new filmkritik

Mittwoch, 30.05.2007

Amazing Grace

Ricky Bobby: Dear Lord Baby Jesus, or, as our brothers in the South call you: Jesús, we thank you so much for this bountiful harvest of Domino’s, KFC, and the always delicious Taco Bell. I just want to take time to thank you for my family, my two beautiful, beautiful, handsome, striking sons Walker and Texas Ranger, of T.R., as we call him, and of course my red-hot smoking wife, Carley, who is a stone-cold fox…

Cal Naughton, Jr.: … Mmm…

Ricky Bobby: … who if you would rate her ass on a 100, it would easily be a 94. Also wanna thank you for my best friend, Cal Naughton Jr., who’s got my back no matter what.

Cal Naughton, Jr.: Shake and bake.

Ricky Bobby: Dear Lord Baby Jesus, we also thank you for my wife’s father, Chip. We hope that you can use your baby Jesus Powers to heal him and his horrible leg. It smells terrible and the dogs are always bothering with it. Dear tiny infant Jesus, we —

Carley: Hey, you know, Sweetie, Jesus did grow up. You don’t always have to call him „baby“. It’s a bit odd and off-puttin‘ to pray to a baby.

Ricky: Well, look, I like the christmas-Jesus best and I’m saying grace. When you say grace, you can say it to grownup Jesus, teenage Jesus, bearded Jesus, whoever you want.

Carley: You know what I want? I want you to do this grace good, so that God will let us win tomorrow.

Ricky Bobby: Dear tiny Jesus in your golden-fleece diapers, with your tiny, little, fat, balled-up fists, pawing at the air.

Chip: He was a MAN… He had a BEARD!

Ricky Bobby: Look: I like the baby version best, do you hear me? I win the races and I get the money.

Carley: Ricky, finish the damn grace.

Cal Naughton, Jr.: I like to picture Jesus in a tuxedo T-Shirt, ‚cause it says, like: „I wanna be formal, but I’m here to party, too.“ Cause I like to party, so I like my Jesus to party.

Walker: I like to picture Jesus as a ninja fighting off evil samurai.

Cal Naughton, Jr.: I like to think of Jesus like with giant eagles‘ wings, and singin‘ lead vocals for Lynyrd Skynyrd with like an angel band and I’m in the front row and I’m hammered drunk!

Carley: Hey Cal, why don’t you just shut up.

Cal Naughton, Jr.: Yes, ma’am.

Ricky Bobby: Okay. Dear 8-pound, 6-ounce, newborn infant Jesus, don’t even know a word yet, just a little infant and so cuddly, but still omnipotent, we just thank you for all the races I’ve won and the 21.2 million dollars, wooh!

Carley: Wooh!

Cal Naughton, Jr.: Wooh!

Walker and Texas Ranger: Ahh!

Ricky Bobby: Love that money! That I have accrued over this past season. Also, due to a binding endorsement contract that stipulates I mention Powerade at each grace, I just wanna say that Powerade is delicious, and it cools you off on a hot summer day. And we look forward to Powerade’s release of Mystic Mountain Blueberry. Thank you, for all your power and your grace, dear baby God, Amen.

[Talladega Nights: The Ballad of Ricky Bobby, USA 2006, Regie: Adam McKay]

Mittwoch, 23.05.2007

Zeitschriften-Hinweis

„Die Deutschen sind wieder wer, zumindest im englischen Kinoleben. “The Life of Others” schaffte es auf Anhieb in die Box-Office-Top-Ten! Und “Downfall” war auch sehr interessant! Und über “Goodbye Lenin” lachen wir noch heute – konzedieren sogar Leute, die sonst wenig am German sense of humour finden. Ach ja, und die Scholl-Story. Der wohlwollende TimeOut-Kritiker sieht schon die goldenen 70er wieder heraufziehen. Namen wie Herzog, Schlöndorff fallen. Die geschichtsfaule Selbstbeschaulichkeit des neudeutschen Films, die Anekdotisierung des Grauens, die fernsehaffine Gefühlsstromlinie stören im Vereinten Königreich nicht groß. Denn solcher Historienduseligkeit gibt man sich hier selber auch gern hin, als sei es eine Unterart der Gärtnerei, und spricht ironiefrei von “wir”, auch wenn schon Jahrhunderte ins Land gezogen sind.

