Filme der Fünfziger LI: Das doppelte Lottchen (1950; R: Josef von Baky)
Es war die Zeit der bedeutungsschweren, tiefernsten Filme, es war die Zeit von Epilog ( 1950; Regie: Helmut Käutner), Der fallende Stern (1950; Regie: Harald Braun) und Es kommt ein Tag (1950; Regie: Rudolf Jugert). Das waren bemerkenswerte Arbeiten, aber sie ließen ihr Publikum mit bleischwerem Gemüt und dunkel grundierten Fragestellungen zurück. Und das Leben war doch schon schwer genug. Von der Suche nach den einfachen Antworten und eingängigen Geschichten profitierte unter anderem das Schwarzwaldmädel (1950; Regie: Hans Deppe); auch zu den Revuen von Geza von Cziffra konnte man flüchten, spürte allerdings unter dem Pomp und Aufwand immer eine Art kleinbürgerlichen Luxusersatz. Das Publikum trank Kaffeeersatz zum Frühstück, strich Kunsthonig statt Bienenhonig aufs Brot, und jetzt dasselbe auch noch im Kino. Oder eben Schwarzbrot.
„Eine Oase in der Wüste des deutschen Films“ nannte der Dichter Martin Beheim-Schwarzbach Das doppelte Lottchen; er sah den Film 1950 auf der Pen-Tagung in Wiesbaden, auf der sich auch Drehbuchautoren mit der deutschen Pen-Sektion trafen. Das Glück der Oase hielt nicht lange vor; Günter Weisenborn wütete wahrscheinlich völlig zu Recht, aber nicht sehr geschickt gegen die bundesdeutsche Filmindustrie. Auf die Frage: „Wo steht der deutsche Film“, antwortete Weisenborn: „Auf der Hintertreppe, dort, wo sie am schmutzigsten ist.“ Erich Kästner unterschied in feiner Stichelei zwischen den Dichtern (also sich und seinen Pen-Kollegen) und den (Drehbuch)-Autoren („Das Drehbuchschreiben kann man in drei Wochen erlernen“), was den Drehbuchautor Wolf Neumeister zu einer beleidigten Replik veranlasste.
War Das doppelte Lottchen nicht ein Kinderfilm? Ja, zwei Kinder – die Zwillinge Isa und Jutta Günther – spielten die Hauptrollen, aber die verhandelten und gelösten Probleme kannten die Erwachsenen sehr genau. Ungewollte Trennung der Familienmitglieder, individuelle statt gemeinsame Lebenserfahrungen, schlimmstenfalls Fremdheit gegenüber dem einstigen Partner, Kind oder Vater. Bei aller Hoffnung, die Sicherheit des Familienverbundes oder wenigstens stabile Verhältnisse
wiederherzustellen, schwang auch immer die bange Frage mit, ob es denn nochmal gelingen oder nicht doch im Scheitern desaströs enden könnte. Doch da gab es Erich Kästner, der im Film leibhaftig als Lenker und Kommentator präsent ist; mit seiner in milder Ironie gefärbten Sprache dimmt er alle Probleme auf eine lösbare, ja federleichte Ebene herunter. Herzschmerz und echte Tränen gehören als emotionales Brausen in sein Poesiealbum, Hürden müssen genommen werden, damit die Geschichte verdientermaßen in das märchenhafte Glück der wiederhergestellten Unschuld mündet.
Und alle – mit Ausnahme der Dichter der deutschen Pen-Sektion – wollten wieder unschuldig und wunschlos glücklich sein. So wurde Das doppelte Lottchen ein Erwachsenen- und Familienfilm und ein riesiger Erfolg.

