Einträge von Rainer Knepperges

Sonntag, 20.07.2014

Medien und Traditionsgeister

Neue und Traditionsgeister eingetroffen, Juli 2014

„Über 90 Jahre Geisterbahn-Erfahrung – Neue und Traditionsgeister eingetroffen!“ (Kirmes in Düsseldorf, im Juli 2014)

Freud schreibt 1919, „dass der Sprachgebrauch das Heimliche in seinen Gegensatz, das Unheimliche übergehen lässt, denn dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozess der Verdrängung entfremdet worden ist.“

Fritz Wepper - Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn - 1967 - Rolf Olsen
Fritz Wepper, Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn (1967 Rolf Olsen)

Hinter den Büchern: eine Pistole. Hinter dem Anschein: der Machtbeweis. Hinter dem Sohn: der Vater. „Dieser Film ist ein Tatsachenbericht“, ein St. Pauli-Krimi und ein Anti-LSD-Melodram. Kein Generationskonflikt, sondern die Verschmelzung von Vater und Sohn forciert das Drama. Eine Hamburger Ophelia halluziniert folgenschwer, sie verwechselt ihren Angebeteten mit dessen Papa! Die Alten und die Neuen, ununterscheidbar im Jahre 1967! Rolf Olsens Genrefilme sind – meist von ihm selbst geschrieben – so brachial wie subtil. Chirurgische Meißel.

Sein Mondo-Film Reise ins Jenseits (1975) ist ein weltumspannendes Grusel-Kompendium voll zwielichtiger Gestalten: Zahnärzte, Exorzisten und Elektroplasma-Experten, lauter schräge Onkels. Programmatisch ist die leibliche Präsenz des Gespenstigen, in Fleisch und Blut. Die internationalistische Geisterbahnfahrt rund um die Welt führt zuletzt in einen brasilianischen Verein, in dessen Partyräumen einander alle gegenseitig rituell und exzessiv vom Wahn befreien.

Stately Ghosts of England - 1965 - Frank de Felitta
Margaret Rutherford in The Stately Ghosts of England (1965 Frank de Felitta): „Shakespeare“

Ein kleiner Exkurs. Ein dokumentarisches Road-Movie. Die Miss-Marple-Darstellerin und ihr Ehemann (Stringer Davis), beide als sie selbst, sind unterwegs auf Gespensterjagd. Die Stationen ihrer Reise sind malerische Spukschlösser, deren Bewohner höflich Auskunft geben, während Portraits von den Wänden herabschauen. In einem leeren Flur, der so leer ist und furchteinflößend ausdrucksvoll wie sonst nur die Flure in Freddie Francis‘ Filmen, wird über Nacht eine Filmkamera als Wächter aufgestellt. Eine verborgene Treppe hinterm Bücherschrank ist in dieser Atmosphäre nichts weiter Bemerkenswertes. Unter gotischen Bögen soll der Gesang toter Zisterziensermönche mit einem Nagra-Tonbandgerät aufgezeichnet werden. Man lauscht ins Dunkel der Nacht. Bis der Abspann vorbei ist. Dann huscht noch die Schriftspur eines Fettstifts über den Filmstreifen. *

the
Die New York Times berichtete 1965, es seien 7.000 Meter Film beim Entwickeln flaschengrün geworden.

„Durch Rigipswand und Verstand / Nicht nur über die Leitung von der Telefonschnur / Die Mutter hört stundenlang stur Telefonstimmen zu und sagt: Ja, Ja./ Irgendjemand benutzt sie.“ (Das weiße Pferd: Inland Empire – „Höhere Gewalt“, 2013)

Sebastian Haffner schreibt über die Dämonen: „Sie haben sich in den Maschinen häuslich niedergelassen und verwirren von dort aus in althergebrachter Weise das Leben der Menschen.“ („Der Dämon in der Hörmuschel“, 1936)

Derrida hat ganz Ähnliches weniger gut formuliert. Sein Buch über „Marx‘ Gespenster“ griff ich mir aus einem Regal und las drin rum, bis ich endlich was fand, das mir gefiel: „… dass jeder mit seinen Gespenstern liest, denkt, handelt, schreibt, auch wenn er es auf die Gespenster des anderen abgesehen hat.“ Marx ereifert sich über Max Stirner, „der wie er von den Gespenstern besessen“ … „noch vor ihm “ … „alle Exorzismen ausprobiert, und mit welcher Eloquenz, mit welchem Jubel, mit welchem Genuss!“ In Stirners „Der Einzige und sein Eigentum“ (1844) spukt Alles; „auch die sogenannte Menschheit ist als solche nur ein Gedanke (Spuk); ihre Wirklichkeit sind die Einzelnen.“

Night of the Demon
Dana Andrews in Night of the Demon (1957 Jacques Tourneur)

Wovon Marx tatsächlich besessen war, erfuhr ich erst aus Günter Schultes „Kennen Sie Marx?“ (1992). In vergleichbar „aufschlussreiches Erschrecken“ versetzte mich nur „Die grausame Wahrheit der Bibel“ (1995).
Ich hatte ja keine Ahnung, wie sehr es im „Kapital“ spukt. Dass dort ein Tisch nicht lange „ein ordinäres sinnliches Ding“ bleibt, denn „sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.
Die Ware ist ein Weibsteufel, ein Nachtgespenst namens Lilith. So bedrohlich weiblich wie Pamela Prati in Sukkubus (1989 Georg Tressler). Die Ware zerrt ihren Erzeuger in den Vergleich und durchs Verglichenwerden ins Verderben.

Und was geschieht mit den Töchtern? Das ist die wilde Sorge in einigen der schönsten Gruselfilme. Der gleiche brennendheiße Kummer befeuert aber auch Rolf Olsens Anti-LSD-Melodram Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn – und die Marxschen Schriften und den Fundamentalismus.

„Pelikan und Igel wohnen dort, darinnen hausen Eule und Rabe. Die Messschnur der Leere spannt er darüber aus…“ (Jesaia 34/11)

Stockstadt (Main)

Zughalt auf der Strecke Köln – Nürnberg, in Stockstadt am Main.
Es wäre doch schön, wenn ein solcher Wohnungsbau mal gleichermaßen effektvoll in Szene gesetzt würde, wie es einst mit den Spukschlössern gelang.

„Bei allem, dessen ich bisher Zeuge gewesen bin, und ebenfalls bei all den Wundern, die von den Amateuren des Geheimnisvollen in unserem Jahrhundert berichtet worden sind, wurde ein menschliches Medium benötigt.“ (Edward Bulwer-Lytton: „The Haunters and the Haunted“, 1859)

Reginald Beckwith in Night of the Demon (1957 Jacques Tourneur), Zelda Rubinstein in Poltergeist (1982 Tobe Hooper), Geraldine Chaplin in El Orfanato (2007 J.A. Bayona), Vera Farmiga in The Conjuring (2013 James Wan). Diese vier Medien fallen mir ein, ohne lange nachzudenken.

