new filmkritik

Freitag, 05.10.2007

Bemerkungen zur Funktion und Existenz einer Kinemathek [1947/48]

Von Jean Grémillon

I

Allein der Gedanke, daß das Kino als Kunst gelten kann oder soll, und die Filme als Kunstwerke, stößt zu Anfang auf ein unerwartetes Hemmnis. Die Literatur, die Malerei – um diese als Beispiele zu nehmen – verfügen über gesicherte und festverankerte Einrichtungen zum Erhalt der Denkmäler ihrer Vergangenheit. Die Bibliothèque Nationale mit ihren verschiedenen Abteilungen, die bewundernswerte Umsicht, die bei der Konservierung der Manuskripte, der Inkunabeln wirkt – oder der Louvre mit seinen Restaurierungswerkstätten – oder die Bibliotheken des Konservatoriums, die Aufbewahrung und Instandsetzung der historischen Instrumente -, sie erscheinen uns als nationale Einrichtungen oder als notwendige Grundlagen für den Erhalt der Zierden unseres nationalen kulturellen Erbes. Nichts Außergewöhnliches ist darin zu sehen, und niemand käme auf den Gedanken, die Verwendung beträchtlicher Mittel auf diese Zwecke zu bemängeln.
Vielleicht ist es die Form der kinematographischen Darbietung – die man als vergänglich bezeichnet und die den wechselnden Gesetzen sogenannter Premieren und danach dem Niedergang des Nachspielens in der Provinz und in den Vororttheatern unterliegt – oder eine gewisse Verachtung dem Film gegenüber als Konsumartikel – ein Artikel, der durch die die Gewöhnung an das nie abreißende Schauspiel in jeder nur erdenklichen Richtung Absatz finden muß -, die die Meinung der Allgemeinheit dazu verleitet, die Hervorbringungen der kinematographischen Kunst völlig anders einzustufen.
Während sehr langer Zeit wurden die Filme, die das Ende ihrer kommerziellen Karriere erreicht hatten, von fast allen als eine Ansammlung belichteten Zelluloids betrachtet, das von keinerlei weiterem Nutzen war; dies ging soweit, daß – nicht selten – Negative und Kopien, die aus dem Verkehr gezogen waren, als Makulatur an Fabrikanten abgegeben wurden, die Kämme, Seifenschalen oder Salatbestecke aus Plastik herstellten, wenn nicht gar an Munitionsfabriken, wie dies im Krieg von 1914-1918 der Fall war.
Die Konservierung alter Filme sieht sich somit völlig dem Walten des Zufalls unterworfen. Einige wohlhabende Firmen konservieren ihre Filme sorgfältig und systematisch, und doch bisweilen ohne sie zu katalogisieren. Was die mehr oder weniger kurzlebigen Gesellschaften betrifft, die nur wenige Filme produzieren – manchmal nur einen einzigen -, wer vermöchte zu sagen, was mit ihren Produkten geschieht, wenn sie aufgelöst, von einer anderen Gesellschaft aufgekauft oder schlicht und einfach der Schwindsucht erlegen sind?
Grausamer noch, weil vereinbart, erscheint die Auflage, im Falle des ‚Remakes’ eines Films oder des Verkaufs der Rechte an einem Stoff für eine Neuverfilmung Negative und Kopien des vorhergehenden Werks zu vernichten.
All dies ist lediglich zur Verdeutlichung der nur zu tragischen Lage des Kinos angeführt, welches so hervorragend alle Bedingungen in sich vereint, um sich als Kunst behaupten zu können, und doch in der Welt, in der wir leben und in der die Filme hergestellt werden, nichts weiter ist als eine Ware wie jede andere, deren Produktion und Zirkulation sich allein nach den unerbittlichen Gesetzen richtet, die die Herstellung, Verteilung und den Verbrauch von Waren in Hinsicht auf einen zu erzielenden Profit bestimmen. Die solchermaßen erstellten Werke, die Film-Artikel, die produziert wurden, sind voller Menschlichkeit – ob ihre Erzeuger dies beabsichtigt haben mögen oder nicht – und legen, in ihrer Gesamtheit, von ihrer Zeit das wertvollste und ohne jeden Zweifel anschaulichste Zeugnis ab.
Sowohl im Beharren auf einem hartnäckigen Glauben an den künstlerischen Wert des Kinos wie auch im Erfüllen der Aufgabe des Soziologen, des Historikers oder des Chronisten wurde die Erhaltung der Werke der Kinematographie, die Erforschung des in der Vergangenheit Geschaffenen – und, daneben, aller Dokumente, die zu ihrer Erhellung beitragen können: Photographien, Plakate, Modelle, Artikel, Zeitschriften, Bücher -, […] *