Küche in München
Lotte und Luise sind Zwillinge, die eine brav, die andere frech; sie sehen sich das erste Mal in einem Ferienheim für Kinder in Seebühl am Bühlsee. Beide sind zutiefst erschrocken. „Sie hat Angst, die Neue mit den Zöpfen“, spricht Kästner im Off. „Man steht einander nicht alle Tage gegenüber als sehe man in den Spiegel. Was wird daraus werden?“ Die beiden entdecken, dass sie nicht nur am selben Tag geboren sind, sondern auch die gleichen Eltern haben. Lotte lebt mit ihrer Mutter (Antje Weisgerber) in München, Luise mit ihrem Vater, dem Kapellmeister und
Komponisten Palfi (Peter Mosbacher) in Wien. Nein, die Mutter hat keinen neuen Freund, der Vater keine neue Freundin. Lotte weiß es genau: “Mutti sagt immer, sie hat mich und ihre Arbeit, sonst will sie nichts vom Leben.“ Beide beschließen, ihre Identitäten zu tauschen. Lotte fährt als Luise nach Wien, Luise als Lotte nach München. Dafür schreiben sie sich auf, welche Wege und welche Aufgaben sie täglich bewältigen. Luise hat

Küche in Wien
es schwerer als Lotte, denn sie muss nun jeden Tag für ihre Mutter das Essen vorbereiten. Das gelingt nicht gleich. “Entschlossenheit genügt vielleicht, um vom Rathausturm zu springen, aber nicht, um Nudeln mit Rindfleisch zu kochen. Es ist nicht leicht, seine eigene Schwester zu sein“, kommentiert Kästner. Die Mutter bringt
abends noch Arbeit mit nach Hause, der Vater dirigiert abends, tagsüber komponiert er in seinem Atelier. Er lädt seine Tochter zu einer Opernvorstellung von „Hänsel und Gretel“ ein; Lotte sitzt im besten Kleid und dicker Haarschleife in der Loge und winkt ihrem Vater zu; eine junge hübsche Frau (Senta Wengraf als Irene Gerlach) setzt sich zu ihr und grüßt den Vater mit einer verstohlenen Geste. Eine Heimlichkeit. In der Nacht träumt Lotte von der Oper; Irene Gerlach wird zur Hexe, der Vater

Die Stiefmutter-Hexe (Senta Wengraf)
trennt das Bett der Zwillinge mit einer riesigen Säge.
Im München wundert sich die Mutter über die zunehmende Frechheit ihrer Tochter. „Als berufstätige Frau weiß man zu wenig von seinem Kind“, erklärt sie der Direktorin der Schule und verteidigt tapfer ihre Tochter. Am Wochenende geht sie mit Luise in den Bergen wandern. Bergwelt, Schafe, Almhütte, Blicke ins Tal. Und natürlich immer schönes Wetter. „Ach, Mutti!“
In Wien rücken Frau Gerlach und Herr Palfi immer näher zusammen. Lotte besucht ihren Vater in seinem Atelier; Irene Gerlach steht am Klavier – darauf ein Cognacglas -, Palfi komponiert. Lotte serviert Kaffee und stört mit betonter Harmlosigkeit das Tête-à-Tête. Palfi erklärt seiner Tochter,

Rendezvous am Klavier mit Cognac (Peter Mosbacher und Senta Wengraf)
dass Irene und er heiraten wollen. „Nein!“ antwortet die Tochter mit Tränen in den Augen. Und sie geht zu Irene Gerlach, um ihr die Heirat zu verbieten. Das raffinierte Biest.
Weil das nicht nutzt, wird Lotte krank. „Nervenfieber“, konstatiert der Hofrat. Palfi wacht die Nacht über an ihrem Bett, ignoriert Telefonanrufe von Irene Gerlach.
In München gibt der Bildredakteur einer Illustrierten seiner Mitarbeiterin – so erfahren wir jetzt, was für einen Beruf die Mutter hat – ein Foto der Zwillinge, das in Seebühl am Bühlsee aufgenommen wurde. Die Mutter entdeckt die Charade, fährt mit Luise nach Wien. „Die Zeit vergeht; sie weiß es nicht besser.“ (Kästner). Zu ihrem Geburtstag wünschen sich die Zwillinge, dass die Eltern wieder zusammenkommen. Und so geschieht es. Die Mutter: „Ich hätte nie geglaubt, dass man Glück nachholen kann wie eine versäumte Schulstunde.“ Eheglück, Mutterglück, Kinderseligkeit – und das nach sieben Jahren. Wer’s glaubt, wird selig.
