new filmkritik

Samstag, 10.10.2009

Last Temptation

Gerade sah ich THE LAST TEMPTATION OF CHRIST (1988) von Scorsese wieder und wunderte mich, wie „biblisch“ der Film doch jedenfalls aussieht. Da man ja jetzt mehr über den Islam weiß, fiel mir als nächstes auf, dass die Halluzination des nicht stattfindenden Kreuzestodes genau die muslimische Sicht der Dinge darstellt. (Natürlich nur bis zur Revision im Film, bis zum Erwachen aus der Versuchung, dem Selbstopfer zu entgehen.) Denn der Islam sieht Jesus als einen zu wichtigen Gesandten Gottes an, als dass er einen solch erniedrigenden Tod hätte sterben dürfen: „Die meisten Kommentatoren stimmen darin überein, dass der Qur’an nicht das historische Ereignis einer Kreuzigung als solcher verneint, wohl aber die Kreuzigung Jesu. Vielmehr sei ein anderer an Jesu Statt gekreuzigt worden. Wie Gott letzten Endes Jesus vor dem Kreuz bewahrte und errettete, bleibt allein Sein Geheimnis.“ (Bekir Alboga) Die ganz große Überraschung aber war für mich das Stückchen „Experimentalfilm“ zum Schluss, nachdem die Filmerzählung wieder die Heilsgeschichte einholte und der vorgesehene Tod die halluzinatorische Abirrung in das Leben beendet hat. Vorher hatte Willem Dafoe als Jesus – den ich mir in „Antichrist“ nicht ansehen kann – seine besiegelnden Worte gesprochen: „It is accomplished.“ Was damit vollbracht ist, beanspruchen die darauf folgenden, flackernden Farben nicht zu wissen.

Samstag, 03.10.2009

Funny People

Leo McCarey, geboren (vor 111 Jahren) am 3. Oktober 1898, in Los Angeles, Kalifornien; sollte Rechtsanwalt, wollte Songschreiber werden, wurde Assistent von Tod Browning; Gag-Schreiber bei Hal Roach; Komödienregisseur. 1929: LIBERTY mit Laurel & Hardy, 1933: DUCK SOUP mit den Marx Brothers, 1934: BELLE OF THE NINETIES mit Mae West, 1935: RUGGLES OF RED GAP mit Charles Laughton. Über Laughtons Rezitation der Gettysburg adress schreibt Vampire Loren: „This is how it must have come from Lincolns lips with compassion and such gentleness.“

1937 drehte McCarey mit Beulah Bondi und Victor Moore den herzzerreißendsten Film aller Zeiten: MAKE WAY FOR TOMORROW, John Fords Lieblingsfilm. Und noch im selben Jahr: THE AWFUL TRUTH mit Cary Grant, Irene Dunne, Ralph Bellamy. Nach Auskunft aller Beteiligten entstand die äußerst erfolgreiche Komödie ohne irgendein Drehbuch.

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Cary Grant in THE AWFUL TRUTH

Im Programmheft zur Retrospektive des Münchner Filmmuseums von 1984 lese ich über das amerikanische Vaudeville: „das war Nummerntheater, ohne Storyline, gespielt auf Tourneen durch ganz Amerika, immer die gleichen Nummern, routines, aber ständig variiert, den unterschiedlichen Publika angepasst. Das Vaudeville war ein ständiges Experimentieren: Spontaneität und Routine, Variation und Improvisation, das war auch McCareys Konzept. Gags entstanden schon immer in Kollektivarbeit im amerikanischen Film; auch wenn die Kamera schon läuft wird immer weiter ausprobiert und verändert. McCareys Autorenschaft besteht im Anregen: die Dinge und Leute vor der Kamera in Bewegung bringen, Situationen und Abläufe in ihre letzte Konsequenz hinein verfolgen.“

Ein Essay von Paul Harrill legt einleuchtend dar, dass Leo McCarey im Ernst kein Stilist sondern im Herzen ein Musiker war.
Robin Wood: „Mehr als jeder andere Regisseur ist er eher an Schauspielern als an Bildern interessiert. Daher die Angemessenheit des streng funktionalen Kamerastils (klassisches Hollywood – vollkommen unsichtbar), das Fehlende schöner auffälliger Kompositionen, das mangelnde Interesse an technischer Innovation.“
Aber sollte die Autorentheorie auf McCarey tatsächlich nicht anwendbar sein, dann wäre wohl, schrieb Robin Wood, an der Gültigkeit der Theorie zu zweifeln – nicht aber an der Güte von McCareys Werk.