II

Viele der Sammler verfügten oder verfügen noch über Filmkopien, über unterschiedlichste Instrumente und Apparate, über Dokumente jeder Art. Diese Sammlungen, ihr Ausmaß, ihr Zustand und die Maßnahmen zu ihrem Erhalt hängen untrennbar von Geschmack, Mitteln räumlichen Möglichkeiten, beziehungsweise Abneigungen und Manien des jeweiligen Sammlers ab – dessen Existenz dennoch eine Wohltat, ein Glücksfall und beinahe ein Wunder ist.
Aber keiner dieser Sammler besaß die Mittel, die Geduld oder die Bereitschaft, eine Zusammenstellung in Betracht zu ziehen, die systematisch, planvoll und weitblickend angelegt gewesen wäre und deren Geist sich wahrhaftig beträchtlich von jener Sammelwut unterscheiden würde, die sich mit der Freude am Exklusiven, Seltenen und Unvermittelbaren schmückt.
In der Tat stellt sich nicht nur die Einrichtung einer solchen großen Sammlung von größtmöglicher Vollständigkeit als notwendig dar, sondern ebenso das Schaffen eines Zugangs zu all diesen Schätzen für das Publikum und die Forscher.
Die Lust am Forschen, die Leidenschaft besser gesagt; Sachverstand, eine erschöpfende Kenntnis des Historischen, aber auch Freude daran, die gesammelten Schätze anderen zu übermitteln, ihnen die Flamme weiterzureichen, die sich an der Forschung entzündet – sie mußten sich auf dem Gebiet des Kinos jemandes bemächtigen, um eine wahre Kinemathek entstehen zu lassen.
Denn Kinematheken gab es bereits. Ministerien – das Landwirtschaftsministerium zum Beispiel -, Stadtverwaltungen beziehungsweise Vereine und ganz ohne Frage Filmklubs oder Weiterverkäufer von Filmen besaßen Teilsammlungen von Kopien in unterschiedlichem Zustand und von gleichermaßen vielfältiger Herkunft und Bedeutung, die das ‚Repertoire’ für Vorführungen bildeten, die unterschiedlichsten Zwecken dienten – kulturellen, erzieherischen usw. – und von ihnen veranstaltet wurden, und das bis zur Abnutzung des Materials. Der hauptsächliche Zweck dieser Kinematheken richtete sich in keiner Weise auf die Erhaltung der Filme. Auf gewisse Weise verhielt es sich eher gegenteilig.

III

Durch den Antrieb eines ganz jungen Mannes, Henri Langlois, unter der Mithilfe von G. Franju, dank der Unterstützung M. E. Harlés und mit der Hilfe einiger Regisseure, Kritiker, Schriftsteller und auch einiger scharfsichtiger Produzenten entstand in den Jahren 1935-36 die Cinémathèque Francaise – ein Zusammenschluß von Privatpersonen, die über keine anderen Mittel verfügten als über ihre Armut und ihren Enthusiasmus, dem es dennoch sehr schnell gelang, eine nicht unbedeutende Sammlung von Filmen jeder Art, von Originalpositiven und -negativen zu erreichen.
Die Cinémathèque Française wurde gewissermaßen zum zentralen Organismus, zur Sammelstelle für Archive, Dokumente und Filme, wo die verschiedenen nichtkommerziellen Filmvereine sofort alle Originalunterlagen finden konnten, deren sie bedurften.
Gleichzeitig knüpfte die Cinémathèque Française im Ausland mit Einzelpersonen oder Organisationen feste Verbindungen und gab so möglicherweise die erste Anregung zu vergleichbaren Organismen.
Solchermaßen zeichnete sich der Entwurf einer wahrhaften Internationalen Kinemathek ab.

