Erinnerungen eines Filmkritikers an das Jahr 1965
Wir haben ein altes Grab auf einem Friedhof entdeckt.
Wir haben das Grab geöffnet.
Wir haben den Sarg rausgetragen.
Wir haben den Sarg geöffnet.
Wir haben eine Mumie gefunden.
Uns ist es gelungen, die Mumie zum Leben zu erwecken.
Die Mumie hat einen Film gemacht.
Und dieser Film war GERTRUD.
*
Das erzählt Michel Delahaye im zweieinhalbstündigen Porträt LE CARRÉ DE LA FORTUNE, F 2007, Regie: Pascale Bodet und Emmanuel Levaufre. Im Hintergrund sind lautes Löffelklappern und Gespräche von den Nebentischen im Café zu hören, deshalb habe ich nicht genau verstanden, ob er das über sich selbst, damals bei den Cahiers an der Seite von Rivette, oder über andere Filmkritiker sagt. Über sich selbst sagt er jedenfalls, dass er damals über Carl Theodor Dreyers Film hätte schreiben sollen, das aber ablehnte: Er glaubte nicht, dem Film gewachsen zu sein. Dass es ein zweieinhalbstündiges Porträt von Michel Delahaye gibt, finde ich erstaunlich; damals, als ich ein paar Notizen zu Delahaye schrieb, dachte ich, das sei der Auftakt zu einer Reihe von Texten, die ich »Zentrale Nebenfiguren des französischen Kinos« nennen wollte. Daraus wurde nichts, das heißt, doch: die Reihe existiert weiterhin in meinem Kopf, ich habe sie nur nicht geschrieben. Die zweite Folge hätte von Jean-François Stévenin handeln sollen, und vielleicht kann man auch den Moullettext als Beitrag gelten lassen. Jetzt also diese DVD mit dem Delahaye-Porträt. Über Delahaye könnte man in etwa das sagen, was er über Dreyer sagt: Er schien begraben, bis ihn ein paar junge Kritikerinnen und Kritiker von La lettre du cinéma, darunter neben Bodet und Levaufre auch Serge Bozon und Axelle Ropert, Ende der 90er Jahre wiederbelebten. Dafür ist dann vor einigen Jahren La lettre du cinéma verstorben, vor allem, weil die Redaktionsmitglieder sich verstärkt den eigenen Filmprojekten zuwandten. Es ist merkwürdig, dass sich Baudet und Levaufre mit Delahaye in das lauteste Café von ganz Paris setzen (oder mit einem Mikrophon arbeiten, dass jedes Café zum lautesten von Paris macht), vielleicht ist es sein Lieblingscafe. Später wird das mit dem Ton offenbar besser, da befragen sie ihn in seiner Wohnung, schreibt mir ein Freund, aber so weit bin ich noch nicht.






