new filmkritik

Freitag, 27.08.2004

Cammell – Wild Side (100 Worte)

In dem Film gibt es zwei Ökonomien: die neue, unsichtbare besteht darin, Zahlen in Telefonhörer zu sprechen, eine Visitenkarte über den Schreibtisch zu reichen, eine Diskette von Hand zu Hand gehen zu lassen. Diese Ökonomie bleibt, auch wenn alles auf sie hinorientiert ist, seltsam blass: Kommunikation. Die alte, eine Reminiszenz an B-Movies und Noir, ist die der Banknoten und Geldbündel. Es ist wichtig, die Scheine anzufassen, denn offenbar lassen sich Körper mit ihnen kaufen, vergewaltigen, tauschen. Der Film zeigt zwei Möglichkeiten, diesen Ökonomien zu entgehen: Lesbisch zu werden oder nach Mexiko auszuwandern. Wer auf Nummer sicher gehen will, tut beides.

camell: wild side (100 worte)

Nach ein paar Minuten schon gemerkt, dass der es nun auch nicht ist. Fataler Defekt, ständig Kinoevolution beobachten zu wollen. Im TV hätte ich den beim Raufundrunterzappen nur für sekundenbruchteile gestreift, viermal vielleicht, und wäre nicht mal irritiert gewesen davon. Umso unverstehbarer, dass, wie die Legende geht, Cammell sich wegen der Wegnahme des final cut dieses Films umbringt. Bewunderung aber für die anderen vorm Bildschirm. S, S und S, E, V und M, die beim Betrachten andere Fragen entwickeln können. Christopher Walken als Bruno, Tony erniedrigend. Dessen Calvin Klein Unterhose zerreissend. „Bend over. Bend over. Bend…over. Bendover. Ben Dover.“

wild side
regie: donald cammell
usa 1995/2000

Cammell: Wild Side (100 Wörter)

Du hast mich um 100 Dollar betrogen, sagt Alex zu Bruno. Das ist mein Kick, sagt er, und erstattet ihr 200 Dollar zurück. Tony gibt Alex 500 Dollar und vergewaltigt sie. Virginia, Brunos Frau, eröffnet in Brunos Auftrag bei Alex‘ Bank ein Konto für ihre Schuhproduktion in Höhe von 375.000 Dollar. Brunos Coup, geplant für 12 Uhr des nächsten Tages, soll 179.000.000 Dollar bringen, danach kann sich Mr. 13 Prozent zur Ruhe setzen. Was dazwischenkommt: die Liebe, Christopher Walkens overacting (Verausgabungsökonomie), eine rote Blende, eine blaue. Worauf es hinausläuft: die Dritte Welt, die Sonne, Erlösung, a buck is a buck.

Samstag, 21.08.2004

TV-Hinweis

Heute nacht (Samstag auf Sonntag), 00.30 Uhr, arte:

13 Lakes, USA 2004, Regie: James Benning

„Die Idee des Films ist ganz einfach. Es geht darum, auf die Seen zu blicken, auf den Himmel und wie das Licht vom Wasser reflektiert wird – und das an dreizehn verschiedenen Orten in den Vereinigten Staaten. Es ist im Grunde eine ästhetische Studie des Lichts – wie es auf das Wasser trifft und wie es sich bewegt. Die Einstellungen werden länger sein – ich denke sieben bis acht Minuten, damit man Zeit hat, über das Licht nachzudenken. Und weil die dreizehn Seen sehr verschieden sind, möchte ich sie so filmen, dass man das Licht auf dem Wasser vergleichen kann. Aber ich möchte auch, dass das Bild ausdrückt, was an diesem See besonders ist. Und das ist der schwierige Teil.“ (James Benning im Interview mit Reinhard Wulf, Auszug aus dem Dokumentarfilm „James Benning – Circling the Image“).

Bei der Berlinale 2002 hat Anna Faroqhi ein Gespräch mit Benning über die „California Trilogy“ geführt, ein Text zu seinem Film „Landscape Suicide“ ist hier zu lesen.

Auf Bennings eigener Seite kann man die Texte von acht Filmen (in Buchform erschienen unter dem Titel „Fifty years to Life. Texts from Eight Films by James Benning“, Madison, Wisconsin: Two Pants Press, 2000) herunterladen.

Donnerstag, 19.08.2004

Teil zwei des laufenden Sammlungsprojekts im Rahmen des DFG-Sonderforschungsbereichs „When film buffs become Busunternehmer“. Gesichtet am vergangenen Sonntag vor dem Grand Hotel Esplanade am Berliner Landwehrkanal.