IV

Die Erfassung, die Aufbewahrung und die Pflege der Filme – französischer wie ausländischer -, deren Negative gerettet werden konnten – oder bisweilen die einzige erhaltene Positivkopie -, verleihen dem Wirken der Cinémathèque Française einen beinahe industriellen Aspekt und erfordern Räumlichkeiten und beträchtliches Personal.Aber mit dem Hüten des Materials der Filme ist es nicht getan. Wenn der Wunsch besteht, daß die Kinemathek mehr sein soll als ein Lager von Filmrollen und daß der Werkcharakter der wiederentdeckten Filme ebenfalls erhalten werden soll, stellt sich die Gewähr regelmäßiger Vorführungen der eingelagerten Filme – natürlich nur zu nichtkommerziellen Zwecken – als Notwendigkeit. Das Ziehen neuer Kopien, die Lagerung, der Versand und die Kontrolle der Filme setzen darüber hinaus ebenfalls eine weitgehend industrielle Organisation voraus.
Diesen Pflichten, diesen Verantwortlichkeiten kann ein Unternehmen rein privater Natur, dessen Mittel äußerst begrenzt sind, nicht Genüge leisten.
Oder: den Besitzern der Rechte an den eingelagerten Filmen verbindlich zu garantieren, daß keine industriellen oder kommerziellen Gewinne durch die Filme erzielt werden, mit anderen Ländern den Austausch und die Zirkulation von Filmen auszuhandeln, die normalerweise, im kommerziellen Bereich, Zollformalitäten unterliegen, dies als Beispiel übersteigt die Kräfte eines Privatunternehmens bei weitem.
Aus diesem Grund wurde die Cinémathèque Française zuerst von den Filmproduzenten unterhalten, sodann vom Staat unterstützt und ist heute relativ eng an den Centre National de la Cinémathographie angegliedert. Dennoch verlangt allein schon die Frage der Lagerung unter optimalen Bedingungen – bedenkt man die Menge der geretteten Filmrollen und ihre große Empfindlichkeit – nach tiefgreifenderen Lösungen, zum Beispiel der Einrichtung eines nationalen ‚Blockhauses’.

