Einträge von Volker Pantenburg

Mittwoch, 27.10.2004

5 x 2

Der Titel klebt auf dem Film wie das Preisschild auf einer Ware. Eine etwas abgeschmackte Art ist das, Versuchsanordnung zu sagen oder Experiment. Auf einer Toilettenpapierverpackung wirkt das gut, fünf Rollen, zweilagig, wie das vom Penny um die Ecke, auf dem „Happy End“ draufsteht. Das finde ich immer grandios und es passt gut zu Ozons Film, der in einem Glück endet, das durch das schon Gesehene, das noch Kommende, bereits vollständig kontaminiert ist. 5 x 2, das klingt auch ein bisschen so, als gäbe es etwas umsonst – man kauft ein Paar und kriegt noch vier andere dazu. Hier also: Papa & Mama, Ich & mein One-Night Stand in der Hochzeitsnacht, der schwule Bruder meines Ehemanns & sein Freund, mein Mann & seine Ex. Und überall ist es gleich, es ist eine unnötige Vervielfachung des bedingt Interessanten, überall herrschen die gleichen Automatismen von Beziehung und Alltag, von Verletzen und Verletztwerden. (In einem typisch französischen Mittelklasse-Milieu noch dazu, das die Houellebecqs und Beigbeders dieser Erde frustrierter und deshalb meinungsfreudiger denunziert haben.)

Über schlechten Sex sind schon bessere Filme gemacht worden.

Das vermeintliche Rätsel, das sich mit dem Titel verbindet, ist läppisch, und aus der damit verbundenen formalen Entscheidung, die Geschichte in fünf Etappen rückwärts zu erzählen, springt erstaunlich wenig erzählerischer Surplus heraus. Gut, ein paar scheinbare Eindeutigkeiten geraten ins Schwimmen. Zum Beispiel ob der gemeinsame Sohn wirklich der gemeinsame Sohn ist (dieser Gedanke kam mir im gleichen Moment wie der Neben-, Gegen-, Ergänzungs- und Entwertungsgedanke „So what?“: für den Film hätte auch das überhaupt keine Folgen).

Bei jeder Einstellung der Verdacht, die Rückseite des Bildes sei interessanter.

Häppchenweise Psychologie bekommt man durch Marions Eltern eingeflößt. Dass das schon immer so… Und dass das halt zum Pärchen-Sein… Geschenkt. An diesen Stellen wird die Argumentation anthropologisch, aber in der verallgemeinernden Gleichung zugleich banal. Alltag = Beziehungskiller. „Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir gewußt. Aber das, womit wir uns jeden Tag abmühen, sind andere Dinge.“ Dabei behauptet der Film, er würde genau das zeigen, die alltäglichen Dinge eben, die in französischen Filmen so viel Spaß machen können. Aber die sind hier in keinem Bild enthalten und es wird schmerzlich bewusst, wie wenig Ozon mit dem Alltag anfangen kann: Wischi-waschig ein paar wichtige Papiere im Büro unterzeichnen und im Bistro um die Ecke mit entrücktem Blick Steak-Frites essen, während die Ehefrau im Krankenhaus entbindet. Ein Gesicht wird nicht zwingend dadurch aussagekräftiger, dass ich ihm langsam immer näher rücke mit der Kamera. Allerdings, das gebe ich gerne zu, mag ich Valeria Bruni-Tedeschis obere Schneidezahnreihe, wenn sie so von schräg halb-unten gefilmt wird.

Ein Film wie ein Vorwand für etwas anderes, das er selbst vergessen hat.

Was mir gefallen hätte als eine verächtliche Geste (und damit: überhaupt eine Geste) dem Publikum gegenüber und als wirkliche Überraschung: Wenn Gilles und Marion am Ende, der zugleich der Anfang ihrer Beziehung ist, in diesem unerträglichen Postkartenbild also, in dem beide in den italienischen Sonnenuntergang hinein schwimmen, plötzlich ertrinken. Dann hätte sich der ganze Film im Vor- und Nachhinein selbst gelöscht und ich wäre mit dem zufriedenen Gefühl der Bestätigung nach Hause geradelt, dass all dies wirklich nicht der Rede wert war.

