Kino heißt: Brüche in der zeitlichen Wahrnehmung hervorzurufen. Das ist in der Aneignung und Fortschreibung der neuen Formen – insbesondere der Zeitkonzepte – seit den 60er Jahren vergessen oder verdeckt worden. Die Einseitigkeit der Modernerezeption: Man hat sich für Antonioni entschieden, nicht für Godard. Und zwar weltweit. Das Plansequenzkino, ein gedämpftes, einsinniges Dahinströmen der Zeit, keine Brüche. In Frankreich gilt das für so weit auseinanderliegende Positionen wie die Garrels oder Claire Denis‘, auch für Pialat. Gegen diese totalisierende Tendenz kann und muss man andere Tendenzen stark machen. Boris Barnet oder Leo McCarey, vieles, was es im vermeintlich prä-modernistischen, klassischen (US oder Sowjet-) Kino gab.
Anders als in den übrigen Künsten ist in der Filmgeschichte nie eine Tür zugeschlagen worden. Man kann immer noch alles machen. Es gibt nicht den Punkt (wie in der Malerei), an dem man nicht mehr – oder nur noch ‚meta’ – gegenständlich malen kann. Es gibt nicht den Punkt (wie in der Musik), an dem man keine klassische Symphonie mehr – es sei denn ironisch – schreiben kann.
Alle Türen stehen weit offen. Dem Klassizismus gehört die Zukunft.
[Das hat, so oder so ähnlich, Serge Bozon in der Debatte gestern Abend im Centre Pompidou gesagt. (Er spricht sehr schnell und eruptiv, man versteht nicht alles.) Der letzte Satz – Le classicisme est à venir – ist ein Rohmerzitat, das Bozon gern und immer mal wieder benutzt – oder sich ausgedacht hat, ich finde es jedenfalls grad nicht.]
posted by Volker Pantenburg
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Das Genre Eventmovie nähert sich rasant einer dokumentarischen Haltung an. […]
Es gibt die Bereitschaft und Energie, Zeitgeschichte authentischer und durchaus schmerzvoller aufzubereiten. […]
In den Eventbereich hält jetzt ein anderer Realismusbegriff Einzug… […]
Bei „Dresden“ habe ich deshalb noch aus Angst ums Publikum darauf bestanden, dass alle Engländer deutsch synchronisiert werden. […] Aber da bin ich eben Produzent und zuweilen auch Spielverderber; ich wäge da mit einer gewissen Sorge ab, bis zu welchem Grat das Publikum belastbar bleibt.
[Nico Hofmann in einem Interview auf spiegel-online, 30.11.2008: ICH WILL AN DIE GROSSEN ZEITEN DES DEUTSCHEN FERNSEHENS ANSCHLIESSEN]
posted by Wolfgang Schmidt
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Als der einäugige André de Toth den 3-D-Film HOUSE OF WAX inszenierte, ging in den Warner-Studios der Witz um, der einäugige Raoul Walsh sei Co-Regisseur.
Nicholas Osborn: „I took my favorite stereo slides and animated them. The result is incredibly life-like 3-D. Okay it’s not incredible life-like but it’s pretty cool so go check them out.“ Alle.
Walter Benjamin: „Es ist ja eine andere Natur, welche zur Kamera als welche zum Auge spricht; anders vor allem so, dass an die Stelle eines vom Menschen mit Bewusstsein durchwirkten Raums ein unbewusst durchwirkter tritt.“
Bei den Dreharbeiten von HOUSE OF WAX kam eine echte Guillotine zum Einsatz. Was der Schauspieler (Paul Picerni), der den Kopf hinhalten sollte, von dem Regisseur (André de Toth), der das Gesicht nicht verlieren wollte, im Interview erzählt, legt mal wieder die Frage nahe: Gibt es eine Verwandtschaft von Realismus und Diktatur?
Die genießbarste Frucht des Realismus ist jedenfalls das Bizarre. Der Studiochef Jack Warner bat André de Toth zur Premiere des 3-D-Films seine Augenklappe nicht zu tragen.
Denn wir wissen nicht, was wir tun.
posted by Rainer Knepperges
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Heute hat im Filmhaus Berlin – organisiert vom Verband der deutschen Filmkritik – eine Veranstaltung mit dem Titel „Im Netz der Möglichkeiten. Filmkritik im Zeitalter des Internet“ stattgefunden. Zwei der Beiträge sind nachzulesen, der eine auf der noch ofenwarmen Online-Plattform der Zeitschrift CARGO, die im Februar mit ihrem ersten Heft erscheint, der andere auf unserer Langtextseite:
Ekkehard Knörer: Anlass zur Kritik. Schreiben über Film im Netz
Volker Pantenburg: Das Schweigen der Weblogs wird unterbewertet
posted by filmkritik
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KANN FILM FORSCHEN? III
Zu einer Zeitumkehr bei Godard
PRÉNOM CARMEN (1982)
Ich warne Dich:
Wenn ich Dich liebe, dann ist das Dein Ende!
Ja, Carmen.
Wie nennt man das?
Was?
Etwas wie:
Die Unschuldigen auf der einen Seite …
und die Schuldigen auf der anderen.
Und … ich weiß nicht …
Ich auch nicht.



