Freitag, 23.12.2022

Vierundzwanzig (23)


The King of Kings (1927 Cecil B. DeMille)

Zu schade, dass DeMille The Queen of Queens nicht drehen konnte, über die Affäre zwischen Judas und Salome und den Versuch der Jungfrau Maria das Leben Johannes des Täufers zu retten.

In gewisser Hinsicht ist Christopher Roth der DeMille unserer Tage. Er greift nach einem Stoff, als wäre es eines dieser kruden Kapitel aus der Bibel, über die sich die Malerei stets gefreut hat. Etwas, wovon wohl zu hören war, aber was nicht zu begreifen ist. Und da, wo fest zu rechnen wäre mit berechtigter Anklage oder bestätigter Entrüstung, da liefert Roth: Attraktion und Wunscherfüllung.
Seinen Baader haben die Berlinaleprofis vor 20 Jahren ausgebuht. Den finalen Kugelhagel, und auch den heimlichen Draht vom Terroristenboss zum obersten Gesetzeshüter, beides hielten die Kritiker nicht aus. Wie sich Gudrun Ensslin von ihrem Vater verabschiedet – „oben ohne“ vor dem Pfarrhaus – DeMille hätte es auch so gemacht.
Gemeinsam mit Jeanne Tremsal, ausgehend von ihren Erinnerungen, hat Roth nun das Kunststück vollbracht, den Skandal um Otto Mühls Kommune in ein Kinospektakel zu verwandeln – Servus Papa See You in Hell – Ein Inselfilm mit Hippies und Hühnern bis zum Horizont. Ein Gefängnisfilm im warmen Sonnenschein. The Wicker Man in Brigadoon. Ein frecher Monumentalfilm, leuchtend, in echten Gesichtern. Eine Flucht zu Pferd, wie ich noch keine sah.


Servus Papa See You in Hell (2022 Christopher Roth)

Donnerstag, 22.12.2022

Vierundzwanzig (22)


A.I. Artificial Intelligence (2001 Steven Spielberg)

Spielbergs Version von Pinocchio. So düster wie Disneys.

Come away O human child / To the waters and the wild / With a faery, hand in hand, / For the world’s more full of weeping / Than you can understand.
(William Butler Yeats: „The Stolen Child“, 1889)


Pinocchio (2022 Guillermo Del Toro)

Guillermo Del Toros Pinocchio ist Geppettos Monster, Ein Kind aus gröbstem Holz, ungeraten und doch liebend. Voller Empfindung und eben doch aus Holz. Geppeto aber sieht selber recht hölzern aus. Darin kündigt sich früh etwas Neues, sehr Schönes an, denn anders als üblich darf Pinocchio endlich mal so bleiben, wie er ist. Auch Del Toros Version der alten Geschichte taucht ein in die Finsternis. Und doch hat der mexikanische Freund der Monster eine Idee vom Glück. Pinocchio wird zuletzt endlich geliebt – obwohl aus Holz. Geliebt, obwohl er nur die fehlerhafte Imitation eines Menschen ist. So wollen wir alle geliebt sein.

When your heart is in your dream / No request is too extreme (…) Take it Herb
Ringo Starr & Herb Alpert, 1988: “When You Wish Upon a Star”, (Leigh Harline, Ned Washington)


Guillermo Del Toros Pinocchio (2022)

Auf der schönen Insel Mallorca lernten wir den 85-jährigen Robert Bradbury kennen, der in den 70er Jahren unzählige Teppiche (mit Wachsmalkreide auf Papier) malte. Die aufgerollten, hinterm Sofa gestapelten Riesenbilder wurden uns zuliebe auf dem Fußboden ausgebreitet. Wie am ersten Tag leuchteten da, neben der Blässe eines echten Teppichs, die Farben eines erfundenen. Dass ein Kätzchen, erst zögernd, dann lässig darüber lief, machte dem alten Maler Freude.
(Sepp Knarrengeier: Der Strick-Overall und das Juckpulver, in: SigiGötz-Entertainment, Herbst 2009)


Die Lebens-Uhr (1936) von Richard Teschner

Mittwoch, 21.12.2022

Vierundzwanzig (21)


Seinfeld (1989 – 1998)

Als der Antennenempfang dahinging, fotografierte ich, wie um Abschied zu nehmen, das Gerät, das nicht lange zuvor meinen alten Schwarzweißapparat ersetzt hatte. Gut zu sehen: Nicht nur die Ecken waren rund, auch alle vier Kanten waren leicht gewölbt. Es war Glas, staubiges Glas. Die Sender zeigten noch Filme. Und eine „show about nothing“.

