In dieser Erzählung sind Orte und Personen erfunden. Die einen finden sich auf keiner Landkarte, die anderen leben nicht, noch haben sie je gelebt, auf keinem Fleck der Erde. Und es tut mir leid, dies zu sagen, denn ich habe sie geliebt, als wären sie wirklich. [Vorbemerkung in Natalia Ginzburgs Roman „Die Stimmen des Abends“ (1961)]
new filmkritik
Donnerstag, 08.12.2005
Dienstag, 06.12.2005
Kino-Hinweis
„Le petit lieutenant“ von Xavier Beauvois wurde in den November-Cahiers zusammen mit Cronenbergs „A History of violence“ unter dem Label „Retour à la fiction“ euphorisch gefeiert. War die denn je weg, die Fiktion? Oder vielleicht doch nur mal kurz um die Ecke, Zigaretten holen?
Fasst sich an der Nase sagt / das beste in der Vase / ist die Kirche im Dorf
Der Film kommt irgendwann im kommenden Jahr in D ins Kino. Vorher, genauer: morgen abend, wird „Le petit lieutenant“ im „Cinema Paris“ gezeigt. Ach ja: Natalie Baye, die Hauptdarstellerin, ist auch da.
Cinema Paris, Kurfürstendamm 211, 19.00 Uhr
Montag, 05.12.2005
TV-Hinweis
Jeden Mittwoch im Dezember: Filme von Raymond Depardon im WDR
10. Strafkammer – Momentaufnahmen (10ième Chambre – Instants d’audiences), Frankreich 2004
07. Dezember 2005, 23.15 – 00.55 Uhr
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Bauernleben (Profils paysans: L’approche), Frankreich 2000
14. Dezember 2005, 23.15 – 01.45 Uhr
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Paris, Frankreich 1997
21. Dezember 2005, 23.30 – 01.00 Uhr
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Vom Westen unberührt (Un homme sans l’occident), Frankreich 2002
28. Dezember 2005, 00.00 – 01.40 Uhr
Samstag, 03.12.2005
3.12.2005
Das Telefon klingelte, ein Freund war am Apparat. Er rief von Porquerolles an, drüben vor der Küste. Ein Filmteam habe sich angekündigt, er wusste davon, weil er im einzigen Restaurant der Insel als Koch arbeitete. Ein paar Tage später hatte er genauere Angaben, und er, der Angerufene, der vor kurzem mit dem Studium in Aix-en-Provence begonnen hatte, lieh sich von Freunden eine 16mm-Kamera.
Er nahm eins der kleinen Boote, die außerhalb der Saison zwischen Port de la Tour Fondue und der Insel pendeln. Da er früher als das Filmteam dort war, konnte er mitverfolgen, wie das Material entladen wurde und die Dreharbeiten zügig begannen. Eine Szene am Strand, eine Frau und ein Mann gehen mit Koffern am Ufer entlang. Er sieht das aus dem Schutz der Eukalyptusbäume, hinter denen er wie ein Indianer herumschleicht. Irgendwann traut er sich, einen vom Team anzusprechen, ob er fotografieren und filmen dürfe. Der Gefragte gibt die Frage weiter an den Regisseur, der gibt ein kurzes Zeichen zurück: Ihm ist es egal. Er, der Fragende, macht also Aufnahmen vom Strand, von den Kameras, von den Bäumen. Schließlich nimmt er das nächste Boot zurück.
Damals hatte er keine Ahnung, dass er den Weg des Regisseurs in den nächsten 40 Jahren kontinuierlich mitverfolgen würde. Aber wenn er Pierrot le Fou jetzt sieht, sieht er zugleich sich selbst in dieser einen Szene im Hors-champ unter den Bäumen stehen. Die Filmrolle, die er im Juni 1965 gedreht hat, ist verloren gegangen. Er erinnert sich aber, dass die Luft, die er atmete, dieselbe war, die Anna Karina, Jean-Paul Belmondo und das ganze Filmteam atmeten, auch der, den er damals um Dreherlaubnis gefragt hat: Jean-Pierre Léaud. Und er muss daran denken, dass derselbe Strand jetzt, in diesem Moment, mit denselben Bäumen, so dort noch immer steht, in Porquerrols, vor der Küste.

Alain Bergala erzählt das – in der ersten Person Singular und mit anderen Worten – im Vorwort zu seiner Sammlung von Texten über Jean-Luc Godard (Nul mieux que Godard, Paris: Cahiers du cinéma 1999). Godard wird heute 75. Kann sein, dass ich die Geschichte deshalb hier aufschreibe.
