Einträge von Volker Pantenburg

Samstag, 03.03.2007

Im Film im Fernsehen

Viermal ist in Raymond Depardons Film SAN CLEMENTE (F 1982) der Fernsehapparat im kargen Aufenthalts- und Essraum der psychiatrischen Anstalt zu sehen.

Beim ersten Mal läuft ein amerikanischer Western, ein Pferd bäumt sich auf, vielleicht ist es verletzt, ein zweites Pferd steht daneben, ein Cowboy den beiden Tieren gegenüber. Er zögert kurz, dann ist ein Schuss zu hören. Man sieht aber nicht mehr, wohin der Schuss abgefeuert wurde.

Beim zweiten Mal ist das Fernsehen zunächst im Off, wir hören nur den Ton, der ebenso gut aus einem anderen Raum der weitläufigen, auf einer Insel vor Venedig gelegenen Anstalt kommen könnte. Jemand spricht ein Gebet, in dem er dazu auffordert, sich zu bedanken. Beim Staatspräsidenten, bei den Sicherheitskräften, bei allen Gendarmen und Carabinieri, aber auch bei denen, die seinen Vater ermordet haben. Als die Kamera hochschwenkt auf den Fernseher und damit das Gesprochene als etwas anderswohin als in diesen Aufenthalts- und Essraum Gerichtetes erkennbar macht, erinnern die Bilder an die vom Staatsakt für Hanns Martin Schleyer. Ich musste an Aldo Moro denken, aber der wurde bereits 1978 ermordet.

Als das Fernsehen zum dritten Mal zu sehen ist, läuft wieder ein amerikanischer Film. Es ist nicht gut zu erkennen, worum es geht, aber es sieht aus, als seien da Gefängniszellen und Leute, deren Schlagstöcke außen an den Gitterstäben entlang rasseln. Wenig später wird Depardons Filmteam von einem Patienten gefragt, für welches Studio sie drehen würden: Paramount? 20th Century Fox? Warner? Ob der Fragende derselbe ist, der sein Radio wie ein Maschinengewehr umgehängt hat und immer Surfmusik hört, habe ich vergessen.

Die vierte Ferseh-Szene, die mit dem betenden Priester, ist kurz, aber das, was er über das Blut des Herrn sagt, greift hinaus auf die Bilder vom kühlen langen Gang, in dem die Leute auf- und abgehen, von rätselhaft-unsichtbarem Beschäftigungseifer gelenkt.

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In Thomas Heises VOLKSPOLIZEI (DDR 1985/BRD 2001) läuft auf dem Revier zweimal der Fernseher. Einmal wird ein Eishockeyspiel zwischen der DDR und den USA übertragen. Es steht 5:3 für die USA, und ich finde es unglaublich, wie man jetzt mit einem Suchbefehl herausfinden kann, dass die Aufnahme demnach am 24. April 1985 gemacht worden sein muss, dass das Spiel in Prag stattfand und 5:5 ausging, dass die USA schließlich, nach Abschluss der WM am 3. Mai, auf dem 4. Platz landeten und die DDR gleich hinter der BRD auf dem 8.

Später sieht man eine leicht bekleidete Frau, die ihrem ebenso leicht bekleideten Partner ins Ohr haucht, wie schön es war und dass sie vorher noch nie einen Höhepunkt gehabt habe. Der Gesichtsausdruck des Volkspolizisten, der im Gegenschuss gezeigt wird, ist schwer zu beschreiben, hat aber wohl etwas mit Sehnsucht zu tun. Im erstaunlich vollen Kinosaal lachen an dieser Stelle viele, aber das Lachen wird von der Schönheit des Moments zurückgewiesen und fällt vor der Leinwand schlaff in den Zuschauerraum.

Es gibt in diesem Film außerdem eine irritierende Sequenz, die mir wie eine real existierende Traumsequenz vorkam. Diesmal ist kein Fernsehapparat zu sehen, sondern der Frühstücksraum des Volkspolizeireviers in der Brunnenstraße. Es sitzen mehrere Polizisten in Uniform um den Tisch herum. Einer von ihnen hat seinen Kopf auf den Tisch gelegt. Er schläft, und gleich neben seiner Mütze liegen mindestens 20 Bananen.

