new filmkritik

Mittwoch, 16.04.2003

Playgirl

Regie: Will Tremper. BRD 1966.

Nach 8 Stunden Fahrt kommen sie an in Berlin. Auf der AVUS begrüßt Eva Renzi den Funkturm, hält den Kopf aus dem Dachfenster, „Ach ist das schön!“, ihr Haar weht im Fahrtwind. Als sie sich zuvor im Spiegel betrachten will, in einer eng cadrierten Einstellung aus Richtung der Rückbank aufgenommen, klappt er den Spiegel nach links weg. Augenblicklich folgt ihr Gesicht der Bewegung des Spiegels und man sieht sie jetzt im Profil. Eine Nouvelle Vague Phrase, vorbereitet durch ein paar Jump Cuts: Eva Renzi von oben, liegend auf dem Beifahrersitz; Eva Renzi von der Seite, und in den Fenstern sieht man die Fahrtbewegung an den vorbeiziehenden Bäumen.

In Berlin angekommen fahren sie vor ein Hotel (am Stuttgarter Platz?). Eine Bruchbude. Ein junger Mann mit zusammengeballtem Gesicht und kurzgeschnittenen blonden Haaren -„Typ ‚Peter von Eyck'“- steht davor, mit weißem Unterhemd, braungebrannt, es ist Sommer. Der Mann, mit dem sie gekommen ist, ist sein Chef. Sie soll den Blonden „007“ nennen. 007, der auch Jochen heißt, holt ihre Koffer aus dem Auto und trägt sie ins Hotel. Sie telefoniert währenddessen in einem Kiosk auf der anderen Straßenseite. Schreibt sich eine Adresse auf. „Jerusalemer Straße 47-49.“ Dort will sie jetzt hin. 007 soll ihre Koffer zurück bringen. 007 zögert. „Sie wollen mir den kleinen Gefallen nicht tun?“ Zuvor waren die Einstellungen auf sie und den Blonden halbnah, man sah das Hotel im Hintergrund und den kleinen Platz mit dem Kiosk, parkende Autos, Bäume, Passanten. Bei ihrer Frage dreht sie sich um und ihr Umdrehen wird zu einem Schnitt genutzt, ihr Gesicht bildfüllend zu zeigen. Der Blonde betrachtet sie, wie ich als Zuschauer, die Gewaltigkeit und Promptheit des Ransprungs verarbeitend. Zu schnell, um adäquat zu reagieren. Er lächelt nach einer Weile. Nicht nur wegen ihrer Schönheit. Sie dreht sich wieder weg und ruft ein Taxi. Der Blonde im Unterhemd, 007, kratzt sich verlegen bewundernd am Kopf, „Mann ist die ’ne Klasse.“ Er berlinert stark. Das Taxi mit ihr fährt ab und der Chef tritt aus dem Hotel. Beide betrachten das abfahrende Taxi. „Sie ist wohl weg, was?“ – „Ja.“ – „Gottseidank. So was habe ich noch nicht erlebt. Das ist ’ne Wahnsinnige.“

Sie heißt Alexandra Borowski und ist Fotomodell. Sie ist mit Bert („Siegbert“ = Harald Leipnitz) zum Schwimmen zum Olympiabad gefahren. Bert soll sich um sie kümmern, sein Chef Steigenwald (Paul Hubschmid) hat ihn darum gebeten, mit leicht amerikanischem Akzent im Büro in der Jerusalemer Straße. Geschäfte werden da besprochen mit einem Amerikaner, lässig fläzt man sich in tiefe Sofas. Im Olympiabad trifft Bert auf seine Verlobte. Ein Kampf mit Worten zwischen den Frauen um den Mann. Namen von Städten und Ländern werden jetzt ausgetauscht wie Trümpfe um Welthaltigkeit und Geschichte. Paris, San Francisco, Bahamas, Rom. Bert zeigt ihr das Olympiastadion, 1936 hat hier Jesse Owens den 100-Meter-Lauf gewonnen. „Vor wem ist der denn weggelaufen?“

