new filmkritik

Samstag, 07.07.2007

Lissabonrapport

Olaf Möller aus Köln hatte eine Filmreihe zusammengestellt für das Indie Lisboa Filmfestival mit deutschen Filmen aus den letzten 20 Jahren, „A German Cinema“, und mich gefragt, ob ich Lust hätte, diese Reihe in Lissabon zu begleiten.
Ja.
Vom 19. bis zum 30. April dieses Jahres war ich dann in Lissabon. Das Filmfestival hatte mich eingeladen, die deutschen Filme zu präsentieren und mich auch noch in eine Kurzfilmjury gesteckt, das Goetheinstitut den Flug bezahlt und das Hotel. Ich war das erste Mal in einer Jury, ich war das erste Mal auf einem Festival mit einer Mission, mit der Mission, die Reihe „A German Cinema“ zu begleiten. Olaf Möllers Text zu dieser Reihe und der Text von Cristina Nord, die in Übersetzung in der Broschüre des Festivals erschienen, sind hier (Möller) und hier (Nord) auf Deutsch zu lesen. Die Broschüre heißt „A German Cinema“ und enthält auch ein Vorwort von Helmut Färber, das aus drei Zitaten besteht, die ich abgeschrieben habe und die weiter unten zu lesen sind, und die Übersetzung eines Texts, den Ekkehard Knörer, Volker Pantenburg, Stefan Pethke, Simon Rothöhler und ich 2006 für die österreichische Filmzeitschrift „kolik.film“ geschrieben hatten. Die ISBN der Broschüre ist: 978-989-95007-6-1

Ich möchte etwas schreiben, dachte ich, was etwas erzählt über das Auf Festivals Sein. Ich wollte auch über das Jurorsein schreiben. Aber schon beim Jurorsein war ich dann zu sehr damit selbst beschäftigt, als dass ich noch über das Jurorsein hätte schreiben können. Es muss also woanders darüber geschrieben werden. Ich wollte auch über die Filme der „A German Cinema“-Reihe schreiben, über Valeska Grisebachs MEIN STERN (2001), Michel Freerixs CHRONIK DES REGEN (1990), Irina Hoppes DEUTSCHLÄNDER (1994), Christoph Hochhäuslers FALSCHER BEKENNER (2005), Wolfgang Schmidts NAVY CUT (1992), Romuald Karmakars DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER (2006), Aysun Bademsoys AM RAND DER STÄDTE (2006), Markus Nechlebas MALEREIEN UND GRAVIERUNGEN (1998), Boris Schafgans‘ STAAT UND LIEBE (2000), Christian Petzolds DIE INNERE SICHERHEIT (2000), Ulrich Köhlers MONTAG KOMMEN DIE FENSTER (2006), Thomas Arslans 19 PORTRÄTS (1990) und IM SOMMER, DIE SICHTBARE WELT (1992), Herbert Schwarzes ALS UNSERE LIEDER NOCH WILD UND GEFÄHRLICH WAREN (2005), Thomas Schultzs DAS LAGER (1986), Stefan Hayns EIN FILM ÜBER DEN ARBEITER (1997), Angela Schanelecs ICH BIN DEN SOMMER ÜBER IN BERLIN GEBLIEBEN (1993), Gerhard Benedikt Friedls KNITTELFELD: STADT OHNE GESCHICHTE (1997), Christoph Willems‘ DER MANN AUS DEM OSTEN (1991), Rudolf Barmettlers MINI HÄND WERDIG RUCHER, IMMER RUCHER (1997), Hito Steyerls NOVEMBER (2004), Volkmar Umlaufts RÜCKKEHR (2001), Anna Faroqhis DER MEHRWERT DER LIEBE (2001) und Ludger Blankes DER TOD DES GOLDSUCHERS (1989).

Die meisten der Filme habe ich in Lissabon ein- oder zweimal gesehen; manche dort auch zum ersten Mal, weil es keine VHS oder DVD von ihnen aufzutreiben gab von Berlin aus. Zu den meisten der Filme habe ich in Lissabon kleine Einleitungen gemacht. Ich notierte deswegen, schon vorher in Berlin und während der Tage in Lissabon, immer wieder etwas zu diesen Filmen, aber das muss zu anderen Gelegenheiten nochmal anders aufgeschrieben werden, konziser, klarer, zusammenhängender. Das meint: Die tolle Reihe müsste so, wie sie in Lissabon lief, oder auch noch weiter, ausgeführter, auch in Deutschland zu sehen sein in den Kinematheken.

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Donnerstag, 19.4.2007

Ich liege in meinem Hotelzimmer auf dem Bauch und kann Emails empfangen. 25 Grad Celsius draußen, gleich Eröffnungsfilm.

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Freitag, 20.4.2007

Heute Regen. Warmer Regen, schwül, ab und an angenehm auffrischender Wind. Ein Balkon in der Größe des Muskauerstraßenbalkons. Das Hotel liegt im Norden der Stadt, viele Neubauten. Man fährt eine Weile, um an den Tejo zu kommen. Blickte man nach Osten, sähe man die unbebauten Ränder der Stadt. Die Polizeiautosirenen haben diesen wimmernd spiraligen San-Francisco-Sound. Einen Filmkritiker aus Barcelona und einen aus Newcastle kennengelernt, gestern, auf dem Empfang nach dem Eröffnungsfilm; und heute Morgen baten sie mich an ihren Frühstückstisch. Man merkt beim Reden über die deutschen Filme, dass bei den meisten einiges durcheinandergerät. Eugene Green ist sehr klein und hat verwuschelte Haare. Er sprach schnell schlecht vom amerikanischen Kino, das Kommerzielle ist ihm nicht geheuer, aber SCHLÄFER von Heisenberg, den wir doch alle so lala fanden, den fand er toll. Dann wollte er mir noch eine DVD von PONT DES ARTS geben, aber ich habe dankend abgelehnt, weil es ja schon eine in Berlin gibt bei E oder V. Jetzt vor dem Umziehen reagiere ich ganz allergisch auf Besitzzumutungen. Die Filmprojektionen fangen immer erst um 15:00 an. Der Eröffnungsfilm gestern war mies. Ein remix des Glawoggerschen MEGACITIES-film von den Sofa-Surfers. All das, was im Glawoggerfilm schon nervig war, wird in dem Remixfilm wie vergrößert ausgestellt und mit ziemlich öder, clubkompatibler Lounge-igkeit verschnitten. Bei Glawogger hat man immer diese Kapitel, New York, Dehli, Mexiko City, St. Petersburg, im Remix-film sind die Handlungen daraus auf continuity neugeschnitten, das heißt: In Dehli fährt einer mit dem Bus und das wird dann übergeblendet auf einen Busfahrenden in Mexiko-City und immer soweiter, Loop halt, in dem jeder Impuls eines Einsatzes verschwindet. Staatsgeldverbraterei. Die Leute, die das Festival hier machen, sind aber prima. Das Festival vom ersten Tag an als so eine Mischung aus Weltkinoenthusiasmus und Viennale-Mimikry gesehen. Wenn man nicht aufpasst, droht das natürlich auch, wie immer, schief zu gehen. Ich habe Tickets fürs Umsonstessen in einer Kantine bekommen und auf die Geldfrage wird ausweichend geantwortet. Mal gucken. Gestern beim Durcharbeiten des Katalogs zwei Stunden in einem Cafe gesessen und reichlich Kuchen und Cafe gehabt und nur 3,60 Euro bezahlt. Eine Halbliterflasche Wasser kostet 35 Cent in teuren Läden. Bald fühle ich mich wie Josef Bierbichler in Afrika. Das Portugiesische ist sehr geheimnisvoll. Vom Flughafen hat mich eine Frau abgeholt, die sah aus wie das kleine Mädchen aus MES PETITES AMOUREUSES. Sie macht etwas mit Medien. Die kleinen Mädchen aus MES PETITES AMOUREUSES machen heute alle was mit Medien. Die Broschüre zu „A German Cinema“ ist ganz schön, jedoch merkt man ihr den Zeitdruck an. Am Anfang gibt es noch einen kurzen Text, von Färber kompiliert mit ungekennzeichneten Zitaten; man kann sich gar nicht vorstellen, dass Färber das Belegen vergessen hat. Mit furchtbar vielen Rechtschreibfehlern und Buchstabendrehern. Im Vorwort der Herausgeber steht, Färber sei der einflussreichste deutsche Kritiker. Was für eine schöne Verdrehung! Ich musste an die merkwürdige Passage mit Alice aus Gs Hausarbeit denken. Ab Dienstag habe ich mehr Zeit, dann habe ich das deutsche Panel (Sonntag) und zahlreiche Kurzfilme abgearbeitet. Jetzt gleich lunch, dann Kurzfilme, dann Sachen von New Crowned Hope und etwas Ungarisches, das sich interessant anhört. Schön hier, und schön auch, das schöne Elektrische aus Berlin hier zu haben und nicht die fiesen Wohnungssachen. Das Essen in dem Cafe Magnolia, das die Kantine ist, ist lecker. Ich hatte eine grüne pürrierte Suppe, Risotto, Quiche, Feldsalat mit Parmesan, der hier anders heißt, einen sehr zimtigen Apfelkuchen und einen prima Cafe. R, das Eustachemädchen, setzte sich zu mir und erzählte, ihr Traum sei es, in Schweden zu leben. Schweden ist weit entfernt von Portugal, weswegen es kaum Informationen über das Land gibt. Alle, die sie fragt, sagen, in Schweden sei es immer kalt und dunkel, aber das glaubt sie nicht, bestimmt ist der Sommer in Schweden auch schön. Sie zeigt mir ein Bild aus dem Festivalkatalog, ein schwedischer Junge mit blonden Haaren liegt im Gras und schaut in die Sonne. Das Eustachemädchen arbeitet vom Morgen bis zum frühen Abend beim Festival, danach geht sie noch in ein Callcenter und arbeitet weiter. Jetzt stehe ich vor dem Cafe und rauche eine filterlose Zigarette aus Deutschland, man hatte mich gewarnt, es gibt keine Camel ohne Filter in Portugal. Die ehemals staatliche Zigarettenmarke Portugues ist von Philip Morris gekauft worden, seitdem schmecken sie nicht mehr, sagte mir am Abend eine ältere Frau. Die ältere Frau hatte eine Diskussion mit dem Navettefahrer angezettelt, da ging es darum, dass der Navettefahrer ruhig einmal auf dem Weg anhalten könne, aber der Navettefahrer weigerte sich, weil er Anweisung habe, nicht auf dem Weg anzuhalten und andere im Bus schalteten sich ein in die Diskussion in geheimnisvollem Portugiesisch. Wie war nochmal die Unterscheidung: Pflichtethik vs. was? Auf dem Cover der Deutscheskinobroschüre ist Julia Hummer aus INNERE SICHERHEIT, mit blutiger Lippe und Schramme an der Nase und Erde im Gesicht und dem ungläubig freigeräumten, fassungslosen, aber immer noch störrischen Blick vom Ende des Films. Im Vorwort wird von der recovery des deutschen Films nach der Fassbinder-Ära gesprochen. Außerdem wird gesagt, Helmut Färber sei „the most influential critic in Germany“; das schrieb ich aber schon. Färbers Text, die Zitatmontage, heißt „Ideas for a manifesto“ und hat fünf Absätze im Hauptteil und zwei Zitate am Rand des Textes. Ich korrigiere die Übersetzungs- und Flüchtigkeitsfehler stillschweigend.

What the modern movie lacks is beauty – the beauty of moving wind in the tree, the little movement in a beautiful blowing on the blossoms in the trees. That they have forgotten entirely.
D.W. Griffith, 1947

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After the last rains left the sky for earth, making the sky clar and the earth a damp mirror, the brilliant clarity of life that returned with the blue on high and that rejoiced in the freshness of the water here below left its own sky in our souls, a freshness in our hearts.
Fernando Pessoa, The Book of Disquiet

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We make films as members of society, although there are many people who make films, or see films today, and who think that we live on Mars, or the planet in Terminator, or wherever, but no, we live in a society, Japanese, Portuguese, English, but it’s a society, and we are living on the planet Earth. Upon what, finally, is this society based? What happens in this society, ours? I submit – and I think that I am not wrong to say that Chaplin, John Ford, Ozu, Mizoguchi, and all the great directors would agree – that in our society we are doing business. That’s what happening. Yes, there are unjust deals, deals which are not right in the two senses of the word, not right in the sense of social unjustice, and in the sense of being out of key, of tune.

This seems abstract, but really it’s not. If we return to the subject of working with feelings, I would say that one thing we can’t do in the cinema is be in the business of selling feelings. What do I mean by that, the business of selling feelings? Roughly speaking, it’s practically all the films that are made today in America. They are trading on our feelings. That is to say, an image is not like a yen note or a dollar. The image is something else that has a true value. Money has no value.