Übermorgen, am Dreiundzwanzigsten ist Festivus.

Dienstag, 20.12.2022

Vierundzwanzig (20)


The Elephant Man (1980 David Lynch)

Kamera: Freddie Francis – – – Scorsese über ihn: “He understands the obligatory scene of a young maiden with a candle walking down a long hall towards a door.”

Gone to Earth (1950), The Tales of Hoffmann (1951), Time Without Pity (1957), Never Take Sweets From a Stranger (1960), The Innocents (1961), Nightmare (1964 Regie), The Skull (1965 Regie), Elephant Man (1980), Cape Fear (1991), Straight Story (1999).


The Entity (1982 Sidney J. Furie) mit Barbara Hershey

Das vertraute Zuhause als Ort des Schreckens.
Das Gewohnte als das Zuhause der Angst.
“This truly terrifying picture,” (Scorsese), geschrieben von Frank De Felitta, führt auf einige interessante Fährten.
The Stately Ghosts of England (1965 Frank De Felitta) ist eine dokumentarische Geisterjagd mit Margaret Rutherford.
Mississippi: A Self Portrait (1966 Frank De Felitta) + Booker’s Place: A Mississippi Story (2012 Raymond De Felitta) ist ein Double Feature von Vater und Sohn – zur Klärung einer Schuld. Das Portrait des mutigen Booker Wright, der durch sein ehrliches Sprechen in einem Dokumentarfilm, im Kampf gegen den alten Fluch: Rassismus, sein Leben riskierte und verlor.

Montag, 19.12.2022

Vierundzwanzig (19)


They Call Me Mister Tibbs! (1970 Gordon Douglas)

Das alte Problem.

Das Buch ist scheinbar eine Alternative, doch die Forschung ist noch uneinig, wie stark die Urteilskraft der Heranwachsenden beeinträchtigt wird durch Kinderbücher mit falschen Informationen. “Die UdSSR schickte schon 1988 ein Pferd ins Internet.” Es wird gelesen, es wird geglaubt.


Hommage an Max Ernst

Sonntag, 18.12.2022

Vierundzwanzig (18)


Robert et Robert (1978 Claude Lelouch)

Mutter und Sohn – – – Tisch, Teller, Topf, TV
Das Kino – – – „Es ist nur zu begreifen als eine öffentliche Anbetungsstätte des Rechtecks. In diesem Rechteck wird vor allem von einem erzählt, dem Thema ‚Mensch und Angst‘. Vom Fernsehen wird gesagt, es habe das Kino abgelöst. Es ist das Kino für den Hausgebrauch, und siehe da, die Ecken werden abgerundet.“ (Klaus Wyborny: „Neues vom Rechteck“)

Kurz nachdem Wyborny dies schreibt (1979/80), verschwinden die Rundungen, die Geräte werden eckig. Scheiben und Spulen scheinen verdrängt zu werden – durch den Siegeszug der Kassetten. Home Taping Is Killing Music.


Dressed to Kill (1980 Brian de Palma)

In den 80ern ging ich viel in die sogenannten Schachtelkinos. Deren kleine Leinwände hatten oft noch diese sinnlos abgerundeten Ecken. Es fehlten die Vorhänge. Alles war ein wenig schäbig. Aber es war mein neues Zuhause.

