Einträge von Johannes Beringer

Sonntag, 27.05.2018

DOME. Unser Verhältnis zum Kosmos

Hinweis auf eine von Frank J. Schäpel kuratierte Ausstellung und Veranstaltungsreihe (17.5. – 1.7.2018) im Zeiss-Grossplanetarium an der Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin.
Ich möchte insbesondere auch auf die beiden Musikveranstaltungen in der grossen Kuppel aufmerksam machen, Stockhausen am 30.5. und Xenakis am 1.7.2018.

Dienstag, 10.04.2018

Rhinland. Fontane (Film von Bernhard Sallmann, D 2017, DCP, 67 Minuten)

Das ist sicher eine Erfahrung für sich, allein unterwegs zu sein mit Kamera und Mikrophon – Teile der Mark Brandenburg (die Fontane-Bücher im Kopf) zu erforschen, sich Wind und Wetter auszusetzen, Standorte zu wählen und vom Stativ aus aufzunehmen, was sich dem Auge und dem Ohr je nach Jahreszeit an einem bestimmten Tag bietet, Gestimmtheiten der Landschaft und des Himmels einzufangen, Örtlichkeiten zu zeigen.
Das ist also der zweite Teil des auf vier Filme angelegten Projekts von Bernhard Sallmann, Teile von Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ zu exzerpieren und mit der eigenen Wanderung zu konfrontieren. (Oderland. Fontane von 2016 war der erste Teil, es sollen nach dem Rhinland noch hinzukommen das Spreeland und das Havelland.)

Rhinland. Fontane wird am Donnerstag, 12.4.2018, 20 Uhr, im Kino Krokodil, Greifenhagener Str. 32, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg, im Rahmen einer Feier in Berlin erstmals aufgeführt (in Anwesenheit von Bernhard Sallmann). Bis Ende April wird der Film danach fast täglich im Krokodil gezeigt.
Für weitere Termine dort und anderswo (Union-Kino, fsk-Kino, Tilsiter Lichtspiele) empfiehlt es sich die Seite der Kinos selbst oder www.facebook.com/RhinlandFontane zu konsultieren.

Dienstag, 13.03.2018

Günter Peter Straschek im Museum Ludwig

Am 2. März 2018 ist die Ausstellung Günter Peter Straschek: Emigration – Film – Politik im Museum Ludwig in Köln in Anwesenheit von zahlreichen Gästen eröffnet worden.
Gleichzeitig ist ein umfangreicher Katalog in der Reihe ‚Hier und Jetzt‘ erschienen.
Ein begleitendes wöchentliches Filmprogramm (jeweils Freitag) läuft noch bis zum 22. Juni 2018.

Freitag, 24.11.2017

Barstow, California

Rainer Komers, Kameramann, Filmemacher, Gedichtemacher, hat seit 2008 korrespondiert und telefoniert mit dem lebenslang in kalifornischen Gefängnissen einsitzenden Stanley Jackson, genannt Spoon. Dessen Gedichtband „Longer Ago“ (2010) und die Autobiographie „By Heart. Poetry, Prison, and Two Lives“ (zusammen mit Judith Tannenbaum, 2010) hatten es ihm angetan. In der Edition Versensporn ist es erstmals, angeregt von Komers, zu einer Veröffentlichung in Deutschland von Spoons Gedichten in der Originalsprache gekommen (einer Auswahl aus den Jahren 1986 bis 2012; Versensporn Nr. 11, Jena 2013). Jetzt gibt es eine deutsche Übersetzung der Gedichte und der Prosa: Spoon Jackson, „Felsentauben erwachen auf Zellenblock 8“, aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Nachwort versehen von Rainer Komers, edition offenes feld, Dortmund 2017.

