Mittwoch, 06.03.2002

Politischer Film.

Jetzt muss ich gleich zu einem Gespräch mit der Zeitung Ästhetik und Kommunikation. Das Thema wird sein „Politischer Film“ und natürlich sitze ich da mit dem Andreas Veiel und Romuald Karmakar.
Ein Stoff muß sich selbst behandeln, um behandelt zu sein. Ein Novalis Zitat, das der Peter Nau vor das Vorwort seines Buches Zur Kritik des Politischen Films gestellt hat.
Vor ein paar Tagen lief Missing von Costa Gavras auf Arte und ich schaute 20 Minuten zu und das ist schon ein wenig ekelhaft, den Jack Lemmon zu sehen, wie er hier eingesetzt ist, als der Durchschnittamerikaner, der durch die Handlung gestoßen wird und sich infiziert und aufgeklärt wird. Dem die Augen geöffnet werden. Sorgfältig und still und präzise wird der Film nur, wenn er das Politische verlässt. 25 Sekunden steht Lemmon allein in einer Totalen am Fenster seines Hotelzimmers, mit dem Rücken zu uns. Er wartet auf Sissy Spacek. Er weiß nicht, was er hier zu tun hat, nicht in Chile, sondern in diesem Film. Wie oft er in Filmen so dagestanden hat, der ewig Quirlige und Dauerredner und Rechtfertiger, wenn ihm dann die Luft und die Zuversicht ausgegangen ist, die Schultern wegsacken, wenn er das amerikanische Tempo nicht mehr mitging. Das war da zu sehen und zu spüren.
Vielleicht hat er im gegenüberliegenden Hotelzimmer Yves Montand gesehen, der schaute, wie in „Der Krieg ist aus“ und nicht wie in Z. Müde.
Vor ein paar Tagen THE DEEP END gesehen. Mit Tilda Swinton. Ein merkwürdig interesseloser Film. Ein wenig gleichgültig. Ich mag das ja. Bei Tschechow, der immer „Wie soll man leben?“ von Marc Aurel mit sich trug, da heißt Gleichgültigkeit „gleich gelten“: Das Böse. Das Gute. Die Liebe. Die Kälte. Die Wachheit und die Müdigkeit.
Eine Mutter versenkt eine Leiche in einem See, weil sie glaubt, ihr Sohn wäre der Mörder. Sie versucht ihn zu schützen.
In solchen Versenkungsfilmen, da taucht das Versenkte irgendwann auf, das Wasser gibt die Schweinereien, das Verdrängte, die Verbrechen wieder preis. In The House by the River gibt es den erfolglosen Schriftsteller, der das von ihm ermordete schöne Dienstmädchen versenkt hat und darüber wahnsinnig wird, denn der Fluss, vor dem er immer sitzt und schreibt, wütet. Hochwasser. Tierleichen. Strandgut. Auch die Mädchenleiche wird darunter sein (Das Mädchen, das hat er begehrt und als es sich widersetzte, da hat er es erwürgt. Das Begehren, da gab es ein schönes Bild: Das Mädchen badet, in der Badewanne der Herrin, der Frau des Schriftstellers, was es eigentlich nicht darf. Und als sie das Wasser ablässt, da hört es der Schriftsteller. Hört, wie das Wasser, in dem der nackte Körper des Mädchens gelegen hat, die Abwasserröhre hinunterrinnt. Und er legt seinen Kopf an die Röhre und schließt die Augen. So stelle ich mir enen Stoff vor, der sich selbst behandelt).
Der See, in dem Tilda Swinton die Leiche versenkt, ist gar nicht tief. Und ist ganz klar. Man hat überhaupt nie den Eindruck, als wolle sie oder der Film etwas verstecken. Auch der ganze Noir Plot, der ganze Suspense, ist überhaupt nicht tief. Und auch ganz klar. Polizisten, die an den Wagen treten, die haben keine Sonnenbrillen. Kein Misstrauen. Flößen keine Angst ein. Dass man den Film gerne schaut, trotz der doofen Musik (die eingesetzt worden ist, weil die Produzenten Angst vor der Interesselosigkeit bekommen haben) hat etwas mit Müttern und Söhnen zu tun. Die Väter sind merkwürdig weit weg. Herausgeschrieben aus der Geschichte. Irgendwelche Admiräle, die auf irgendwelchen Flugzeugträgern in irgendwelchen Meeren herummanövrieren. Nicht einmal eine Telefonstimme haben sie. Tilda Swinton ist die Mutter. Und alle Männer der Geschichte starren sie an. Die Schwulen im Club. Der Sohn. Der Freund des Sohnes, das spätere Opfer. Der Mafiosi. Sie wollen zurück zu ihr. In einem Kriegsfilm wäre sie die Krankenschwester mit dem gestärkten Kittel und die Söhne würden Mama schreien, im Lazarett und sie würde ihnen die Hand halten. Hier gibt es keinen Krieg. Keine Front, von der gesagt wird, dass man dort zum Mann wird und dann krepiert man dort. Die Söhne in dem Film suchen solche Fronten. Tilda Swinton erlöst sie.
Der Bitomski hat mal in einem Seminar an der DFFB gesagt, dass die meisten Filme eine Architektur ausstellen. Die Filme, die was taugen, sind die, die selbst Architektur sind. Ich denke, dass es sich so auch mit dem Politischen verhält.

