new filmkritik
Montag, 11.06.2007
KINO WIE NOCH NIE
Dieses das Kino, das der Bully so liebt, ist ein wichtiger Darsteller in einer emphatischen Rede, die sich in einer langen, schlängelnden Abwärtsspirale von den Protagonisten der Nouvelle Vague, über die ihnen nachtuenden Intellektuellen der 60er Jahre, über die Casablanca-Harold&Maude-Programmkinokultur der 70er, die Komödienleichtigkeitsfans der Süddeutschen Zeitung der 80er schließlich zur Filmakademie der Jetztzeit herunter verlängert hat. Die Rede vom „Kino, wie noch nie“ meint eine ganz andere Rede vom Kino. Sie unterscheidet sich von der Rede von dem Kino nicht nur dadurch, dass sie auf den Artikel vor dem Kino verzichtet, obwohl das nicht der unwichtigste Eingriff ist.
Der bestimmte Artikel verringert ja nicht nur die Zahl möglicher Kinos auf den niedrigsten Grenzwert, er macht das Kino je nach Lesart zu einem in sich homogenen Objekt oder Projekt, zu einer kategorialen oder normativen Einheit oder zu einer zu Fanatismus verpflichtenden Mission, entrückt es also in jeder Bedeutung unserer unmittelbaren Reichweite. Während Kino ohne Artikel dagegen eine wohlschmeckende, unbegrenzte und unzählbare Masse aller mit ihm verbundenen Vorstellungen wäre, die man sich einverleiben kann. Etwas Leckeres, Anregendes und gar nicht so selten Verfügbares – so wie Schokolade, Urlaub oder Fußball, von dem man auch nie genug kriegen kann.
„Fußball wie noch nie“ ist ein Film von Hellmuth Costard. Man sieht darin 90 Minuten lang nichts als einen Spieler, nämlich George Best. Titel und Methode sind sich also einig, dass sie uns zwar Fußball geben, die begehrte, eigentlich unbegrenzte und unbegrenzt begehrte Substanz. Sie sagen aber auch, dass die Steigerung dieser begehrten Substanz weder darin bestehen kann, sie zählbar zu machen und zu dem Fußball zu erklären, noch aber dass man wirklich einfach nur immer mehr Fußball will, endlos viel, wenn man Fußball will. Eine Verlängerung nach der Verlängerung. 150 Minuten. Die Steigerung des Fußballgenusses verspricht eine Steigerung der Quantität, sie liegt aber viel mehr in der Qualität, dem „Wie“ in „wie noch nie“.
Diese Steigerung besteht in einem analytischen und zugleich begehrenstechnischen Mittel. Nur einen Spieler zu zeigen ist eine heuristische Maßnahme: sie bringt andere Perspektiven hervor, sammelt nie gesehene Eindrücke etc., zugleich aber folgt sie einem antidisziplinarischen, narzisstischen Wunsch. Einmal möchte man das störende, einschränkende Mahnen von Trainern und Lehrern, Ideologen und Staatsmännern vergessen, dass Fußball ein Mannschaftsspiel sei, ja eines in dem sich Vergesellschaftungsformen studieren und vergleichen lassen; statt dessen sich in dem Einzelnen und seinen Eigenheiten baden, die wir erleben und dann auch sehen zu können glauben wie unser eigenen Eigenheiten; vergessen aber auch den ewigen Imperativ, mannschaftsdienlich zu spielen, abzugeben und uns Fußball statt dessen so ansehen wie wir es selbst als Aktive empfinden, als eine Tätigkeit, die sich trotz aller Sozialität um uns und nur um uns selber dreht, bzw. deren entscheidender Moment der Kick ist, wenn sich dieses allgemeine und soziale Spiel plötzlich – weil wir den Ball haben – in uns realisiert.
