new filmkritik

Mittwoch, 12.12.2007

We were talking about the poetry of cinema

* KINO-SINE. Philippine-German Cinema Relations (herausgegeben von Tilman Baumgärtel, mit kurzen Texten u.a. von Lav Diaz, Harun Farocki, Werner Schroeter).

Sonntag, 09.12.2007

EINE KLEINE FABEL

Neulich geschah es, dass sich zwei Freunde – ein Anwalt und ein Mathematiker – in einem entlegenen Teil von London vor einer Buchhandlung trafen. Der Stand vor dem Geschäft zeigte eine Reihe von Romanen, die zum halben Preis angeboten wurden.
Nachdem die beiden Herren die gewöhnlichen Höflichkeiten ausgetauscht hatten und die notwendigen Fragen bezüglich ihrer Frauen und Kinder gestellt hatten, fielen sie in eine augenblickliche Stille zurück. Als der Anwalt bei seinem Freund Anzeichen von geistiger Anstrengung bemerkte, fragte er ihn, an was er denke. Der Mathematiker antwortete: ,,Ich blickte gerade zurück auf die Folge von kleinen äußeren Umständen, die mich von dem Ausgangspunkt meiner Haustür bis zu diesem unerwarteten Treffen auf der Straße führten.“
Als er dies hörte, geschah es, dass auch der Anwalt seinerseits zurückblickte. Er entdeckte ebenfalls, dass ihn eine Folge von kleinen äußeren Umständen auf abwegigen Pfaden auf das Stückchen Gehsteig, auf dem er stand, befördert hatte. „Nun“, sagte er, „und was hältst Du davon?“
„Ich habe vierzig Jahre lang“, verkündete der Mathematiker, „ein ernsthaftes Leben geführt.“
„So wie ich“, sagte der Anwalt.
„Und eben habe ich entdeckt,“ fuhr der andere fort, „dass ein Mann inmitten der Realität in unserem geheimnisvollen Leben auch ein Mann inmitten der Phantasie ist.“
Der Anwalt dachte ein wenig über diese Antwort nach. „Und auf was läuft Deine Entdeckung hinaus?“, fragte er.
„Nur darauf: ich war in der Schule; ich war auf der Uni; ich bin sechzig Jahre alt und meine Bildung ist nicht abgeschlossen. Guten Morgen.“
Sie trennten sich. Sobald ihm der Anwalt seinen Rücken zugekehrt hatte, lenkte der Mathematiker seine Schritte zurück in die Buchhandlung und kaufte einen Roman.
Der Anwalt sah sich in diesem Moment um. Etwas hatte einen starken Eindruck auf ihn gemacht. Er ging zurück zu seinem Freund. „Wenn Du mit dem Buch fertig bist“, sagte er „leihe es mir.“

„Eine kleine Fabel“ ist eins von Wilkie Collins‚ unveröffentlichen Schriftfragmenten. Wahrscheinlich stammt der Text aus den frühen 1880ern. Der Text wurde zuerst von der „Wilkie Collins Society“ im Juli 1996 veröffentlicht

Nun ja, es ist Dezember

Fernsehtipps: Monpti (1957 Helmut Käutner, mit Buchholz und Schneider) Mo MDR 22:50 / Cinderfella (1959 Frank Tashlin, mit Jerry Lewis und Anna Maria Alberberghetti) Di (Nacht auf Mi) NDR 1:15 / Blueberry (2004 Jan Kounen, mit Juliette Lewis) Mi (Nacht auf Do) ARD 1:05 / Runaway Bride (1999 Garry Marshall, mit Roberts und Gere) Do (Nacht auf Fr) Vox 1:05 / The Naked Spur (1952 Anthony Mann, mit Stewart, Leigh und Robert Ryan) Fr (Nacht auf Sa) RBB 1:00

Sonntag, 02.12.2007

MADONNEN

Man kann ganz mutlos werden, wenn man in der heutigen FAS den Text über Maria Speths MADONNEN liest.