Noch etwas zu VOLKSPOLIZEI: Die Merkwürdigkeit der Anreden. Da sind die „Genossen“, aber dieser Begriff ist für diejenigen reserviert, die in der Partei sind. Die anderen werden, für mich überraschend, fast immer als „Bürger“ angesprochen. Zwar ist in diesem Begriff des Bürgers das Bürgerliche, gegen das sich die DDR als ganze entwarf, fast vollständig getilgt, aber erstaunlich bleibt es doch, dass man sich keinen anderen Begriff ausdachte. Andererseits hätte man die Deutsche Reichsbahn nach 1949 ja vielleicht auch nicht unbedingt weiterhin Deutsche Reichsbahn nennen müssen.

Donnerstag, 01.03.2007

Kino-Hinweis

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[Boogie Doodle, USA 1940]

Im März im Arsenal: Filme von Norman McLaren.
Insgesamt 9 Programme, davon eines auf 35mm, die übrigen leider auf DigiBeta.

Heute, 21.00 Uhr: The Best of Norman McLaren (Wiederholung 4.3.)

Mittwoch, 28.02.2007

Männerphantasien

„So ein Oscar“, staunt Florian Henckel von Donnersmarck, „das ist schon etwas Phallisches“. Er wiegt die glänzende Goldstatuette in der Hand, befühlt sie, hebt sie hoch, kann den Blick kaum von ihr wenden. „Die symbolisiert Manneskraft.“ Und dann lässt er sie tatsächlich rumgehen, damit sie jeder mal anfassen kann. „Ganz schön schwer, was?“

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„Da mit meiner Frau zu sitzen, die mir immer die Stange gehalten hat.“

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„Wir sind Weltmeister!“, ruft er, seinen Oscar in die Luft schwenkend.

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„Sechs Jahre lang war ich im Kampfmodus“, beschreibt er heiser seinen Weg hierher und drückt seine schwangere Frau Christiane dabei fest an sich. „Jetzt, glaube ich, kann ich erst mal aufhören, zu kämpfen.“

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„Es ist etwas ganz Besonderes, einen Oscar für sein Land zu gewinnen. In Friedenszeiten schaffen das sonst wahrscheinlich nur Sportler – oder der Papst. Deutschland liegt auf Weltniveau. Und das haben wir auch mit diesem Oscar bewiesen.“

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„Mir kam es so vor, als ob mein Leben da erst echt geworden wäre“, versucht er die Gefühle jener Minuten zu beschreiben.

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Trotz seiner ungezwungenen Art ist das alte schlesische Adelsgeschlecht nicht zu übersehen, von dem er abstammt. Als er von der wohltätigen Stiftung seiner Familie spricht, schwingt Stolz in der Stimme mit.

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Jetzt wird Florian Maria Georg Christian Henckel von Donnersmarck selbst das Leben eines Anderen führen.

Montag, 26.02.2007

Preisverleihung

„Der 2,06 Meter große Sohn eines Lufthansa-Managers, der aus einer alten Adelsfamilie stammt, wuchs in New York, Berlin, Frankfurt und Brüssel auf. In Leningrad erwarb er die Lehrbefähigung für die russische Sprache.“ (FAZ)

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Aber zu etwas Wichtigerem: Pascale Ferrans Film „Lady Chatterley“, der zu den drei bis fünf schönsten Filmen gehört, die ich auf der Berlinale gesehen habe, hat 5 Césars gewonnen: Marina Hands für ihr Schauspiel, Marie-Claude Altot für die Kostüme, Julien Hirsch für die Kameraarbeit, Pascale Ferran, Roger Bohbot und Pierre Trividic für die Adaption, außerdem Ferran für den besten Film. Man muss von solchen Preisen nichts halten (obwohl ich mich vor Jahren bei „L’esquive“ auch drüber gefreut habe); entscheidend ist aber wohl, dass Ferran, die vorher große Schwierigkeiten hatte, ihre wenigen Filme zu finanzieren, jetzt weitermachen können wird. Im Gespräch in den November-Cahiers sagte sie, nach den nächsten Projekten gefragt: „Die Produktionsverhältnisse in Frankreich sind so, dass ich ich zum ersten Mal das Gefühl habe, dass es ganz davon abhängt, wie der Film ankommt. Könnte ich von einem Film auf DV träumen, mit dem großen Luxus, den eine extreme Armut erlaubt? Oder darf ich mir etwas vorstellen, das etwas teurer ist?“

Dienstag, 20.02.2007

Kino-Hinweis

Übermorgen beginnt im Zeughaus-Kino eine Filmreihe mit dem Titel „Kunst des Dokuments – Institutionen“.