V

Zur heutigen Stunde stellt sich die Cinémathèque Française als ein Verein dar, der formal dem Gesetz von 1901 entspricht und sich aus Deponenten von Dokumenten zusammensetzt, mit dem Ziel, in Frankreich sowohl ein Museum wie auch Archive der Kinematographie zu schaffen und die darin eingegangenen Sammlungen zu pädagogischen,, historischen und künstlerischen Zwecken zu nutzen.
Jedes Mitglied – jeder Deponent – beteiligt sich an der Verwaltung des Vereins. Er kann in der Generalversammlung in den Verwaltungsrat gewählt werden und verfügt damit über das Recht zur Kontrolle des Vereins.
Alle Deponenten bleiben weiterhin Eigentümer der Filme oder Dokumente, die sie hinterlegt haben, und können ihre Rückerstattung verlangen, wenn sie aus dem Verein ausscheiden.
Der Verein erhält Subventionen vom Centre National de la Cinémathographie, dessen Direktor Mitglied des Verwaltungsrates des Vereins ist.
Verschiedene Unterabteilungen unterstützen die Tätigkeit des Vereins:
1. Eine technische Abteilung gewährleistet, kontrolliert und leitet die Lagerung, das Ziehen und den Verleih der Kopien. Die Benutzung der eingelagerten Filme und das Ziehen neuer Kopien erfordern stets die Zustimmung der Deponenten.
2. Eine Abteilung für Forschung und für die Klassifizierung der Dokumente widmet sich sowohl dem Unterhalt und der Erweiterung einer Spezialbibliothek – der vollständigsten auf diesem Gebiet – wie auch der Einrichtung photographischer Archive, dem Erstellen von Katalogen, von Filmographien und darüber hinaus im weitesten Sinne der Erhaltung aller Dokumente, die sich auf die Geschichte der kinematographischen Kunst beziehen.
3. Ein Ausschuß für historische Forschung hat die Aufgabe, alle Dokumente zu sammeln, die von besonderer Bedeutung für die Geschichte des Kinos sind.
Darüber hinaus leitet die Cinémathèque Française Veranstaltungen, Ausstellungen, filmgeschichtliche Seminare, organisiert Vorführungen und die Teilnahme an ausländischen Veranstaltungen. Sie ermöglicht auf diese Weise die Verbreitung der zusammengetragenen Dokumente. Daneben betreibt sie die Veröffentlichung verschiedener Publikationen, die ihre Veranstaltungen abrunden und vertiefen.
Und zuletzt – weil die Cinémathèque ständig neue Deposita auftut, also auch neue Deponenten, wirkt sie der Gefahr entgegen, daß die Filme verlorengehen, seien sie von gestern oder von heute.

VI

Auf diesem Weg ist es der Cinémathèque Française gelungen, seit ihrer Gründung einen Bestand von mehreren Zehntausenden von Filmen zu schaffen – Stummfilme wie Tonfilme, französische und ausländische, unter denen sich ebenso alte wie bedeutende Werke von Georges Méliès befinden, F. Zecca, Emile Cohl, Durand, Monca, Max Linder, Feuillade und Pouctal etc., etc.
Durch die Unterstützung mit Wort und Tat, die ihr das Außenministerium, der Ministerpräsident und das Informationsministerium zukommen lassen, kann sie in den Jahren zwischen 1936 und 1948 in Frankreich und im Ausland eine einflußreiche Tätigkeit entfalten, deren ganzes Ausmaß sich ermessen läßt, wenn ich sie im folgenden grob zusammenfasse und nur einige Ereignisse herausgreife:
1936: Verbindungen zur Museum of Modern Art Library in New York; zur Svensk Filmindustri; Retrospektive der Filme von Méliès in New York.
1937: Verbindungen zum British Film Institute, zur Newfilmliga in La Haye, zur G.P.O. Film Unit, zum Centro Sperimentale in Rom und Einrichtung einer Filialkinemathek in Wien. Méliès-Galaveranstaltung auf der Weltausstellung in Paris, Galaabende zugunsten von Méliès und E. Cohl.
1938: Verbindungen zur Ciné-Grup in Warschau, zum Reichsfilmarchiv, zum ‚Bon Film’ in Basel; Einrichtung einer Kinemathek in Mailand; Méliès-Ausstellung in London; Retrospektive des amerikanischen Films in Paris und des französischen Films auf der Biennale in Venedig; Gründung der Fédération Internationale des Archives du Film [F.I.A.F., Internationale Vereinigung Filmkundlicher Archive].
1939: Verbindungen zur Filmschule in Moskau; Méliès-Ausstellung in New York; Retrospektive des französischen Films in New York, in San Francisco und in Lissabon; 1. Kongreß der F.I.A.F. in New York.
1940: Méliès-Ausstellung in Chicago, Philadelphia, Boston, Los Angeles und New Orleans.
Seit Juni 1940 galten die Bemühungen der Cinémathèque Française dem Schutz ihrer Sammlung, die der Krieg zerstört hatte. Vor der Vernichtung durch die deutsche Besatzungsmacht konnte sie über zehntausend ausländische Filme retten – in der Hauptsache amerikanische; bereits ab dem Herbst 1944 war wieder eine relativ normale Tätigkeit möglich, und die Cinémathèque befaßte sich mit der Wiederherstellung und Erfassung ihrer beschädigten, auseinandergerissenen und manchmal zerstörten Sammlungen und schuf neue Kontakte zum Ausland.
1945: Die Cinémathèque Française regt die Bildung der Fédération Française des Ciné-Clubs an, der sie beitritt; Ausstellung ‚Images du Cinéma Français’ in Paris, später in Lausanne; Teilnahme am Filmkongreß in Basel; Einrichtung eines filmgeschichtlichen Seminars für die Schüler des I.D.H.E.C. [Institut des Hautes Etudes Cinémathographiques].
1946: Kongreß der F.I.A.F. in Paris unter Beteiligung der neuen Kinematheken von Warschau, Prag, Brüssel, und Basel, deren Bildung durch die Cinémathèque Française ermutigt, wenn nicht hervorgerufen wurde. Teilnahme an der Filmausstellung in Prag; Zeichentrickausstellung und Ausstellung ‚Emile Reynaud’ in Paris. Vorführung eigener Programme auf den Veranstaltungen in Lille und Lyon; Einrichtung eines Fortbildungsseminars für Filmklub-Freunde (Pariser Studenten, Pariser Jugendorganisationen, Kurse in Filmgeschichte).
1947: Ausstellung zum französischen Kino in Warschau und Brüssel; Austausch mit der italienischen Kinemathek; Ausstellung zum englischen Kino in Paris; Retrospektive des französischen Kinos auf der Biennale in Venedig.
Während dieses letzten Zeitabschnitts sind die Sammlungen von Filmen, von Photographien und von Dokumenten jeder Art beträchtlich angewachsen, und zu guter Letzt werden in den ersten Wochen des Jahres 1948 die ersten Räume eines ständigen Filmmuseums eröffnet.