Dienstag, 26.02.2002

Nochmal Pialat

Spontaneität, Freimut, Institutionen und Psychologie – Bert Rebhandl hat 1996 für die österreichische Zeitschrif Meteor, Texte zum Laufbild, einen schönen Text zu den Filmen von Maurice Pialat erstellt (Meteor, Nr. 3, 1996, S.9-13). Dieser Text mit dem Titel “Offenes Geheimnis” ist jetzt auch auf unserer antville-Schwesterseite, nämlich hier, zu lesen. Die dort erwähnten Filme sind allesamt während der schon erwähnten Pialat-Retrospektive im Berliner Arsenal zu sehen und ausnahmslos klasse. Die Termine findet man hier.

Samstag, 23.02.2002

langtexthinweis

Geschichtsfilm, Autorenfilm, Filmkritik und Schnittstellen. Ein zitat- und umfangreicher Text von Michael Girke, Liebling, ich habe das Kino geschrumpft, bereichert ab heute unsere Tiefdruckbeilage bei antville.

Freitag, 22.02.2002

Im März zeigt das Arsenal eine umfangreiche Maurice Pialat-Retrospektive.
Pialat wird am 10.3. zur Vorführung von „L´ENFANCE NUE“ persönlich anwesend sein. Vor „L´ENFANCE NUE“ läuft „L´AMOUR EXISTE“, ein sehr selten gezeigter Kurzfilm von Pialat aus dem Jahr 1960. (Das Drehbuch zu „POLICE“, der ebenfalls zu sehen sein wird, hat übrigens Catherine Breillat geschrieben.) Dazu ein weiterer Hinweis: In der „Cahiers du Cinema“ vom Oktober 2000 (No.550) befindet sich ein langes Interview mit Pialat.

Gedichte lesen

Walking With The Wind,
von Abbas Kiarostami
This bilingual edition of recent verse by the celebrated Iranian filmmaker Abbas Kiarostami (award-winning director of such films as Close-Upand Taste of Cherry) includes English translations of more than two hundred crystalline, haiku-like poems, together with their Persian originals.

