Einträge von Bettina Klix

Dienstag, 28.05.2013

Il Vangelo Secondo Matteo

Salvatore, der Held des gleichnamigen Buches von Arnold Stadler sieht Pasolinis „Il Vangelo Secondo Matteo“ und ist gebannt, obwohl mehrere Verwandte von ihm mitwirken, was desillusionierend wirken könnte beim Wiedererkennen. Doch im Gegenteil: Sein Onkel etwa, der den Teufel spielt, versetzt ihn trotzdem in Erschrecken.
Salvatore lässt sich vom Film „evangelisieren“. „Der Text war nun an einer Stelle angekommen, wo der gewöhnliche Verbraucher nicht mehr so einfach folgen konnte oder mochte; die Bilder waren aber so, dass Salvatore und auch den anderen, die dies nicht gesehen haben, wenn sie es gesehen hätten, auf der Stelle „Ja!“ gesagt haben hätten und es geglaubt: dass dies der Messias war, der Sohn des lebendigen Gottes, wenn sie auch nach wie vor kein Wort davon verstanden hätten. Das war die Macht der Bilder. Die Augen besaßen Definitionshoheit über den Menschen…“
(Ein Hinweis auf dieses Buch findet sich in der Jan./Febr.- Ausgabe 2013 der Zeitschrift Communio. Internationale katholische Zeitschrift, im Text von Erich Garhammer, „Epiphanie der Stille“- Arnold Stadler und Hanns-Josef Ortheil)

Dienstag, 30.04.2013

Der einsame Wanderer

“Now I lay me down to sleep
I pray the Lord my soul to keep
If I shall die before I wake
I pray the Lord my soul to take.”
Der junge Mann im Film “Der einsame Wanderer”(1968) von Philip Sauber kommt erst nicht über die zweite, dann nicht über die dritte Zeile hinweg. Immer wieder nimmt er einen qualvollen Anlauf. Und die vierte Zeile hören wir gar nicht. Das ist genau der Punkt, an dem auch der Film stehen bleibt. So scheint es mir jedenfalls, nach dem ersten Sehen an einem Abend mit hoher Erwartung und in schlechter Luft, im Hotel Bogota in Berlin-Charlottenburg. Ulrike Edschmid liest vor der Aufführung aus ihrem Buch „Das Verschwinden des Philip S.“ eine Passage über die Dreharbeiten dieses Films und ihre schönen Worte wecken in mir Bilder, die der Film nicht einlöst. Es scheint so, das wird auch bei der Diskussion nach der Aufführung deutlich, dass Edschmid von ihrem ehemaligen Lebensgefährten, der später in den bewaffneten Untergrund ging und unter nicht ganz geklärten Umständen 1975 erschossen wurde, ein Bild aufbewahrt, an dem sie mit einer Treue festhält, wie wir sie den geliebten Toten ja auch schuldig sind. Aber in diesem Fall ist es ein unerlöstes Bild, das sozusagen vor seinem Erwachen stehen geblieben ist.

Donnerstag, 18.04.2013

Grenze des Konsums

Am letzten Montag in der „Denkerei“ am Oranienplatz in Berlin unter der Überschrift „Asketen des Luxus“ konnte man sich unwillig oder amüsiert von Bazon Brock belehren lassen: etwa über die Abschaffung des Limbo 2007 oder die Herkunft der phrygischen Mütze, sich von der Künstlerin Stephanie Senge von ihren Ideen zur Ermutigung des Konsumenten und ihrer eigenwilligen Version des Ikebana bezaubern lassen oder sich am neuen Buch von Wolfgang Ullrich erfreuen, das von ihm vorgestellt wurde:
Alles nur Konsum. Kritik der warenästhetischen Erziehung, Wagenbach, 2013,
Ullrichs Untersuchungen vieler abergläubischer Praktiken des Konsums, die immer auch mit Ironie betrieben werden, verlieren nicht das aus den Augen, was dieser Praxis ein Ende setzt und die Dinge wieder freigibt. So endet das Buch mit einem Zitat von F. T. Vischer von 1879:
„Es ist auch deswegen in Ordnung, dass der Mensch endlich stirbt, er soll sich schon deswegen gern darein fügen, weil sich mit der Zeit gar zu viel Sach um ihn ansammelt…“