Der Film Three Poems by Spoon Jackson von Michel Wenzer (Schweden 2003, 14 Minuten) hatte Komers mit den Gedichten und der Situation von Spoon Jackson bekannt gemacht. Am 3. April 2016 ist es im Lancaster State Prison, Los Angeles County, zu einer ersten Begegnung mit Spoon „von Angesicht zu Angesicht“ gekommen (wie Komers in seinem Nachwort ‚Realness Eats Raw Meat’ schreibt). Schon während der gegenseitigen Annäherung und der sich einstellenden grösseren Vertrautheit war in ihm die Idee gereift, seine ‚landscape listening’- Filme aus dem dünn besiedelten amerikanischen Westen – Nome Road System, 2004, und Milltown, Montana, 2010 – fortzusetzen und in die kalifornische Mojave-Wüste zu fahren. Das hiess also, eine Verbindung von aussen herzustellen zu Spoons Herkunft und Adoleszenz, insbesondere den von ihm selbst gesprochenen autobiographischen Text ‚By Heart’ (aufgenommen von Michel Wenzer) auf der Tonebene einzusetzen. Wenn in Spoons Fall „Gedichte schreiben … heisst, Kassiber in Zeilenform schreiben“ und dem Langzeit-Gefangenen die Erinnerung an die Landschaft seiner Jugend nur noch ‚by heart’ möglich ist, wären doch Kamera und Mikrophon in hervorragender Weise geeignet, die Gegenwart und Wirklichkeit des realen Orts festzuhalten und mitzuteilen. In Barstow, California hat sich Komers also kinematographisch mit dieser eindrucksvollen Gegend auseinandergesetzt, hat auch Zugang gefunden zu der immer noch dort lebenden Jackson-Familie, sich mit zwei von Spoons Brüdern vor der Kamera unterhalten.

Barstow, California – D 2017, HD, 1 Stunde 16 Minuten (strandfilm- und KOMERS.film-produktion).

Freitag, 21.04.2017

„Für Helmut Färber“

Am 26. April 2017, 18 Uhr, wird im Kino Brotfabrik in Berlin der Mizoguchi-Film Sansho Dayu (Japan 1954) zu sehen sein – für Helmut Färber, zu seinem Achtzigsten. Als Dank auch für eine einmal stattgehabte „kinematographische Ausbildung“, veranlasst von Antonia Weiße.

Im Münchner Filmmuseum eine ‚carte blanche’ für Helmut Färber (14. + 27. April 2017) – und ein Text von Michael Girke.

In ‚konkret’ April 2017 ein Geburtstagsgruß von Stefan Ripplinger: ‚Wo wir stehen, was wir sehen, wer wir sind. Helmut Färber, der Erkunder des Kinematografen, wird achtzig.’

In der Jubiläumsnummer 100 von ‚Trafic’ (Winter 2016) – mit der Überschrift „L’écran, l’écrit“ – hat Helmut Färber sich einem Buch gewidmet, das ihn die Wiederbegegnung zu lohnen schien: Hartmut Bitomsky, „Die Röte des Rots von Technicolor. Kinorealität und Produktionswirklichkeit“, 1972 herausgekommen im Luchterhand Verlag, Neuwied/Darmstadt. Der Text von Färber (in der Übersetzung von Pierre Rusch) ist „dem Gedächtnis von Michael Pehlke“ gewidmet.

Freitag, 13.01.2017

Hurra für Frau E. (Günter Peter Straschek, BRD 1967, 16mm, s/w, 7 Minuten)

Kurzes Portrait einer Frau mit vier Kindern: ihre Altbau-Wohnung, das Beisammensein mit den Kindern, das Herumtollen von zwei Jungen, die Kinderzeichnungen mit dem schwarzen Schamdreieck, die zwei Betten mit den beiden Hochbetten – das Statement eines Fürsorgebeamten und einer Frau von einer Institution für uneheliche Kinder – ein Schwenk (zweimal wiederholt) auf der Strasse bis zum Lokal ‚Bird-Land’– eine Fahrt an der Potsdamer Strasse mit dem Strassenstrich – die Umarmung (Aufblende / Abblende): Frau E. und der schwarze GI.
Es ist Frau E., die im Off ihre Geschichte erzählt: ihre gescheiterte Ehe, der Geliebte später, der sie wie ein ‚Beefsteak’ behandelt hat und nach dem Liebesakt eingeschlafen ist, ihre Liebesbedürftigkeit, die Kinder, die sie gekriegt hat, weil es die ‚Anti-Baby-Pille’ noch nicht gab, ihre Einkommensverhältnisse.
(Es wäre daran zu erinnern, dass die technische Ausstattung in dieser frühen Zeit an der DFFB noch mangelhaft war und oft mit ungeblimpter Kamera gedreht werden musste: die Erzählung nur mit dem Tonbandgerät aufzunehmen hiess also auch, aus der Not eine Tugend machen.)

