Berlin 10/90

Regie: Robert Kramer

Heute vor 30 Jahren, am 25. Oktober 1990, hat Robert Kramer um 15:15 Uhr seine Videokamera an- und sie 60 Minuten später, um 16:15 Uhr, wieder ausgeschaltet. Was in der Stunde zwischen diesen Zeitpunkten aufgezeichnet wurde, ist später von LA SEPT (dem Vorläuferkanal von arte) ausgestrahlt worden. Berlin 10/90 heißt die Sendung, sie war Kramers Beitrag zur Serie „Live“, die Philippe Grandrieux konzipiert hatte.

Kramer: „Das französische Fernsehen hatte eine Sequenzeinstellung von einer Stunde Länge in Auftrag gegeben. Es konnte jedes beliebige Thema sein, an jedem beliebigen Ort der Welt gedreht.Ich war zu diesem Zeitpunkt Gast des DAAD in Berlin und mir schienen das Ende des Kalten Krieges, der Zerfall der UdSSR, der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands definitiv mehr als einen Gegenstand für einen solchen Zugang zu liefern. Und natürlich war da der Golfkrieg, der mit diesem Film untrennbar verbunden ist.
Ich habe zahlreiche Perspektiven durchgespielt und keine schien mir befriedigend. Die Dinge fingen erst an sich zu entwickeln, als mir klar wurde, dass ich den großen Ereignissen der Gegenwart eigentlich keine übertriebene Aufmerksamkeit schenkte; dass ich nicht in ihre Bewegung verwickelt war, nicht nach ihrer Musik tanzte. Im Gegenteil, es war eher so, als geschähen sie mir einfach, als schrieben sie sich mir ein, während ich unwiderstehlich von der Vergangenheit angezogen wurde, bis hin zu den Dreißiger- und Vierzigerjahren, den Jahren des Nationalsozialismus, die so sichtbar direkt hinter den täglichen Ausrufen und Blitzlichter-Bildern liegen, die von den Zeitungen und Fernsehgeräten weltweit ausgehen.“ (aus: Bernard Eisenschitz: Points de départ. Entretien avec Robert Kramer, avec la participation de Roberto Turigliatto, Aix en Provence: Institut de l’image 2001, S. 146.)

Der Film spielt im geräumigen Badezimmer der DAAD-Wohnung, in der Kramer lebte. Er hat einen Fernseher auf den Boden gestellt, auf dem Aufnahmen aus Berlin zu sehen sind. Eine Blaskapelle vor dem Brandenburger Tor, die Reste der Mauer, der Reichstag, die Museumsinsel. Die Stadt in den Wochen um den 3. Oktober 1990 herum. Ein Stuhl steht vor den weißen Kacheln des Badezimmers. Kramer sitzt darauf und redet über seine Mutter und seinen Vater, die beide Anfang der 1930er Jahre in Berlin waren (er als Medizinstudent, sie als Studentin am Bauhaus); er spricht über einen Besuch in Buchenwald zusammen mit seiner Frau Erika; über die Vergangenheit, und wie sie mit in die Gegenwart hineinragt. Berlin, Überschneidung zwischen damals und heute, im Großen und Kleinen.

Ursprünglich hatte Kramer eine andere Idee für die einstündige Sequenzeinstellung gehabt, er wollte morgens am 4. Oktober eine Stunde lang die Reste und den Müll der Wiedervereinigungsfeier vor dem Reichstag filmen: „ein Ozean aus Bierflaschen, Papiermüll, gebrauchten Kondomen…“)

Stattdessen ist eine Choreographie entstanden, in der die Videoaufnahmen auf dem Fernseher mit Kramers Gedankenstrom (Selbstanalyse, monologisches Verhör) abwechseln und einander überlappen. Gegenwart und Vergangenheit kommen sich teils auf riskante Weise nah (das gekachelte Badezimmer ruft bei Kramer die Assoziation des Folterkellers der Gestapo hervor), Nähe und Distanz zwischen Orten, Zeiten und Gedanken werden dabei permanent unterschiedlich moduliert. “Filming yesterday, at the Gropius-Bau, Gestapo, Reichstag, I returned to a way of working that felt comfortable, interesting, right. It corresponded to the way I see, in fragments, in pieces, and frequently led from one piece to another by association; both by chance and by being there at that moment, with that angle and vision etc.”
Die Anordnung wirkt der Ideologie der ungeschnittenen Sequenzeinstellung entgegen. Kramer erinnert sich, dass die anderen Beiträger zu „Live“ seinen Film mochten, aber zugleich der Meinung waren, er hätte „geschummelt“. Aber was soll das heißen? Es stimmt: die emphatische Idee der Gegenwart ist obsolet, seit es Fernseher gibt, die in den USA den ganzen Tag lang angeschaltet sind und das Hier und Jetzt jederzeit mit anderen Orten und Zeiten durchsetzen.

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Vor ein paar Monaten hatte ich mir vorgestellt, dass man Berlin 10/90 Film heute Nachmittag um 15:15 Uhr, genau drei Dekaden nach der Aufnahme und etwas mehr als 20 Jahre nach Kramers Tod, im Gropius-Bau aufführen könnte; die Orte über die Zeitspanne hinweg übereinanderlegen und sehen, ob sich daraus etwas ergibt. Ich habe den Gedanken nicht weiterverfolgt. Kann sein, dass es eine dieser Ideen war, die als Idee besser sind als in der Wirklichkeit. Kann sein, dass eine solche Wiederaufführung einer ebenso verkürzten Idee von Geschichte und Erinnerung folgen würde wie die Sequenzeinstellung es für die Idee der Gegenwart tut. Dieser Einwand gilt allerdings für diesen Text ebenso.

Ich würde mir wünschen, eins der von Kramer gefilmten und auf dem TV-Monitor eingespielten Videotapes zu finden und in ganzer Länge anzusehen: Drei ostdeutsche Aktivisten treffen sich in einer Privatwohnung: Der Umzug eines der drei macht es erforderlich, die umfangreiche Bibliothek durchzusehen und Bücher auszusondern, wegzugeben. Die drei sitzen auf dem Parkettfußboden zwischen den Kartons und gehen ihre Vergangenheit durch: Marx und Engels, Brecht, Wilhelm Reich, aber auch Bobby Seale und Eldridge Cleaver. Sie sprechen darüber, was diese Bücher bedeuteten, wofür sie standen. Auch das war eine schließlich verworfene Idee für die ungeschnittene 60-Minuten-Sequenz: Was man da sah und hörte, kommentiert Kramer, war nur ein Abklatsch dessen, wie es sich anfühlte. Schade, dass der Abspann nicht verrät, wer zu sehen ist und im Sprechen von den Büchern und einem ganzen Staat Abschied nimmt.

Ich nehme an, das Tape liegt in Robert Kramers Nachlass, der seit 2006 im IMEC in der Nähe von Caen archiviert ist.

Berlin 10/90 ist zurzeit nur auf den üblichen Umwegen zu finden. Ich gehe davon aus, dass der Film in der umfangreichen DVD-Ausgabe enthalten sein wird, die editions re:voir in diesem Jahr mit Guns / Naissance / La peur begonnen hat.

PS: Es wird, wie ich jetzt sehe, heute tatsächlich eine Art Wiederaufführung (auf ZOOM) und später einen Spaziergang auf Kramers Spuren gegeben, veranstaltet von der Berliner Lesegruppe „No More Miserable Monday Mornings“.


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