Oktober 2018

Mittwoch, 17.10.2018

Frühe Videoarbeiten von Jean-Luc Godard (Filmvorführung und Gespräch)

Vom 19.-21. Oktober 2018 findet in der Denkerei und im fsk Kino Berlin die Veranstaltung „Essayfilm – sichtbares Denken“ statt. Heiner Mühlenbrock und Cecilia Valenti haben ein Programm aus Vorträgen, Gesprächen und Filmvorführungen zusammengestellt.

Beteiligt sind: Nora M. Alter, Professorin für das Film and Media Arts an der Temple University; Kathrin Becker, Geschäftsführerin und Leiterin des n.b.k. Video-Forums in Berlin; Bazon Brock, emer. Prof. für Ästhetik und Kulturvermittlung, Künstler, Kunsttheoretiker sowie Gründer der Denkerei; Ralph Eue, Filmkurator, Publizist und Filmhistoriker; Ben Gibson, Direktor der DFFB; Hulda Rós Guðnadóttir, Film- und Medienkünstlerin; Thomas Helbig, Kunsthistoriker; Frédéric Jaeger, Chefredakteur critic.de und geschäftsführender Vorstand des VDFK – Verband der deutschen Filmkritik e.V.; Sven Kramer, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Literarische Kulturen; Heiner Mühlenbrock, Regisseur und Kurator; Michaela Ott, Philosophin, Filmwissenschaftlerin und Professorin für ästhetische Theorien; Wilfried Reichart, ehemaliger Leiter der WDR-Filmredaktion; Anke Sterneborg, Filmkritikerin; Michael Temple, Direktor des The Essay Film Festival in London; Klaus Theweleit, Literaturwissenschaftler, Kulturtheoretiker und Schriftsteller; Cecilia Valenti, Medienwissenschaftlerin und Filmkuratorin; Martina Zöllner, rbb-Programmbereichsleiterin „Doku & Fiktion“

Neben Heiner Mühlenbrocks „Vor aller Augen” (D 1991, 60 min) und der von Michael Temple kuratierten langen Filmnacht des Essay Film Festivals London werden abschließend frühe Videoarbeiten Jean-Luc Godards gezeigt. Zusammen mit Anne-Marie Miéville gründete Godard Anfang der siebziger Jahre in Grenoble die Videogesellschaft „Sonimage“. Unter dem Eindruck der technischen Möglichkeiten des Videoformats entstehen zahlreiche Filmprojekte, die anstelle des Kinos das Fernsehen adressieren. Die experimentell angelegte Serienproduktion „Six fois deux [sur et sous la communication]“ (R: Godard/Miéville, FR 1976, 610 Min.) skizziert formal und inhaltlich neue Wege, das Fernsehen als diskursives Medium zu etablieren.

Gezeigt werden die Episoden „Photos et cie“ und „Marcel“ (deutsche Synchronfassungen) sowie Ausschnitte aus einem Interview, das Wilfried Reichart Ende November 1976 mit Godard in Grenoble führte (s. auch hier). Einführung: Wilfried Reichart und Thomas Helbig.

„Mit Six fois deux hat Godard sechsmal zwischen den Bildern und Tönen die Fluchtlinie schöpferischen Handelns aufblitzen lassen, und mit ihr hat er das Fernsehen entführt.“ (Gilles Deleuze)

Freitag, 12.10.2018

In Hamburg

Das Metropolis-Kino zeigt amerikanische Polizeifilme der 70er.
The New Centurions (1972 Richard Fleischer) mit Stacy Keach und George C. Scott, der schönste Film der Reihe und Hauptinspiration für Wolf-Eckart Bühlers legendäres FILMKRITIK-Polizeifilm-Heft, läuft (DF, 35mm) am Sonntag um 21:15. Einführung: Volker Hummel

Montag, 08.10.2018

Paratexte der FILMKRITIK (8): Zur Kritik des Politischen Films

[Filmkritik Nr. 270, Juni 1979, vordere Umschlaginnenseite; im Heft: Peter Nau: Die Kunst des Filmesehens – Filme, ausgewählt für Studenten der DFFB von Peter Nau]

Kinohinweis:

9.11.2018, 20:00 Uhr, Kino Arsenal: LA MARSEILLAISE, Regie: Jean Renoir, Einführung: Peter NAU.

