new filmkritik

Dienstag, 04.03.2003

MARTHA… MARTHA – Sandrine Veysset, Frankreich 2001 (97’)
Kinostart: 6.3.2003

Merkwürdiger Titel.
Die Verdoppelung insistiert, in ihr steckt eine Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Als ob da jemand aufbegehren will gegen die Macht der Begründungen und sich deshalb genötigt sieht, zum letzten Mittel zu greifen, zur Tautologie, zur nicht hinterfragbaren, immer wahren Aussage. So schafft man unumstößliche Tatsachen, so stellt man Wahrheit her, so steigt man auf zum Gesetz gebenden Alleinherrscher im Reich der Wörter. Diese Putsch-Phantasie hat sich das kleine Einmaleins einer Politischen Ökonomie der Sinnproduktion zum Dogma gemacht: Wer die Regeln festlegt, nach denen willkürliche Laute in Behälter für Information umgewandelt werden, der dominiert das Game.

Ein Wunsch, der so heftig vereinfacht, weist auf einen schwerwiegenden Mangel hin. Eine selbstbewusste, perfekt symmetrische Gleichung zu werden, genau das schafft sie ja nicht, diese Zeichenanhäufung des Titels. Die liegende Drei-Punkte-Linie zwischen zwei identischen Namen markiert ein beredtes Schweigen. Im Gegensatz zum vertikalen und nachdrücklichen Ausrufungszeichen zeigt sie ein Zaudern und Zögern an, Unsicherheit. Erst mal abwarten. Zeit vergehen lassen.
In Theatertext und Drehbuch –dort, wo der Sprechakt notiert wird wie Musik in einer Partitur- stehen solche mit nichts als Bedeutung gefüllten Leerstellen für Pausen, für ein Innehalten im Redefluss, ein Unterbrechen von Bewegung und Handlung. In diesen Löchern reißt Raum auf für Interpretation, für Spekulation. Gewissheit versinkt in Möglichkeiten.

Angesichts der kosmischen Weite, die sich plötzlich hinter dem Wort auftut, kann es das sprechende Subjekt schnell mit der Angst zu tun bekommen. Es geht um eine Intuition, ein seinerseits nicht in Worten fixiertes, in diesem Sinne unbestimmtes Gefühl, das weiß: die Bennennung ist unzureichend, sie erfasst ihren Gegenstand nicht vollständig. Eigentlich gehört sie ergänzt, angereichert – nur so könnte eine präzise Beschreibung entstehen. Aber die kostet unendliche Mühen. Das Leben geht derweil weiter und verlangt eine Wahl. Wie man sich auch entscheidet, die Welt sieht immer schon wieder verändert, immer wieder neu aus.

In diesem Zusammenhang kann man sich leicht verlieren, es ist zum Verrückt-Werden – und auch darauf verweisen die drei Pünktchen, subtil, aber deutlich: Wie Gewichte hängen sie dran am ersten MARTHA und machen jede Hoffnung auf Ausgewogenheit zunichte. Eine winzige typografische Verschiebung und schon gerät alles aus der Balance.

Diese Schadensanfälligkeit will verwaltet werden. Ein dubioses Werkzeug kommt ins Spiel: die Wiederholung. Sie darf verfügen, dass alles beim Alten geblieben ist – eine selbstschützerische Vorspiegelung, die die rettende Rückkehr in eine bekannte Welt und dort ein Dauerbleiberecht verspricht.

Solche Suggestionstechniken funktionieren gut, sie bilden das Fundament aller auf Bewahrung ausgerichteten Weltanschauungen. Und trotzdem bergen sie auch den Kern ihres eigenen Scheiterns in sich: Die den Schein wahrende, Herrschaft stabilisierende Wiederholung bestätigt das Wiederholte nicht nur- gleichzeitig verstärkt sie den Zweifel, den sie eigentlich unterdrücken soll: Muss das Feststehende so betont werden, weil es gar nicht so fest steht?

Gegen den unauflösbaren Widerspruch hilft nur die Sturheit der Selbstbehauptung. Die Wiederholung ignoriert Aufforderungen nach Korrekturen und versucht, die vertraute Bezeichnung in die Ewigkeit fortzuschreiben, gegen alle zu beobachtenden Abweichungen und Änderungen. Damit produziert sie eine Logik des Zwangs. Die alten Fehler müssen wieder und wieder begangen werden.
Das dialektische Karussell dreht sich immer schneller, mit jeder weiteren Runde erhöht sich der Druck der Fliehkraft. Es erfordert eine außerordentliche Widerstandsfähigkeit, um diesen auseinander strebenden Kräften standzuhalten. Verdrängung ist zwangsläufig ein Akt von (Gegen-)Gewalt. Was sie zu leisten und auszuhalten ermöglicht, kann in Erstaunen versetzen.

