Samstag, 29.12.2012

Welt ging verloren


Karen Sandberg Caspersen in Det Hemmelighedsfulde X (1914 Benjamin Christensen)

In einem Film, der vor neunundneunzig Jahren gedreht, so spannend ist, dass man’s kaum aushält, schaut die Heldin im Moment totaler Verzweiflung… wohin?


Karen Sandberg Caspersen in Hævnens Nat (1916 Benjamin Christensen)

Hätte das, was man die „Filmsprache“ nennt, tatsächlich Vokabeln, dann wäre der Blick in die Kamera das eine Wort, von dem alle wissen, dass man es vermeiden soll. Warum? Was soll denn passieren, wenn es verwendet wird? Kann ein einzelnes Wort überhaupt etwas ausrichten? Sicher nicht. „Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“

Wie wär’s, wenn eines der kürzesten und vieldeutigsten Worte im filmischen Wortschatz zum Mittelpunkt einer ganz neuen Filmgeschichte würde. Nennen wir sie: Die Geschichte des „Oh!“


Edward G. Robinson in Little Ceasar (1931 Mervyn LeRoy)

Edward G. Robinson, Einwanderer aus Rumänien, sprach acht Sprachen und besaß, wie ich bei Helmut Färber las, ein Gemälde von Cézanne: „Die schwarze Marmoruhr“.


Ein anderes Bild aus Edward G. Robinsons Sammlung: „Daughters of the Revolution“ von Grant Wood, 1932.

„Quite shocked“ war eine anonyme Protestbriefschreiberin als sie in einer Gallerie in Iowa die „Daughters of the Revolution“ sah – „three women with savage looks, almost ready to pop out of the frame and eat you alive.“


Agnes Moorehead, Edward G. Robinson, Margaret O’Brien in Our Vines Have Tender Grapes (1945 Roy Rowland)

Besser wurde die Weihnachtsgeschichte nie erzählt als in Our Vines Have Tender Grapes. Margaret O’Brien lässt ihren Auftritt in der Kirche enden mit den unglaublichen Worten: „And the baby cried.“ Und nur für die Länge dieses Satzes geht ihr Blick direkt in die Kamera.


Frank Sinatra in Suddenly (1955 Lewis Allen)

Erst als mein Text über Lewis Allen (für Cargo) schon fertig war, sah ich mir einige Folgen Bonanza an, bei denen Lewis Allen Regie geführt hat. Und ich staunte.


Susan Harrison in Bonanza: Dark Star (1960 Lewis Allen) ****

Da, wo seine vielversprechend begonnene Laufbahn sich in der Anonymität verlor, beim Fernsehen, in einer Westernserie hat Lewis Allen das Unmögliche nicht länger zögerlich wie in seinen Kinofilmen ausprobiert, sondern – zumindest in den 48 Minuten der Bonanza-Folge Dark Star – voll ausgekostet. Soviel und so intensiv wie Susan Harrison in die Kamera schaut, so geheimnisvoll, verirrt und besessen gibt es das sonst nur bei Zbynek Brynych.

(Zum Beispiel im aufregend traurigen Misto, den ich vor zwei Wochen in Hamburg wiedersehen konnte. Nach der Vorstellung erzählte mir Klaus Wyborny, dass er sich daran erinnere, den Film 1964 in Oberhausen gesehen zu haben.)


Helga Anders in Der Kommissar: Die Schrecklichen (1969 Zbynek Brynych)

„Vielleicht ist ihnen auch aufgefallen, daß die Schauspieler in meinen Filmen oft in die Optik sehen. Die fragen dann meist: „Meinen Sie wirklich, mitten in die Optik?“ Und ich muß sagen: „Ja bitte, mitten in die Optik.“ Eigentlich ist das verboten, aber die Wirkung ist unheimlich emotional. Wenn der Zuschauer direkt angesehen wird, kann er nicht weg. Unmöglich, daß er sich einen Kaffee kochen geht.“ (Zbynek Brynych, 1994)


Kathleen Byron in Black Narcissus (1947 Powell & Pressburger)


Constance Towers in The Naked Kiss (1964 Sam Fuller)

Die vielen alten Filme, die so neu sind. Manche von ihnen sind sogar beim Wiedersehen neu. Und „was es für Filme gibt!“


Daliah Lavi in Il Demonio (1963 Brunello Rondi)

Volker Hummel hat mal (in einem Text über Chris Marker) den Blick in die Kamera „den Blick zurück auf den Zuschauer“ genannt, und in schönen Zusammenhang gebracht mit dem Geheimnis der Jugend. Dieses Geheimnis, das darin besteht, offen zu sein.