[Abbildung ähnlich]

Ich sah – déformation professionelle – zunächst gar nicht den einer solchen Firma eher abträglichen Namen, sondern gleich die notdürftig getarnte filmgeschichtliche Referenz.

Samstag, 07.08.2004

Kino –
Kino –
Kino –
Das Kino.
Kino.
Take me to the Kino again.
Das Kino, Kino. Take me to the Kino again.
Das Kino, Kino. Take me to the Kino again – it’s easy!
Das Kino. Kino. Take me to the Kino again. It’s easy: ask me.

Take me to the Kino again.

(Life without Buildings – Daylighting)

Mittwoch, 04.08.2004

Die 53. Minute: California Split (Robert Altman, 1974)

Bill hat Spielschulden und also spielt er noch mehr. Sein Freund Charlie ist nicht aufzufinden, es geht jetzt auch nicht um den Spaß am Zocken, sondern das Geld muss her. Alleine schließt sich Bill einer Pokerrunde an – und verliert.
Während wir die beiden vorher während des Spiels gesehen haben, solange sie gewonnen haben nämlich, springt der Film an dieser Stelle von dem Moment, an dem Bill am Pokertisch Platz nimmt, sofort zum nächsten Morgen: Übernächtigt tritt er auf die Straße, die tröstenden Worte seines Gastgebers, dass er beim nächsten Mal dann der Gewinner sein wird, nimmt er kaum noch wahr. Lässt sich Gewinnen im Film einfach besser zeigen als Verlieren? Oder ist Gewinnen immer der Prozess selbst, während die Bedeutung des Verlierens erst anhand der Folgen deutlich wird? Am Ende des Films dann verschwimmen die Kategorien von Sieg oder Niederlage: Wieder vereint, gewinnen Bill und Charlie eine ungeheure Summe, aber sie gehen fortan getrennte Wege.

Was wurde eigentlich aus Elliott Gould? Was wurde eigentlich aus George Segal? Wie konnte es kommen, dass zwei Schauspieler, die Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre in einigen der interessantesten amerikanischen Filmen jener Zeit zu sehen waren, so völlig in zweitklassigen Video- und TV-Produktionen verloren gingen? Und: war Elliott Gould nun eine bewusste Antwort auf den jungen Belmondo, oder war das einfach eine dieser Ähnlichkeiten, wie sie immer wieder einmal, Kontinente und Kulturen übergreifend, vorkommen? Immerhin hat ja auch Belmondo nach einem so glänzenden Karriereauftakt bei Godard den Großteil seines Schauspielerlebens dann mit leichtgewichtigen bis dumpfen Rollen verbracht. Und was in diesem Zusammenhang auf jeden Fall auch noch zu fragen ist: Was wurde eigentlich aus Alan Arkin?

Freitag, 30.07.2004

Zu ABOUNA:

Großer Bruder und kleiner Bruder suchen nach ihrem Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat. Eine rigide Gesellschaft hindert sie daran, ihr Ziel zu verfolgen. Ich schaue neugierig zu, gespannt darauf, was sich die beiden Jungen einfallen lassen werden.
Plötzlich stirbt der kleine Bruder. Meine Empörung ist unmittelbar. Nicht nur, weil eine sympathische Figur – und ein großartiger Kinderdarsteller – völlig unerwartet aus der Geschichte eliminiert wird, sondern weil der Film danach seine erzählerische Geschlossenheit aufzugeben scheint. Die dem Sterben folgende Darstellung vom tumben Liebesglück des großen Bruders empfinde ich als Verrat, als unproduktive stilistische Entgleisung. Spontan unterstelle ich mangelnde Inspiration, die sich als herrische Autorenintention gebärdet und einen unfertigen Plot per Mord am Personal hinter sich bringt.

Vs Anregung, den Tod des jüngeren Amins als Sinnbild zu lesen für das Ende der Kindheit des älteren Tahir, rettet mich. Ausgestattet mit diesem Schlüssel bin ich wieder in der Lage, die sehr feine Kompositionsarbeit des Films zu erkennen, sie gerade an dieser Bruchstelle bestätigt zu sehen.