Stefan Ertl gab mir den Hinweis auf Rolf Olsens Dokumentarfilm über den schwedischen Jenseitsforscher Friedrich Jürgenson. Schon vor langer Zeit war ich in „Gdinetmaõ“ auf dessen Autobiografie eingegangen. Nun protokollierte ich in SGE#23 den von Olsen verfassten Kommentartext seines nur auf VHS vermarkteten und deshalb recht unbekannten Films.

1987 - Die Brücke zur Unsterblichkeit - Rolf Olsen

Last Gate To Eternity – Die Brücke zur Unsterblichkeit – Friedrich Jürgenson und seine andere Welt (Gestaltung, Kommentar und Realisation: Rolf Olsen; Regieassistenz: Ilse Olsen-Peternell; Schnitt: Barbara Riekel; Kamera und MAZ-Bearbeitung: Hubert Eisner; 1987 Scout Movies Production, München. Länge: 62 Minuten). *

Abtippen ist nicht mein Plaisir, aber Sätze wie die folgenden machen mir Freude: „Spätherbst – auch im Leben dieses Mannes, der in der Weisheit seines Alters, dem Frieden seiner Umgebung, nunmehr sein Lebenswerk vollenden möchte… Der ehemalige Opernsänger, Historiker und Archäologe verdient sich seinen Lebensunterhalt als Maler, dessen Bilder sich großer Beliebtheit erfreuen. Das versetzt ihn in die Lage, sich sein bedeutsames Hobby, die aufwendige Tonbandstimmenforschung, leisten zu können und dafür auch die nötige Zeit und Geduld mitzubringen.“

The Conjuring
The Conjuring (2013 James Wan)

Teleskop und Mikroskop machten vor langer Zeit das Unsichtbare sichtbar. In diese Traditionsreihe stellt Friedrich Jürgenson sein Instrument: das Audioskop, das Unhörbares hörbar macht. Die Stimme der verstorbenen Mama war es, die er eines Tages mit Vogelstimmen zusammen aufzeichnete, und die ihn mit Nachdruck auf die vielen anderen hinwies, mit denen es von nun an zu kommunizieren galt. Der Empfang der Totenstimmen verlief über eine Mittelwellenfrequenz, auf der Skala zwischen Moskau und Wien. Das Unvermeidliche, der Tod, das Schwert über uns, es verliere seine Bedrohlichkeit, sagt Jürgenson, sobald man die Toten singen und scherzen hört.

Friedrich Jürgenson - Erste Jahre der Forschung in Mölnbo
Friedrich Jürgenson, Jahre der Forschung in Mölnbo

HÖÖR, SÜDSCHWEDEN, NOVEMBER 1986. „Heute lebt Jürgenson mit seiner Lebensgefährtin im beschaulichen Städtchen Höör im gemütlichen Haus seines ehemaligen Freundes, des dahingeschiedenen Mannes von seiner jetzigen Partnerin.“ Dessen Mitteilungen aus dem Jenseits sind die schönsten im ganzen Film, weil sie durch einen lauten Sturm von Mittelwellenrauschen hindurch vom frohen Viervierteltakt eines Schlagers getragen und von Jürgenson einmal nicht geduldig wiederholt werden, bis mit Mühe zu verstehen ist, was er versteht, sondern hier der Forscher schubweise in den rhythmischen Gesang des Geistes einfällt in munterem Schwung. Es muss auch erwähnt werden, dass der Anblick von Jürgensons rotem Pullover neben der mit Pferden bedruckten roten Bluse seiner Lebensgefährtin vor dunkelroten Topfpflanzen im Bildhintergrund, als wildharmonische Bildvariante trauten Glücks, hier in der Mitte des Films einem Sich-Sträuben auf die Sprünge hilft, nicht mehr nur ganz Ohr zu sein, stattdessen schauen zu wollen – an diesem beschaulichen Ort namens Höör.

the uninvited 1944
Blick aufs Meer in The Uninvited (1944 Lewis Allens)

Als Friedrich Jürgenson zu Besuch bei einer Anhängerin, die Radiobotschaft „Hundekontakt in Vemmenhög“ erläutert, rauscht mitten hinein ins mühsam Unverständliche eine diagonale Wischblende und entführt uns von einem weißgetünchten, offenen Kamin auf eine regennasse und laut befahrene Straße. „Düsseldorf. Hier in der lebendigen Großstadt, Zentrum für Mode und zeitgemäße Industrie, ist auch der Sitz von Deutschlands größtem Tonbandstimmenforscherverein.“

Der Vereinsvorsitzende, Diplompsychologe und Schriftsachverständige Fidelio Köberle nahm Jürgensons Buch mit dem Titel „Sprechfunk mit Verstorbenen – Praktische Kontaktherstellung mit dem Jenseits“ als Skeptiker in die Hand, aber schon nach wenigen Seiten war er bekehrt und fand: „Der Mann ist echt, da ist was dran.“ – „Wie können Sie denn feststellen,“ wird Köberle gefragt, „ob es sich um ein paranormales Phänomen oder um einen Irrtum oder gar um eine Täuschung handelt?“ Nach nüchterner Darstellung zahlreicher verläßlicher Kriterien spricht der Experte von hochprozentiger Sicherheit. Aber auf die Frage „Kann man also Irreführungen aller Art so gut wie ausschließen?“ antwortet Köberle mit einem überraschend gutgelaunten: Nein. Man kann tricksen. Das ist sogar leicht, sagt er schmunzelnd. Gegen einen tricksenden Fachmann wären die Prüfer machtlos, sagt er ernst. Gefragt, ob es denn Betrüger gäbe, sagt er nachdenklich: „Im Anfang war es sicher kein bewußter Betrug, sondern Selbsttäuschung.“ Der Mann ist echt, das möchte man auch über Fidelio Köberle sagen.

Fidelio Köberle - 1987 - Die Brücke zur Unsterblichkeit
Fidelio Köberle

Mir gefallen auch die Räume, die Köberle bewohnt, die wahlweise mit Holzfurnier oder mit Audiokassetten dicht an dicht getäfelt sind.
Die großen Gespensterfilme, von The Uninvited (1944) bis The Conjuring (2013), stellen in ihr architektonisches Kraftfeld hinein, mitten ins ängstigende Mobiliar, die Maschinen der Melancholie: ein Klavier oder einen Kassettenrekorder.

13 Monde gingen vorüber, bis sich mein Interesse am „NSA-Skandal“ regte. Die Radiomeldung, der NSA-Untersuchungsausschuss erwäge, um sich vor Ausspähung zu schützen, den Rückgriff auf mechanische Schreibmaschinen, hielt ich erst für einen Scherz. Dann las ich es schwarz auf weiß. Bei einem der letzten Treffen wurde aus Gründen der Abhörsicherheit bereits laute Musik eingesetzt: Griegs Klavierkonzert.
Was wird gespielt, und was wird zu hören sein, wenn sich nach der Sommerpause ein Nordrhein-Westfälischer NSU-Untersuchungsausschuss dem ungleich größeren, dem NSU-Skandal widmet?