Mittwoch, 20.10.2004

TV-Hinweis: 20.10., WDR 23.15 Uhr

Diejenigen, die nicht in Österreich sind, diejenigen, die hier ausharren oder mit dem Zug in die, wie man anderswo lesen konnte, „lebenswerteste Stadt der Welt (Kategorie 200.000 – 750.000)“ unterwegs waren, um dort „A Corner in Wheat“ und „Die Seele des Geldes“ zu zeigen, diejenigen, die auf die John Ford-Filme verzichten müssen, und auch auf die Filme von den beiden, die die John Ford-Filme ausgesucht haben für Wien, eine Stadt, in der es, wie ich erfahre, keine Camel-Zigaretten und keine Lucky Strikes gibt, seit zwei Jahren schon, was mir in einem merkwürdigen Gegensatz zu den John Ford-Filmen zu stehen scheint, die man dort sehen kann, diejenigen also koennen sich heute abend den Film, besser: die Filme IL RITORNO DEL FIGLIO PRODIGO – UMILIATI“ im Fernsehen anschauen, was doch immerhin auch etwas ist.

Freitag, 08.10.2004

The Hunted (100 Worte)

Um den pensionierten Ausbilder L.T. zu charakterisieren, zeigt Friedkin, wie er einem Wolf in der verschneiten Landschaft aus der Schlinge hilft und den verletzten Vorderlauf mit weichgekautem Moos verarztet. Dem Fallensteller, der sich derweil in der Blockhütte einen gemütlichen Jungsabend macht, knallt er die Falle auf den Tisch, und seinen Kopf gleich hinterher. Jemand springt auf, aber schon hält L.T. den Aufgebrachten mit seinem Zeigefinger in Schach. So ähnlich geschmeidig habe ich beim Trampen mal einen Fahrer immer wieder vom zweiten in den dritten Gang schalten sehen, wobei sein Arm die Bewegung wie ein Tänzer bis vorne zum Armaturenbrett verlängerte.

Samstag, 02.10.2004

Debate

Von alleine wäre ich nicht auf die Idee gekommen, vorgestern Nacht das Fernsehduell mitzuschneiden – in einem Akt zivilen Ungehorsams hat mir der Videorecorder die Entscheidung abgenommmen. Programmiert war Téchinés „Mord um Macht“, auf dem Tape sind – schöner Kommentar – eineinhalb Stunden Kerry vs. Bush.

Ich habe bisher nur zwei Minuten davon angeschaut und auch keine große Lust, viel mehr zu sehen. Die zwei Minuten transkribiere ich hier trotzdem kurz, weil ich Bushs ‚Argumentation‘ so bestechend finde. Man muss da nicht „den ganzen Bush“ – whatever that means – in a nutshell drin sehen wollen, aber komischerweise habe ich in den Berichten über die Debatte nichts über entgleisende Passagen wie diese gelesen (vielleicht weil ‚Entgleisung‘ hiesse, dass der Zug eigentlich in einer anderen Richtung unterwegs ist). Überall heißt es „Punktsieg Kerry“, „Bush bisschen verkrampft“ etc. Mir kam es eher vor, als sage GWB alles auf seine gedanklich schlichte, sprachlich etwas verworrene Art genau so, wie er es meint.

Ich hätte gerne den Gegenschuss auf seine Coaches hinter den Kulissen gesehen. Ob die sich die Haare raufen. Ob die das ganz normal finden. Ob die ihn so gebrieft haben und bester Laune sind: „OK, an der Performance müssen wir noch arbeiten.“

Frage: Eine neue Frage, Herr Präsident, zwei Minuten haben Sie. Sie haben gesagt, es hätte eine Fehleinschätzung gegeben über die Bedingungen im Irak nach dem Krieg. Worin bestand die und wie passierte das?

