Sonntag, 18.06.2006

Rolle vorwärts (Ils travaillent le pantalon)

Die hier von mir vorläufig so benannte „alberne Phase“ Godards ist glaube ich in der Godard-Hagiographie unterrepräsentiert. Aus der Erinnerung würde ich folgende Periodisierung vorschlagen: Ab ca. Nr. 118 in der Filmographie-Bibliographie-Discographie Chronologique, die im Katalog des Centre Pompidou abgedruckt ist (= „Meeting W.A.“) bis Nr. 142 (= der letzte der insgesamt 17 Werbeclips für CLOSED, die Jeans-Marke von Marithé und Francois Girbaud). Auf die Zeitachse umgeschlagen hieße das: von 1986 bis 1988. Ein paar unschlagbare Albernheits-Highlights: Wie JLG als Fürst Myschkin eine Hechtrolle vorwärts durch das Beifahrerfenster in den gelben Ferrari hineinmacht („Soigne ta droite“). Wie er im gleichen Film mit den gestapelten Filmdosen auf dem Arm auf der Gangway des Flugzeugs angerempelt wird. Der skurrile Kabel-Helm, den er in der Rolle des Narrs in „King Lear“ trägt. In „King Lear“ auch seine Stimme aus dem Off, für die er sich (hab ich mir das ausgedacht oder irgendwo gelesen?) Ping-Pong-Bälle in den Mund gesteckt hat. Die so erprobte und offenbar zufrieden stellende Technik scheint er auch in meinem Lieblings-CLOSED-Spot in Anschlag gebracht zu haben, der gemeinsam mit „On s’est tous défilé“, dem oben erwähnten Film mit und über Woody Allen, „Lettre à Freddy Buache“ (1982) und „Métamorphojean“ (1990; nochmals Clips für M + F Girbaud) auf der Katalog-DVD enthalten ist.

Hier eine sicher nicht exakte Transkription des Off-Kommentars: „En général, les gens sont travailleurs en pantalon. Eux, c’est spécial: Ils travaillent le pantalon. Ils travaillent le pantalon. Pratiques américains, pantalons pratiques américains. Husch Husch Ui Husch Husch Hui“ (Die letzten Laute sind aus der simulierten Perspektive des übergebügelten und ob der Hitze aufjaulenden Jeans-Trägers gesprochen). Im Nouvel Obs no 1206, 12-24 Dezember 1987, kurz vor dem Kinostart von „Soigne ta droite“ ist ein Text unter dem Titel „ABCD…JLG“ erschienen, in dem Godard zum Stichwort „BURLESQUE“ sagt: „Das ist ein Genre, das ich immer geliebt habe. Einer der größten zeitgenössischen Künstler ist Jerry Lewis. Seine letzten Filme sind kaum bemerkt worden. In seinem Land wurde er immer verkannt. Das Fernsehen dagegen ist nicht sehr komisch. Das hat nicht den Sinn für Humor wie ihn Swift, Brecht, die Surrealisten oder Coluche hatten.“ (im Katalog S. 328) Coluche kannte ich gar nicht, aber man findet mit zwei, drei Clicks schöne Zitate von ihm: „De tous ceux qui n’ont rien à dire, les plus agréables sont ceux qui se taisent.“

Freitag, 16.06.2006

Mach dich grade, stolze Elfenbeinküste!

Nina Schwabe ist: Nina.
Ein Film wie ein Strich – das tröstet.

Klaus Lemke, „Träum weiter, Julia“ (GER 2004), ARD, 00.20h

PS: Das Technicolor der schweissnassen Puma-Trikots (vorhin CIV, jetzt ANG[1]) lässt uns hier alle sprachlos. Bitten um Verständnis.
[1] Länderabkürzungen courtesy Wörterberg

Montag, 05.06.2006

Über Scheiße

Natur, die durch uns hindurchgeht, uns von innen her betrachtet und anschließend als mehr oder weniger verdichtetes Stoffwechselprodukt verlässt, ist faktisch eher selten in Filmen anzutreffen. Nachdem man sechshundertfünfzig Jahre lang Hügel nur im Gedenken Petrarcas erklomm, um im Angesicht der Natur als Landschaft Gedichte und Reiseberichte zu verfassen, konnte man bass erstaunt sein, als Ende der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein junger Mann in IM LAUFE DER ZEIT in einer Landschaftstotalen einen Hügel bestieg, die Hosen runterließ und für alle sichtbar dort hinschiss. Im Gegenlicht der Abendsonne entwich die Scheiße dem Körper eindeutig identifizierbar. … to find I’m king of the hill, head of the list, cream of the crop at the top of the heap (New York, New York) oder … an groten dutt schieten, wie es bei uns zu Hause hieß und meine Großmutter diesen Vorgang höchstwahrscheinlich beschrieben hätte. Viel stärker tabuisiert als Nacktheit und geschlechtlicher Verkehr handelt es sich hier um ein wohl heute noch atemberaubendes Ereignis, das im Zusammenhang des Films als ganz unschuldiger Anschluss an und Einordnung in Naturabläufe gemeint war.

