new filmkritik

Dienstag, 18.08.2009

Reisen, kopfüber, seitenverkehrt

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„you will meet yourself face-to-face … when Earth meets its duplicate in outer space!“

Als Kind einmal kopfüber vom Vater durch die Wohnung getragen, erbettelte ich allabendlich die Wiederholung des Vergnügens: eine seltsam fremde Wohnung mit vertrauten Möbeln und Teppichen an der Decke. Diaabende wurden erst lustig durch die Missgeschicke. Unterrichtsfilme hätten nach Schülerwunsch ausschließlich rückwärts laufen sollen.

In order to create the illusion of a mirror-Earth an optical process known as „flop-over“ was significantly quicker and cheaper than building sets and props with reversed elements…
At some subsequent point prior to a UK TV screening, TV company staff viewed the print supplied by the film distributor and, not being familiar with the plot, concluded that the mirror-Earth sequences had been optically reversed in error. A second flop-over was applied to return the image to normal, and this went on to become the standard transmission version from that point onwards.
(Wikipedia über Doppelgänger / Journey to the Far Side of the Sun, 1969, Robert Parrish)

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„Emerging from the Ghost Train – at last you can open your eyes!“ National Fairground Archive

Man kann die Montage in ZAUNGÄSTE als Rhetorik verstehen, wenn man will: Polnische Wärme wird gegen kühles Deutschland geschnitten. Ein Golfplatz an einer stark befahrenen Landstraße lässt den Anglertümpel, in den von Wohnhausruinen hineingesprungen wird, abenteuerlich aussehen. Aber die Annahme, es gäbe eine Kapitelstruktur, in der stets „Heimspiel“ auf „Auswärts“ folgt, also BRD:POL auf POL:BRD – die Annahme täuscht. Bemerkt man endlich die Taktik der Verwirrung, hat man längst vergessen über Länderunterschiede nachzudenken.
Die Montage in ZAUNGÄSTE ist also eine gelungene menschenfreundliche Strategie.

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Le monde sans soleil, Jacques Cousteau, 1964

„Ich weiß sehr wohl, dass Psychologen für die Neigung, überall Ähnlichkeiten zu sehen, einen hässlichen griechischen Namen erfunden haben, aber das schreckt mich nicht, denn ich weiß, dass es überall Ähnlichkeiten gibt, weil alles in allem ist, überall! … Dass die Sonne ein hervorragender Fotograf ist, steht fest. … Denken Sie an den Rücken der Makrele, wo die seegrünen Wellen auf Silber fotografiert sind.“ (August Strindberg: Das Alpenveilchen)

Heute, 23:00 Uhr, 3sat, ZAUNGÄSTE, 2008, von Matl Findel und Leszek Dawid

Freitag, 14.08.2009

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* Ein anderes Kino ist möglich. Eine Art Anrufung
Olaf Möller über die Viennale’08-Schau des Österreichischen Filmmuseums, Los Angeles. Eine Stadt im Film

Fotografie und Malerei

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An exhibition curated by Diane Keaton for the Los Angeles Public Library September 1999. Mehr davon.

Sonntag, 02.08.2009

letzter Film

Ein 17jähriger deutscher Soldat, noch im März 1945 regulär eingezogen zum Wehrdienst, berichtet in „Totentanz Berlin“, ein Buch, das, lange nur noch auf Englisch erhältlich, jetzt wieder auf Deutsch zugänglich gemacht wurde, auch von den Kämpfen in der U-Bahn im April 45 und von einem besonderen Moment nach dem Weg durch die Dunkelheit:

„Mit der U-Bahn fährt man von einer zur anderen Station zwei bis drei Minuten. Und wir sind nun fast schon eine halbe Stunde unterwegs. Die Eingänge zu den Bahnhöfen sind mit Gittern verschlossen. Einige Kolbenstöße brechen die Türen auf. Ich sehe im Halblicht das glänzende Schild der Station. Wir sind am „Kaiserdamm“. Eine große Kinoreklame wirbt für den neuen Farbfilm „Opfergang“. Wir brauchen kein Kino mehr…“

Helmut Altner, Totentanz Berlin, Kommentiert und illustriert von Tony Le Tissier, Berlin Story Verlag, Berlin, 2009, 383 S., 19,80 Euro.

