new filmkritik

Samstag, 29.09.2007

Citizen Beauviala

PANAVISIONSo sehen laut Jean-Luc Godard die Wege aus, die ein Filmteam bei der Arbeit an einer Einstellung zwischen den Schauspielern und der Kamera zurücklegt, wenn eine PANAVISION-Kamera benutzt wird.

 

ARRI_BLSo sehen, wiederum laut Jean-Luc Godard, die Wege aus, die das Filmteam bei der Aufnahme der gleichen Einstellung (Einstellung 13/1 aus PRENOM CARMEN) mit einer ARRI BL zurückzulegen hat.

 

AATON_8_35Und so stellt sich Jean-Luc Godard die Wege vor, die zurückzulegen wären, wenn man die AATON 8/35 benutzte, eine Kamera, die er ab den 70er Jahren mit Jean-Pierre Beauviala zu entwickeln begann.

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Außer den Namen von Regisseuren und Schauspielern kennen einige Wenige auch noch die von Kameraleuten; fragt man allerdings nach denen, die sich die Kameras ausgedacht und sie hergestellt haben, bewegt man sich jenseits des Autorenprinzips im namenlosen Reich industrieller Fertigung.

In den Siebziger Jahren gab es – neben Video – mindestens zwei Technikutopien, die von der Entwicklung eines neuen Kamerasystems als Voraussetzung zu einem anderen Filmemachen ausgingen. Mit dem Namen Hellmuth Costard verbindet sich der Versuch, Super-8 zu professionalisieren, indem man die Kamera blimpte und damit direkttonfähig machte. Noch dazu wollte Costard die Kameras so umbauen, dass statt der üblichen 3 1/2 Minuten-Kassetten größere Kassetten benutzt werden konnten. In DER KLEINE GODARD AN DAS KURATORIUM JUNGER DEUTSCHER FILM kann man Costards Apparate und Costard selbst in Aktion sehen.

Die andere Utopie verbindet sich ebenfalls mit dem Namen Jean-Luc Godard, aber sie ging in entgegengesetzter Richtung vor. Nicht die Professionalisierung des 8mm-Materials war das Ziel, sondern die Verkleinerung und damit Verfügbarmachung von 35mm-Kameras. Godard träumte seit 1976 von einer Kamera, die bei gleicher Qualität wie übliche 35mm-Kameras in das Handschuhfach seines Autos passen sollte. Zusammen mit Jean-Pierre Beauviala und dessen Firma Aaton in Grenoble (zunächst als Partner, dann als Mitproduzent, später im Modus des Zerwürfnisses), begleitete Godard die Entwicklung einer Kamera, die er „Aaton 8/35“ nannte, weil sie die technische Seite von 35mm mit der Handhabung von 8mm verbinden sollte. „Man ist in Holland, fährt durch die Landschaft und sieht eine Windmühle, deren Blätter plötzlich stehen bleiben; man nimmt die Kamera aus dem Handschuhfach seines Autos, filmt und hat ein 35mm Bild in der aktuell höchstmöglichen Auflösung, die im Kino oder Fernsehen üblich ist. Dadurch kann ich dann auf die Idee zu FOREIGN CORRESPONDENT kommen. Oder auf eine andere Idee, weil ich immerhin schonmal ein Bild habe, und wenn man ein Bild hat, kann man etwas anderes machen. Und falls Ingrid Bergman grad da sein sollte, drehe ich eben mit Ingrid Bergman. Also: Dafür war diese Kamera gemacht.“ (Godard).