An image, a sound, the gaze of an actor, or the shock between two shots in sequence – these cannot be like some currency, like an act of commerce. An image and a sound together must be like the first thing in the world. It’s just that simple: they must be an explosion. You directors who want to make films, you must work to make each shot, each image, each speech from an actor, each sound, you must work to make theme like the first shot ever made, the first sound ever made. That doesn’t mean originality or something like that. Not at all, in fact it’s exactly the opposite. It’s a matter of working with the oldest feelings, as Chaplin did. He worked, and worked, and worked, to show feelings as if it were the first time.

Besides, great directors are never original. They are discreet, almost anonymous. Think of John Ford: At the end of his life, he is very flat, almost anonymous, like Chaplin or Ozu. So, it has nothing to do with being more clever than somebody else, because then one would still be in the business of selling feelings, still being competitive.

To disgress briefly, because this is a very nice little story: there was an old professor of film giving a course on direction, and he showed Dreyer’s film The Word (Ordet, 1954) to his students. At one moment, a few of the students laughed during the film, and after the end of the film, the professor said to them: „Look, if you start laughing when you hear the word ‚God‘, you’re never going to make a film.“

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Samstag, 21.4.2007

Am Eingang des Kino LONDRES hängt ein schönes großes Plakat von Wolfgang Schmidts NAVY CUT, das ich eine Zeitlang gesehen hatte in Michels alter Wohnung in der Goltzstraße. Das war die Parterrewohnung und man stieg im Sommer durch das Fenster des Arbeitszimmers, um in den Garten zu gelangen. Dort sitzt Michel ja auch in seinem Film CHRONIK DES REGENS. Ich sitze auf meinem Balkon im Hotel LUTETIA, gegenüber ist das ROMA, so heißt auch der Platz hier und die Straße, die hinunter in die Stadt führt. Gestern habe ich mich beim Abendessen im Cafe Magnolia mit der Frau unterhalten, die für die Untertitelung der japanischen Filme zuständig ist. Sie hat eine Weile in Leipzig gelebt und spricht daher auch Deutsch. Sie arbeitet als Näherin in einer Eventagentur, wenn sie nicht Untertitel macht. Der Regisseur Suwa, dem hier letztes Jahr eine Retrospektive gewidmet war, sei ein feiner Mensch. Letztes Jahr, am Nationalfeiertag, dem 25. April, der an die Nelkenrevolution in Portugal erinnert, war er mit einer Nelke im Knopfloch zum Publikumsgespräch erschienen. Das Wappentier des Festivals ist ein Rabe. Auf die kleinen, weiß-gräulichen Steine der Bürgersteige sind stilisierte Abdrücke des Rabens aufgepinselt, die Dir den Weg weisen zu den Festivalorten, das sind das Forum Lisboa, das Kino Londres und das Kino King. Das Hotel Lutetia, ein Hochhaus aus den 70ern wohl, liegt direkt neben dem Kino King. Alles ist innerhalb von 5 Minuten zu erreichen. Um 15:15 habe ich mir FANTASMA von Alonso angeschaut. Das ist der Film nach LOS MUERTOS und er ist installativ. Man sieht da in Plansequenzen ein paar Leute ein Haus erkunden, das ist ein funktionales Haus inmitten einer Stadt, ein Kino. Da ist der Hauptdarsteller aus dem MUERTOSfilm und da sind zwei andere Männer und eine Frau und der Film zeigt, dass sie sich immerzu verpassen, irritiert von sich und dem Ort und ihrem Dasein und schließlich sitzen sie im Kino und gucken den Film LOS MUERTOS, dessen Vogel- und Wald- und Flussgeräusche immer wieder zu hören waren in unterschiedlicher Intensität. Beim Gucken bemerkte ich meine Erschöpfung von der Reise und den letzten zwei Wochen in Berlin, das Streichen der Wände, die Nachmietersuche, die Probleme, die der Vermieter mir bereitet, die Geldprobleme. Der Film kam mir angesichts dessen selbstgefällig vor, was er, glaube ich jetzt, doch nicht ist, aber zwischendurch schlief ich doch in ihm ein, wohl weniger wegen des Films, sondern wegen der Erschöpfung. Dann war Zeit für einen Cafe und ich begegnete auf der Straße einem der Leiter des Festivals, Miguel. Er sagte, er habe eben Karmakar getroffen, Karmakar, dem ich mich noch vorstellen wollte, Karmakar sei in dieses Cafe gegangen, bestimmt fände ich ihn dort, um mich ihm vorzustellen, aber als ich in dem Cafe ankam, war Karmakar schon verschwunden. Ich trank einen Cafe und aß einen Kuchen und dann habe ich zwei Filme aus Portugal gesehen, zwei Kurzfilme, die ich zu jurieren habe. Das war ein Film auf Video aus Bombay, das ja wieder Mumbay heißt. Ich wusste nicht, dass das eine portugiesische Kolonie war, davon wird in den Vorspanntiteln berichtet, Bom Bahia heißt sowas ähnliches wie schönes Leben. Der Film kam mir vor wie ein Sequel des Sofa-Surfer-Remixes der Glawoggerschen Megacities. Das Verhältnis der Regisseurin zu der Stadt ist aber noch touristischer und wie zum Beweis besteht der Film vor allem aus Realisierungen der Bedienungsanleitung der Digitalkamera und dem neuen Schnittprogramm. Die Shutterfunktion ist so genutzt, dass der Fluss der Bilder in Einheiten zurückversetzt wird und wohl das fotografische Moment akzentuiert aufscheinen möge. Dann aß ich in der Kantine zu Abend und sprach mit der Untertitelfrau. Dann sah ich OLD JOY von Kelly Reichardt mit Will Oldham, ein schöner Film. Auf dem Weg vom Cafe zum Kino hatte ich H auf der Straße getroffen, der mir da schon sagte, dass das ein außergewöhnlicher Film sei, vielleicht der außergewöhnlichste Film aus Amerika aus den letzten Jahren. Dann habe ich den tollen Punkfilm aus den Philippinen, SQUATTERPUNK von Khavn de la Cruz gesehen, bei dem ich die ganze Zeit an Ss Musikfilmprojekt denken musste. Die ganze Zeit schon mache ich mir Gedanken über das Panel zur Filmauswahl. Heute Morgen nach dem Frühstück war ich an den Fluss gefahren und bin spazierengegangen. Es ist wieder warm, vielleicht 26 oder 27 Grad, aber der Wind weht fein und frisch. Ich stieg nach der Rückfahrt in der Metrostation Roma aus und endlich begegnete ich dort Karmakar. Ich half ihm beim Einkaufen von Fahrscheinen und wir verabredeten ein Treffen morgen beim Frühstück. Alle sind hier im gleichen Hotel, dem Lutetia, untergebracht. Der slowenische Filmkritiker, der in Barcelona lebt und der englische aus Nordengland. Beim Mittagessen lernte ich den Herausgeber von Cinemascope kennen, M aus Vancouver. Nuno Sena erzählte, wie er etwa 5 Minuten lang den Film DER MANN AUS DEM OSTEN anmoderierte und dann Christoph Willems zum Mikrophon gebeten hatte und wie Christoph Willems nur gesagt hatte: „I shot this film in 1992 and I am no filmdirector anymore“. Es sei irritierend gewesen, eine Situation, auf die ich mich vorzubereiten habe. Ich muss nachschauen, ob Karmakar in der Filmakademie ist. Ich überlege, was ich Karmakar und Willems fragen kann und ich überlege, was die Leute in Lissabon interessiert. Die Leute in Lissabon sind ja solche, die die Filme hier zum ersten Mal sehen und die wer weiß was vom deutschen Film denken. Es ist sicher zu vermeiden, vom deutschen Film zu sprechen. Die Filmakademie denkt, sie sei der deutsche Film. Die Deutsche Exportunion denkt, sie sei der deutsche Film. Die Leute in den Festivals denken, sie seien der deutsche Film. Und so Leute wie wir kämen gar nicht auf den Gedanken, der deutsche Film zu sein. Dabei fällt mir wieder ein, nachzuschauen, ob Karmakar in der Filmakademie ist. Ist er nicht. Ich durchblättere die Mitgliederliste der deutschen Filmakademie. Es sind viele Techniker darin und die Handwerker und die Schauspieler und eine Handvoll Regisseure und Autoren. Lass sie der deutsche Film sein. Der deutsche Film ist ein seltsames Thema.

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Sonntag, 22.4.2007

Ich kam gestern spät zurück ins Hotel von einem langen Abend mit Christoph Willems. Ich war am Nachmittag müde gewesen, nachdem ich ein paar Stunden in der Unterstadt verbracht hatte. Einer der New Crowned Hope Filme, ein Film aus Indonesien, war zu sehen, OPERA JAWA. Es gab eine Einführung von Simon Field, der für Rotterdam gearbeitet hatte und der in diesem Brechtdrillichlook mit weiten Ärmeln und dunkelgefärbter Baumwolle und kurzgeschnittenen grauen Haaren und dichen Augenbrauen sehr artikuliert ausgeglichen über das Mozartprojekt sprach. Aus dem Film, der gesungen und getanzt ist, war ich rausgegangen nach einer Zeit, weil mir die Musik und der Gesang nicht gefiel, aber das sagt ja nichts über den Film. Mir war in den Straßen aufgefallen, dass viele alte Leute, Männer und Frauen in abgetragener Kleidung, einfach herumstehen auf den Straßen und nichts sonst zu tun haben, aber das Rumstehen machen sie sehr schön. Überall sind kleine Cafes mit langen Tresen, an denen Leute stehen und Cafe trinken und Kuchen essen und überall sind auch alte Männer in Drillich. Sie verkaufen Lotterielose. Heute Morgen gab es dann die Verabredung mit Karmakar und Willems und Nuno Sena und wir sollten über das Podium sprechen und ich fragte Karmakar nochmal, ob er in der Filmakademie sei. Er sei wieder ausgetreten, schon nach einem Jahr, aber nicht wegen der Strukturen. Sein Herz sei gegen die Filmakademie. In Deutschland wäre ein Panel mit Baute, Karmakar und Willems eher eine SigiGoetz-Veranstaltung oder eine merkwürdige Sache, in die man ohne zu schockieren noch Peter Berling als Walfänger einbauen müsste. Ich mochte das merkwürdige Nebeneinanderherreden und besonders das Nichtverstehen des Christoph Willems und war plötzlich sehr entspannt vor der kommenden Veranstaltung, heute Nachmittag um 17:00 im Cinema Sao Jorge, das ist der vierte Veranstaltungsort, ein altes Kino im Zentrum der Altstadt. Dorthin fährt man mit der Navette, vielleicht ist der Busfahrer von neulich wieder hinterm Steuer und die alte Frau. Ich habe immer noch nicht herausbekommen, was das Gegenteil von Pflichtethik ist. Beim Kurzsprechen mit dem slowenischen Filmkritiker aus Barcelona nach dem indonesischen Newcrownedhopefilm war mir das mit der Uniformität und der Monokultur des Filmsprechens wieder eingefallen und Erinnerungen an die Anzugträgerkolonnen in Tegel, Frankfurt und Lissabon spülten sich hoch. Beim Unaufmerksamsein während der Panelvorbereitung am Frühstückstisch ließ ich meinen Blick schweifen auf die umliegenden Tische: wir, die drillichtragende Festivalkultur. Das ist die Gefahr. Ich erinnere mich beim Aufschreiben an die Motivation damals, die Filmgespräche zu machen mit L und S. Das war wegen des anderen Sprechens und das ganz unkalkuliert Verquere und Unpassende des Sprechens des Christoph Willems erschien mir als Rettung und das Wurschtige und latent Agressive des Karmakar auch. Ich ging duschen und legte mich auf den Bauch und schreibe V eine Email mit diesen Überlegungen und es klopft an der Tür und Christoph Willems bringt mir eine DVD seines neuen Films, LIMIT. Gleich muss ich zu einem Essen mit meinen Jurorkollegen, dann muss ich mir den Deutschefilmekatalog nochmal anschauen, dann ist das Podium. Dann muss ich mir weitere portugiesische Kurzfilme anschauen. Gestern hatte ich vier portugiesische Kurzfilme gesehen, einen, der wie ein Videoclip ohne Musik war, den jemand gemacht hatte als Trailer für ein Tanzfestival in England mit Schülertänzern, die sich wie Tiere in einem Wald bewegen. Dann gab es einen langsamen Film mit planer Cinematographie. In dem Film werden Sätze in das Nichts gesprochen, ein Paar mit Kindern, ein Besuch in einem Museum, ein Wolkenbeobachter und eine Kunstliebhaberin und es gibt ein paar Sachen, die schön waren. Dann gab es einen Film, über den ich mir mehr Gedanken machen möchte, mit einer merkwürdigen rauchigen und ferngequälten Männerstimme aus dem Off und dunklen Bildern und Masken und Marionetten und einer ganz unwirtlichen Stimmung, der mich sehr beeindruckte. Dieser Film, ich denke plötzlich wie ein Juror, kommt für einen Preis in Frage, dachte ich. Ich muss in den nächsten Tagen mehr aufschreiben über das Jurorsein, ich hoffe, es nervt nicht. Als Juror hat man einen reservierten Platz in den Kinos auf dem „JURI“ zu lesen ist und die Leute auf den anderen Plätzen drehen sich zu einem und tuscheln und denken, denkt man: Da sitzt der Juror. Der letzte Film des Programms war ein Film, der mit viel Beifall bedacht war vom Publikum und ich münzte diesen Beifall um und empfand ihn nun als unzulässige Beeinflussung der Jury und störrisch schüttelte ich innerlich den Kopf über diesen Film, der schön aussah, aber doch zu blöd war.