Durch Costards Film kriegen wir aber beides: zum einen die Analyse des Sozialen am Beispiel des Einzelnen, der ja häufiger unbeschäftigt ist, abgeben muss, als dass er glänzt; zum anderen aber eben auch die pure Steigerung unserer Fußballgier. Schließlich und drittens ist das „… wie noch nie!“ ein typischer Teil von Slogans einer noch unbeholfenen und nicht zielgruppenspezifisch werbenden Konsumgüterindustrie. Ihr fällt noch nichts anderes ein als nach dem Muster der Steigerung allein auf der Seite des Produkts zu werben. Sie sagt noch nicht, was mit mir und meinesgleichen passieren könnte, wenn ich das Produkt konsumiere, wie sie das heute macht, sondern nur, dass ich mehr von dem Produkt bekomme, und zwar mehr in der komischen nicht mehr nur quantitativen Sinne des „…wie noch nie“, der die reinen Hungerjahre der Nachkriegszeit schon hinter sich hat, aber der andererseits die qualitative Vermehrung sich auch nicht anders als eine größere Portion auf dem Teller der Sinne vorstellen kann.
Mehr auf dem Teller plus Analyse ist nun vielleicht auch die Prämisse, mit der diese Ausstellung uns die ewig leckere Substanz Kino auftischen will – warum sonst hätten die Kuratoren diesen Titel gewählt? Nun gut, aus Gründen der Hommage an einen Film, der mit einem einfachen heuristischen Kunstgriff so ganz anders geworden war, als wäre es ein neues Genre oder als hätte er auf die Einführung einer komplett neuen Technologie reagiert. Und das ist in der Tat, wie mir scheint, ein weiterer entscheidender Einsatz dieser Ausstellung: sie plädiert für die Produktion weiterer, anderer Fälle von Kino, die nicht auf das Kino noch auf dessen eine entscheidende Revision, noch auf einen reinen Pluralismus hinauslaufen. Stattdessen, so zeigt diese Ausstellung, kann man an Kino überall anbauen, überall neue Formate hinzufügen, die trotzdem das, woran man sich so gerne überfrisst, mit einer spezifischen Analyse verbinden.
Ich habe darüber nachgedacht, wie man das Verhältnis aus unbegrenzbaren Genuss und Analytik bei den Arbeiten hier beschreiben soll, denn ich denke, es ist ihre entscheidende Gemeinsamkeit, eine Konstante, die sie tatsächlich mit „Fußball wie noch nie“ verbindet. Ist dies einfach ein humanistisch-didaktisches delectare et prodesse, handelt es sich um in die dick machende Schokolade des Kinos verpackte kritisch gesunde Konterbande, wie man das – ein bisschen kunstfern – vielleicht in den 70ern formuliert hätte, oder um die berühmt-berüchtigte Subversion der 80er Jahre? Aber all die Verben, die zu räumlichen Metaphern für dieses Verhältnis beitragen, mussten deleted werden: verpacken, enthalten, aufspannen, in Stellung bringen etc. Geht alles gar nicht.
Kinofilme gehören zu einer größeren Einheit, die durch ihren Werkcharakter und Kunststatus vor einer zu kannibalistischen Liebe geschützt ist und doch zugleich ein Vergnügen jenseits ihrer Sinnangebote ermöglicht: Spannung, Bilder, in denen man versinken möchte, Bilder, die man anhalten möchte, Kamerapositionen oder -bewegungen, in die man hineinkriechen möchte. Diese Momente herauszubrechen und in einen anderen Kontext zu manövrieren, ist eine eigentlich verbotene, kindliche Organisation von Genuss. Es ist das ewige Nochmal! von Kindern, Party People und Teletubbies. Oder andere primäre, anti- und unökonomische Organisationen eines Konsums des Angenehmen, nicht angemessen für das Schöne: man will immer das Gleiche, will verdoppeln, vergrößern oder ein Partialobjekt auslösen, den Belag ohne das Brot.
Dass aber und wie das Angenehme – im weitesten Sinne des Terms – im Schönen steckt, kann man an allen magisch technischen Künsten des 20. Jahrhunderts in einer ganz anderen Weise erfahren als in den Künsten, die auf primären Handwerk basierten und deren Studium und philosophische Betrachtung uns ursprünglich dieses Gegensatzpaar schenkte, das Angenehme und das Schöne, der Kick und die Konstruktion. Diesem anderen Verhältnis von Effekt, Affekt und Sinn im Kino (im Übrigen auch in der aufgezeichneten Musik) aber gab u.a. Eisenstein den Namen der Attraktion.