Bush: Nun, was ich sagte war, dass, weil wir so einen schnellen Sieg errangen, dass eben mehr Saddam-Loyalisten immer noch übrigbleiben. Wir dachten, wir würden mehr von denen besiegen auf dem Weg dahin, aber Tommy Franks hat so toll geplant, dass wir so schnell vorangekommen sind in dem Krieg. Viele der Saddam-Loyalisten haben einfach die Waffen niedergelegt und sind verschwunden. Wir dachten, die würden weiterkämpfen, aber die haben nicht weitergekämpft, und jetzt finden wir die… nach und nach, und das ist sehr schwer. Ich verstehe, wie schwer das ist, ich bekomme jeden Tag die Berichte über die Toten und Verletzten, ich sehe das im Fernsehen, wie schwierig das ist, aber es ist eine notwendige Arbeit und ich bin optimistisch. Ich denke man kann realistisch und optimistisch sein, gleichzeitig. Ich bin optimistisch, dass wir es schaffen. Wir werden das nicht schaffen, wenn wir gemischte Signale raussenden. Wir werden unser Ziel nicht erreichen, wenn wir unseren Truppen gemischte Signale schicken. Das gilt auch für die irakischen Bürger.

(Es geht nicht um Sprachkritik, ein Teil der Unbeholfenheit liegt daran, dass ich nur die Simultanübersetzung verstehen konnte). Ist also das Argument, dass sie sich einen längeren Krieg erhofft hatten, um eine größere Zahl von Saddam-Anhängern im direkten ‚Feindkontakt‘ umbringen zu können? Weil man dann jetzt keine Scherereien mit denen hätte? Im Sinne von: „Das Schlechte ist, das wir so gut waren.“ Oder gibt es da noch eine andere Lesart, die ich nicht sehe?

Freitag, 27.08.2004

Cammell – Wild Side (100 Worte)

In dem Film gibt es zwei Ökonomien: die neue, unsichtbare besteht darin, Zahlen in Telefonhörer zu sprechen, eine Visitenkarte über den Schreibtisch zu reichen, eine Diskette von Hand zu Hand gehen zu lassen. Diese Ökonomie bleibt, auch wenn alles auf sie hinorientiert ist, seltsam blass: Kommunikation. Die alte, eine Reminiszenz an B-Movies und Noir, ist die der Banknoten und Geldbündel. Es ist wichtig, die Scheine anzufassen, denn offenbar lassen sich Körper mit ihnen kaufen, vergewaltigen, tauschen. Der Film zeigt zwei Möglichkeiten, diesen Ökonomien zu entgehen: Lesbisch zu werden oder nach Mexiko auszuwandern. Wer auf Nummer sicher gehen will, tut beides.

Samstag, 21.08.2004

TV-Hinweis

Heute nacht (Samstag auf Sonntag), 00.30 Uhr, arte:

13 Lakes, USA 2004, Regie: James Benning

„Die Idee des Films ist ganz einfach. Es geht darum, auf die Seen zu blicken, auf den Himmel und wie das Licht vom Wasser reflektiert wird – und das an dreizehn verschiedenen Orten in den Vereinigten Staaten. Es ist im Grunde eine ästhetische Studie des Lichts – wie es auf das Wasser trifft und wie es sich bewegt. Die Einstellungen werden länger sein – ich denke sieben bis acht Minuten, damit man Zeit hat, über das Licht nachzudenken. Und weil die dreizehn Seen sehr verschieden sind, möchte ich sie so filmen, dass man das Licht auf dem Wasser vergleichen kann. Aber ich möchte auch, dass das Bild ausdrückt, was an diesem See besonders ist. Und das ist der schwierige Teil.“ (James Benning im Interview mit Reinhard Wulf, Auszug aus dem Dokumentarfilm „James Benning – Circling the Image“).

Bei der Berlinale 2002 hat Anna Faroqhi ein Gespräch mit Benning über die „California Trilogy“ geführt, ein Text zu seinem Film „Landscape Suicide“ ist hier zu lesen.

Auf Bennings eigener Seite kann man die Texte von acht Filmen (in Buchform erschienen unter dem Titel „Fifty years to Life. Texts from Eight Films by James Benning“, Madison, Wisconsin: Two Pants Press, 2000) herunterladen.

Donnerstag, 19.08.2004

Teil zwei des laufenden Sammlungsprojekts im Rahmen des DFG-Sonderforschungsbereichs „When film buffs become Busunternehmer“. Gesichtet am vergangenen Sonntag vor dem Grand Hotel Esplanade am Berliner Landwehrkanal.

[Abbildung ähnlich]

Ich sah – déformation professionelle – zunächst gar nicht den einer solchen Firma eher abträglichen Namen, sondern gleich die notdürftig getarnte filmgeschichtliche Referenz.

