new filmkritik
Mittwoch, 26.09.2007
Dienstag, 25.09.2007
LE BLEU DES ORIGINES (F 1979)
Philippe Garrel als französischer Gegenwarhol. In beiden Fällen die gleichen Voraussetzungen: das Konzept Home Movie + die Arbeit mit Stars. Auch der Schauwert „Nico“ (Nico hatte 1969 veranlasst, dass Garrel und Warhol sich in New York kennenlernten). Aus diesen Voraussetzungen abgeleitet: Gegensätze.
Bei Garrel: das Intime, die Depression, die starre Handkurbelkamera mit dem charakteristischen Pulsieren des Bildes. Kino als Manufakturbetrieb. Remythisierung und Monumentalisierung des Stars. In jeder Einstellung sind entweder Nico oder Zouzou zu sehen, meist neben wuchtigen Statuen oder Säulen. Das kontrastreiche Schwarzweiß, manchmal mutwillig überbelichtet, die museale Architektur von Paris. Pose + Pathos. Konstellation Dreieck. Kunstemphase.
Bei Warhol, zehn, fünfzehn Jahre zuvor: das Soziale, die Manie, ein wackliges Bolex-Kino. Kino als Factory. Die Überdehnung des Starbegriffs ins Entmythologisierende. Natürlich sind die Stars auch bei Warhol essentiell, aber sie sind es so wie alles mögliche andere ebenfalls nötig ist (und sie werden, in jeder Einstellung, hergestellt). Die gellenden Farben, Räume mit Plunder. Pose + Ironie. Konstellation Prisma. Keinekunstmehrwollen (aber doch: Kunst inkaufnehmen).
[am 5.10., 21 Uhr und am 13.10. um 19 Uhr im Arsenal-Kino im Rahmen der Reihe „70 Jahre Cinémathèque Française“.]
Sonntag, 23.09.2007
Audiolinks zum Kino auf der documenta 12
* 100 Tage Kino zur documenta 12 – Podiumsdiskussion anlässlich der Berlinale (10.2.2007)
* Start des documenta 12 Filmprogramms, Einführung Alexander Horwath (16.6.2007)
* Lunch Lecture mit A. Horwath, R. Buergel, M. Althen und R. Noack (15. 9.2007)
***
Heute abend, am letzten documenta-Tag, noch einmal im Gloria-Kino:
James Benning: CASTING A GLANCE (USA 2007)
Freitag, 21.09.2007
Marker, Murch etc.
* DOKU.ARTS (Akademie der Künste, noch bis Sonntag)
Mittwoch, 19.09.2007
Termitenfilme [*]
Dienstag, 18.09.2007
Kino/Kritik, Peripher wird 10
In der letzten Woche fand – das hätte hier wohl stehen können oder sollen, ja, warum stand das hier eigentlich nicht, unter Umständen hat es mit dem spürbaren Tunnelblick auf die berliner, und eben nicht auf die münchner Verhältnisse zu tun und auch damit, dass diese Veranstaltungen so viel mit unserer Seite zu tun hatten, dass man sich beinah scheut, darauf (und damit indirekt auch auf sich selbst) hinzuweisen – jedenfalls fand im Münchner Filmmuseum eine Reihe von Veranstaltungen zur Zeitschrift „FILMKRITIK“ statt, die 1957 gegründet wurde und bis 1984 erscheinen konnte (ein pdf mit dem schönen Programmtext von Markus Nechleba, der die Reihe zusammengestellt hat, hier).
Bei der letzten dieser Veranstaltungen wurde ein Film von Hartmut Bitomsky aus dem Jahr 1974 gezeigt, in dem Friedrich Luft, Wolf Donner und Ponkie in Einzelgesprächen über ihre Auffassungen von Filmkritik Auskunft geben. Bitomsky sitzt ihnen jeweils gegenüber, im Wohnzimmer oder Garten der Befragten, in Jeans und T-Shirt, bequem zurückgelehnt und hört zu, wie sie sich vielleicht nicht um Kopf, aber doch mindestens um Kragen reden. Das geht etwa eine halbe Stunde lang, und danach kommt, für acht oder zehn Minuten Helmut Färber zu Wort, der seine Auffassung entwickelt.
Es sollte eine Diskussion sich anschließen über die Zeitschrift FILMKRITIK und die Praxis der Filmkritik heute. Diese Diskussion begann mit Rainer Ganseras harscher Kritik an Bitomskys Film. Gansera meinte gesehen zu haben, dass in den Äußerungen von Luft, Donner und Ponkie ein bequemer Pappkamerad aufgestellt werde, auf den man dann einschlagen könne. Bitomsky spreche insofern gar nicht über Filmkritik (zum Beispiel im Sinne André Bazins), und diese Verknappung gelte es zu kritisieren. Beinah wirkte es so, als fühle Gansera sich und sein Schreiben angegriffen und hole mit diesem Einwurf zur Verteidigung aus.