Dienstag, 29.11.2005
I WALKED WITH A ZOMBIE
Filmstill & ein aufschlussreicher Link zum Thema „Du bist Deutschland“:
http://de.indymedia.org/2005/11/133518.shtml
Left Wing
Manchmal findet man Missing Links, nach denen man gar nicht aktiv auf der Suche war, weil es scheinbar nichts zu verbinden gab. Warren Beattys hybride Polit-Satire „Bulworth“ (1998) ist so eine Übergangsform, weil dort die Repräsentationsskepsis von „The Parallax View“ mit der Stellvertretungsutopie aus „West Wing“ Kontakt aufnimmt. Beide Modelle beziehen sich auf den demokratischen Begriff politischer Repräsentation, bei dem Darstellungsfunktion und Stellvertretungsanspruch zusammenfallen, weil Repräsentation eben beides bedeutet: den sichtbaren Ausdruck von Politik im öffentlichen Raum und personale Stellvertretung als Medium und Ausdruck indirekter Volksherrschaft. Bei Pakula kulminiert die eigentliche Konspiration dort, wo die vom Tonband reproduzierte stimmliche Repräsentation (ein Wahlkampf-Playback), die einem toten demokratischen Repräsentanten zugeordnet wird (der gerade auf einem führerlosen Golfwagen durch eine Sportarena irrlichtert), eine Referenzkrise anzeigt, die deshalb relevant ist, weil sie die demokratische Legitimationskette unterbricht, bzw. simulatorisch stabil hält. „West Wing“ hingegen setzt auf den liberal-demokratischen Optimalfall: personale Integrität, die öffentlich darstellbar ist. Das Beste an dieser vollkommen großartigen Serie ist die Akribie, mit der hier jene institutionellen Prozesse aufgearbeitet werden, die sicherstellen sollen, dass es so etwas überhaupt noch gibt: res publica. „Bulworth“ wiederum ist ein wirrer Film, weil er zunächst die Krisendiagnose undarstellbarer Machtkonstellationen zu teilen scheint, dann aber gutgelaunt einen weißen Senator zum authentisch-öffentlich für die afroamerikanische community sprechenden Rap-Politiker mutieren lässt. Dass Martin Sheen die Figur des bibelfesten Präsidenten Josiah Bartlet offen aus seiner wechselhaften Schauspielerbiographie entwickelt und „Bulworth“ unter der Kategorie ‚Assistant Director‘ ausgerechnet „Frank Capra III“ führt, ist dann eben auch kein Zufall mehr: Alle Wege führen nach Washington und die des Herrn sind unergründlich.
Montag, 28.11.2005
Aktuell im Kino
„Exzellente Darsteller“ (WAZ), „Grossartig“ (DIE WELT), „Wunderbar“ (SPIEGEL), „Glanzvoll“ (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG): Stolz und Vorurteil.
„Die unglaublichste und ergreifendste Weihnachtsgeschichte aller Zeiten!“ (ARD KULTURREPORT), „Zutiefst menschlich!“ (STERN), „Reif für den Oscar“ (CINEMA), „Magisch!“ (ZDF Aspekte): Merry Christmas.
„Ein kleines Wunder!“ (Süddeutsche Zeitung), „Eine Sensation!“ (DER SPIEGEL): Die große Stille.
„Ein bewegendes Fest der Musik und des Lebens!“ (KulturSPIEGEL): Wie im Himmel.
„Ein berührender, humorvoller und im besten Sinne aufklärerischer Film“ (DER SPIEGEL): Die grosse Reise.
„Hollywood-Kino mit viel Herz und Humor!“ (TV SPIELFILM), „Große Gefühle – manchmal braucht man so etwas einfach!“ (WOMAN): Ein ungezähmtes Leben.
[FAS, 27.11.2005, S. 71; die Auflistung ist vollständig]
Mittwoch, 16.11.2005
Zwei Hinweise
*** Wer grad gute Französischkenntnisse zur Hand hat, kann diese Woche auf France Culture täglich Gespräche zwischen Claire Denis und Jean-Luc Nancy hören. Bisher: „Le territoire“, „L’intrus“, „La communauté d’esprit“. In den nächsten zwei Tagen: „La violence de l’image“ und „Cinéma et philosophie“. Als Real Audio (jeweils 35 min) im Netz verfügbar, wahrscheinlich für ein paar Tage.
*** ROUGE 7: Viel John Ford (Texte von Shigehiko Hasumi, Jonathan Rosenbaum, Miguel Marias und Ross Gibson). Außerdem ein Schwerpunkt zu Architektur, Urbanismus und Kino und einiges mehr.
Donnerstag, 10.11.2005
You don’t give me Fever
Wer in Berlin in der zweiten Woche den neuen Farrelly-Film sehen wollte, hatte Pech: Es gab keine zweite Woche. Einigermassen verblüfft durchsuchte ich das Kino-ABC nach „Fever Pitch“, dann nach „Ein Mann für eine Saison“, wie die deutschen Verleiher optimistisch getitelt hatten. Wie genau das zustande kommt, dass eine Nick Hornby-Verfilmung mit Drew Barrymore in der weiblichen Hauptrolle, ein Film, der von führenden Zeitschriften als „wunderbar warmherzig“ (BRIGITTE) empfohlen wird, nach einer Woche aus dem Cinestar verschwindet, wo er, wie ich dann erfuhr, schon in der ersten Woche im 17 Uhr-Slot geparkt worden war: Keinen blassen Schimmer. Kann sein, dass der Film in den USA gefloppt ist. Kann sein, dass es Lukrativeres für den deutschen Markt gibt als Baseball-Filme. Kann sein, dass in dem Farelly-Film nicht genug Farelly drin ist: Werde ich jetzt wohl erst erfahren, wenn die DVD rauskommt. Rührend war immerhin die Frau an der Cinestar-Kasse, wo wir dann „A History of Violence“ sahen. Auf die Nachfrage, ob sie wisse, warum „Fever Pitch“ so schnell abgesägt wurde, zuckte sie mit den Achseln und sagte, sie könne da leider auch nichts machen: Sie sei ja nicht jeden Tag da.
Hinweis
Heute läuft Philip Grönings Klosterfilm „Die große Stille“ an.
In der aktuellen Jungle World sprechen Ekkehard Knörer, Volker Pantenburg, Stefan Pethke, Bert Rebhandl und Simon Rothöhler über den Film. In der heutigen taz ist ein weiterer Text von Bert Rebhandl zum Film erschienen.