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Montag, 23.4.2007

Es ist schon halb Elf, ich bin vom Frühstück gekommen und sitze auf dem Balkon und eben hat die Putzfrau sich verabschiedet. Das ist die bisher zweite Putzfrau, die ich kennenlernte, sie spricht Französisch, die andere sprach nur Portugues. Ich habe jetzt eine Stunde Zeit zu schreiben, dann muss ich nach nebenan, über den Platz und die Avenida Roma entlang zum Forum Lisboa zu einem Interview mit einem Radiosender. Es geht um die deutsche Filmreihe. Direkt vorm Hotel ist ein Tunnel, in ihm fährt eine schwere Bahn. Beim Frühstück heute meinte Karmakar, ich müsse auf jeden Fall zu der Brücke am Tejo, auf unserer Seite ist unter der Brücke am Tejo ein Cafe, das Op-Art heißt und man blickt von dort am Abend auf den Sonnenuntergang an der Brücke und die Geräusche der auf der Brücke fahrenden Autos sind wunderbar und ganz anderes, als man es von deutschen Autobahnbrücken kennt. Unter deutschen Autobahnbrücken hört man das Bawonnggg… Bawonnggg… Bawong…, die Geräusche der fahrenden Autos auf der Tejobrücke sind aber wie ein Ambientgeräusch, als spiele man auf einer weitgespannten Stimmgabel. Karmakar hat bewegte Bilder mit Ton mit seinem Multimediahandy gemacht, aber der Ton ist zu schlecht, man kann nicht hören, was er vorher mit Worten beschrieb. Das Podium war ganz anders, als ich es erwartet hatte. Eine junge kleine Frau mit Sommersprossen und rotblonden Haaren begrüßte mich, ich war der Erste im Sao Jorge, später kam Karmakar, kurz vor 17 Uhr dann auch Willems. Man geht eine breite Treppe hinauf, draußen ist es hell von der hohen Sonne, auch am späten Nachmittag steht die Sonne noch hoch in Lissabon. Drinnen ist es dunkel, der Boden dunkelbraunes Parkett, die Wände in dunklem Grün. Nach dem Frühstück war ich bei dem Essen mit Miguel, einem der Festivalleiter, und den Mitgliedern der Kurzfilmjury, T aus Schweden, ein Festivalmacher, und I, eine Kurzfilmregisseurin aus Lissabon mit einem Pagenschnitt. Jemand streifte unseren Tisch im Cafe Magnolia und grüßte sie und zeigte mit dem Finger auf ihre Haare. Die Frisur, dachte ich, ist wohl neu, und auf dem Bild in dem Katalog, das sie wegen ihres Jurorseins abbildet, hat sie noch lange Haare. T schätze ich auf Mitte 50, I auf Mitte 30, Neil Young, der englische Kritiker, ist 36, Willems 50, ich bin 38, und Nuno Sena, Rui und Miguel, die drei Leiter des Festivals, sind wahrscheinlich Anfang 40. Miguel, der mit beim Essen war, überreichte uns einen Briefumschlag, in dem ist die Liste der Filme, die zu bewerten sind und die Zeiten, wann sie zu sehen sind, und ein Schlüsselanhänger mit einer kleinen Lampe, damit man etwas nachgucken kann im Dunkel des Kinosaals. Später spielte ich immer wieder mit dieser kleinen Lampe. Viel Zeit verging mit dem Erklären der Preise, einen für den national besten Kurzfilm, einen für den international besten, wenn wir eine besondere Erwähnung wünschen, können wir das machen, es ist nicht gern gesehen, einen Preis zu teilen, die Aufgabe der Jury ist es, eine Entscheidung zu fällen, die Entscheidungen sollen spätestens Samstag, besser noch Freitag dem Festival mitgeteilt werden, es gibt eine Verleihungszeremonie, man muss kurz etwas sagen und schreiben, wieso weshalb warum ein Film einen Preis bekommt. I möchte sich innerhalb der Woche treffen um sich kennenzulernen und schon ein wenig über die Filme zu sprechen. Nach dem Panel im Sao Jorge war ich mit einem Mitarbeiter des Festivals im Navettebus zurück zum Forum gefahren und der Mitarbeiter, der mitverantwortlich ist für die Kurzfilmauswahl, meinte, manche meinen, dass das IndieLisboa-Festival jetzt schon zu groß geworden sei. Aus Gründen der Darstellung wäre es schön, jemanden als Festivaldemiurgen beschreiben zu können. Der Mitarbeiter, mit dem ich nach dem Panel im Navettebus fuhr, ist aber ein Romanautor und er zählte, nach Nachfrage, all die Sprachen auf, in denen seine Romane übersetzt sind: Ungarisch, Serbisch, Spanisch, Italienisch, Französisch, Schwedisch… Und Deutsch auch? Hanser hatte einmal Interesse an einem Buch, es war schon alles klar, aber dann hatten sie einen Rückzieher gemacht. Es fällt mir auf, dass ich gerne über die Leute schreibe und die Leute eigentlich immer verteidigen möchte, weil ich die Leute schon wegen ihres Leuteseins sehr schätzen mag; und dass es aber manche Leute gibt in meinen Texten, die ich mir, auch aus Gründen der Darstellung vermutlich, als den Mächten der Finsternis anheimgefallen vorstellen möchte. Es ist jetzt doch später geworden. Es ist jetzt halb 12. Gleich muss ich zu dem Interview und dann zu einem anderen mit Neil Young, dem Filmkritiker und Programmierer aus Sunderland. Ich habe die ganze Zeit den Herkunftsort des Engländers durcheinandergebracht. Er lebt in Sunderland und programmiert die ausländischen Filme für das Festival in Bradford. Dann werde ich die Filme von Blanke (DER TOD DES GOLDSUCHERS), Schultz (DAS LAGER) und Schmidt (NAVY CUT) einführen, dann habe ich viele Kurzfilme zu gucken. Vielleicht fahre ich am Abend zu der Brücke am Tejo. Nach den Interviews schreibe ich über ein paar Kurzfilme und über das Panel und über die polnische Frau, die über den portugiesischen Film und die Diktatur geschrieben hat und über M, den Herausgeber von Cinemascope und über A, einen Filmemacher aus Lissabon mit einem Weblog, der A aus Los Angeles kennt, und über den Abend auf dem Balkon im Sao Jorge. Karmakar hatte beim Frühstück mit Willems und Sena und mir schon gesagt, er mache keine Show. Als wir dann um kurz vor 17:00 erneut zusammensaßen, diesmal mit der kleinen Frau mit den rotblonden Haaren im ersten Stock des Sao Jorge, hatte Karmakar zu der kleinen Frau gesagt, dass das Podium für ihn dann nicht stattfinde, wenn weniger als 5 Leute kommen. Es kamen 7, aber einer ging, als er sah, dass so wenig Leute da waren oder vielleicht hatte er sich auch mit dem Raum vertan. Ein kleinerer Raum, nicht wie das große Kino Sao Jorge, was ein großer Raum ist, nein, ein kleiner Raum, ein Podiumstisch mit vier oder fünf Stühlen, ein paar Mikrophone. Dahinter eine offene Leinwand. Gegenüber den Tischen Sessel und tribünenartig ansteigend weitere Sessel. Ich war kurz auf die Toilette gegangen und als ich zurück in den Raum kam, saß Willems schon auf dem Podium, links, und sprach für den Soundcheck in das Mikrophon. Willems hatte mir erzählt, er habe eine Zeitlang als Tonmann gearbeitet nach seiner dffb-Zeit. Ich setzte mich dazu, Karmakar saß auf einem der Publikumssessel. Die kleine Frau stellte mich auf Portugiesisch vor und Karmakar lachte und sie stellte Christoph Willems vor und Karmakar lachte und ich sagte auf Englisch in das Mikrophon, dass Karmakar die Sache gerne abbrechen würde, weil sowenige da seien und fragte in das Publikum, ob man sich vielleicht oben im Cafe unterhalten könne ohne Mikrophon und Willems sagte auf Englisch, dass man doch ruhig mal anfangen könne und Karmakar lachte und schüttelte den Kopf und die kleine rotblonde Frau war überfordert und ich war überfordert und das Publikum war überfordert und Karmakar, glaube ich, war auch überfordert von der Situation und Willems auch. Und einer aus dem Publikum, ein jüngerer Mann mit Bart, stellte eine Frage zur Musikindustrie in Berlin, er habe gehört, es gebe in Berlin eine boomende Musikindustrie und Willems fragte nach, was er meine, und der Mann mit dem Bart sagte, er habe gehört, dass es viele Musikunternehmen in Berlin gebe und eine Musikszene mit neuen Bands und Willems sagte, er kenne sich mit Musik nicht so gut aus, er sei ja Filmemacher gewesen und er fragte den jungen Mann, ob er selber Musik mache und der junge Mann erzählte jetzt umständlich in schlechtem Englisch von sich und seiner Musik, er mache nicht wirklich Musik, er habe zwar eine Band mit Freunden, aber ihn interessiere an der Musik mehr die Produktion der Musik und er überlege deswegen nach Berlin zu ziehen und Christoph Willems sagte, er kenne sich damit auch nicht so richtig aus, aber er könne ja mal etwas erzählen über den deutschen Film und er fing an mit der Zeit nach dem Krieg, in der es die Heimatfilme gegeben habe und dann Anfang der 60er Jahre die Winnetoufilme und ein anderer Mann neben Karmakar fragte Karmakar, ob er Lust habe etwas über seine Filme zu reden und Karmakar schüttelte verneinend den Kopf. Und der andere junge Mann wollte nochmal nachfragen, da ging Karmakar mit seiner Jacke und seiner Tasche aus dem Podiumsraum. Ich sagte nun etwas, weil ich der Moderator dieses Panels war und Willems erzählte, dass nach einer Weile die Karl May Filme wiedergekommen seien, aber diesmal als Parodie, Bulli Herbig. Niemand im Publikum hatte je von Bulli Herbig gehört. Niemand im Publikum kannte Bulli Herbig, niemand Katja Riemann. Es ging dann irgendwie weiter, aber auch anders, ich kann jetzt so nicht weitermachen, es ist noch soviel zu beschreiben, zu beschreiben, wie erschöpft ich nach dieser Veranstaltung schließlich war und wie ich nur weg wollte und der Navettefahrer wartete und ich zu einem Kurzfilmscreening gefahren wurde in den Norden der Stadt und wie ich nach dem Kurzfilmscreening immer noch erschöpft war und der englische Filmkritiker mich zum Essen einlud und ich mit dem englischen Filmkritiker swordfish aß und wie der slowenische Filmkritiker aus Barcelona an uns vorbeiging und uns erkannte und sich zu uns setzte zum Essen und wie ich nach dem Essen zu einem anderen Kurzfilmscreening gegangen bin und dort eingequetscht saß auf einem Jurorenplatz zwischen zwei Juroren, die beide dicker waren als ich und schon vorher auf ihren Plätzen saßen, weswegen sie die angrenzenden Lehnen verteidigten und ich mit eingezogenen Armen die Kurzfilme sehen musste in der schwülen schweißnassen Luft des Kinos und wie ich danach erschöpft in mein Hotelzimmer ging und eigentlich schlafen wollte und dachte, dass man nach solch einem Tag nicht einfach einschlafen sollte und mit der Navette noch in die Altstadt gefahren bin zum Sao Jorge, wo man sich abends trifft zu einem Bier, ein DJ spielt Musik, Simon Fields stand an der Theke, ob ich der Bruder von C sei, ja doch, der bin ich, I know C very well, und ich ein Bier, ein Sagres Bohemia, um cerveza por favor bestellte und mit dem Bier auf den vollbesetzten großen ausladenden Balkon mit der steinernen Brüstung trat und zurück in den Saal ging und mich umschaute, es war ein anstrengender Tag.