Gegen unsere steinschweren Worte ist das, was wir sehen von dieser Welt, flüssig und flüchtig wie Wasser. Wir können Trost gut gebrauchen. Diesem Bedürfnis ist der Film gewidmet.

Stefan Pethke

Samstag, 01.03.2003

Fernsehhinweis

Heute Nacht (2.3.03) – arte – 0:00 Uhr –
In Wandas Zimmer
(No Quarto Da Vanda – Portugal/Deutschland/Schweiz – 180 Minuten)
Regie: Pedro Costa

Montag, 10.02.2003

Langtexthinweis

Neu auf unserer Langtextseite:
Das große Glück der kleinen Leute
Ist die RTL Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ ein weiterer, vielleicht der endgültige, Beleg für den oft beschworenen Tod von Pop? Von Michael Girke.

Dienstag, 21.01.2003

langtexthinweis

“Der überfüllte Film bleibt sonderbar leer” (Friedrich Luft) – ein Text von Harun Farocki zu Martina Müllers und Werner Dütschs: Lola Montez – Eine Filmgeschichte. Die Rezension ist zuerst, letzte Woche, gekürzt in der taz erschienen.

Montag, 13.01.2003

langtexthinweis

Jörg Becker: Das Licht des Nordens (Maurice Pialat: A nos amours)
und
Cinéma Audiovisuel: À nos amours. Filmpädagogische Website mit Interviews und einer vollständigen Transkription (Découpage) des Films (auf französisch). (Danke, Herr Praschl.)

Samstag, 11.01.2003

French Film-Maker Maurice Pialat Dies at 77
Texte zu Maurice Pialats Filmen hier (von Bert Rebhandl) und hier (von Ekkehard Knörer, anläßlich der Retrospektive seiner Filme im Berliner Arsenal).

Fernseh-Hinweis

(…) Wenn man meine Filme sieht oder überhaupt ein Bild, passiert in einigen sehr viel, in anderen wenig. Aber die Dauer selbst bringt etwas Erzählerisches in meine Filme. Wenn wir etwas länger sehen, möchte unser Verstand dem Gesehenen einen Sinn geben. Und zuallererst sucht es in dem Bild eine Geschichte. Das interessiert mich zwar, aber ich hoffe auch, dass der Zuschauer über das Erzählerische hinauskommt. Seinem Wesen nach ist ein Bild mehr als etwas Erzählerisches – es ist es selbst. (…)
(James Benning)

13.1.03 bis 27.1.03 – Filme von James Benning in 3Sat.
Termine und Daten zu den Filmen gibts hier.
Der Text oben ist aus einem Interview mit James Benning von Rainhard Wulf für das “Kinomagazin” – auszugsweise hier zu finden.
Und das Interview von Anna Faroqhi mit James Benning zur California Trilogy (die komplett während der 3Sat-Reihe zu sehen sein wird) ist immer noch hier, auf unserer Langtextseite, nachzulesen.

Donnerstag, 09.01.2003

langtexthinweis

Zum 8.3.2002 hat Manfred Bauschulte eine kleine Sammlung von Texten und Materialien von und zu Jean-Marie Straub übersetzt und zusammengestellt. Diese ist hier, auf unserer Langtextseite, zu finden.

Sonntag, 22.12.2002

Drei unerhörte Zitate aus einem Text von Helmut Färber:

„Das Verhältnis der Personen und Namen, und insgesamt, was an Wirklichkeit, Personen, Geschehnissen in diesem Film erscheint, ist nicht dafür bestimmt überschaut zu werden von einem Punkt außerhalb. (Der Film steht nicht in der zentralperspektivischen Tradition.)“

Und an anderer Stelle:

„Solange ein Kunstwerk besteht, wird immer wieder versucht werden, aus seiner Wahrheit Vortäuschung von Wahrheit zu machen.
Vernehmbar, erkennbar werden wird die Wahrheit eines Kunstwerks nur einem, der selbst das leuchtendste Werk als verletzlich erkennt, hinfällig; und durch dies Werk eine Entbehrung zu empfinden vermag – Kunstwerk: Bruch mit der Welt, Wiedergeburt der Welt – der erkennt, daß ein Kunstwerk nicht besitzbar ist, aber zerstört werden kann.“

Und an anderer Stelle:

„Die Schönheit der Erde kann nur als eine ferne Ahnung erscheinen in diesem wahren Film über dieses Land. Und jeder wahre Film über dieses Land Deutschland muß, scheint es, Züge von einem Horrorfilm annehmen: indem immer – immer seit wann? – noch etwas Abwesendes unsichtbar mit anwesend ist, mit den Lebenden im selben Raum, etwas Lähmendes – wie hier den ganzen Film hindurch zu verspüren.“

