündigen Gesprächs immer wieder angeschaut hatte?
„Aber warum haben Sie denn damals nichts gesagt?“ fragte Dali vier Jahrzehnte später beim Wiedersehen in New York…
Lacan war der Ansicht gewesen, Dali habe mit dem Papier auf der Nasenspitze eine irritierte Reaktion auslösen wollen, und deshalb hatte Lacan mit keiner Wimper gezuckt.


The Chase (1946 Arthur Ripley)

Der Gangster (Steve Cochran) ist auch Kind und Sadist.
In Bologna sah ich Steve Cochran in Tomorrow is another Day (1951 Felix Feist). Da spielte er einen, der mit 13 wegen Mordes ins Gefängnis kam und achtzehn Jahre später, wieder auf freiem Fuß, nichts über das Leben oder die Liebe weiß. Doch schlimmer als seine Unerfahrenheit ist die dunkle Ahnung, dass sich im Leben alles endlos wiederholt.


Jules Verne: „Fünf Wochen im Ballon“, 1863

„Ich werd‘ verrückt: da drüben fliegt noch ein Ballon… gib Zeichen mit der Fahne… tatsächlich sie erwidern… eine englische Fahne, genau wie unsere… “

Nachdem die Täuschung erkannt und auf Luftschichten verschiedener Dichte zurückgeführt ist, sagt einer der drei Reisenden: „Ich finde, wir sehen in diesem Luftspiegel recht imponierend aus.“


Bedelia (1946 Lance Comfort)

Eine schwarze Perle. So wertvoll, dass Bedelia (Margaret Lockwood) ihren Besitz als Fälschung ausgeben muss, um sich damit schmücken zu dürfen.
Sie will sich auch nicht fotografieren lassen. Aber in ihrem Schlafzimmer sind vier Spiegel.
Der Film enthüllt und feiert ihr Geheimnis, „the deepest of human mysteries – a problem that no detective, physician nor psychologist has ever solved.“


That Brennan Girl (1946 Alfred Santell)

Das Mädchen lernt den Gebrauch des Lippenstifts. Dem Film geht es darum, dass die Tochter anders werde als die Mutter, mütterlicher.

Von einigen der Filme, die von Republic produziert wurden, geht jene Faszination aus, die nur der Redner ausübt, der sich selber gründlich widerspricht.


The Secret Beyond the Door (1947 Fritz Lang),

A Universal Picture.
Verheiratet mit einem Mörder? Der Plot der 40er.
Ihr Mann sammelt Innenarchitektur – die Einrichtung von Räumen, in denen ein Mord geschah.

„Ich habe oft aus einem dummen amerikanischen Film eine Lehre gezogen.“ (Wittgenstein, 1947, Vermischte Bemerkungen)


Take My Life (1947 Ronald Neame)

Ein Mordfall. Das Medaillon führt auf eine Fährte. Die falsche. An die Unschuld des Angeklagten glaubt einzig seine Frau (Greta Gynt). Die folgt im Alleingang einer anderen Spur. Den Noten einer Partitur. Der deutsche Verleihtitel: Das Rettende Lied


The Paradine Case (1947 Alfred Hitchcock)

„Das Bewusstsein in des Andern Gesicht. Schau ins Gesicht des Andern und sieh das Bewusstsein in ihm und einen bestimmten Bewusstseinston. Du siehst auf ihm, in ihm, Freude, Gleichgültigkeit, Interesse, Rührung, Dumpfheit, usf. Das Licht im Gesicht des Andern.“ (Wittgenstein: Zettel)


The Amazing Mr. X (1948 Bernard Vorhaus)

Zwei Schwestern vor dem Spiegel. Es geht um die Quantität von Lippenstift und die Frage: Wer ist die Vernünftigere? Die Witwe hört nachts in ihrem zu großen Haus an der Steilküste eine Totenstimme. Die jüngere Schwester verliebt sich in einen Spiritisten. (Der wird gespielt vom erstaunlichen Turhan Bey.) Licht ins Dunkel bringt ein Detektiv, der einst Zauberkünstler war. Dunkel ins Licht bringt der Kamera-Magier John Alton.
Der Regisseur Bernard Vorhaus (schön ist auch sein Crime on the Hill von 1933) kam, vom FBI als verdächtig “vorzeitiger Antifaschist” klassifiziert, auf Hollywoods schwarze Liste und wurde in den 50ern in Italien unter Pseudonym Second-Unit-Regisseur von Wyler und Vidor.


The Weaker Sex (1948 Roy Ward Baker )

Ein Film gegen die Depression, die nach dem Krieg auf England lag.

„Ich stelle mir ein kleines Zimmer vor, das – an einen Fesselballon geknüpft – hoch oben in den Wolken hängt. Mein Schwebezimmer besteht aus einem Bett, in dem ich liege. Neben mir habe ich die notwendigsten Getränke, Rauchwaren und Nahrung. Niemand kann zu mir. Um mich sind nur Wolken. Ich habe Zeit. Ich könnte anfangen, mal Ordnung in mir zu schaffen. Wie eine alte Kommodenschublade kommt mein Hirn mir manchmal vor, vollgestopft mit Überflüssigem. Vielleicht ist hier und da auch was Brauchbares unter dem alten Ramsch. Ich müsste mal in Ruhe aussortieren können. Vielleicht würde ich auch zu faul sein, um in meiner Hirnschublade aufzuräumen, und würde sie einfach ausleeren. Vielleicht würde ich nur schlafen. Vielleicht würde ich wochenlang da oben bleiben, vielleicht würde ich nach ein paar Tagen wieder reif für die Menschen sein und sie nett und reizend finden.“ (Irmgard Keun: „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“, 1950)


Die Zeit mit Dir (1948 Georg Hurdalek)

Gegen die Depression: Die Dauerwelle. Es ist ihre erste.

Nachkriegszeit, das ist auch in den Filmen: Wiederbelebung durch Sex.

„Von den Sätzen, die ich hier niederschreibe, macht immer nur jeder soundsovielte einen Fortschritt, die anderen sind wie das Klappern der Schere des Haarschneiders, der sie in Bewegung erhalten muss, um mit ihr im rechten Moment einen Schnitt zu machen.“ (Wittgenstein, 1948, Vermischte Bemerkungen)


Höllische Liebe (1949 Géza von Cziffra)

Elfie Mayerhofer singt vor der südlichen Hemisphäre einer sich drehenden Weltkugel-Kulisse.

Ein alter filmkritischer Vorwurf lautet: historische Ereignisse seien „lediglich als Hintergrund“ (für irgendwas) benutzt worden. Ein intelligenter Mensch aber wird sich immer beschweren, nur als Vordergrund (für irgendwas) benutzt zu werden.

Geza von Cziffra hat mit Einstein und Schönberg Tischtennis gespielt; Tennis mit Staudte und Nabokov; er kannte alle. Seine Erinnerungen sind „Anekdoten-Raserei“, so nennt er die Sache selbst. Im Bastei-Lübbe-Taschenbuch (Wartesaal zum Ruhm, 1985) zitiert er gern ausführlich. Zum Beispiel den Dadaisten Huelsenbeck: „Der deutsche Dichter hat die Dichtung gepachtet. Er meint, das müsste alles so sein. Er begreift nicht, welch ungeheuren Humbug die Welt mit dem ‚Geist‘ treibt und dass es gut ist, dass Humbug damit getrieben wird.“


Night Unto Night (1949 Don Siegel)

Zwei Schwestern, Rivalinen, begrüßen einander im Spiegel. Und ein Arzt sieht tief ins Auge seines Patienten.
In einem alten Haus an der Ostküste Floridas treffen sich Geisterspuk und Epilepsie; eine schöne Witwe (Viveca Lindfors), die Stimmen hört, und ein Wissenschaftler (Ronald Reagan), der lieber tot als krank sein möchte. Der Meeresstrand und die Musik (Franz Waxman) geben dem Film die wesentlichen Konturen.


La beauté du diable (1949 René Clair)

Die Angst hat Michel Leiris mal gut beschrieben als das, was uns daran erinnert, „dass man selber dem körperlichen Verfall nicht entrinnen kann, wenn einmal die Uhr abgelaufen ist, und dass jetzt, wo das Alter meine Abwehrkräfte untergräbt, die ich noch nötiger hätte als je zuvor, meine abstrakte Angst vor dem Unausweichlichen tief genug ist, um von jedem beliebigen Umstand wachgerufen zu werden und sich praktisch in der Angst vor allem niederzuschlagen.“

In Friedrich Hollaenders Chanson „Das „Berg- und Talbahngefühl“ kommt die Angst in erster Person singular zu Wort, sie klagt, man habe sich an sie – den ständigen Begleiter – längst gewöhnt. Das wunderschön traurige Lied endet überraschend mit dem Rat: „Hab lieber Angst und sogar sehr, denn wer nicht Angst hat, der will gar nichts ändern mehr.“


The Red Menace (1949 R.G. Springsteen)

A Republic Production. Ein Journalist verlässt die Kommunistische Partei. In der Folge findet er nirgendwo mehr Arbeit. Überall kennt man seine Vergangenheit. Um ein Bild für seine Verzweiflung zu finden, geht die Republic-Produktion raus aus dem Studio auf unabgesperrte Locations, in die Stadt bei Nacht, wo der Ausgeschlossene umherirrt. Ob er will oder nicht, betritt der antikommunistische Film so den realen Alptraum des Antikommunismus.