In der neueseten Ausgabe von SigiGötz-Entertainment habe ich ein wenig über Martin Müllers 1969 in München entstandenen Anatahan Anatahan geschrieben.

Eine silberne Marilyn Monroe von Warhol habe er damals gekauft und schnell wieder verkauft, erzählt mir Klaus Lemke stolz, denn mit den paar tausend Mark Gewinn wurde Anatahan Anatahan gedreht.


Noch ein Gemälde, das Edward G. Robinson gehörte. Van Gogh: Père Tanguy

Zur Beschreibung eines Menschen gibt es die Formulierung, in seinem Blick sei „etwas Verlorenes“. Aber ist denn dieses Verlorene, im Bild aufgenommen und vom Betrachter gefühlt, nicht wiedergefunden?

Und mit welch einsamem Amüsement schaut Heino Jäger ganz am Ende von Gerd Kroskes Look before you Kuck als Besucher der eigenen Vernissage in die Kamera!


Helga Feddersen in Die Rache der Ostfriesen (1974 Walter Boos); ein ganz fürchterlicher Film. Aber Stefan Ertl schreibt (ebenfalls in SigiGötz-Entertainment) über Helga Feddersen: am bemerkenswertesten an ihr sei „die in all dem Trash und Slapstick immer erkennbare Liebenswürdigkeit, die man sich unmöglich als Resultat schauspielerischen Antrainierens erklären kann.“


Oliver Hardy in Galaxy of Stars (1936) via

Mittwoch, 26.12.2012

Fragment unseres Lebens

Dietrich Bonhoeffer schreibt in einem Brief vom 23. 2. 1944 aus dem Gefängnis:

„…Wo gibt es heute noch ein geistiges „Lebenswerk“? Wo gibt es das Sammeln, Verarbeiten und Entfalten, aus dem ein solches entsteht? Wo gibt es noch die schöne Zwecklosigkeit und doch die große Planung, die zu einem solchen Leben gehört? Ich glaube, auch bei Technikern und Naturwissenschaftlern, die als einzige noch frei arbeiten können, existiert so etwas nicht mehr. Wenn mit dem Ende des 18. Jahrhunderts der „Universalgelehrte“ zu Ende geht, und im 19. Jahrhundert an die Stelle der extensiven Bildung die intensive tritt, wenn schließlich aus ihr sich gegen Ende des vorigen Jahrhunderts der „Spezialist“ entwickelt, so ist heute eigentlich jeder nur noch „Techniker“, selbst in der Kunst (in der Musik von gutem Format, in Malerei und Dichtung nur von höchst mäßigem!). Unsere geistige Existenz aber bleibt dabei ein Torso. Es kommt wohl nur darauf an, ob man dem Fragment unseres Lebens noch ansieht, wie das Ganze eigentlich angelegt und gedacht war und aus welchem Material es besteht. Es gibt schließlich Fragmente, die nur noch auf den Kehrichthaufen gehören (selbst eine anständige Hülle ist noch zu gut für sie) und solche, die bedeutsam sind auf Jahrhunderte hinaus, weil ihre Vollendung nur eine göttliche Sache sein kann, also Fragmente, die Fragmente sein müssen – ich denke zum Beispiel an die Kunst der Fuge. Wenn unser Leben auch nur ein entferntester Abglanz eines solchen Fragmentes ist, in dem wenigstens eine kurze Zeit lang die sich immer stärker häufenden verschiedenen Themata zusammenstimmen und in dem der große Kontrapunkt vom Anfang bis zum Ende durchgehalten wird, so dass schließlich nach dem Abbrechen – höchstens noch der Choral: „Vor Deinen Thron tret’ ich allhier –“ intoniert werden kann, dann wollen wir uns auch über unser fragmentarisches Leben nicht beklagen, sondern sogar daran froh werden.“

Gefunden bei der Lektüre von „Widerstand und Ergebung, Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, herausgegeben von Eberhard Bethge, 1962