Donnerstag, 21.02.2002

Sehr vielseitig, sehr umfangreich: die Homepage von Klaus Wyborny.
Anfang/Mitte der 90er habe ich meinen einzigen Film von Wyborny gesehen, Aus dem Zeitalter des Übermuts, auf der Berlinale. Damals ließ der Projektor der Akademie der Künste den Film in der Mitte verbrennen und Wyborny lief dann rasch aus dem Saal, die Vorführung zu stoppen. Ich erinnere mich an das lyrische “Ach” der Voice-Over, an grobkörnige Bilder der Pyramiden und an eine Geschichte, die von der Idee handelte, auf jener Pyramidenspitze mit einer Frau zu schlafen. Flaubert hatte nur vergessen, diese Idee in seine Reisetagebücher zu notieren.
Band 6 (von 9) der auf der Homepage zu lesenden Comédie Artistique (Aus einem Künstlerleben) heißt Elementare Schnitt-Theorie, und handelt, schreibt Wyborny, “um die Theorie der Filme, die ich nicht machen möchte.“

Mittwoch, 13.02.2002

millenium_mambo.jpg

MILLENNIUM MAMBO
Frankreich, Taiwan, China, 2001
Regie: Hou Hsiao-hsien
Donnerstag, 14. Februar, 14 Uhr, Cinemaxx 14
Vielleicht die bis auf weiteres letzte Möglichkeit diesen Film in der Schwärze eines Kinoraumes zu sehen. Verleih Fortissimo, auf dem Filmmarkt, freundliche Leute. Wenn es voll wird kann sich vielleicht einer der zögerlichen Verleiher entschliessen den Film hier in die Kinos zu bringen.

Dienstag, 12.02.2002

Starsystem und Realitätsverlust – Eine Anekdote aus zweiter Hand
(aus Gründen der Selbst-Zensur gestrichen)

Samstag, 09.02.2002

Berlinale: Presseschauen und Weblog

Donnerstag, 07.02.2002

Wenn die Filmkritik hierzulande über den deutschen Film spricht gehts einem als läse man zeitgenössische Berichte über die Marine unter Wilhelm II. Der Film HEAVEN von Tom Tykwer ist dann ein tolles Schlachtschiff von dem aus Admiral Kosslik auf irgendeine Flotte schiessen soll. Auch wenn die Kanone auf dem Kahn zu dick ist und das schöne Schiff schwere Schlagseite hat. Und auf wen soll die Kanone schiessen?
Woran kann man erkennen ob zwei Darsteller in einem Film es wirklich ernst meinen? Was unterscheidet Steve McQueen und Ali McGraw in GETAWAY von Ribisi/Blanchett in HEAVEN? Fast alles. Das Buch natürlich: Schuld, das Verbrechen. Sex. Mexiko.
Bei Tykwer gibt es das nicht, wir begleiten eine Schicksalsgemeinschaft zweier Engel. Geschwisterliebe, Himmelfahrt. Kann der Zuschauer in den Augen Blanchetts erkennen ob sie Ribisi focussiert oder das Scheinwerferstativ rechts hinter seinem Ohr? Ist es ein Blick, der für die entscheidende zehntel Sekunde länger gehalten wird und das bedeutet dann was? Ist es der um ein paar Grad veränderte Winkel des Oberkörpers? Macht das einen Unterschied?
Bei HEAVEN ist alles ausschliesslich eine Sache des Glaubens. Wenn einem der fehlt produziert der zeremonielle Aufwand Schwulst. Ich habe die Liebe zwischen Ribisi und Blanchett nicht glauben können, sie für eine Behauptung, Berechnung, Verzweiflung, Drehbuch- oder Castingerfindung gehalten , für eine Spekulation, eine Wette die nicht aufgeht. Damit war der Film für mich verloren. Es blieben 3 Einstellungen, für die ich HEAVEN im Kopf behalte: Der Schlitz, der sich bei der Explosion des Aufzugs in die Leinwand reisst und die beiden Bilder am Ende: die Polizeiameisen, die auf den sich entfernenden Hubschrauber schiessen und dann der Blick von der Erde: der Hubschrauberquirl, der immer kleiner wird bis er ein Punkt ist und schliesslich im Blau des Himmels verschwindet.


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