Gloria (1980 John Cassavetes), Gregory’s Girl (1980 Bill Forsyth), Talentprobe (1980 Peter Goedel), Monarch (1980 Stelzer & Flütsch), Sitting Ducks (1980 Henry Jaglom), The Postman Always Rings Twice (1981 Bob Rafelson), Q – The Winged Serpent (1982 Larry Cohen), Une chambre en ville (1982 Jacques Demy), Tender Mercies (1982 Bruce Beresford), E.T. (1982 Steven Spielberg), The King of Comedy (1983 Martin Scorsese), Zelig (1983 Woody Allen), Falling in Love (1984 Ulu Grosbard), After Hours (1985 Martin Scorsese), Back to the Future (1985 Robert Zemeckis), Three Amigos (1986 John Landis), Johnny Flash (1987 Werner Nekes), Raising Arizona (1987 Joel Coen), Light of Day (1987 Paul Schrader), Barfly (1987 Barbet Schroeder), Moonstruck (1987 Norman Jewison), La vie est un long fleuve tranquile (1988 Etienne Chatiliez), Midnight Run (1988 Martin Brest), Miracle Mile (1988 Steve De Jarnatt)

Die 80er rotierten um Hitchcock, in ihrer Mitte, ab 1984 wurden die zurückgehaltenen Filme mit James Stewart wieder gezeigt. Das Alte war das Neueste, tatsächlich. Auf den Parties lief, ab 1984, Robert Mitchums Calypso-Platte. Tourneurs Out of the Past kam 1985 noch mal ins Kino. Eines Nachts legte John Peel die Sons of the Pioneers auf. Mit etwas Verspätung fielen Gregory’s Girl und Clint Eastwoods Honkytonk Man vom Himmel. 1986 erklang John Zorns Morricone-Platte. Dass damals dem Kino der baldige Tod prophezeit wurde, tangierte mich nicht. Die Ansicht, dass die beste Zeit vorbei sei, ist zeitlos.

Samstag, 17.12.2022

Vierundzwanzig (17)

Mit dem völligen Verzicht auf die Farbe Rot in seinem ersten Selbstportrait brachte Dracula die Kritiker auf seine Seite. (2021)


Rio Misterioso, Parque de Atracciones, Monte Igueldo, San Sebastian

Eine Villa im Bauhaus-Stil, mit Blick auf beide Buchten von San Sebastian, trug den schmiedeeisernen Namen „Verzicht“. Da mussten wir lachen.

Freitag, 16.12.2022

Vierundzwanzig (16)


The Time Machine (1960 George Pal)

Meistens weiß ich, ob es oben oder unten, auf der linken oder der rechten Seite zu finden ist, ich weiß aber nicht, ob das Zitat, das ich suche, vorne oder hinten im Buch steht.

Als ich gerade über eine Liste meiner Lieblingsfilme in der Kindheit nachdachte, meinte ich mich genau zu erinnern, ob ich diese Filme an einem Nachmittag oder an einem Abend gesehen hatte, ich weiß aber nicht, wie alt ich da war.

Nachmittags
The Wizard of Oz (1939 Victor Fleming)
The Thief of Bagdad (1940 Michael Powell u.a.)
Gentleman Jim (1942 Raoul Walsh)
Scott of the Antarctic (1948 Charles Frend)
Brigadoon (1954 Vincente Minnelli)
Journey to the Center of the Earth (1959 Henry Levin)
The Time Machine (1960 George Pal)
Mysterious Island (1961 Cy Endfield)
Hatari! (1962 Howard Hawks)
The Flight of the Phoenix (1965 Robert Aldrich)

Raum und Licht sind dem Erinnern hilfreich. Zeitliche Reihenfolgen werden hingegen oft falsch, entlang von vermuteten Kausalitäten, umsortiert. Gedächtniskünstler bedienen sich realer Wegstrecken um das Unzusammenhängende wie Wegmarken aufzureihen. Räume lassen sich im Geiste abgehen. Die Zeit sollte das auch mit sich machen lassen, aber der Fluss ohne Wiederkehr ist nicht zu verstehen. Wo sind seine Ufer?

Stoff für Überlegungen: Warum waren die Filme am Nachmittag Abenteuer und am Abend Kammerspiele?

