Ein Anderer werden

von Wolf-Eckart Bühler

Abraham Polonsky sagt:
Die Schriftsteller, die während Depression, New Deal und zweitem Weltkrieg als Drehbuchautoren nach Hollywood gegangen sind, seien in der Mehrzahl progressiv oder gar links eingestellt gewesen – und progressiv oder links habe damals automatisch und unweigerlich die Kommunistische Partei bedeutet.
Das habe nun nicht heißen müssen, man sei unbedingt von den großen weltpolitischen Zielen der Komintern erfüllt gewesen – das habe viel eher bedeutet, daß einer, der gegen Faschismus, Rassenkampf, Gewerkschaftsfeindlichkeit, Atomrüstung, die amerikanische Reaktion usf. eingestellt gewesen sei, praktisch gar nicht habe umhin können, mit den Kommunisten nichts zu tun zu haben; und habe er nicht nur daherreden, sondern tatsächlich etwas tun wollen, dann habe er schon gar keine andere Wahl gehabt, als mit ihnen zusammenzuarbeiten – auf welche Weise auch immer.
Wenn also damals in Amerika einer Kommunist gewesen sei, dann habe das keineswegs gleichbedeutend damit sein müssen, daß er ein Revolutionär gewesen sei. Und genausowenig, sei er ein Drehbuchautor, Regisseur oder was immer sonst in Hollywood gewesen, daß er andere Filme gemacht hätte als die anderen. Das habe er faktisch nicht getan, und darauf habe er es in der Regel nicht einmal angelegt. Genausowenig wie ein Umsturz der amerikanischen Regierung in seiner Absicht gelegen habe, genausowenig sei er auf eine Revolutionierung des Hollywoodsystems aus gewesen – geschweige denn auf eine Revolutionierung des Films.
Allenfalls seien ihre Filme sozialkritischer gewesen als die der anderen. Thematisch ein wenig anders.
Man stelle sich einmal die unüberbrückbare Kluft vor zwischen dem, was diese Leute während ihrer Arbeitszeit taten – zwischen zehn und fünf, falls sie gerade beschäftigt waren, an den Schreibtischen der großen Studios –, und dem, was sie in ihrer freien Zeit taten: denn ihr politisches Engagement hätten sie zumeist sehr, sehr ernst genommen, und über ein zu geringes Maß politischer Aktivitäten habe sich im Hollywood jener Jahre mit Sicherheit keiner beschweren können. Was, im übrigen, wiederum zu Loyalitätsproblemen der verschiedensten Art geführt hätte: eins der Politik gegenüber (und, falls man Mitglied war, aber selbst wenn man keines war, unweigerlich der Partei gegenüber); eins der Familie und der Karriere gegenüber (im Geschäft bleiben, ins Geschäft kommen); eins der eigenen Arbeit gegenüber (sich selbst treu bleiben); usf.
Die Unvereinbarkeit dieser Welten – hier aktive und aufopferungsvolle Teilnahme an progressiver oder linker Politik, dort Mitarbeit an absolut konventionellen und bestenfalls sozialkritisch angehauchten Unterhaltungsprodukten – deute auf ein sehr viel allgemeineres und umfassenderes Dilemma hin, als es die bloßen Stichwörter ‚Hollywood‘ und ‚Kommunismus‘ aussagen könnten.
Wäre es nämlich tatsächlich so gewesen, wie allgemein behauptet würde („Was kann einen linken oder radikalen Schriftsteller schon nach Hollywood treiben?“), daß diese Leute ausschließlich der exorbitanten Gagen und des exklusiven Lebensstils wegen mit der Filmindustrie sich eingelassen hätten wie wolle man dann die Tatsache erklären, daß die große Mehrheit von ihnen, als nach Beendigung des zweiten Weltkriegs die amerikanische Reaktion, angeführt von dem ‚Komitee gegen un-amerikanische Umtriebe‘, ihre Existenz zunehmend massiver bedrohte, gerade nicht klein beigegeben, sondern dem Komitee die Stirn geboten habe? Wie wolle man erklären, daß sie sich scheinbar ‚freiwillig‘ jener Gelder berauben ließen, um derentwillen sie angeblich überhaupt nur nach Hollywood gegangen seien?
(Und im übrigen nicht nur dieser, sondern auch aller anderen möglichen Gelder: denn wer erst einmal auf einer Schwarzen Liste stünde, der stünde bald auf allen, und wer erst einmal keine Filme mehr schreiben oder inszenieren dürfe, dem würden bald auch keine Fernsehskripts, Radiotexte, Zeitschriftenartikel, Romane, Theaterstücke usf. mehr abgenommen. Der sei praktisch lahmgelegt. Tot. Erledigt.)
Und dabei sei es doch so einfach gewesen, seine Karriere zu wahren, seinen Status zu schützen. Man habe lediglich öffentlich, vor dem Komitee und den anwesenden Vertretern der Massenmedien, bekunden müssen, kein Kommunist zu sein, niemals einer werden zu wollen und überhaupt die Lehren eines Herrn Marx entweder zu verabscheuen oder gar nicht zu kennen (und unter Umständen brauchte man das alles nicht einmal zu beweisen); und man habe lediglich ein paar Namen nennen müssen, Namen von Leuten, von denen man gewußt habe, daß sie im Verdacht stünden, so zu denken oder gedacht zu haben, wie man offenbar selber im Verdacht stand, zu denken oder gedacht zu haben, denn sonst wäre man ja nicht vor dem Komitee gestanden (wobei man getrost davon ausgehen konnte, daß das Komitee diese Namen sowieso schon kannte: es wollte sie lediglich in der Öffentlichkeit genannt haben, und es wollte sie von dir genannt haben).
Einer wie Kazan habe das hinter sich gebracht: ohne mit der Wimper zu zucken: und ohne seine politischen Ansichten jemals wirklich geändert zu haben. Schon einen Tag danach habe er einen mehrjährigen Kontrakt über Hunderttausende von Dollars unterzeichnen können; einen Kontrakt, den er, hätte er nicht getan, was er getan hat, nie in seinem Leben auch nur von weitem gesehen hätte.
Also warum haben die anderen das nicht auch getan? Die meisten nicht? So schwierig, ja fast unmöglich die Frage zu beantworten sei, so sehr würde es sich sicherlich lohnen, nach möglichen Antworten zu suchen. Schließlich und endlich: wer schon könne sich von den täglichen Gratwanderungen zwischen Politik und Geld, Kompromiß und Anpassung, Zugeständnis und Korrumpiertheit allen Ernstes ausnehmen wollen?