VII

Mag das Vollbrachte auch nichts Endgültiges sein, so steht sein Nutzen doch außer Frage. Es ist die Grundlage für ein neu erwachendes Interesse am Kino als künstlerischer Ausdrucksform, von dem die Wiedergeburt der Filmklubs in Frankreich und im Ausland, das Erscheinen eigener Zeitschriften und eine intensive Beschäftigung mit dem Thema beredtes Zeugnis ablegen.
Die Bedeutung der geleisteten Arbeit kann jedoch keineswegs über das Ausmaß dessen, was noch zu tun bleibt, hinwegtäuschen. Es genügt nicht, daß wir unseren Glauben an die Größe der Zukunft des Kinos versichern. Die Hauptaufgabe einer Kinemathek besteht darin, den Filmen, die entstehen, tatsächlich den Charakter des Kunstwerks zuzuerkennen, dessen die industriellen und kommerziellen Organe sie berauben. Die Erhaltung der Denkmäler der Vergangenheit, die Einrichtung und Verbreitung einer kinematographischen Kultur sind keine Phantastereien, und ebensowenig liegt es in der wahren Natur des Kinos wie dies behauptet wurde -, keine Vergangenheit zu kennen. Nur ein ganz bestimmtes Verfahren des Umgangs mit Filmen, das im unmittelbaren Konsum des Produzierten gründet, konnte den Filmen jenen Charakter schnellverderblicher Waren verleihen, der ihnen heute anhängt.
Die Ausrüstung einer idealen Kinemathek – für die wir uns klimatisierte ‚Blockhäuser’ erträumen, Kopierwerke, ‚Lesesäle’ zum Einzel- oder Gruppenstudium, Kurse in Filmgeschichte und Filmsprache, herrlich vollständige und geordnete Karteien, eine Stelle für die Auswertung der Pressedienste und sich ständig erweiternde Bibliotheken – werden wir nicht von heute auf morgen erwarten können. Und doch war sie vielleicht nie notwendiger als heute.
Mit geringen Mitteln und großer Zuversicht, mit der Hilfe der einen und dann der anderen., schließlich mit der Hilfe des Staates, hat die Cinémathèque Française unter Bedingungen, die von einigen etwas vorschnell als ‚pittoresk’ belächelt wurden, den Teil ihres Weges zurückgelegt, den sie von ihrer Anlage her zu bewältigen befähigt war. Noch kann sie auf diese Weise weiterbestehen. Aber selbst nicht voranschreiten, während um sie herum die industrielle Filmproduktion fortschreitet, das heißt mit jedem Schritt mehr in den Rückstand geraten.
Die Cinémathèque Française selbst ist zur ‚Ablösung’ bereit; sie kann der Idealen Kinemathek – die wohl oder übel aus ihr entstehen muß – unermeßliche Schätze übergeben. Doch der Schutz der künstlerischen Prärogative des Kinos erweist sich immer mehr als die Aufgabe eines machtvollen Gefüges von nationalem Interesse, dessen unabweisbare Notwendigkeit sich früher oder später nicht mehr leugnen lassen wird.