In einer gewagten Analogie kann man vielleicht so weit gehen, den Schließmuskel, der diesen Vorgang kontrolliert und einen kontinuierlichen Fluss unterbricht, als die Flügelblende menschlichen Daseins zu betrachten. Beim Scheißen hält das Leben kurzzeitig inne – wie etwa beim Schwarz zwischen den Bildern. Dem Mythos der Kinematographie zufolge soll dabei ja irre viel passieren. Beiden Vorgängen ist gemeinsam, dass Vorher und Nachher gesellschaftlich determiniert sind, die Sache selbst sich aber jeder Kontrolle entzieht, zum einen im Dunklen bzw. in der westlichen Kultur zum anderen einsam vonstatten geht. Vor dem Muskel allerdings hat sich die Gesellschaft niedergelassen, die ihm den Auftrag der Zerstückelung diktiert. In der Art der Travestie spricht DER DISKRETE CHARME DER BOURGEOISIE von diesem Akt. Und in WEEKEND ist der sexuellen Besetzung dieses Unterbrechungsapparates die obszöne Beichte des Mädchens in BH und Höschen gleich am Anfang gewidmet. Analverkehr, damals wahrscheinlich noch unter pervers geführt, heute als sexuelle Praxis verbreitet und anerkannt – selbst SEX IN THE CITY widmete ihm eine Folge – und damit dem Stigma der Entartung entronnen, deutet hin auf den Wunsch nach Teilhabe an der Scheiße des anderen, auf das, womit er nichts anfangen kann, von dem er sich trennen und Abstand gewinnen möchte*. So ist die in BROKEBACK MOUNTAIN praktizierte Analpenetration – so der ingenieurtechnische Ausdruck für Arschfickerei** – auch als mehr denn als mechanisch naheliegende Notlösung zu verstehen. Es handelt sich nicht um zur Tugend gewandelte Notdurft, sondern die Sache hat ihren eigenen Sinn – Eigensinn eben. Die Leidenschaft der Cowboys zueinander entzündet sich im gegenseitigen Erzählen ihrer Jugendtraumata. Und da es sich in beiden Fällen um unüberwindbar erscheinende Geschichten von aggressiven Vätern handelt, die ihren Söhnen keinen Platz einräumen wollen, fallen diese Erzählungen jeweils auf fruchtbaren Boden, sie werden verstanden. Hier wird ein Anschluss hergestellt zur Scheiße des Gegenübers und Müll aufbereitet im Beisein eines Vertrauten – ein Vorgang, der ihnen im Hinblick auf ihre jeweiligen Ehefrauen verwehrt ist.

Der Film legt durch drei Rückblenden auf einer dem Übrigen enthobenen Ebene nahe, dass eine repressive Gesellschaft dem Glück der beiden letztlich im Wege steht. Wie in SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD ist das Jugendtrauma in der Slow Motion Rückschau der zentrale Angelpunkt, wenn hier auch der Vaterbezug konträr besetzt ist. Diese Flash-Backs haften dem Film allerdings an wie Zugeständnisse an die Konvention politischer Korrektheit, letztlich überflüssig, denn im Parterre der Erzählung passiert etwas anderes. Das Zögern und letztlich die Weigerung von Ennis, seiner Liebe ein reales Leben zu geben, scheint nicht nur der Angst vor gesellschaftlicher Vernichtung zu gehorchen, sondern auch der Ahnung, dass der nicht viel Interesse an der Auflösung und Entsorgung von Scheiße haben kann, der seine Liebe auf die Trauer und Melancholie ihrer Unüberwindbarkeit begründet. Beide brauchen einander, um die Vergangenheit auszuhalten. Ist die einmal abgearbeitet, hätte ihre Verbindung keinen Gegenstand mehr, wäre nicht inzwischen ein tragfähiges Zukunftsprojekt formuliert. Selbst Jacks Unterfangen, das er vor seinem Freund im Geheimen betreibt, die Farm seines Vaters gemeinsam mit Ennis zu übernehmen, wäre nur einer Einrichtung im Status quo der verletzten Kinderseele gleichgekommen, einer Terra incognita, Betreten verboten und jedweder Entwicklung unhold.