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Dienstag, 24.4.2007

Ich versuche zu erinnern, was noch geschah, wo ich war und wie es war und die Filme und ein paar Leute. Das Podium war ja dann noch ganz interessant. Der junge Mann, der Karmakar nach seinen Filmen gefragt hatte, fragte nun nach einigen Filmen und Filmemachern und Zusammenhängen, er hatte die Filme Peter Nestlers gesehen und er wusste auch bescheid über die Filmkritik und er hatte GESPENSTER von Christian Petzold gesehen und war in der Lage Unterschiede herzuleiten zwischen diesem Kino und dem Kino der anderen, welches von den Schreibern oft mit diesem anderen Kino, wegen dem ich hier in Lissabon bin, gleichgesetzt wird. Der junge Mann war interessant, es war ein interessantes Gespräch und auch die anderen Zuhörer werden es interessant gefunden haben, denn sie blieben und hörten dem interessanten Gespräch interessiert zu. Ich hatte mich nach dem Podium mit dem jungen Mann verabredet für die Projektion der Filme von Schultz, Blanke und Schmidt am Montag um 15:00, also gestern. Ich hatte in diese Filme einzuführen, es waren vielleicht 20 oder 30 Leute in diesem Kino an diesem Nachmittag. Ich sagte diesen Leuten auf Englisch etwas über Schultz, Blanke und Schmidt, was sie gemacht haben und was die Filme mit dem zu tun haben, was sie gemacht haben und wo sie gemacht waren und wie, und was sie jetzt machen. Den Film von Schultz sah ich da das erste Mal, DAS LAGER. Der Film ist voll mit nahen Einstellungen, schwarz weiß, zum Schluss ein paar Mal in Farbe, aus dem Off auf einer sehr körnig und schmutzig gestalteten Tonspur, ist die Stimme einer Frau zu hören, einen Text spricht sie, der sehr dicht ist und ausufernd und mäandernd zur gleichen Zeit, ein Text, der mich an die mäandernden und absatzlosen Texte von Thomas Bernhard erinnerte, immer wieder kommt dieser Text auf die gleichen Worte zurück und die gleichen Verbindungen der Worte und doch ändert sich etwas im Lauf dieser Worte, in ihrem Sinn. Ich sagte schon, das ist ein sehr dichter Film, ein Erlebnis, etwas, in das man hineingezogen wird, auch wenn man es nicht versteht, es sind oft die gleichen Bilder, ein Fensterrahmen, ein Stück des Trottoirs, ein Wasserbecken, ein Rücken eines alten Mannes, ein Waschbecken, etwas bildet sich nach und nach aus den wenigen Bildern, eine kleine einfache Parterrewohnung, ein alterndes Paar, die Handgriffe des Alltags, und diese Stimme, die einen Text bis zur Erschöpfung vorträgt, der von einer Erschöpfung handelt. Bei dem zweiten Film, DER TOD DES GOLDSUCHERS, von Ludger Blanke, war ein Problem, der Projektor konnte den Magnetton nicht wiedergeben, bei Schultz‘ Film war der Ton noch ein Lichtton, bei den anderen Filmen ist es Magnetton und der Vorführer war verzweifelt, sen son, sen son, sagte er mir. Ich war in die Vorführerkabine gelaufen. With sound, with sound, sagte ich ihm. Sen son, sen son, sagte er mir. Ich holte jemanden vom Foyer mit einer Karte an einem Band, auf der STAFF steht, jemanden, der Englisch spricht, jemanden, dem ich die Sache mit dem Ton auf Englisch erklären konnte und der die Sache mit dem Ton dem Vorführer auf Portugiesisch erzählt. Der Film wurde dann weitergezeigt, ohne Ton, sen son, und er wird wiederholt mit Ton am Donnerstag oder Freitag. Ich ging dann die Avenida Roma hinunter mit dem jungen Mann vom Podium von gestern. Er hatte mir eine Mail geschrieben nach dem Podium am Sonntag, mit einem Link zu seinem Weblog, http://aindanaocomecamos.blogspot.com, was heißt: We have yet start to think. Wir waren die Avenida Roma hinuntergegangen vom Cinema Londres und an der Straßengabelung gegenüber der weißen Kirche in das Cafe auf der linken Seite gegangen. Wir unterhielten uns dort, ich trank einen Cafe, er trank ein Glas Milch. Die Milch wurde in einer kleinen Flasche vom Ober gebracht, eine kleine bauchige Flasche mit einem Viertelliter Milch in ihr. Der Cafe hier wird in Espressotassen gebracht, der Cafe hier ist sehr gut. Ich habe mir am Montag im Supermarkt hinter dem Hotel ein paar Packungen Espresso gekauft, der Espresso kostet hier die Hälfte von dem, was er in Deutschland kostet. Es war interessant, sich mit dem Mann zu unterhalten, sein Bart und sein Gesicht erinnerten mich an S. Er trug eine Militärjacke aus dunkler Baumwolle und ein dunkelblaues verwaschendes T-Shirt und die Sonne schien, aber wir saßen im Schatten unter einer Markise auf der Terasse des Cafes. Später war der sympathische Japaner mit dem runden Gesicht und der Nickelbrille an einen Nachbartisch gekommen, und seine Freundin, eine junge zarte Japanerin, deren Gesicht mir jetzt vorkommt wie eine zarte japanische Variante des Gesichts der Freundin von M, S. A kennt viele Filme und macht viele Sachen, er hat Bücher von Agamben ins Portugiesische übersetzt und Bücher von Rancière und er macht Filme und produziert Filme von Freunden und organisiert eine Konferenz über die Politik der Autopsie und er unterrichtet an der Universität und er schreibt an seiner Dissertation und er erzählt mir neben vielem anderen von A, der ein armer Mann in Los Angeles ist und weil er kein Geld hat, jetzt seine Digitalkamera verkaufen muss. Heute bekam ich eine Email von A, weil wir auch auf die Sache mit den filmvermittelnden Filmen zu sprechen kamen. Er, A, kennt einen Mann, der Programme in der portugiesischen Cinemathek und anderswo macht, der an einem ähnlichen Programm zu filmvermittelnden Filme arbeitet und ich werde diesem Mann gleich eine Email schreiben und ihn fragen, ob er Zeit habe, sich bis Sonntag mit mir zu treffen und über seine Sachen zu sprechen. Vor der Sache mit den drei Filmen und vor dem Treffen mit A war das Frühstück mit Karmakar und Willems gewesen und vor der Sache mit den Filmen und der Sache mit A und nach dem Frühstück hatte ich geschrieben, hatte ich auf dem Balkon und an dem Schreibtisch und auf dem Bett liegend geschrieben. Dann waren die Interviewsachen. Es gab ein kurzes Interview mit einer kleinen schwarzhaarigen Radioreporterin. Beim Frühstück hatte sich Karmakar meine Email-Adresse geben lassen, er will mir etwas schicken. Karmakar wohnt in Berlin wie ich. Die portugiesische Reporterin hat ein kleines Gesicht mit Gesichtszügen, denen man ihre spätere Strenge ansehen wird, jetzt sind sie noch nicht streng, jetzt ist sie noch jung. Die Reporterin hatte mir Fragen gestellt zu den neuen deutschen Filmen und ich habe versucht, differenziert aber kurz auf diese Fragen zu antworten, es ist ein kurzer Beitrag, der aus den Fragen und meinen Antworten gemacht wird. Ich hatte von dem je unterschiedlichem Verhältnis von Dokumentation und Fiktion gesprochen und sie hatte eine Standardfrage zu dem need of politics in German cinema gefragt und auch auf diese Frage, die ich nicht verstand, hatte ich versucht, differenziert und klar und auch einfach zu antworten. Man muss die Fragen nicht verstehen, man muss sich auf die Antworten verstehen, in einem späteren Leben werde ich mit dieser Erkenntnis, die ich dann schon früher gehabt werden habe, glücklicher als ich es in meinem jetzigen Leben bin. Dann hatte ich Zeit und mir in der Videothek des Festivals einen Kurzfilm angeschaut, aus einem Programm, aus dem ich vorher herausgegangen war am Sonntag oder am Samstag, ich weiß es nicht mehr, einen animierten Kurzfilm mit einer Fabel über die Liebe und das Carpe Diem und einen weiteren Kurzfilm aus dem nationalen Kurzfilmprogramm, das ich auch zu jurieren habe, einen Kurzfilm, den ich schon gesehen hatte und sehr mag, PRIMEIRO VOO, was heißt: FIRST FLIGHT, ein Film eines Portugiesen, der auch Puppenspieler ist. Ich habe, glaube ich, schon über den Film geschrieben. Ich habe ein wenig den Überblick verloren über das Schreiben, weil das Schreiben hier inmitten der vielen Termine und der Stadtgeräusche mir leicht fällt, aber das Erinnern an das Schreiben nicht. Dann hatte ich ein weiteres Interview, wieder ein Interview auf Englisch, diesmal mit Neil Young. Es war geheimnisvoll. Ich hatte nicht gewusst, dass das ein Interview mit einer Kamera sein wird. Die Pressefrau, die dick ist und mit weiten Gewändern herumwandelt und freundlich und immer lächelnd mit einem spricht, hatte mich an die Hand genommen und mich auf einen Weg hinter das Forum Lisboa geführt. Da ist ein kleiner Park mit Bänken und Wegen, nichts Großes, aber es war warm an diesem Montag und unter den Bäumen im Park war die Luft erfrischt. Unter einem Baum vor einer Bank stand Neil Young und neben ihm stand Hal Hartley. Hal Hartley ist lang und hager und trägt schlaffe helle Baumwollsachen, ein ausgewaschenes ungebügeltes helles Baumwollhemd mit Streifen und ich gebe Hal Hartley, der gestern in Lissabon angekommen ist, die Hand. Und ich werde Hal Hartley vorgestellt und ich frage Hal Hartley nach G, you know G?, he worked with you for FAY GRIM und Hal Hartley sagt, oh yeah, I know him, he’s nice, you know him too?, und ich erzähle ihm die Geschichte mit G und später beim Lunch setzt sich Hal Hartley zu mir und wir unterhalten uns über Berlin, wo Hal Hartley wohnt wie ich. Heute bin ich, ich habe davon erst gestern erfahren, auf einem Panel mit Hal Hartley und einer portugiesischen Produzentin und eine Kritikerin der Cahiers du cinéma wird es moderieren und gesprochen werden wird über Produktionsbedingungen. Ich habe keine Ahnung von Produktionsbedingungen, ich weiß, wie es ist, Produktionsfahrer bei Filmen zu sein und Aufnahmeleiter, aber über die Bedingungen der Produktion weiß ich kaum mehr als die anderen und ich habe den Leute das gesagt, aber die Leute haben gesagt, ich sei nett und kompetent und sie würden sich freuen, wenn ich mit auf das Podium komme und ich habe gesagt: okay. Es geht darum, angstfrei zu werden, das ist ein Teil des Projekts Leben, dachte ich mir, „angstfrei“, das ist ein Lieblingswort von S. V hat mir eine Mail geschickt mit einem Gruß von P. P kommt vor in meinem Februartext und ich habe noch nicht verstanden, was P mir sagen will: „[…] Auch Michaels ‚Februar 07‘. Sein Text handelt von Fragen, über die wir nicht hinweg kommen könnten, wenn wir nicht von Natur aus von ihnen befreit wären. Herrlich die Stelle über meine Kritiken. Gewiß hatten die an der Katholischen Kirche ausgehängten Filmkritiken auf mich als Heranwachsenden nur als Fremdes diese Wirkung (daß ich selbst Filmkritiker werden wollte). In Michaels lieben Zeilen lese ich nun, daß sie nicht aufgehört fremd zu sein, sondern nur überdies angefangen haben, ‚ich‘ zu sein. Aber Fremde die du bist ist nicht mehr fremd. […]“ Für das Interview in dem Park hat man mir ein Mikrophon in die Hand gegeben und mich auf einen Stuhl gesetzt vor Bäumen und ich sitze neben Neil Young, der mir Fragen stellt über das Programm mit deutschen Filmen. Eine Fotografin steht neben der Kamera und macht ein Foto nach dem anderen von mir und als ich meine Zigarette ausgeraucht habe, ist das Interview schon zu Ende, es hat vielleicht 10 Minuten gedauert und ich habe vier oder fünf Fragen beantwortet und der Kameramann hebt seinen Daumen und der Regisseur hebt seinen Daumen. Es ist okay. Das ist ein Interview für das Archiv des Festivals, vielleicht wird es auch verwendet für eine Sendung des portugiesischen Fernsehens über das Festival. Dann ist das Mittagessen mit Hal Hartley gewesen, dann die Sache mit den Filmen von Ludger Blanke und Wolfgang Schmidt und Thomas Schultz, dann hatte ich A in dem Cafe getroffen, dann hatte ich am Abend weitere Kurzfilme aus Portugal gesehen. Jetzt schreibe ich eine Mail an den Programmierer aus Portugal mit den filmvermittelnden Filmen, ein einsamer Hund bellt aus einem Fenster auf der anderen Seite des Platzes, es ist bedeckt, ein Wind geht, man sieht die Sonne nicht, aber es ist hell, es ist 12:53, die Zeit hier ist eine Stunde hinter der Zeit aus Deutschland.