Zwei Auslegungen wären möglich: Frau E. kommt mit dem Geld nicht zurecht und muss sich etwas dazuverdienen, um die vier Kinder zu versorgen. Ausweg in die Prostitution, im Lokal ‚Bird-Land’ verkehren GIs. (In der Nähe ist der Strassenstrich an der Potsdamer.)
Oder: Frau E. sucht nach Zuneigung – vielleicht geht sie ins ‚Bird-Land’ oder arbeitet dort und hat sich mit einem schwarzen GI eingelassen. Das abgesetzte, inszenierte Schlussbild – die Umarmung mit dem GI – betont eher diese Auslegung.
Das ‚Hurra’ stünde dann für die Tapferkeit, mit der sich Frau E. durchs Leben schlägt, und für ihren Freimut, die Offenheit ihrer Ausdrucksweise.

(Der Film ist bei einer Sichtung des Harun Farocki-Instituts am 7.1.2017 im Arsenal 2 gelaufen, zusammen mit Dark Spring von Ingemo Engström.)

Dienstag, 11.10.2016

Oderland. Fontane. Film von Bernhard Sallmann (D 2016, 72 Minuten).

Ein Film aus Landschaftstotalen, die unverrückt stehen – also gewählt und komponiert. (Nur einmal eine nähere Einstellung von oben auf ein Oder-Fliessgewässer.) Und eine Frauenstimme (Judica Albrecht), die Fontane liest – Passagen aus „Meine Kinderjahre“, 1893, und „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, 1892. Ebenfalls sorgfältig ausgewählt und zusammengestellt.

Bestechende Idee, die stoische Anwesenheit der Landschaft mit ausgewählten Textstellen Fontanes zu konfrontieren, in denen ja geschichtlich sehr reiches, gut dokumentiertes Material verarbeitet ist (bis zurück ins 13. Jahrhundert, anhand von Namen auch, Hexenprozessen, Kriegshändeln und Krieg, dem immer noch bekannten Derfflinger, Frau von Friedland als Pionierin der Landwirtschaft, der Architektur des ganz jungen Schinkel, dem Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso u.a.m.). Man lernt, in welcher Weise das Oderland, über die Jahrhunderte hinweg, kolonisierte, kultivierte, gestaltete, ausgenutzte Landschaft war – und doch kann es auch den Anschein haben, als sei die ‚Menschenhand’ nur vorübergehend dagewesen. Als ob das, was sie hinzugefügt hat, sehr vergänglich sei – dem gegenüber, was die Landschaft von sich aus ist. Die Natur hat ihre eigene Geschichte, bewegt sich in langsameren Zyklen – ist also, bei aller äusseren Veränderung, von einer Stetigkeit, die es erst mal zu begreifen gilt.

Wie in der Malerei und der Dichtkunst scheint es auch beim Film (ein eher neues Phänomen) diejenigen zu geben, die sich mit ‚Landschaft’ befassen. Aber die Motivlage hat sich völlig verändert: mit dem, was früher einmal ‚Besinnlichkeit’ hiess, hat die Zuwendung zur Landschaft heute nicht mehr viel zu tun. Der Gegensatz zu dem, was technologisch-gesellschaftlich (im ‚Ultratechnoikum’) passiert, ist derart, dass sich ein Abgrund zu öffnen scheint – zwei Welten stehen sich gegenüber. Bei der einen, unterliegenden Welt verharren, heisst dann: Abgrenzung, Opposition, vielleicht auch Rückzug. Auf jeden Fall verweist die Anwesenheit der Landschaft auf das ‚ganz Andere’, ‚Ausgeschlossene’ – und doch immer Präsente. Durch die verschiedenen Wetterlagen hindurch, dem immer wieder anderen Licht, dem immer wieder veränderten Himmel (oft wie verhangen, was den Landschaftstotalen ein malerisches Gepräge gibt), bildet sich etwas Allgegenwärtiges ab. Das könnte man mit Hölderlin die ‚grosse Natur’ nennen.