Peter Bogdanovich: „Er verstand instinktiv das Lächerliche und das Absurde im Benehmen der Menschen: statt sie zu verdammen, zelebrierte er jedoch diese besonderen Eigenschaften, was zu außergewöhnlichen Komödien führte, seinen besten Arbeiten jedoch auch ein Gefühl der dunkler werdenden Zukunft verlieh, die kein Lachen, keine lockere Verantwortungslosigkeit auf Dauer erhellen kann.“

1939: LOVE AFFAIR mit Irene Dunne und Charles Boyer, 1944: GOING MY WAY mit Bing Crosby und Barry Fitzgerald, 1945: THE BELLS OF ST. MARY’S mit Bing Crosby und Ingrid Bergman.
1957: AN AFFAIR TO REMEMBER mit Deborah Kerr und Cary Grant.

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Hier die Frage: Was wäre das Kino der Gegenwart ohne das amerikanische Fernsehen: Saturday Night Life, Seinfeld, Freaks and Geeks… ? „Alle seine Star-Filme“, heißt es in dem schönen Programmheft aus München, „sind dezentriert, nicht auf eine einzelne Person hin konzipiert.“
Man müsste Leo McCareys Filme wieder sehen, im Kino, im Zusammenhang mit den Filmen von Judd Apatow! THE 40 YEAR OLD VIRGIN, KNOCKED UP, FUNNY PEOPLE.
Dazu TOKYO MONOGATARI, Ozus Remake von McCareys MAKE WAY FOR TOMORROW. Und auch DIE LIEBE DER KINDER, den neuen Film von Franz Müller.

Montag, 28.09.2009

Kino-Hinweis

„Weißt du, was Raum ist?“ – „Ja, Raum, wir leben in einem Raum.“ – „Weißt du auch, was Zeit ist?“ – „Ja, Zeit bewegt sich fort.“ – „Ist die Nacht deiner Meinung nach Raum oder Zeit?“ – „Die Nacht, die ist Zeit, finde ich.“ – „Nur Zeit, nicht Raum?“ – „Nee, Raum nicht, Zeit, zwölf Stunden, finde ich, oder so – acht Stunden.“ – „Und die Stille, magst du lieber Stille oder Lärm?“ – „Also in der Nacht, also wenn‘s dunkel ist, da höre ich lieber Lärm, da habe ich lieber Menschen in der Nähe, und tagsüber da hab ich so Momente, da möchte ich mal nichts hören, da möchte ich mal ganz ungestört sein.“

„Interview mit einem 13jährigen“

Konzept, Kamera: Bärbel Freund
2007, 16mm, 75 min

„1980 sah ich die Videoserie ‚France Tour Détour Deux Enfants‘ von Jean-Luc Godard und Anne-Marie Miéville – das war eine Befragung von einem Mädchen und einem Jungen zu ihrem Leben in zwölf Episoden à 26 Minuten Dauer. Diese Videoserie war so wichtig für mich – die Art der Fragen, die dort gestellt wurden, und die Antworten darauf waren so elementar und wesentlich, daß ich meinem 13jährigen Bruder Marcus Freund dieselben Fragen stellte, mit dem Kassettenrekorder. Das war 1983.“ (Bärbel Freund)

Der Film läuft im Rahmen des Künstlerinnenprogramms am 3. Oktober um 17.15 Uhr im Berliner Arsenal Kino.

Samstag, 26.09.2009

Gruß an Rainer Knepperges

Mittwoch, 23.09.2009

Filmhinweis

Viennale 2009: 22. Oktober bis 4. November 2009. Trailer:

James Benning: Fire & Rain, USA/A 2009, 35mm/1:1,85/Farbe, 1’22“

Augen-Kamera

Als ich begeistert von meiner bisherigen Lektüre des  Romans „Der Kantakt“ von Giwi Margwelaschwili erzähle, fragt mich S. , ob das ganze Unternehmen eine Art von Medientheorie sei, was ich – nach kurzem Zögern – bejahe. Das Buch beschäftigt sich mit den Freuden und Gefahren des Lesens von Büchern und mit den Leserplätzen in der Literatur, auf eine oft sehr komische Weise. „Schon an der Tür des Kinos brauchte ich auf die Frage ‚Was wollen Sie denn hier? Wer sind Sie überhaupt?’ nur zu bedeuten: ‚Ich bin der Leser.’ Sofort wurden mir die Tore wie nach einem Zauberspruch ohne Zögern aufgetan.“ Es findet sich aber auch folgende Szene aus dem eigenen Bestand: „Nun gibt es leider Situationen, die Leben und Lesen für immer auseinanderreißen, Situationen, in denen der Gebrauch von Kameras, der diesen brutalen Riß wenigstens künstlich beheben… könnte, nicht gestattet ist…Dann hat der bloße Blick die Funktion einer Kamera zu übernehmen. Dann mußt du mit deinen Augen fotographieren, was du später erinnern, dir als verlesestofflichte Bildvorstellung vorführen willst, wenn das geht, wenn du überhaupt noch einen Leserplatz hast auf dieser Erde. Als sowjetische Soldaten mich aus jenem Zimmer führten, in das sie uns über Nacht eingesperrt hatten, rief mein Vater laut meinen Namen. Ich drehte mich nach ihm um, und es traf mich noch einmal sein Blick, krampfhaft fixierend, photographierend, bis die Tür von den Bewachern zugeschlagen wurde und diese kurze Verlesestofflichung zu Ende war.“