Dienstag, 28.07.2009

Landvermesser

Gerhard Benedikt Friedl, 1967 – 2009


Weil ein Nachruf
firmeninterne Details verrät, beschränkt
August Thyssen die Texte der Todesanzeigen
auf amtliche
Lebensdaten.

[HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN?]
(PDF)

Gerhard Friedls Tod hatte mich ratlos gemacht. Ich dachte: Man muss hier etwas darüber schreiben. Und ich dachte: Es ist schäbig, den Tod handlich zu machen und zum Schreibanlass herunterzurechnen; einer stirbt und man hat nichts eiligeres zu tun als die Tastatur zu zücken.

Ich kannte Friedl nicht oder nur flüchtig. Hatte ihn hier mal gesehen, da mal drei Worte gewechselt (und in diesem Fall heißt das: drei Worte). Was ich kannte, waren Leute, die ihn kannten und, wichtiger, die Filme KNITTELFELD und HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN?, dessen Titel zu den schönsten der Filmgeschichte gehört. Überhaupt sind gute Fragen als Titel unterrepräsentiert im Kino. Mir fällt auf Anhieb eigentlich nur noch WILL SUCCESS SPOIL ROCK HUNTER? ein.

In KNITTELFELD und HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? geschieht etwas ganz Unerhörtes mit dem Verhältnis zwischen Bild und gesprochenem Kommentar. Ich weiß noch, wie abgeklärt und informiert ich mich fühlte – seen & heard it all before, Marker, Godard, du weißt schon. Selbst fremdländische Begriffe wie „acousmêtre“ waren mir nicht unvertraut – und da kommt jemand daher und erfindet das, 70 Jahre nach Einführung des Tonfilms, noch einmal von Grund auf neu. Ich könnte nicht sagen, was genau zwischen dem lakonischen Erzähler und den rigide komponierten Bildern vor sich geht, aber es ist wohl nicht falsch, darin eine Option zu erkennen, die das Kino so vorher noch nicht wahrgenommen hatte. So, als entdecke man nicht nur eine weitere Tür in dem Haus, in dem man seit längerem lebt und das man gut zu kennen glaubt. Nein, hinter dieser Tür ist gleich auch noch ein bislang unbekannter Trakt, in dem aber nur dieser merkwürdige Friedl wohnt.

Es vergingen ein paar Tage, ein paar serviceorientierte Texte über Friedls Tod wurden in österreichischen Tageszeitungen gedruckt. Jetzt dachte ich etwas, das ich schon nach dem Tod von Uwe Nettelbeck gedacht hatte. Auch damals, Anfang 2007, erschien eine Reihe von Nachrufen, manche davon weniger schlampig als andere, aber es wurden immer nur die Ergebnisse – die Texte Nettelbecks – erwähnt oder beschrieben, nie ging es darum, wie diese Texte zustandegekommen waren. Gut, bei Nettelbeck sieht man die Produktion ja am Werk, wenn man DIE REPUBLIK liest, aber aus Erzählungen wusste ich, dass hinter dem monolithisch erscheinenden Projekt tausenderlei interessante Fragen stehen, die gar nicht so monolithisch, sondern in Gespräch und Zusammenarbeit geklärt werden. Es geht nicht um das Anekdotische daran, es geht um die Arbeit.

Auch bei Friedl hätte mich interessiert, wie man einen Film wie KNITTELFELD Schritt für Schritt erarbeitet. Wie man die Motive sucht und findet, in welchen Stufen der Text entsteht, wie man beides zusammenbringt und verschiedene Varianten testet. Glücklicherweise gibt es einen Text, der diese Dinge beschreibt. Werner Dütsch hat ihn über Friedls zweiten Film, HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN?, geschrieben, an dessen Enstehen er – damals noch WDR-Redakteur – als Co-Produzent maßgeblich beteiligt war. In verschiedenen Etappen ist da sehr anschaulich die Entwicklung des Films vom März 2001 bis Ende 2004 geschildert, als der Film sendefertig ist. Keine leichte Zusammenarbeit. Ein Ausschnitt:

„2004 gemeinsame Sichtungen am Monitor. Beim ersten Mal hat der Regisseur Bedenken. Der Rohschnitt sei noch zu roh. Der Redakteur findet das gar nicht so schlecht für eine Einschätzung der Montage, für Änderungen, Vorschläge, Varianten. Zu sehen ist, wie die Dreharbeiten den Bildern eine Autonomie eingeschrieben haben, die sie ganz untauglich machen zur Illustration. Sie lassen sich nicht als die Sklaven des Textes behandeln. Das geht so weit, dass schnell Einigkeit darüber besteht, einige Passagen mit ‚zu viel’ Synchronizität von Bild und Ton wieder zu entzerren. Friedl: ‚Der formale Einsatz: Bild und Wort verfehlen einander.’ Aber jeder neue Schnitt, jeder verschobene Text verändert sicht- und hörbar die Bedeutungsfelder. So eröffnen sich erschreckend viele Möglichkeiten, die Friedl mit unerbittlicher Unzufriedenheit durchdeklinieren wird. Ganze Passagen entfallen, winzige Details werden verändert, der Text ist immer noch nicht endgültig, ein neuer Sprecher beschert Verluste und Neugewinn und weitere Änderungen. Und der Ton? Wie sollen sie miteinander auskommen, der Originalton der Aufnahmen und der Sprecher des Textes? Wer darf wen dominieren oder verdrängen?“ (der ganze Text hier als PDF)

Nebenbemerkung: Man wünscht sich ein Buch „MEMO by Werner Dütsch“, um einen klugen Produzentenblick auf das deutsche Kino der letzten 40 Jahre zu bekommen. Aber wie ich die deutsche Publikationslandschaft einschätze, bekommt man stattdessen die Autobiographie von Bernd Eichinger. Ende der Nebenbemerkung.

Zu den Dreharbeiten zu KNTTELFELD war mir vor einigen Jahren – ich weiß gar nicht, in welchem Zusammenhang – ein Detail kolportiert worden. Rudolf Barmettler, der Kameramann des Films, erinnerte sich an die gemeinsame Arbeit mit Gerhard Friedl: „In Knittelfeld hatten wir auch keine Drehgenehmigung. Wir nahmen die auffälligsten Regenjacken (gelbe und orangene Farben) und schrieben in grossen Lettern drauf ‚Vermessung’. Die Kamera war immer bedeckt auch mit einem auffallenden Stück Regenschutz. Und der Friedl hielt eine Messlatte in der Hand, um die Einstellung zu beschränken, bzw. anzudeuten. Wir stellten jeweils auch ein bis zwei Pannendreiecke auf. Also, nicht verstecken, sondern auffallen, müsste die Strategie sein, aber in eine andere Richtung lenken.“

Barmettler hat jetzt noch einmal im Drehtagebuch von damals nachgelesen. Der folgende Eintrag als Ergänzung:

„17.9.1995
Immer wieder wurden wir als Vermesser angesprochen. Einmal fragte uns eine Frau (Hoffmann), ob wir diese Arbeit ‚dienstlich’ verrichten, was G.B.F. mit ‚Ja’ beantwortete.
Einmal fragte mich ein Automobilist von welchem Amt wir seien und ich antwortete ihm ‚von der Landestopographie’“.

Solche Geschichten und Einblicke in die Filmarbeit würde ich mir wünschen. Nicht, um Gerhard Friedls Filmen etwas Substanzielles hinzuzufügen, die gehören auch so zum Erstaunlichsten, was ich in den letzten 15 Jahren gesehen habe. Auch nicht, um ein wahrscheinlich rätselhaftes und nicht sehr glückliches Leben aus größerer Nähe zu beobachten. Es würde einzig darum gehen, das Handwerk und die Entscheidungen zu sehen, die hinter den Filmen stehen.

***

Der Tod ist in KNITTELFELD allgegenwärtig. Auch in HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN? wird am laufenden Meter gestorben. Zudem scheint in beiden Filmen jeder Schritt ein Stück tiefer in die Verstrickung und Ausweglosigkeit hinein zu führen. Ich wehre mich gegen den naheliegenden Gedanken, das hätte irgendetwas mit Gerhard Friedls Tod zu tun.