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Donnerstag, 26.4.2007

Es ist seltsam, V hatte etwas zu Helmut Färbers Geburtstag zusammengefasst auf der new filmkritik mit einem Bild eines grüßenden Jean Renoir, Jean Renoir lüftet seinen Hut bei den Vorbereitungen zu PARTIE DE CAMPAGNE. Am Dienstag, als das zweite Panel war, auf dem ich sprach, hatte die Kritikerin von den Cahiers etwas zu Jean Renoir gesagt, im Auto, als wir zum Cinema Sao Jorge gefahren wurden in dem kleinen Bus. Ihr Name ist mir entfallen, eine kleine, junge, weißhäutige Frau mit Sommersprossenflecken und zusammengebundenen krausen brüchigen Haaren und schwarzer Kleidung, sie trägt eine Brosche und hat ein paar Jahre in New York studiert. Im Auto meinte sie, es sei funny, it’s funny, you know, has anyone ever told you that you really look like Jean Renoir?, und ich hatte überrascht und weil mir nichts Besseres einfiel und weil ich nicht wusste, ob ich geschmeichelt sein sollte von dem Vergleich oder verletzt, nur eine Anmerkung machen können zu ihrem Vergleich, den tatsächlich keiner bisher gezogen hatte, einen Zusatz: Le Patron. Schon in den imperialen Toilettenräumen des Sao Jorge betrachtete ich mich in einem Spiegel und versuchte was ich sah, mit meiner Erinnerung an die Erscheinung des Jean Renoir zu verbinden. Jetzt fällt mir nur die Herzlichkeit des Jean Renoir ein, auf dem Podium, auf dem noch eine kleine portugiesische Produzentin saß mit weißer Bluse und Hal Hartley, mit schlaffem Baumwollhemd, hatte ich dann noch etwas von der generosity der Filme des Jean Renoir gesprochen und sie verglichen mit der generosity der Filme des John Ford und somit versucht, den independent Begriff zu fassen. Das schien mir angebracht, als aus der Richtung des Publikums etwas beigetragen wurde, anbiedernd vielleicht an das Thema des Panels und die vermeintlichen Standpunkte seiner Teilnehmer, vielleicht aber auch wirklich die Wege des Denkens dieses Zuschauers abbildend, die alten Gegensätze zwischen den explorativen Filmen, die aus den Bereichen des industrieunabhängigen Autorendenkens, und die eingrenzend angepassten Filme, die, in diesem Beitrag jedenfalls, nur aus Hollywood zu kommen scheinen. Der Feind, der Freund. Dies Denken, you know. Insgesamt war dieses Panel sehr interessant, sehr interessant, auf ihm zu sitzen neben dem intelligenten und präzis argumentierenden Hal Harley. Und Hal Hartley sitzt neben der Cahiersfrau, die auf eine angenehme Art die Allgemeineinplätze, die Dinge, die man sagt zur Gelegenheit, die Dinge aber tatsächlich auch, die so ein Panel wieder zurückbringen auf die Erde und ständig erneuernd die Ebene herstellen des geteilten Grundes des interessierten Publikums im Saal und der Sprecher vor ihnen. Dazwischen die eher abschweifenden, aber doch auf den Punkt des Gemeinsamen bezogenen Beiträge von Hal Hartley und die eher abschweifenden von mir, diese Einzelbeobachtungen montierenden halt, und die der portugiesischen Produzenten, die ihre Rolle findet im Sprechen als portugiesische Produzentin. Portugal, ein kleines Land, zehn Millionen Einwohner, die durchschnittlich 1,6 Mal im Jahr ins Kino gehen. Wie man da arbeiten kann als Produzentin. Aber in Deutschland gehen die Leute doch auch nur 1,6 Mal im Jahr ins Kino, ungefähr. Hal Hartley sagt, es sei immer so, egal wo und wie und von wem auch man spreche und von welcher Zeit in der Kultur, someone wants their money back. Ich weiß nicht, ob es interessant ist, noch viel mehr über dieses Panel zu schreiben, jetzt scheint es mir gerade nicht interessant. Es war interessant und lehrreich dabei gewesen zu sein, wieder habe ich viel gelernt, vielleicht fallen mir ein paar Sachen vom Panel ein, wenn ich auf andere Sachen zu sprechen komme. Ich bin durcheinander, was meine Zeiten und meine Pläne angeht und meine Termine. Dies ist, was ich noch zu tun habe: Ich muss weiter an den Berichten schreiben, an den Berichten über Dienstag und Mittwoch und über das, was noch war, aber aufzuschreiben vergessen wurde… Ich muss die letzten Kurzfilme sehen, die zu jurierenden Kurzfilme, die ich noch nicht gesehen habe… Ich muss den Film LA RABIA sehen, und die Filme… (Unten, auf der Straße vorm Hotel unter meinem Balkon höre ich ein melodiöses Pfeifen, 6, 7 Töne, eine kleine Melodie, auf einer Flöte gespielt, dann eine Pause, dann wieder diese Melodie, leicht moduliert, sich mir nähernd. Und ich erhebe mich und schaue auf die Straße und kann die Musik nicht orten, jetzt ist die Musik wieder fort. Jetzt ist sie wieder da. Ein Mann in einem blauen Drillich und einer Mütze hat vor sich ein Gefährt mit einem stählernen Rad und an dessen Seiten sind Regenschirme gepackt und auf einer Ablagefläche des Gefährts ist ein Schleifstein. Ach, es ist nur der lissaboner Scherenschleifer.) …Ich muss über den tollen Film von Barmettler schreiben, MINI HAND WÄRDIG RUCHER, IMMER RUCHER, den ich hier zum ersten Mal sah… Ich muss über meine Arbeiten als Einführer in die deutschen Filme schreiben… Ich muss über die sich abzeichnenden Differenzen in der Jury schreiben und über das In Einer Jury Sein generell… Ich muss mehr Sensuelles, Farben, Gerüche, Geräusche, aufschreiben… Über das Wetter, das ständig wechselt, heute ist es frisch und beinahe schon kühl… Darüber, dass die Leute in den Cahiers du cinéma die „new filmkritik“ lesen… Über den Abend heute Abend in der Wohnung der Kurzfilmregisseurin, bei der wir, die Jury, uns treffen zum Kennenlernen… Über den Nationalfeiertag und wie und wieso ich ihn verpasste… Über das tolle Manchesterspielgucken des irischen Jurymitglieds und über das lässige Fläzen des H… Über den sentimentalen und schlechten Kurzfilm ZEPP aus der dffb, den ich zu jurieren habe und der wahrscheinlich den Publikumskurzfilmpreis gewinnen wird… Über die Unterhaltung nach dem Panel mit Hal Hartley auf dem Balkon des Sao Jorge… Über das Frühstück hier und wie heute morgen fast alle am Festival Beteiligten mit einem Bus zu einer Schifffahrt auf dem Tejo aufgebrochen sind und ich aber hier blieb, um zu schreiben und um später, gleich, jetzt, zur Videothek des Festivals zu gehen und mir Filme anzuschauen…