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Der Film läuft auf dem Festival DOKLeipzig 2016 (Schaubühne Lindenfels, 01.11.2016 19:30 / CineStar 5, 02.11.2016 21:45 / Passage Kinos Filmeck, 05.11.2016 17:00).

Montag, 22.08.2016

Ach Viola (Film von Rainer Boldt, DFFB 1971, 35 ½ Minuten)

Was für eine Exposition!
Eine Totale nimmt, aus einer Seitenstrasse heraus, einen Aspekt der ‚Schlacht am Tegeler Weg’ auf – wildes Geschehen, Wasserwerfer, Polizei, steinewerfende Demonstranten (ein Häufchen Pflastersteine liegt wie griffbereit am Strassenrand). Das Bild friert ein, wird zum Standbild, das sich langsam in seine Bestandteile aufzulösen scheint (zum Negativ wird). Eine helle Männerstimme (der Autor?) gibt im Off eine Bestandesaufnahme der Ausserparlamentarischen Opposition. (Dieser Novembertag 1968, an dem sich die aufgestaute Wut über die Nazi- und Klassen-Justiz Luft machte, die Polizei in die Flucht geschlagen wurde, war Apotheose und Endpunkt der APO.) „Westberlin im November 1970“. Musik hat eingesetzt, nachtdunkle Gebäude, abgesetzt gegen den helleren Nachthimmel, dann schwarze Nacht, ein paar Lichter, man erkennt die Leuchtschrift ‚First National City Bank’, den sich auf dem Europacenter drehenden Mercedes-Stern, ein Polizeiauto, das Gesicht einer Frau – schläft sie, träumt sie? Über der ganzen nächtlichen Sequenz – zu spüren sozusagen die kalte kapitalistische Hand auf der Stadt – hängt der (statische) symphonische Akkord von Charles Ives’ „The Unanswered Question“, mit der darüber gesetzten, von der Trompete formulierten Frage, den immer erratischer werdenden Antworten der Bläser. Die Musik verklingt dissonant – in die Stille hinein hört man eine Kirchenglocke sechs Mal schlagen, die Frau hat die Augen geöffnet, die Uhr an ihrem Arm macht sichtbar, dass sie (nachts wie tags) unter dem Diktat des getakteten Alltags steht. Sie steht auf, macht Licht, nimmt ein Medikament. Zuvor schon (flashartig) eine Einstellung aus einem Chemielabor – jetzt tun die zwei Frauen, die da arbeiten, ihren Überdruss kund: sie haben genug davon, tagaus, tagein Urinproben zu analysieren – eine Veränderung muss her.

Ach Viola hebt sich von andern DFFB-Filmen aus der Zeit ab – ist filmisch und ästhetisch avancierter. Das ist ein Geflecht von sorgfältig montierten Einstellungen und Tönen; der Film arbeitet nicht nur mit Realzeit, sondern auch mit Wiederholungen, Variationen, stellt einen Empfindungs- und Denkraum her. Das bedeutet aber auch, dass das ‚eingreifende Filmen’ und vor allem das Konzept des ‚Zielgruppenfilms’ verabschiedet ist – zugunsten des Autorenfilms. Scheint mir legitim, insofern das ja auch wie ein Blick von aussen ist – ein Soziogramm einer Gruppe von Leuten vielleicht, ein Verweis auf die Zeit. Der Einsatz der Musik, „Die unbeantwortete Frage“ – ihr ist später ein gesummtes, instrumental werdendes Liedchen („Backstreet Girl“ von Jagger und Richards) hinzugesetzt –, mag zwar auf die Aktualität, die Zeit zielen, weist aber auch stark darüber hinaus. Will den Lauf der Welt in sich hereinnehmen oder anrufen.
(Merkwürdig die Rolle, die gerade dieses Stück von Ives damals bei einigen Filmakademisten und Ex-Filmakademisten gespielt hat, auch bei Harun Farocki, aber scheinbar unabhängig voneinander. Bei solchen wohl, die operativ dachten, Konstruktionsideen hatten, mit Fiktion umgingen.)

