new filmkritik

Sonntag, 19.08.2007

Listen von Listen

Seit Jahrzehnten gestaltet Milan Pavlovic, der sportbesessene Herausgeber der Filmzeitschrift STEADYCAM, die Auswertung von Listen mit lustvoller Hingabe als Wettkampfstatistik. Die gerade erschienene 50. Ausgabe enthält 174 Listen mit 30 Lieblingsfilmen. „Für all jene, die Listen ernst genug nehmen, um den entlegeneren Titeln nachzuforschen,“ gibt es ein separates Register-Heftchen. So kann man feststellen, dass viele der 2127 genannten Titel in den Listen nur ein einziges Mal auftauchen, darunter auch berühmte Werke wie THE BIRTH OF A NATION, MENSCHEN AM SONNTAG, PICKPOCKET, BRING ME THE HEAD OF ALFREDO GARCIA oder LOLA RENNT. In einem langen Aufsatz, den STEADYCAM-Listen vorangestellt, begründet Paul Schrader die Notwendigkeit eines Filmkanons aus dem Gefühl, „dass es zu viele Filme und zu viel Filmgeschichte gebe“. Kennt jemand AUTOSTOP ROSSO SANGUE (Wenn du krepierst, lebe ich! aus dem Jahr 1976, von Pasquale Festa Campanile)? Das ist ein Lieblingsfilm von Dominik Graf.
Ich finde, ein Kanon wäre denkbar, zusammengesetzt aus Lieblingsfilmen, die jeweils nur einem Einzelnen in den Sinn kommen – in einer Menge von 174 Leuten: FOUR SONS (Ford), DER KONGRESS TANZT (Charell), MASKERADE (Forst), LE CRIME DE MONSIEUR LANGE (Renoir), GENTLEMAN JIM (Walsh), I WALKED WITH A ZOMBIE (Tourneur), THE QUIET MAN (Ford), LOVE IS A MANY SPLENDORED THING (King), SOSHUN (OZU), GIGI (Minnelli), JOURNEY TO THE CENTER OF THE EARTH (Levin), LE TROU (Becker), WILD RIVER (Kazan), IL SORPASSO (Risi), MY FAIR LADY (Cukor), KOROSHI NO RAKUIN (Suzuki), THE HIRED HAND (Fonda), SPEND IT ALL (Blank), THE DEVIL IN MISS JONES (Damiano), PAPER MOON (Bogdanovich), THE LAST DETAIL (Ashby), PAUL (Lemke), STAY HUNGRY (Rafelson), SUSPIRIA (Argento), LA CITTA DELLE DONNE (Fellini), THE BLUES BROTHERS (Landis), HIGHWAY 40 WEST (Bitomsky), SHERMAN‘S MARCH (McElwee), BABYFEVER (Jaglom), LAGAAN (Gowariker), 40 YEAR OLD VIRGIN (Apatow), QUAND J‘ETAIS CHANTEUR (Giannoli). Eine solche Liste abzutippen ist irgendwie albern. Zwei Zitate könnten diese Albernheit mildern. Hans Albers sagt in WASSER FÜR CANITOGA: „Ich bin zwar nicht unanständig anspruchsvoll, aber immerhin klotzig verwöhnt.“ Und bei Charles Dickens findet sich die folgende Personenbeschreibung: „Ihm stand das Haar wie eine Bürste vom Kopf, so daß es aussah, als wäre er fast erwürgt worden und hätte sich soeben erst wieder erholt.“

Samstag, 18.08.2007

7/100

Die Geschichte von der Schauspielerin, die am 31. August 1948, nicht ganz ein Jahr, bevor mit „Wild Weed“ (in Amerika: „She Shoulda Said No“) der einzige Film in die Kinos kam, bei dem sie eine Hauptrolle spielte, zusammen mit Robert Mitchum wegen des Besitzes von Marihuana verhaftet wurde.

Donnerstag, 16.08.2007

Erinnerungen an Rüdiger Neumann

Von Ulrich Köhler

Der Filmemacher ist anwesend. Ich mag ihn, aber diesen Film mag ich nicht. Ich muss sitzen bleiben und werde immer ärgerlicher. Später reden wir. Ich könnte lügen oder schweigen. Ich versuche Ehrliches zu sagen ohne zu verletzen. Ein Desaster. Falsche Rücksicht demütigt alle Beteiligten.

Ich sollte es besser wissen: „Bungalow“ hatte den Hauptpreis beim Filmfest Schwerin gewonnen. Die Jury, der ich einen „fliegenden Ochsen“ und meine finanzielle Rettung verdankte, machte sich vor den Feierlichkeiten aus dem Staub. Alle anderen hassten den Film und ließen es mich wissen. Keine drucksenden Menschen, die verzweifelt nach positiven Teilaspekten eines Films suchten, der sie neunzig Minuten gefoltert hatte. Ehrlicher Hass und ein lustiger Abend.