Auch dem Besuch aus Berlin ist es aufgefallen, daß überall “The Life of Others”-Plakate hängen. Aber auch das gute deutsche Kino ist vertreten, sage ich irgendwie entschuldigend, und ergänze: Immerhin bringt das Goetheinstitut gerade eine Reihe über die Berliner Schule. Was für eine Schule?, fragen die Berliner.“ (Redaktion „filmtext“, Auslandsdependance London)

Seltener geworden, aber nicht nur deshalb einen Hinweis wert: neue Texte bei filmtext.com.

Sonntag, 20.05.2007

Straub / Huillet / Pavese (III) – Verteidigung der Zeit

Quei loro incontri

Am Dienstag, dem 22. Mai, zeigt 3sat um 23.35 Uhr QUEI LORO INCONTRI (JENE IHRE BEGEGNUNGEN) von Danièle Huillet & Jean Marie Straub ( siehe Dossiers I / II ). Zuvor, um 23.10 Uhr, wird – als Einführung – VERTEIDIGUNG DER ZEIT von Peter Nestler gezeigt. Einiges dazu, und ein Ausblick hier.

Straub / Huillet / Pavese (III)

Chimaere
VERTEIDIGUNG DER ZEIT – Deutschland 2007 – Buch und Regie: Peter Nestler – Redaktion: Inge Classen – Produktion: strandfilm mit ZDF/3sat – 25 min

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Stockholm, April 2004 – Ausschnitte aus Gesprächen bei einer Straub/Huillet-Retrospektive im Schwedischen Filminstitut

Jean-Marie Straub – Also, nix mit Time is Money.

Danièle Huillet – Ja, eben. Die einzigen Waffen, die Sie haben können und die man hat, das ist eben die Zeit. Weil die Leute, die Geld haben, die haben nie Zeit. Weil es ist ganz klar: Geld muß schnell wieder investiert werden. Da kann man keine Zeit verlieren, usw. Wenn Sie aber Zeit haben, dann sind Sie trotzdem stärker, auch auf die Dauer.

JMS – Selbst in einer Welt wie diejenige, die wir erreicht haben. Wir haben ein bissel, wir …

DH – Aber das bezahlt man, das ist klar. Das bezahlt man trotzdem, weil …

JMS – Man bezahlt das nicht. Das sind die Nerven und die Knochen, mit denen das bezahlt wird.

Danièle Huillet und Jean-Marie Straub 2004 in Stockholm

JMS – Die Filme, die wir machen, sind …

DH – Ich glaube, das Problem von den Filmen ist nicht, daß sie intellektuell sind, sondern, daß sie zu einfach sind.

JMS – Ja. Die sind – wie nennt man das – sensuels.

DH – Sinnlich.

JMS – Die sind sinnlich, einfach. Die sind sinnlich, die … erzählen eine Geschichte, die sind Figuren. Aber die sind sinnlich – jede Sekunde da drin bedeutet: Schaut euch das an, das Licht, die Bewegung, hört euch das an, usw. Das ist etwas, was nicht ein zweites Mal passieren wird.

***

Türschwelle
© Giulio Bursi

Jean-Marie Straub lebt und arbeitet wieder in Buti. Nächste Woche hat „Das Knie der Artemis“ im Teatro Francesco di Bartolo Premiere. Gewidmet Danièle Huillet, nach dem 6. Dialog („Das Wildtier“) aus Cesare Paveses „Gespräche mit Leucò“.