– Volker Pantenburg –

[Dank an Rudolf Barmettler und Matthias Rajmann]

Langtexthinweis

* Volker Pantenburg: Landvermesser. Gerhard Benedikt Friedl, 1967 – 2009

Montag, 27.07.2009

How many minutes of freedom would you like?

Einem aufmerksamen Leser verdanken wir den Hinweis, dass die von mir qua Gedankenspiel entworfene Internetabschaltung längst existiert, wenn auch nicht als Sondertarif eines Providers, sondern als Software für Apple-Computer. Das Programm trägt den suggestiven Namen FREEDOM und die Nutzer sind begeistert: „Hope Larson, author of Chiggers, Twitters that she’s using Freedom to get away from Twitter.“

Die Tagline „Freedom enforces freedom“ hätte ich mir nicht schöner ausdenken können.

Sonntag, 26.07.2009

My favourite planet is the sun

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Abenteuer zu erleben – in eigens dafür geschaffenen Liegesitzen, erschien mir verlockend – wie Fernsehen. Als Kind interessierten mich in dem Buch nur die Fotos. Das sichtbare Herumbasteln war mir leicht unheimlich. Wurde Al Shepards Liegesitz in einem Keller gefertigt? Diese Rohre an der Decke! „Wally Schirra lauscht, ob der unter Druck gesetzte Astronautenanzug luftdicht ist.“
Ist Raumfahren wie Fahrradflicken?

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In Philip Kaufmans Film THE RIGHT STUFF (1983), in dem es, nicht nur nebenbei, um Arbeitskampf geht, wird Shepard von Scott Glenn, Cooper von Dennis Quaid, Glenn von Ed Harris, Grissom von Fred Ward, Schirra von Lance Henriksen gespielt.
Nun lese ich gebannt, was Wally Schirra im Astronautenbuch von 1962 (Originaltitel: WE SEVEN) im Kapitel „Spiritistische Sitzungen“ schreibt:

Wir waren im ganzen Lande ziemlich angesehen, und wenn es uns manchmal nicht gelang, das zu erhalten, was wir haben wollten, dann rotteten wir uns alle sieben zusammen, und das genügte, um mindestens einen Kompromiß zu erzielen. Wir versuchten, unseren Vorteil nicht auszunutzen. Aber wenn wir auf etwas stießen, das uns Kummer bereitete, schlossen wir uns in unserem Büro in Langley ein, bis wir eine befriedigenden Lösung für alle sieben hatten. Dann erschienen wir wieder und setzten uns durch. Manchmal hatten wir untereinander ziemlich heftige Auseinandersetzungen, ehe wir uns ganz im klaren waren, für was wir kämpfen mussten. Aber gewöhnlich blieben wir in unserem Zimmer, bis wir uns über alle Punkte einig waren, damit die anderen Burschen mit denen wir uns auseinandersetzen mussten, unsere „Einheitsfront“ nicht zerstören oder ein Loch in unseren Argumenten finden konnten. Wir nannten eine solche Sitzung eine „spiritistische Sitzung“ – weil manche Leute der Meinung waren, wir benähmen uns dabei wie Geisterseher und holten die Antworten unter dem Tisch hervor. Aber einmal hatten wir eine spiritistische Sitzung, mit der wir wirklich etwas durchsetzen wollten, ganz gleich, wer gegen uns war – auch wenn es zufällig einer der obersten Chefs sein sollte. … Es mag viel leichter sein – und vielleicht auch sicherer -, ein Raumschiff ohne Fenster zu bauen. … Aber …

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Licht, 1961

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Fall, 1963

Ein Buch aus der gleichen Zeit: Tillie S. Pine und Joseph Levine: Licht, Strom, Magnete, Fall
Mit wunderschönen Illustrationen von Bernice Myers.