Wenn John Travolta in PULP FICTION auf dem Klo sitzend erschossen wird, dann ist das sicher keinem Verismus geschuldet, sondern als Parodie zu verstehen auf die Leugnung des Tatbestandes, dass das Verzehren von Natur mit Abfall verbunden ist, und zwar in jeder Form. Scheiße zu thematisieren hieß einmal, gegen die Aufrechterhaltung des Warencharakters von Film und Filmfiguren zu arbeiten, die in der Konvention stets als geschlossene Entitäten daherkommen. (So habe ich als Kind z.B. aufgehört zu beten, als ich mir klarmachte, das Robert Wagner als AL MUNDY so einen Quatsch bestimmt nicht machen würde.) Dustin Hoffman durfte sich in MIDNIGHT COWBOYS noch kurz vor seinem Tod in die Hose scheißen, um seinen völligen Verliererstatus zu unterstreichen. Das Warenkritische daran dürfte sich inzwischen allerdings selbst verzehrt haben.

Zur Beugung:
im Netz hängen – diverse
in der Tinte sitzen – diverse
in der Scheiße sitzen – DIE 120 TAGE VON SODOM
Scheiße fressen – PINK FLAMINGO

* Die rein technokratische Ebene von Formen der Potenzierung von Lustgewinn wird hier nicht diskutiert.
**Wie bei allen sexuellen Begrifflichkeiten gibt es nie einen mit angemessenem Ton

Sonntag, 04.06.2006

Good on so many levels

[…] natürlich haben 26 WestWingFolgen keine ganze Woche vorgehalten: zwischen 1 & 2 eine Folge zum Tagesabschluss, und immer wurde es schnell 5.

– zu Allererst & Allerletzt immer wieder Erstaunen über dieses Strukturprinzip, die Intrige zugunsten der Integrität konsequent zu eliminieren, ganz banal die Verwunderung über mich selbst, diesen Entwürfen guter Menschen mich anzubinden, trotz o. wegen der ziemlich singulären Charakter & Sprechweisengruppierung, die das Sagbare weniger den einzelnen Personen zuweist, als immer auf eine Raum-Personen-Anordnung ausrichtet (vielleicht auch als gegen den auratischen Realismus z.B. der Sopranos gerichtetes Projekt: die Sprechgeschwindigkeiten, das permanente eloquente Stocken, das „Go away“ für Sam, das „Okay“ von Danny, Charlie, Toby, der diskrete Diskurs darüber, über die Zeichen, Signale, mitunter fast nervig klug).
– die Umstülpung des räumlich-arkanen der Politik, der „ummauerten Leere jeder sanktionierten Gewalt“ (die kurzen Wege, die missing links: eine Karte des WH könnte ich nach der Serie nicht zeichnen, aber alle Türen öffnen sich, und das Oval Office ist nur ein Zimmer hinter, unter anderen; das Spiel damit: die unendliche Verführungskraft der Nachbartür für die Gäste.)
– im Gegenzug die Ausgesetztheit des Staff in der Konfrontation mit dem Außen, die Umschlagsmomente zwischen Unsicherheit & Souveränität, Neurose & Virtuosität, die latente Unbeherrschbarkeit der Bewegungen – sowieso: das Prinzip des (körperlichen) Lapsus, des Aussetzers
– der modifizierte Familialismus einer Politik der Freundschaft
– die Geste
– C.J.
– etc.

[aus einer E-Mail von Daniel Eschkötter (filmtext.com)].

Donnerstag, 01.06.2006

Way Beyond!

URC (Universal Remote Control)

Mittwoch, 31.05.2006

Vegas! (Evidence Marker)


You wondering why you’re here?
Because you followed the evidence.

CSI, 5.24 „Grave Danger“ (dir. Q. Tarantino; transcript), Vox, 21.10h

Donnerstag, 18.05.2006

Cannes!

Guy Le Querrec / Magnum Photos / 1980
[via Slate, via GreenCine]