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Berlin

Ein paar Tage lang, es ging nicht anders, ich konnte nicht anders, hatte ich nicht weitergeschrieben am Morgen oder am Nachmittag oder in der Nacht. Sachen waren da, Termine, Verabredungen, Aufgaben, Gespräche und schließlich auch das Ausgehen und das Trinken und das Langewegbleiben, das Undiszipliniertwerden und das Sichtreibenlasen, das Driften mit dem vermeintlichen Rythmus der Anderen und der Stadt und der Ereignisse. Ich hatte so also weitergemacht mit dem Sprechen mit den Leuten, aber wieder ergab sich unmittelbar so wenig aus diesem Sprechen, es ist fast zum Heulen, so wenig entsteht in diesen Augenblicken. Dass man deswegen immer noch immer wieder Filme sieht. In ihnen entstehen Sachen in Augenblicken! Mir waren Sachen aufgefallen in der Stadt. Die drogenabhängigen Parkplatzeinweiser überall; man lässt sich von ihnen in Parklücken hineinwinken, man gibt ihnen dafür Geld; und gibt man ihnen keines, zerkratzen sie Dir den Lack. Die kleinen Schiffmodelle auf den Spitzen der Laternen, die an die Seefahrervergangenheit erinnern, die imperiale Geschichte. Dagegen die ruralen Gesichter, Körperhaltungen, eingefallene Schultern. Manche erklären diese Physen mit dem Agrarfaschismus Salazars. Das langsame, schlurfende Gehen der Leute. Die Cafedichte. Die Süße und deren Wehmut. Ein Abend im Barrio Alto mit der Kommandogruppe Rage, Ravia. Wann war das? Donnerstag? Ja, wohl Donnerstag. Das südamerikanisch-bolivisch-revolutionäre des A. Über seine Produktionsfirma, seine Konferenzen, ein Agitator ist er. Am Mittwoch hatten wir uns getroffen im Agito, jetzt wieder, ich weiß nicht mehr, wie oft ich ihm schließlich begegnete. Es gibt den Zettel mit der Adresse, den I geschrieben hatte für den Taxifahrer. Der Taxifahrer, der wie mechanisch lenkte, seine Schultern stakten aus dem Baumwollhemd, und er grummelte wie mechanisch, starr hinter dem Steuer sitzend, tief eingefallen in den Fahrersitz und die Arbeit des Autofahrens spüren machend, grummelnd, mit sich selbst?, mit mir?, schimpfend, sprechend wie aus einer anderen Welt, wie ferngesteuert auch. Ein Monster aus Ottingers Praterfilm, nein, ein Freak aus denen von Tod Browning. You are a rewriter. Die Konversation mit As Freundin, deren Film hier im Kurzfilmprogramm lief, don’t forget that you have a boyfriend, sagt er da zu ihr, als würde ich mit ihr flirten. The flatness of the images, the lack of depth. Der Marionettenfilmregisseur, seine linnenen Hosen. Ein Abend im SNOB, Barrio Alto. Klassenfahrt. Dies eigentlich jämmerliche Schibbolethsprechen der globalen Cinephilie, Bresson, Straub, Ford, Costa. Ich saß da wie eingefallen in meinem Stuhl, die beiden Slowenen, Mann und Frau?, die Tochter von R, die C kennt aus Paris. Ich dachte, es müsste doch auch für mich funktionieren, trying to make a living out of the cinema, nein, nicht nur trying: to make a living out of cinema. Immerhin war ich nun Juror gewesen. Die Entscheidungen der Jury, zwei von ihnen, den großen Kurzfilmpreis und den für den besten portugiesischen Kurzfilmregisseur, hatte ich vorgetragen auf der Bühne in langsamen Englisch, vielleicht aber nicht bedächtig genug. Jetzt, im Snob, Aoyama, schlafend, betrunken, eingeklemmt in einer Position zwischen dem Freund der Tochter von R und dem wichtigsten portugiesischen Filmkritiker. Die Stirn im 90-Grad-Winkel zum Hals, die geschlossenen Augen auf den Boden gerichtet, und jene Stirn kurz oberhalb der Tischkante arretiert, schlafend und Geräusche kommen aus seinem Magen, die die anderen hören und die er vielleicht, wirklich vielleicht nur, noch spürt. Die Freundin des wichtigsten portugiesischen Filmkritikers, der Freund des japanischen Regisseurs, dann M, dann die kleine Latinaschauspielerin, aber ist sie wirklich Schauspielerin, ist sie wirklich Mitglied der großen Jury?, dann H, schon nicht mehr am Tisch selbst sitzend, sondern neben ihm auf einem niedrigen Sitzmöbel, aber das Gespräch am Tisch doch deutlich dominierend. Ich neben ihm, neben mir M, der bei B in Los Angeles studiert hatte, if you get to know him he is really warm-hearted and nice and caring, first he seems reserved, but after a while. Vielleicht hört M auf mit dem Filmemachen, vielleicht wird er Visitenkartendesigner, aber vielleicht sagt er das auch alles nur so slick and tongue in cheek und hipsteresk. Er really want to go to Berlin, someone, you know, a friend, told me about this restaurant for the blind. That is really a cool thing, a cool idea. Und ich erzähle, was wirklich eine coole Idee ist, einen Film von 93 Autoren beschreiben zu lassen. Und einer aus einer anderen Jury war nicht allein gekommen, jetzt endlich doch: Flirts Erotik Sex One-Night-Stands Affären, endlich: Eine kleine hübsche Portugiesin, und er hatte seinen Arm die ganze Zeit um ihre Hüfte gelegt und sie lehnte sich zurück, seinen Arm um ihre Hüfte besser zu spüren. Gedämpftes Licht, Holz, mit altem Leder bezogene Möbel, linnene Tapeten an den Wänden, gelbbraunes Licht, keine Musik. Später, im Taxi, schimpfte H auf die lautgemachte Radiomusik des Taxifahrers, sie alle leben angstfrei, aber auch schamlos bisweilen, und ich bedeutete vermittelnd dem Taxifahrer, die Musik leiser zu stellen und er machte sie lauter und ich rief nonono!!! und er machte sie leiser. Wie wir die Rechnung bekamen, handgeschrieben auf einem Zettel, ein metallener Teller wird herumgereicht, jeder legt seinen Teil hinauf, 170 Euro vertrunken, verpufft. Diese Rituale all over the world, hey hey my my, rock’n’roll will never die… Das Taxifahren in der Stadt, deren blaumetallen schmutzig rostiges Licht in der Nacht, hügelauf hügelab, enge Straßen, Straßenbahnschienen, weite Straßen, dann wieder enge, Kopfsteinpflaster, Passanten, die umschleift werden, Lichthupe, Hupe. Von vielen die Erwähnung des Films von Tanner, LA VILLE BLANCHE, die blanke, nein, die weiße Stadt. Das Flache, gepresste ihrer Sprache. Manchmal, wenn Unbekannte in der U-Bahn, am Nebentisch im Cafe, beim Warten im Kino und eben gerade im Flughafen vorm Bordbetreten sprechen, meint man eine slawische Sprache zu hören, so unromanisch ist die Melodie dieses Sprechens. Dass John Malkovich, ausgerechnet John Malkovich, vor 10 Jahren dieses Gebäude am Hafen gekauft hat, LUX, und wie alle sagten, ich müsse die Aussicht dort auf dem Balkon gesehen habe, wenn ich da schon hin gehe, dann sollte ich nicht vergessen auf den Balkon, die Terasse zu gehen. Tatsächlich ist das schön. Der Japaner mit dem Honigkuchenrundgesicht. Die Französin, die hier als Produzentin arbeitet, manchen glaube ich ihre Angaben nicht, aber die gewünschten & geposten Berufe sind ja genauso interessant wie die wirklichen, wirkungsmächtiger vielleicht. Vielleicht. Wie überall auf der Welt ist das Tanzen im Basement, ist die dort gespielte Musik viel ergreifender, punktgenauer, präziser, aufregender. DJ Kabine, die über dem weitgespannten Geviert der Tanzenden thront. Und wie lässig das Mitmachen ist, wie schnell Du dich da eingroovst. Tanz. Donnerstag war der Tag der Verabredungen, und von Donnerstag an war es mir nicht mehr möglich, weiter an den Berichten, an den Rapporten zu schreiben. (Dies hier jetzt aus dem Flugzeug von Lissabon nach Ffm, über Frankreich.) Am Morgen die Filme aus der Videothek, dann Mittag, dann eine Einführung (in welche FIlme?), dann das Treffen mit R. Tag Gallagher, Eric Rohmer, Guy Debord, Peter Nestler, Andy Rector, San Francisco, Klaus Wyborny, Harun Farocki, Hartmut Bitomsky, Jean Douchet, das Seminar mit Alain Bergala, to be recognized, James Agee, Manny Farber, Robert Warshaw, the Structuralists… We don’t stop living that way. Die antriebslosen Gangarten. Was ist ein Festival? Was passiert da gerade? Keine Lust, dazu nach Zahlen zu recherchieren. Dass wir uns Fragen stellen zu den Festivals hat auch damit zu tun, dass wir plötzlich leichter und öfter Zugänge zu ihnen haben. Wie H, le patron, von seinem Festival spricht und die „Geburtswehen“ des Lissaboners beschreibt. Die Viennale! Weshalb man Geduld brauche und mit der Geduld die Erfahrung komme. Dass man die Filme miteinander vermischen müsse und nicht in Reihen packen soll, die dann in immer den gleichen Kinosälen laufen, in die sich dann eh keiner verwirrt, weil er die Filme als Reihenteil, nicht als Einzelwerk betrachtet. Die agressive Kritik der Fraktion um A, Zuschauerzahlen, Ausverkauf, es gehe nur um den Kommerz, das Verkaufen, das Wachsen und Größerwerden. Wirtschaftsfaktor. Wie stolz er dagegen vom Konzept seiner eigenen Firma, Ravia, Rage, zu sprechen weiß. Wie die Welt ist, will sie Kontexte bereitgestellt bekommen, und ich allein als Außenminister dieses deutschen Kinos bräuchte doch eine Delegation um mich geschart. Erst auf der Abschlussveranstaltung den Goetheinstitutsmenschen aus 5 Metern Entfernung, er auf der Bühne, ich im Publikum, gesehen. Wir winkten uns unsichtbar. Möller hat natürlich Recht. Dieses deutsche Kino gibt es auch wegen dessen Lehrern und so gesehen, von diesen Filmen aus dieser Reihe, ist es ganz stimmig zu sagen, Färber sei der einflussreichste Kritiker Deutschlands, the most influential critic in Germany. Aber wie materialisiert sich Lehre, Weitergabe, Tradition? Das Horwathzitat, nicht die Asche, aber die Flamme weiterreichen. Wären das in Österreich alle Stars des Unabhängigen? Fragen, Mann, das findest Du ja auch wieder in der Epigonalitätsfrage, die du dir stelltest wegen dem schließlich prämierten tollen rumänischen Kurzfilm TUBE WITH A HAT, weil I sie stellte während der langen Jurysitzung, während der du störrisch warst, und weil die Frage in der Luft liegt, weht, steht, Möller schreibt ja auch davon. Du musst dich auf die Antworten verstehen, hattest Du geschrieben, und nicht auf die Fragen, aber du hattest auch vom Projekt der Angstfreiheit geschrieben und warst dir schon bei den Ausgehsachen dann auch nicht mehr sicher darüber, den Ausgehsachen mit A, der dir immer unheimlicher wurde je deutlicher seine Agressivität zutage trat – er wirkte ja angstfrei –, und den Ausgehsachen mit dem derzeitigen, dort anwesenden Weltkinojetset. Unsicher, wie Du die Konstellation von Angstfreiheit, Würde und Scham eichen sollen solltest. In Anwesenheit von A hattest Du dich herauswinden wollen und von der Reserve gesprochen und vom Zögern und vom Zweifel. Und vom Schreiben und Wiederschreiben und Überschreiben und er dich dann Rewriter genannt. Ist das ein Teil der Frage, der Antwort oder des Problems?… Vielleicht auch so: Dass es gar nicht darum geht, dass das da nun eine erfolgreiche Reihe war in den Kinos und Schlangen vor ihnen um den ganzen Block und Zeitungsartikel mit breiten Überschriften und hohen Lettern und Schecks und Aufträge für die lost generation des bundesdeutschen unabhängigen Films. Du hast das ja nicht oft gemacht, Sachen recherchiert zu Nationalkinematographien. Wenn, dann ging es um Deutschland und um noch mehr Zusammenhang, Johannes Schaaf und Tremper und Bramkamp und Achternbusch und Brynych und und und… Auf dem Flughafengelände in Tegel dann einen mit einer Viennaletasche (Viennale 03) gesehen. Am folgenden Tag, Montag, schlief ich lang. Ich erinnerte mich an die Erschöpfung, die ich während der ersten Tage in Lissabon spürte, die aus den Anstrengungen der letzten Tagen in Berlin herrührte und ich spürte nun eine andere Erschöpfung in Berlin, eine, die von den Tagen in Lissabon kam. Ich dachte an die Erschöpfung und das Erschöpftsein und den Klang und den Sinn dieses seltsamen Wortes. In Berlin war es nun kalt, so kalt war es in Lissabon, auch an den kälteren Tagen dort, nicht gewesen. R war auf einem Anrufbeantworter und S und andere und ich wollte mir noch mehr Notizen machen, aber ich machte mir keine Notizen. Ich wollte aufräumen, aber ich kam nur zum Einkaufen und Waschen und Mailschreiben. Ich wollte weiter arbeiten und musste jetzt aber Geld verdienen.

Freitag, 06.07.2007

2/100

Die Geschichte vom französischen Filmtheoretiker, dem in seinem englischsprachigen Vortrag zweimal der Versprecher unterlief, Deleuze/Guattaris Buch über das Philosophieren als „Was it Philosophy?“ zu zitieren und der mit diesem Versprecher eine skeptische Korrektur des Titels vornahm, die Deleuze und Guattari sicher ebenso gut gefallen hätte wie mir.

Donnerstag, 05.07.2007

Bob Rafelson

Mit 15 war er Rodeoreiter in Arizona, mit 17 Matrose auf Transatlantikschiffen, mit 19 Jazz-Schlagzeuger in Acapulco und Radio-DJ in Japan, 1966 erfand er „The Monkees“. Gemeinsam mit Bert Schneider gründete er die Produktionsfirma BBS, eine Geburtsstätte des „New Hollywood“. Seinem Regiedebüt HEAD folgten in großen zeitlichen Abständen Filme quer durch alle Genres. In etwa jedem zweiten: sein Freund Jack Nicholson. Er wolle in seinem Leben nur zehn Filme machen, so gut wie FIVE EASY PIECES, das hat Rafelson vor 35 Jahren gesagt. „So malte er nur wenig und langsam, (…) am liebsten schöne Weiber nach der Natur oder solche männlichen Köpfe, deren Inhaber Geist, Charakter und etwas Erlebnis besaßen, (…) Heiße Sinnlichkeit, und eine geheimnisvolle Trauer waren ziemlich die Elemente seiner Tätigkeit.“ (aus: „Der grüne Heinrich“ von Gottfried Keller)

Im neuen REVOLVER-Heft gibt es ein Interview mit Bob Rafelson, auf das Franz Müller und ich ganz stolz sind. Aber das Folgende hat er uns nicht erzählt.

Bob Rafelson: I once had a conversation with Eric Rohmer who… I can’t remember which picture it was, it might have been CLAIRE’S KNEE, where he visited the set a year before he shot the picture and spent two days planting tulips in a garden bed around the house because he wanted a certain color to work its way into the frame.

Peter Tonguette: That’s extraordinary.

Bob Rafelson: Just by the way, at the time he and I had met he was sort of running out of Lincoln Center and I was sitting somewhat forlorn on the steps while a picture of mine was screening and a picture of his was screening. And I think I might have met him before, but I didn’t recognize him, and he just looked nervous and he bummed a cigarette from me. He was very shy and I said, “Are you Eric Rohmer?” And he sort of gave me a half-assed answer, like he could be or maybe he isn’t or who was I. I said, “I’m Bob Rafelson.” He said, “Oh, FIVE EASY PIECES?” “Yes,” I said. And I said, “Would you like to see my neighborhood? I was born just a few minutes from here.” And he said, “Yes.” So we got into a taxi and started to drive around and very slowly he removed an artificial moustache he was wearing and folded it into his wallet. [Laughter] And under that was the real Eric Rohmer. And we spent the whole night walking through my neighborhood and talking about our life stories and then—I think this was during the screening of Marvin Gardens—he wound up spending several years with the sister of my co-author. So that was the relationship. And we talked a little bit about framing and color and precision.

Mittwoch, 04.07.2007

1/100

Die Geschichte vom experimentellen Psychologen, der, befragt nach dem großen und kostspieligen Gerät, das im Zentrum seines Forschungsprojekts zur Mediennutzung stehen sollte, antwortete, es diene dazu, die Augenbewegungen und Hirnströme zu messen und wenn er, der Literatur- und Medienwissenschaftler, sich einmal probehalber daran anschließen lassen möge, werde das Gerät problemlos nachweisen können, dass ihm die hochgeschätzten Filme von Godard in Wirklichkeit gar nicht gefallen.

Langtext-Hinweise

* Robert Bramkamp: Danièle Huillet. Filmemacherin im Film

15. Juni 2007, Einführung zur gleichnamigen Filmreihe im Zeughaus-Kino. Mit zwei Filmausschnitten von Straub/Huillet-Interviews (1988 und 1997).

* Eine Hexe, die eine Menge Energie verbraucht

Ein Gespräch, das Robert Bramkamp 1997 mit Danièle Huillet und Jean-Marie Straub über ihren Film „Von Heute auf Morgen. Oper in einem Akt von Arnold Schönberg“ führte.

Dank an Robert Bramkamp.

Danièle Huillet – Filmemacherin im Film

Von Robert Bramkamp

Ich möchte eine kurze Einführung zu dieser Reihe versuchen, nicht zu allen einzelnen Filmen, die schon pointiert im Programmheft angekündigt sind, sondern zu möglichen Perspektiven einer solchen Reihe, die Arbeiten aus 25 Jahren überspannt. Ergänzend zeige ich Ausschnitte aus zwei Interviews mit Straub-Huillet von Rembert Hüser, Hubertus Müll und mir, aufgenommen 1988 und 1997, alles zusammen in ungefähr 15 Minuten.

Es könnte erstens eine Reihe sein, die zunächst die Wiedergewinnung einer spezifisch modernen Komplexität im deutschen Film rekonstruiert, mit „Nicht versöhnt“ 1965 am Anfang der Entwicklung ‚Neuer Deutscher Film‘; und dann die „Rücknahme von Komplexität im hiesigen Filmbereich seit den 80er Jahren“ – wie sie Manfred Hermes kürzlich in Revolver beschrieb – als den „Rückbau romanhafter Offenheit zu gesetzestreuen Dreiaktern“. Romanhafte Offenheit bezieht sich bei Straub-Huillet zusätzlich auf den geöffneten Bedeutungsraums mündlicher Sprache und eine elementar unverstellte Kinematografie. Plastisch würde diese Reihenbildung, spätestens in der 2. Hälfte, durch den Kontrast: die gegen den Rückbau von Komplexität durchgehaltene Arbeit von Straub-Huillet, die immer schwieriger wurde.