Zunächst schreckt Carmens Kopf hoch,
erst dann schiebt sich Josephs Hand zwischen ihre Beine –



Brandung

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Vergleiche Alexander Kluges Gespräch mit einer Schauspielerin, deren Figur zum Ende des Theaterstücks sterben wird. In etwa:
– Sie wissen, dass Sie im dritten Akt sterben werden.
– Nein, zu Anfang des Stücks weiß ich das nicht.
– Aber am Ende sind Sie tot.
– Ja, natürlich, darauf läuft es hinaus.
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Wenn Brecht von seinen Schauspielern fordert, historisch zu spielen, so ist Godard in der Lage, Historizität durch Montage herzustellen, Zeit sichtbar zu machen. Aus der Erinnerung hätte ich Stein und Bein geschworen, der Vorgang wäre im Film chronologisch abgelaufen.
posted by Wolfgang Schmidt
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KANN FILM FORSCHEN? II
Rot macht Frauen sexy
Dieselbe Frau, einmal in Rot, einmal in anderen Farben. Ergebnis: Die Frau in Rot kommt bei Männern wesentlich besser an, fanden Psychologen heraus. Der Farbeffekt, der Männern selbst nicht bewusst ist, funktioniert auch bei Affen.
Rot macht Frauen für Männer attraktiver. (spiegel-online, 28.10.2008)

Brigitte Bardot in: LE MÉPRIS, Godard 1963
posted by Wolfgang Schmidt
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„… weil hier die Wirklichkeit das Leben überholt hat.“
[F. H. v. Donnersmarck um 23.22 Uhr im New Yorker ARD-Wahlstudio im Gespräch mit Otto Schily, Gerd Ruge, Dr. Cerue Diggs und Sandra Maischberger]
posted by Volker Pantenburg
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Bei der Lektüre des Artikels WOMAN IN THE DISTANCE von Don DeLillo meinte ich plötzlich aus der Erinnerung an WANDA (Barbara Loden, 1971), eine Verwandtschaft im Spiel von Michael Higgins zur Schauspielkunst von Oliver Gourmet in den Dardenne-Filmen und Filmen anderer Regisseure zu erkennen.
Maria Speth und Reinhold Vorschneider erzählten von ihrer Arbeitserfahrung mit Gourmet bei dem Film MADONNEN, er sei ein Schauspieler der Motorik, der Arbeit – hochkonzentriert, sehr gut vorbereitet. Szenen, in denen es nichts zu tun gibt, wo es nur auszuharren gilt, sind für ihn eine Herausforderung.
posted by Wolfgang Schmidt
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Dass Film forschen könne – siehe Wolfgang Schmidts Eintrag von gestern –, davon war Jean Epstein überzeugt. Etwas über das vor einiger Zeit erschienene Buch mit einer Auswahlübersetzung aus seinen Schriften zum Film steht jetzt hier.
posted by Volker Pantenburg
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