Dienstag, 16.05.2006

Ja gut, wird sich zeigen

Noch 24 Tage; die ARD ist schon in Hochform. Frühform sozusagen. Gerade hat die deutsche Nationalmannschaft den Verbandsligisten FSV Luckenwalde besiegt. Siebenzunull, lese ich im Videotext. Man spielte sinnigerweise nur zweimal dreißig Minuten. Dann abschließende Feierlichkeiten, die ahnen lassen, was auf uns, die wir dann doch wieder sämtliche WM-Spiele, Vor- und Nachberichte gewissenhaft verfolgen werden, zukommt. Überschrift der Sendung: Die Deutschen werden ins Trainingslager nach Sardinien verabschiedet; „fern der Heimat“, wie Monika Lierhaus nur halb ironisch anmerkt. Dann treten die bedauernswerten Sugababes auf und leiern offen konsterniert ihr Mädchen-Playback in das seltsam leer wirkende Provinzstadion. Die ARD hat außerdem einige hundert Schornsteinfeger auf dem Rasen versammelt. Glücksbringer. Günther Oettinger hat offenbar nichts Besseres zu tun und überreicht schwäbelnd Glückspfennige. Zwischendurch Gerüchteküche aus dem örtlichen Krankenhaus. Der zarte Phillip Lahm ist während des Spiels ungünstig auf den Ellbogen gefallen. Der greise Ottmar Walter sagt: „Zum Spiel der deutschen Mannschaft ist nicht allzuviel zu sagen“. Michael Antwerpes insistiert. Die im Spalier sich aufgestellt habenden Schornsteinfeger schwenken irgendwie demotiviert Deutschland-Fahnen. Dann wieder Walter, abgeklärt Antwerpes belehrend: „Was heißt schon Schlüsselspieler?“ Dann läuft die Nationalmannschaft noch mal ins Stadion ein und klatscht die Schornsteinfeger ab. Vom Band läuft Unfrisches von Robbie Williams. Torsten Frings schaut besonders grimmig; als hätte man ihm untersagt, seinen Hummer vor dem Stadion zu parken. In einem Artikel wurde das Auto des wortkargen Frings einmal „Panzerschrank auf Rädern“ genannt. Die Regie versucht durch eine halbherzig den Rhythmus des Songs aufgreifende Montage Aufbruchstimmung zu evozieren. André Heller ante portas. Dann Klinsmann, der viel zu nah vor dem reflektierenden Schlagzeug der schon lange wieder abgereisten Sugababes kadriert wird: „Ja gut, der Phillip ist auf seinen Ellbogen gefallen, bei dem Sturz, den er sich selber zugezogen hat.“ Michael Antwerpes faselt von frisch geduschten Männerkörpern und versucht Schweinsteiger in einen optimistischen Dialog zu verstricken. Der will aber erkennbar nur wieder zurück an seine Playstation und jedenfalls nicht mit Antwerpes über Männerkörper sprechen. Ballack sagt, bei Chelsea sei es „ganz nett“ gewesen. Wie wird die WM? „Ja gut, wird sich zeigen“. Was das mit Godard zu tun hat? Ja gut, rein gar nichts.

Samstag, 13.05.2006

Penser le musée en termes de cinéma

Wir schicken nächste Woche einen Korrespondenten nach Paris, um ein bisschen Licht in die Godardsache zu bringen. Immerhin soviel scheint festzustehen: Die Ausstellung ist vorgestern eröffnet worden, man kann in Le Monde und an ein paar anderen Stellen dies und das, wenig Konkretes weiterhin, darüber erfahren. „L’impression qui se dégage de cette exposition est celle d’un chantier. Il règle ainsi à la fois ses comptes avec le cinéma actuel et avec les modes de fonctionnement et les blocages d’un grand musée.“ Die 1200 Quadratmeter, von denen superlativisch immer wieder gesprochen wird, sind offenbar in drei Bereiche aufgeteilt: „Vorgestern“, „Gestern“, „Heute“, am Eingang steht ein Schild, dass das Centre Pompidou das Ausstellungsprojekt „Collage(s) de Frances“ aufgrund von künstlerischen Schwierigkeiten durch die jetzige Ausstellung „Voyage(s) en utopie“ ersetzt habe. Vor dem Wort „Schwierigkeiten“ scheinen auch die Adjektive „finanziell“ und „technisch“ zu erkennen zu sein, allerdings durchgestrichen.

Es ist ein Buch erschienen, das ich mir erschlagend in seiner Fülle vorstelle. Massig Dokumente: Skizzen, Drehbuchentwürfe, Collagen etc. Dazu Beiträge von Manfred Eicher, Augustin Gimel, Philippe Grandrieux, Monte Hellman, Ange Leccia, Macha Méril, Jackie Raynal, Carole Roussopoulos, Rob Tregenza, Peter Tscherkassky, Hanns Zischler und vielen anderen. Eine DVD mit drei Godardfilmen ist dem Buch beigelegt, auf einen davon freue ich mich sehr: „Lettre à Freddy Buache“. Welches die anderen beiden Filme sind, habe ich nicht rausgefunden. Meine Wunschkandidaten wären: „Puissance de la parole“ und „On s’est tous défilé“.

Freitag, 12.05.2006

* Celine Scemama > La „partition“ des Histoire(s) du cinéma de Jean-Luc Godard
„L’ambition de la « partition » dont vous trouverez les liens ci-dessous est d’offrir le tableau le plus complet possible sans être une simple énumération ni une indexation de références. Ce tableau tente au contraire de s’approcher du mode d’apparition ou de substitutions, de superpositions ou de retentissement vertical des éclats et des constellations du film.“
[via FraFuchs-Furl – vielen Dank!]


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