https://dffb-archiv.de/dffb/ach-viola

Donnerstag, 14.04.2016

Familiengeschichten – Filme von Tamara Wyss (29.4.1950 – 30.3.2016)

Ein Notizbuch von Clara Westphal aus dem Jahr 1906, das Tamara Wyss aufgefunden hatte, führte dazu, dass sie sich (in ihrer im Mai 1990 für einige Zeit in Berlin bezogenen Wohnung) eingehender mit Moses Mendelssohn zu beschäftigen begann: Moses war der Urgrossvater von Clara, diese die Grossmutter von Tamaras Grossmutter. Daraus wurde der Film Auf der Suche nach Herrn Moses (D 1990, 60 Minuten; Kamera Ingo Kratisch).
Stadtfahrten im Auto, im Fond sitzt Tayfun Bademsoy und liest – später auch an Schauplätzen – aus Moses Mendelssohns Briefen und Texten, aus der Friedrich Nicolaischen Beschreibung der ‚Reise nach Potsdam’, ebenso Offiziöses, königlich Verlautbartes. – Durch welches Tor wurde der 14jährige, aus Dessau herbeigewanderte Jude nach Berlin hereingelassen: bestimmt nicht durch das Hallesche- oder Potsdamer-Tor, am ehesten durch das Rosenthaler Tor (wo in der Nähe schon ‚seinesgleichen’ wohnte). Auch 1990 passiert man Grenzkontrollen in der Stadt – auf dem Weg von Berlin nach Potsdam beispielsweise, den Moses Mendelssohn 1771 an einem Sabath teilweise zu Fuss zurücklegte, um der ‚Herbestellung’ von Friedrich II. Folge zu leisten (ein Kursächsischer Staatsminister wollte mit ihm über Philosophie diskutieren). Es ging auch um die Aufnahme in die ‚Königliche Academie’, die letztlich nicht zustande kam, obschon die besten Geister der Zeit das Genie von Moses Mendelssohn akklamierten. Davor und danach: ständige Beschränkung seines eigentlichen ‚Rechts um Existenz’ (die Zuzugs- und Niederlassungsrechte für Juden waren limitiert), besonders auch, als es um die Heirat mit Fromet Guggenheim ging.
In der westberliner Staatsbibliothek sind Erstschriften und Dokumente Mendelssohns einzusehen: „Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele“ von 1767, seine Bibel-Übersetzung aus dem Hebräischen (deutsch in hebräischen Lettern), die Abhandlung „Evidenz in metaphysischen Wissenschaften“ von 1763, für die Mendelssohn den ersten Preis der ‚Königlichen Academie’ vor Kant erhielt, ein Geschäftsjournal von 1779-1781, das Mendelssohn als Prokurist führte. – Zwei Familienangehörige konfrontiert Tamara Wyss mit einem Familien-Foto der sieben Kinder von Clara Westphal, die (wie sie sagt) alle getauft waren, diskutiert mit ihnen insbesondere darüber, wie es den da Abgebildeten während der Nazizeit ergangen ist. – Ein Steinmetz arbeitet an einem neuen Gedenkstein für Moses Mendelssohn; eine kleine Zeremonie: auf dem ältesten jüdischen Friedhof in Berlin, an der Grossen Hamburger Strasse, wird der Gedenkstein feierlich enthüllt und eingeweiht.

Der Jangtsekiang und der Drei-Schluchten-Staudamm: Tamara Wyss, indem sie den Spuren ihrer Grosseltern, Fritz und Hedwig Weiss (ab 1951 Wyss) folgt, gerät mitten hinein in die Umsetzung dieses gewaltigen Projekts, findet Zugang zu den Menschen, die da ‚verpflanzt’ werden. (In Still Life, 2006, behandelt Jia Zhang-ke dasselbe Sujet.) Als Kind schon hatte Tamara von ihrer Grossmutter viel über China erzählt bekommen – dann entdeckte sie, beim Aufräumen eines Kellers, Fotografien, Tonaufnahmen, Aufzeichnungen und Briefe der Grosseltern (Fritz Max Weiss stand vor dem Ersten Weltkrieg im konsularischen Dienst des Deutschen Reichs in China, war ab 1911 Konsul in Chengdu, von 1914 bis 1917 in Kunming/Yunnan). Der Fund resultierte erst in einem kleinen Film, dann, über zwei Reisen, im Projekt Die chinesischen Schuhe (D 2000-2004, 105 Minuten); damit verbunden gab es Ausstellungen in China und eine Buchvorstellung („Gestern, im Land von Ba und Shu“, Sichuan University Press 2009) in Chengdu.