* Lücke im Typoskript.

Aus dem Französischen von Melanie Walz.

***

[Zuerst veröffentlicht in Filmkritik 329-339, Jahrgang 28, Heft 5-6, Mai-Juni 1984. Dank an Peter Nau und Melanie Walz für die Zustimmung zum Wiederabdruck.]

Donnerstag, 04.10.2007

Intoleranz heute

ist auch nicht mehr das, was sie mal war

Mittwoch, 03.10.2007

Langtext-Hinweis

* Stefan Ripplinger: Away, Away, Away. John Fords Filme mit Will Rogers

Samstag, 29.09.2007

Citizen Beauviala

PANAVISIONSo sehen laut Jean-Luc Godard die Wege aus, die ein Filmteam bei der Arbeit an einer Einstellung zwischen den Schauspielern und der Kamera zurücklegt, wenn eine PANAVISION-Kamera benutzt wird.

 

ARRI_BLSo sehen, wiederum laut Jean-Luc Godard, die Wege aus, die das Filmteam bei der Aufnahme der gleichen Einstellung (Einstellung 13/1 aus PRENOM CARMEN) mit einer ARRI BL zurückzulegen hat.

 

AATON_8_35Und so stellt sich Jean-Luc Godard die Wege vor, die zurückzulegen wären, wenn man die AATON 8/35 benutzte, eine Kamera, die er ab den 70er Jahren mit Jean-Pierre Beauviala zu entwickeln begann.

***

Außer den Namen von Regisseuren und Schauspielern kennen einige Wenige auch noch die von Kameraleuten; fragt man allerdings nach denen, die sich die Kameras ausgedacht und sie hergestellt haben, bewegt man sich jenseits des Autorenprinzips im namenlosen Reich industrieller Fertigung.

In den Siebziger Jahren gab es – neben Video – mindestens zwei Technikutopien, die von der Entwicklung eines neuen Kamerasystems als Voraussetzung zu einem anderen Filmemachen ausgingen. Mit dem Namen Hellmuth Costard verbindet sich der Versuch, Super-8 zu professionalisieren, indem man die Kamera blimpte und damit direkttonfähig machte. Noch dazu wollte Costard die Kameras so umbauen, dass statt der üblichen 3 1/2 Minuten-Kassetten größere Kassetten benutzt werden konnten. In DER KLEINE GODARD AN DAS KURATORIUM JUNGER DEUTSCHER FILM kann man Costards Apparate und Costard selbst in Aktion sehen.