Hellfire (1949 R.G. Springsteen)

Hellfire stromert stolz herum im Grenzgebiet von Feminismus und Fetischismus, in zweifarbigem Trucolor zwischen türkisem Himmel und orangenem Höllenfeuer.
Marie Windsor, Queen of the Bs, Swamp Woman, No Man’s Woman… Unter ihren 170 Filmauftritten war die gefährliche Doll Brown in Hell Fire ihre Lieblingsrolle.


1860 wurde Annie Oakley geboren.
1870 starben Dickens und Dumas.

Das wäre eine Kurzfassung des Rückblicks auf die 1860er. Ein Rückblick, den ich im nächsten Kapitel wagen will.

Noch einmal Jules Verne, Fünf Wochen im Ballon (1863): Um Mitternacht flammte es plötzlich überall auf. Tausende von Tauben mit ölgetränkten, brennenden Schwanzfedern durchkreuzten die Luft, sie waren losgelassen worden, den Ballon in Brand zu stecken.

Freitag, 10.04.2020

Retrospektive Klaus Wyborny

„… eine jener Gelegenheiten, denen man nicht zweimal begegnet.
Er fragte, ob ich etwas vorhätte in nächster Zeit.
In seinen grauen Augen glitzerte die Angst.
3 Tage später trafen wir Carla in Acapulco.“
Das offene Universum (1989 Klaus Wyborny)

Filmuseum München
ab heute auf vimeo

*

Termine

Friday 10.4. to Monday 13.4.
Das offene Universum (1989) & Laudatio auf Tilda Swinton (2013)

Monday 13.4. to Thursday 16.4.
Hommage an Ludwig van Beethoven (1978/2006) & Zagreb Lecture (2010)

Thursday 16.4. to Friday 17.4.
Im imaginären Museum – Studien zu Monet (2014)
Mit Farocki denken (2015) & Bücher (2010)

Friday 17.4. to Monday 20.4.
Studien zum Untergang des Abendlands/Studies for The Decay of the West (1979/2010)

Monday 20.4.
Histoire du Cinéma (1974/2003)

Tuesday 21.4. to Wednesday 22.4.
Histoire du Cinéma (1974/2003)
Die Geburt der Nation – The Birth of a Nation (1973)

Wednesday 22.4. to Friday 24.4.
Sulla (2001)

Friday 24.4. to Monday 27.4
Syntax
Am Häuserfilm
Bartleby + Bartleby (englisch)
Der Ort der Handlung (alle 1976)

Monday 27.4 to Wednesday 29.4.
2084 (1982)
William Parmagino (1969)
Lecture: Wie mache ich einen Science Fiction Film. Tag 1 und 2

Wednesday 29.4 to Friday 1.5.
The Ideal Extended version (1974/78)
Auf der Suche nach dem verlorenen Schlachtfeld
Okto TV Interview with K. W.

Friday 1.5 to Monday 4.5.
Syracuse (2012)
Talk Wien Syrakus

Monday 4.5. to Wednesday 6.5.
Eine andere Welt
Zwischen den Bildern Interview with K. W.

Wednesday 6.5. to Friday 8.5.
Dämonische Leinwand – Demonic Screen (1968/70)
Interview 2016 with K. W. (Philosophenturm)

Friday 8.5. to Monday 11.5.
Unerreichbar heimatlos – Unreachable Homeless (1977)
Pictures of the Lost World (1974)
Berlin Lecture: Physics and film

Monday 11.5 to Wednesday 13.5
Am Rand der Finsternis – At the Edge of Darkness (1985)
Gnade und Dinge – Grace, Things (1985)

Wednesday 13.5. to Friday 15.5.
Verlassen; Verloren; Einsam, Kalt – Abandoned; Lost; Lonely, Cold (1992)
Ein Abend in Hammamet (2002)

Friday 15.5. to Monday 18.5.
Aus dem Zeitalter des Übermuts – From the Age of Lightheartedness (1993)
A room of my own (2009)
Interview mit Klaus Wyborny (1994)

Monday 18.5. to Wednesday 20.5.
Das letzte Jahr – The Last Year (2009)
Percy McPhee Agent des Grauens [Komplett] (1970)

Wednesday 20.5. to Friday 22.5.
Early Forms of Filmic Narration – Italien im Mittelalter (2017)
Die Vorhallenmosaiken von San Marco (2017)

Friday 22.5. to Monday 25.5.
Das Licht der Welt – The Light of the World (2015)
Im Imaginären Museum II Westwerk (2012)

Catalogue raisoné of Wyborny’s film- and videoworks
http://wyborny.cinegraph.de/Wymac/ATYPEE/Vita/Materie/Catal.htm

Sonntag, 01.12.2019

Auge und Umkreis (VII)


Mr. Moto Takes a Chance (1938 Norman Foster)

Als er seine Brille zum Putzen vor sich hochhält, erkennt Mr. Moto (Peter Lorre) darin gespiegelt: die Messerattacke!


Dear Murderer (1947 Arthur Crabtree)

Sie (Greta Gynt), die in den Spiegel schaut, muss sich fürchten vor dem Blick, der im Dunkel auf sie lauert. Zuhause.


Cage of Gold (1950 Basil Dearden)

Zum Schminkspiegel gehört der Handspiegel.
Als ihr Blick sich von diesem löst, sieht sie (Jean Simmons) klar: Den Falschen hat sie geheiratet.

„Was ich in diesem Augenblick empfand, kann ich am besten beschreiben, wenn ich jenen Alptraum meiner Kindheit heraufbeschwöre – das Entsetzen, das es für mich bedeutet, wenn ich an einem Tisch sitze, den Blick auf meine beste Freundin richte und plötzlich sehe, dass diese Person eine Fremde ist.“ (Agatha Christie: „Meine Gute Alte Zeit“, 1950-1965)


The Woman in Question (1950 Anthony Asquith)

Ein britisches Rashomon. Ein Frauenportrait, misogyn.
Der Handspiegel verdeckt ihre Sicht. Das Ganze ist eine Rückblende, während der Detektiv und der Mörder in ein Goldfischglas schauen.


Murder Without Crime (1950 J. Lee Thompson)

„Es ist für unsere Betrachtung wichtig, dass es Menschen gibt, von denen jemand fühlt, er werde nie wissen, was in ihnen vorgeht. Er werde sie nie verstehen. (Engländerinnen für Europäer.)“
(Ludwig Wittgenstein, 1948)

In ihrer Autobiografie, in der der Einleitung, datiert 1950, sagt Agatha Christie, dass sie sich selbst nicht so ganz kennt.

Sie war ein Jahr jünger als er. Er war ein großer Fan von ihr. Beide, sowohl Wittgenstein als auch Agatha Christie, schrieben im ersten Weltkrieg ihr erstes Buch.

Er war DER Philosoph des 20.Jahrhunderts. Sein Traktat erklärt, dass alles, was keine Tatsachenaussage ist, „unsinnig“ sei, also ausdrücklich auch sein Traktat.

Sie war DIE Krimiautorin des 20.Jahrhunderts. Ihr erster Welterfolg erzählt von einer Mördersuche, an deren Ende der Erzähler überführt wird.


Olivia (1951 Jacqueline Audry)

Eine Engländerin in Frankreich, allein unter Französinnen.

Die menschliche Natur ist überall dieselbe“ sagt Miss Marple, in „Das Geheimnis der Goldmine“.

Nachdem er im Frühwerk frech der Wissenschaftssprache zu „schweigen“ gebot, entdeckte Wittgenstein an der Alltagssprache: Die Sprache ist immer auch Tun. „Worte sind Taten.“

Agatha Christie kam in ihrem Meisterwerk „Vorhang“ (geschrieben im 2. Weltkrieg, aber 30 Jahre später erst veröffentlicht) zu dem Schluss: Sprache ist ein Tötungsinstrument.


Don’t Bother To Knock (1952 Roy Ward Baker)

Die Babysitterin (Marilyn Monroe) ist suizidal und einsam, wie es schlimmer nicht geht. Was dem Mann (Richard Widmark) fehlt, ist Empathie.
Nach einer Vorlage von Charlotte Armstrong, Chabrol verfilmte zwei ihrer Bücher.