Grotesk, dass ausgerechnet ein Film mit einer derart komplizierten Produktions- und Fördergeschichte, bei dem – wenn ich’s richtig weiß – lange Zeit nicht klar war, ob er regulär ins Kino kommen würde, hier als paradigmatisch für ein von irgendwelchen Fördergremien verhätscheltes Kunstkino diskutiert wird. Jede dumpfe Verallgemeinerungsmutmaßung („es wird wohl jeder…“, „und immer…“), jedes hässliche Ressentiment („offenbar zu faul war…“, „scheinen sich zu fein zu sein…“) steht im Dienst eines fröhlich-regressiven und zum nationalen Anliegen hochgepitchten Begriffs vom Kino.

„Regel Nummer eins: Sie brauchen eine Handlung.“ (File under: Kleines Film-ABC, Syd Field für Arme.) Ach herrje.

Ganz hübsche Pointe allerdings, dass die amerikanischen Filmemacher Lubitsch und Wilder hier umstandslos renationalisiert werden, um einmal mehr das alte Lied vom fehlenden deutschen Erzählkino runterzuleiern. Eine karitative Fehleinschätzung scheint mir auch, dass die alte Tante namens Dreiaktstruktur es nötig habe, dass jemand ihr mit einem FAS-Artikel publizistisch über die Straße hilft; bei den letzten Familientreffen der Deutschen Filmakademie kam sie mir fideler und tyrannischer vor als je zuvor.

Für mich war MADONNEN einer der erstaunlichsten Filme der letzten Berlinale. Wer darin nur Pizza in Echtzeit sehen will und statt des Films eine Zustandsbeschreibung des „deutschen Kinos“ erwartet (was das sein soll, dieses „deutsche Kino“, das war mir noch nie klar), ist selbst schuld. Mutlos wird man, weil das Produktionsumfeld in Deutschland eben wahrscheinlich doch so knallhart ist, dass ein Text wie der in der FAS darüber mitentscheidet, ob weitere solche Filme überhaupt gemacht werden können.

Peripher sei Dank, dass man MADONNEN ab Donnerstag im Kino sehen kann.

„Il n’y a pas de loi, ma Sophie, dans le cinéma. C’est pour ça que les gens l’aiment encore.“ (Godard: PASSION, 1981)

Freitag, 30.11.2007

Wolfgang Höpfner

studierte an der dffb, wo seine drei Filme entstanden sind. ZWEI PROTOKOLLE (1978) und VOR VIER JAHREN, VOR ZWEI JAHREN (1977-79) sind angesiedelt in der Zone des Widergesetzlichen und Übergesetzlichen, die Gefahr und Geheimnis in sich schließt. Sie handeln von Störenfrieden der Gesellschaft (Bewegung 2. Juni), deren illegale Handlungen sie zu Ausgestoßenen gemacht haben.
DER EWIGE TAG (1983) zeigt uns die Passerelle, Hannovers unterirdische Meile, die den Hauptbahnhof mit dem Geschäftsviertel der City verbindet. Ein Gewirr von Menschen, die unterwegs sind; andere wiederum pflegen sich hier mit Vorliebe aufzuhalten. Durch die geöffneten Poren dieser geschäftigen Zwischenwelt dringen Musik und Literatur ein, ziehen die Transzendenz in den Immanenzbereich, das Obere ganz in das Unten hinein. Wolfgang Höpfner liest die Texte so vor, daß sie ihrerseits als eine „Karawane der Wörter“ (Bitomsky) sich in die vorbeiziehenden Menschenströme mischen.
Auch nachts gehen die Lichter der Passerelle nicht aus: der ewige Tag. Aber der Lichtschein ist trübe und fahl. „Es ging mir auch durch den Kopf, daß die Gesellschaft von heute, während sie untergeht, sich manchmal wie eine große düstere Silhouette abzeichnet, wenn man sie gegen das Licht einer Erneuerung betrachtet“.