Wir wären so gerne Welt. Die Hinterhofpension, in die sie sich von 007 hat bringen lassen, quillt über von Geschichten. Eine junge Russin telefoniert im Vorzimmer. Ein alternder Mann kommt aus dem Bad mit einer Bierflasche in der Hand. Nebenan ein Paar, er schwarzhäutig, sie blond. Als Eva Renzi lesend in der Badewannne liegt, tritt der Schwarze ohne Anzuklopfen hinein und verspricht ihr zwei Karten für das „Living Theatre“ am Abend. Ausgehen mit Bert. Nach dem Theaterbesuch (englisch!) gehen sie ins „Kopenhagen“ am Kurfürstendamm und essen Hering. Dann Tanz. Sie küssen sich zum deutschsprachigen Gesang einer französischen Sängerin. Woanders, tief in der Nacht, sitzt Paul Kuhn am Klavier, der oberste Hemdknopf geöffnet, der Krawattenknoten gelockert, improvisiert einen Blues, „… mein Klavier ist todmüde…“, und nippt in einer Pause schwermütig an einem Halbliterglas Bier. „Den wollte ich dir noch zeigen. Paulchen Kuhn.“ Im Auto, beim heranbrechenden Morgen mit Vögelgezwitscher, knutschen sie und hören AFN.

Kochstraße, Ecke Friedrichstraße, „Checkpoint Charlie“. Aus Megaphonen tönen Parolen gegen den Schießbefehl. Sie gerät nun doch mit Steigenwald zusammen, der Hochhäuser bauen läßt direkt an der Grenze wie Springer, dessen „Welt“ er morgens beim Frühstück in Dahlem im Garten liest. Zuvor ein Abendessen mit ihr, das Gespräch kommt auf die Politik. Die Mauer, der Krieg, der Hitler: wie kann man das alles sehen?, was ist die richtige Perspektive? Sie ist neugierig, Berlin sei die Stadt, in der das alles vorhanden sei. Steigenwald sagt, er komme sich alt vor, wenn er sie reden höre. Sie: „Gebt doch nicht so an mit eurer Mauer.“
Später – Steigenwald hat sich aus dem Staub gemacht und Siegbert ist enttäuscht von ihrer Flatterhaftigkeit und eifersüchtig geworden und ablehnend – ist sie von einem Moment zum anderen am Boden zerstört durch ihre falschen Liebesentscheidungen („Es gibt keine unglückliche Liebe, es gibt nur falsche“), presst Tränen unter ihrer Sonnenbrille hervor im Auto von 007, der sie durch die Stadt chauffiert und trifft dann aber genau zum richtigen Zeitpunkt auf der Straße einen bekannten italienischen Modefotografen. Aufnahmen im Schloß Charlottenburg, auf Hochhausdächern, am Mauerstreifen.
„Berlin ist eine Sünde wert“, der Slogan zum Film auf meiner Videokaufcassettenhülle, wird hier vom italienischen Fotografen erstmals erwähnt, abgewandelt zu „Berlin ist eine Liebe wert“. Manche Heimat- und Musikfilme aus den 50ern hatten ähnliche Fabeln zur Ankurbelung: das jemand von weither kommt, aus einer modernen Stadt oder gar aus Amerika, und ein Alpengipfeldeutschland entdeckt als disneyfizierte Landschaft mit abgeschwächtem Tiefgang. Mit aufgeklärten Leuten und folkloristischen Ritualen, die als Tourist zu betrachten Lust verspricht. Die meisten dieser Filme nutzten dieses werbende Nach-Außen-Gerichtetsein als McGuffin, um Geschichten zu erzählen, die nach Innen gehen, die prototypische Protagonisten in einem Prozeß der Selbstvergewisserung zeigen. Als Film auf einer möglichen Liste des Berliner Fremdenverkehrsamt ist „Playgirl“ stärker nach Außen gerichtet, die Protagonisten sind von Innen heraus welt- und oberflächenfordernder. Ich stelle mir Trempers Gedankengang dazu vor: Wenn wir Berlin und uns 1965 als modern definieren wollen, müssen wir es moderner zeigen, als es ist; d.h.: alles auf einmal zeigen – Liebe, Arbeit, (Kino-)Stadt. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Man sieht dem Film diesen Wunsch sehr an. Nach „Playgirl“ hat Tremper noch zwei Filme gemacht.