Man hat es hier mit einer Versuchsanordnung zu tun, die die Last des Subjekt-Werdens auf die Schultern mehrerer Akteure verteilt. Wie in einem symbolistischen Gemälde (die drei Menschenalter, die vier Jahreszeiten o.ä.) werden verschiedene Entwicklungsstufen im Rahmen desselben Tableaus einander gegenüber gestellt – ein Gleichzeitigkeitsmodell von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Amin verkörpert die extrovertierte Naivität des Kindes, das mit seiner entwaffnend klaren Haltung das Wesen der Dinge berührt. Ein Verlust, der kaum auszuhalten ist.

Der Vater, in seiner an Nicht-Stofflichkeit grenzenden Blassheit, personifiziert den Weg, den der Sohn, diese im Entstehen begriffene Biographie, noch vor sich – imaginärer Fluchtpunkt für männliche Sozialisation in der Phase, in der am Horizont des Bewusstseins aufdämmert, dass Leben nicht einfach nur passiert, sondern Möglichkeiten individueller Gestaltung bereit hält.
Vater Morgana – die weiße Wüste, in der der Mann während des Vorspanns entschwindet, drückt auch das zum Fürchten weite Feld dunkler Ahnungen des Sohnes aus von einer noch auszufüllenden Rolle.

Väter lassen sich auch im Kino suchen – für viele Menschen ist Teilnahme an Populärkultur ein wichtiger Schritt bei der Ausbildung eines eigenen Wertesystems: man beginnt, selbst zu bestimmen, wer als Vorbild in Frage kommt. Wahlverwandschaften.
(Viel eher als Goethe fällt mir Musil ein. Dass die Gewinnung ganzer Figurenensembles aus den Facetten einer einzelnen Persönlichkeit zur beliebten Schriftstellermethode avancierte nach Entdeckung der Psychologie, das habe ich das erste Mal kolportieren gehört über den Mann ohne Eigenschaften.)

Dem Kind-Sein entwachsen heißt, auf das offene Meer des Lebens hinauszusteuern. Davon handelt ABOUNA.

abouna, 146 wörter

Einmal versuchen die Brüder, aus der Koranschule zu entkommen. Sie brechen frühmorgens auf und laufen quer durch die Steppe. Als der jüngere in einen Dorn tritt, ist der Ausbruchversuch vorbei. Weil es in dem Film vieles zweimal gibt – einmal in der Stadt, dann in der Abgeschiedenheit -, wird auch die Flucht wiederholt. Aber jetzt ist der Fliehende schon kein älterer Bruder mehr, sondern ein jüngerer Erwachsener. Das taubstumme Mädchen folgt heimlich, sie ersetzt den Gestorbenen, dessen Tod ein Schock war. S ist misstrauisch gegenüber der Reibungslosigkeit der Abläufe: Medizin. Psychiatrie, wie das einfach so da ist, vielleicht eher als französischer Blick denn als afrikanische Wirklichkeit. MF wirft, sehr zur Freude von MB, den Begriff ‚flüssige Statik‘ für die Kameraarbeit in die Runde. Unter Bauarbeitern, erklärt er, sei das ein Ausdruck dafür, wenn man den Mörtel nur noch schnell hinknallt (was hier aber gar nicht zutrifft).

abouna,
dt.: der vater
tschad/frankreich 2002
regie: mahamat-saleh haroun

abouna, 146 wörter

Gestalten im Dunkeln, Müdigkeit. Dass in Filmen Dunkelheitsszenen sind, damit die Augen der Figuren ausdrücklicher handeln können. Es gibt diesen Spruch, „Neger frisst zwei Blenden“, meint S, und H, der Kameramann ist, widerspricht: man müsse sich halt ein bißchen mehr anstrengen, aber das mit den zwei Blenden sei Quatsch. Zur Postkolonialität des Films, zum Mangel an Realismus: wie aufgeräumt die Koranschule ist, wie sauber der Motorroller des Onkels, sauber dessen Gitarre, sauber das orange Hemd Amins. Amin trägt das orange Hemd während des ganzen Films, es leuchtet nicht nur in der Nacht. Des taubstummen Mädchens goldene Kleider. M meint, ihn habe das gelangweilt nach einer Weile, wie in dem Film ab dessen Mitte keine Gegenkräfte und -wünsche die Erzählung an ihrem Abspulen hindern. Einerseits. Andererseits, meint H, dass das dessen Märchenhaftigkeit gut charakterisiere. Die Beerdigung Amins. Was ist glückendes coming of age? Das Sterben des Kindes.

abouna,
dt.: der vater
tschad/frankreich 2002
regie: mahamat-saleh haroun


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