Der 91jährige Lewis Allen gab im Interview mit Tom Weaver, 1997, Auskunft über das Geheimnis, wie man einen wirklich guten Geisterfilm macht: „Nun, ich denke das Entscheidende ist, so ehrlich und geradeaus zu sein, wie Du kannst. Kein Schwindler zu sein. Ich behandelte The Uninvited, als ob ich daran glaubte. Das ist meine ganze Erklärung.“

Room 666
JLG in Room 666 (1982 Wim Wenders)

Fernsehen und Video waren die Gespenster im Hotel Martinez in Room 666, während der Filmfestspiele in Cannes (1982). Godard nahm sich Zeit, um das Kleine (den TV-Schirm), das Große (Hollywood) und das Kurze (die Werbung) als böse Mächte zu benennen, vor denen die Menschen machtlos „wie Kinder“ seien. Unter den vielen, die auf Wenders‘ Wunsch über den nahenden Tod des Kinos nachdenken sollten, bekamen nur zwei Musikuntermalung: JLG und RWF*. Fassbinder zog einen Bannkreis um sich und beschwor das „ganz nationale Kino Einzelner“.

Spielberg hingegen warnte vor Investoren, die das Zehnfache des Ausgegebenen als Einspielergebnis fordern. Sie seien geradezu gefährlich in ihrem Desinteresse an Filmemachern, die beispielsweise von ihrer Schulzeit erzählen wollen, oder davon wie es war, zum ersten Mal zu onanieren.
E.T. ist trotzdem entstanden, und lief als Abschlussfilm in Cannes.

Das „Heimliche-Heimische“ kehre als Unheimliches aus der Verdrängung wieder, schrieb Freud 1919. Doch: „Nicht alles was an verdrängte Wunschregungen und überwundene Denkweisen der individuellen Vorzeit und der Völkerurzeit mahnt, ist darum auch unheimlich.“

Ich versuche mir vorzustellen, Rolf Olsen (1919 – 1998) wäre mit einem Film in Cannes gewesen. Immerhin war 1982 Romero mit Creepshow eingeladen. Aber Olsens letzter Spielfilm – im Jahr zuvor – trug den Titel Ein Kaktus ist kein Lutschbonbon.

Georg Gerlich, Schloss am Meer 1965 Museum Charlotte Zander Bönnigheim
Georg Gerlich, „Schloss am Meer“, 1965, Museum Charlotte Zander, Bönnigheim. Mein Lieblingsmuseum.

Im Archiv: Mehr Verborgenes hinter Bücherregalen und mehr über E.T.

Freitag, 04.07.2014

Heute

Mädchen, Mädchen (1967 Roger Fritz) 21:00 Zeughauskino Berlin
Nakinureta haru no onna yo (1933 Hiroshi Shimizu) 21:45 Sala Scorsese Bologna
Solo (1970 Jean-Pierre Mocky) 21:45 Cinémathèque française Paris
Rocker (1971 Klaus Lemke) 22:30 Münchner Freiheit

Samstag, 07.06.2014

Infrastruktur

The Hello Machine - 1974
The Hello Machine (1974 Carroll Ballard) *** Musik: Richard Rosmini, Kamera: Caleb Deschanel

Euphorie. Leicht zu erklären ist sie nie. In einer wohltemperierten Emulsion aus akustischen und elektronischen Klängen baden Bilderfolgen, die einen Abschiedsmoment zelebrieren: Das allerphantastischste Werkzeug, die menschliche Hand ist im Einsatz um Mechanik durch Elektronik zu ersetzen. Zum letzten Mal scheint das Sichtbare begreiflich, weil Finger es anfassen. Kommentarlos vollzieht sich – in den Farben eines Kindergeburtstags – diese Abschiedsfeier, die ein wunderschöner Irrtum ist. Denn der Hände Arbeit endet nicht. Nie kommen sie zur Ruhe. Arbeit zu erleichtern, Mühsaal abzuschaffen ist eine endlose Beschäftigung. Der Telefonmonopolist AT&T hat der „Informationsgesellschaft“ dieses frühe Denkmal gestiftet. Die Welt als fingerfertig geknüpfter Teppich, ein Gewebe gegenseitiger Grüße.

Operator 1969
Operator (1969 Nell Cox) ***
Musik: The New York Rock & Roll Ensemble, Kamera: Richard Leacock

Saul Bass entwarf 1969 für AT&T / Bell System ein neues Logo und eine Uniform. Abseits dieser Modernisierungskampagne wurde im selben Jahr ein Instruktionsfilm gedreht, über die Arbeit mit Switchboard und Telefonbuch. Zum Glück hat Operator nichts gemein mit jenen tristen Filmen, die aussterbende Berufe dokumentieren wollen. Wer weiß denn schon so genau, welche Berufe wirklich aussterben. Menschen, die am Telefon ihr Geld verdienen, gibt es heute viel mehr als 1969. Es ist gleichermaßen ein Dilemma und ein Glück, wenn aus unbezahlbaren, menschlichen Qualitäten die Instrumente der Berufsausübung werden. An beides, das Dilemma und das Glück, kommt Operator ganz wunderbar nah heran.

Liza's Pioneer Diary (1976 Nell Cox)
Liza’s Pioneer Diary (1976 Nell Cox)***

Nell Cox hat fürs Fernsehen einen Siedler-Western gedreht, in dem Frauen im Mittelpunkt stehen. Das ist der Film, den ich nicht kannte, aber irgendwie erträumte, als alle so begeistert waren von Meek’s Cutoff (2010 Kelly Reichardt). Weibliches Vertrauen in männliche Führer ist hier nicht das Sujet, sondern ausgetauschte Erfahrung; es wird viel geredet, und es wird gemeinsam gesungen. So wichtig wie die Mitgift in John Fords The Quiet Man, so wichtig ist in Liza’s Pioneer Diary ein Klavier. Es geht nicht um Schonung. Das muss vom Mann verstanden werden.

In dem kurzen Kinder-und-Hunde-Kriminalfilm Something Queer at the Library widmete sich Nell Cox 1978 einer interessanten Frage, die zehn Jahre später auch mich zu einem Super-8-Film inspirierte. Die Frage: Wer schneidet Bilder aus den Büchern einer Leihbibliothek?

Storm Center - 1956 - Daniel Taradash

Storm Center (1956 Daniel Taradash) erzählt von politischer Radikalisierung. Schon der von Saul Bass gewohnt grandios gestaltete Vorspann verheißt Ungewöhnliches. Die Bibliothekarin der Public Library soll ein bestimmtes Buch aus dem Bestand entfernen. Den jovialen Stadtväternn ist die stolze Verfechterin demokratischer Grundsätze zwar argumentatorisch überlegen, doch das verhindert nicht ihre Entlassung. Der daraus folgende innere Rückzug mündet in Vereinsamung.