Im September 1997 war laut Georg Seeßlen, der damals die Abwicklung des selbst „oft kontraproduktiven Autorenfilms“ in epd film resümierte, die Situation im deutschen Filmschaffen eine, „in der ein Kino entsteht, das mit der Entwicklung des Mediums, mit seinem Reichtum und seiner Vielfalt, ganz einfach nichts mehr zu tun hat.“ Er bilanzierte unter anderem weiter: „Wir haben unsere einsamen Meister wie Achternbusch, Kristl, Straub-Huillet, aber sie sind Außenseiter im deutschen Film geblieben.“ Tatsächlich war 1997 auch für Straub-Huillet ein kritischer Punkt erreicht, als sich für den gefilmten Schönberg-Einakter „Von Heute auf Morgen“ trotzt Kooperation mit dem berühmten Michael Gielen in Deutschland nicht wirklich eine passende Bühne für die Methode Straub-Huillet finden ließ.

Interview Saarbrücken 1997

Straub/Huillet, Saarbrücken 1997, Interview Robert Bramkamp / Hubertus Müll

Filmausschnitt [Quicktime, 3 Minuten]

Zum Thema ‚Alleinsein‘ hat übrigens Alexander Kluge in seinem zweieinhalbstündigen, alle Baustellen sortierenden und geradezu aufwühlenden Film-TV-Text-Vortrag während der Berlinale 2007 bilanziert: Das Einzige was er bedauert, sei, daß sie, die Filmemacher, nicht noch mehr zusammengearbeitet haben – auch international. Der Straub-Huillet Film auf Italienisch der nach 1997 folgte, „Sicilia“, leitet bis „Quei Loro Incontri“ 2006 eine weitere, 9-jährige Produktionsphase von Straub-Huillet ein, aber in Italien und Frankreich. Sie führte bis zum Preis in Venedig im letzten Jahr; „zu früh für ihren Tod, zu spät für ihr Leben“, wie Straub dort verlesen ließ. Einen weiteren Film auf Deutsch hat es nicht gegeben. Auch keinen Auftritt der Filmemacherin im Film.

Annett Busch hat in ihrem Nachruf in der taz den spezifischen Feminismus in Danièle Huillets Haltung so beschrieben: „Die Entscheidung für Straub war auch eine Entscheidung gegen das Mittelmaß und für ein Spannungsverhältnis. Die feministische Filmtheorie hat sich für diese Form von Feminismus nie so recht interessiert. Warum sie nicht ihre ‚eigenen‘ Filme mache, hing als unausgesprochener Vorwurf oft in der Luft. Danièle Huillet wollte sich in das Bild von Emanzipation nie so recht einfügen. Es ging um ein anderes Potential: die eigenen Filme waren die gemeinsamen.“ Zu diesem Prozess hat Danièle Huillet öffentlich angemerkt, daß sie zu Zeiten von „Nicht versöhnt“ als Teil eines produzierenden Duos für die Öffentlichkeit „nicht existierte“ und ebenso festgestellt, daß sie das Reden lieber dem Straub überließ, weil der „macht es besser“. Auch aufgrund des offenen Umgangs mit Asymmetrien bildeten die beiden ein faszinierendes gleichberechtigtes Duo, das klassische Konstellationen wie Musenbeziehungen oder die zwischen männlichem Regisseur und weiblicher Schauspielerin transzendierte in eine modellhafte Paarbeziehung – im Hintergrund „das hohe Lied der Liebe“ (aus der Mystik, nicht der Romantik) und im Schneideraum vor Studierenden das legendäre „Taisez vous, Jean Marie!“ oder in der Berliner Akademie der Künste ca. 1999, ein so hartes, strategisches Statement wie: „Wenn mich nicht immer noch interessieren würde, was in seinem Kopf vorgeht, wären wir schon längst nicht mehr zusammen.“

Im Zusammenhang dieser öffentlichen Paarbeziehung wären der zweite Anlass zur Reihe dann die besonderen Momente, in denen Danièle Huillet als Filmemacherin in den Film geht – also Momente, in denen sie durch persönliche Präsenz ihr gemeinsames Projekt in einer Situation der Bedrohung unterstreicht, befestigt, verteidigt, oder eine Botschaft bringt, wie Antonia Weiße in ihrer Einleitung sagt, etwa:

„Schwarze Sünde“, 1988. Das Beharren auf Hölderlin durch Aufgreifen der 3. Fassung des Trauerspiels, trotz des Zuschauerzahlen-Einbruchs, den „Der Tod des Empedokles“ (nach der 1. Fassung) 1987 erlitten hatte (im Vergleich zum Erfolg von „Klassenverhältnisse“ nur wenige Jahre früher).

Angesichts einer großen Verzweiflung beharrt Danièle Huillets Auftritts am Anfang von „Schwarze Sünde“ – Hölderlins Word für Selbstmord – auf der Notwendigkeit, darüber nachzudenken, wie die Einzelnen und die Vielen im Sinne von Aufklärung oder Demokratie oder Revolution zusammenkommen könnten. Dabei scheint die dritte Fassung die Figur Empedokles von dem Wahnsinn zu reinigen, der ihn in der 1. Fassung als Teil der Figurenkonzeption gelegentlich umweht.

„Cezanne“, 1989, schafft für die deutsche Öffentlichkeit, durch die im Programmheft schon erwähnte harte Spracharbeit, die wochenlange Heiserkeit nach sich zog, den Sprung von Hölderlin weg zu einer anderen Zielgruppe: sozusagen hin zu den kunstgeschichtlich Interessierten; es ist auch der Versuch eine deutsch-französische Zielgruppe zu (er)finden.

Die dritte Perspektive, die diese chronologisch angelegte Reihe ermöglichen kann, ist, „Nicht versöhnt“ einfach erneut in den Anfangsbereich einer zukünftigen Entwicklung zu integrieren – nicht im Sinne von ‚jetzt erst recht‘; sondern eher nach der Devise ‚was schon einmal wirksam war, das geht auch öfter oder immer mal wieder‘. Also betont unprogrammatisch, zumal die im deutschen Film – offenbar zyklisch – wünschenswerte Erweiterung der filmischen Möglichkeiten gemeint ist. Man könnte die Reihe – ohne ihre Vorgeschichten – einfach als aktuelle Motivation zu mehr formaler Spannbreite und temperamentvoller Vielfalt sehen. So lassen sich die Filme von Straub-Huillet auch aus der unproduktiven Frontstellung befreien, die einem mit fundamentalistischer Klarsicht als korrupt erkanntem Kommerz zu lange die ehrlichen und anspruchsvollen Filme edler Altruisten entgegenstellt hat. Die Reihe zeigt stattdessen die vielen methodischen Qualitäten und Intensitäten dieser Filme, die sich heute in einen Fundus von Optionen zurückübersetzen können. Ein direktes Aufgreifen der Straub-Huilletschen Methoden scheint nämlich kaum möglich, obwohl Andreas Goldstein 1998 einen paradoxen Gegenbeweis erbracht hat („Erklärung des 1. Kapitels Luce“). Doch ihre Rekombination in einer filmischen Arbeit, die nach überraschenden Kontexten und zeitgemäßen Formen der Vereinfachung sucht, anstatt bewährte Einfachheiten zu stilisieren, bietet sich an.

Ein neu erschlossener Kontext – in Sizilien – war für Straub-Huillet „die Geologie“, entdeckt bei der Drehortsuche für „Der Tod des Empedokles“ und „Schwarze Sünde“. Ein ständiger Kontext ist die Arbeit mit Literatur. Am Anfang des nächsten Interviewausschnitts spricht Daniele Huillet über ihre editorische Arbeit an einzelnen Worten.

Interview Münster 1988

Straub/Huillet, Münster 1988, Interview Rembert Hüser, Hubertus Müll, Robert Bramkamp

Filmausschnitt [Quicktime, 3 Minuten]

Zu den vielen Intensitäten, die heute selten sind, gehört in „Schwarze Sünde“ der nachhaltigste mir bekannte Kameraschwenk, ausgeführt von William Lubtchansky. Er ist auch interessant im direkten Vergleich mit James Bennings kinematografischer Materie.

Nicht nur die Hölderlin-Filme entfalten Sprache zu einer sinnlichen Begegnung mit Vieldeutigkeit, die sie präsent und zugleich flüchtig machen, via Mündlichkeit auf eine Zeitachse setzen; man kann nicht zurückblättern. Die Überforderung ist unvermeidlich und der Zugang also nicht idiotproof – offene Baustelle.

„Nicht versöhnt“ ist eine Familiengeschichte über mehrere Generationen, rasant erzählt in verschiedenen Zeitebenen. Der Film ist vielfach aktuell, etwa in einem interessanten Spannungsfeld zur Tschechow-Tendenz der Berliner Schule.

Für „Zu früh, Zu spät“ waren Briefe von Engels der Anlass, „nicht die marxistische Ideologie, sondern Erfahrungen“ (Huillet), die als eigene wiedererkannt wurden: Er müßte heute ein attac-Kultfilm sein. Zugleich treibt der Film die Spannung zwischen Zeigen und Erzählen weit; so wie überhaupt der Ansatz, daß „die Geschichte und das Gezeigte“ (Straub) nicht genau dasselbe sein dürfen, alle Straub-Huillet Filme prägt und als Schutzimpfung gegen Naturalismus empfiehlt.

Obwohl sie zeigen, daß der Kinematograph eine fundamentale Erfindung ist und dessen Möglichkeiten grundsätzlich erforschen, begrenzen Straub-Huillet ihre Ästhetik nie auf ein visuelles Schwelgen oder andächtiges Staunen oder andere Formen des verlangsamten, insistierenden Blicks, die sich – so scheint es – als cineastische Ethik der Gegenwart mit einem Naturalismus verbinden möchten, der das Phantastische, Polyphone, Poppige und Moderne – eventuell ungewollt – ebenso exiliert, wie es der deutsche Biedermeier-Mainstream tut. Als Ermutigung oder Warnung hielt dazu Danièle Huillet ihre unvergessliche Wendung bereit: „Cineasmus ist nur ein Mangel an Ambition“ und hat in all ihren Filmen ambitionierte Formen realisiert, mit denen ich Ihnen zwei interessante Filmabende wünsche.

***

[Einführung zur Filmreihe „Danièle Huillet – Filmemacherin im Film“, Zeughauskino Berlin, 15. Juni 2007]

Eine Hexe, die eine Menge Energie verbraucht

Gespräch mit Danièle Huillet und Jean-Marie Straub über ihren Film „Von Heute auf Morgen. Oper in einem Akt von Arnold Schönberg“.

von Robert Bramkamp

Bramkamp: In Ihrem Film „Von Heute auf Morgen“ geht es vom Stoff her um ein ernüchtertes Ehepaar, das die möglichen Attraktionen einer Dreiecks-Konstellation durchspielt – so wie es in Deutschland im Film derzeit populär ist. Ist dieser Film die erste Dreieckskomödie von Straub-Huillet?

Straub: Dreieck? Nein. Viereck.

Huillet: Ja.

Straub: „Der Bräutigam, die Komödiantin und der Zuhälter“ war ein Dreieck, oder? Aber das hat mit der deutschen Umgebung nichts zu tun.

Bramkamp: Hat es etwas mit dem Dreieck zu tun, dessen Ecken Avital Ronell benannt hat als „das Dritte, ohne das kein Paar etwas ist“? (1)

Straub (lacht)

Bramkamp: Ihr neuer Film scheint mir auf verschiedene Weise mit dieser Stelle zu spielen. Mitunter benimmt er sich selbst wie dieses Dritte. Wenn es bei Godard in „Je vous salue Marie!“ heißt: „Ist nicht jeder Mann für die Frau, die ihn liebt, der Schatten Gottes?“, dann ist in diesem Film das Dritte der Schatten Gottes. In Ihrem Film klingelt plötzlich das Telefon. Und das überraschte Paar singt synchron: „Was ist das?“ Wie haben sie das gemacht, daß die Stimme des Sängers, die über das Telefon hinzutritt, so seltsam im Vordergrund vor der Leinwand hing?

Straub: Der stand ganz hinten in der Ecke vom Zimmer und das ist alles.

Huillet: Er hat ein paar Wände bekommen.

Straub: Wir wollten keine Verzerrung machen. Der Schönberg schreibt dazu: „Leichte Verzerrung“. Wir haben uns gedacht, ach ’ne leichte ist nicht gut. Dann haben wir den Sänger so weit wie möglich in die Ecke der Kulisse gestellt, links von der Tür, wenn man davor steht. Das war dann zuviel und daraufhin haben wir ihn ein bißchen eingesperrt wie in einer Telefonzelle, bis die ganz zu war, und das reichte. Wir haben ausprobiert.

Bramkamp: Also stand er da wie in einer Sprecherkabine? Diese Stimme hat fast gar keinen Hall? Ist das der Effekt?

Huillet: Ja.

Bramkamp: Während sich alle anderen, entsprechend der Entfernung zu Kamera und Mikro, in einem akustischen Raum mit Hall befinden?

Huillet. Ja.

Bramkamp: Im Pressematerial des Hessischen Rundfunks steht, daß ihr Film die erste Oper ist, die unter „live“-Bedingungen gedreht wurde. Wie muß ich mir das technisch vorstellen?

