Einträge von Johannes Beringer

Montag, 04.02.2019

Alexander J. Seiler (6.8.1928 – 22.11.2018)

Mit seinem Film Siamo Italiani (1964) stand Alexander J. Seiler ganz am Beginn der schweizerischen Dokumentarfilmbewegung, die nach 1968 einsetzte und ein gutes Durchhaltevermögen aufwies. (Auch über Gründungen wie das ‚Filmkollektiv Zürich’, das von 1975 bis 2018 bestand, oder die ‚Nemo Film AG’, der Seiler sich 1971 anschloss, später etwa mit ‚Dschoint Ventschr’, Zürich.) Seiler hatte, was die frühen Filme angeht, Wert darauf gelegt, auch seine Mitstreiter – seine Frau June Kovach oder den Kameramann Rob Gnant – als gleichberechtigte Mitarbeiter zu nennen.

Ich habe ihn kennengelernt, nachdem ich 1979 Ludwig Hohl in Genf besucht hatte (Anlass war eine Sendung beim SDR, ein zweiteiliger Radio-Essay, Redaktion Helmut Heißenbüttel) – er hatte ja gerade die Dreharbeiten zu Ludwig Hohl – Ein Film in Fragmenten abgeschlossen. Ab 1987 ergab sich eine Mitarbeit bei ‚einspruch. Zeitschrift der Autoren’, die Seiler zusammen mit Bruno Schärer sechs Mal jährlich bis 1991 herausgab. Besonders anerkennenswert fand ich, dass darin auch drei Texte aus dem Nachlass des Schweizer Philosophen Hans Rütter (1915 – 1987), Schriftstellername Hans F. Geyer, aufgenommen worden sind.

Seiler ist fast sein ganzes Leben lang publizistisch und politisch / filmpolitisch tätig gewesen. Der Sammelband „Daneben geschrieben. 1958 – 2007“, erschienen 2008, vermittelt einen Eindruck dieser umfänglichen Schreibtätigkeit neben der Filmarbeit.

Für eine ausführlichere Würdigung siehe etwa die Wochenzeitung WOZ Nr. 48 vom 29.11.2018.

Montag, 17.12.2018

Filmmuseum München: ‚carte blanche à Klaus Volkmer’

Klaus Volkmer geht nach 36 Jahren beim Filmmuseum München Ende des Jahres in den Ruhestand – oder vielleicht Unruhestand? Jedenfalls wäre es schön, wenn seine filmischen Vorlieben und archivarischen Kenntnisse auch weiterhin nutzbringend eingesetzt werden könnten (in welchem Zusammenhang auch immer).
Enno Patalas hat ihn damals ins Filmmuseum geholt – ihn auch als Bundesgenossen gesehen, der dafür sorgen würde, dass die besondere Hinwendung zu Huillet & Straub, Peter Nestler, Vlado Kristl und anderen weiter gepflegt werde. So kommt es, dass jeder neue Huillet & Straub-Film freudig erwartet und in einigen Fällen mit einer Dokumentation versehen wurde – darüber hinaus eine Kopie (falls notwendig: untertitelt) für das Archiv angeschafft worden ist. Klaus Volkmers ‚Dossiers‘ sind anfänglich als hektographierte Heftchen im Format A5 (neben dem roten Programmheft) zum jeweiligen Film-Uraufführungstermin erschienen, während einiger Jahre auch als postings bei newfilmkritik.de.
Ich habe ihm den persönlichen Kontakt zu Pedro Costa zu verdanken, nachdem er angefragt hatte, ob ich nicht ‚auf die Schnelle‘ einen Text zur ‚Werkschau‘ im Filmmuseum liefern könnte. (‚Pedro Costas Schattenwelt‘ – das Dossier zeigt dann die ‚Werkschau‘ im Februar 2002 im Filmmuseum München und die im März 2002 im Arsenal Berlin an, in Costas Anwesenheit.)
Zur Berliner Aufführung von Huillet & Straubs Une visite au Louvre und Paul Cézanne im Gespräch mit Joachim Gasquet durften wir das rechtzeitig fertiggestellte Dossier unter die recht zahlreich anwesenden Leute bringen – das war eine Veranstaltung des ‚FilmSamstag‘ am 10. Juli 2004 im grossen Saal des Kino Babylon, Rosa Luxemburg-Platz in Berlin Mitte.
Danke, Klaus! (Auch für das ‚&‘ bei Huillet & Straub.)

Die carte blanche à Klaus Volkmer: 20.12.2018, 19 Uhr im Münchner Filmmuseum.