Freitag, 21.12.2012

Notlösung

„Die Welt geht vorüber, sie ist noch da, aber eigentlich schon vergangen: Geschichte. Die zeitraffende Sicht der Apokalypse durchbricht die zähe Weltgewohnheit, das drohende Ende aufzuschieben, aufzuhalten, mit Schulden zu verlängern. Die Welt ist porös geworden. Wir können aufbrechen: Exodus aus der Schuldknechtschaft. Eigentlich besteht die Welt gar nicht, sie passiert, sie bricht unaufhörlich zusammen unter der Wucht der Ereignisse…“

Hannes Böhringer. Notlösung. Kultur und Christentum, Merve Verlag,  gerade erschienen,

Mittwoch, 19.12.2012

Film von übermorgen

Tausend Dank an Matthias Vogel und Thomas Oberlies
für den Hinweis auf The Human Apocalypse von und mit Kae & Obernuß.

Sonntag, 09.12.2012

* die englischsprachige Fassung von Ulrich Köhlers Warum ich keine ‚politischen‘ Filme mache: Why I Don’t Make Political Films, übersetzt von Bettina Steinbruegge

Dienstag, 04.12.2012

From Here to Eternity

Die neue Nummer (11) der Zeitschrift FUGE.  Journal für Religion & Moderne  ist unter dem Titel „Zweite Naturen. Humanismus und Anti-Humanismus (I)“ erschienen. Der Umschlag zeigt ein Szenenfoto aus „Brideshead Revisited“ nach dem Roman von Evelyn Waugh. Im Heft finden sich auch sechs Gedichte des Australiers Les Murray, englisch und deutsch (übersetzt von Margitt Lehbert).

Meine liebste Strophe aus dem Gedicht „Burning Want“: 

„But I called people ‚the humans’ not knowing it was rage.

I learned things sidelong, taking my rifle for walks,

recited every scene From Here to Eternity, burned paddocks

And soldiered back each Monday to that dawning Teen age.“

 

Mittwoch, 28.11.2012

Dienstag, 27.11.2012

Sternstunden des Hörfunks (4)


A preface of films to come

1983 machte der 16-jährige Judd Apatow für sein College-Radio ein Interview mit Jerry Seinfeld.

2010 sprach Marc Maron mit Judd Apatow über Anfänge, Anerkennung, Einsamkeit.


Schaufenster in Hof

In einer anderen Ausgabe von Marons Radio-Sendung, im sehr persönlichen Gespräch mit Louis C.K., ist Freundschaft ein Thema.

Sich vorzustellen: Kultur wäre der ständige Austausch von Ehrlichkeiten, Unsicherheiten.


Traité de bave et d’éternité (1951 Isidore Isou)

Isidore Isou fragte: „Wer sagt denn, dass das Kino seine Bewegung aus den Bildern beziehen muss und nicht aus dem Sprechen?“

Sachamanta (2012) ist ein sehr schöner Dokumentarfilm von Viviana Uriona über argentinische Kleinbauern, die sich seit vielen Jahren gegen großangelegten Landraub gemeinsam zur Wehr setzen. Ihre kluge Bewaffnungsform, um die es hier geht, ist das Radio.

Eine junge Frau schüttet mit Schwung einen Eimer Wasser über das staubige Solardach ihrer unabhängigen Radiostation. Aus amerikanischen Western kennt man solche Kinoheldinnen, die irgendwo in der Weite eines kargen Landes leben, und die trotzt ihrer Not zu beneiden sind um ihren Mut. Menschen, deren Stärke schon deshalb zu bewundern ist, weil jeder Einzelne von der Angst spricht und sich erinnert an die Schwäche vor dem Zusammenfinden zu einer Gemeinschaft.


Sachamanta (2012 Viviana Uriona)

Ganz so wie in den Dokumentarfilmen von Les Blank gehört auch in Sachamanta den Leuten, die im Film zu Wort kommen, ihre eigene Musik, die aus den Bilderfolgen heraus erklingt, nicht von draußen über sie hinweg weht. Für die Fortsetzung der Arbeit an dieser nachbarschaftlich weltumspannenden Form des Kinos ist ein Crowdfunding im Gange. (Hier)

Mittwoch, 21.11.2012

Montag, 19.11.2012

Notes on Camera Movement (2)

Kevin B. Lee: Steadicam Progress
The Career of Paul Thomas Anderson in Five Shots.


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