Bemerkenswert auch, dass Tamara Wyss 1975-1978 im Zusammenhang der DFFB an einem Langzeit-Projekt auf den Kapverden beteiligt war, bei dem mehrere Filme gedreht wurden. Darunter die 15minütige Dokumentation Ein ehemaliges Konzentrationslager – womit Tarrafal gemeint ist (siehe dazu den Kurzfilm von Pedro Costa von 2007 unter ebendiesem Titel).

Filmografie auf http://www.tamara-wyss.de/deutsch/filme_de.html

Dienstag, 23.02.2016

Der Brief (Vlado Kristl; BRD 1966, Farbe, 80 Minuten)

Ein anti-avantgardistischer Film, an dem man sich die Augen verderben kann (und vielleicht auch die eigene Moral). Die Anweisung an den Kameramann lautete: nie auf das Hauptgeschehen draufhalten, immer auf das Nebensächliche, Beiläufige. Die Kamera ist also ständig in Bewegung, schwenkt nach rechts, nach links, nach unten, nach oben – über die Baumwipfel in den Himmel und wieder zurück. Eine Bildebene (35mm, Farbe), die sich so recht dazu leiht, die Tonspur mit Stimmen vollzustellen. Und mit Explosionen, Gewehrsalven, Schlachtlärm (wie schon in Arme Leute, 1963). Einige Einstellungen bleiben, wie zur Erholung, völlig stumm, statisch.
Der mit dem Brief (Kristl selbst) ist frohen Mutes, frohen Sinns (er will den Brief persönlich abliefern), ihm wird auch freundlich der Weg gewiesen – mit so vielen Links und Rechts, dass ihm wirr im Kopf wird. Der Kristl’sche frohe Sinn trifft auf deutschen Frohsinn – das kann natürlich nicht gut gehen, das ist nicht ‚löslich’. Kristl ist allein unterwegs, die andern treten in Gruppen auf: singende Gruppen, winkende Gruppen, rutschende Gruppen (auf dem Ozeandampfer wird kräftig am Steuerrad gedreht), angreifende Gruppen, fliehende Gruppen, robbende Gruppen – es ist Krieg, Revolution (den ganzen Film über). Diese Normalität steht von der andern ungeschieden da.
Froh macht auch (das ist der Kristl’sche Hinterhalt), dass alles Böse völlig ungehemmt rausgelassen werden kann: Flüche, Schimpfkanonaden, sprachliche Kunstwerke an Pöbeleien und Beschimpfungen bis hin zum Spuckwettbewerb als Gespräch (wer spuckt den andern am besten an) – da ist es natürlich nicht weit zur ganz praktisch ausgelebten Zerstörungswut (ein kleiner Gemüseladen wird zerlegt) und der slapstickartig sich steigernden Freude daran. Kristl selbst, nachdem er eine oder seine Frau geküsst hat, übt sich mit ihr im Fingerabhacken mit viel Ketchup und Rumgespritze. Bayrisches Fingerhakeln nach scharfer jugoslawischer Art.

September 1966 ging es los an der DFFB: Der Brief war einer der ersten Filme, den wir da zu sehen bekamen. (Helene Schwarz, die Sekretärin, hatte ein Taxi bestellt, um vom Theodor Heuss-Platz zur Akademie der Künste zu fahren und nahm ein paar von uns mit.) Jetzt scheint mir, dass die Kristl’sche Gestimmtheit doch irgendwie auch abgefärbt hat (der halbe junge deutsche Film ist schliesslich in Der Brief dabei) – das ist zwar nie ‚verbalisiert’ worden, es war einfach da. Unsere Stimmung war gut, aufgekratzt. Die Welt (die Philosophie) schreitet immer auch durch produktive Missverständnisse voran. (Das Unverständnis folgt später.)

(Gesehen im CinemaxX 8 auf der Berlinale, 19.2.2016.)


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