Die Bibliothekarin wird gespielt von Bette Davis. Im „Modern Screen Magazine“ sagte sie: “Librarians almost always have been pictured as dowdy. Movies, novels, and short stories haven’t done right by librarians, and it is time somebody did something about it.” Bette Davis tut das auf ihre eigene höchstgefährliche Art, ganz so wie später unter Robert Aldrichs Regie ist sie nicht um sympathische Wirkung bemüht, sondern erzeugt in unerklärlichen Mischungen und Mengen: Furcht und Mitleid.

Storm Center - 1956 . Daniel Taradash

Das ist aber nur der halbe Film. Storm Center erzählt auch noch von der Radikalisierung eines neunjährigen Bücherwurms. Kritiker schrieben von einander ab, es gäbe für den Wahn des von Kevin Coughlin dargestellten Kindes keine zwingende Erklärung. Dabei gibt es unübersehbar gleich drei: Das Unterlegenheitsgefühl eines ungebildeten Vaters, die Überlegenheitsgefühle unterlegener Frauen, und der gelogene gesellschaftliche Konsens, der Kämpfe überflüssig nennt. Vater, Mutter, Staat. Das Monster mit den drei feuerspeienden Köpfen, das den Kleinen bei der Lektüre von Hawthornes „Wonder Book“ in Furcht versetzt, kann dafür als Gleichnis gelten. ***

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Drehbuchautor Daniel Taradash – hochgeschätzt für seine Adaptionen (From Here to Eternitity und Picnic), „a man I admire very much“ (Fritz Lang) – hat nur einen einzigen Film inszeniert. Schön, dass es IMDB-Kommentatoren gibt, die im Unterschied zu herablassenden Kritikern diesem unbekannten amerikanischen Klassiker zeitlose Aktualität bescheinigen. In Deutschland kam Storm Center nie ins Kino. 1975 strahlte der NDR ihn aus. Damals beschäftigte der Radikalenerlass das Bundesverfassungsgericht. Im Selbstvorwurf, nicht genug gekämpft zu haben, und im Schwur, „nur über meine Leiche wird noch mal ein Buch aus meiner Bücherei entfernt“, gibt Bette Davis in Taradashs Film der Demokratie ein Gesicht, das Feuer kennt.

The Wicker Man (1973)
The Wicker Man (1973 Robin Hardy) via

Öffentliche Bibliotheken gelten als „freiwillige“ Leistung. Über viele verschuldete Gemeinden sind sogenannte „Schutzschirme“ gespannt. Daher die „endgültige Maßnahme: Schließung„. Nicht erzwungen, sondern zwanghaft ist der Verzicht. Der Verzicht auf Vermögensteuer. Zudem werden Kapitaleinkünfte geringer besteuert als Arbeitseinkommen. Und so weiter.

Ich erinnere mich, es war 2007. Eine Urlaubsresidenz im Bauhaus-Stil, mit Blick auf beide Buchten von San Sebastian, trug in Schmiedeeisen den deutschen Namen „Verzicht“. Da mussten wir lachen.

Samstag, 19.04.2014

Ostern

ABC 2009
Die Auferstehung des ABC-Cinema am Brüsseler Boulevard Adolphe Max braucht noch Unterstützung.

In einem lokalen Fernsehbericht kann man in dem ehemaligen Pornobioscoop gestapelte 35mm-Kopien sehen, Hunderte nebeneinander. Wie geduldige Zeugen, die vielleicht nie mehr vernommen werden, warten sie da. Jederzeit würden sie vor unbefangenen, vom Bürgersteig weggelockten Geschworenen ihre skandalösen Aussagen wiederholen. Filme mit Stars wie Seka und Serena, Veronica Hart, Jamie Gillis und Ron Jeremy, sie liegen beisammen – Pharaoninnen und Pharaonen gleich – in dieser mit gebührendem Respekt geöffneten Gruft.

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Jede bahnhofsnahe Innenstadt war einst mit Lockung und Versprechen geschmückt. Kein Filmmuseum konnte einer Metropole je diesen Dienst erweisen. Größtenteils anonym und beinah vergessen ist die Kunst des gemalten Filmplakats. Links: Mittelamerika auf einem liebkosten Globus, Around the World with John „The Wadd“ Holmes (1975). August heißt der Grafiker, von dessen Plakat zum Film A Coming of Angels (1977) rechts nur ein kleiner Ausschnitt zu sehen ist. Die treffend benannte Webseite Wrong Side of the Art zeigt es in Gänze, hochaufgelöst. Ebenso: Juliet Anderson (1938 – 2010), Beyond Your Wildest Dreams (1981), vivid color for ladies and gentlemen over 21 years.

Mittwoch, 02.04.2014

Karten, Pläne und Modellbauten (III)

DeWitt
Cornelius Hugh DeWitt: The Golden Book Encyclopedia, 1959

1962 - Die Rote - Helmut Käutner
Die Rote (1962 Helmut Käutner)

Hinter einem Vorhang, hinter Glas: Mappa Mondo di Fra Mauro. Ein Mönch aus Venedig malte die Welt 1459 als runde Scheibe, deren Rand ihr Ende war. Obwohl die Schauspieler dazu verdammt sind Sätze von Alfred Andersch zu sprechen, lässt sich Käutners Film davon nicht seiner Freiheit berauben.

Gribiche (1926 Jacques Feyder)
Gribiche (1926 Jacques Feyder)

Eine Reliefkarte an der Wand und dazu noch ein riesiger Globus, soviel weite Welt ist ein Hohn auf den, der sich im Studierzimmer wie ein Gefangener fühlt. Gribiche (Jean Forest) will raus, will auf die Straße, will spielen.

the naked jungle 1954 byron haskin
Der Vorspann von The Naked Jungle (1954 Byron Haskin)

the naked jungle 1954 - byron haskin

Christopher Leiningen (Charlton Heston) besitzt von seiner südamerikanischen Farm eine Luftansicht, keine gewöhnliche Karte, sondern eine Fotografie, in Farbe, hinter zersprungenem Glas.

Die geliebten Schwestern
Die geliebten Schwestern (2014 Dominik Graf)

Friedrich Schiller (Florian Stetter) zeichnet Weimar in den Straßenstaub. Was der Mann zu seiner Standortbestimmung anstellt, wird von der Frau korrigiert und dient so beiden zur schnellen Vergewisserung der Geschlechterdifferenz.

München als Kissen
München als Kissen

Hatchechubbee
Hatchechubbee, Alabama, via Candler Arts

„Das Land dort unten schien geschwellt und aufgewölbt, mit den scharf rostbraunen Vierecken der Felder, den hellen wassergrünen Farben der Wintersaat (…). Er stand hier wie auf dem Dach seines Lebens, ja, ganz wie jemand, der viele Jahre hindurch ein Haus bewohnt hat, jedoch zum erstenmal hinaufkommt und aus der Luke schaut, Bekanntes aus solcher Höhe als neu betrachtend.“ (Heimito von Doderer: “Ein Mord den jeder begeht”)

Stone Co.'s birdseye map of San Jose California from 1901
via

Do you know the way to San Jose? / They’ve got a lot of space. / There’ll be a place / Where I can stay (Burt Bacharach – Hal David)

Heino Jäger hat isometrische Stadtpläne (für den Bollmann-Bildkarten-Verlag) gezeichnet.