Ein Podium ist nicht dafür gemacht, auf Beiträge sinnvoll und bedacht zu reagieren, insofern ist mir auch erst später aufgefallen, dass schon der Titel von Bitomskys Film deutlich macht, dass er von anderem handelt als von Filmkritik. KINO/KRITIK heißt die Sendung, und sie setzt ein mit Fotografien von Gebäuden, in denen Kinos untergebracht sind – das ist, sagt Bitomsky aus dem Off, nur noch ein Bruchteil der Kinos, die es vor zehn, zwölf Jahren gab, viele sind seitdem abgerissen oder in Einkaufszentren umgewandelt. Man müsste also präzisieren: Bitomskys Anwürfe, seine Kritik und Polemik richtet sich nicht gegen „Filmkritik“, sondern gegen die Art und Weise, wie 1974 Leute in Tages- oder Wochenzeitungen mit Texten das aktuelle Kinoprogramm begleiteten. Beispiel ist DAS GROSSE FRESSEN, der im September 1973 uraufgeführt wurde, und aus dem er einzelne Szenen immer wieder gegen das im Feuilleton geschriebene stellt.
Erst im letzten Teil, könnte man sagen, geht es dann wirklich um Filmkritk (und zugleich um die Zeitschrift FILMKRITIK, als deren Stimme Helmut Färber zu Wort kommt). In der Organisation des Films und im Gesagten wird deutlich, dass diese beiden Dinge – Begleitung des aktuellen Kinoprogramms und Filmkritk – etwas fundamental voneinander Unterschiedenes sind, und Färber bringt den Begriff Kritik mit dem der Geschichte zusammen. Zwischen Filmkritik und Filmgeschichte gebe es keinen Unterschied, sagt er, Bitomsky im Englischen Garten gegenüberstehend, und er beschreibt dann einige Sequenzen aus Griffiths INTOLERANCE, weil es im Schreiben über Filme darum gehe, genaue Beschreibungen zu liefern.
Ich weiß, dass ist jetzt eine etwas umwegige Art, aber eigentlich wollte ich nur auf die Reihe hinweisen, die das FSK-Kino anläßlich des zehnjährigen Bestehens des peripher-Filmverleihs zeigt, und als ich daran dachte, fiel mir der vorgestrige Abend wieder ein: Zwischen dem 20.9. und dem 3.10. wird eine Auswahl von Filmen aus dem Verleih gezeigt, darunter viele Filme, die für die „new filmkritik“ wichtig waren und sind. Ich liste die Filme kurz auf, sie sind von Abdellatif Kechiche, Angela Schanelec, Mina Shum, Benoit Jacquot, Bruno Dumont, Thomas Arslan, Maria Speth, Henner Winckler, Valeska Grisebach, Christian Petzold, Sandrine Veysset, Hirokazu Kore-Eda und den Dardenne-Brüdern.
Double Happiness am 20.9. um 20:30
La fille seule am 21.9. um 20:30
La vie de Jesus am 22.9. um 20:30
Dealer am 23.9. um 20:30
Petits Freres am 24.9. um 20:30
Rosetta am 25.9. um 20:30
Mein langsames Leben am 26.9. um 20:30
In den Tag hinein am 27.9. um 22:00
Mein Stern am 28.9. um 22:00
Klassenfahrt am 29.9. um 22:00
Martha, Martha am 30.9. um 22:00
Maboroshi am 1.10 um 22:00
Wolfsburg am 2.10. um 22:00
L’Esquive am 3.10. um 22:00
Mittwoch, 12.09.2007
Mittellangtext-Hinweis
* Volker Pantenburg: Deutscher Herbst.
Deutscher Herbst
I.
Die Landung war haarsträubend. Bis unmittelbar vor dem jähen Aufsetzen auf der Piste befand sich das Flugzeug in grotesker Schieflage. Jeden Augenblick musste die rechte Tragfläche das trockene Gestrüpp neben dem Asphalt touchieren. So hatte ich mir das Ende nicht vorgestellt. –
Eine Minute später rollte die Maschine gemächlich auf ihre Parkposition, als sei nichts gewesen.
II.