Weitere Dossiers A5 (soweit mir bekannt):
– Straub / Huillet / Vittorini („Umiliati“) – 11.-13. April 2003
– Danièle Huillet & Jean-Marie Straub – 7.-9. Januar 2011 („als Geburtstagsprogramm für J.M., 8. Januar 1933“; kürzere und längere Filme von 2003 bis 2011)

Auf newfilmkritik (lange Texte):
Freitag, 27.11.2015
 Ein Toast auf Aimé!
 Zum neuen Film von Jean-Marie Straub – L’AQUARIUM ET LA NATION


Montag, 08.10.2007 Danièle Huillet – Erinnerungen, Begegnungen
Montag, 08.10.2007
 KLASSENVERHÄLTNISSE – Drehbuch-Faksimiles
Montag, 08.10.2007: 

Materialien zu KLASSENVERHÄLTNISSE. 
Von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, nach Franz Kafka

Sonntag, 20.05.2007 Straub / Huillet / Pavese (III)


Montag, 18.09.2006
 Straub / Huillet / Pavese (II)

Montag, 04.09.2006
 Straub / Huillet / Pavese (I)

Donnerstag, 08.07.2004
 Straub / Huillet / Cézanne
Donnerstag, 09.01.2003 Jean-Marie Straub zum 8. Januar 2003 (Übersetzung und Zusammenstellung Manfred Bauschulte)

Dienstag, 30.10.2018

Spreeland Fontane. (Film von Bernhard Sallmann, DE 2018, 79 Minuten)

Nach dem Oder- und dem Rhinland hat sich Bernhard Sallmann in Bild und Ton nun das Spreeland erschlossen – nicht kartographisch, sondern als Lebensraum (wie er in Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von 1892 beschrieben wird).

Ich erwähne ein paar Text-Passagen.
Lebensmittelversorgung: aus Lübbenau und dem Spreewald kommen Gurke, Kürbis und Meerrettich, Jagd auf Reiher gibt es im Reiher-Grund von Duberow, königliche Wildschweinjagd in der Umgebung von Schloss Köpenick, Bienenzucht in Kienbaum, Karpfen und Zander kommen aus dem Teupitzer-See (teuer verpachtet vom herrschaftlichen Gut), der Fang wird in sechsstündiger Fahrt nach Berlin verschifft.
Lehde, „Lagunenstadt im Taschenformat“, mag zu Fontanes Zeit ausgesehen haben wie Venedig vor 1.500 Jahren. Die wendische Spree, wenig Dörfer, keine Städte. Fontane verfolgt einen wendischen Begräbnis-Gottesdienst, beschreibt die Trachten der Frauen. Schmöckwitz ist öde und ärmlich. Die Wendei: das Seen- und Spreegebiet – „nichts als Rohr und Wiese“, selbst der Krieg habe einen Umweg um diese Gegend gemacht. Das Müggel-Ufer hingegen ist Märchenland.
Ernst Gottlieb Woltersdorf (1725-1761) kann in seinem Amt als Prediger nicht anders (wie er es selbst beschreibt), als die Feder laufen zu lassen beim Verseschreiben und Liedermachen.
1840: der mächtige und gefürchtete Johann Gottfried Schadow, „ein Achtziger“, im grossen Akt-Saal der Berliner Akademie – wie er den Skizzen der Studenten entlangschreitet, dort etwas lobt, hier etwas verwirft (im Berliner Platt).
Kirchenbücher geben mit ihrem „Lapidarstil“ einen ganzen Mikrokosmos wieder – Fontane zitiert aus dem Gröben-Siethener Kirchenbuch, das bis 1604 zurückgeht: Krieg, Pest, Wassersnot, Feuersnot, Geburt, Tod, Unglücke, Mord, Stäupung, Enthauptung, Ehebruch. Fontane wählt Beispiele aus dem 17. Jahrhundert.

Sallmanns Einstellungen bebildern nicht das Gesagte, sondern bleiben weitgehend autonom, obschon es auch Übereinstimmungen zwischen Bild und Text geben kann. Aber das muss man sich schon selbst erschliessen. Die Bild- und Originaltonebene hat durch die Statik und Länge der Einstellungen das Eigentümliche, dass man in sie wie ‚onirisch’ hineingezogen wird (wenn man sich dem nicht von Anfang an verschliesst). Die da hinein gesetzten Text-Stellen aus Fontane heben einen daraus heraus, über die Länge der von Judica Albrecht gelesenen Abschnitte ist das verbale Verständnis aktiviert – nur um wieder, wie in den Schoss von Mutter Erde, auf die erste Ebene des sinnlich-materialen Schauens und Hörens zurückzufallen. Freilich mit dem Beieffekt, dass nun auch die Fontaneschen Textpassagen anwesend sind, die zwei sonst getrennten Ebenen also ‚organismisch’ verbunden.