In den beiden Cahiers-Nummern 348/349 (Juni/Juli 1983) und 350 (August 1983) – im Zusammenhang mit Godards PASSION, der die wohl einzige Aufnahme enthält, die Godard mit einem Prototyp der 8/35 drehte (die Wolken und Kondensstreifen am blauen Himmel zu Beginn) – sind zwei lange Gespräche zwischen Beauviala, Godard und Alain Bergala (première Episode) sowie zwischen Beauviala, Godard, Romain Goupil, Renato Berta und Vincent Blachet (deuxième Episode). Das sind wirkliche Streitgespräche, man merkt, dass eine Ausgangsidee zwei Leute zusammengebracht hatte und deren Ausführung sie dann auseinandertrieb. Beide Gespräche stecken voller gegenseitiger Anschuldigungen und technischer Detailfragen und sind sehr lesenswert (abgedruckt in Band I von „Godard par Godard“, S. 519-557, dort auch Godards Zeichnungen).

[Auf France Culture wird im Rahmen der Reihe „Surpris par la nuit“ eine zweiteilige Sendung mit dem Titel „Citizen Beauviala“ ausgestrahlt: Teil I: Portrait en forme de balade, 2. Oktober 2007, Teil II: Gestes et Outils, 3. Oktober, jeweils 22.15 Uhr, insgesamt 150 Minuten; Zur Geschichte von Beauviala und den Aaton-Kameras hier etwas von J.M. Frodon]

Donnerstag, 27.09.2007

An Introduction to Metaphysics

Ein Trost:

Truth and Illusion I
We have all the letter “A”s that we will ever need. The supply is infinite.
Truth and Illusion II
No one can manipulate a corner on letter “A”s and run up the price
whenever we need to use one.
Truth and Illusion III
The same goes for numbers. Help yourself to all the “5”s you need.

TRUTH AND ILLUSION. AN INTRODUCTION TO METAPHYSICS (USA 1965, Regie: Nicholas Rodiv [= King Vidor])

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1964 ist King Vidor in Paris. Sein letzter Film, SOLOMON AND SHEBA, liegt fünf Jahre zurück, eine Reihe von weiteren Projekten ist nicht zustande gekommen. Er kauft sich eine Beaulieu 16 mm-Kamera und macht, zurück in den USA, mit Freunden und ohne Geld einen 25 Minuten-Film: TRUTH AND ILLUSION. AN INTRODUCTION TO METAPHYSICS (USA 1965). Weil er im Vorspann nicht schreiben möchte „Written by King Vidor, Photographed by King Vidor, Directed by King Vidor“ – er hätte zudem hinzufügen müssen: „Narrated by King Vidor“ -, gibt er sich den Namen Nicholas Rodiv. Der Film ist die bebilderte philosophische Grundsatzerklärung eines 70 Jährigen Filmemachers, ein idealistisches Credo, das den Bogen von Platon über Berkeley hin zu Albert Einstein und der Bewegungsillusion des Kinos spannt. Vidor hat zunächst einen 8-seitigen Text geschrieben und danach mit der Kamera die Bilder dazu gesucht; ein etwas simples Verfahren, das aber dennoch zu überraschenden Ergebnissen führt, erst recht, wenn man den Film als „King Vidor“-Film sieht, der er ja zweifelsohne (und mehr als jeder andere King Vidor-Film) ist. Vom Tonfall erinnert das Ergebnis am ehesten an „Powers of Ten“ von den Eames‘.

Instruktive Texte zu Vidor allgemein und zu diesem und seinem letztem Film (METAPHOR. KING VIDOR MEETS WITH ANDREW WYETH, USA 1980) in der französischen Zeitschrift cinéma, Ausgabe 012, Herbst 2006. Beigelegt auch eine DVD mit den beiden Vidor-Filmen.

Mittwoch, 26.09.2007

Filmhinweis

ALS LANDWIRT

von Stefan Hayn und Anja-Christin Remmert

am Sonntag, 30.9. um 21 Uhr im Arsenal, Berlin

 

Plakat_ALS_LANDWIRT

Dienstag, 25.09.2007

LE BLEU DES ORIGINES (F 1979)

Philippe Garrel als französischer Gegenwarhol. In beiden Fällen die gleichen Voraussetzungen: das Konzept Home Movie + die Arbeit mit Stars. Auch der Schauwert „Nico“ (Nico hatte 1969 veranlasst, dass Garrel und Warhol sich in New York kennenlernten). Aus diesen Voraussetzungen abgeleitet: Gegensätze.