Uwe Nettelbeck zu Tremper und „Playgirl“, in der Filmkritik Nr.10, 1966:

„Wichtig ist: Ein Mann, der von allerlei fasziniert und nicht wählerisch ist, ohne Zwang Illustriertengeschichten geschrieben hat und über manches manches weiß, bringt es fertig, einen Film nur über sich selber zu machen und in diesen Film alles hineinzustecken, was ihm so auffällt, wovon er fasziniert ist, was er sich vorstellt, was er sich denkt. Wichtig ist schließlich: Wir können ins Kino gehen und uns einen Film anschauen, dem wir entnehmen können, was einer, der in Berlin lebt und dem was auffällt, so denkt und sich vorstellt. Statt uns einen Film anschauen zu müssen, in dem wieder einmal irgendeiner irgendeine Geschichte inszeniert hat, die weder ihn noch uns interessiert, in dem im gehobenen Tone über eines dieser Probleme nachgesonnen wird, von denen es dann heißt, es sei gut gewesen, daß einer es angepackt habe.“

„Ich erwarte mir von Dir, dass Du Dir im Büro nichts anmerken läßt. Es ist Aus. Ich erwarte mir von Dir, dass Du modern genug bist, Dir auf einmal miteinander schlafen nichts einzubilden. Das ist doch klar, oder?“ Siegbert möchte mit seiner Freundin Schluß machen. Er hat sich in Eva Renzi verliebt. Deren Aufstieg in der Modeszene der Stadt wird gezeigt: schwindelerregender, nicht aufhörender 360°-Schwenk von der Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platz; Gespräch mit einem Berliner Modemacher, der gar nicht aufhören mag die italienische Mode auf Italienisch zu preisen. Ein wenig verliert der Film nun an Tempo, obwohl Zeitsprünge erzählt werden: Siegbert arrangiert sich wieder mit seiner Freundin; Eva Renzi widersteht Annäherungsversuchen des italienischen Fotografen, das Leben der Figuren normalisiert sich. Noch 20 Minuten, der Film ist kurz vor seinem Ende. Aus der Reigenhaftigkeit wird nun doch eine Dreiecksgeschichte nachdem Siegbert Eva Renzi auf einer Party wiedersieht, die beiden zum Paar werden mit Alltag und Ausflügen und Steigenwald eifersüchtig, der verpassten Chance nachtrauernd. Berlin ist nun Kulisse der Beziehungshändel, nicht mehr projezierter Taktgeber: eine Szene am See, eine bei einem Autorennen, im Hintergrund sieht man den Funkturm, auf den noch in einem Satz hingewiesen wird, als sei die Welt anders nicht mehr bemerkbar. Die letzte Szene auf einer Wiese zwischen Bäumen könnte überall spielen.

Jeans von Nicolette Krebitz fällt mir ein, als ein Film, der 35 Jahre später an „Playgirl“ anknüpfte.

Michael Baute

(„Playgirl“ ist am Freitag, 18.4.03, um 23:00 Uhr auf SFB1 zu sehen.)

Fernseh-Hinweis

Freitag, 18.4.03 – SFB1 – 23:00 Uhr – „Playgirl – Berlin ist eine Sünde wert“, Regie Will Tremper, BRD 1966.
Ein kurzer Text dazu auf unserer Langtextseite: hier.

Dienstag, 15.04.2003

Sicherheitsmitarbeiter haben ein wachsames Auge auf Ihre Gegenstände

„Am xx.xx. 2003 findet die absolut erste Aufführung unseres Films

X MEN 2

Regie: Bryan Singer
mit Patrick Stewart, Hugh Jackman, Halle Berry, Ian McKellen, James Marsden, Famke Janssen
Länge: ca. 120 Min.
Originalfassung
Start: 1. Mai 2003

um xx:xx Uhr im Filmpalast Berlin, Kurfürstendamm 225 statt.

Bitte haben Sie Verständnis, dass aus Sicherheitsgründen (der Film ist zu diesem Zeitpunkt auch in den USA noch nicht gestartet) keine Taschen in den Kinosaal genommen werden dürfen, sowie Mäntel und Jacken unter Aufsicht im Foyer des Kinos abgegeben werden müssen.
Sicherheitsmitarbeiter haben ein wachsames Auge auf Ihre Gegenstände. Natürlich dürfen auch keinerlei Aufnahmegeräte (werder für Bild noch für Ton) mitgeführt werden.
Mit Ihrem Erscheinen zur Vorführung akzeptieren Sie diese Festlegungen!“

Montag, 14.04.2003

tv-hinweis:
heute abend, 14.4., auf arte, um 23:00 Hartmut Bitomskys ‚B-52‘

Harun Farocki, Kriegstagebuch (4)