(Der Film läuft auf dem Dokfilmfest Leipzig am 1.11. und 4.11.2018, 18.30 im Passage Kino Wintergarten; auf dem Filmfestival Cottbus am 10.11.2018, 18 Uhr in der Kammerbühne; ebenfalls programmiert sind dort vier weitere Filme von Bernhard Sallmann aus dem Zusammenhang Fürst Pückler-Garten und Lausitz.)

Sonntag, 27.05.2018

DOME. Unser Verhältnis zum Kosmos

Hinweis auf eine von Frank J. Schäpel kuratierte Ausstellung und Veranstaltungsreihe (17.5. – 1.7.2018) im Zeiss-Grossplanetarium an der Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin.
Ich möchte insbesondere auch auf die beiden Musikveranstaltungen in der grossen Kuppel aufmerksam machen, Stockhausen am 30.5. und Xenakis am 1.7.2018.

Dienstag, 10.04.2018

Rhinland. Fontane (Film von Bernhard Sallmann, D 2017, DCP, 67 Minuten)

Das ist sicher eine Erfahrung für sich, allein unterwegs zu sein mit Kamera und Mikrophon – Teile der Mark Brandenburg (die Fontane-Bücher im Kopf) zu erforschen, sich Wind und Wetter auszusetzen, Standorte zu wählen und vom Stativ aus aufzunehmen, was sich dem Auge und dem Ohr je nach Jahreszeit an einem bestimmten Tag bietet, Gestimmtheiten der Landschaft und des Himmels einzufangen, Örtlichkeiten zu zeigen.
Das ist also der zweite Teil des auf vier Filme angelegten Projekts von Bernhard Sallmann, Teile von Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ zu exzerpieren und mit der eigenen Wanderung zu konfrontieren. (Oderland. Fontane von 2016 war der erste Teil, es sollen nach dem Rhinland noch hinzukommen das Spreeland und das Havelland.)

Rhinland. Fontane wird am Donnerstag, 12.4.2018, 20 Uhr, im Kino Krokodil, Greifenhagener Str. 32, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg, im Rahmen einer Feier in Berlin erstmals aufgeführt (in Anwesenheit von Bernhard Sallmann). Bis Ende April wird der Film danach fast täglich im Krokodil gezeigt.
Für weitere Termine dort und anderswo (Union-Kino, fsk-Kino, Tilsiter Lichtspiele) empfiehlt es sich die Seite der Kinos selbst oder www.facebook.com/RhinlandFontane zu konsultieren.

Dienstag, 13.03.2018

Günter Peter Straschek im Museum Ludwig

Am 2. März 2018 ist die Ausstellung Günter Peter Straschek: Emigration – Film – Politik im Museum Ludwig in Köln in Anwesenheit von zahlreichen Gästen eröffnet worden.
Gleichzeitig ist ein umfangreicher Katalog in der Reihe ‚Hier und Jetzt‘ erschienen.
Ein begleitendes wöchentliches Filmprogramm (jeweils Freitag) läuft noch bis zum 22. Juni 2018.

Freitag, 24.11.2017

Barstow, California

Rainer Komers, Kameramann, Filmemacher, Gedichtemacher, hat seit 2008 korrespondiert und telefoniert mit dem lebenslang in kalifornischen Gefängnissen einsitzenden Stanley Jackson, genannt Spoon. Dessen Gedichtband „Longer Ago“ (2010) und die Autobiographie „By Heart. Poetry, Prison, and Two Lives“ (zusammen mit Judith Tannenbaum, 2010) hatten es ihm angetan. In der Edition Versensporn ist es erstmals, angeregt von Komers, zu einer Veröffentlichung in Deutschland von Spoons Gedichten in der Originalsprache gekommen (einer Auswahl aus den Jahren 1986 bis 2012; Versensporn Nr. 11, Jena 2013). Jetzt gibt es eine deutsche Übersetzung der Gedichte und der Prosa: Spoon Jackson, „Felsentauben erwachen auf Zellenblock 8“, aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort versehen von Rainer Komers, edition offenes feld, Dortmund 2017.