Attraktionen stehen – von diesem Kontext einmal abgesehen – in einem schlechten Ruf bei der Kulturkritik, sie gelten als die Moleküle der Fetischismen und der Konsumismen, als die sich verselbstständigenden Elemente, deren fortwährende schlechte Emanzipation vom Zusammenhang und vom Sinn, hin zu Special Effects und Klingeltönen den gegenwärtigen, beklagenswerten Stand von Kulturindustrie markieren. Diese Betrachtung hat gar nicht einmal nur Unrecht, aber sie weiß eben nur von der einen Seite des Verhältnisses. Nämlich derjenigen, die heute kulturindustriell dominant geworden ist. Die andere Seite aber ist die Wissenserotik des Herausbrechens und Wiederholens, des Präparierens und Vergrößerns, in dem der Attraktionsgenuss und das Erkenntnisinteresse des Präparierens, der auf der Einzelheit herumreitenden Dekontextualisierung sich als ein und dieselbe Sache erweisen. Die Frage „Wie funktioniert das, warum sieht das gut aus?“ und das „Nochmal!“, das ein bestimmtes Kunststück immer wieder sehen will, lassen sich an diesem Punkt nicht mehr so leicht von einander trennen.
Ich glaube, dass man einen gewissen Teil der hier ausgestellten Arbeit darauf bringen kann: Am Kino fasziniert sie das normalerweise Unmarkierte, die bedeutsame Einzelheit, das auffällig Unauffällige – und zwar im Modus der Attraktion, als etwas, das mich überwältigt aufgrund eines Tricks, den ich nicht ganz durchschau, durchaus aber durchschaue, dass es etwas zu durchschauen gibt – und das kommt direkt mit dem Kick. Ihre Rekonstruktionen, Wiederholungen und Vergrößerungen wollen herausfinden, warum sie herausfinden wollen, wiederholen, dass sie wiederholen wollen. Sie wollen sich immer wieder ansehen, wie es ist, den Grund und den Abgrund der eigenen Faszination zu konstruieren. Um das aber tun zu können, schaffen sie immer mehr und virtuosere Architekturen und Installationen des Displacements und des Laboratoriums.
Vielleicht nebenher eine ganz brauchbare Losung für eine zurzeit wieder so intensiv gesuchte Konvergenz von Wissenschaft und Kunst, von so genanntem artistic research: Architekturen der Dekontextualisierung bauen, in denen sich die Objekte der Begierde als Objekt der Neugier erweisen und umgekehrt. Vielleicht aber auch nicht brauchbar.
Nun treffen hier aber all diese Labors, Sammlungen von Präparaten und Wissensbordelle auf eine oder mehrere parallele Entwicklungen in der Verständigung zwischen Kino und Kunst, die in den letzten Jahren vermehrt zu beobachten waren. Parallel soll hier heißen: ähnlich, aber womöglich ganz anders. Sowohl auf Seiten künstlerischer Arbeiten als auch auf Seiten kuratorischer Projekte. Antje Ehmann und Harun Farocki haben für diese Version der zuvor schon in der Wiener Generali Foundation gezeigten Ausstellung auf die jüngere Geschichte solcher kuratorischen und akademischen Bemühungen reagiert und die entsprechenden Kataloge hier verfügbar gemacht.
Das Verhältnis von künstlerischen Bewegtbild-Arbeiten im Kunstkontext im Allgemeinen zu diesen hier im Besonderen lässt sich darüber hinaus aber nicht darauf reduzieren, dass die hier gezeigten nicht nur versuchen, auf eine neue Art oder eben wie noch nie Kino zu sein, sondern darüber hinaus auch Kino zum Thema haben, während man das von der Mehrzahl der Museums- und Galerien-Black-Boxes und -Projektionen nicht sagen könne. Tatsächlich thematisiert nämlich die Mehrzahl der Black-Box-Arbeiten in der Bildenden Kunst kinobezogene Themen und Fragestellungen. Wie auch nicht, wie könnte irgendeine seriöse und satisfaktionsfähige postkonzeptuelle Kunst nicht ihre medialen und dispositionalen Bedingungen reflektieren? Dennoch gibt es einen offensichtlichen Unterschied: zwischen etwas, das die hier ausgestellten Arbeiten gemeinsam haben und das keineswegs die Regel bei anderen Bewegtbild-Arbeiten in Museen und Galerien ist.
Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Bewegtbild-Installationen – und hier sind ja nicht einmal alle bewegt – geht es nicht darum, ein neues Kino, ein neues Dispositiv zu bauen, das je nach Arbeit unter heutigen technischen Bedingungen oder unter heutigen künstlerischen Bedingungen das alte Kino oder das alte Avantgarde-Kino oder auch den Bezugsrahmen der Bildenden Kunst, den White Cube beerbt, sondern es geht um Beiträge zu Kino, der Substanz, die man immer wieder haben will. Immer wieder wie noch nie.
Das heißt auch, dass eher Arbeiten entstehen, die sich als Genre-Unikate verstehen, als einmalige Vorschläge für ein Modell von Kino oder Bewegt-Bild-Installation, das dann aber auch sogleich bespielt und ausgereizt werden muss. Das erinnert mich an die alte Unterscheidung zwischen einem Zwölf-Ton-System auf der einen Seite, das zwar als neues Modell mit den alten bricht, nicht aber mit dem Verhältnis von Modell und Realisierung, dessen Erfinder weiterhin darauf setzt, dass auch andere sein Modell nach ihm benutzen können, und auf der anderen Seite, dem postseriellen Komponieren oder einer postkonzeptueller Kunst, bei der jede Arbeit sowohl Modell als auch dessen – meistens einzige oder einzigartige – Realisierung zugleich sein muss.
Wenn man durch ein Museum oder eine Ausstellung von Bewegtbild-Installationen läuft, fällt einem der Unterschied vielleicht gar nicht so auf, es ist ja auch ein Unterschied zwischen Legitimationsdiskursen: An der Kunst und ihrem Schönen im Gegensatz zum Angenehmen zu arbeiten oder am Kino und dem Schönen im Angenehmen – als dessen Analyse oder Kritik.
Darin besteht nicht zuletzt eben auch die Erlebnisqualität des „Wie noch nie“, auf die Sie sich hier freuen können, und unterscheidet sie vom herkömmlichen Event, also dem Ereignis im Genre des Ereignisses, das zu Erlebnissen im Genre des Erlebnisses führt. „Kino wie noch nie“, wie ich es verstehe, soll heißen, dass alles, was wie immer ist, und sonst einfach nur demarkiert und in den Hintergrund geschoben wird, als stille Voraussetzung des Verständnisses, dass gerade diese stille Voraussetzung des Verstehens als das eigentlich Geile in den Mittelpunkt gerückt wird.
Das, was an der Konvention, am Genre glückt, das, was flutscht und klappt und passt, ist nicht kritisierenswert, weil es klappt, sondern weil dieses Gelingen als Routine und Verstehensvoraussetzung im Hintergrund bleibt. Konzentriert man sich darauf, ist die Konvention nicht mehr stummes Machtprinzip im Hintergrund, sondern besonders fulminantes Solo im Vordergrund, oft das Solo einer Maschine, eines Dispositivs, einer Routine, nun aber voller Leben. Es gibt zugleich kein Machtprinzip im Hintergrund mehr, kein ewiges Modell, dem die jeweilige Realisierung egal ist, solange das Modell nicht angetastet sind, sondern alle Modelle nur als einmalige Realisierungen. Viel Spaß dabei!
*
[11. Mai 2007, Einführung zur Ausstellung „Kino wie noch nie“, kuratiert von Antje Ehmann und Harun Farocki, Akademie der Künste, Berlin, 12. Mai bis 8. Juli]
Langtext-Hinweis
* Diedrich Diederichsen: KINO WIE NOCH NIE
11. Mai 2007, Einführung zur gleichnamigen von Antje Ehmann und Harun Farocki kuratierten Ausstellung, die noch bis zum 8. Juli 2007 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten zu sehen ist. Dank an Diedrich Diederichsen.