Arsenal 2
Donnerstag, 6.12., 19.30 Uhr: VOR VIER JAHREN, VOR ZWEI JAHREN (1979)
Samstag, 8.12., 19.00 Uhr: ZWEI PROTOKOLLE (1978) / DER EWIGE TAG (1983)

Donnerstag, 29.11.2007

Blut

Die Biographen ereifern sich darüber, dass die Hauptdarsteller die ganze Zeit besoffen waren, der beste Kenner klagt seitenlang, wie reaktionär der Regisseur sei, der Regisseur selbst behauptet, den Film nie gesehen zu haben. Eine schlechtere Presse als „The Horse Soldiers“ (1959) hat kaum ein Werk von John Ford. Und doch ist es ein bemerkenswerter Kriegsfilm, grimmig, aber nicht zähnefletschend, resigniert, aber ohne Selbstmitleid, zynisch, aber nicht widerlich. Er formuliert den Krieg in Inversionen; der Eisenbahningenieur, der Gleise in Klump legen muss, der Arzt, der bloß den Tod bringt, Kindersoldaten in Paradeuniformen, die die Schlacht gewinnen. Das stärkste Bild aber ist ganz undialektisch: Ein Sanitätshelfer tritt auf die Straße und schüttet einen Eimer Blut aus.

Sonntag, 25.11.2007

13/100

Die Geschichte von der Lehrerin, die auf die telefonische Empfehlung, sie solle mit ihren Schülern im Rahmen der Schulkinoinitiative ELEPHANT von Gus van Sant ansehen, mit der Einschätzung reagierte, für diese Klasse sei ein Tierfilm sicher nicht das richtige.

Mittwoch, 21.11.2007

We find looking and listening to be a political act

* James Benning: Life in Film, frieze 111, nov/dec 2007 [via K. Volkmer]

Montag, 19.11.2007

Das Ende der Wurst bleibt Film

Lektüre in PROFESSIONAL-PRODUCTION, Nr. 213, 11/07, S. 26-28, “ FILM-ARCHIVIERUNG, SEPARATION MASTER, 100 Jahre und länger“:
Arri fädelt neue Geschäfte ein. Aus dem Fleischwolf der Wertschöpfungskette – Dreh auf Film, digitale Postproduktion, DVD-Edition, Digital-Cinema-Master – kommt zuletzt für die Kino-Auswertung das ausbelichtete Farbnegativ. Die Farbemulsionen jedoch enthalten organische, kompostartig vergammelnde Substanzen. Schwarzweißfilm basiert auf weit beständigeren Silberhalogeniden; Kodak preist eine Haltbarkeit von 500 Jahren an.
Zur Mumifizierung von Filmwerken gilt es, die Farbnegative umzukopieren – jeder Farbauszug (YMC: Yellow, Magenta und Cyan) jeweils separat auf Schwarzweiß, wie beim Off-Set-Druck oder einst beim Technicolor-Verfahren.
Man appeliert an die Verantwortung, das mit Filmförder-Millionen aus öffentlichen Mitteln hergestellte Kultur- und Wirtschaftsgut vor der Zersetzung zu bewahren; die Rede ist von Spielfilmen oder „effektlastigen TV-Filmen“. Indem aus Steuergeldern Filme werden, leitet sich der Anspruch ab, diese Allgemeinguts-Mobilie doch bittschön gebührend alterszusichern. Mit der Produktionsförderung sollen auch die Kosten für die Langzeitarchivierung verknüpft und draufgeschlagen werden, zur Bezahlung der mit dem Sicherungs-„Separation-Master“ zu beauftragenden Besitzer der dazu prädestinierten Arrilaser-Maschine, damit „Mädchen Mädchen II“, „Sturmflut“ und „Das Wunder von Bern“ nicht vermodern. Vorbild ist ein US Studio, das die Sicherungskopien just in einem Salzbergwerk in Pennsylvania einlagert.
Im Filmbild sei – entscheidender Vorzug gegenüber all den migrationsfreudigen Datenträgerformaten – das Bild selbst als optischer Klartext enthalten, ohne Verschlüsselung und Algorithmus. Die homosapientische Kompetenz in Angelegenheiten von Optik und Strahlengang sei beständiger als das Software-Gepütschere; das Heilsversprechen der Digitalisierung ins Gegenteil gewendet.
Wiederum der Zunahme des Korns beim Ineinanderkopieren dreier Filmbilder – um aus der Sicherungskopie in ferner Zukunft erneut ein vervielfältigbares Ganzes zu machen – tritt man mithilfe digitaler Grain-Reduction-Systeme entgegen. Das Korn lasse sich in die Struktur und den „Look“ der im Original verwendeten Emulsion wandeln.
So ersinnt der Hersteller der zu verwendenden Arrilaser-Maschinen, mit denen zunächst aus den Rechnern heraus die Negative aktueller Großtaten für die Kinoauswertung ausbelichtet werden, den Mehrwert einer besseren Auslastung der teuren, nun in ihrer Attraktivität noch gesteigerten Geräte; tags Produktion, nachts Archivierung.
Arri-Kameras, Arri-Licht, Arri-Postproduktion mit Visual Effects, Tonstudio, Kopierwerk und – fürs Gedächtnis der Menschheit – Arri-„Separation-Master“.
Gewinn-Generierung im Felde des Films; schöpferischer Geist des Entrepreneurs. Das Derbe des Wortes „Unternehmer“ bekommt einen Anklang von Adel.