The Odd Couple A Barnacle Adventure
The Odd Couple A Barnacle Adventure (1973 Robert Birnbaum)

Felix Unger (Tony Randall) referiert die Historie der Erfindung des Klebstoffs. Eine Produktpräsentation kann durch die Verwendung einer Landkarte an Seriosität gewinnen.

Martin Erhard
Martin Erhard: „Frei-Bad / für die reifere Jugend“

Detail einer von Martin Erhard kartografierten Phantasielandschaft, die aus über 50 DIN A2 Bögen besteht, die insgesamt eine Fläche von über 75 Quadratmetern einnehmen. Ergänzend dazu zeichnete er Pläne unterirdischer Räume – „zum Schauvergnügen mit sündhafter Geniessbarkeit“.

Quo Vadis 1951 Mervyn LeRoy
Quo Vadis (1951 Mervyn LeRoy)

Zoolander 2001 Ben Stiller
Zoolander (2001 Ben Stiller)

Die Anmaßung, mit der Architekturmodelle dem Imaginierten die Positur des bereits Existenten in der Welt verschaffen, kann zornig machen. Derek Zoolander (Ben Stiller) ist allerdings in einem Missverständnis befangen, wenn er gegen die Schulstiftung wütet: „Was soll das sein? Ein Zentrum für Ameisen? Wie will man Kinder in einer so winzigen Räumlichkeit unterrichten? Kein Kind passt da rein! Die Schule müsste mindestens… mindestens dreimal so groß sein.“

Dirty Harry 1971 Don Siegel
St. Peter and Paul Church, San Francisco; Dirty Harry (1971 Don Siegel) via

Empathieverlust und Mordgelüste, furchteinflößend unerklärt, nur vorgestellt, durch die Annäherung an die Perspektive, durch den Blick schräg herab.

Death Wish, Goldfinger
Death Wish (1974 Michael Winner) und Fort Knox in Goldfinger (1964 Guy Hamilton) via

stuttgart 21

In den Animationsfilmen, die erfolgreich für das kostspielige Projekt der Verkleinerung des Stuttgarter Bahnhofs warben, bekam die ganze Stadt das Aussehen eines Modells und alles Bestehende hatte plötzlich eine neu Farbe: Weiß. Eine Selbstreinigungsphantasie.

Cleopatra (1963 Joseph L. Mankiewicz)

Cleopatra 1963 Joseph L. Mankiewicz
Cleopatra (1963 Joseph L. Mankiewicz) via (e)space & fiction

Ein Seeschlachtensimulationstisch aus blauem Marmor auf dem Deck eines Schiffes. Margaret Thatcher (Meryl Streep) betrachtet etwas ähnliches in Iron Lady (2012 Phyllidia Lloyd).

Sowohl Billardtische als auch Modell-Eisenbahnen, sagt Bedwyr Williams, können dem, der sich darüber beugt, das Gefühl geben, Gott zu sein.

bedwyr williams

Der walisische Künstler Bedwyr Williams erzählt, dass er als 13jähriger einem Model-Eisenbahn-Club angehörte, dessen Räumlichkeiten nur zu erreichen waren, indem man irgendwie an den Billard-Club-Mitgliedern vorbei kam. Die Erinnerung an das mit diesen Begegnungen verbundene Unterlegenheitsgefühl inspirierte Williams zu einer Ausstellung, 2004 in Cardiff, für die er eine Landschaft aus zersägten und durchtunnelten Billardtischen schuf. Eine Phantasiewelt, in der Modeleisenbahnen die Herrschaft über die Billardwelt errungen haben.

pork chop hill 1959 Lewis Milestone
Pork Chop Hill (1959 Lewis Milestone)

„Dabei kommt mir noch ein anderes Bild in den Sinn. Das Schaukelpferd auf dem Garagenspielplatz hinter dem 60er Jahre Wohnblock, in dem meine Großmutter im Bayerischen Wald gelebt hatte. Das Pferd war ein langer Holzblock mit einem Holzkopf, aufgebockt auf einer eisernen Mechanik, die uns Kindern erlaubte auf dem Pferd quietschend zu schaukeln. Es hatte fast die Größe von einem echten Pferd. Aber es war ein altes Ross, übersät mit eingeritzten Liebesschwüren und Schweinereien. Es war völlig zernarbt von diesen Taschenmesserattacken und machte einen sehr desolaten Eindruck. Ich hatte es immer sehr gern gehabt, auf dem Pferd zu ruckeln. Aber eigentlich war der Spielplatz ein sehr stiller und einsamer Ort und das Pferd eine nackte Tristesse. Immerhin, als Bild stiftet es mir jetzt Sinn. Ein Kunstpferd, auf das Attentate in Form von Liebesgrüßen verübt wurden. Schnitzereien und Einschnitte ins Kerbholz.“ (Pico Be: Outland Empire)

marl 2013

Es lohnt sich, mal eine Reise nach Marl zu machen. Marl hat etwas vom alten Ägypten.

Marl November 2013 b
Dr. Günther Marschall, Stadtplaner / Marl

Wir sahen am Fuße eines schwarzen Eternitgebirges diesen gelben Laden, der gar kein Laden war, auch kein Café, und kein Kiosk, eher eine Art Schalter. Ein Postschalter? Nein, auch das nicht.

Marl, November 2013
Das Rätsel des gelben Internetschalters

Zwei wichtige Hinweise!

Heute beginnt unter der Überschrift „Besonders wertlos“ im Kölner Filmhaus das 16. Festival des deutschen psychotronischen Films. Auf Grund der zahlreichen Entdeckungen im vergangenen Jahr ist meine Vorfreude groß: Diesmal locken Namen wie Pewas, Vohrer, Olsen, Klaus Kinski, Elisabeth Volkmann und Wenzel Storch. Zum Auftakt läuft um 21:00 „im Rahmen einer ökumenischen Veranstaltung“ gemeinsam mit „something weird cinema“: Ich, die Nonne und die Schweinehunde (1972 Ernst Ritter von Theumer) ****

Am Freitag um 23:15 im WDR: Es werde Stadt! (2014 Martin Farkas und Dominik Graf)

Mittwoch, 19.03.2014

Das öffentliche Refugium

DeWitt
Cornelius Hugh DeWitt (1905 – 1995): The Golden Geography, 1959

Leuven 2014
„Das Geheimnis der vier Kegel“ und „Der unheimliche Briefkasten“

Ist man in einer fremden Stadt ganz ohne Ziel und lang genug auf den Beinen, sieht man mit Glück mal ein paar Sachen bar der Tücke der Gewohnheit.