Samstag, 07.08.2004

Kino –
Kino –
Kino –
Das Kino.
Kino.
Take me to the Kino again.
Das Kino, Kino. Take me to the Kino again.
Das Kino, Kino. Take me to the Kino again – it’s easy!
Das Kino. Kino. Take me to the Kino again. It’s easy: ask me.

Take me to the Kino again.

(Life without Buildings – Daylighting)

Freitag, 30.07.2004

abouna, 146 wörter

Einmal versuchen die Brüder, aus der Koranschule zu entkommen. Sie brechen frühmorgens auf und laufen quer durch die Steppe. Als der jüngere in einen Dorn tritt, ist der Ausbruchversuch vorbei. Weil es in dem Film vieles zweimal gibt – einmal in der Stadt, dann in der Abgeschiedenheit -, wird auch die Flucht wiederholt. Aber jetzt ist der Fliehende schon kein älterer Bruder mehr, sondern ein jüngerer Erwachsener. Das taubstumme Mädchen folgt heimlich, sie ersetzt den Gestorbenen, dessen Tod ein Schock war. S ist misstrauisch gegenüber der Reibungslosigkeit der Abläufe: Medizin. Psychiatrie, wie das einfach so da ist, vielleicht eher als französischer Blick denn als afrikanische Wirklichkeit. MF wirft, sehr zur Freude von MB, den Begriff ‚flüssige Statik‘ für die Kameraarbeit in die Runde. Unter Bauarbeitern, erklärt er, sei das ein Ausdruck dafür, wenn man den Mörtel nur noch schnell hinknallt (was hier aber gar nicht zutrifft).

abouna,
dt.: der vater
tschad/frankreich 2002
regie: mahamat-saleh haroun

Donnerstag, 29.07.2004

Zeitschriften-Hinweis

„Er fand es immer schwierig, sich so machtlos beim Aufhören der Bilder zu fühlen, wenn die Verbindung gerissen war, die darüber täuschte, wo das Bild entstand und dass er es nicht selbst projiziert hatte. Plötzlich wieder so ohnmächtig zu sein oder es eben zu wissen, machte nüchtern. Oder wenn es sich verzögerte, taumelte er nach draußen, mal sich verwechselnd und glänzend, mal verzichtend.“
(Aus „Sitzenbleiben“ von Bettina Klix)

shomingeki Filmzeitschrift, Nr. 15, Frühling/Sommer 2004

Inhaltsverzeichnis

* Hiroshi Shimizu – der Poet japanischer Landschaften (Rüdiger Tomczak)

* ‚Wie die Dinge sind‘ – Yasujiro Ozus Zustandskino (Johannes Beringer)

* Nur ein Bild von Japan – Japanische Filme auf dem Weltfilmfestival von Montréal (Claude R. Blouin)

* Ich hätte auch gern einen Körper gehabt (Bettina Klix)

* The General. Zu Bob Dylan (Stefan Flach)

* Une Visite au Louvre/Ein Besuch im Louvre (Johannes Beringer)

* Zu Olivier Assayas: Fin août, début septembre (Bettina Klix)

* Politique des acteurs (Andreas van Düren)

* Godard. Liebe, Arbeit, Kino (Bettina Klix)

* Aufzeichnungen zur Berlinale 2004 (Rüdiger Tomczak)

* Retrospective: Films of Ingo Kratisch and Jutta Sartory (Daniel Eisenberg)

* ‚Kontinuum‘ von Bärbel Freund (Ulrike Pfeiffer)

* ‚Zwischen Gebäuden‘ von Thomas Schultz (Johannes Beringer)

* Joel Agee – eine amerikanische Jugend in der DDR von Barbara Kasper und Lothar Schuster (J. Beringer)

* Es ist noch nicht Tag, es ist nicht mehr Nacht (Stefan Flach)

* Drei Filme aus Quebec (Rüdiger Tomczak)

* Sitzenbleiben (Bettina Klix)

Une visite au Louvre von Johannes Beringer ist auch auf unserer Langtextseite (im Rahmen des umfangreichen Straub/Huillet-Dossiers von Klaus Volkmer) zu lesen, der Rest der Texte im Heft. Bezugsadressen entweder hier, oder via e-mail.


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