*

Warum haben die einen geredet, die anderen nicht? Selbstzeugnissen ist in der Regel nur bedingt zu trauen. Ganz besonders nicht denen der Sieger. Damals waren das die, die kollaborierten, inzwischen sind es längst die, die es nicht taten. Der retrospektive Stolz, fest geblieben zu sein (und ‚recht‘ gehandelt zu haben), verdeckt die Gründe, weshalb sie es geblieben waren, meist nachhaltiger als die Rechtfertigungsversuche und Reuebekundungen die Gründe der anderen für ihr Kollaborieren. Ihr Stolz ist nur zu häufig banal, in ‚Charakterfestigkeiten‘ und ‚unerschütterlichen politischen Überzeugungen‘ begründet. Die Märtyrer der Geschichte. Polonsky, auch darum ist er oben zitiert, ist eine der Ausnahmen.
(Auch die Gegenseite hat ihre Ausnahmen. Allerdings, sagt Polonsky, gebe es nur einen einzigen, der die radikalste Konsequenz gezogen habe, die möglich ist: der daraufhin sich und sein Leben geändert habe. Aber auch für ihn, für Sterling Hayden, gelte: er habe denunziert; er habe gelogen.)
Buße und Reue der gefallenen Verräter beantworten nicht, weshalb sie etwas getan haben, noch können sie beantworten, weshalb andere etwas nicht getan haben. Aber sie zeigen etwas auf, was ansonsten kaum so erfahrbar wäre: die Einflüsse, Drohungen, Gefahren, Konflikte, Versuchungen, unter denen jeder gestanden ist.
Ein gemeinsamer Nenner derer, die Namen genannt haben, springt auf Anhieb ins Auge: in der Überzahl hatten sie nicht einmal unbedingt ihre politische Einstellung geändert. Zwar waren sie in der Regel keine Kommunisten mehr (wobei man sich neben Polonskys plausibler Einschätzung ihres ‚Kommunismus‘ vor Augen halten muß, daß auch die meisten derer, die dem Komitee widerstanden, zu der fraglichen Zeit keine Kommunisten mehr waren), sind aber auch nicht zu strammen Anti-Kommunisten geworden; zwar mögen sie uneins gewesen sein mit ihren ehemaligen Freunden, aber so sehr auch wieder nicht, daß unter ‚normalen‘ Umständen sie sie ans Messer geliefert hätten. Es hatte auch tatsächlich keiner von ihnen, mochte er inzwischen noch so sehr von seinen früheren Ansichten abgerückt sein, den Mund aufgemacht und gegen Kommunismus, Kommunisten und ehemalige Freunde Front bezogen, bevor ihn nicht das Komitee dazu aufgefordert hätte – und die Angst übermächtig geworden war. Erst dann taten sie es. Und verrieten damit nicht nur andere (und die Ansichten, die sie einst geteilt hatten), sondern vor allem sich selbst (und die Ansichten, die sie immer noch hatten).
Das Dilemma geht offensichtlich tiefer, als daß es an jemandes politischer Überzeugung oder Einstellung gelegen habe, daß er geredet hat oder nicht – ebenso wie das Dilemma, die eigenen politischen Aktivitäten am Schreibtisch oder Drehort der Hollywoodfirmen zu kompromittieren, wenn nicht gar ad absurdum zu führen, nicht pauschal und simpel auf das Geld zu reduzieren ist.
Geld und Politik sind die Folien (wenn auch nicht austauschbare), vor denen sich ein Drama (Melodram, Tragikomödie usf.) ganz anderer Art abgespielt hat. Abspielt.
Von dem Komitee ist dieses Dilemma eher unbeabsichtigt, aber um so effektiver ausgebeutet worden. Mittels seiner Methoden und seiner zahllosen Helfershelfer (Medien, Presse usf.) schuf es ein Klima der Inquisition, in dem jeder einzelne sich auf sich selbst zurückgeworfen sah: das auserwählte Opfer wurde gezielt blo߬ gestellt, konsequent aller sozialen, politischen, familiären, beruflichen usf. Bindungen und Verpflichtungen beraubt und auf die nackte Existenz reduziert. Wer immer vor dem Komitee hat erscheinen müssen – herbeizitiert mittels rosafarbener und von U.S. Marshals überbrachter Vorladungsbescheide –, der hat letztlich immer nur vor der einen Entscheidung gestanden: die eigene Geschichte zu widerrufen und ihr abzuschwören – und an die Stelle der eigenen Geschichte die eines anderen zu setzen. Ein anderer vorgeben zu sein, auf daß man in Zukunft ein anderer wird. Und gleichzeitig damit ein leuchtendes Beispiel erfolgreicher Metamorphose für andere zu setzen.
Alles andere war nur Spiel; Taktik. Auch das Namen-Nennen. Das Namen-Nennen diente bloß noch als letztgültiger (und daher allerdings notwendiger) Beweis, daß man es auch wirklich ehrlich meinte – daß man tatsächlich sich selbst verraten hatte und im Begriffe war, ein anderer zu werden.
Womit die Inquisition sich als das herausstellt, was sie wirklich ist —und weshalb sie so erfolgreich ist: als extremes Modell einer Alltagssituation und einer Alltagsexistenz.