Donnerstag, 07.06.2007
Kino-Hinweis
Wer sich für Dokumentarfilme interessiert und den Film noch nicht kennt, könnte mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit heute gegen 21.57 Uhr zu dem Schluss kommen, dass er sich mit der Entscheidung, 117 Minuten zuvor, also um 20.00 Uhr, im Zeughaus-Kino den Film „Von wegen ‚Schicksal'“ (BRD 1978, Regie: Helga Reidemeister) anzusehen, den ich von einer Fernsehausstrahlung vor circa 8 Jahren als den heftig-verstörenden Eintritt von etwas So-Noch-Nicht-Gesehenem in meine Kinobiographie erinnere, einen Gefallen getan hat.
Mittwoch, 06.06.2007
Gegen Bresson
Der Filmclub 813 zeigt im Juni Filme von Robert Bresson, auch aus finanziellen Motiven. Würde man Filme von Jacques Becker zeigen, käme keine Sau. Zeigt man Bresson, ist das Haus voll. Seine „Kinematographen“-Filme sind solides Storyboard-Kino, geadelt durch ehrenwerte Sujets: diffus Religiöses, hohe Literatur, wahre Begebenheit.
In „Ein zum Tode verurteilter ist entflohen“ waschen sich die Gefangenen immer und immer wieder nur die Hände und den Mund. Mozart untermalt jeden Hofgang, wie aus Lautsprechern in diktatorischen Ländern. Von Ängstlichkeit diktiert: Der alles erklärende Kommentar. „Was für eine Tristesse…“ meinte Jacques Rivette damals. Die „verwüstete Fresse“ (Rivette) des Hauptdarstellers Letterier. Was soll man denken? Handarbeit macht froh, Folter existiert nicht. Nie wird eine Zelle durchsucht, nie wurde Faschismus harmloser dargestellt. Die Gefangenen tuscheln in theologischen Schlagworten, der Klassikerkonsum wird Kirchentagsbesuch. Kino für Abiturienten in Begleitung ihrer Großmütter.
Fliehend, völlig unbehelligt, den Zurückbleibenden ein heiliges Beispiel gebend, so möchte mancher junge Filmemacher, mit Bresson als Vorbild, auch heute erfolgreich tätig sein. „Ein Bild muss… Ein Ton soll niemals… Unterdrücke radikal… Desto größer ist der Erfolg… Einen Film vorbereiten wie eine Schlacht… Du diktierst… Diese schrecklichen Tage, an denen ich das Drehen verabscheue, an denen ich erschöpft bin, ohnmächtig vor so vielen Hindernissen, sind Teil meiner Arbeitsmethode.“ Das ist der Klang seiner „Noten zum Kinematographen“. „Kann sein, daß nach der Lektüre man sich ganz neu um seine bewunderten Filme bemühen muß,“ meinte Frieda Grafe 1980. Kurz sprach sie da mal von der „Plattheit“ seiner Filme.
Ein wirklich geheimnisvoller Satz in Bressons „Noten“ steht in Klammern: „(Man müßte in Paris einen ganz kleinen Saal haben, sehr gut ausgestattet, wo nur ein oder zwei Filme im Jahr gegeben würden.)“ Seinem Publikum würde das gefallen, nur ein oder zwei Filme im Jahr. Wo war Verblödung durch Askese je so auffällig? Truffaut: „Die Möglichkeit einer zukünftigen Bresson-Schule versetzt selbst wohlwollende Beobachter in Schrecken.“ Aber Truffaut widerrief schon 1956 diesen Satz, beinahe ängstlich, „denn die Zeit, das sollten wir nicht vergessen, arbeitet immer für Bresson.“ Also, sagen wir es, gegen Pagnol, Guitry, Franju, Mocky… gegen das Lebendige ganz allgemein. Und andererseits mag ich doch die Schüler des strengen Lehrbuchmeisters: Aki Kaurismäki, Paul Schrader. Dessen Bresson-Interview von 1977 hat eine wirklich irre Passage.