12/100

Die Geschichte vom amerikanischen Kinoveteran, der – sicher auch, weil sein Vater die nervtötende Musik für die restaurierte Fassung von 1980 geschrieben hatte – die Veröffentlichung einer neuen, um 95 Minuten längeren und mit Teilen der Originalmusik vertonten Version des französischen Monumentalfilmklassikers mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern wusste.

Donnerstag, 15.11.2007

Drive, He said

Festtafeln vor üppigen Brokatstoffen, die neureiche russische Oberschicht im Londoner Exil diniert an öffentlich unsichtbaren Orten, auch wenn die Stamford Bridge nicht weit ist. „Arsenal“ ist hier das letzte Wort eines lebensmüden Schwachsinnigen. Großartige Szene: wie sich der Sohn des Friseurs im Namen einer der beiden Roten Armeen der Premiere League dem blauen Strom entgegenstellt. Chelsea heißt hier Chelski, Viggo Mortensen, der Chauffeur, kennt die neue Topographie und die alten Klassenverhältnisse: Slaves give birth to slaves, sagt er zweimal im Film, wenn ich mich richtig erinnere. Eine weitere Geschichte der Gewalt kulminiert in einer Performance, die an experimentelles Theater denken lässt. Andererseits: Diese Archaik kann nur die relative raumzeitliche Kontinuität der Plansequenz entfalten. Mortensen-Fans werden dennoch auf die DVD warten, um ihre Wahrheit im freeze frame zu suchen. Die Gangster-Posen sind vergrößert und zugleich verdichtet, einmal durch ihre eigene Geschichte als Zeichen hindurchgegangen, aber anders als bei den Sopranos. Die vori v zakone hatte keinen Al Pacino, ihr Initiationsritual liest die Geschichte aus den Oberflächen des Körpers und formuliert eine viel profundere Entindividualisierung. Mob minus Katholizismus? Den melodramatischen Kern des Films legt Cronenberg von Anfang an offen, man vergisst ihn nur zwischenzeitlich. Daher die Wucht des protoreligiösen Bildes: eine heilige Familie, deren Anblick die Kamera zurückweichen lässt. Als würde sie ahnen, dass die homoerotische Energie auch durch eine Maria im Lederdress kaum reproduktiv umzulenken ist. Ordinary People haben englische Tapeten.

Eastern Promises (David Cronenberg) UK/CA/USA 2007


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