Der Film Three Poems by Spoon Jackson von Michel Wenzer (Schweden 2003, 14 Minuten) hatte Komers mit den Gedichten und der Situation von Spoon Jackson bekannt gemacht. Am 3. April 2016 ist es im Lancaster State Prison, Los Angeles County, zu einer ersten Begegnung mit Spoon „von Angesicht zu Angesicht“ gekommen (wie Komers in seinem Nachwort ‚Realness Eats Raw Meat’ schreibt). Schon während der gegenseitigen Annäherung und der sich einstellenden grösseren Vertrautheit war in ihm die Idee gereift, seine ‚landscape listening’- Filme aus dem dünn besiedelten amerikanischen Westen – Nome Road System, 2004, und Milltown, Montana, 2010 – fortzusetzen und in die kalifornische Mojave-Wüste zu fahren. Das hiess also, eine Verbindung von aussen herzustellen zu Spoons Herkunft und Adoleszenz, insbesondere den von ihm selbst gesprochenen autobiographischen Text ‚By Heart’ (aufgenommen von Michel Wenzer) auf der Tonebene einzusetzen. Wenn in Spoons Fall „Gedichte schreiben … heisst, Kassiber in Zeilenform schreiben“ und dem Langzeit-Gefangenen die Erinnerung an die Landschaft seiner Jugend nur noch ‚by heart’ möglich ist, wären doch Kamera und Mikrophon in hervorragender Weise geeignet, die Gegenwart und Wirklichkeit des realen Orts festzuhalten und mitzuteilen. In Barstow, California hat sich Komers also kinematographisch mit dieser eindrucksvollen Gegend auseinandergesetzt, hat auch Zugang gefunden zu der immer noch dort lebenden Jackson-Familie, sich mit zwei von Spoons Brüdern vor der Kamera unterhalten.

Barstow, California – D 2017, HD, 1 Stunde 16 Minuten (strandfilm- und KOMERS.film-produktion).

Freitag, 21.04.2017

„Für Helmut Färber“

Am 26. April 2017, 18 Uhr, wird im Kino Brotfabrik in Berlin der Mizoguchi-Film Sansho Dayu (Japan 1954) zu sehen sein – für Helmut Färber, zu seinem Achtzigsten. Als Dank auch für eine einmal stattgehabte „kinematographische Ausbildung“, veranlasst von Antonia Weiße.

Im Münchner Filmmuseum eine ‚carte blanche’ für Helmut Färber (14. + 27. April 2017) – und ein Text von Michael Girke.

In ‚konkret’ April 2017 ein Geburtstagsgruß von Stefan Ripplinger: ‚Wo wir stehen, was wir sehen, wer wir sind. Helmut Färber, der Erkunder des Kinematografen, wird achtzig.’

In der Jubiläumsnummer 100 von ‚Trafic’ (Winter 2016) – mit der Überschrift „L’écran, l’écrit“ – hat Helmut Färber sich einem Buch gewidmet, das ihn die Wiederbegegnung zu lohnen schien: Hartmut Bitomsky, „Die Röte des Rots von Technicolor. Kinorealität und Produktionswirklichkeit“, 1972 herausgekommen im Luchterhand Verlag, Neuwied/Darmstadt. Der Text von Färber (in der Übersetzung von Pierre Rusch) ist „dem Gedächtnis von Michael Pehlke“ gewidmet.

Freitag, 13.01.2017

Hurra für Frau E. (Günter Peter Straschek, BRD 1967, 16mm, s/w, 7 Minuten)

Kurzes Portrait einer Frau mit vier Kindern: ihre Altbau-Wohnung, das Beisammensein mit den Kindern, das Herumtollen von zwei Jungen, die Kinderzeichnungen mit dem schwarzen Schamdreieck, die zwei Betten mit den beiden Hochbetten – das Statement eines Fürsorgebeamten und einer Frau von einer Institution für uneheliche Kinder – ein Schwenk (zweimal wiederholt) auf der Strasse bis zum Lokal ‚Bird-Land’– eine Fahrt an der Potsdamer Strasse mit dem Strassenstrich – die Umarmung (Aufblende / Abblende): Frau E. und der schwarze GI.
Es ist Frau E., die im Off ihre Geschichte erzählt: ihre gescheiterte Ehe, der Geliebte später, der sie wie ein ‚Beefsteak’ behandelt hat und nach dem Liebesakt eingeschlafen ist, ihre Liebesbedürftigkeit, die Kinder, die sie gekriegt hat, weil es die ‚Anti-Baby-Pille’ noch nicht gab, ihre Einkommensverhältnisse.
(Es wäre daran zu erinnern, dass die technische Ausstattung in dieser frühen Zeit an der DFFB noch mangelhaft war und oft mit ungeblimpter Kamera gedreht werden musste: die Erzählung nur mit dem Tonbandgerät aufzunehmen hiess also auch, aus der Not eine Tugend machen.)