Sudden Fear (1952 David Miller)

Drehbuchautorin Lenore Coffee erzählt: „I ran away from home when I was fourteen. My plot sense was already developed because it took them two days to find me.“ Von den Eltern nach dem Grund gefragt, sagte sie: Langeweile. Zur Strafe kam sie in eine Klosterschule mit „french nuns“. Das gefiel ihr, sie wurde katholisch und lernte Latein. Schon mit 4 Jahren hatte sie sich selbst (irgendwie) das Lesen beigebracht.

Auch Agatha Christie hat, ohne fremde Hilfe, mit vier schon das Lesen erlernt. Ihr Schreibtalent sah sie rückblickend in einer ganzen Schar imaginärer Spielkameraden angekündigt.


Man in the Attic (1953 Hugo Fregonese)

Der unheimliche Untermieter (Jack Palance) sagt: “The police are searching for a criminal. In reality, there are no criminals, only people who do what they must do because of what they are.”
Es zieht ihn hin zu dem „in dunkler Ruhe dahinströmenden Wasser der Themse, das ewigen Frieden verspricht.“ (Christoph Huber)

„Wittgensteins Philosophie ist sein Selbstheilungsversuch, zur Ruhe zu kommen, alle philosophischen Sinnprobleme zum Verschwinden, insbesondere das eigene Selbst (die Einsamkeit des Solipsisten, des Einzigen) hinter sich zu bringen, fähig zu sein, das Philosophieren (also die Therapie) abzubrechen.” (Günter Schulte)


Ciske de Rat (1955 Wolfgang Staudte)

Der Vater ist Seemann. Die Mutter ist das Problem. Der Dreizehnjährige löst es im Affekt. Halb Paukerfilm, halb Apologie des Muttermords.

„Nur wo die Mischung zwischen Aggression und Libido nicht zustande kommt oder wo später Entmischungen vorfallen, wird die Aggression (als reine Aggression oder Destruktion) zur Bedrohung des sozialen Verhaltens. (…) Wo die Fusion zwischen Aggression und Libido sich nicht durch neue geglückte Objektbindungen wiederherstellt, geht der weitere Entwicklungsweg zur Verwarlosung und Kriminalität.” (Anna Freud: „Wege und Irrwege in der Kinderentwicklung“, 1965)


The Bad Seed (1956 Mervyn LeRoy)

„Für den plötzlichen Schrecken, das Gefühl von Verdammnis gibt es keinen Grund, außer dass die Umstände alle den inneren Zweifel, die innere Furcht spiegeln.” (Sylvia Plath, 1956)


Smultronstället (1957 Ingmar Bergman)

„Ich war immer außerordentlich robust gewesen und konnte mir gar nicht vorstellen, dass Kummer, Sorge und Überarbeitung eine echte Bedrohung der Gesundheit darstellen. Aber ich erlitt einen Schock, als ich eines Tages einen Scheck unterschreiben wollte und mich nicht an meinen Namen erinnern konnte.
‚Aber natürlich‘, sagte ich laut vor mich hin, ‚natürlich kenne ich meinen Namen. Aber … aber wie lautet er?‘“
(Agatha Christie: „Meine gute alte Zeit – Die Autobiographie einer Lady“)


Murder by Contract (1958 Irving Lerner)

„Es gehört zum paradoxen Wesen des Kunstwerks, dass es einerseits einen Übergangscharakter trägt und sich als geschichtliches Phänomen in eine chronologische Reihe eingliedert, andererseits diesen transitorischen Charakter und den Zusammenhang mit anderen künstlerischen Erscheinungen von sich abstreifen und als vollkommen isolierter, beispiel- und beziehungsloser Einzelfall dastehen muss, um zum Gegenstand eines unmittelbaren, affektbetonten mikrokosmischen, auf die Lebenstotalität bezogenen Erlebnisses zu werden.“ (Arnold Hauser: Kunst und Gesellschaft)


The Brides of Dracula (1960 Terence Fisher)

Sie müsste sich umdrehen, um den Mann zu sehen, der im Spiegel unsichtbar ist.

Agatha Christie hatte ein schlechtes Personengedächtnis. „Ich kann wirklich nicht sagen, daß ich ‚nie ein Gesicht vergesse’. In Wahrheit ist es eher so, daß ich mich ‚nie an ein Gesicht erinnere’”

Wittgenstein sagte (zu seinem Studenten Drury), wie sehr ihm Agatha Christies Bücher gefielen. Nicht nur auf Grund der genialen Plots, sondern auch wegen der Figuren, die so gut gezeichnet seien, dass sie als wirkliche Menschen erschienen.


Charles Allan Gilbert: All is Vanity (1892)

„Meine Schwester hatte ein Spiel erfunden, das mich gleichzeitig bezauberte und zu Tode erschreckte. Es hieß ‚Die ältere Schwester’. Es ging davon aus, dass es in unserer Familie eine ältere Schwester gab, älter als Madge und ich. Sie war wahnsinnig und lebte in einer Höhle bei Corbin’s Head, kam aber manchmal zu uns nach Hause. Im Aussehen war sie von meiner Schwester nicht zu unterscheiden, wohl aber in ihrer Stimme. Es war eine erschreckende, weiche, ölige Stimme.
‚Du weißt, wer ich bin, nicht wahr, Schätzchen? Ich bin deine Schwester Madge. Du glaubst doch nicht, ich wäre jemand anders, oder? So etwas kommt dir doch nicht in den Sinn, nicht wahr?’
Panische Angst befiel mich. Natürlich wußte ich, dass es nur Madge war, die mir etwas vormachte – aber war sie es auch wirklich? Diese Stimme, diese Augen, die mich tückisch von der Seite ansahen. Es war die ältere Schwester!“
(Agatha Christie: “Meine gute alte Zeit”)


Naked City – Which Is Joseph Creeley? (1961 Arthur Hiller)

„Alles ist grau,“ sagt Joseph Creeley (Martin Balsam).

„Ein Mann, welcher bewusstlos im Typhus liegt, erwacht eines Tages, glaubt aber zwei Körper zu haben, die in zwei verschiedenen Betten liegen, von denen der eine genesen ist und einer köstlichen Ruhe genießt, während der andere sich elend befindet. – Ein Polizeisoldat, welcher durch mehrere Schläge auf den Kopf eine Gedächtnisschwächung erfuhr, glaubte aus zwei Personen von verschiedenem Charakter und Willen zu bestehen, welche beziehungsweise in der rechten und linken Körperhälfte ihren Sitz hatten. – (…) Eine bekehrte Prostituierte wurde in ein Kloster aufgenommen, verfiel in religiösen Wahnsinn, worauf Stupidität folgte. Dann folgt eine Zeit, in welcher sie abwechselnd Nonne und Prostituierte zu sein glaubt und sich dementsprechend benimmt.“
(Ernst Mach: „Reflex, Instinkt, Wille, Ich.“)


Night of the Eagle / Burn, Witch, Burn (1962 Sidney Hayers)

Ein radikaler Kämpfer gegen den Aberglauben muss begreifen lernen, dass seine Frau ihn liebend unterstützt und vor Feinden auf dem akademischen Feld beschütz – mittels Hexerei.

„Ich bin in England. Alles um mich herum sagt es mir, sowie ich meine Gedanken schweifen lasse und wohin immer, so bestätigen sie’s mir. – Könnte ich aber nicht irre werden, wenn Dinge geschähen, die ich mir jetzt nicht träumen lasse?“
(Wittgenstein: „Über Gewissheit“, 1951)


Naked City – King Stanislaus and the Knights of the Round Table (1962 James Sheldon)

“If Baby Looks Like Mother” / “If Baby Looks Like Father” Eine Studie in Selbsthass.

Noch bevor wir das Aussehen, die Talente und die Krankheiten von unseren Eltern erben, da treten wir schon das erste Erbe an: ihre Ängste. Das Vorauserbe Angst.


Les Doulos (1962 Jean-Pierre Melville)

Man sagt, Darwin hätte jedes Mal, wenn er einen Pfau betrachtete, Übelkeit verspürt.

„Als ein Grundgesetz der Naturgeschichte könnte man es, glaube ich, betrachten, dass, wo immer etwas in der Natur ‚eine Funktion hat’, ‚einen Zweck erfüllt’, dieses selbe auch vorkommt, wo es keinen erfüllt, ja ‚unzweckdienlich’ ist.
Erhalten die Träume manchmal den Schlaf, so kannst du darauf rechnen, dass sie ihn manchmal stören; erfüllt die Traumhalluzination manchmal einen plausiblen Zweck (der eingebildeten Wunscherfüllung), so rechne darauf, dass sie auch das Gegenteil tut.“
(Wittgenstein, 1948, Vermischte Bemerkungen)


Transport z raje (1963 Zbynek Brynych)

Brynych: „Spiegel sind einfach faszinierend. Das hat damit zu tun, dass die Menschen einander selbst fremd sind.“


Goldfinger (1964 Guy Hamilton)

James Bond sieht im Auge der Frau nicht sich selbst, sondern den fremden Angreifer gespiegelt.