Giwi Margwelaschwili, Der Kantakt, Verbrecher Verlag, Berlin, 2009, 800 S., 36 €

Montag, 21.09.2009

Can’t you hear my Heart beat.

Morgen beginnt in München eine Retrospektive der Filme von Claire Denis. Ich hatte ohnehin neulich Lust, die vielleicht großartigste Einstellung aus einem Claire-Denis/Agnès Godard-Film zu beschreiben, fand dann aber statt der Zeit dazu den Clip auf YouTube.

Diese Szene und viele andere sollte man sich im Filmmuseum München ansehen. Zum Ende der Retrospektive, Mitte November, wird Claire Denis selbst zu Gast sein.

Samstag, 19.09.2009

Radio

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Im WDR 4, am Sonntag, 17.25 – 19.00 Uhr
Flimmerkiste: Musik zum 75. Geburtstag von Sophia Loren
Am Mikrofon: Manfred Behrens (Regisseur der gerade fertiggestellten Fortsetzung
von Peter Goedels Dokumentarfilmklassiker „Talentprobe“ – darüber bald mehr)

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Auf Herbstradio, 99,1 mhz, am Montag, von 21 bis 23 Uhr
DER WEISSE HAI IST GUT: Ein Spaziergang durch das Seelenleben des Bassisten und Komponisten Charles Mingus. Am Mikrofon: Michel Freerix

Montag, 14.09.2009

Suggested Listening

Beim Baseball wäre ich lieber ein Pitcher als ein Batter oder Catcher; vielleicht kann ich deshalb mit EASTBOUND & DOWN so unendlich viel mehr anfangen als mit INGLOURIOUS BASTERDS. Heute in der Rubrik »suggested listening«: Kramers kammermusikalische Hommage an Hank Greenberg, den ersten jüdischen Superstar im amerikanischen Profisport.

Bats: Right , Throws: Right
Height: 6′ 4″ , Weight: 210 lb.
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KRAMER – The Greenberg Variations

»16 SHORT ETUDES BASED ON EVERY PITCH THROWN AT HANK GREENBERG OVER HIS ONE-OF-A-KIND BASEBALL CAREER, ALL OF THEM HITS.«

Including: 1. The curve ball | 2. The emery ball | 3. The spit ball (aka: The dewdrop, the spitter) | 4. The goo ball (aka: The tar ball) | 5. The screw ball | 6. The knuckle ball | 7. The ephus ball (aka: The folly floater, la lob) | 8. The sinker ball | 9. The slider (aka: The grease ball) | 10. The splitter | 11. The fast ball (aka: The bullet) | 12. The change up | 13. The slow ball | 14. The breaking ball | 15. The bean ball (aka: The duster, a little chin music) | 16. The strike out