… die Rückkehr von Jean-Marie Straub, leider allein, der Danièle sein „Lied“ widmet: in einem einzigen kurzen Akt einer leuchtenden, poetischen Beschwörung. Mit der Präsentation dieses Dialoges geheimnisvollster und stärkster Rührung bedanken wir uns bei Danièle Huillet – für alles, was sie uns in all diesen Jahren mit ihrer Sanftheit und ihrer Strenge geschenkt hat, und bei Jean-Marie, der beschlossen hat, von hier aus wieder neu anzufangen – hier, wo er immer herzlich willkommen sein wird, und wo – wie er wohl weiß – in den Lichtungen der Wälder die Erinnerung in ihrer Gegenständlichkeit die Gegenwart überflügeln kann und zum Einzigen wird, woran man festhalten kann, um weitergehen zu können. – Dario Marconcini

Theaterzettel

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Das Wildtier

Wir sind überzeugt, daß das Liebesverhältnis der Artemis zu Endymion kein sinnliches war. Das schließt wohlverstanden nicht aus – im Gegenteil –, daß das weniger kraftvolle der beiden sich sehnte, Blut zu vergießen. Das nicht sanftmütige Wesen der jungfräulichen Göttin – der Herrin des Wildes, die in die Welt emporgetaucht ist aus einem Wald unbeschreiblicher göttlicher Mütter vom ungeheuerlichen Mittelländischen Meer – ist uns bekannt. Ebenso bekannt ist, daß einer, wenn er nicht schläft, gern schlafen möchte und in die Geschichte eingeht als der ewige Träumer.

ENDYMION: […] Fremdling, steige ich auf den Latmos hinauf, so bin ich kein Sterblicher mehr. Schau nicht auf meine Augen, die zählen nicht. Ich weiß, daß ich nicht träume, so lange schon schlafe ich nicht mehr. Siehst du dort auf dem Felsen die Flecken jener Buchen? Heute nacht war ich dort und habe auf sie gewartet.

FREMDLING: Wer mußte kommen?

ENDYMION: Sprechen wir ihren Namen nicht aus. Sprechen wir ihn nicht aus. Sie hat keinen Namen. Oder hat viele, ich weiß. Gefährte, weißt du, was die Waldschrecknis ist, wenn sich da eine nächtliche Lichtung auftut? Oder nein. Wenn du zur Nachtzeit an die Lichtung zurückdenkst, die du tagsüber gesehen und durchquert hast, und es dort eine Blume gibt, eine Beere, die du kennst, die im Winde schwankt, und diese Beere, diese Blume zwischen allem Wilden etwas Wildes, Unantastbares, Tödliches ist? Verstehst du das? Eine Blume, die an ein Wildtier gemahnt? […]

ENDYMION: […] Ich schlief eines Abends auf dem Latmos – es war Nacht – ich hatte mich beim Herumschweifen verspätet, und sitzend schlief ich, gegen einen Baumstamm gelehnt. Ich erwachte unter dem Mond – im Traum hatte ich einen Schauder beim Gedanken, daß ich mich dort in der Lichtung befand – und ich sah sie. Ich sah sie, die mich mit jenen ein wenig schrägen Augen ansah. Ich wußte es damals nicht, wußte es am andern Tag nicht, gehörte ihr aber schon, war schon in den Kreis ihrer Augen, des Raumes, den sie besetzt hielt, der Lichtung, des Berges, gebannt. Sie grüßte mich mit einem verhaltenen Lächeln; und ich sagte zu ihr »Herrin«; und sie runzelte die Stirn wie ein etwas verwildertes Mädchen, als hätte sie mein Verwundern begriffen, und fast erschrak ich im Innern über die Benennung Herrin. Immer blieb dann zwischen uns jener Schrecken. O Fremdling, sie sagte mir meinen Namen und trat mir nahe – das Gewand reichte ihr nicht bis zum Knie – und die Hand ausstreckend, tastete sie mir übers Haar. Fast zögernd berührte sie mich, und ein Lächeln kam ihr, ein unglaubliches, tödliches Lächeln. Ich war im Begriff, ihr vor die Füße zu fallen – ich dachte all ihre Namen – doch sie hielt mich zurück, wie man ein Kind zurückhält, mit der Hand unter dem Kinn. Ich bin groß und kräftig, du siehst mich, sie war stolz und hatte nur jene Augen – ein mageres, wildes Mädchen – ich aber war wie ein Kind. »Du mußt nie erwachen«, sagte sie. »Mußt dich nicht bewegen. Ich werde dich wieder besuchen.« Und fort ging sie über die Lichtung. Jene Nacht durchlief ich den Latmos bis zur Frühdämmerung. Ich folgte dem Mond in alle Schluchten, ins dichte Gehölz, auf die Gipfel. Ich spitzte das Ohr, das mir von jener etwas rauhen, kalten, mütterlichen Stimme wie von Meerwasser noch ganz gefüllt war. Jedes Rascheln und jeder Schatten hielten mich an. Von den wilden Geschöpfen sah ich nur halb, wie sie flohen. Als die Helligkeit kam – ein etwas schwarzblaues, überzogenes Licht –, sah ich von hoch auf die Ebene hinab, auf diese Straße, wo wir einhergehn, Fremdling, und ich begriff, daß ich nie mehr leben würde unter den Menschen. Ich war keiner der Ihrigen mehr. Ich wartete auf die Nacht.