Und Jimmy ging zum Regenbogen (1971 Alfred Vohrer) c
Und Jimmy ging zum Regenbogen (1971 Alfred Vohrer)

Ein Antiquariat, an dessen Regalen die Vergänglichkeit interesselos vorbeigeht; ein Lyrikband, aus dem ein einzelner Vers zur Dechiffrierung von Geheimdienstwissen taugt; eine heimliche Geldübergabe in ausgehöhlter Literatur; all das wird verfolgt und umschlichen vom Kameramann Charly Steinberger, der auf seine Art den alles erfassenden Zusammenhang akzentuiert, den spannende Romane dem Leben voraus haben.

box of tricks
Das Geheimnis der grünen Wählscheibe (via Island of Terror)

„Er dachte bei sich, wie in naher Zukunft, wenn die furchtbaren wissenschaftlichen Entdeckungen das Antlitz der Erde geändert haben würden, irgendein wunderlicher Philosoph gleich ihm vielleicht durch ein Fenster einen menschlichen Kopf betrachten würde, der bei Kerzenlicht las, und wie er solch einen Anblick über alle Worte rührend finden würde.“ (John Cowper Powys: „Wolf Solent“, 1929)

Wie groß wäre die Rührung wohl, sähe man heute durch ein Fenster einen Menschen an einem Mikrofilmbetrachter.

1964 - Wartezimmer zum Jenseits - Vohrer
Wartezimmer zum Jenseits (1964 Alfred Vohrer)

Wie groß wird die Verzweiflung sein, wenn das „Filmerbe“ – durch Digitalisierung „gerettet“ – für künftige Abspielgeräte die falsche Form hat?

Frituur Movie, Leuven, 2014
FRITUUR MOVIE, Burgemeesterstraat 42, Leuven / Louvain, Belgien

Dieser Imbiss verdankt seinen Namen einem inzwischen geschlossenen Kino in der Nachbarschaft. Ich überquerte die Straße in der Annahme es handele sich um eine Videothek. DVD-Wühltische locken mich an. Was Sven Safarow bei Eskalierende Träume über besonders hässliche DVD-Hüllen schreibt, gefällt mir sehr. Auch das, was ihm aus dem Gästebuch eines deutschen Lichtspielhauses ins Auge sprang.

Leuven Frituur Movie 2014

Im Eingangsbereich eines Kinos in Leuven gibt es statt eines Foyers einen kleinen Supermarkt für Popcorn und sonstiges, mit Regalen und Kassen. Zu den Sälen führt kein anderer Weg als da hindurch. In den ersten Minuten der Hunger Games verstanden wir die Dialoge nicht, wegen der lärmenden Essgeräusche im vollbesetzten Saal. Als es dann langsam immer leiser wurde, meinten wir zu erleben, dass der Film sich jedem verständlich mache.

Tote Taube in der Beethovenstraße (1973 Sam Fuller)
Tote Taube in der Beethovenstraße (1973 Sam Fuller) *

Der Detektiv verläuft sich. Ein Schwenk mit kleiner Fahrt begleitet ihn durchs Foyer der Lupe 2. Der Kölner Kinosaal ist seit Jahren ein verlassener Ort, unterm Erdboden.

our earth
„The How and Why Wonder Book of Our Earth“ (1960)

Es gab die berühmten Stufen, die hinabführten zur alten Pariser Cinemathek. Es gibt das Werkstattkino, das Münchner Filmmuseum, das Theatiner, das El Dorado, das Düsseldorfer Metropol… alle downstairs.
Hält das Kino, wenn es in Kellern seine Tempel errichtet, die Verbindung, die Camille Paglia der italienischen Religion attestiert: zum Erdkult, zum Heidentum?

Das Schmutzige und das Heilige sind eigentlich untrennbar. Dass dem so ist, kann nachvollzogen werden beim exzessiven Feiern. Denn Schmutziges und Heiliges sind Eins in jeder gelungenen Feier, in der ja, sofern sie gelingt, gemeinschaftlich das Schädliche genossen, die Gefahr bejaht, mithin die Todesfurcht befristet suspendiert wird. Beides jedoch von einander zu trennen, geschieht mit der Absicht, an Entsolidarisierung zu gewöhnen.

max ernst  Garden of France 1962 Der kleine Maulwurf Zdeněk Miler
Max Ernst: Garden of France (1962) Zdeněk Miler: Der kleine Maulwurf

Ist das Kino ein listenreicher Erdgott, der uns lockend herabzieht? In Hamburg wurde das alte Metropolis in neue Tiefen gezaubert, in verwirrende Geborgenheit. Böse wie in einem Märchen ist das Missgeschick des Berliner Arsenals, ewig auf den Blechboden eines zugigen Schachts verbannt zu sein.

Die Blaue Hand c
Die Blaue Hand (1967 Vohrer)

Hinter der Vertäfelung liegt der Felsgang.

1939 - The Cat And The Canary - Elliott Nugent
The Cat And The Canary (1939 Elliott Nugent)

Eine Gruselkomödie, lange vor den deutschen Wallacefilmen aus gleichem Material gemacht: Während die junge Erbin in der „Psychologie der Angst“ liest, wird der Testamentsvollstrecker erwürgt und hinter die bewegliche (!) Bücherwand gezogen.

Ich wollte es nicht glauben, als ich hörte, dass es in Hamburg ein Bücherregal von dieser seltenen Art gibt, wohinter sich der Zugang zu einem Tanzkeller verbirgt. Das Golem hat eine Webseite mit vielen Tonaufzeichnungen von hochinteressanten Lesungen, Vorträgen und Gesprächen. Zum Beispiel über den Verfassungsschutz oder über Dirty Dancing.

The Male Animal 1942 Elliot Nugent
The Male Animal (1942 Elliot Nugent)

Eine politische Komödie. Ein Intellektueller (Henry Fonda) in der krisenhaften Sorge, ob seine Frau (Olivia de Havilland) ihn noch attraktiv findet, weicht ihr aus, flieht zum Bücherregal.

Mit seiner Ankündigung, in der nächsten Unterrichtstunde – als Beispiel für große Literatur, die außerhalb akademischer Eliten entstand – etwas von Bartolomeo Vanzetti vorlesen zu wollen, löst er ungewollt eine antikommunistische Panik aus. Trotzdem bleibt sein Hauptproblem der tanzbegabte Schulfreund seiner Frau. Er kommt ins Grübeln über: das männliche Tier.

Ende November sah ich an der Straßenbahnhaltestelle ein Plakat von H&M: zwei junge bärtige Männer vor einem Bücherregal.