Donnerstag, 10.09.2009

Editorial

Damals, dachte ich, obwohl, jetzt, wo ich das hinschreibe, kommt es mir komisch vor, dass ich wirklich „damals“ gedacht haben soll. Leute, deren Gedanken mit „damals“ beginnen, sind mir nicht besonders symphatisch, und lieber als unsymphatisch wäre ich mir symphatisch, das geht wohl den meisten so. Jedenfalls brachte mich das letzte Editorial, das Frodon in den Cahiers schrieb, darauf, an diese andere Zeit zu denken, an dieses „damals“, das sicher nicht besser als heute war, wie es die Damalsdenker (stelle ich mir vor) sich vorstellen. Es war wohl einfach nur anders schlecht oder von mir aus auch anders gut oder anders genauso, aber eins muss man schon sagen, wenn man dieses Cahiers-Editorial liest und dann eine andere Zeitschrift aufschlägt, also zum Beispiel die Zeitschrift „film“, deren Chefredakteur in der zweiten Hälfte der 60er Jahre Werner Kließ war und der in einer anderen, aber vielleicht vergleichbar anderen Situation vom Verleger Erhard Friedrich rausgeschmisssen worden war: Es ging offener zu seinerzeit, was ja nicht per se besser sein muss, aber einen weniger schalen Beigeschmack erzeugt als dieses Cahiers-Editorial vom Frodon, dessen Namenspseudonym er sich vom Haupthobbit aus dem Herrn der Ringe ausgeborgt hat, aber das tut hier nichts zur Sache, dem jedenfalls sinngemäß oder mehr als nur sinngemäß, nämlich beinahe wörtlich nichts Scheinheiligeres zu schreiben einfällt, als dass ja Veränderungen eigentlich immer gut sind und dass der Verkauf der Cahiers nichts anderes als eine exzellente Neuigkeit sei und er nun hier also sein letztes Editorial schreibe und auch das natürlich toll ist, der also nach all dem Hickhack und den nach allem was man hört höchst unschönen Auseinandersetzungen nicht die leiseste Andeutung davon macht oder machen kann, dass wahrscheinlich Bösartigkeiten im Quadrat, Ränkespiele und böses Blut im Spiel sind und waren und ihnen und ihm nun schlussendlich die ganze Scheiße um die Ohren geflogen ist. Ich will ja gar nichts über diese Bösartigkeiten und Ränkespiele lesen, das ist es nicht, aber ich will auch nicht lesen, wie jemand, anstatt einfach zu sagen, was los ist, in jeder einzelnen Silbe so tut als ob, weil ich dann gleich denken muss, er tue vielleicht immer nur so als ob oder habe jedenfalls immer mal wieder nur so getan als ob, etwas Ernsthaftigkeit sollte schon sein, meine ich, ein bisschen Respekt vor dem Leser oder vielmehr vor sich selbst und sonst halt schweigen, das geht immer. Ich hielt also neben dieses Cahiers-Editorial vom Juli 2009 die Januarausgabe von 1970 der Zeitschrift „film“ und las die Notizen „Zwischen den Heften“ von Henning Rischbieter, der 1960 „Theater heute“ gegründet hatte und nun, zum Anfang 1970 „film“ übernahm, wohl weil beide Blätter im gleichen Verlag, dem auch heute noch aktiven Friedrich-Verlag, erschienen. Auf drei Seiten wird da die Debatte bis zur unkittbaren Entzweiung von Friedrich/Rischbieter hier und Kließ sowie etlichen Autoren dort rekapituliert. Es geht darum, ob einzelne Autoren „klassenkämpferisch“ seien oder nicht, um einen umstrittenen Text von Kreimeier, um Uneinsichtigkeit und Radikalismen. Die Worte „Verkaufszahlen“, „Halbjahresbilanz“ und „privatwirtschaftlich“ kommen in diesem Text vor, auch Floskeln wie „Klarheit und Entschiedenheit des Urteils“. Eine schöne Stelle, die ich den Lesern nicht vorenthalten will, geht so: „Am 24. November schrieb ich allen bisherigen Mitarbeitern von ‚film’ folgendes: ‚Diesem Brief lege ich einen Abzug der Seite 1 aus dem Dezember-Heft von ‚film’ bei. Er bezieht sich auf thematische und personelle Veränderungen bei der Zeitschrift. Da ich vom Januar-Heft an bis auf weiteres die redaktionelle Verantwortung habe, möchte ich Sie ausdrücklich fragen, ob Sie bereit sind, weiterhin für die jetzt ‚Fernsehen und Film’ genannte Zeitschrift zu schreiben. Für eine schnelle Antwort wäre ich Ihnen dankbar. Natürlich hätte ich auch Verständnis dafür, wenn Sie sich erst nach dem Erscheinen der ersten Nummer des neuen Jahrgangs entscheiden würden.’ Dieser Brief wurde von Uwe Nettelbeck folgendermaßen beantwortet: ‚Lieber Herr Rischbieter. Wollen Sie mich auf den Arm nehmen oder wissen Sie nicht, was Sie tun? Einen so verrückten Brief wie Ihren habe ich schon lange nicht mehr bekommen. Zur Sicherheit notabene eine klare Antwort: natürlich nicht. Mit freundlichen Grüßen, Uwe Nettelbeck.’