Die andere Utopie verbindet sich ebenfalls mit dem Namen Jean-Luc Godard, aber sie ging in entgegengesetzter Richtung vor. Nicht die Professionalisierung des 8mm-Materials war das Ziel, sondern die Verkleinerung und damit Verfügbarmachung von 35mm-Kameras. Godard träumte seit 1976 von einer Kamera, die bei gleicher Qualität wie übliche 35mm-Kameras in das Handschuhfach seines Autos passen sollte. Zusammen mit Jean-Pierre Beauviala und dessen Firma Aaton in Grenoble (zunächst als Partner, dann als Mitproduzent, später im Modus des Zerwürfnisses), begleitete Godard die Entwicklung einer Kamera, die er „Aaton 8/35“ nannte, weil sie die technische Seite von 35mm mit der Handhabung von 8mm verbinden sollte. „Man ist in Holland, fährt durch die Landschaft und sieht eine Windmühle, deren Blätter plötzlich stehen bleiben; man nimmt die Kamera aus dem Handschuhfach seines Autos, filmt und hat ein 35mm Bild in der aktuell höchstmöglichen Auflösung, die im Kino oder Fernsehen üblich ist. Dadurch kann ich dann auf die Idee zu FOREIGN CORRESPONDENT kommen. Oder auf eine andere Idee, weil ich immerhin schonmal ein Bild habe, und wenn man ein Bild hat, kann man etwas anderes machen. Und falls Ingrid Bergman grad da sein sollte, drehe ich eben mit Ingrid Bergman. Also: Dafür war diese Kamera gemacht.“ (Godard).

In den beiden Cahiers-Nummern 348/349 (Juni/Juli 1983) und 350 (August 1983) – im Zusammenhang mit Godards PASSION, der die wohl einzige Aufnahme enthält, die Godard mit einem Prototyp der 8/35 drehte (die Wolken und Kondensstreifen am blauen Himmel zu Beginn) – sind zwei lange Gespräche zwischen Beauviala, Godard und Alain Bergala (première Episode) sowie zwischen Beauviala, Godard, Romain Goupil, Renato Berta und Vincent Blachet (deuxième Episode). Das sind wirkliche Streitgespräche, man merkt, dass eine Ausgangsidee zwei Leute zusammengebracht hatte und deren Ausführung sie dann auseinandertrieb. Beide Gespräche stecken voller gegenseitiger Anschuldigungen und technischer Detailfragen und sind sehr lesenswert (abgedruckt in Band I von „Godard par Godard“, S. 519-557, dort auch Godards Zeichnungen).

[Auf France Culture wird im Rahmen der Reihe „Surpris par la nuit“ eine zweiteilige Sendung mit dem Titel „Citizen Beauviala“ ausgestrahlt: Teil I: Portrait en forme de balade, 2. Oktober 2007, Teil II: Gestes et Outils, 3. Oktober, jeweils 22.15 Uhr, insgesamt 150 Minuten; Zur Geschichte von Beauviala und den Aaton-Kameras hier etwas von J.M. Frodon]

Donnerstag, 27.09.2007

An Introduction to Metaphysics

Ein Trost:

Truth and Illusion I
We have all the letter “A”s that we will ever need. The supply is infinite.
Truth and Illusion II
No one can manipulate a corner on letter “A”s and run up the price
whenever we need to use one.
Truth and Illusion III
The same goes for numbers. Help yourself to all the “5”s you need.

TRUTH AND ILLUSION. AN INTRODUCTION TO METAPHYSICS (USA 1965, Regie: Nicholas Rodiv [= King Vidor])