Paul Schrader: In “Notes” you say “the nude, if it’s not beautiful, is obscene.” Do you feel that the explicit is by its very nature wrong?
Robert Bresson: When it is explicit, it is not sexual. The same as mystery. If you don’t make people guess, there is nothing there.
Paul Schrader: I believe that sex is mysterious whether you see it or not.
Robert Bresson: Yes, but when you see too much, it is not mysterious anymore.
Paul Schrader: Even if you see it all it is still mysterious.
Robert Bresson: Only what is lovely – sexual life is beautiful – but how they do it in pornographic films is ugly and dirty.
Paul Schrader: But could you not show pornography – show people fucking – and also be mysterious?
Ken Wlaschin schrieb 1969 in seinem klugen Büchlein „BLUFF YOUR WAY IN The Cinema“ über Bresson: „…very close to canonisation as the best of all time. You can call him the Jansenist of the French cinema, talk about the religious basis of all his films (even „Pickpocket“) (…) but be wary of calling him slow or dull.“
Und über Fellini: „Fellini has become so popular that you can dislike him if you wish.“
Und: „If you like Antonioni, you’re not supposed to like Fellini.“
Montag, 04.06.2007
Mundial 1982 – Slow motion (Serge Daney)
„In front of the small image, the TV spectator has a handicap. Or a privilege (depending on his degree of perversity). At certain moments in the game, he subconsciously asks himself a question which until now, only concerned cartoon lovers: is the ‚injured‘ player going to get back up again? Regularly, a body, doubled up with pain, is left on the field. Everything is possible. Real pain (and we expect the game to be stopped, we look for the medics, we are upset with the camera for moving casually to other things). Exaggerated pain (the player gets back up again, drags himself for one meter, limps for two and sprints for three). Put on pain (as soon as he is off screen, certain of having failed to move the referee to pity, he gets up and runs like a gazelle). It is a game between the players and the referee of course. And it is too bad that the camera doesn’t know how to film it well. Nevertheless: for a few seconds, there is what makes cinema happy, its powerful force: indecisive shots, enigmatic pictures, bodies under threat.“
Donnerstag, 31.05.2007
Sinnerman In Heaven
Bin dann gestern doch noch in „Inland Empire“ gegangen und war positiv überrascht (oder wollte ich vielleicht positiv überrascht werden?) Jedenfalls hatte ich vorher gewisse Sorgen, dass mir der Film zu düster sein könnte, ein Freund hatte von Beklemmung beim Sehen gesprochen, aber von alldem dann keine Spur, im Gegenteil: Schon während der ersten Stunde hatte ich das Gefühl, noch nie einen so leichten Lynch gesehen zu haben. Und als dann die Tür geöffnet wurde, lag dahinter kein Labyrinth, sondern der Blick durch ein Kaleidoskop. Es war, als würde man ein Mandala ausmalen, und so konnte der Film denn auch nicht anders als fröhlich enden. In „Eraserhead“ war der Himmel nur ein Lied, inzwischen kann Lynch uns den Himmel zeigen. Wohl kein Zufall, dass er dazu erst nach Polen kommen musste – Katholizismus, ick hör dir trapsen…
Mittwoch, 30.05.2007
Amazing Grace
Ricky Bobby: Dear Lord Baby Jesus, or, as our brothers in the South call you: Jesús, we thank you so much for this bountiful harvest of Domino’s, KFC, and the always delicious Taco Bell. I just want to take time to thank you for my family, my two beautiful, beautiful, handsome, striking sons Walker and Texas Ranger, of T.R., as we call him, and of course my red-hot smoking wife, Carley, who is a stone-cold fox…
Cal Naughton, Jr.: … Mmm…
Ricky Bobby: … who if you would rate her ass on a 100, it would easily be a 94. Also wanna thank you for my best friend, Cal Naughton Jr., who’s got my back no matter what.
Cal Naughton, Jr.: Shake and bake.