“ Und im Anschluss an Rischbieters Version der Geschichte folgt dann erstens die Einschätzung des abgesetzten Werner Kließ („Gegenerklärung“), zweitens eine Erklärung der Autoren, die sich mit Kließ solidarisch erklären und zuguterletzt die Meinung vom Verleger („Antwort auf Werner Kließ“), der das ganze Zeitschriftendings umbauen und zu einem Fernsehblättchen, so sagt er es natürlich nicht, machen will, was dann auch geschah, bis „Film und Fernsehen“, nicht sonderlich viel später, ganz eingestellt wurde, nachdem es sich zunächst in so etwas wie die „Prisma“ verwandelt hatte, das Gratisbeilageblättchen, mit dem ich es als im Schatten des Kölner Stadtanzeigers Großgewordener in den ersten 19 Jahren meines Lebens zu tun hatte. Der zitierte Uwe Nettelbeck hatte übrigens, das hier nur am Rande, als letzten Beitrag in der Zeitschrift „film“ im Oktober 1969 einen immer noch lesenswerten Text mit dem Titel „Wolfram Schütte ist doof. Ein kurzer Artikel“ publiziert, der Schüttes Besprechung von „Once upon a time in the West“ zum Gegenstand hat und von Wolfram Schütte in seinem Nachruf auf Uwe Nettelbeck nicht erwähnt wird, aber, so mutmaße ich, für den Tonfall dieses Nachrufes mitverantwortlich sein dürfte. Zurück zur Öffentlichkeit um 1970, die, das muss man den Friedrichs und Rischbieters hoch anrechnen, es zuließ, eine Auseinandersetzung über die Linie eines Heftes im Heft selbst stattfinden zu lassen. Ich schreibe jetzt hier noch einen Absatz aus Kließ’ Erwiderung hin, dann bekommt man einen guten Eindruck oder hat vielleicht selbst Lust, das einmal nachzulesen in der Bibliothek, eine Lust, die einem beim Wischiwaschi des Frodon beim besten Willen nicht überkommt und die einen bereits jetzt im Vorhinein enttäuscht sein lässt, wenn man, einmal kurz gedanklich ins Jahr 2049 gesprungen, in den Editorials von vor 40 Jahren nachlesen möchte, wie das eigentlich vor sich ging mit dem Niedergang und Verkauf der Cahiers im Jahre 2008/2009, bevor die Zeitschrift es dann im Jahr 2012 ganz sein ließ, Gott hab sie selig. Kließ: „Der Streit darum, ob die von mir redigierte Zeitschrift ‚klassenkämpferisch’ war oder nicht, inwiefern sie nicht vereinbar war mit der ‚reformistischen’ Linie des Verlages, hat etwas Lächerliches, wenn man bedenkt, was der Verlag in Zeitschriften verbreitet, von denen er seine wirtschaftliche Stabilität vor allem erhofft (in Auflagen, die höher sind als die von ‚film’, ‚Opernwelt’ und ‚Theater heute’ zusammen). Zum Thema Mitbestimmung steht in ‚feminin’: ‚Jede gute Sekretärin kennt ihren Einfluß auf den Chef. Jede gute. So ist es bei den meisten Berufen. In unserer offenen Gesellschaft gibt es eine Menge Aufstiegschancen, die sich nutzen lassen. Aufsteigen aber heißt: in die Mitbestimmung hineinwachsen. Ohne Gewerkschaften, ohne die Krücke einer erzwungenen Mitbestimmung bestimmt, wer viel kann, viel mit. Auch das ist eine Art Mitbestimmung. In der Hitze des Wortgefechtes sollten wir uns bewußt halten, wie vielfältig sich das unbestimmte Wort Mitbestimmung anwenden läßt.’ Als ich im Sommer Erhard Friedrich auf diesen Kommentar hin ansprach, hat er diese Interpretation der Mitbestimmung (als eine von vielen, versteht sich) verteidigt. Die Zeitschriften des Herrn Friedrich sind offen für alle Richtungen, auch für die dreiste Verkehrung politischer Begriffe ins Gegenteil. […] Wenn Erhard Friedrich seinen intellektuellen Mentor Rischbieter um Rat fragt, hält Rischbieter das für einen Akt von ‚innerer Demokratie’. Wenn Erhard Friedrich einen vernünftigen Rat seiner Sekretärin aufgreift, hält er das für Mitbestimmung. Nein, lieber Uwe, die wollen uns nicht auf den Arm nehmen, die meinen das wirklich so.“ Kließ wurde dann, wie ich anderswo lese, Dramaturg und Produzent bei der Bavaria und danach Redaktionsleiter beim ZDF, wo er für die Serien „Derrick“, „Der Alte“, „Ein Fall für zwei“ und „Kottan ermittelt“ zuständig war. Seit 1998 malt er, autodidaktisch, heißt es auf seiner Website, Bilder, die man, wie ich hinzufüge, mögen muss.

So war das damals.


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