Arsenic and Old Lace (1944 Frank Capra)
The Gunfighter (1950 Henry King)
Dial M for Murder (1954 Alfred Hitchcock)
Twelfe Angry Men (1957 Sidney Lumet)
The Nutty Professor (1963 Jerry Lewis)
My Fair Lady (1964 George Cukor)
Wait Until Dark (1967 Terence Young)
The Party (1967 Blake Edwards)
Oscar (1967 Édouard Molinaro)
Jo (1971Jean Girault)


nachmittags

Donnerstag, 15.12.2022

Vierundzwanzig (15)


Die Jäger im Schnee (1565/2020)

„I never cared where I was, I like to know where I’m going.“
(Ray Harryhausen im Gespräch mit John Landis)

Mittwoch, 14.12.2022

Vierundzwanzig (14)

Im Mai 1952, noch vor der ersten Umfrage von Sight and Sound druckten die Cahiers du Cinema das Ergebnis einer Umfrage des Festival Mondial du film et des Beaux-Arts de Belgique. 100 Filmmacher weltweit waren um eine Liste der 10 besten Filme gebeten worden. Unter den 55, die antworteten, war auch Cecil B. DeMille.
Die Cahiers wiesen auf die Besonderheit hin, dass DeMille unter den „besten Filmen“ vier eigene nannte.

Cabiria (Giovanni Pastrone 1914)
The Birth of a Nation (D W Griffith 1915)
Ben Hur (Fred Niblo 1925)
The 10 Commandments (Cecil B. De Mille 1923)
The King of Kings (Cecil B. De Mille 1927)
The Big Parade (King Vidor 1925)
The Sign of the Cross (Cecil B. De Mille 1932)
Gone with the Wind (Victor Fleming 1939)
Going My Way (Leo McCarey 1944)
Samson and Delilah (Cecil B. De Mille 1949)

Erstaunliche sieben andere Regisseure taten immerhin einen einzelnen eigenen Film in ihre Liste:

Luis Bunuel – L’Age d’or
King Vidor – The Big Parade
Marcel L’Herbier – El Dorado
Edward Dmytryk – Give Us This Day
Claude Autant-Lara – Le Diable au corps
William Dieterle – The Life of Emile Zola
Henry Hathaway – The Lives of a Bengal Lancer

DeMille, der Star dieser belgischen Befragung, hatte übrigens belgische Vorfahren. So auch Hathaway.

Bemerkenswert in jeder Hinsicht ist Dmytryks Give Us This Day (1949). Ein wegen Hollywoods schwarzer Liste in London entstandenes New York vermittelt da eine absolut glaubwürdige Vorstellung von der Hölle. Ein realistischer Arbeiterfilm – von biblischer Brutalität. Als Dmytryk sein Meisterwerk unter die „Besten“ zählt, ist er gerade vor Hollywoods Kommunistenjagd in die Knie gegangen. Aber das Finale seines Films ist wie es ist: So grauenhaft und finster, als hätte Dario Argento einen bösen Traum nach dem Betrachten von A Corner in Wheat (1908 Griffith).

Ich bin gespannt darauf, Sight and Sound durchzublättern und nach denjenigen zu suchen, die heute noch mit ausreichend großer Unverschämtheit gesegnet sind, ihre eigenen Filme unter die Besten aller Zeiten zu zählen.

2012 nahm der eher schüchterne Les Blank Burden of Dreams (1982 Les Blank) in seine Liste. Als einziger. Womit der Film in guter Gesellschaft auf dem Platz 894 landete.

Mit dem Filmemachen habe er begonnen, nachdem er Bergmans Siebentes Siegel gesehen hatte. Es habe ihn inspiriert, erzählte Blank, dass es jemanden gab, der noch depressiver war, als er selbst.

Der von Blank mehrfach porträtierte Maestro Gaxiola erstellt in seinem Song „The Code of the Cowboy“ – ausdrücklich zum Mitschreiben – eine Liste aller Fragen des Lebens.

„When to speak softly and when to speak loud
when to be a person and when to be a crowd
(…)
When to be the wind and when to be the kite
when to turn and run and when to stay and fight
(…)
That’s the code of the cowboy.“


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