Zum Auftakt am 22.2. (20.00 Uhr) Raymond Depardons Film SAN CLEMENTE (F 1982) über eine psychiatrische Klinik, außerdem im weiteren Verlauf Filme von Frederick Wiseman (BASIC TRAINING; USA 1971), Thomas Heise (DAS HAUS; DDR 1984 und VOLKSPOLIZEI; DDR 1985/D 2001), Basil Wright (CHILDREN AT SCHOOL; GB 1937, NIGHT MAIL; GB 1936), William Coldstream (FAIRY ON THE PHONE; GB 1936) und Cristóbal Vicente (ARCANA; CL 2005).

Sonntag, 18.02.2007

Auflistung der 119 Texte, die Uwe Nettelbeck zwischen März 1963 und Mai/Juni 1973 in der Zeitschrift Filmkritik veröffentlicht hat

[Aus: Filmkritik. Register der Jahrgänge 1957-1974, München: Verlag der Filmkritiker Kooperative 1975. Das Register erstellte Franz-Josef Knape. Abkürzungen: K = Kritik; KK = Kurzkritik]

Donnerstag, 15.02.2007

Berlinale 07 (IX)

Vor YELLA (Petzold, 2007) in der Urania eine große Menschentraube. Mit anderen, denen ebenfalls blaue Prekariatsplaketten um den Hals baumeln, postieren wir uns am rechten Eingang zum geräumigen Humboldtsaal; mal kucken, ob nach den Kartenbesitzern noch was geht. Gegen das Drücken und die beunruhigten Nachfragen einiger beflissen Einlasswilliger äußert die überforderte Türhüterin die schöne Drohung, sie werde uns „gleich alle nach Hause schicken“. Dieser rührend hilflosen Aufforderung leisten wir gern Folge und radeln beschwingt zurück nach Kreuzberg.

Mittwoch, 14.02.2007

Berlinale 07 (VIII)

WOLFSBERGEN.
(Leopold, 2007)

15.02. 10:00 CineStar 8 (engl. UT)
16.02. 20:00 Cubix 9 (engl. UT)
17.02. 15:00 Arsenal 1 (engl. UT)

Judge for yourself.

Dienstag, 13.02.2007

Berlinale 07 (VII)

Nach ihrem Film DEUX FOIS, gedreht im September 1968, erzählt Jackie Raynal noch einmal die Geschichte der Öl-Erbin Silvina Boissonas, durch deren Finanzierung die Filme der Zanzibar-Gruppe (wahrscheinlich die einzige Underground-Filmbewegung, die durchweg auf 35mm drehen konnte) möglich wurden. Boissonas, das hatte Patrick Deval vor einer Weile nach seinem Film ACEPHALE gesagt, saß immer Samstags im Restaurant La coupole am Boulevard Montparnasse. Man ging dann dort vorbei, schilderte ihr die Idee für einen Film, und wenn es ihr gefiel, schrieb sie einen Scheck aus. Jetzt, beim Sprechen über Boissonas, sucht Raynal nach einem Vergleichspunkt und sagt, das sei ungefähr so wie, na, sag schon – sie sucht nach einem Namen oder Begriff, der ihr zunächst nicht einfällt. Es entsteht eine kleine Pause, und für einen Moment lang ist es unentschieden, ob sie die Namen von Marie-Laure und Charles de Noailles sucht oder gleich mit starkem französischem Akzent sagen wird: Bundeskulturstiftung.

Berlinale 07 (VI)

Auf der Berlinale läuft TOUT REFLEURIT (Gerbault, 2006), ein Film über Pedro Costas Arbeit an JUVENTUDE EM MARCHA.

Costas Film wird heute abend auf arte ausgestrahlt:

JUGEND VORAN!
13.2.2007
22.45 Uhr
arte


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