FREMDLING: Unglaubliche Dinge erzählst du, Endymion. Unglaublich darin, daß du lebst und noch immer einhergehst – obwohl du zweifellos auf den Berg zurückgekehrt bist – und dich die Wilde, die Herrin mit den Namen, sich noch nicht zu eigen gemacht hat.

ENDYMION: Ich bin ihr zu eigen, Fremdling. […]

(Deutsch von Catharina Gelpke. Classen Verlag, Hamburg 1958)

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Waldstück
© Giulio Bursi

Im Juni dann die Dreharbeiten zum neuen Film, im Wald von „Il Seracino“ bei Buti – dem Schauplatz von mittlerweile vier Filmen von Danièle Huillet & Jean-Marie Straub, der doch immer wieder neu zu sehen und zu entdecken ist. „Die Unruhe ist wahrhaftiger und schärfer, wenn sie eine vertraute Sache zersetzt. Wir wissen, daß die sicherste – und die schnellste – Art sich in Erstaunen zu versetzen ist, einen selben Gegenstand starr anzuschauen. Eines schönen Tages – o Wunder – wird uns dieser Gegenstand erscheinen, als hätten wir ihn noch nie zuvor gesehen.“

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K. V. – Dank an: Peter Nestler, Dieter Reifarth, Mike Jarmon, Pierangela Hoffmann, Romano Guelfi, Giulio Bursi.

Samstag, 19.05.2007

Montag, 07.05.2007

Umzug

Bisher waren wir bei blogger und antville, ab jetzt geht es hier weiter. Auch das Archiv mit allen Einträgen seit November 2001 ist umgezogen.

Großer Dank an Erik Stein für die technische Unterstützung.

Freitag, 04.05.2007

A Trace in the Desert in the Form of a Circle next to a Naked Tree

Erinnerungen an UMUT (1970, Serif Gören/Yilmaz Güney), gesehen vor gut einer Woche: Der Droschkenfahrer, gespielt vom Regisseur Yilmaz Güney selbst, der sein Pferd verliert und den ohnehin ziemlich aussichtslosen Job nicht weitermachen kann. Er rackert sich ab, um Geld für ein neues Pferd aufzutreiben, aber überzeugend sind diese Manöver nicht, zumal die Stadtverwaltung die anachronistischen Gefährte per Dekret verbieten will.

Das harte Schwarz-Weiß und wie die Realität einer Stadt im Umbau in die Bilder hineinsickert: Brachen, halbfertige neue Wohnblocks, Kräne, dagegen die engen Slums, in denen der Droschkenfahrer mit seiner Familie wohnt.

Es waltet eine merkwürdige Grammatik im Film. Später, im Gespräch, wird einer von uns zurecht fragen, ob das denn überhaupt eine Grammatik sei. Stimmt: Es waltet vielleicht keine Grammatik im Film, nicht einmal eine merkwürdige. Mir kam es zum Beispiel vor, als habe Güney eine bestimmte mittlere Einstellungsgröße einfach weggelassen. Die einfachsten Sequenzen bekommen dadurch etwas Unbeholfenes, Stolperndes. Wenn er die beiden Kinder auf dem Weg zum Einkauf filmt, sieht man sie einmal von Nahem und dann, unvermittelt, aus einem ganz exzentrischen Kamerawinkel vom Dach eines Gebäudes aus. Vergleichbares passiert häufig, und es hat eine Desorientierung zur Folge, die zwar gar nicht unangenehm ist, von der man allerdings nicht weiß, welcher Überlegung sich dieser Einfall verdankt. Überhaupt: Das Verhältnis von Einfall und Überlegung. Wahrscheinlich ist das nicht besonders gut, wenn einer zu viele Einfälle hat für seinen Film. Aber genau dies scheint Güneys Film selbst nach einer Weile zu merken, weshalb er sich nach 50 Minuten zur radikalen Einfallsaskese entschließt.