Sonntag, 07.10.2018

zu HOTTE IM PARADIES

Wo die Ausbeutung das Geschäftsmodell ist und er das aber gar nicht kann:
das Gesicht von Misel Maticevic, das immer mehr zu wissen scheint,
vor allem, daß es so doch nicht geht – sein Eskapismus erinnert eher an Dieter Montag in “Solo Sunny“, der auch immer was Schönes machen will: Hotte als Kümmerer und Beschützer, wo dann der Ausflug zum See mit seinen 3 Mädchen mehr mit MENSCHERN AM SONNTAG zu tun hat als mit existentiellen Pathos eines geschundenen Pacino in CARLITOS WAY.

Der an die Ingredienzien des bürgerlichen Lebens glaubt, der das Geld Verdienen aber ohne Arbeit abkürzen will, um ein ein Leben in Distinktionen zu führen. Und wie das scheitern muss, davon erzählt Graf hier unnachahmlich mit Präzision und rarer Vitalität.

Die Mädchen sind Material, das gepflegt werden muss: mit einer Liebe zu den Figuren hier, aus der Zeit, wo man noch von Kiezfiguren sprach und von den geliebten Körpern der von ihnen geschundenen Frauen.

Gegen die Wettbewerber am Markt, die wie eine Handwerkskammer organisiert sind. Das alte Westberlin als Pate. Die kleinen Puffs am, vor’m Olympiastadion.–
Das übriggebliebene kleinkriminelle Milieu, inzwischen auch gentrifiziert am Stuttgarter Platz, wo sich heute die weißhaarige, gesettelte Libertinage an das Verruchte in der Kunst des billigen Lebens während den Achtzigern erinnert, das KUMPELNEST neben dem Strassenstrich….

Der Melancholiker Misel Maticevic, dessen Unwiderstehlichkeit hier so als wunderbar verwundbar dargestellt ist, und das Prekäre, und die Kokslines vom Hintern der Wunschvorstellung mit den Banalitaäten des Alltags kollidieren, wo am Ende der Skrupellose sich durchsetzt und das Bild des Gescheiterten bleibt, so wie Sterling Hayden in einem seiner schönsten Momente sich nachts betrunken in den Pazifik verabschiedet, ist Hotte auch mehr bei THE LONG GOODBYE von Altman oder bei Wolfs SOLO SUNNY bzw. Wilders MENSCHEN AM SONNTAG als bei CARLITOS WAY von De PALMA.
Steht irgendwo dazwischen.

7.10. 15.00 H Cinema Bundesplatz
und DVD

Dienstag, 02.10.2018

Wolf-Eckart Bühler / Sterling Hayden

Im Oktober werden gleich vier Kinoabende im Arsenal stattfinden, die direkt oder indirekt mit der alten FILMKRITIK zu tun haben.

Morgen und übermorgen ist Wolf-Eckart Bühler zu Gast. Er zeigt seine beiden Filme „Leuchtturm des Chaos“ (1983) und „Der Havarist“ (1984) und spricht mit Hannes Brühwiler darüber. Eine schöne Coda der Hollywood Blacklist-Reihe im September.

Ich bin kein Experte für Schauspielporträts, kann mir aber keinen erstaunlicheren Fall dieses Genres vorstellen als diesen. „Leuchtturm des Chaos“: 118 Minuten mit Sterling Hayden auf seiner holländischen Barkasse, vor Anker bei Besançon, „ein König ohne Land und Untertanen. Eine Shakespeare-Gestalt. Ein Träumer und Denker, ein manchmal flammender Prophet“, wie Alf Mayer schreibt.

Eine Kurzfassung des Films, „Vor Anker, Land unter. Ein Film mit Sterling Hayden“ war durch Werner Dütsch und die Filmredaktion des WDR 1982 möglich geworden. Die Arbeit verbindet sich mit Bühlers vorherigen Sendungen über Leo Hurwitz und Abraham Polonsky, aber auch mit Farocki/Hofmanns Porträt von Peter Lorre. Fallgeschichten, ausgehend von existentiellen Brüchen und Erschütterungen, die das HUAC und die Kommunistenangst der 1950er hervorriefen. Vier Phänotypen der Komplizenschaft oder des Widerstands.

The black pit of oblivion opens like a giant clamshell.

„Der Havarist“ ist Bühlers Version von Haydens autobiographischem Buch „Wanderer“, mit Burkhard Driest, Rüdiger Vogler und Hannes Wader in der Rolle Haydens.

Seit kurzem gibt es die Hayden-Filme – dank der Initiative des Filmmuseums München – auf DVD in der edition filmmuseum. Im Booklet ist auch ein unveröffentlichter Nachruf Bühlers auf den Schauspieler.


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