***

1964 ist King Vidor in Paris. Sein letzter Film, SOLOMON AND SHEBA, liegt fünf Jahre zurück, eine Reihe von weiteren Projekten ist nicht zustande gekommen. Er kauft sich eine Beaulieu 16 mm-Kamera und macht, zurück in den USA, mit Freunden und ohne Geld einen 25 Minuten-Film: TRUTH AND ILLUSION. AN INTRODUCTION TO METAPHYSICS (USA 1965). Weil er im Vorspann nicht schreiben möchte „Written by King Vidor, Photographed by King Vidor, Directed by King Vidor“ – er hätte zudem hinzufügen müssen: „Narrated by King Vidor“ -, gibt er sich den Namen Nicholas Rodiv. Der Film ist die bebilderte philosophische Grundsatzerklärung eines 70 Jährigen Filmemachers, ein idealistisches Credo, das den Bogen von Platon über Berkeley hin zu Albert Einstein und der Bewegungsillusion des Kinos spannt. Vidor hat zunächst einen 8-seitigen Text geschrieben und danach mit der Kamera die Bilder dazu gesucht; ein etwas simples Verfahren, das aber dennoch zu überraschenden Ergebnissen führt, erst recht, wenn man den Film als „King Vidor“-Film sieht, der er ja zweifelsohne (und mehr als jeder andere King Vidor-Film) ist. Vom Tonfall erinnert das Ergebnis am ehesten an „Powers of Ten“ von den Eames‘.

Instruktive Texte zu Vidor allgemein und zu diesem und seinem letztem Film (METAPHOR. KING VIDOR MEETS WITH ANDREW WYETH, USA 1980) in der französischen Zeitschrift cinéma, Ausgabe 012, Herbst 2006. Beigelegt auch eine DVD mit den beiden Vidor-Filmen.

Mittwoch, 26.09.2007

Filmhinweis

ALS LANDWIRT

von Stefan Hayn und Anja-Christin Remmert

am Sonntag, 30.9. um 21 Uhr im Arsenal, Berlin

 

Plakat_ALS_LANDWIRT

Dienstag, 25.09.2007

LE BLEU DES ORIGINES (F 1979)

Philippe Garrel als französischer Gegenwarhol. In beiden Fällen die gleichen Voraussetzungen: das Konzept Home Movie + die Arbeit mit Stars. Auch der Schauwert „Nico“ (Nico hatte 1969 veranlasst, dass Garrel und Warhol sich in New York kennenlernten). Aus diesen Voraussetzungen abgeleitet: Gegensätze.

Bei Garrel: das Intime, die Depression, die starre Handkurbelkamera mit dem charakteristischen Pulsieren des Bildes. Kino als Manufakturbetrieb. Remythisierung und Monumentalisierung des Stars. In jeder Einstellung sind entweder Nico oder Zouzou zu sehen, meist neben wuchtigen Statuen oder Säulen. Das kontrastreiche Schwarzweiß, manchmal mutwillig überbelichtet, die museale Architektur von Paris. Pose + Pathos. Konstellation Dreieck. Kunstemphase.

Bei Warhol, zehn, fünfzehn Jahre zuvor: das Soziale, die Manie, ein wackliges Bolex-Kino. Kino als Factory. Die Überdehnung des Starbegriffs ins Entmythologisierende. Natürlich sind die Stars auch bei Warhol essentiell, aber sie sind es so wie alles mögliche andere ebenfalls nötig ist (und sie werden, in jeder Einstellung, hergestellt). Die gellenden Farben, Räume mit Plunder. Pose + Ironie. Konstellation Prisma. Keinekunstmehrwollen (aber doch: Kunst inkaufnehmen).

[am 5.10., 21 Uhr und am 13.10. um 19 Uhr im Arsenal-Kino im Rahmen der Reihe „70 Jahre Cinémathèque Française“.]

Sonntag, 23.09.2007

Audiolinks zum Kino auf der documenta 12

* 100 Tage Kino zur documenta 12 – Podiumsdiskussion anlässlich der Berlinale (10.2.2007)

* Start des documenta 12 Filmprogramms, Einführung Alexander Horwath (16.6.2007)

* Lunch Lecture mit A. Horwath, R. Buergel, M. Althen und R. Noack (15. 9.2007)

***

Heute abend, am letzten documenta-Tag, noch einmal im Gloria-Kino:

James Benning: CASTING A GLANCE (USA 2007)

Freitag, 21.09.2007

Marker, Murch etc.

* DOKU.ARTS (Akademie der Künste, noch bis Sonntag)

Mittwoch, 19.09.2007

Termitenfilme [*]


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