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Experiment und Sinnlichkeit der Weltraumfahrt hat der Physikstudent Klaus Wyborny im Juli 1968 auf schwarzweißem Normal-8-Milimeter-Film wie niemand sonst für die Ewigkeit konserviert.
AUF ZU DEN STERNEN, mit leise gesprochenem Kommentar: „Der Sand der weiten Wüsten drang durch die Fugen des Raumschiffs bis in ihre Armbanduhren. — In der Nacht des 140sten Tages ihres Aufenthalts auf dem Mars machte John eine ungeheure Entdeckung.“
Aus dem ungewöhnlichen Transportmittel, das sich von einem ganz gewöhnlichen Wohnzimmer nicht unterscheidet, schaut John durch das hinterm Vorhang verborgene Fenster.
„Aber Joel konnte ihm beweisen, dass er sich geirrt hatte. Und kurz danach verließen sie ihren Zielort, um zur Erde zurückzukehren. Auf der Rückreise gab es zwar mancherlei Komplikationen, doch im Grunde waren sich alle einig. Und sie wussten das.“

Mehr zum Thema bei Wayward Cloud, mehr zur Frage „What is your favourite planet?“ mit Will Ferrell und Jeff Goldblum und zuletzt noch meine Zeichnung mit dem Titel „Vom Mond zurück „.

Freitag, 24.07.2009

We shall now have tea and speak of absurdities

Vor einigen Wochen, im Arsenal-Kino, bevor der Film losging, sprachen wir darüber, dass sicher bald die ersten Internet-Provider mit Angeboten auf den Markt kommen, bei denen das Netz über das Wochenende abgeschaltet wird. Gegen Aufpreis, versteht sich, als „Weekend deluxe-Tarif“. Die großflächigen Werbeplakate zeigen entspannte Menschen beim Tee oder im Garten, andere arbeiten konzentriert. Sie haben ihre Ruhe, endlich klingelt mal nicht das Internet. Es versteht sich, dass man die „deluxe“-Abschaltung auch – gegen erneuten Aufpreis – ihrerseits wieder abschalten kann, das ist dann der „Weekend deluxe plus-Tarif“. Die Kampagne setzt ganz auf Distinktion – ein Slogan lautet: „Die etwas andere Flatrate“, ein anderer: „Lassen Sie die anderen für sich twittern“ –. In einem harten, aber fairen Wettbewerb hat sich mit minimalem Vorsprung die Werbeagentur durchgesetzt, die den neuen Tarif als das bewirbt, was weiland der Diener, das Hausmädchen oder die Vorzimmerdame waren.

Ich möchte hier kurz festhalten, dass seit mindestens drei Wochen das Wetter verrücktspielt. In fünf Jahren, Mitte 2014, falls das Internet dann noch existiert und man zufällig oder gezielt über diesen Eintrag stolpert, soll man sich an etwas erinnern, das kalendarisch als Sommer galt, aber in Wirklichkeit eine meteorologische Aberration mit schnellen Wechseln zwischen Sturm, Regen, Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit, abrupten Temperaturabfällen, Gewittern und stellenweise Hagel war. In einer Sendung im neuen ZDF- Nachrichtenstudio war die Rede von 3000 Blitzen in einer der letzten Nächte. Diese Zahl bezog sich auf ganz Deutschland, wenn ich es richtig verstanden habe. Vor ein paar Tagen brach im Osten der Republik ein halbes Dorf weg und wurde kurzerhand von einem See verschluckt.

Vorläufige Jahresbilanz: Ein Stadtarchiv, ein halbes Dorf. Gut, ich will jetzt nicht für alles das Wetter verantwortlich machen. – Ach, warum eigentlich nicht.