In The Mummy’s Shroud (1966 John Gilling) sieht ein Archäologe in der Kristallkugel einer Wahrsagerin die mörderische Mumie – gespiegelt, direkt hinter sich.


Bunny Lake is Missing (1965 Otto Preminger)

Der erschrockene Blick gilt der klaffenden Lücke auf einer Badezimmerablage.
Die „Filmsprache“ muss, wie Klaus Wyborny bemerkte, ohne das wichtige Wort „Nein“ auskommen, aber manche Filme finden Wege, das Nichts zu zeigen – und die Angst davor zu wecken.


Belphegor (1965 Claude Barma)

Zu blauen Wolken trug mein Sehnen mich
Mein Fuß ging fehl. Des Lebens Traum verblich
Nun bin ich weiß. Heimlich im blanken Spiegel
Bedauern sich mein Spiegelbild und ich.
(Dschang Giu-Ling: „Selbstbetrachtung“;
übersetzt von Günther Debon)


The Night of the Generals (1967 Anatole Litvak)

Ein Mörder wird gesucht unter deutschen Generälen. Die Nadel im Nadelkissen.


The Detective (1968 Gordon Douglas)

Im Rückspiegel sieht der Polizist seine Frau mit einem anderen Mann.


Zur Sache Schätzchen (1968 May Spils)

Er (Werner Enke) lässt sich von ihr (Uschi Glas) einen Spiegel geben, schaut hinein und sagt: „Es wird böse enden.“

Ihren Versuch, seine Furcht vor dem Altwerden zu zerstreuen, nennt er: Pseudophilosophie.


Midnight Cowboy (1969 John Schlesinger)

Die heutige Jugend sagt laut:
Der Weltuntergang wird kommen
und die Generation nach uns treffen.

Die Alten sagen bedächtig:
Wir haben die Autoindustrie
von unseren Kindern nur geliehen.



This Island (1970 Leo Hurwitz & Peggy Lawson), Kamera: Manfred Kirchheimer / via

Ein Museum ist eine Insel. Dieser Kurzfilm portraitiert das Detroit Institute of Art – und seine nähere Umgebung. Volker Pantenburg wies mich darauf hin, wie gut der Film unter die Überschrift “Auge und Umkreis” passt.

Max Goldt hat mal festgestellt, wie gerne wir im Museum aus dem Fenster schauen. Ein möglicher Grund dafür kann sein: Wie intensiv die Bilder uns ansehen!


T.R. Baskin (1971 Herbert Ross)

Sie (Candice Bergen) sagt,
ihr Vorname – T.R. – sei: Thelma Ritter.

„Teil zu sein von etwas, das man überhaupt nicht versteht, ist, so meine ich, einer der faszinierendsten Aspekte des Lebens.“ (Agatha Christie, in der Einleitung zu ihrer Autobiografie, 1950, im Irak)

Im Kino setzte sich Wittgenstein immer in die erste Reihe.


Mon oncle Antoine (1971 Claude Jutra), Kamera: Michel Brault

1966 dokumentierten Brault & Jutra traumhaft schön das Rollbrettfahren in Montreal: Rouli-roulant / The Devil’s Toy

Agatha Christie erlernte auf einer Weltreise im Jahr 1922 das Surfen.


Das so genannte Normale (1974 Bernd Dost)

Im Dezember 1926, nach einem heftigen Streit mit ihrem untreuen Ehemann, ereignete sich das bis heute ungeklärte Verschwinden der Agatha Christie. Ihr Auto wurde an einem Kreidebruch gefunden. Mehr als tausend Polizisten und 15.000 Freiwillige durchkämmten die Landschaft. Sir Arthur Conan Doyle gab, um sie zu finden, einem spiritistischen Medium einen von Christies Handschuhen. Erst nach zehntägiger Suche fand man sie in einem Hotel in Yorkshire, eingetragen unter dem Namen der Geliebten ihres Mannes. Zwei Ärzte diagnostizierten einen Gedächtnisverlust. Vermutet wurde hingegen, die Krimiautorin habe ihren Noch-Ehemann zumindest vorrübergehend einem öffentlich um sich greifenden Mordverdacht aussetzen wollen.


Profondo Rosso (1975 Dario Argento)

Wittgenstein, 1946: „Den Wahnsinn muss man nicht als Krankheit ansehen. Warum nicht als eine plötzliche – mehr oder weniger plötzliche – Charakteränderung? Jeder Mensch ist (oder die Meisten sind) misstrauisch, und vielleicht gegen die Verwandten mehr, als gegen Andere. Hat das Misstrauen einen Grund? Ja und nein. Man kann dafür Gründe angeben, aber sie sind nicht zwingend. Warum soll ein Mensch nicht plötzlich gegen die Menschen viel misstrauischer werden? Warum nicht viel verschlossener? (…) Und viel unzugänglicher?“


Dressed to Kill (1980 Brian de Palma)

Begegnung im Museum… Messer und Spiegel und Auge und Opfer und Mörder… ein Kreis alter Bekannter.

Der Konvexspiegel dient, den Raum zu überblicken und Gefahren zu erkennen.


The Man With Two Brains (1983 Carl Reiner)

Im Vorbeigehen sieht der Hirnchirurg (Steve Martin) im Konvexspiegel auf dem Weg zum OP, dass sich seine Kollegen (schon wieder?) den Scherz erlaubt haben mit diesen Hasenohren.


Dark (2017 Paul Schrader)

Der CIA-Agent (Nicolas Cage) kann sich an seinen Namen nicht erinnern.
„Man kann sagen, Schrader sah selbstkritisch ein, dass er den Film zu ‚normal’ gedreht hatte. (…) Ein nie dagewesenes Bilderdelirium, eine 15-minütige Schnitt- und Ton-Orgie, eine Direktübertragung aus Nicolas Cages sterbendem Gehirn, beendet die neue Version.“ (Dominik Graf)


Neue Götter in der Maxvorstadt (2019 Klaus Lemke)

Wittgenstein, 1951: „Wenn ich sagte ‚Ich bin nicht auf dem Mond gewesen – aber ich kann mich irren’, so wäre das blödsinnig.
Denn selbst der Gedanke, ich hätte ja, durch unbekannte Mittel, im Schlaf dorthin transportiert worden sein können, gäbe mir kein Recht, hier von einem möglichen Irrtum zu reden. Ich spiele das Spiel falsch, wenn ich es tue.
Ich habe ein Recht zu sagen ‚Ich kann mich hier nicht irren’, auch wenn ich im Irrtum bin.“

Sonntag, 01.09.2019

Auge und Umkreis (VI)


The Owl Service (1969 Peter Plummer)

Im Sommer 1969 schweben drei Teenager in der Gefahr eine uralte, schreckliche Legende ungewollt nachleben zu müssen.

„Als ich einst an einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschenleeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet ich in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht lange in Zweifel bleiben konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an den Fenstern der kleinen Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, die enge Straße durch die nächste Einbiegung zu verlassen. Aber nachdem ich eine Weile führerlos herumgewandert war, fand ich mich plötzlich in derselben Straße wieder, in der ich nun Aufsehen zu erregen begann, und meine eilige Entfernung hatte nur die Folge, dass ich auf einem neuen Umwege zum drittenmal dahingeriet. Dann aber erfasste mich ein Gefühl, das ich nur als unheimlich bezeichnen kann.“ (Sigmund Freud: Das Unheimliche, 1919)

Das Unheimliche der ungewollten Wiederholung, erklärt Freud damit, dass in uns allen der infantile Wiederholungszwang fortlebt, lauernd. So wie in der Unheimlichkeit lebendiger Puppen noch der Kindertraum von den lebenden Dingen steckt.

„Das Wetter war jetzt schon so lange durchgehend schön, dass ich davon ausging, es würde noch lange so bleiben. Mich überfiel die Frage, was von diesem außergewöhnlich schönen Sommer bliebe. Er würde ja nicht zur Folge haben, dass es keinen Winter mehr gäbe und auch nicht, dass der nächste wieder schön oder noch schöner würde.“
(Harun Farocki: Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig. Fragment einer Autobiografie. Schriften, Band 1)

„Die Freiheit, Geschichte zu machen, deren sich der moderne Mensch rühmt, ist für fast alle Menschen illusorisch.“ Mircea Eliade sieht (in: Kosmos und Geschichte) den Menschen als Gefangenen in der Historie, vertrieben aus dem Paradies der zyklischen Wiederholung.
„Wir wissen, dass die archaischen und überlieferungsgebundenen Gesellschaften die Freiheit zugestanden, jedes Jahr eine neue, „reine“ Existenz mit jungfräulichen Eigenschaften zu beginnen.“


The Lickerish Quartet (1970 Radley Metzger)

Ein runder Spiegel, auf dem kreisförmig angeordnet viele kleine Konvexspiegel haften, wie Wassertropfen. So etwas Schickes gibt es nur bei Radley Metzger.