Die Rüdiger Neumann-Werkschau im Metropolis in Hamburg machte mir ein wenig Angst. Drei Jahre hatte ich bei ihm studiert, ohne seine Filme gesehen zu haben. Rüdiger war schüchtern mit seinem Werk. Wenn er davon erzählte, schien es, als rede er von den Brüdern Lumière und nicht von seinem eigenen, wenige Jahre zurückliegenden Filmschaffen. Wahrscheinlich wollte er nicht mehr als Künstler wahrgenommen werden. Er war inzwischen Geschäftsführer eines Tonstudios und Hochschullehrer. In seinem Seminar duldete er nur wenige Auserwählte, und die konnten jederzeit in Ungnade fallen. Seine Kriterien waren alles andere als objektiv. Aber die Neumannklasse war eine Werkstatt, ein Ort für Auseinandersetzungen, die mich bis heute prägen.

Der Versuch, Kunst- und Filmakademien in Berufsschulen zu verwandeln ist absurd. Rüdiger war kein Ausbilder und wollte es auch nicht sein. Von narrativem Film hatte er keine Ahnung, bekannte er freimütig. Trotzdem machen viele seiner Studenten heute Spielfilme – oder Kunst oder Werbung – in unterschiedlichsten Positionen im Mainstream, im Untergrund und irgendwo dazwischen. Oliver Hirschbiegel, Hermine Huntgeburth, Fatih Akin, Andreas Dorau, Frieder Schlaich, Irene von Alberti, Rotraut Pape, Henner Winckler, Henrike Goetz, Patrick Orth, Jeanne Faust, Nina Könnemann, Jochen Dehn, Daniel Maier-Reimer (…) saßen alle schon mal vor dem brummigen Rüdiger und haben versucht ihn von einem Projekt zu überzeugen.

Mit seinem Prinzip Abschreckung wurde ich gleich bei unserer ersten Begegnung konfrontiert. Mein Super 8-Experiment „Feldstraße“ war in seinen Augen vollständig gescheitert: konzeptuell inkonsequent und formal indiskutabel. Sein knappes, treffendes Urteil sollte unsere Beziehung beenden, aber die Diskussion im Seminar uferte so aus, dass Rüdiger zwei Stunden später vergessen hatte, wie sehr ich ihn mit meinen 3 Minuten Film gequält hatte. Ich war aufgenommen.

Der Filmemacher Neumann hat mich mit „Stein/Licht“ sehr glücklich gemacht. Naturschönheit ohne Pathos. Trostlose Kleinstädte schauen gleichgültig auf das unfassbare Lichtspiel am Polarhimmel. Rüdiger schwenkt nie, schneidet ruppig. Seine Panoramen setzen sich aus einzelnen Einstellungen zusammen. Sie stehen kurz, ganz anders als in den Filmen von James Benning. Ich wüsste gerne, ob die beiden sich gekannt haben. Ihre Filmsprache könnte konträrer nicht sein, aber sie haben ein ähnliches Feld beackert. – Beide verstehen, dass es keinen unschuldigen Blick auf Natur gibt. Sie suchen Schönheit in einem fast klassischen Sinn, aber sie leiten daraus keine metaphysischen Versprechungen ab.

„Archiv der Blicke“ ist ein Portrait Westdeutschlands in den 80ern. So hat es sich angefühlt, dieses Land ohne Zentrum, ein Nebeneinander von Provinzen, deren wichtigstes Unterscheidungsmerkmal die Fassaden der Häuser waren: Klinker im Norden; Beton, Schiefer, Eternit in der Mitte; Holz und Geranien im Süden. Der VW Scirocco ist so gepflegt wie die Wälder, durch die er fährt. Deutschland im Jahr der ersten Kohlschen Wende 1983.

Rüdigers frühe „topografische“ Filme habe ich nie gesehen. Es waren strukturalistische Arbeiten, die den Autoren durch mathematische Zufallsprinzipien ersetzen wollten. Ich hoffe, es ist ihm ebensowenig gelungen wie seinem Freund Klaus Wyborny, der immer wieder versucht, den Autoren mit naturwissenschaftlichen Methoden niederzuringen und dabei einige der schönsten Autorenfilme der letzten 30 Jahre geschaffen hat.

Auch wenn manche Gegensätze nicht mit Adjektiven aufgehoben werden können, Rüdiger Neumann war ein „aufgeklärter Romantiker“. Er starb am 23. Juni 2007 im Alter von 63 Jahren. Ich wünsche mir, seine Filme wiederzusehen. Es gab auch in Hamburg einen „neuen deutschen Film“. Er war zu konsequent und radikal für das Arthouse und zu filmisch für das Museum. Er gehört ins Kino. Heute.