6.4.03 (Toronto)
Ein kanadischer Nachrichtenkanal in ähnlichem Design wie CNN, auf dem Hauptbild spricht ein Arzt über SARS, auf dem Nebenbild erscheinen Autobahnbilder aus der Region, die eine Bildunterschrift jeweils lokalisiert. Es hat einen heftigen Schneefall gegeben und diese Bilder sollen die Verkehrsverhältnisse dokumentieren. Für einen Augenblick glaube ich, sie zeigten den Vormarsch der Seuche und zugleich den Vormarsch der Koalition auf Toronto.
Seit Beginn der Invasion haben wir aus dem Irak Bilder von ähnlicher Banalität gesehen, denen kaum mehr abzulesen war als Wetter und Verkehrsdichte. Das Wissen, das seien Kriegsbilder, hat uns in Spannung gehalten. Die Kommentar-Stimmen haben zu der Spannung beigetragen, indem sie von „unerwarteten Schwierigkeiten“ und einem „Widerstand, stärker als erwartet“ sprachen. Das ging mir ein, wohl im Kinderglauben, das Unrecht des Angriffs werde sich rächen, gleich oder irgendwann.

7.4.03
Im „Toronto Star” das Foto eines US-Panzers, in starker Untersicht gegen einen hellblauen Himmel, von dunkelgrauen Wolken oder Rauchschwaden durchzogen. Auf der Luke des Panzers am Bildrand rechts steht ein irakischer Soldat und hält Ausschau, am Bildrand links balanciert ein zweiter sehr sicher auf dem Kanonenrohr von etwa zwanzig Zentimern Durchmesser, seine Jacke weht auf und die rechte Hand hält eine Waffe gesenkt, die linke ist zum Victory-Zeichen erhoben. Dabei schaut er aus dem Bild nach links oben. Die Bildunterschrift sagt, der M-1 Abrams-Panzer sei bei einem Kampf an der Stadtgrenze von Bagdad von einer Granate getroffen und aufgegeben worden. Das Bild hält keine Pose fest, sondern friert einen Moment aus einer unverständlichen, mit Selbstgewissheit ausgeführten Handlung ein. Die Untersicht und der dramatische Himmel erinnern an ein Schlachtengemälde. „A coalition plane later swooped in and destroyed the tanks remains.“ Das ist symbolische Politik: ein kaputter Panzer wird zerstört, damit man mit ihm kein „Schindluder“ treiben kann, damit die Panzer-Leiche nicht weiter geschändet werden kann.

8.4.03
Anders als in den USA ist hier in jeder Bar der Krieg auf dem Bildschirm anwesend. Im Frühstückscafé ein kanadischer Kanal auf dem links Strassenbilder aus Bagdad und rechts Highways aus der Region Toronto zu sehen sind.

9.4.03
Im Traum: Wir fuhren mit einem Bus zu etwas wie einem politischen Seminar. Jemandem war es gelungen, den alten Hitler aufzutreiben. Er sass mit uns im Bus und sah sich ein bißchen ähnlich, aber auch teilweise überhaupt nicht. Ich versuchte sein Alter auszurechnen und witzelte mit ihm rum :“Haben Sie Dich angerufen oder Eva Braun?“. Ich duzte ihn absichtlich. Wir kamen überein, dass er nicht echt sein kann. Mein Freund Christian Petzold sagte: „Würden Sie diesem Mann ein gebrauchtes KZ abkaufen?“
Das ist natürlich ein Tages-Rest. Am Vorabend hatten wir das Video mit Bin Laden oder seinem Wiedergänger gesehen. Ausserdem hatte Hitler am Ende Sorge, man könne mit seiner Leiche „Schindluder” treiben.

11.4.03
Erinnerung an einen Satz von Jan Stage: Früher wurden Kriege geführt, um sich etwas unter den Nagel zu reissen, heute, um einen Antrag auf Kredit bei der Weltbank vorzubereiten. Umfrage auf CNN: Ist der Krieg erst dann gewonnen, wenn wir S.H. haben (tot oder lebendig) oder wenn er aus dem Amt ist. 51% zu 49%.
Dieses Tagebuch endet in der nächsten Woche.

Sonntag, 13.04.2003

The photographs tell the story… 

Does the scene look like the Fall of the Berlin Wall?