In Drogerien sind die Spiegel rund. Auf ihren Rückseiten lauern Hohlspiegel auf die Gelegenheit ein Gesicht zu vergrößern.


Joe (1970 John G. Avildsen)

Now the face that I see in my mirror
More and more is a stranger to me
More and more I can see there’s a danger
In becoming what I never thought I’d be
(Dick Feller: Some Days Are Diamonds Some Days Are Stone, 1975)

Sehr schön ist dieser Song auch in Eugene Chadbournes Version von 2015.


Viskningar och rop (1972 Ingmar Bergman)

Schau mich nicht an, sagt sie (Ingrid Thulin) zur Dienstmagd – durch den Spiegel.


Tales That Witness Madness (1973 Freddie Francis)

Sie (Joan Collins) bemerkt die Gefühle, die ihr Mann entwickelt für das aus dem Wald heimgebrachte bizarre Stück eines Baumes.


The Mutations (1974 Jack Cardiff)

“Ich hörte ein feines Rieseln im Wasser, das meinen Kupferhelm umschloss, ein Geräusch, das immer stärker wurde und mich unruhig machte, denn ich wusste nicht woher es kam und ob es Gefahren ankündigte. Aber dann war mir plötzlich die Ursache klar, und ich musste lachen: auf der Meeresoberfläche regnete es, und was ich hörte, war das Prasseln der Regenstöme, die auf das Wasser auftrafen. Augenblicklich verdrängte eine andere Empfindung das seltene Hörerlebnis: ich fühlte mich durchnässt vom Wasser im Wasser, ich musste mir den Gummianzug zu Bewusstein bringen, indem ich mich berührte.” (Jules Verne: 20.000 Meilen unter den Meeren)


McQ (1974 John Sturges)

“Ich verstand jetzt, welchen Aufwand es bedeutet, eine Hose mit Bügelfalte vorweisen zu können,” schreibt Harun Farocki. “Die Kleiderordnung verlangte eine ganz andere Lebensordnung, die einzuhalten meine ganze Lebenskraft verbrauchen würde. Führte ich ein ordentliches Leben, könnte ich nicht einmal davon auch nur träumen, dass mir etwas Außerordentliches gelingen könnte.”


Sesame Street (Episode 685, 1974)

Kermit: „Today I’m speaking to you from the magic mirror room of the wicked witch.“


A Matter of Time (1976 Vincente Minnelli)

„It isn’t enough to look at oneself. The mirror must be beautiful too.“


Suspiria (1977 Dario Argento)

Harun Farocki in Erinnerung an den heißen Sommer 1976: „Ich sah Rentner, die wohl wegen der Hitze nicht schlafen konnten und morgens um vier ihren Wagen wuschen.“ *


Superbia – Der Stolz (1986 Ulrike Ottinger)

„Wir sind heute in der Geschichte gefangen. Die Steinzeitmenschen waren es nicht.“
Das sagt Christian Schwanenberger als Werner Herzog in Der über den Herzog herzog (2012 Kiesewetter & Knoop)

Zweidritteljahresrückblick (Januar – August 2019)

Entdeckungen und (*) Wiedersehen in Sälen – in Bologna, Frankfurt, Heidelberg, Nürnberg, München, Oberhausen – oder (**) daheim:

Au-dela des grilles – Le mura di Malapaga (1948 René Clement)
Tomorrow Is Another Day (1951 Felix E. Feist)
Filumena Marturano (1951 Eduardo De Filippo)
Wait Till the Sun Shines, Nellie (1952 Henry King) *
Marito e moglie (1952 Eduardo de Filippo)
Oss Oss Wee Oss! (1953 Alan Lomax) *
The Elephant Will Never Forget (1953 John Krish) **
The Night of the Hunter (1955 Charles Laughton)
I Fidanzati della morte (1957 Romolo Marcellini)
The Bravados (1958 Henry King) *
Übermut im Salzkammergut (1963 Hans Billian)
Sie heirateten in Gretna Green (1964 Fritz Illing) *
Rouli-roulant – The Devils Toy (1966 Claude Jutra) **
The Owl Service (1969 Peter Plummer) **
Flöz Dickebank (1974 Johannes Flütsch) **
The Finishing Line (1977 John Krish) **
Il Cilindro (1978 Eduardo De Filippo)
Leuchtturm des Chaos (1983 Wolf-Eckart Bühler)
Wurstpoesie (2008 Stefan Friedel) *
Der über den Herzog herzog (2012 Kiesewetter & Knoop) **


Ostwärts (1990/91 Christian Petzold)

In Toy Story 4 (2019 Josh Cooley) ist zu sehen, wie die Sommersprossen in einem Puppengesicht mit Pinsel und Farbe aufgefrischt werden. Die Puppe selbst nimmt dies an sich vor, mit Hilfe eines Handspiegels. Es geht Gefahr aus von ihr, aber die Güte dieses schönen Films erlaubt Mitgefühl mit ihrem unbedingten Geliebtseinwollen.


Hook (1991 Steven Spielberg)

Er hatte es abgelehnt, einen erwachsenen Peter Pan darzustellen. Aber konnte man 1991 wissen, dass Michael Jackson der Richtige gewesen wäre für die andere Rolle – die des Captain Hook?

Hitchcock hätte nach Marnie so gerne Barries „Mary Rose“ verfilmt. Das Drehbuch schrieb Jay Presson Allen.


Deconstructing Harry (1997 Woody Allen)

“Life isn’t about finding yourself or about finding anything. Life is about creating yourself, and creating things”, sagt Bob Dylan in The Rolling Thunder Revue – A Bob Dylan Story by Martin Scorsese (2019)


Artificial Intelligence (2001 Steven Spielberg)

In Disneys Pinocchio (1940) ist zu sehen, wie eine Grille in einer Luftblase vom Meeresgrund aufsteigt, wobei sie ihren verlorengegangenen Zylinderhut sichtet und mit dem Schirm zu sich heranzieht. Weil dadurch die Luftblase verletzt wird und voll Wasser läuft, kommt es zu einem Überlebenskampf, der zwar sekundenschnell glücklich endet, aber die große Erzählung von Einsamkeit und Tod blitzt dabei mikroskopisch verkleinert auf.


American Sniper (2014 Clint Eastwood)

Ernst Mach: “Als junger Mensch erblickte ich einmal auf der Straße ein mir höchst unangenehmes widerwärtiges Gesicht im Profil. Ich erschrak nicht wenig, als ich erkannte, dass es mein eigenes sei, welches ich an einer Spiegelniederlage vorbeigehend durch zwei gegen einander geneigte Spiegel wahrgenommen hatte. — Ich stieg einmal nach einer anstrengenden nächtlichen Eisenbahnfahrt sehr ermüdet in einen Omnibus, eben als von der anderen Seite auch ein Mann hereinkam. ‘Was steigt doch da für ein herabgekommener Schulmeister ein’, dachte ich. Ich war es selbst, denn mir gegenüber befand sich ein großer Spiegel. Der Klassenhabitus war mir also viel geläufiger, als mein Specialhabitus.” („Die Analyse der Empfindungen“)

Sigmund Freud: “Ich kann ein ähnliches Abenteuer erzählen. (…) Ob aber das Missfallen dabei nicht doch ein Rest jener archaischen Reaktion war, die den Doppelgänger als unheimlich empfindet?”


Coincoin et les z’inhumains (2018 Bruno Dumont)

„Eben bin ich vor einem Schatten an der Wand fast zu Tode erschrocken – und dann sah ich erst, dass es mein eigener war. “ (Wilkie Collins: „Der rote Schal“, 1866)


Annabelle Comes Home (2019 Gary Dauberman)

In der gewölbten Mattscheibe sieht der Teenager: sein Spiegelbild, ganz leicht zeitversetzt – in die drohende Zukunft.

Annabell Comes Home (Gary Dauberman)
Apollo 11 (Todd Douglas Miller)
Creed II (Steven Caple Jr.)
First Reformed (Paul Schrader)
Neue Götter in der Maxvorstadt (Klaus Lemke)
The Rolling Thunder Revue (Martin Scorsese)
Shazam! (David F. Sandberg)
Der Tag X (Bruno Sukrow)
Toy Story 4 (Josh Cooley)
Wo der Widder stand (Kiesewetter & Knoop)

Donnerstag, 15.08.2019

Auge und Umkreis (V)


Reign of Terror (1949 Anthony Mann)

Ins dunkle Zimmer (Kamera: John Alton), wo gerade ein Mord geschah, tritt eine Frau (Arlene Dahl), die, als der Spiegel wieder vertikal zurechtgerückt ist, ihren Schleier hebt.