Bei Garrel: das Intime, die Depression, die starre Handkurbelkamera mit dem charakteristischen Pulsieren des Bildes. Kino als Manufakturbetrieb. Remythisierung und Monumentalisierung des Stars. In jeder Einstellung sind entweder Nico oder Zouzou zu sehen, meist neben wuchtigen Statuen oder Säulen. Das kontrastreiche Schwarzweiß, manchmal mutwillig überbelichtet, die museale Architektur von Paris. Pose + Pathos. Konstellation Dreieck. Kunstemphase.

Bei Warhol, zehn, fünfzehn Jahre zuvor: das Soziale, die Manie, ein wackliges Bolex-Kino. Kino als Factory. Die Überdehnung des Starbegriffs ins Entmythologisierende. Natürlich sind die Stars auch bei Warhol essentiell, aber sie sind es so wie alles mögliche andere ebenfalls nötig ist (und sie werden, in jeder Einstellung, hergestellt). Die gellenden Farben, Räume mit Plunder. Pose + Ironie. Konstellation Prisma. Keinekunstmehrwollen (aber doch: Kunst inkaufnehmen).

[am 5.10., 21 Uhr und am 13.10. um 19 Uhr im Arsenal-Kino im Rahmen der Reihe „70 Jahre Cinémathèque Française“.]

Sonntag, 23.09.2007

Audiolinks zum Kino auf der documenta 12

* 100 Tage Kino zur documenta 12 – Podiumsdiskussion anlässlich der Berlinale (10.2.2007)

* Start des documenta 12 Filmprogramms, Einführung Alexander Horwath (16.6.2007)

* Lunch Lecture mit A. Horwath, R. Buergel, M. Althen und R. Noack (15. 9.2007)

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Heute abend, am letzten documenta-Tag, noch einmal im Gloria-Kino:

James Benning: CASTING A GLANCE (USA 2007)

Freitag, 21.09.2007

Marker, Murch etc.

* DOKU.ARTS (Akademie der Künste, noch bis Sonntag)

Mittwoch, 19.09.2007

Termitenfilme [*]

Dienstag, 18.09.2007

Kino/Kritik, Peripher wird 10

In der letzten Woche fand – das hätte hier wohl stehen können oder sollen, ja, warum stand das hier eigentlich nicht, unter Umständen hat es mit dem spürbaren Tunnelblick auf die berliner, und eben nicht auf die münchner Verhältnisse zu tun und auch damit, dass diese Veranstaltungen so viel mit unserer Seite zu tun hatten, dass man sich beinah scheut, darauf (und damit indirekt auch auf sich selbst) hinzuweisen – jedenfalls fand im Münchner Filmmuseum eine Reihe von Veranstaltungen zur Zeitschrift „FILMKRITIK“ statt, die 1957 gegründet wurde und bis 1984 erscheinen konnte (ein pdf mit dem schönen Programmtext von Markus Nechleba, der die Reihe zusammengestellt hat, hier).

Bei der letzten dieser Veranstaltungen wurde ein Film von Hartmut Bitomsky aus dem Jahr 1974 gezeigt, in dem Friedrich Luft, Wolf Donner und Ponkie in Einzelgesprächen über ihre Auffassungen von Filmkritik Auskunft geben. Bitomsky sitzt ihnen jeweils gegenüber, im Wohnzimmer oder Garten der Befragten, in Jeans und T-Shirt, bequem zurückgelehnt und hört zu, wie sie sich vielleicht nicht um Kopf, aber doch mindestens um Kragen reden. Das geht etwa eine halbe Stunde lang, und danach kommt, für acht oder zehn Minuten Helmut Färber zu Wort, der seine Auffassung entwickelt.