Samstag, 12.04.2003

samstagabend bei l.: ich habe mein password noch nicht erneuert, deswegen dieser hinweis von hier. WANDAFURU RAIFU (AFTER LIFE) von hirokazu kore-eda ist der beste film, der gerade in berlin im kino läuft (trotz FEMME FATALE, DIVINE INTERVENTION, SOBIBOR, ADAPTATION, FAR FROM HEAVEN, und was wir jetzt gerade vergessen). es geht um menschen, die schon gestorben sind und im übergang ins jenseits eine einzige erinnerung wählen sollen, die dann verfilmt wird – von einer kino-pravda-truppe, die mit allen tricks arbeitet. AFTER LIFE hält der liste folgender referenzen stand: proust, ozu, capra, lubitsch, … gruppe human intervention
(breb)

Mittwoch, 09.04.2003

Webloghinweis
auf das Filmtagebuch aus Berlin

Montag, 07.04.2003

Harun Farocki, Kriegstagebuch (3)

31.3.03
„Erstausstrahlung“ von Madonnas „American Life“ auf dem Musikkanal Viva, – dem Sender mit dem Friedens-Zeichen als Logo. Der Clip will sich gegen jeden Einwand schützen, indem er ins Zentrum eine Modenschau stellt, mit Mädchen in Talibankleidung auf dem Laufsteg, über den schliesslich ein jeepähnliches Fahrzeug mit Mädchen in Uniform hereinbraust. Es soll also um die Mode der Politik gehen. Es war eine Politik der Mode, dass Anti-Militaristen Uniform-Teile anlegten, um deren Magie zu brechen. Umgekehrt haben US-Soldaten im Vietnam-Krieg Attribute der Protestbewegung angenommen: lange Haare, Drogen, Rock-Musik. All das ist seither völlig entzaubert und taugt nicht mehr zum Ausweis einer Geisteshaltung. Darüber gibt es schon Bücher und das muss Madonna, die als nicht dumm gilt, wissen. Dass der Clip schon vor der Premiere umgeschnitten worden sein soll und danach wieder zurückgezogen wurde, also eine Provokation bedeuten soll, hat mit der Krise der Institution Militär zu tun. Weil es für das überkommene Militär keine Funktion gibt, wird der Soldatenrock wieder zu einem Heiligtum. Zur nationalen Folklore trägt Madonna bei, indem sie so tut, als könnte sie für ihren Clip an die Wand gestellt werden. (Ein „Fashion Victim“). Zu unterstellen, ihr Spiel könne die Soldaten beleidigen, während jeder zweite Arbeitslose in Armee-Klamotten rumläuft („Reserve-Armee“), weist auf die ideologische Konfusion und ist damit vielleicht sogar ein subversiver Akt.

2.4.03 (Chicago)
Der Krieg ist eher in den Börsen-Schwankungen abzulesen als in den Alltagsbildern. In den Bars laufen nur Sportbilder. Im Hotel müssen wir durch viele Kanäle schalten, bevor der Krieg erscheint. CNN hat hier einen anderen Tonfall als in Europa. Der Grundton ist der eines Sportreporters, der entschieden für das eigene Team Stimmung macht. Strassen im Irak sind zu sehen, auf denen Panzer in Richtung Bagdad fahren. Bei Sportereignissen ist es heute üblich geworden, vor und nach dem Spiel Experten einzuladen und mit ihnen zu sprechen, weil das Bild nichts hergibt. Hier gibt das Bild nie etwas her, die „überraschend heftige Gegenwehr“ ist nie zu sehen und auch eine Totale von Bagdad während des Bombardements macht nicht deutlich, was getroffen wurde und mit welchen Folgen. Also werden auch hier Experten zugeschaltet, ein ehemaliger Verteidigungsminister und ein ehemaliger Aussenminister. Sie haben an der Kriegsführung einiges auszusetzen und am aussenpolitischen Kurs der Bush-Regierung, meinen das aber konstruktiv. Der Ex-Aussenmminister sagt, es wäre schön, dass Bush „this animal“ Sadam jetzt killen wolle. Mal erscheint das Bild des TV-Hosts links und daneben, übereinander, sind die beiden Experten zu sehen, im nächsten Augenblick ist der eine Experte grösser zu sehen und die beiden anderen Köpfe sind in kleinere Rahmen gekästelt. Das Umschalten und grösser und kleiner erscheinen lassen von zugeschalteten Köpfen ist sowieso die Hauptaktion bei CNN. Hier ist nun auch stets noch die irakische Landschaft mit den Fahrtaufnahmen dabei.

5.4.03
Anders als im vorigen Krieg gegen den Irak 1991 ist die Kriegsführung darum bemüht, möglichst keine oder möglichst wenige zivile Opfer zu verursachen. Die Live-Bilder aus Bagdad, Totalen, die das Ausmass der Bombardements nicht ermessen lassen und auch die langen Einstellungen von Truppenbewegungen irgendwo lassen sich mit den Bildern aus Überwachungskameras in einem Bürohaus oder Krankenhaus vergleichen. Sie zeigen nicht alles und es ist ihnen nicht abzulesen, ob einer die Bücher fälscht oder die Narkose verpatzt. Aber dass es die Kameras und die Bilder gibt, das steht für eine gewisse Ordnung und soll für Rechtlichkeit gelten. Wir sind als Zuschauer in die Rolle des Sicherheitspersonals versetzt, vor dem diese Bilder ablaufen. In jedem Film sind die Leute vor diesen Kontrollschirmen elende Idioten und kriegen eins auf die Mütze beim Überfall. Sie werden wenigstens bezahlt fürs absitzen, wenn auch schlecht.