Der Film ist so voll von Drehungen und Enthüllungen, dass er die Arbeit des Traumes ebenso gut wiedergibt wie das Getriebe staatlichen Terrors.

Läuft morgen, am Freitag, den 16. August, um 18:00 im Frankfurter Filmmuseum

Montag, 13.05.2019

Doris Day

(1922 – 2019)


Midnight Lace (1960 David Miller)

Steve Beresford & Andrew Brenner: „I Was There“ – 1985

Donnerstag, 11.04.2019

Auge und Umkreis (IV)


Tell it to the Marines (1928 George Hill)

Er (Lon Chaney), der einsam bleibt.


Ludwig II (1954 Helmut Käutner)

Das Geborgensein in der Katastrophe (Jules Verne), die Wucherung des Vorstellungslebens (Ernst Mach) und die Schrumpfung des Ichs… Tropfen, Tränen, Kugeln, Attentate und Doppelgänger… all das gesehen durch runde Rahmen. Ich hatte mir ein wenig zu viel vorgenommen. Na und!


Doppelgänger / Journey to the Far Side of the Sun (1969 Robert Parrish)

Zu Beginn von Creed II (2018 Steven Caple Jr.) geht es um einen Heiratsantrag, den der Titelheld macht, während seine Liebste vor einem rundem Badezimmerspiegel steht und seinen Antrag überhaupt nicht hört. Nicht mit dem Kopf, sondern aus dem Herzen zu sprechen, war zuvor der Rat gewesen. Wie sich im weiteren Verlauf dieses schönen Boxerfilms zeigt, ist nicht der Kopf das Verletzbare, sondern die Rippen, der Brustkorb, der Stolz, das Herz. Der Kopf hält alles aus.

Um was geht es seit mindestens zweitausend Jahren? Um Auferstehung.


The Creeping Flesh (1973 Freddie Francis)

Auf der Suche nach einem Mittel gegen das Böse beobachtet ein Forscher (Peter Cushing), wie an prähistorischen Knochen lebendiges Fleisch wächst. Aus dem Blut des Urzeitmenschen gewinnt er ein Serum, mit dem er seine Tochter impft, damit sie nicht wird wie ihre Mutter.

Das Leben, das sich unablässig wiederholt, um im Sturz seinen Ursprung zu begreifen. Das wäre (in Anlehnung an Pierre Klossowski) die knappe Formel des „Transcendental Style in Film“.


Ordet (1955 Carl Theodor Dreyer)

Nachdem mir Paul Schraders First Reformed so ans Herz gegangen war, wollte ich Dreyers Ordet wiedersehen.
Alle in meiner Erinnerung aufbewahrten Wirkungen und Wunder traten wieder ein, und ich kochte mir auch, wie die Leute in dem Film, noch tief in der Nacht einen Kaffee.

In Sheridan Le Fanus Gruselgeschichte “Grüner Tee” (1869) ist die Rede von einem hauchdünnnen Gewebe, “welches uns erst in den Stand setzt, das Außen von dem Inneren zu scheiden.”

”Der Sitz, oder besser das Instrument der äußeren Wahrnehmung ist das Auge, Sitz der Inneren Wahrnehmung hingegen ist das Nervengewebe und Hinrnzentrum unmittelbar hinter und über den Augenbrauen. Ihr erinnert Euch ja, wie wirksam ich Eure Erscheinungen durch die simple Application von eiskaltem Eau de Cologne zerstreut habe.”


Doppelgänger / Journey to the Far Side of the Sun (1969 Robert Parrish)

Seitenverkehrt ist jedes Spiegelbild, aber auch dieses spezielle Kölnischwasseretikett in Robert Parrishs Film. Denn auf dem Planeten am anderen Ende des Sonnensystems ist alles (genau wie auf der Erde, nur…) seitenverkehrt.

Verkehrt ist allerdings auch der Trailer zum Film, da wo im Kopierwerk gedacht wurde, das nicht-verkehrte Spiegelbild sei ein Fehler, den man korrigieren müsse.


The Owl Service (1969 Peter Plummer)

“Die zahlreichen Jungen Mädchen mit Spiegel, die begierig eine noch unbestimmte Identität zu betrachten versuchen“ – Sarah Kofman sah in den Bildern von Balthus eine „Pause“, einen „Aufschub, der nicht andauern kann, und der Stillstand der Zeit verrät doch das unmittelbare Bevorstehen einer Krise und eines Erwachens.“

“She wants to be flowers but you make her owls. You must not complain then if she goes hunting.” (Alan Garner: „The Owl Service“)


The Mask (1994 Charles Russell)

„What is the dirt that the pearl is build around? The pearl is the personality that you built around yourself as a protection against that thought: if they ever find out that I’m worthless, if they’ll ever find out that I‘m not enough, I’ll be destroyed.“ Jim Carrey in Jim & Andy (2017 Chris Smith)


The Late Show (1977 Robert Benton)

1929 schrieb Marjorie Hope Nicolson in ihrem Essay „The Professor and the Detective“, der als „eskapistisch“ denunzierte Detektivroman sei keineswegs Flucht vor dem Leben, sondern allenfalls Flucht vor der Monotonie der literarischen Selbstbetrachtung. Der Detektivroman antworte auf die Formlosigkeit der Moderne mit der Rettung der Kausalität.


De komst van Joachim Stiller (1976 Harry Kümel)

„Oft ist Freundschaft nichts anderes. Man liebt sich selbst verklärt in einem anderen. So lieben alle Menschen Jesus Christus.
Um wieviel friedvoller ist es aber, verklärt in einem anderen sich zu finden, als das erhöhte Dasein seiner selbst vergebens in sich selbst zu suchen.“
(Peter Altenberg: Paulina, Ashantee, 1897)


One Hundred Men and a Girl (1937 Henry Koster)

Das ist ein Spiegel sondergleichen. Trotzdem bleibt er recht unbenutzt. Wozu auch soll er von Nutzen sein in diesem dionysisch frohen Film. Zu welchem Zwecke sollten Spiegel dienen in Henry Kosters Kosmos.


Johnny Doesn’t Live Here Anymore (1944 Joe May)

„And this film is sexy. If you don’t see it you’re blind.“ (Raquel Stecher)


The Effect of Gamma Rays on Man-in-the-Moon Marigolds (1972 Paul Newman)

Der Effekt der Mutter (Joanne Woodward) auf ihre Kinder. Im mittleren Bereich der gemessenen Strahlung treten Mutationen auf – – – schöne Mutationen, sagt die Tochter und meint ihr Ringelblumen-Experiment.
Es mögen in uns Atome sein, die vom anderen Ende des Sonnensystems stammen.


The Gorgon (1964 Terence Fisher)

Rund ist der Spiegel, durch den das Haupt der Medusa anzuschauen ist.

Von Freud lernen wir, dass “im Mythos das Genitale der Mutter gemeint ist. Athene, die das Medusenhaupt an ihrem Panzer trägt, wird eben dadurch das unnahbare Weib, dessen Anblick jeden Gedanken an sexuelle Annäherung erstickt.”


Das Auge der Polizei, 1908

Rund ist die Johannisschüssel mit dem Kopf des Täufers.


Whistle And I’ll Come To You (1968 Jonathan Miller)

Die Leere. Das Meer. Und das fremde Zimmer.
Es steht darin ein zweites Bett. Das ist zuviel.
Der Reisende findet am Strand eine uralte Flöte.
Innigste Vertrautheit von Horror und Humor.


Dr Jekyll & Sister Hyde (1971 Roy Ward Baker)

Ein Mann mordet für die Wissenschaft, er tötet Frauen, und verwandelt sich im Selbstversuch zeitweise in eine Schönheit. Sie (Martine Beswick) ist mit sich zufrieden.


Roberte (1979 Pierre Zucca)

Pierre Zucca war Standfotograf bei Chabrol, Rivette und Truffaut, auch am Set von Hitchcocks Topaz und Franjus Judex.
„Als Antwort auf die Frage ‚Warum filmen Sie?’, gelange ich zu dieser Absurdität: ich filme, um das zu sehen, was ich, wenn ich nicht filmen würde, nicht sehen könnte.“


Psyche 59 (1964 Alexander Singer)

Liebe hat die Frau (Partricia Neal) blind gemacht – psychosomatisch. Die Einsicht in die traumatischen Gründe für ihr Erblinden macht sie wieder sehend. Aber der Mann (Curd Jürgens) will ihr Sehenkönnen nicht sehen können.


McQ (1974 John Sturges)

Es ist Nacht. Es hat an der Tür geklingelt. Die Frau betrachtet sich im Rundspiegel und betastet ihre Frisur, bevor sie dem Mörder die Tür öffnet.


No Man‘s Woman (1955 Franklin Adreon)

Die egoistische Frau, beliebte Anti-Heldin der 50er.

Auch sie (Marie Windsor) schaut in den Spiegel bevor sie ihrem Mörder die Tür aufmacht.