Es sollte eine Diskussion sich anschließen über die Zeitschrift FILMKRITIK und die Praxis der Filmkritik heute. Diese Diskussion begann mit Rainer Ganseras harscher Kritik an Bitomskys Film. Gansera meinte gesehen zu haben, dass in den Äußerungen von Luft, Donner und Ponkie ein bequemer Pappkamerad aufgestellt werde, auf den man dann einschlagen könne. Bitomsky spreche insofern gar nicht über Filmkritik (zum Beispiel im Sinne André Bazins), und diese Verknappung gelte es zu kritisieren. Beinah wirkte es so, als fühle Gansera sich und sein Schreiben angegriffen und hole mit diesem Einwurf zur Verteidigung aus.

Ein Podium ist nicht dafür gemacht, auf Beiträge sinnvoll und bedacht zu reagieren, insofern ist mir auch erst später aufgefallen, dass schon der Titel von Bitomskys Film deutlich macht, dass er von anderem handelt als von Filmkritik. KINO/KRITIK heißt die Sendung, und sie setzt ein mit Fotografien von Gebäuden, in denen Kinos untergebracht sind – das ist, sagt Bitomsky aus dem Off, nur noch ein Bruchteil der Kinos, die es vor zehn, zwölf Jahren gab, viele sind seitdem abgerissen oder in Einkaufszentren umgewandelt. Man müsste also präzisieren: Bitomskys Anwürfe, seine Kritik und Polemik richtet sich nicht gegen „Filmkritik“, sondern gegen die Art und Weise, wie 1974 Leute in Tages- oder Wochenzeitungen mit Texten das aktuelle Kinoprogramm begleiteten. Beispiel ist DAS GROSSE FRESSEN, der im September 1973 uraufgeführt wurde, und aus dem er einzelne Szenen immer wieder gegen das im Feuilleton geschriebene stellt.

Erst im letzten Teil, könnte man sagen, geht es dann wirklich um Filmkritk (und zugleich um die Zeitschrift FILMKRITIK, als deren Stimme Helmut Färber zu Wort kommt). In der Organisation des Films und im Gesagten wird deutlich, dass diese beiden Dinge – Begleitung des aktuellen Kinoprogramms und Filmkritk – etwas fundamental voneinander Unterschiedenes sind, und Färber bringt den Begriff Kritik mit dem der Geschichte zusammen. Zwischen Filmkritik und Filmgeschichte gebe es keinen Unterschied, sagt er, Bitomsky im Englischen Garten gegenüberstehend, und er beschreibt dann einige Sequenzen aus Griffiths INTOLERANCE, weil es im Schreiben über Filme darum gehe, genaue Beschreibungen zu liefern.

Ich weiß, dass ist jetzt eine etwas umwegige Art, aber eigentlich wollte ich nur auf die Reihe hinweisen, die das FSK-Kino anläßlich des zehnjährigen Bestehens des peripher-Filmverleihs zeigt, und als ich daran dachte, fiel mir der vorgestrige Abend wieder ein: Zwischen dem 20.9. und dem 3.10. wird eine Auswahl von Filmen aus dem Verleih gezeigt, darunter viele Filme, die für die „new filmkritik“ wichtig waren und sind. Ich liste die Filme kurz auf, sie sind von Abdellatif Kechiche, Angela Schanelec, Mina Shum, Benoit Jacquot, Bruno Dumont, Thomas Arslan, Maria Speth, Henner Winckler, Valeska Grisebach, Christian Petzold, Sandrine Veysset, Hirokazu Kore-Eda und den Dardenne-Brüdern.