Produzent Günther Stapenhorst hatte schon als Produktionsleiter bei der Ufa mit Kästner bei der ersten Verfilmung von Emil und die Detektive (1931; R: Gerhard Lamprecht) zusammengearbeitet. Regisseur Josef von Baky kannte Kästner, damals unter dem Pseudonym Berthold Bürger, durch seine Arbeit an dem Ufa-Jubiläumsfilm Münchhausen (1943). Für Baky schrieb Kästner bereits 1943 ein Drehbuch zu „Das doppelte Lottchen“; daraus wurde nichts, denn nach Münchhausen erhielt Kästner wieder Schreibverbot. „Das doppelte Lottchen“ veröffentlichte er 1949 als Roman und schrieb 1950 für Stapenhorst das Drehbuch. Kästner prägt den Film durch seine Überleitungen und seine Kommentare. Er verknüpft geschickt die Parallelhandlungen, schildert ironisch innere Befindlichkeiten wie etwa die Nöte der kochunkundigen Luise und konstruiert nebenbei verbale Cliffhanger: „Was wird das wohl werden?“ oder spielt mit Erfahrungen der Nachkriegsgeneration: „Vom Waffenstillstand
bis zum Frieden ist ein weiter Weg – auch bei Kindern.“ Kästners Tonfall prägt den Film, Josef von Bakys Regie ist fast nicht spürbar. Baky ist ein unsichtbarer Meister der Verzauberung. Luise sitzt, als sie als Lotte zu ihrer Mutter gefahren ist, mutterseelenallein auf dem Bahnsteig, ein eindringliches Bild der Verlassenheit, als sei es aus einem bitteren Heimkehrerfilm. Aber da kommt schon die Mutter, und alles wird gut.
Romy Schneider wünschte sich Baky als Regisseur für Robinson soll nicht sterben (1955); nur unter dieser Bedingung mochte sie das zweite Mal Sissy spielen. Thomas Koebner schrieb zum 100. Geburtstag von Baky eine Hommage unter dem Titel „Der Traum von Versöhnung“.
Das doppelte Lottchen erhielt 1951 den ersten Bundesfilmpreis für den besten Spielfilm und belegte den dritten Platz unter den erfolgreichsten Filmen der Saison 1950/1951.
Er wurde als deutscher Beitrag 1951 für die Filmfestspiele in Venedig nominiert und ging dort neben Titeln wie Rashomon (Japan 1950; R: Akira Kurosawa) und A Streetcar named Desire (USA 1951; R: Elia Kazan) hoffnungslos unter.
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Mit dem Tag der Währungsreform am 20. Juni 1948 waren die immer leeren Geschäfte in den drei westlichen Zonen wieder voll mit Waren. Der Schwarzmarkt brach zusammen, jetzt konnte man alles mit der neuen D-Mark kaufen. Im Dreiländer-Eck bei Aachen, an der Grenze zu den Niederlanden und zu Belgien, blühten jedoch weiterhin Schmuggel und Schwarzmarkt. Auf Kaffee erhob das vereinigte Wirtschaftsgebiet der westlichen Zonen – die Bundesrepublik war noch nicht gegründet – hohe Steuern; in den angrenzenden Ländern war der Kaffee günstiger. Kinderbanden wurden für den Schmuggel eingesetzt, weil Kinder noch nicht strafmündig waren. Hunderte von Minderjährigen beteiligten sich an den lukrativen Aktionen und ernährten damit auch ihre Familien. Die Polizei war dieser Übermacht an Kindern nicht gewachsen; erst als die Kaffeesteuer Anfang der 50er Jahre gesenkt wurde, ließ der Schmuggel nach.