Mann im Schatten (1961 Arthur Maria Rabenalt)

Eine schöne Variante: Die Geschäftsfrau holt aus dem Tresor, hinter dem Rundbild, Geld hervor, bevor sie ihrem Mörder die Tür aufmacht.
Eine originelle Einzelheit in diesem Krimi voll origineller Einzelheiten: Sie (Ellen Schwiers) balanciert, um beide Hände frei zu haben, das Bild auf ihrem Kopf.


Amazon Women on the Moon (1987 Carl Gottlieb)

Er (Ed Begley Jr.) ist der Sohn des Unsichtbaren. Den Spiegel, der in seinem Labor an der Wand hängt, benutzt er nicht. Denn sonst würde er sich nicht im Besitz der Erfindung seines Vaters wähnen und würde nicht nackt, im Glauben er sei unsichtbar, in den Pub gehen, um dort ein ums andere Mal die Gäste beim Dartspiel zu stören.

„Der zwischen jenen drei Bildern sich hindurch laviert: dem Bild, das man sich von ihm macht, demjenigen, das er sich selbst von sich macht, und dem, welches er im Spiegel zu lesen glaubt …
Der zu gut weiß, dass „ich“ kein Anderer ist.“
(Michel Leiris: „Das Band am Hals der Olympia“)

Montag, 31.12.2018

Auge und Umkreis (III)


Belphégor (1965 Claude Barma)

Wassertropfen – Rundspiegel – Selbstschauung

In den Kapiteln I und II war Jules Vernes Katastrophenvergnügen verknüpft mit Ernst Machs Einsicht: „Das Ich ist unrettbar“. Und als eine Art Cliffhanger gab es da einen gigantischen Wassertropfen.


Arabesque (1966 Stanley Donen)

Letzter Versuch der Entschlüsselung. Der Regen auf der Windschutzscheibe verwischt die Hieroglyphen. Nur das Auge des dritten Vogels löst sich nicht auf. Der winzige schwarze Punkt ist ein Mikrofilm. Darin verborgen: der Termin des Attentats auf den Premierminister oder auf dessen Double.


Ein Ausschnitt aus „The Last of England“. F. Madox Brown, 1855, ***

Signatur und Jahresdatum sind an die Kante der Reling gemalt, unter diese Wassertropfen.

In der „Überfülle chaotischer, schmerzlicher Einzelheiten“ erkennt Harry Tomicek „das Pathos des Details“. Und so etwas wie eine britische Tradition, „die spätestens bei der Manier der Präraffaeliten beginnt, jedes Brombeerblatt und jedes Kringel im Schafwollpelz akribisch auszumalen,“ und die „eine ganze Generation englischer Kameraleute wie Douglas Slocombe, Jack Cardiff, Guy Green, Freddie Francis, Gerry Fisher auf das selbstverständlichste anleitet, gestochen scharf und schön zu photographieren.“

„Von der kleinsten Perückenlocke bis zu jedwedem Knopf der betressten Kleidung“ prägen sich einem Erschrockenen (in Sheridan Le Fanus „Geisterhand“, 1861) alle Details der Bedrohung ein, so gegenwärtig „wie Gewandung und Antlitz auf dem Portrait des eigenen Vaters, das ihm tagtäglich zum Frühstück, zum Nachtmahl und zum Abendessen vor Augen gehangen.“


The Dim Little Island (1949 Humphrey Jennings)

„Mit leerem, katastrophalen Blick sitzt das Ehepaar auf dem überfüllten Deck eines Auswanderer-Schiffs, die Hände ineinandergelegt (…) ohne irgendwo mehr hinzusehen.“ ***

Ford Madox Browns Gemälde „The Last of England“ bildet den Ausgangspunkt für Humphrey Jennings poetische Propaganda, die sich aus Schiffsbau, Musik und Schilf ihren Argumentationsstrang flicht.

Hartmut Bitomsky, 1975: “Vielleicht gibt es etwas, das dem surrealistischen automatischen Schreiben gegenübersteht, ein automatisches Sehen. Jennings lehnte es ab, Bilder zu erfinden; er suchte die Welt an den Stellen auf, wo sie seinem ungestillten Verlangen entgegenkam und von ihm wiederum abwich. Denn es gibt immer mehr zu sehen, als man erblicken kann.”


She Wore a Yellow Ribbon (1949 John Ford)

Das gelbe Band — „Captain Brittles ist Witwer, die Frau hat er im Idianerkrieg verloren, mit ihr die beiden Töchter, ihre Gräber liegen neben dem Fort. Zur einen Seite eine Leere, die ihr Tod hinterlassen hat, und zur anderen Seite ein Leben, in dem kein Platz für sie ist.“ (Hartmut Bitomsky: Gelbe Streifen Strenges Blau; Filmkritik, Juni 1978) „Der Film ist schön, denn das Kontinuum seiner Photographie enthält die Scherben der Geschichte.“

„Im allgemeinen ist es ja richtig, daß was sinnlich sich nahe berührt, sich auch gedanklich verbindet. Da aber Gedanken durch Association leicht in mannigfaltige und zufällige Verbindung treten, so ist man häufigen Irrtümern ausgesetzt, wenn man umgekehrt auch alles gedanklich Verknüpfte für sinnlich verknüpft hält.“
(Ernst Mach: Die Wucherung des Vorstellungslebens; Erkenntnis und Irrtum, 1905)


Aquaman (2018 James Wan)

Ein Tropfen Wasser noch. Körperflüssigkeit, Schweiß aus der Stirn des Wassermanns ist nötig, die eingetrocknete Mechanik in Gang zu setzen, die (in einer Höhle unter der Sahara) eine konservierte Mitteilung hervorbringt. Eine väterliche Botschaft, die der Held im Nu vergessen hat. Aquaman hat soviel Einsicht in die Unaufmerksamkeit seiner Zuschauer, dass er diese in seinem Protagonisten parodiert.


Les croix de bois (1931 Raymond Bernard)

Raymond Bernard erzählte 1973 wieviele Experimente nötig waren, um mit den ersten Tonfilm-Mikrophonen Explosionen aufzuzeichnen. Den Klang des Krieges zu reproduzieren.
Les croix de bois ist ergreifend, weil auf einem erbärmlichen Friedhof plötzlich ein Vogel zwitschert.
Bei der Premiere dann im Moulin Rouge: Die Träne des Präsidenten Doumer. (Und im Monat darauf das tödliche Attentat.)


Les amours de minuit (1931 Marc Allegret & Augusto Genina)

Der Blick aufs Publikum ist oft der Blick auf einen einzelnen Menschen im Publikum.


Un revenant (1946 Christian-Jaque)

Eric Rohmer hatte recht: Jules Vernes “Ein Kapitän von 15 Jahren” ist beachtlich!
Ein Schiff nimmt Kurs auf Valparaiso und kommt dort selbstverständlich nicht an. Die Besatzung muss, gestrandet und verirrt, Zuflucht suchen im verlasssenen Innneren eines Termitenbaus, dessen hohle Kuppel noch in der selben Nacht die Reisenden in höchster Gefahr gemütlich beherbergt, inmitten einer Überschwemmung, wie in einer Taucherglocke.
Was allerdings nach dem überstandenen Abenteuer auf sie wartet, sind die Realitäten der Sklaverei.


When Tomorrow Comes (1939 John M. Stahl)

Als der Blick auf das Portrait der Ehefrau (Barbara O’Neil) fällt, ist das dezente Krachen eines Blitzes die Ankündigung kommenden Unheils. Wenig später wird das Liebespaar (Boyer und Dunne) vor dem gefährlichen Sturm in einer Kirche Zuflucht suchen und zueinander finden. Die nächtliche Überschwemmung ist für die Liebenden, auf der Orgelempore im Trockenen, ein Geschenk. Ich sah mir den Film in Bologna gleich zwei mal an, um alle seine Überraschungen doppelt auszukosten.


Pandora and the Flying Dutchman (1951 Albert Lewin)

Kamera: Jack Cardiff. „Mit 14,“ sagte Cardiff, “war ich ein Veteran.“

Wie ein Geschenk kam Lewins Film in den 80ern noch einmal ins Kino. Frieda Grafe beschrieb, dass da, wo man ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert sehen soll, ein gerahmtes Photo Ava Gardners von Man Ray zu sehen ist. „Das Kino ist ein Wiederholungsritual, das besser als andere vorher den Zeitbegriff ruinieren kann durch seine magische Fähigkeit, alles in Gegenwart zu verwandeln.“


The Sound Barrier (1952 David Lean)

Nigel Patrick lenkt (in Lewins Film, als einer von Pandoras Anbetern) seinen überhitzten Rennwagen beim Rekordversuch am Meeresstrand in die kühle Brandung.