Irgendjemand hatte geschrieben, das griechische Fernsehen reagiere auf die rapide Vervielfachung der Brandherde mit einer Vervielfachung der parallel geschalteten Übertragungsfenster für Korrespondentenberichte; eine Dringlichkeitsadresse der Bildregie. Zwei bis drei Blicke auf die Nachrichtensendungen zeigen, dass die Aufteilung des Bildschirms in oft sechs Teilbildchen hier eine übliche Konvention ist, unabhängig davon, worüber berichtet wird. Weil von den sechs Personen, die aus je einem Teilfenster wie aus dem Türchen eines Adventskalenders herausgucken, aber immer nur einer befragt werden kann, müssen die Anderen über quälend lange Zeiträume hinweg stillhalten und schweigen. Aus Mitleid mit diesem Schweigenmüssen und der Unbill des Unbeschäftigtseins wird gelegentlich umgeschnitten auf andere Einstellungen, die mit dieser Person oder dem berichteten Ereignis vermutlich in Verbindung stehen. Manche der Schnittfolgen wiederholen sich wie Bildschirmschoner und begründen kleine, wiederkehrende Loop-Häppchen, in denen das Verhältnis der montierenden Erzählgeste zur erzählten Zeit unklar wird. Diese kurzen Montagen machen skeptisch gegenüber dem Live-Charakter des Gezeigten. Was sehen wir? Passiert das jetzt gerade oder ist das längst passiert? Das Dürftig-Informative wird als Hübsch-Ornamentales verkauft und damit entwertet.
III.
Wir hatten von einem Freiluftkino in einem Dorf im Landesinnern der Insel gehört. Mit den gemieteten Vespas waren wir einmal vorbeigefahren, um uns nach dem Programm zu erkundigen. Ein freundlicher alter Mann, der kein Englisch sprach, hielt uns einen Din-A4-Zettel im Vierfarbdruck entgegen. Zurzeit lief ein griechischer Film, aber ein paar Tage später sollte „MUSIC AND LYRICS“ starten, mit Hugh Grant und Drew Barrymore. Dann würden wir wiederkommen.
Am besagten Tag, wir waren früh dran, empfing uns der Sohn. Er zeigte uns den von einer Mauer eingefassten, handballfeldgroßen Zuschauerraum mit 30 Tischen, um die je fünf Plastikstühle herumgruppiert waren. Wohin man blickte duftende Pflanzen und Kräuter. Wir sollten abends pünktlich kommen, es könnte voll werden. Er selbst habe das Kino von seinem Vater übernommen, der wiederum habe weitergeführt, was sein Vater begonnen hätte. Im kommenden Jahr würden sie ein großes Fest machen, mit Musik, da werde ihr Kino seinen 80. Geburtstag feiern: In der Inselprovinz waren wir unverhofft auf eine Nebenschlagader der griechischen Cinéphilie gestoßen.
Ab halb neun fanden sich die Zuschauerinnen und Zuschauer ein, meist Familien. Die Mädchen lockten die zahlreichen Katzen zu sich, um sie zu streicheln und von Hand zu Hand weiterzureichen. Der Kinobetreiber nahm die Bestellung auf, denn überraschenderweise konnte man hier auch Pizza bestellen, die nach etwa der ersten Viertelstunde des Films geliefert würde! Außerdem solle man sich zum Ende des Films hin wie bei jeder Vorführung auf frischgebackene Doughnuts von seiner Mutter einrichten. Jeder bekomme ungefähr fünf Stück, mit Honig, das sei im Preis inbegriffen, und wenn das Kino voll sei, mache seine Mutter eben ein paar Hundert davon.
Gerade war mir der Gedanke gekommen, dass die Mücken jetzt wahrscheinlich das einzige wären, was den Filmabend noch stören könnte, da machte der Kinobesitzer noch eine letzte Runde um die Tische, um auf jedem Tisch je ein Fläschchen mit Insektenschutz unterschiedlicher Marke und Herkunft zu placieren. Hatten sie hier denn wirklich an alles gedacht?
IV.
Auf die Frage der schwäbischen Hotelbesitzerin, was sie da beim Frühstück lese, antwortete S., das sei das ZEIT-Dossier zum Deutschen Herbst. Bei dem Wetter, antwortete die Hotelbesitzerin kopfschüttelnd mit Blick auf die strahlende Sonne, fügte dann aber verständnisvoll hinzu, dass es in Deutschland tatsächlich empfindlich abgekühlt sei.
V.