*

Als Anlaß für diese Überlegungen mag ein kürzlich in Amerika erschienenes Buch gelten, das zwar nicht so weit geht, wie es könnte und sollte, aber doch weit genug, etwas in Bewegung zu setzen, das entschieden über es selbst hinausreicht:
Victor S. Navasky: Naming Names. New York: Viking Press, 1980. 508 Seiten. $ 15.95.
Es enthält zum Teil ausführliche Selbstdarstellungen bzw. Gespräche mit ehemaligen Kollaborateuren des Komitees: Grotesken und moralische Singspiele, teils aber auch wirkliche Tragödien. Freiwillige wie unfreiwillige. Entscheidend ist, daß der stellvertretende Charakter der Leute und der Ereignisse, über die geschrieben ist, deutlich wird. Von dem gesamten historisch-politischen Kontext, ohne daß es damit überfrachtet wäre, kommt genügend durch, es einfach so, für sich, zu lesen.
‚Historisch-wissenschaftlicher‘ befassen sich zwei andere Bücher der letzten Zeit mit diesem Thema, wobei Titel und Untertitel jeweils deutlich darauf verweisen, worum es geht:
David Caute: The Great Fear. The Anti-Communist Purge under Truman and Eisenhower. London: Secker & Warburg, 1979. 697 Seiten. £ 9.95.
Larry Ceplair, Steven Englund: The Inquisition in Hollywood. Politics in the Film Community, 1930-1960. Garden City, NY: Anchor Press, 1980. 536 Seiten. $ 17.50.
Beschränkter tauglich, abgesehen von der oft hanebüchenen Übersetzung (Hammett zum Beispiel lassen sie auftreten wie einen Schiller-Helden: „Ja, mein Herr!“) ist eine der wenigen deutschen Publikationen zu diesem Thema, im wesentlichen Auszüge aus diversen Anhörungen vor dem Komitee bringend:
Hartmut Keil (Hrsg.): Sind oder waren Sie Mitglied? Verhörprotokolle über unamerikanische Aktivitäten 1947 bis 1956. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1979- 367 Seiten. DM 26.
Von Eric Bentley, dem amerikanischen Brecht-Übersetzer und Verfasser der Thirty Years of Treason, der umfangreichsten Buchpublikation der Anhörungsprotokolle (New York, 1971), gibt es ein Theaterstück, welches aus verschiedensten Protokollen verschiedenster Leute eine einzige fiktive ‚Ideal‘-Anhörung collagiert. Es ist auf deutsch erschienen.
Eric Bentley: Sind Sie jetzt oder waren Sie jemals. Frankfurt am Main: Fischer, 1979. 151 Seiten. DM 9.80.
Man kann allerdings auch gleich zum Wanderer greifen, Sterling Haydens Autobiographie (autobiographischem Roman?). Jedoch kann sich die vermeintliche Abkürzung als Umweg herausstellen.

Filmkritik Nr. 296, August 1981, S. 375–379.

[Teil 7 der Serie „Abraham Polonsky: Widerstand in Hollywood“ mit Texten von Wolf-Eckart Bühler]


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