Kino heißt: Brüche in der zeitlichen Wahrnehmung hervorzurufen. Das ist in der Aneignung und Fortschreibung der neuen Formen – insbesondere der Zeitkonzepte – seit den 60er Jahren vergessen oder verdeckt worden. Die Einseitigkeit der Modernerezeption: Man hat sich für Antonioni entschieden, nicht für Godard. Und zwar weltweit. Das Plansequenzkino, ein gedämpftes, einsinniges Dahinströmen der Zeit, keine Brüche. In Frankreich gilt das für so weit auseinanderliegende Positionen wie die Garrels oder Claire Denis‘, auch für Pialat. Gegen diese totalisierende Tendenz kann und muss man andere Tendenzen stark machen. Boris Barnet oder Leo McCarey, vieles, was es im vermeintlich prä-modernistischen, klassischen (US oder Sowjet-) Kino gab.
Anders als in den übrigen Künsten ist in der Filmgeschichte nie eine Tür zugeschlagen worden. Man kann immer noch alles machen. Es gibt nicht den Punkt (wie in der Malerei), an dem man nicht mehr – oder nur noch ‚meta’ – gegenständlich malen kann. Es gibt nicht den Punkt (wie in der Musik), an dem man keine klassische Symphonie mehr – es sei denn ironisch – schreiben kann.
Alle Türen stehen weit offen. Dem Klassizismus gehört die Zukunft.
[Das hat, so oder so ähnlich, Serge Bozon in der Debatte gestern Abend im Centre Pompidou gesagt. (Er spricht sehr schnell und eruptiv, man versteht nicht alles.) Der letzte Satz – Le classicisme est à venir – ist ein Rohmerzitat, das Bozon gern und immer mal wieder benutzt – oder sich ausgedacht hat, ich finde es jedenfalls grad nicht.]