Der Barbier nahm die Haut am Hals und um den Mund herum zwischen seine Finger, um die Oberfläche zu straffen und dann energisch das Rasiermesser anzusetzen. Mir kamen ein Gedanke an UN CHIEN ANDALOU und einer an Hanekes CACHÉ empfindlich in die Quere. Schon wieder, wie im Flugzeug, krampfte sich meine Hand um die Lehne eines Sitzes. Und wieder verflüchtigte sich der Schreck gleich darauf, um im Äther der Folgenlosigkeit zu verschwinden.
VI.
Sexualimbiss. Schnellschnitzel. Freizeitkapitän. Paketluke. Gumminapf. Flauschpullover: Abschaffelworte, Genazinokomposita.
Romanhelden könnten nicht gegensätzlicher sein als Quincy Durant und Artie Wu einerseits und Abschaffel andererseits. Die lässige Souveränität von Wu und Durant, das Locker-Geschmeidige daran, das auch bisschen nerven kann: Immer sind es Tausender oder warum nicht gleich Millionendollarbeträge, die den Besitzer wechseln. Bangkok, Saigon, Pelican Bay, Malibu, Kambodscha – der Globus schnurrt dem Kriminalplot zum Provinznest zusammen. Für Abschaffel dagegen ist es schon ein Erdbeben, wenn der armselige Hornung mittags in der Kantine ein Stück des Pastetchens von Frau Schönböcks Teller auf seinen Teller herüberschaufelt, weil ihm ein paar Groschen fehlen. Scham: das Zentralgestirn, um das Genazinos Protagonist sich dreht. Vergrößerungswahn, der das Mikroskopische ins Monströse wendet. Aber unter dem Strich ist Genazinos provinziell-bundesrepublikanischer Schamkosmos umfassender als Ross Thomas’ weltumspannende Transaktionsketten.
Zugegebenermaßen ist das ein merkwürdiger Vergleich.
VII.
Wir waren zurück, gerade zwei Wochen weg gewesen. In der Zwischenzeit hatte Owen Wilson versucht sich umzubringen, Charlotte Gainsbourg war ins Krankenhaus eingeliefert worden und Oberschledorn hatte es auf die Titelseiten der Zeitungen geschafft. In den Schaufenstern der Schreibwarengeschäfte lagen die Taschenkalender für 2008. Wir füllten an der Gasetagenheizung Wasser nach und stellten das Heizungsthermostat ein paar Grad wärmer.
– Volker Pantenburg –
Dienstag, 11.09.2007
Sonntag, 09.09.2007
Letztlich ganz grundsätzlich und endlich eigentlich schon sehr einfache Fragen
SPIEGEL: Wann ist Ihnen der moderne Kapitalismus zuletzt im wirklichen Leben begegnet?
SPIEGEL: Wenn Sie sich für „Yella“ einen Werbeslogan ausdenken müssten, wie würde der lauten?
SPIEGEL: Ganz grundsätzlich, haben Sie Angst vor Liebesszenen?
SPIEGEL: Wann ist ein Film für Sie erfolgreich?
SPIEGEL: Liegt der kommerzielle Misserfolg Ihrer Filme nicht auch darin begründet, dass
Sie Ihren Figuren ein Zuhause verweigern?SPIEGEL: In „Yella“ verabschiedet die Heldin ihren Vater vor einer Holzwand am
Müllcontainer.SPIEGEL: Wie alle Ihre Filme ist auch „Yella“ letztlich sehr düster, das Ende ist ein
regelrechter Schlag in die Magengrube des Zuschauers. Einfach gefragt: Darf es keinen
glücklichen Petzold-Film geben?SPIEGEL: Seit einiger Zeit ist das deutsche Kino wieder sehr erfolgreich – vergangenes
Jahr mit einem Marktanteil von 26 Prozent. Freut Sie das?SPIEGEL: Ein Regisseur wie Tom Tykwer hat sich durch seine Zusammenarbeit mit Eichinger
für die Großproduktion „Das Parfum“ von der Kritik emanzipiert, er ist unangreifbar
geworden. Steht bei Ihnen diese Emanzipation noch aus?SPIEGEL: Muss sich der Filmemacher Petzold vom Intellektuellen Petzold befreien, um
wirklich großes Kino zu machen?SPIEGEL: Die Kritik wird ungeduldig: Wann kommt er endlich – der große Rums, der große
Petzold-Film? Haben Sie den Film, den Sie eigentlich machen wollen, denn schon gemacht?
11 Fragen von Lars-Olav Beier und Moritz von Uslar an Christian Petzold unter dem Titel „Man will sich nicht verlieben“, in: Der Spiegel 37/2007 („Die Nacht von Stammheim“) — „Weltklassefeuilleton“ (M. Matussek)