In ALLE ANDEREN ist das Wetter bestens. Komisch, im Nachhinein kommt es mir vor, als ginge das Hauptpärchen den ganzen Film über nicht ein einziges Mal ans Meer, dabei ist es ein Sardinienfilm. Doch, einmal, gegen Ende sind die beiden auf dem Weg zum Strand, aber sie, die Minichmayrfigur, kehrt plötzlich um und hat keine Lust mehr, so dass er, der Eidingercharakter, etwas konsterniert auf dem Schotterweg stehenbleibt und ihr dann zurück zum Haus folgt. Von einem Yacht-Ausflug mit einem anderen Pärchen ist verschiedentlich die Rede, aber auch dazu kommt es nicht. Ein Film voller „Dann-doch-eher-nicht“-Scheinoptionen. Dass dieses Meer nie vorkommt, obwohl es doch traditionell der Sehnsuchtsort Nummer Eins ist, hat sicher etwas zu bedeuten. S. war der Meinung, dass man diesem Yachtpärchen ihre Yacht nicht abnähme, aber das fand ich nicht schlimm. Mich störte eher, dass der Film so exakt der Vorstellung entsprach, die ich mir von ihm gemacht hatte. Es gab auf eine geradezu beunruhigend perfekte Weise keine Abweichung von dem Bild, zu dem sich mir der Film nach Texten, Bildern und Erzählungen im Kopf zusammengesetzt hatte. Der Film kam, sah und schmiegte sich passgenau hinein in die mitgebrachte Erwartungsform. Ich sah auf die Leinwand, als sei das, was dort geschah, mit großer Präzision durchgepaust durch das Imaginäre der Meinungen, die ich über ALLE ANDEREN gelesen hatte. Das ist natürlich kein Einwand gegen den Film, eher das Gegenteil. Irritiert war ich auch darüber, dass das Publikum den Film bis weit in die zweite Halbzeit hinein uneingeschränkt als Komödie auffasste, mit prustendem Gelächter und allem Pipapo. Yorck-Kino, Mitte Juli 2009.

Um zwei andere Texte nicht zu schreiben, schrieb ich einen dritten und las dafür die neuen Bücher von Luc Moullet. Im Mai hatte eine vollständige Retrospektive seiner Filme im Centre Pompidou stattgefunden, B. war so nett, mir als Überraschung eins der Programmhefte mitzubringen. Zu fast jedem der Filmprogramme, konnte man lesen, gab es kurze Einführungen von Moullet oder anderen: Jeanne Balibar, Serge Bozon, Catherine Breillat, Raoul Ruiz, André S. Labarthe, Philippe Katerine etc. Im Netz finde ich jetzt Videos von all diesen Einführungen, und darüber hinaus auch eine über dreistündige Diskussion über Moullets Filme, mit Emmanuel Burdeau, Richard Copans, Jean Narboni, und Marie-Christine Questerbert und sicher noch jemandem, den ich vergessen habe. Wer Lust hat, findet das mit ein paar Klicks bei dailymotion, ich bin grad zu träge zum Verlinken.

Marie-Christine Questerbert spielt neben Jean-Pierre Léaud in UNE AVENTURE DE BILLY LE KID (1970), Moullets Versuch, Vidors DUEL IN THE SUN und Bressons LES DAMES DU BOIS DE BOULOGNE zugleich zu verfilmen. Im Buch „Notre alpin quotidien“, einem langen Interview mit Burdeau und Narboni, erinnert sich Moullet an einen Unfall bei den Dreharbeiten. Questerbert ist damals von einem Felsen knapp 40 Meter in die Tiefe gestürzt, hat sich aber zum Glück nicht stark verletzt. Moullet behauptet, der Sturz habe eher persönliche Gründe gehabt, er sei nicht auf die felsige Landschaft zurückzuführen. Das sieht Questerbert anders und will es jetzt, 2009, endlich klären. Sie hat für die Diskussionsrunde einen Zettel mit einem Text vorbereitet, beschuldigt Moullet der Gedankenlosigkeit und mangelnder Vorsichtsmaßnahmen. Weder gab es einen Assistenten, der ihr hätte Anweisungen geben können (sie sollte die Augen geschlossen halten und „wie ein Zombie“ mit ausgestreckten Armen voranschreiten), noch wäre Moullet sonderlich fürsorglich mit ihr umgesprungen. Zum Glück sei sie bei dem Sturz in einem Müllhaufen gelandet und habe daher kaum Verletzungen davongetragen. Aber trotzdem, Luc, „Was war da los?“ – Moullet schickt vorweg, dass er keine wirkliche Antwort auf diese Frage habe, es sei noch zu früh, dazu etwas Definitives zu sagen, schließlich sind erst 39 Jahre vergangen. Die ganze Situation bleibt kurios in der Schwebe, man weiß nicht so recht, ob hier tatsächlich nach knapp vier Jahrzehnten eine wirkliche Kränkung und Verletzung im Gespräch ausgeräumt werden soll oder ob es eine gelungene Aufführung ganz im Stil Moullets ist. Möglicherweise werden wir es nie erfahren.