Samstag, 13.04.2013

Der ewige Schandfleck des deutschen Films

Neulich bekam ich „Das gab’s nur einmal“(Ausgabe 1957), von Curt Riess geschenkt – mit dem irreführend harmlosen Untertitel „Das Buch der schönsten Filme unseres Lebens“ Von Filmfreunden hatte ich noch nie etwas von diesem schönen Buch mit fantastischen Filmfotografien gehört, das aber wohl via Bertelsmann Lesering vor allem in Haushalte kam, in das sich nie ein Filmkritik-Heft verirrte. Heut las ich im großartigen Kapitel über die Propagandafilme des Nationalsozialismus unter dem Titel „Der ewige Schandfleck des deutschen Films“ die Schilderung der Entstehung von Veit Harlans „Jud Süß“. Riess berichtet von den immensen Schwierigkeiten bei der Besetzung der Rollen. Gustaf Gründgens sagte später dazu: „Als Goebbels merkte, daß wir Schauspieler uns grundsätzlich nicht an diesem Film beteiligen wollten, wurde die Herstellung des Films für ihn schließlich zu einer Prestigesache.“ Heinrich George, der den Herzog Carl spielt „hat immerhin eine Ausrede. Er spielt keinen unsympathischen Juden, er spielt einen unsympathischen Christen. Und er erklärt: „Ich werde alles so eklig spielen, daß den Leuten übel wird!“ Kurz, er will versuchen, seine Rolle so zu spielen, dass das Publikum den Eindruck gewinnt, nicht Jud Süß, sondern Herzog Carl sei eigentlich an allem schuld – was übrigens historisch vollkommen richtig ist.“

Samstag, 23.03.2013

Schönheit

„Schönheit heißt das Wort, das unser erstes sein soll. Schönheit ist das letzte, woran der denkende Verstand sich wagen kann, weil es nur als unfassbarer Glanz das Doppelgestirn des Wahren und Guten und sein unauflösbares Zueinander umspielt, Schönheit, die interesselose, ohne die die alte Welt sich selbst nicht verstehen wollte, die aber von der neuen Welt der Interessen unmerklich-merklich Abschied genommen hat, um sie ihrer Gier und ihrer Traurigkeit zu überlassen. Schönheit, die auch von der Religion nicht mehr geliebt und gehegt wird und die doch, wie eine Maske von deren Antlitz gehoben, darunter Züge freilegt, die für die Menschen undeutbar zu werden drohen. Schönheit, an die wir nicht mehr zu glauben wagen, aus der wir einen Schein gemacht haben, um sie leichter loswerden zu können, Schönheit, die (wie sich heute weist) mindestens ebenso viel Mut und Entscheidungskraft für sich fordert wie Wahrheit und Gutheit, und die sich von den beiden Schwestern nicht trennen und vertreiben lässt, ohne in geheimnisvoller Rache beide mit sich fortzuziehen…“
(Hans Urs von Baltasar)

Mittwoch, 20.03.2013

Steine sehen dich an

In einem Vorwort zu dem großartigen schwarz-weißen Fotobuch „Andreas Feininger fotografiert Steine“ (1960) schreibt Kasimir Edschmid:
„In einem Zeitalter, das solche Zauberdinge wie die Kanzeln der Pisani hervorbrachte, an deren Wänden Hunderte von Gestalten sich tummeln, hätte man die Sublimität besessen, höchst persönliche Porträts herzustellen – aber die Bilder, die wir auf der Goldmünze oder auf der Plastik des damaligen Weltwunders, des Staufers Friedrich des Zweiten, bestaunen, zeigen nur die Majestas. Das Übermenschliche und Unpersönliche. Keine Person, nur den Verkörperer des Reichs.
Hitler meinte in seiner ersten Kulturrede (und glaubte es sicher auch), dass die Künstler dieser Frühepoche, welche die romanischen Kathedralen bauten, ihre Figuren nicht porträt-ähnlich, sondern verkauzt, verbogen und dämonisiert gebracht hätten, weil sie es nicht anders gekonnt hätten. Sie hätten es natürlich gekonnt, aber sie sahen anders. Sie wollten und sahen ihre Verkürzungen und Verbildungen, die immer dem Allgemeinen dienten. Nur Hitler sah nicht richtig.“

Sonntag, 17.03.2013

Das Nein ist die Grundlage jeder Ethik

Heute in 3sat um 21.50: „Fritz Bauer – Tod auf Raten“(2010), Dokumentarfilm von Ilona Ziok über den unerschrockenen Staatsanwalt, der am 1. Juli 1968 unter nie geklärten Umständen starb. Der Film widmet sich aber hauptsächlich dem Geklärten, aber viel zu wenig Bekannten; dem, was Fritz Bauer für die Bundesrepublik tat – und dem, woran er gehindert wurde.
Da der Film hier im Blog recht kritisch bewertet wurde, möchte ich jedem empfehlen, sich selbst ein Bild zu machen. Dieser Film erweist Fritz Bauer die schuldige Ehre, die ihm die Republik nur spät und nicht angemessen zukommen ließ.
„Das Nein ist die Grundlage jeder Ethik.“ (Fritz Bauer)