Make Love Not War 1967 Klett 06
Make Love Not War (1967 Werner Klett)

In einer Berliner Villa findet ein US-Soldat, der das Namensschild an seiner Uniform entfernt hat, im Bücherschrank ein pazifistisches Bilderbuch von James Thurber (der gemeinsam mit Elliot Nugent The Male Animal schrieb). Als seine junge Gastgeberin die nächste Platte als „guten Rausschmeißer“ ankündigt, nimmt er seine zuvor hinter den Büchern versteckte Pistole… und bittet um Unterschlupf.

Make Love Not War ist das unbekannte Verbindungsstück zwischen Trempers Playgirl und Lemkes Brandstifter. Den Sommer der Liebe, der dazwischen lag, verbringen das Mädchen aus Bielefeld und der Soldat, der eigentlich Schlagzeuger ist, mit Nichtstun oder Zuschauen… Im Planetarium sagt sie: „Ich hab Durst, aber hier gibt’s ja nix. Bei so was gibt es in Deutschland nie was zu trinken. Bei Kultur oder Kunst.“

1947 - My Favorite Brunette - Elliot Nugent
Ein Diktiergerät, das Schallplatten herstellt, in My Favorite Brunette (1947 Elliot Nugent)

Eine Film-Noir-Parodie mit Bob Hope und Dorothy Lamour, und Peter Lorre.

Als Alfred Eisenstaedt 1944 Fotos in der New Yorker Public Library machte, war auch der Regisseur Elliot Nugent dort.
Ich schaute mir in kurzer Folge vier seiner Filme an. Und zudem noch The Sins of the Children (1930 Sam Wood), an dem er als Darsteller und Autor einigen Anteil hatte. Im guten, schweren Lexikon von Ephraim Katz las ich: „His film career collapsed in the early 50s, when he began suffering from the effects of alcoholism and mental problems.“ Seine Autobiographie trägt den Titel „Events Leading Up to the Comedy“ (1965).

Party Girl 1995
Parker Posey in Party Girl (1995 Daisy von Scherler Mayer)

Laut Michael Glasmeier (Herausgeber von Wilhelm Fraengers „Formen des Komischen“) nutzte Fraenger die Bibliotheken „nicht, um sich eines humanen, aufgeklärten Menschenbildes zu versichern, sondern um die diabolische Fratze zu zeigen, die sich dahinter verbirgt. (…) Er betrat die Archive nicht, um das zu finden, was er suchte. Er benutzte sie als lebendigen Fundus eines anderen Wissens, eines verlorenen Wissens der Geheimlehren, Bräuche und Mythen. Er spürte ein Wissen auf, das sich in ‚Überschreitungen‘, in einer Helligkeit manifestiert, die von der Aufklärung geleugnet wird.“

Im Golem las Michael Glasmeier aus dem Kleinen Stimmungsatlas: A – Albernheit.

Louie, 2012
Parker Posey und Louis C.K. in Louie, Season 3 (2012 Louis C.K.)

Mir fällt kein Film ein, bei dem ich so sehr wie bei der Fernsehserie von Louis C.K. das Gefühl habe: nichts wird hier ausgesperrt, niemand bewacht den Eingang, es ist offen, alles kann hier rein, jede Peinlichkeit und jede Angst.

Im Banne des Unheimlichen
Whiskeyversteck. Im Banne des Unheimlichen (1968 Alfred Vohrer)

John Cowper Powys beschrieb in „Wolf Solent“ jene besondere „mystische Feierlichkeit, die alte Bücher, gleich alten Bäumen und alten Hecken, beim Herannahen der Nacht zeigen.“

Von der N.Y. Public Library schwärmte Helmut Färber 1981 mit den Worten: „Local History and Genealogy Division: einer, der sein Haus in strickgebundenen Mänteln um sich hat, kann da hinein.“

Im Banne des Unheimlichen 1968
Im Banne des Unheimlichen (1968 Alfred Vohrer)

Akten. Niemand will sich davor gerne portraitieren lassen. Ihr möglicher Wert teilt sich dem Auge nicht mit. Man weiß auch: Akten sind, sobald sie interessant sind, weg. Das ist im Wallacefilm wie beim Verfassungsschutz.

1964 - Wartezimmer zum Jenseits - Alfred Vohrer
Wartezimmer zum Jenseits (1964 Alfred Vohrer)

Bücher kaschieren hier eine Aufzugstür. Der Lift ist den Besuchern, die ihn benutzen, kein Geheimnis. Wozu dann die Bücher? Im Palast des Verbrechers darf das Buch – mit ihm das Gesetz – seine Nutzlosigkeit demonstrieren.

„Es sind die Ultrascope-Bilder von ungerührter Klarheit (Kamera: Bruno Mondi), die melancholischen Klavierkaskaden (Musik: Martin Böttcher), die alabasterglänzenden Unterwelten (Bauten: Mathias Matthies & Ellen Schmidt), die dieses Ballett des Mißtrauens und des Verrats, diesen Thriller, der cool an der Grenze von rauhem Spät-Noir und barocker Mabuse-Phantastik wandelt, über den (deutschen) Genre-Durchschnitt heben – aber es ist die nicht erzählte Liebesgeschichte zwischen einer müden Frau und einem draufgängerischen Grünschnabel, die im Gedächtnis bleibt.“ (Sebastian Schubert: Kinotagebuch)

Danger Diabolik
Der Superverbrecher in seiner Supergarage in Danger: Diabolik (1968 Mario Bava)

Tim Lucas hat sehr schön über Alfred Vohrer geschrieben. Er zieht Parallelen zwischen den Karrieren von Vohrer und Mario Bava.
Beide wurden 1914 geboren. Genau wie Vittorio Cottafavi, Marguerite Duras, Martin Ritt, William Castle, J. Lee Thompson, Robert Wise, Cy Endfield, Alberto Lattuada, und Herbert Reinecker.

im banne des uneimlichen
Eine Schallfolien-Postkarte. Im Banne des Unheimlichen (1968 Alfred Vohrer)

Vohrer lieh der unsichtbaren Bedrohung gerne seine Stimme. Seine Karriere, die in 4 großen Kapiteln mit den Produzentennamen Wendtland (14 x Wallace), Waldleitner (6 x Simmel), Ringelmann (28 x Derrick und 12 x Der Alte) und Rademann (Traumschiff und Schwarzwaldklinik) zu überschreiben ist, hat ein prägendes Vorspiel: seine 1000 Synchronregiearbeiten in den 50ern.