Double Happiness am 20.9. um 20:30
La fille seule am 21.9. um 20:30
La vie de Jesus am 22.9. um 20:30
Dealer am 23.9. um 20:30
Petits Freres am 24.9. um 20:30
Rosetta am 25.9. um 20:30
Mein langsames Leben am 26.9. um 20:30
In den Tag hinein am 27.9. um 22:00
Mein Stern am 28.9. um 22:00
Klassenfahrt am 29.9. um 22:00
Martha, Martha am 30.9. um 22:00
Maboroshi am 1.10 um 22:00
Wolfsburg am 2.10. um 22:00
L’Esquive am 3.10. um 22:00

Mittwoch, 12.09.2007

Mittellangtext-Hinweis

* Volker Pantenburg: Deutscher Herbst.

Deutscher Herbst

I.
Die Landung war haarsträubend. Bis unmittelbar vor dem jähen Aufsetzen auf der Piste befand sich das Flugzeug in grotesker Schieflage. Jeden Augenblick musste die rechte Tragfläche das trockene Gestrüpp neben dem Asphalt touchieren. So hatte ich mir das Ende nicht vorgestellt. –
Eine Minute später rollte die Maschine gemächlich auf ihre Parkposition, als sei nichts gewesen.

II.
Irgendjemand hatte geschrieben, das griechische Fernsehen reagiere auf die rapide Vervielfachung der Brandherde mit einer Vervielfachung der parallel geschalteten Übertragungsfenster für Korrespondentenberichte; eine Dringlichkeitsadresse der Bildregie. Zwei bis drei Blicke auf die Nachrichtensendungen zeigen, dass die Aufteilung des Bildschirms in oft sechs Teilbildchen hier eine übliche Konvention ist, unabhängig davon, worüber berichtet wird. Weil von den sechs Personen, die aus je einem Teilfenster wie aus dem Türchen eines Adventskalenders herausgucken, aber immer nur einer befragt werden kann, müssen die Anderen über quälend lange Zeiträume hinweg stillhalten und schweigen. Aus Mitleid mit diesem Schweigenmüssen und der Unbill des Unbeschäftigtseins wird gelegentlich umgeschnitten auf andere Einstellungen, die mit dieser Person oder dem berichteten Ereignis vermutlich in Verbindung stehen. Manche der Schnittfolgen wiederholen sich wie Bildschirmschoner und begründen kleine, wiederkehrende Loop-Häppchen, in denen das Verhältnis der montierenden Erzählgeste zur erzählten Zeit unklar wird. Diese kurzen Montagen machen skeptisch gegenüber dem Live-Charakter des Gezeigten. Was sehen wir? Passiert das jetzt gerade oder ist das längst passiert? Das Dürftig-Informative wird als Hübsch-Ornamentales verkauft und damit entwertet.

III.
Wir hatten von einem Freiluftkino in einem Dorf im Landesinnern der Insel gehört. Mit den gemieteten Vespas waren wir einmal vorbeigefahren, um uns nach dem Programm zu erkundigen. Ein freundlicher alter Mann, der kein Englisch sprach, hielt uns einen Din-A4-Zettel im Vierfarbdruck entgegen. Zurzeit lief ein griechischer Film, aber ein paar Tage später sollte „MUSIC AND LYRICS“ starten, mit Hugh Grant und Drew Barrymore. Dann würden wir wiederkommen.
Am besagten Tag, wir waren früh dran, empfing uns der Sohn. Er zeigte uns den von einer Mauer eingefassten, handballfeldgroßen Zuschauerraum mit 30 Tischen, um die je fünf Plastikstühle herumgruppiert waren. Wohin man blickte duftende Pflanzen und Kräuter. Wir sollten abends pünktlich kommen, es könnte voll werden. Er selbst habe das Kino von seinem Vater übernommen, der wiederum habe weitergeführt, was sein Vater begonnen hätte. Im kommenden Jahr würden sie ein großes Fest machen, mit Musik, da werde ihr Kino seinen 80. Geburtstag feiern: In der Inselprovinz waren wir unverhofft auf eine Nebenschlagader der griechischen Cinéphilie gestoßen.
Ab halb neun fanden sich die Zuschauerinnen und Zuschauer ein, meist Familien. Die Mädchen lockten die zahlreichen Katzen zu sich, um sie zu streicheln und von Hand zu Hand weiterzureichen. Der Kinobetreiber nahm die Bestellung auf, denn überraschenderweise konnte man hier auch Pizza bestellen, die nach etwa der ersten Viertelstunde des Films geliefert würde! Außerdem solle man sich zum Ende des Films hin wie bei jeder Vorführung auf frischgebackene Doughnuts von seiner Mutter einrichten. Jeder bekomme ungefähr fünf Stück, mit Honig, das sei im Preis inbegriffen, und wenn das Kino voll sei, mache seine Mutter eben ein paar Hundert davon.
Gerade war mir der Gedanke gekommen, dass die Mücken jetzt wahrscheinlich das einzige wären, was den Filmabend noch stören könnte, da machte der Kinobesitzer noch eine letzte Runde um die Tische, um auf jedem Tisch je ein Fläschchen mit Insektenschutz unterschiedlicher Marke und Herkunft zu placieren. Hatten sie hier denn wirklich an alles gedacht?