Donnerstag, 14.03.2013

Franziskus

Einer der schönsten und übermütigsten Filme von Roberto Rossellini ist „Francesco, Giullare de Dio”, 1950 (Franziskus der Gaukler Gottes). Am Anfang hören wir den „Sonnengesang“ des Heiligen, die hymnische Bejahung der Schöpfung – aber auch des Todes. Danach sehen wir ihn und seine Mitbrüder in strömendem Regen, singend und disputierend, vergeblich ein Obdach suchend. Sie werden an einer Hütte, die sie selbst gebaut hatten, von einem Bauern, der darin mit seinem Esel Unterschlupf gefunden hat, bösartig abgewiesen, doch Franziskus befiehlt den Brüdern, sich fröhlich wieder auf den Weg zu machen. Der Film setzt einige der Episoden aus den Fioretti, den Blümlein, altitalienischen Legenden über den Heiligen ins Bild.
Wie auch Nikos Kazantzakis in seinem Buch „Mein Franz von Assisi“ zeigt Rossellini die Radikalität und Verrücktheit dieses Heiligen, ganz körperlich bedrängend, aber er zeigt es mit einer befreienden Heiterkeit.

Mittwoch, 27.02.2013

Beim jüngsten Gericht/ Erschienen sie nicht

Richard v. Schirach, Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe, 2012, Berenberg Verlag,

Hier geht es nicht nur um die nicht gebaute „deutsche Bombe“, sondern auch um die Bombe, die die Amerikaner bauten und warfen und sich damit als erste schuldig machten. Deshalb stimmt das Buch sehr, sehr nachdenklich. Die Erleichterung, dass nicht Nazi-Deutschland den Wettlauf gewann, wird vom Horror von Hiroshima und Nagasaki, den das Buch noch einmal vergegenwärtigt, verdrängt. Die verantwortlichen amerikanischen Wissenschaftler wie Robert Oppenheimer kamen nicht mehr zur Ruhe: „Wir wussten, dass die Welt nicht mehr dieselbe sein würde…Ich erinnerte mich der Zeilen aus der Hindu-Schrift, der Bhagavadgita: ’Jetzt bin ich zum Tod geworden, zum Zerstörer der Welten.’ Ich nehme an, dass wir alle in der einen oder anderen Weise so dachten.“ Eisenhower, der Oberkommandierende der alliierten Truppen begründete damals seine Ablehnung des Bombenabwurfs so: „Einmal waren die Japaner bereit zu kapitulieren, und es war nicht notwendig, sie mit dieser furchtbaren Waffe zu schlagen. Zum andern war mir der Gedanke verhasst, dass unser Land als Erstes eine solche Waffe einsetzen sollte.“
Schirachs Buch zeigt nachvollziehbar, wie bei den 1945 von den Alliierten internierten deutschen Physikern (u. a. Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker) ein Umdenken einsetzt, aber wie verhältnismäßig komfortabel es doch für sie ist, dass sie keine Chance hatten, direkt schuldig zu werden, weil ihre Forschung noch weit zurück lag. Die Abhörprotokolle aus dem englischen Landsitz Farm Hall zeigen die Entwicklungen in den Monaten der Isolation. Ich wünschte mir beim Lesen, dass jemand daraus eine schöne Fernsehserie machen würde, mit all den tragischen und komischen Bestandteilen, die den Beteiligten selbst klar waren und mit Elementen des alten Bildungsfernsehens, wo die Geheimnisse des Atoms sich mir dann auch erschließen würden.
Carl Friedrich von Weizsäcker, der sich dort die Zeit mit dem Dichten von Sonetten und Limericks vertrieb, trägt seinen Kollegen kurz vor der Entlassung aus der Gefangenschaft diese erstaunlichen Verse vor – von der Erleichterung wohl zur frivolen Verdrehung ermutigt:
„Es waren zehn Forscher in Farm Hall,
Die galten als fürchterlich harmvoll.
Beim jüngsten Gericht
Erschienen sie nicht,
Denn sie saßen noch immer in Farm Hall.“

Montag, 28.01.2013

Zeitbild Berlin

Im Berliner Zeughauskino werden begleitend zu der Ausstellung „Zerstörte Vielfalt. Berlin 1933-1938“ Spielfilme aus den letzten Jahren der Weimarer Republik und aus der Zeit des Nationalsozialismus gezeigt, die Bilder von Berlin, vor und nach der „Bereinigung“ zeigen, alle aber vor der Zerstörung durch den Bombenkrieg, der letzte davon Großstadtmelodie (R: Wolfgang Liebeneiner) von 1943. Im Programmheft heißt es dazu so schön: „Ein letztes Mal erstrahlt Berlin in Großstadtmelodie im alten Glanz auf der Leinwand. Kurz danach vernichteten die Bombenangriffe das Gesicht einer Stadt, deren Seele – Toleranz und Vielfalt – schon viel früher zerstört worden war.“

Ich freue mich vor allem auf Emil und die Detektive(1931) von Gerhard Lamprecht (am 16.3. und 17.3) und Die vier Gesellen (1938) (R: Carl Fröhlich) mit Ingrid Bergmann in ihrem ersten und einzigen deutschen Vorkriegfilm. (27.2.)

Zeitbild Berlin – 1. Februar bis 31. März im Zeughauskino