Schluss jetzt: Keine Einfälle mehr! denkt der Regisseur. Doch, diesen einen noch, bittet der Film. Na gut, lenkt der Regisseur ein, aber ehrlich gesagt sind jetzt beide ein bisschen unzufrieden, Film und Regisseur. Der Hauptdarsteller vermittelt.

Mit einem etwas zwielichtigen Typen, der von Beginn an in regelmäßigen Abständen von einem Schatz daherredet, verlassen der Droschkenfahrer und ein Freund die Stadt und machen sich auf die Reise. In der Nähe eines Flusses, zwischen zwei Brücken, gleich neben einem nackten Baum, sei dieser Schatz zu finden. Das ist eigentlich alles, und der Plot wirkt jetzt so karg wie die Wüstenlandschaft, durch die der Film sich mit den drei Figuren und zwei Eseln bewegt. Dieses Zurückschrauben von narrativen Einfällen führt ärgerlicherweise dazu, dass ich als Zuschauer auf einmal glaube, die Einfälle produzieren zu müssen, die der Film mir bisher im Überfluss aufgezwungen hatte und jetzt plötzlich vorenthält. So wie man, wenn das Gegenüber nach einem langen Gesprächsbeitrag schweigt, sich aufgefordert fühlt, nun doch bittschön selbst mal was zu sagen.

Einer dieser Einfälle war der, dass diese Leute mit ihrem Spleen etwas von den Gestalten haben, die man aus Kiarostami-Filmen kennt und dass dieser Film daher auch etwas mit Kiarostamis Filmen zu tun haben müsse. Man kann aber an dieser Kiarostami-Assoziation studieren, dass es nicht automatisch gut sein muss, wenn einem zu einem Film etwas einfällt. Im Gegenteil. Die Bilder aus den Kiarostami-Filmen, an die ich mich erinnerte, waren für das Nachdenken über UMUT überhaupt nicht hilfreich. Diesem Kiarostami-Einfall gegenüber musste ich mich verhalten wie gegenüber einer lästigen Fliege, die sich mit sicherem Instinkt immer dort niederlässt, wo sie besonders stört.

Ich war deshalb dankbar, als der Droschkenfahrer beginnt, einen großen Kreis aus Steinen neben dem Baum auszulegen. Er benutzt seinen Daumen wie eine Wünschelrute, und die bisher eher folkloristische Musik wird von einer türkischen Krautrockvariante abgelöst. Vielleicht lag es an dieser Musik, vielleicht an der Art, wie dieser Steinkreis und der mit der Spitzhacke arbeitende Mann gefilmt sind, jedenfalls ist dieser Film von 1970 plötzlich ganz woanders als bisher, er hat sich vollständig gelöst von der Zeit, der Geografie und der sozialen Realität, die seine erste Hälfte bestimmte. Statt an Kiarostami dachte ich jetzt an Robert Smithson und Jan Dibbets und an die Earth Art Ausstellung, Cornell University, Ithaka 1969. Erdmassen, die bewegt werden, Wahrnehmung von Landschaft als potentieller Skulptur. Mit einem Schatz hatte dieses Loch nichts mehr zu tun, es war ein Beitrag zu etwas ganz anderem als der Erzählung dieses Films oder der Filmgeschichte.

Dass dieser Gedanke nicht weit führt und mit Recht als herbeigeholt bezeichnet werden kann, ist unerheblich. Mir rettete er in diesem Moment Güneys Film, denn einen solchen Schizo-Spagat zwischen neorealistischem Melodram und hochabstrakter türkischer Land-Art Adaption hatte ich in dieser Form noch nicht gesehen.