IV.
Auf die Frage der schwäbischen Hotelbesitzerin, was sie da beim Frühstück lese, antwortete S., das sei das ZEIT-Dossier zum Deutschen Herbst. Bei dem Wetter, antwortete die Hotelbesitzerin kopfschüttelnd mit Blick auf die strahlende Sonne, fügte dann aber verständnisvoll hinzu, dass es in Deutschland tatsächlich empfindlich abgekühlt sei.

V.
Der Barbier nahm die Haut am Hals und um den Mund herum zwischen seine Finger, um die Oberfläche zu straffen und dann energisch das Rasiermesser anzusetzen. Mir kamen ein Gedanke an UN CHIEN ANDALOU und einer an Hanekes CACHÉ empfindlich in die Quere. Schon wieder, wie im Flugzeug, krampfte sich meine Hand um die Lehne eines Sitzes. Und wieder verflüchtigte sich der Schreck gleich darauf, um im Äther der Folgenlosigkeit zu verschwinden.

VI.
Sexualimbiss. Schnellschnitzel. Freizeitkapitän. Paketluke. Gumminapf. Flauschpullover: Abschaffelworte, Genazinokomposita.
Romanhelden könnten nicht gegensätzlicher sein als Quincy Durant und Artie Wu einerseits und Abschaffel andererseits. Die lässige Souveränität von Wu und Durant, das Locker-Geschmeidige daran, das auch bisschen nerven kann: Immer sind es Tausender oder warum nicht gleich Millionendollarbeträge, die den Besitzer wechseln. Bangkok, Saigon, Pelican Bay, Malibu, Kambodscha – der Globus schnurrt dem Kriminalplot zum Provinznest zusammen. Für Abschaffel dagegen ist es schon ein Erdbeben, wenn der armselige Hornung mittags in der Kantine ein Stück des Pastetchens von Frau Schönböcks Teller auf seinen Teller herüberschaufelt, weil ihm ein paar Groschen fehlen. Scham: das Zentralgestirn, um das Genazinos Protagonist sich dreht. Vergrößerungswahn, der das Mikroskopische ins Monströse wendet. Aber unter dem Strich ist Genazinos provinziell-bundesrepublikanischer Schamkosmos umfassender als Ross Thomas’ weltumspannende Transaktionsketten.
Zugegebenermaßen ist das ein merkwürdiger Vergleich.

VII.
Wir waren zurück, gerade zwei Wochen weg gewesen. In der Zwischenzeit hatte Owen Wilson versucht sich umzubringen, Charlotte Gainsbourg war ins Krankenhaus eingeliefert worden und Oberschledorn hatte es auf die Titelseiten der Zeitungen geschafft. In den Schaufenstern der Schreibwarengeschäfte lagen die Taschenkalender für 2008. Wir füllten an der Gasetagenheizung Wasser nach und stellten das Heizungsthermostat ein paar Grad wärmer.

– Volker Pantenburg –


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