Sonntag, 06.04.2003

„BLACK HAWK DAWN“

Den Krieg nachspielen

Kürzlich „aus gegebenem aktuellem Anlass“ Ridley Scotts Kriegsfilm „BLACK HAWK DAWN“ gesehen. Der Film hat den desaströsen Militäreinsatz der USA in Somalia im Jahr 1993 zum Gegenstand. Etliche Schrifttafeln „erklären“ zu Beginn die historische Situation. Ein paar hingepfuschte Szenen zeigen marodierende somalische Milizen. Eine Kamera- Fahrt zeigt in bläulichem Werbelicht und untermalt von Hanns Zimmers abscheulichem Ethno-Soundtrack, am Boden liegende, ausgehungerte Zivilisten. Diese Fahrt ist vermutlich nicht weniger obszön ist als diejenige aus Pontecorvos, durch den Diskurs der „Cahier du Cinema“ berühmt-berüchtigt gewordenen, Lager-Film. Doch Serge Daney scheint Recht zu haben, wenn er feststellt, daß das Kino und der Diskurs über das Kino heute zu schwach ist um noch elementare Fragen hinsichtlich der Moral des Bildes zu stellen. Also weiter. Anschließend verliert der Film nicht viel Zeit mit „Nebensächlichem“. Er kommt schnell zur Sache, dem Militäreinsatz, bei dem es darum geht die Besatzung eines in feindlichem Stadtgebiet abgestürzten Hubschraubers rauszuholen. Der Darstellung dieses Einsatzes widmet sich der Rest der Filmhandlung.
Vor wenigen Tagen war in der „Berliner Morgenpost“ ein längerer Text über „BLACK HAWK DAWN“ abgedruckt. In diesem Text formulierte der Autor die These, daß die Bilder dieses Films auf bizarre Weise die Lücke füllen, die die aktuelle Berichterstattung über den Irak-Krieg hinterlasse. Ein Kurzschluß-Gedanke, der auch mir beim Sehen von „BLACK HAWK DAWN“ durch den Kopf ging, der bei näherer Betrachtung jedoch Blödsinn ist. Der Film ist ein virtuos gemachter Action-Reißer. Einer der vielen Kriegsfilme, die den Zuschauer identifikatorisch mitreißen wollen und zu vermitteln versuchen wie sich Krieg „anfühlt“. Ein solches Verfahren bleibt auch im Fall von „BLACK HAWK DAWN“ darin stecken, Krieg als „knallharte Elementar-Erfahrung, in der der Einzelne an seine Grenzen geht“, vorzuführen. Die vermeintliche Schonungslosigkeit der Darstellung ist auch hier letztlich nur Verklärung und Kitsch.
Mir fallen nur zwei Kriegs-Spielfilme (Filme, die den Krieg „nachspielen“) ein, die diesen Fehler nicht begehen. Kubricks kühler „FULL METAL JACKET“, der die Mechanismen der totalen Ent- individualisierung der Rekruten als Grundvoraussetzung für ihren Kriegs-Einsatz untersucht. Am Anfang stehen die Großaufnahmen der Rekruten, denen gerade die Haare geschoren werden. Das Schlußbild zeigt eine Totale, in der die als Individuen nicht mehr auszumachenden Soldaten bewußtlos singend durch die Abenddämmerung eines Kampfgeländes in Vietnam taumeln. Und „THE DEER HUNTER“ von Michael Cimino, der sich in seiner epischen Breite die Zeit nimmt, den Alltag seiner Figuren vor dem Krieg, ihre Teilnahme am Krieg und ihr völlig aus den Fugen geratenes Leben nach dem Krieg zu zeigen. In beiden Filmen hat der „Kampf“ eine Vor- bzw. Nachgeschichte. Beide Filme haben einen Blick für die Bedingungen des Gezeigten und stellen eine Distanz zur „Eigentlichkeit“ und „Unmittelbarkeit“ der Kampf-Handlungen her. Keine Spur davon in „BLACK HAWK DAWN“.


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