Leans Testpilotenfilm propagiert den heroischen Unsinn, im Sturzflug den Steuerknüppel zur Rettung nach vorn zu pressen. Es geht um Antriebe, sowohl Düsen als auch “dunkle Impulse zu gewaltsamem Tun, zum Eindringen, Zerschlagen, Irgendwo-ein-Loch-Aufreißen.” (Freud: Über infantile Sexualtheorien, 1908)

Im Fokus von The Sound Barrier steht Ralph Richardson als Personifikation des Vaters und des Fortschritts. Ihm zum Opfer fallen Sohn und Schwiegersohn. Die Tochter klagt zwar an, aber nur bis der Vater es schafft, sie mit seiner schrägen Einsamkeit zu rühren.


Forever England (1935 Walter Forde)

Diese Taschenuhr – einst im Besitz Lord Nelsons und über Generationen vererbt – wird zum spontanen Geschenk. Zum Beweis einer Liebe, die Klassenschranken ignoriert.
Eine Generation später: Der unehelich geborene Sohn wird, wie der Vater und die Vorväter, Soldat. Er ist ein hochbegabter Schütze. Die Uhr gibt ihm die Mutter vor der Abreise. Das Ziel: Valparaiso… Eine Kreisblende… Der Weltkrieg beginnt.

Die Basis von Kriegs- und Familiengeschichten, auch die von Aquaman (2018): Dass die Eltern getrennt leben, in getrennten Welten. Der biertrinkende Leuchtturmwärter und die königliche Bewohnerin der Hohlerde. Sie ist ein Nemo, er ein Niemand. Noch vor Filmbeginn liegt das Wappen von Warner auf dem Meeresgrund und das Siegel von MC schwimmt auf der Oberfläche.

Im Finale von Forever England (1935), in einem unterkühlten Massaker, inszeniert von Anthony Asquith, ist das Töten fast so unbekümmert wie in Hawks‘ Sergeant York und fast so finster wie in Bogdanovichs Targets. Je nachdem, wie man es sieht.

Eine bizarre Heldenphantasie (nach C.S. Forester): Der junge Soldat erlangt den Respekt des Feindes und nach dem Heldentod die Anerkennung seines Vaters. Der Feind war ihm vertraut, sogar nah, der Vater aber unbekannt.


Forever England (1935 Walter Forde)

Durch den Tod des Sohnes (John Mills) wird das Geschenk erneut zum Erbstück. Der Deckel auf der Rückseite enthält das Bild der Mutter (Betty Balfour). Und in den Händen des Vaters nun: Der Beweis vom unerkannten Wert derer jenseits der Klassenschranken. Als hätte das Sterben einen Zweck.

Judy Geater weist darauf hin, dass die Schauspielerin Betty Balfour nur 5 Jahre älter war als John Mills – „so when Mills cuddles and kisses Balfour it doesn’t really feel like a mother/son relationship.“
(Patrick Wilson und Nicole Kidman, in Aquaman: 6 Jahre Altersunterschied.)

Kennt man John Fords Pilmgrimage (1933), dann weiß man, was alles drinsteckt in Geschichten von Kriegshelden und ihren Müttern. Fords schockierend bittere Interpretation heitert sich unvermutet auf, als die Mutter zur Scharfschützin wird.


So Big! (1932 William Wellman)

Diese Taschenuhr hat in Wellmans Film, der Edna Ferbers Roman seltsam undramatisch komprimiert, keine große Bedeutung. Es gibt eigentlich nichts, was die Menschen einander vererben könnten. Aber es gelingt manchmal, etwas Kostbares weiterzugeben: Selbstvertrauen.


Pirates of the Caribbean (2003 Gore Verbinski)

Dieses Medallion aus Aztekengold hat der Sohn vom Vater bekommen. Es wandert noch durch viele Hände. Denn ein Fluch ist daran geknüpft, aber auch die Erkenntnis, dass in den Adern des jungen englischen Waffenschmieds das Blut eines Piraten fließt; erster Grund, warum die schöne Mutige ihn liebt.

„Es gibt nichts, was ein Fetisch nicht tun und verrichten kann, wenn es nur der rechte Fetisch ist. Wir sind geneigt uns dieser Auffassung gegenüber sehr stolz zu fühlen, aber auch unter uns finden sich Menschen, welche Amulette, Glücksschweinchen, Medaillons und andere Dinge mit sich tragen, und nicht nur zum Scherz. Unsere wissenschaftliche Auffassung von der Abhängigkeit der Naturvorgänge voneinander ist eben doch eine andere, als jene, welche noch in dem Volke lebt, von dem wir ein Teil sind.“
(Ernst Mach: Die Wucherung des Vorstellungslebens)


The Way of a Goucho (1952 Jacques Tourneur)

Ein Amulett der Santa Teresa, ein Geschenk der Lady (Gene Tierney) an den Deserteur (Rory Calhoun).
„Ein Technicolor-Traum über den Preis der Freiheit, durchsetzt von extremer Dunkelheit.“ (Christoph Huber)


Pandora and the Flying Dutchman (1951 Albert Lewin)

In Jules Vernes „Die Kinder des Kapitäns Grant“ will Lord Glenarvan nach gemeinsam überstandenen Abenteuern in Patagonien den Indio Thalcave überreden, mit ihm die Suche nach Kapitän Grant fortzusetzen. Doch Thalcave will seine Heimat, die Pampas, nicht verlassen. Auch lehnt er jede Bezahlung seiner Dienste ab. Glenarvan ist gerührt und möchte dem tapferen Indio wenigstens ein Andenken hinterlassen. Aber er kann ihm nichts schenken, denn Waffen, Pferde, alles ist in den Katastrophen unterwegs verlorengegangen. Da kommt ihm eine Idee, er nimmt aus seiner Brieftasche ein kostbares Medaillon mit einem gemalten Portrait, und gibt es dem Indio.
»Meine Frau,« sagt Lord Glenarvan.
Thalcaves sanfter Blick ruht lange auf dem Bild, bis er die schlichten Worte spricht: »Gute Dame! Schöne Dame!«


Account Rendered (1957 Peter Graham Scott)

Diese Brosche ist ein Beweisstück in einem Mordfall.

„Das Leben, das sich unablässig wiederholt, um in seinem Sturz seiner selbst inne zu werden, als halte es in einem jähen Begreifen seines Ursprungs den Atem an.“
(Pierre Klossowski)

Juno und Iris nehmen die 100 Augen des enthaupteten Argus und streuen sie auf Pfauengefieder. Das Wahnsinnsbild, das Rubens um 1610 gemalt hat, hängt in Köln.

Die Eintrittspreise deutscher Museen sind so hoch, dass deutlich, als wäre es ein Schild am Eingang, zu verstehen ist: Geringverdiener unerwünscht.


Passport to Destiny (1944 Ray McCarey)

Eine britische Putzfrau (Elsa Lanchester) beschließt Hitler zu töten. Sie nimmt einen Talisman mit nach Berlin.


Mission: Impossible (1996 Brian de Palma)


Doppelgänger (1969 Robert Parrish)

„Alles, was der primitive Mensch nicht versteht, erscheint ihm in einem eigentümlichen Licht. Wir können diese Erleuchtung nur wiedergewinnen, wenn wir uns lebhaft in die frühe Jugend, in die Kindheit zurückversetzen. (…)
Dem Beobachter, der die modernen [christlichen] Religionen kennt, fällt an allen diesen primitiven [vorchristlichen] Systemen auf, daß dieselben, und insbesondere die Vorstellungen von einem Leben nach dem Tode, nichts mit Lohn und Strafe, nichts mit Vergeltung und überhaupt nichts mit Ethik zu tun haben. (…)
Wo aber ein Teil des Volkes zu dauernder Sklaverei verurteilt, der andere Teil bestrebt ist, alles Gute des diesseitigen Lebens für sich zu nehmen, da ist eine Ethik, welche mit Vergeltung nach dem Tode rechnet, für ersteren Teil ein nicht zu unterschätzender Trost, für letzteren Teil recht bequem.“
(Ernst Mach: Die Wucherung des Vorstellungslebens)


The Outer Limits – Demon With A Glass Hand (1964 Byron Haskin)

Diese Medaille ohne jede Prägung ist einem Ausserirdischen gewaltsam abgenommen worden, im Kampf um Leben und Tod. Der Fortbestand der Menschheit steht auf dem Spiel. Plot und Drehort kehren wieder in Terminator und in Blade Runner.


The Outer Limits – Hundred Days Of The Dragon (1963 Byron Haskin)

Ein neu entwickeltes Serum macht das menschliche Gesicht formbar wie Knetgummi. Eine einfache Pressform mit seitlichen Griffen genügt, den Präsidenten durch einen Doppelgänger zu ersetzen. Die Stärke dieses kleinen Fernsehfilms: Den Gesichtsverlust konsequent ernst und zuletzt sogar wörtlich zu nehmen.

Fortsetzung folgt in Kürze


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