Rüdiger Neumann, 1944 – 2007

Auf der Langtextseite:

* Ulrich Köhler: Erinnerungen an Rüdiger Neumann

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[Bild öffnet in neuem Fenster und kann per klick vergrößert werden]
Rüdiger Neumann: Zufallstopographie
[Film als Film. Vom Animationsfilm der zwanziger zum Filmenvironment der siebziger Jahre, hg. von Birgit Hein und Wulf Herzogenrath, Stuttgart: Hatje 1978, S. 228]

Dienstag, 14.08.2007

TV-Hinweis

WESTERNWOCHE IM WDR: Dienstag 14.8.2007, 22.00h: Valdez (Valdez Is Coming, USA 1970), Regie: Edwin Sherin ~+~ Dienstag 14.8.2007, 23.25h: Vierzig Wagen westwärts (The Hallelujah Trail, USA 1965), Regie: John Sturges ~+~ Donnerstag, 16.8.2007, 10.15h: Vogelfrei (Colorady Territory, 1949) Regie: Raoul Walsh ~+~ Freitag 17.8.2007, 10.00h: Colorado (Across the Wide Missouri, USA 1951), Regie: William A. Wellman ~+~ Samstag 18.8. 2007, 13.05h: Latigo (Support Your Local Gunfighter, USA 1970), Regie: Burt Kenndy ~+~ Samstag, 18.8.2007, 14.30h: Karawane westwärts (Camels West/Southwest Passage, USA 1954), Regie: Ray Nazarro ~+~ Dienstag, 21.8.2007, 00.45h: …und knallten ihn nieder (Guns of Diabolo, USA 1964), Regie: Boris Sagal

Montag, 13.08.2007

NEU! DIE WICHTIGSTEN LINKS ZUR INTERNATIONALEN BERGMAN-KONTROVERSE!

* Jonathan Rosenbaum: Scenes From an Overrated Career
* Roger Ebert: Defending Ingmar Bergman
* Bertrand Tavernier: Tavernier vs. Rosenbaum
* David Bordwell: Bergman, Antonioni, and the stubborn stylists

Kurios, aber bezeichnend, dass der unscheinbar-explosive Eintrag von Ulrich Mannes („Bergmantonioni„) im Newsletter von SigiGoetz Entertainment, der diesen Schlagabtausch am 4.8. eingeleitet hat, von allen Beteiligten verschwiegen wird.

[Weitgehend via DVDbiblog]

6/100

Die Geschichte vom Filmkritiker, der Ende der vierziger Jahre den Einfall hatte, eine Reihe von Filmen mit dem schönen Wort „Festival“ zu verbinden und in einem Pariser Kino in wenigen Tagen hintereinander zu zeigen, womit er ein Ritual begründete, das in anderen Ländern gern kopiert und in Deutschland mit dem weniger schönen Wort „Retrospektive“ fehlübersetzt wurde.

Mittwoch, 08.08.2007

Transformers (Michael Bay) USA 2007

Transformers empfiehlt sich nicht nur durch seine schiere Krudheit, weil Jon Voight Donald Rumsfeld auf Augenhöhe spielt und weil es sich um den fraglos teuersten B-Film aller Zeiten handelt. Michael Bay-Filme sind zuverlässig die gröbsten ihres Segments und geben allein schon darin Aufschluss über den Stand der Dinge: hier spricht eine neue Maschine. Zugegeben, die ersten hundertzehn Minuten sind immer dann zäh, wenn das passiert, was die Kritik in der Regel vermisst: Erzählbemühungen (sie reichen nicht mal für eine ideologiekritische Lektüre). In den letzten dreißig Minuten kann davon ohnehin keine Rede mehr sein; selten sind die Menschen derart aus einem Spielfilm ausgeschlossen worden. Arbeitshypothese: Im Rüpel Bay ist der krude 80er Jahre de Palma reinkarniert (kürzlich Scarface wiedergesehen: elegant würde ich das nicht nennen). Dass dabei abwegige Spielzeuge und nicht mehr Hitchcock-Motive im Zentrum der Referenzen stehen, stört mich nicht, zumal wenn das Surround-Sounddesign derart abgeht. Im erfreulich asemantischen Finalkampf erreicht das Bewegungsbild phasenweise für Minuten eine ästhetisch neue Abstraktheit, weil die CGI-Textur die fotorealistische Mimikry aufgibt. Wäre Manovich nicht der Hochstapler, der er ist, würde er hier zitiert werden müssen: digitales Mottenlicht.

Dienstag, 07.08.2007

Hou Hsiao-Hsien, Taiwan Cinema (10.-26.8.2007)

Im Babylon Berlin (Mitte)
Filme | Termine
Werkstattgespräch mit Hou Hsiao-Hsien [Revolver-Live (16)] am Freitag, 10.8.07 um 22:00

Samstag, 04.08.2007

Sopranos

* Geoffrey O’Brien: A Northern New Jersey of the Mind


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