Die Blaue Hand
Die blaue Hand (1967 Alfred Vohrer)

„Haben die Menschen etwas zu verbergen?“ und „Habe ich selbst etwas zu verbergen?“ fragt Klaus Wyborny in seiner Elementaren Schnitttheorie.
Die Antwort auf beide Fragen hat etwas mit der „Definition von Normalität zu tun. Tatsächlich ist der Kampf um diese Definition, der Kampf um die Nichtausgrenzung der eigenen Position, wesentlicher Bestandteil der Demokratie. Merkwürdig ist nur, dass sich die meisten Menschen im Wesentlichen normal vorkommen, obwohl viele zugleich meinen, der Rest der Welt bestehe aus Verrückten.“

Tommy Cooper - A shelve portrait
Tommy Cooper: „A shelve portrait“ (1970)

Mittwoch, 26.02.2014

New Orleans, 26. Februar 1928

Fats Domino

Sonntag, 02.02.2014

Polizeiarbeit

Wronski und Pfaff - Das Millionengrab 2014

„Unempfindliche Augen sehen die Abenteuer von Helden, die keine Angst haben; dagegen verrät es eine im Kino oder sonstwo erworbene Reife, zu sehen, wie die besseren dieser Filme die Konzeption vertreten, dass ihre Figuren sich an die Angst gewöhnt haben.“ (Herbert Linder)

Man täuscht sich sehr, wenn man meint, wer noch sehr jung ist, hätte Interesse daran, im Film einen Menschen darzustellen, der noch sehr jung ist. Aber kaum etwas ist so selten wie ein Film, der Minderjährigen den Wunsch erfüllt Erwachsene sein zu dürfen. Warum?

Die Arbeit für wichtiger als das Vergnügen zu halten, das nannte Robert Louis Stevenson (1878): „Die Alptraumillusion des mittleren Alters – die bärenhafte Umarmung der Gewohnheit, die allmählich das Leben aus der Seele eines Mannes quetscht.“

„Durch das Schreiben gelingt es mir zu behaupten, dass ich bin, was ich einmal gewesen bin“ (Peter Handke)

„Ich liebe Kinder. Ich bin mit denen zur Schule gegangen.“ (Tommy Cooper)

Schnurrbarttage-an-der-Reformschule-Winterhude

Auf dem Foto (sitzend): Matthias Vogel, Thomas Oberlies und Sebastian Natto, mit vier Darstellern (stehend) des Action-Films Das Millionengrab

Die Premiere ist heute um 19:00 im großen Saal des „übel & gefährlich“ in Hamburg

Sonntag, 12.01.2014

13 Rue Madeleine 1947 Hathaway

Die Cinémathèque française zeigt in den nächsten Wochen 58 Filme von Henry Hathaway

John Wayne Henry Hathaway

To the Last Man (1933), Peter Ibbetson (1935), The Trail of the Lonesome Pine (1936), The Real Glory (1939), Brigham Young (1940), Home in Indiana (1944), 13 Rue Madeleine (1947), Kiss of Death (1947), Fourteen Hours (1951), Rawhide (1951), Garden of Evil (1954), Prince Valiant (1954), Legend of the lost (1957), From Hell to Texas (1958), Woman Obsessed (1959), Seven Thieves (1960), True Grit (1969)

Donnerstag, 26.12.2013

Bücherregale

colin-wilson1956
Colin Wilson (1931-2013)

Die große Frage, die den Philosophen Colin Wilson zum Entsetzen seiner Kritiker zeitlebens faszinierte: Warum ist nicht das ganze Jahr Weihnachten?

1943 - The Crystal Ball - Elliott Nugent
Das Bücherregal einer Wahrsagerin, in The Crystal Ball (1943 Elliott Nugent)

spellbound

In dem Buch, das Ingrid Bergman hier (in Spellbound, 1945) aus dem Regal zieht, ist die handschriftliche Widmung von Bedeutung, natürlich auch der Titel des Buches.

the lost moment 1947 martin gabel 1
The Lost Moment (1947 Martin Gabel), ein Film, der die Erklärung liefert für sein Anfangsbild: die Lücke in einem Bücherregal.

Male and Female 1919 DeMille
Male and Female (1919 Cecil B. DeMille)

1956 - Toute la mémoire du monde - Resnais
Toute la mémoire du monde (1956 Alain Resnais)

Saboteur
Saboteur (1942 Alfred Hitchcock), „Escape“ und „The Death of a Nobody“

1969 - Nachrede auf Klara Heydebreck - Eberhard Fechner
Nachrede auf Klara Heydebreck (1969 Eberhard Fechner)

Wer einsam und allein ist, fragt wahrscheinlich: Muss denn jedes Jahr Weihnachten sein?

the lost moment 1947 - martin gabel
The Lost Moment (1947 Martin Gabel)

Some Came Running
Somme Came Running (1959 Vincente Minnelli)

Die fixe Idee: Mit ganz wenigen Büchern auszukommen.

Gibt es einen einzigen Film, der den Beginn gemeinsamen Wohnens anhand des Umsortierens und Einsortierens von Büchern zeigt? Ja, Out of Africa (1985 Sydney Pollack). Dieser unglaublich schöne Film.

Es fehlt hier auch ein Bild von Patrick Dewaeres Tätigkeit in einem Antiquariat in Claude Sautets Un mauvais fils (1980).

PEEPING TOM 1960 Michael Powell
Peeping Tom (1960 Michael Powell), Die Angst und der Schutzumschlag

House That Dripped Blood (1971 Peter Duffell)
The House That Dripped Blood (1971 Peter Duffell)

the legend of hell house 1973 John Hough
The Legend of Hell House (1973 John Hough)

1976 - The Seven-Per-Cent Solution - Herbert Ross
Sherlock Holmes zu Besuch bei Freud, in The Seven-Per-Cent Solution (1976 Herbert Ross)

henry-paris
Naked Came the Stranger (1975 Radley Metzger)

Poirot fragt Hastings: „Pardon, mein Freund, aber kann es denn wirklich sein, dass du fünf verschiedene Bücher zu ein und derselben Zeit liest?“

the cop -james b. harris
The Cop (1988 James B. Harris)

„I recently found myself browsing a bookshelf full of progressive catholic books from the 1960s and 70s and there was a scanner in the room.“

Saraband 2002 Bergman
Saraband (2002 Ingmar Bergman)

Eine Genre-Tradition: die private Bibliothek als Schauplatz von Enthüllung, Duell, Mord.

Gentlemen Broncos - 2009 - Jared Hess
Der Vorspann von Gentlemen Broncos (2009 Jared Hess)

An diese Stelle gehört jetzt eigentlich die kleine Skizze zu einem großen Aufsatz über Materialien und Sammler: die Stofflichkeit und die Stoffeligkeit. Nur ein paar Stichworte: Holz, Faser, Faden, Folie, Leinen, Leder, Leim, Nuss, Nougat, Kork und Cord.

Vorsatz: Mehr fotografieren, auch mal in Büchereien, in Antiquariaten und in privaten Gemächern.

Buch ca. 1435 by Rogier van der Weyden
Gemälde von Rogier van der Weyden, ca. 1435

Das erinnert mich an meine alte Verkaufsidee! Kakao-Table-Books! (Coffee-Table-Books für Kinder!)

The Time Machine 1960,
The Time Machine (1960 George Pal)

Die Zukunft

(Bücher – und Filmkopien – überlebten schon viele Prognosen. So mancher, der vom Verfall redet, will nur aussortieren.)

Soylent Green
Edward G. Robinson in Soylent Green (1973 Richard Fleischer)


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