Helmut Färber: Trauer, Widerstand, Leere – Zu einer Einstellung in „Nicht versöhnt“ von Jean-Marie Straub/Danièle Huillet; in: Filmgeschichte 16/17, Deutsche Kinemathek, Berlin 2002, S. 75 – 78, hier: S. 75 u. 77

Mittwoch, 18.12.2002

Bitte besuchen: Disneys „Der Schatzplanet“

Von Michael Girke

Ein Film für vaterlose Söhne. Wie ein anybody versucht jemand zu werden, ein somebody mit einem eigenen Leben, das ist hier ein Abenteuer, das nicht zur Kriegserklärung gegen das Leben mit allein erziehenden Müttern wird. Das ist selten in der jüngeren Filmgeschichte. Sollte die Verfilmung von Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“ erfolgreich sein, droht „Der Schatzplanet“ als Disney für Männerunglück befördernde 68er identifiziert und verhöhnt zu werden. Zeichentrickfilme nehmen alle (Ex-)Kinder als beladene Träger von Narben aus Familienkonstellationen sehr ernst. Nicht nur deswegen schätze ich sie so sehr.

Dem jungen Jim Hawkins ist bei seiner Schatzsuche ein Roboter an die Seite gestellt. Der hat 100 Jahre Einsamkeit auf einem abgelegenen Planeten hinter sich. Rost in den Schaltkreisen und verlorengegangene Chips liefern die Entschuldigung fürs Disneysidekick typische Rumschusseln – diesmal einer Menschmaschine. Den Figuren und klassischen Stoffen wird durch solche Sidekicks der tragende Ernst genommen und eine, ja, realistische Dimension gegeben: Rumschusseln ist, wenn ins Sprachlose Verdrängtes sich für Momente austobt und wir dabei zusehen. Anders ausgedrückt: Wenn jemand wissen will, was eigentlich aus Jerry Lewis geworden ist: er ist bei Disney untergekommen, arbeitet als Roboter im Zeichentrick.

Wie immer animiert Disney auch diesmal zum Mäkeln: Der Hang der Disneystudios Animation realistischer zu machen, läßt ihre Filme aussehen wie „Star Wars“ und „Matrix“ schon ausssehen, schränkt also den spezifischen Zeichentrickzauber ein. Wie Tarzan vor zwei Jahren ein Surfer sein mußte, muß Jim Hawkins ein nerdiger, Gitarrenmusik hörender Skater sein, damit neues Publikum Disney nicht als altbacken verhöhnt. Opportunismus, Ausverkauf? Kein Problem. Das ist wie in den Jugendvorstellungen vor 25 Jahren in Herforder Kinos, als ich mir die großartig wortkargen Cowboys auch in der Antike und im Zukunftsfilm gewünscht habe. Durch die Bilder hindurch hört man die Disney Macher nicht nur als clevere Geschäftsleute denken.

„Der Schatzplanet“ schätzt nicht nur allein erziehende Mütter, sondern miese, raffgierige Cyborgs sind gar nicht mies und raffgierig, sondern – achten sie auf das Blinzeln im Maschinenauge – die andere Seite von dem, was Rationalität, Logik, Seriosität, Warenverkehr aus der Realität machen. Was (Ex-)Kinder nachts unter die Bettdecke in den Taschenlampenschein in die Bücher (heute PC Games) zu den Piraten lockt.

Warum es gut ist, daß die Zeit vergeht, wird am Weihnachtsfilm deutlich: Ein Disney Happy End heute ist, wenn Piraten nicht sterben müssen, sondern auf Kaperfahrt bleiben, um vererbten, im Weltall herrschenden Vorstellungen von Männlich-, Väterlich-, Vorbildlichkeit einen Strich durch die Rechnung zu machen.

Auch die Cyborg-Menschmaschine ist früh im Film kenntlich als Träger von Narben aus familiären Konstellationen. Weil so ein Glibberwesen, so ein niedliches Sidekick-Es, ihrem Bösewichteranführer-Ich an die Seite gestellt ist. Morphie heisst das Glibberding. In diesem Namen steckt all das, was so schön furchtbar an unseren Wünschen ist, daß es ordnungsgemäßer Selbstbeherrschung und Lebensplanung, oft in den zwanghaftesten und ungelegensten Momenten, schwer zu schaffen macht. Diesen vorletzten Satz, glauben sie mir, kann man verstehen, wenn man „Der Schatzplanet“ gesehen hat.

Verlassen des Disney-Kinos ist, als ließe man etwas von sich selbst zurück. Nicht Träume vom besseren Leben, sondern Ausdrucksmöglichkeiten.


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