Donnerstag, 03.05.2007

Veranstaltung

8. Mai 2007, Akademie am Hanseatenweg 10, 10557 Berlin, 19.00 Uhr, Kunst und Öffentlicher Raum – Beispiel Filmkritik: Journalismus und Public Relation in den Medien – mit Rainer Rother, Heike Melba Fendel, Andres Veiel, Günter Rohrbach, Jan Schulz-Ojala, Anke Zindler, Gregor Schwering, Ulrich Greiner, Rüdiger Suchsland und Claudia Lenssen

Sonntag, 29.04.2007

Kino-Hinweis

„Der Film ist damals (1999) völlig zu unrecht sowohl in Frankreich als auch in Deutschland ziemlich untergegangen. Hauptgrund dürfte sein, dass er nicht in die Schublade ‚französischer Film‘ passt und die Inhaltsangabe sich nach langweiligem, uncoolem Sozialdrama anhört – aber weit gefehlt: Es ist einer der spannendsten, poetischsten Filme der 90er und müsste in einer Reihe stehen mit den besten Dumonts und Dardennes. – Der Vergleich hinkt etwas. Vermillard ist viel undogmatischer, hat viel mehr Humor und Tempo. Die Laien/Schauspieler-Besetzung ist großartig und die Autorin macht ihre Figuren nie zu Opfern, sondern zu einzigartigen, überraschenden Individuen.“

Sagt Ulrich Köhler, der den Film morgen abend in der Reihe „Mein Film“ im Central zeigt:

LILA LILI
F 1999
Regie: Marie Vermillard
Central Berlin, Rosenthaler Straße 39
30. April
20.00 Uhr

Donnerstag, 26.04.2007

Helmut Färber zum Geburtstag

Heute vor 70 Jahren, „am Tag des Bombardements von Guernica“, wie er in der Rubrik „Lebensläufe“ in der 100. Ausgabe der Filmkritik schrieb, wurde Helmut Färber in München geboren.

Der Text geht so weiter: „Meine Eltern sind Kaufleute. In Regensburg bin ich aufgewachsen, und dort habe ich auch eine polytechnische Erziehung erlebt. Realgymnasium bis 1955, danach, sehr instruktiv für den Höheren Schüler, vier Jahre als Arbeiter. 1958 Buchdrucker-Gehilfenprüfung, 1960 nachgeholtes Abitur. Seit dem Winter 1960/61 in München Studium vor allem der deutschen Literatur und der Kunstgeschichte, letzteres bei Hans Sedlmayr, der aufgrund von Vorurteilen oft mißverstanden wird, und bei Ernst Strauß. Bildungsreisen in die DDR. Filmische Anregungen danke ich den emser Filmtreffen und den Jugendfilmclubs. Vereinzeltes in verschiedenen Zeitungen, u.a. in der Kultur und der Anderen Zeitung. Seit Sommer 1962 Filmkritiken in der Süddeutschen Zeitung, seit November 1962 in der Filmkritik.“

Die Publikation dieser autobiographischen Zeilen liegt mehr als 40 Jahre zurück. Seitdem hat Helmut Färber an der HFF in München und der Berliner DFFB gelehrt, mehrere Fernsehsendungen für den WDR hergestellt und zahlreiche weitere Texte verfasst, die in vier selbstverlegten Büchern, in der Filmkritik, in den letzten Jahren auch in der französischen Zeitschrift Trafic erschienen sind.

Über Färbers Arbeit kann man hier etwas lesen; hinzugekommen ist inzwischen das schöne Buch zu Ozus „Soshun“ (new filmkritik, Eintrag vom 2. Februar 2006).

In einer Broschüre des gerade stattfindenden portugiesischen Filmfestivals „indie lisboa“ ist – auf englisch und portugiesisch – ein Text Färbers mit dem Titel „Ideas for a manifesto“ zu lesen, und in der Einleitung wird er als „the most influential critic in Germany“ bezeichnet; das ist eine überraschende Fremdwahrnehmung, die mir sehr gefällt.

Zum Geburtstag eine Probeaufnahme von den Dreharbeiten zu PARTIE DE CAMPAGNE: der grüßende Jean Renoir knapp ein Jahr vor Färbers Geburt.

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