An einem anderen Abend macht Serge Bozon eine Einführung zu TERRES NOIRES und BRIGITTE ET BRIGITTE. Er ist, wenn ich es richtig sehe, der einzige, der sich etwas überlegt hat für den Abend und auf den Ort der Retrospektive eingeht – ein Museum für moderne Kunst. Bozon ist ein Freund von Zuspitzungen, das war bei seiner Verteidigung des Klassizismus vor ein paar Monaten am gleichen Ort schon deutlich. Diesmal beginnt er mit einer hypothetischen Einteilung von Filmkritikern. Für ihn gebe einerseits die, bei denen das Kino der Kultur vorausgegangen sei und andererseits die, bei denen das Kino nicht der Kultur vorausgegangen sei. Von den ersten könne man mit Recht behaupten, sie seien „im Kino geboren“. Beispiele: Truffaut, Skorecki, Moullet oder Biette. Beispiele für die andere Gruppe: Bazin, Sadoul, Rohmer, Bonitzer. Godard sei ein interessanter Fall, weil er irgendwie dazwischenhängt. Und natürlich gebe es – jenseits dieser etwas schematischen Unterscheidung – mindestens ebenso interessante Fälle, bei denen man nicht weiß, was nun zuerst kam, wo aber klar ist, dass vor dem Kino eine harte körperliche Arbeit gelegen habe: Manny Farber, Michel Delahaye. In der Folge beschreibt Bozon anhand dieser Differenz zunächst kurz das Verhältnis der Kritiker zum Museum. Bei der ersten Gruppe habe man es oft mit mindestens einem Vorbehalt gegen, wenn nicht sogar audrücklichem Hass auf – siehe Skorecki – das Museum zu tun. Moullets Werk allerdings zeige, obwohl er in der ersten Gruppe ist, eine große Nähe zu dem, was in Teilen der zeitgenössischen Kunst geschieht. In ESSAI D’OUVERTURE zum Beispiel erkennt Bozon eine Verwandtschaft zu William Wegmans „Three Mistakes“ (1971). Moullet spielt alle Methoden durch, eine Colaflasche zu öffnen, Wegmann inventarisiert fotografisch die drei Möglichkeiten, beim Einschenken eines Glases Milch zu scheitern (1. Das Glas liegt horizontal; 2. Das Glas steht aufrecht, aber auf dem Kopf, mit der Öffnung nach unten; 3. Das milchausschenkende Subjekt zielt daneben). Ich selbst musste bei Bozons Beschreibung auch an John Baldessaris „Teaching a plant the alphabet“ (1972) denken, ein schönes Lehrvideo, in dem Baldessari einer Topfplanze trotz deren offenkundiger Uninteressiertheit jeden Buchstaben von A bis Z vorbetet.

Bozon interessiert sich im Anschluss für die Frage, was Moullet trotz dieser Nähe zu einer bestimmten Spielart zeitgenössischer Kunst – Bozon qualifiziert sie als „konzeptuell, minimalistisch, konkret, antisozial und sarkastisch“ – von ihr unterscheidet. Seine Antwort: Das Talent für’s Erzählen. Moullet sei, anders als Rivette oder Godard, ein wirklich guter Erzähler. Ob man diesem letzten, eher kontraintuitiven Schlenker der Argumentation folgen will, muss jeder für sich entscheiden.

– Definieren Sie „Synästhesie“.
– Wenn ich die Seite www.twitter.com öffne und instinktiv das Bedürfnis verspüre, mir die Ohren zuzuhalten.

M. sagte, dass Twitter das Schlechteste in den Menschen nach oben spüle. Er sagte das eher im resignativen als im provokativen Tonfall. Wie ernst er es meinte, weiß ich nicht. Kurz darauf vertrat er auch die meiner Meinung nach etwas forcierte Ansicht, dass die Erfindungen nach 1979 einfach nichts Neues mehr gebracht hätten.

– Volker Pantenburg –

Langtexthinweis

* Volker Pantenburg: We shall now have tea and speak of absurdities


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