Zwei Auslegungen wären möglich: Frau E. kommt mit dem Geld nicht zurecht und muss sich etwas dazuverdienen, um die vier Kinder zu versorgen. Ausweg in die Prostitution, im Lokal ‚Bird-Land’ verkehren GIs. (In der Nähe ist der Strassenstrich an der Potsdamer.)
Oder: Frau E. sucht nach Zuneigung – vielleicht geht sie ins ‚Bird-Land’ oder arbeitet dort und hat sich mit einem schwarzen GI eingelassen. Das abgesetzte, inszenierte Schlussbild – die Umarmung mit dem GI – betont eher diese Auslegung.
Das ‚Hurra’ stünde dann für die Tapferkeit, mit der sich Frau E. durchs Leben schlägt, und für ihren Freimut, die Offenheit ihrer Ausdrucksweise.

(Der Film ist bei einer Sichtung des Harun Farocki-Instituts am 7.1.2017 im Arsenal 2 gelaufen, zusammen mit Dark Spring von Ingemo Engström.)

Dienstag, 11.10.2016

Oderland. Fontane. Film von Bernhard Sallmann (D 2016, 72 Minuten).

Ein Film aus Landschaftstotalen, die unverrückt stehen – also gewählt und komponiert. (Nur einmal eine nähere Einstellung von oben auf ein Oder-Fliessgewässer.) Und eine Frauenstimme (Judica Albrecht), die Fontane liest – Passagen aus „Meine Kinderjahre“, 1893, und „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, 1892. Ebenfalls sorgfältig ausgewählt und zusammengestellt.

Bestechende Idee, die stoische Anwesenheit der Landschaft mit ausgewählten Textstellen Fontanes zu konfrontieren, in denen ja geschichtlich sehr reiches, gut dokumentiertes Material verarbeitet ist (bis zurück ins 13. Jahrhundert, anhand von Namen auch, Hexenprozessen, Kriegshändeln und Krieg, dem immer noch bekannten Derfflinger, Frau von Friedland als Pionierin der Landwirtschaft, der Architektur des ganz jungen Schinkel, dem Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso u.a.m.). Man lernt, in welcher Weise das Oderland, über die Jahrhunderte hinweg, kolonisierte, kultivierte, gestaltete, ausgenutzte Landschaft war – und doch kann es auch den Anschein haben, als sei die ‚Menschenhand’ nur vorübergehend dagewesen. Als ob das, was sie hinzugefügt hat, sehr vergänglich sei – dem gegenüber, was die Landschaft von sich aus ist. Die Natur hat ihre eigene Geschichte, bewegt sich in langsameren Zyklen – ist also, bei aller äusseren Veränderung, von einer Stetigkeit, die es erst mal zu begreifen gilt.

Wie in der Malerei und der Dichtkunst scheint es auch beim Film (ein eher neues Phänomen) diejenigen zu geben, die sich mit ‚Landschaft’ befassen. Aber die Motivlage hat sich völlig verändert: mit dem, was früher einmal ‚Besinnlichkeit’ hiess, hat die Zuwendung zur Landschaft heute nicht mehr viel zu tun. Der Gegensatz zu dem, was technologisch-gesellschaftlich (im ‚Ultratechnoikum’) passiert, ist derart, dass sich ein Abgrund zu öffnen scheint – zwei Welten stehen sich gegenüber. Bei der einen, unterliegenden Welt verharren, heisst dann: Abgrenzung, Opposition, vielleicht auch Rückzug. Auf jeden Fall verweist die Anwesenheit der Landschaft auf das ‚ganz Andere’, ‚Ausgeschlossene’ – und doch immer Präsente. Durch die verschiedenen Wetterlagen hindurch, dem immer wieder anderen Licht, dem immer wieder veränderten Himmel (oft wie verhangen, was den Landschaftstotalen ein malerisches Gepräge gibt), bildet sich etwas Allgegenwärtiges ab. Das könnte man mit Hölderlin die ‚grosse Natur’ nennen.

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Der Film läuft auf dem Festival DOKLeipzig 2016 (Schaubühne Lindenfels, 01.11.2016 19:30 / CineStar 5, 02.11.2016 21:45 / Passage Kinos Filmeck, 05.11.2016 17:00).


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