Ricky Bobby: Dear Lord Baby Jesus, we also thank you for my wife’s father, Chip. We hope that you can use your baby Jesus Powers to heal him and his horrible leg. It smells terrible and the dogs are always bothering with it. Dear tiny infant Jesus, we —
Carley: Hey, you know, Sweetie, Jesus did grow up. You don’t always have to call him „baby“. It’s a bit odd and off-puttin‘ to pray to a baby.
Ricky: Well, look, I like the christmas-Jesus best and I’m saying grace. When you say grace, you can say it to grownup Jesus, teenage Jesus, bearded Jesus, whoever you want.
Carley: You know what I want? I want you to do this grace good, so that God will let us win tomorrow.
Ricky Bobby: Dear tiny Jesus in your golden-fleece diapers, with your tiny, little, fat, balled-up fists, pawing at the air.
Chip: He was a MAN… He had a BEARD!
Ricky Bobby: Look: I like the baby version best, do you hear me? I win the races and I get the money.
Carley: Ricky, finish the damn grace.
Cal Naughton, Jr.: I like to picture Jesus in a tuxedo T-Shirt, ‚cause it says, like: „I wanna be formal, but I’m here to party, too.“ Cause I like to party, so I like my Jesus to party.
Walker: I like to picture Jesus as a ninja fighting off evil samurai.
Cal Naughton, Jr.: I like to think of Jesus like with giant eagles‘ wings, and singin‘ lead vocals for Lynyrd Skynyrd with like an angel band and I’m in the front row and I’m hammered drunk!
Carley: Hey Cal, why don’t you just shut up.
Cal Naughton, Jr.: Yes, ma’am.
Ricky Bobby: Okay. Dear 8-pound, 6-ounce, newborn infant Jesus, don’t even know a word yet, just a little infant and so cuddly, but still omnipotent, we just thank you for all the races I’ve won and the 21.2 million dollars, wooh!
Carley: Wooh!
Cal Naughton, Jr.: Wooh!
Walker and Texas Ranger: Ahh!
Ricky Bobby: Love that money! That I have accrued over this past season. Also, due to a binding endorsement contract that stipulates I mention Powerade at each grace, I just wanna say that Powerade is delicious, and it cools you off on a hot summer day. And we look forward to Powerade’s release of Mystic Mountain Blueberry. Thank you, for all your power and your grace, dear baby God, Amen.
[Talladega Nights: The Ballad of Ricky Bobby, USA 2006, Regie: Adam McKay]
Mittwoch, 23.05.2007
Zeitschriften-Hinweis
„Die Deutschen sind wieder wer, zumindest im englischen Kinoleben. “The Life of Others” schaffte es auf Anhieb in die Box-Office-Top-Ten! Und “Downfall” war auch sehr interessant! Und über “Goodbye Lenin” lachen wir noch heute – konzedieren sogar Leute, die sonst wenig am German sense of humour finden. Ach ja, und die Scholl-Story. Der wohlwollende TimeOut-Kritiker sieht schon die goldenen 70er wieder heraufziehen. Namen wie Herzog, Schlöndorff fallen. Die geschichtsfaule Selbstbeschaulichkeit des neudeutschen Films, die Anekdotisierung des Grauens, die fernsehaffine Gefühlsstromlinie stören im Vereinten Königreich nicht groß. Denn solcher Historienduseligkeit gibt man sich hier selber auch gern hin, als sei es eine Unterart der Gärtnerei, und spricht ironiefrei von “wir”, auch wenn schon Jahrhunderte ins Land gezogen sind.
Auch dem Besuch aus Berlin ist es aufgefallen, daß überall “The Life of Others”-Plakate hängen. Aber auch das gute deutsche Kino ist vertreten, sage ich irgendwie entschuldigend, und ergänze: Immerhin bringt das Goetheinstitut gerade eine Reihe über die Berliner Schule. Was für eine Schule?, fragen die Berliner.“ (Redaktion „filmtext“, Auslandsdependance London)
Seltener geworden, aber nicht nur deshalb einen Hinweis wert: neue Texte bei filmtext.com.