Das Publikum der frühen Bundesrepublik war neugierig auf Nachrichten, neugierig auf die große Welt und auf Sensationen aus der großen Welt. Dies alles boten die Illustrierten; Funkzeitschriften waren der Leitfaden durch den Dschungel der Radiosendungen. 1954, das Fernsehen war noch in seinen Anfängen, hatten die vierzehn größten Illustrierten und sechs größten Funkzeitschriften zusammen eine wöchentliche Auflage von rund 11 Millionen Exemplaren. Damit ihre Leser nicht zur Konkurrenz wechselten, publizierte jede Wochenzeitschrift einen Fortsetzungsroman oder eine Serie mit einem aufregenden Sachthema oder beides zusammen. Im Januar 1954 begann die „Neue Illustrierte“ mit dem Abdruck des Romans „08/15“ des Filmkritikers und Romanautors Hans Helmut Kirst und konnte damit ihre Auflage beträchtlich steigern. Der Roman löste Kontroversen aus, die unter anderem der damalige Minister für Sonderaufgaben Franz-Josef Strauß initiierte. Er sprach von dem Buch als einem „wehrzersetzenden Pamphlet“ und von Kirst als einem Soldaten, den man in den letzten Tagen des Weltkriegs buchstäblich überwachen musste, damit er nicht “zu sinnlosem Widerstand gegen die anrückenden Amerikaner aufputsche.“ Die Bundesregierung fürchtete um die Akzeptanz ihrer noch geheimen Pläne zur Wiederaufrüstung und forderte die Buchhändler auf, den Ende März 1954 in Buchform erschienen Roman zu boykottieren. Je mehr die Politik gegen das Buch und den Fortsetzungsroman polemisierte, um so besser verkauften sich Buch und Illustrierte. Im Mai betrug die Buchauflage bereits 120.000 Exemplare. Die Divina, die Produktionsfirma des Gloria-Filmverleihs, der eigentlich auf sonnige Heimatfilme und gemütvolle Romanzen abonniert war, hatte sich die Rechte gesichert, mietete die alten Ateliers von Arno Breker in Baldham für die Filmaufnahmen und zeigte sich ungewohnt risikofreudig. Regisseur Paul May wollte den Film vor allem mit unbekannten Schauspielern besetzen, „weil ein Gefreiter oder Kanonier für Millionen Gefreite oder Kanoniere zu stehen hatte, was mit Filmstars unmöglich gewesen wäre.“ Elf Schauspieler und Schauspielerinnen debütierten im Kino, darunter Mario Adorf, Paul Bösiger, Peter Carsten, Wolfgang Wahl und Joachim Fuchsberger. Für die Frauen sollte der Film „eine Mitteilungsform über die damalige Zeit sein“. Nach den pathetischen Erzählungen der Männer von prachtvoller Kameradschaft oder ihren Klagen über sinnlosen Drill, die den Frauen schon aus den Ohren rauskamen, wollte May im Nachhinein in einer Inszenierung „mit dokumentarischem Charakter“ den Wahrheitsbeweis antreten. Das wurde jetzt mal für eine Saison zur Aufgabe des Kinos erklärt.






























„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – so hatte es das Grundgesetz 1949 festgelegt. Bis zum 31. März 1953 sollten die entsprechenden Ausführungsgesetze verabschiedet werden. Doch erst im Mai 1957 diskutierten die Abgeordneten im Bundestag einen neuen Gesetzentwurf; dabei ging es unter anderem um die Frage, ob der Ehemann bei abweichender Meinung seiner Frau für die Familie eine abschließende Entscheidung treffen dürfe wie es der Paragraf 1354 festlegte. Mit 186 zu 172 Stimmen entschied der Bundestag gegen den sogenannten „Stichentscheid“. Die Legende erzählt, dass die CDU-Abgeordnete Ingeborg Geisendörfer ihren Mann fragte, wie sie sich entscheiden solle. Dieser habe sich energisch gegen den § 1354 gewandt. Daraufhin habe Frau Geisendörfer ihr Votum gegenüber ihren Kollegen so begründet: „Ich beuge mich dem Stichentscheid meines Mannes und stimme gegen den Stichentscheid.“ Wieviel Zweifel und Probleme mögen die arme Frau gequält haben? In dieser gesellschaftspolitischen Stimmung produzierte die Bavaria den Film „Vater unser bestes Stück“ nach einem Roman von Hans Nicklisch, der mit einer Auflage von 730.000 Exemplaren ein echter Bestseller war.