Straub: Das ist das Ei vom Kolumbus. Nein, ist es nicht, aber man hat uns gesagt, das wird nicht gehen. Die Sänger befinden sich in der Kulisse. Man angelt wie bei jedem Film. Jedem Sänger wird eine Angel, ein Mikro und natürlich ein Angler zugeteilt, der das Mikro nachführt. Zugleich sitzt vor der Kulisse ein Orchester.

Bramkamp: Das „live“ zur Filmaufnahme spielt?

Huillet: Ja.

Bramkamp: Also immer wieder neu einsetzt?

Straub: Einstellung nach Einstellung. Wir wußten ganz genau, wo eine Einstellung anfängt in der Partitur. Nur über zwei Punkte haben wir uns ein bißchen mit Gielen gezankt. Einmal sagte er, die Stelle sei zu schwierig für den Richard Salter und nicht zu schaffen. Aber er hat es doch geschafft. Beim zweiten Punkt meinte Gielen, man könne da zu schwer ansetzen oder schneiden und dann ging’s doch. Wir wußten ganz genau: Da fängt eine Einstellung an, da ist eine Zäsur oder Fermate oder Pause beim Schönberg und dann geht’s weiter. Aber wir haben immer hart geschnitten. Ohne Vortakte oder so.

Bramkamp: Wieviele Schnitte hat der Film?

Huillet: Der Film hat 63 Einstellungen. Mit den beiden ersten. Was die Partitur selbst betrifft hat er 61.

Bramkamp: Das heißt, ich stelle mir 61 einzelne Originalton-Stücke vor, die so aneinander geschnitten sind, daß ich eine fortlaufende Oper höre?

Huillet. Ja.

Straub: Wie Du es von den anderen Filmen kennst, vom „Empedokles“.

Bramkamp: Aber dieses mal sind der Film und auch die Musik so derartig schnell, daß ich nicht an diese Möglichkeit gedacht habe.

Straub: Der Tonmeister hat ein Jahr lang schlecht geschlafen. Ebenso wir und auch die Tonleute aus Frankfurt. Das eigentliche Problem liegt aber woanders. Das hat kein Mensch bisher versucht, weil immer die Gefahr besteht, daß zuviel Orchester-Ton auf das Band der geangelten Sänger durchschlagen kann, sogar durch die Rückseite der Mikros, und daß dieser Ton dann nicht mehr vom vollen Klang des Orchesters überdeckt werden kann.

Bramkamp: Das Orchester wurde separat aufgenommen und auf einen eigenen Kanal gemischt?

Huillet: … und dann hatte man einen Kanal für jeden Sänger.

Bramkamp: Das wären schon fünf Kanäle. Mit welchem Tonband hat Louis Hochet das aufgenommen?

Huillet: Das ist ein Rundfunkstudio für Musikaufnahmen. Die haben die Sänger oben auf der gleichen Neumann-Maschine aufgezeichnet wie auch den Rest. Nur Hochet war unten und hatte dort ein Mischpult.

Straub: Es war aber kein Studio! Das Fernseh-Studio, haben sie uns gesagt, geben wir gern – Ja, die Straubs, ja – aber ganz fest zusagen können wir erst eine Woche vorher, denn wenn wir eine Serie drehen, wird es nicht gehen. Da haben wir gesagt, so können wir nicht arbeiten. Und deshalb haben wir uns für den großen Konzertsaal entschieden. Darin haben wir gebaut, als ob es ein Studio wäre. Insofern hatten sie die Tontechnik da oben, wie für die Aufnahme von Konzerten und ganzen Orchester.

Bramkamp: Wie sah die Vorgeschichte des Films in Bezug auf vorangegangene Inszenierungen aus?

Huillet: Der Gielen selbst hat das Stück einmal dirigiert als er jung war.

Straub: Für’s Radio. Aber diese Aufnahme findet er nicht mehr.

Huillet : Boulez hat es ebenfalls dirigiert, aber konzertant. Auch (Hans) Rosbaud hat es dirigiert. Wir haben ein Band davon gehört, aber das war wirklich nicht gut, erstaunlicherweise.

Straub: Ein Radiokonzert.

Huillet: Rosbaud ist sonst immer gut, aber diesmal war es nicht gut.

Straub: Was wir kannten, das ist eine Aufnahme von Robert Craft. Der Craft hat damals in Hollywood den gesamten Schönberg aufgenommen. Nicht vollständig, aber es hieß so. Es waren 6 Koffer.

Huillet: Nein, 8 glaube ich.

Straub: Gut. Darin war das.

Huillet: Diese Aufnahme haben wir 1965 gehört, also schon vor „Moses und Aron“.

Straub: Das sind Platten von vor 40 Jahren. Die gibt es längst nichts mehr.

Bramkamp: Dann hat Michael Gielen die Oper erneut für’s Radio aufgegriffen und sie haben gesagt, wir wollen es auch als Film machen?

Straub/Huillet: Nein, nein. nein.

Straub: Wir sind schon 1987 zum Gielen gegangen, als er seinen Geburtstag feierte, auf dem Taunus.

Huillet: Er wurde 60, glaube ich.

Straub: Als wir in Frankfurt waren bei der Filmaufführung und Diskussion von „Tod des Empedokles“. Danach sind wir dahingefahren und kamen da nach Mitternacht an. Er hat uns den Leuten aus Baden-Baden vorgestellt und gesagt: Die Straubs haben das vor.

Huillet: Das war vor 10 Jahren.

Straub: Gut. Und dann sind wir zum Gielen in die Toskana gefahren, wo er eine Scheune hat, die er umgebaut hat, und haben ihm gesagt, wir wollen das jetzt machen. Das geht erst 96, hat er gesagt.

Huillet: Weil ich dann pensioniert bin.

Straub: Dann mache ich nichts mehr und stehe nur Euch zur Verfügung. 1994, glaube ich, hat er dann in Baden-Baden angefragt.

Bramkamp: Beim Südwestfunk?

Straub: Wo er noch war. Die haben ihm gesagt: Ja mein Lieber, du kriegst 10 Tage. Wir geben Dir Dein Orchester für 10 Tage.

Huillet: Für alles.

Straub: Er hat gesagt, seid ihr verrückt? Habt ihr die Partitur gelesen? Sie haben geantwortet: Ja, aber wir sind gut genug! Dazu haben wir und auch er nein gesagt. Deshalb haben wir’s in Wien versucht. Als das Orchester schon zugestimmt hatte, kam das Fernsehen dazwischen und sagte, kommt nicht in Frage. Schließlich war das Orchester bedroht und wir kamen wieder zurück auf unsere lieben Freunde in Frankfurt. Der (Dietmar) Schings (HR FS Spiel und Spielfilm) hat den Leiter der Musikabteilung für das Projekt gewonnen. Wir haben uns dann wegen der organisatorischen Probleme dreimal mit ihnen in Frankfurt getroffen.

Bramkamp: Ich finde vor allem das Schauspiel der Amerikanerin Christine Whittlesey interessant als eine Erweiterung Ihres Umgangs mit Gesten und mit expressiven Mitteln. Das strahlt auch rückwärts und bringt eine weitere Möglichkeit mit sich, mit ihren vorangegangenen Filmen umzugehen. Mit Blick auf das Ende von „Paris, Texas“ haben Sie mal kritisch angemerkt, daß Nastassja Kinski sich da etwas zu oft mit den Händen durch die Haare fährt.

Huillet: Ja.

Straub: So! (demonstriert es) Das macht sie zehnmal!

Bramkamp: Sie haben nur gesagt, daß da „irgendetwas nicht stimmt“. In der Nähe zu dieser Frage von ’stimmig oder nicht‘ scheint mir das Spiel von Christine Whittlesey zu liegen, ihre mimischen Wiederholungen. Sie reißt die Augen weit auf, schließt sie, läßt ein Lächeln folgen. Dann wiederholt sie diese Abfolge, beinahe wie einen Ballettschritt. Bis man gerade erkennt, es steckt eine Regel in dieser Mimik. Aber gleichzeitig spielt sie mit Zügen einer amerikanischen Expressivität?

Huillet: Ja.

Bramkamp: Ihren Augenaufschlag und Smile könnte man kalifornisch nennen?

Straub: Sie kommt aber aus New York.

Bramkamp: Jetzt passiert etwas Seltsames, wenn diese Mimik mit der Musik zusammenwirkt und ihrem gleichzeitigen Singen vor der Kamera.

Straub: Das sind Wiederholungen, die gegliedert sind und nicht beliebig passieren. Gerade weil sie Amerikanerin ist, haben wir das erreicht. Und haben es deshalb versucht. Das hätten wir mit einer europäischen Sängerin nicht versucht.

Bramkamp: Weil sie das amerikanische Training schon mitbrachte?

Straub: Weil sie zum Beispiel so gerne ihre Zähne zeigt. Wir haben uns deswegen immer so gegenseitig aufgezogen. Während der Arbeit haben wir ihr gesagt, jetzt wirst Du Deine Zähne nicht die ganze Zeit zeigen. Sondern nur hier und da, naja und so fort. Wenn wir jetzt auf der Straße spazierengehen oder die Frauen im Auto sehen, dann sag ich immer der Danièle: Schon wieder eine, die ihre Zähne so gerne zeigt.

Bramkamp: Sie arbeiten hier mit schnellen Wiederholungen, während sie bisher oft sehr sparsam mit Gesten umgegangen sind? Sie haben lange gewartet, bis dann bespielsweise ein Messer in die Erde gesteckt wurde?

Straub: Naja, nein. Bei Hitchcock passieren die Sachen meistens dreimal. Das hat der Truffaut schon gemerkt. Ich habe das nicht systematisch getrieben, aber man kann Sachen wiederholen, warum nicht? Außerdem passiert das in so einer Situation zwangsweise. Man muß es nur sortieren und wissen, wann etwas wiederholt wird. Das ist alles. Man kann es nicht vermeiden, daß es so ist. Auch nicht hinter der Scheibe der Peep-Show in „Paris, Texas“. Wenn sie das dreimal gemacht hätte und das hätte richtig gesessen…

Bramkamp: Wenn gleichzeitig…

Straub: Sie ist ’ne Hexe. Eine Hexe, die ’ne Menge Energie verbraucht, um etwas zu beweisen. Um sich durchzusetzen. Ja. Und so weiter.

Bramkamp: Wer jetzt?

Straub: Sie!

Huillet: Die Christine.

Straub: Die Figur! Also.

Bramkamp: Eine Hexe?

Straub: Ja, natürlich.

Bramkamp: Zumindest hat sie im Schlußbild eindeutig die Oberhand gewonnen. Sie steht dort, wo auf traditionellen Bildern eher der starke Vater stand; hinter dem Mann, der vor ihr auf einem Stuhl sitzt. Seitlich sitzt noch ein Kind am Tisch.

Straub: Nicht alle Hexen hat die Inquisition erwischt.

Bramkamp: Stellt das Libretto nicht zwei Perspektiven gegeneinander, die sich beide auf die Energie beziehen, die dieses Paar zusammenhalten könnte? Es heißt an einer Stelle: „Oh, wie mystisch“.

Huillet: Wie „poetisch“.

Bramkamp: Ja auch, aber ich meine die Stelle: „Ach, wie stimmungsvoll gesagt. Wie rätselhaft, wie mystisch!“ Das wird ironisch vorgetragen, ist aber die eine Perspektive des Librettos. Die andere wirft das Ehepaar seinen Kritikern spöttisch hin: „Zur Nachahmung empfohlen“. Beide singen das gleichzeitig, aber Ihre Inszenierung zeigt mir keine Personen in diesem Moment. Auf diese Empfehlung setzt der Film nicht?

Straub: Es ist doch ganz einfach. Der Schönberg war Jude. Als Gegensatz zur Figur der Lulu, als Gegenstück zum Mythos der Femme Fatale, setzt er ganz einfach das Hohe Lied der Liebe. Und das Hohe Lied der Liebe landet bei Meister Eckart und dem Duett von Bach und so weiter. Warum nicht?

Bramkamp: Ich finde, der Film beschreibt ein zweites Handeln, das darin nicht einfach aufgeht.

Straub: Weil da eine Frau zu Theater und hexerischen Mitteln greift, um etwas zu erreichen? Wenn der Richard plötzlich sagt, „Hab ich Dich verloren?“, ist das wirklich für mich die mystische Nacht. Tut mir leid!

Bramkamp: Gut, solche Momente gibt es im Film. Dann gibt es den, als die Frau singt: „Jetzt reißt mir die Geduld“. Ab da wird sie zu einem Handeln in Bezug auf Dritte gezwungen, das sie bis zu der Befürchtung bringt, daß sie sich an dieses Spiel verlieren könnte.

Straub: Ja, daß sie es „gewinnen“ könnte.

Bramkamp: Ist das nicht ein anderes Lied? Auf jeden Fall beschreibt der Film diesen Reiz doch auch?

Straub: Sie treibt da eine Verführung. Sie versucht ihn zu verlocken, klar. Die Mystiker waren doch nicht Asketen. Obwohl, das Wort ‚Asket‘, das hat einen ganz anderen Sinn. Den habe ich jetzt im Wörterbuch der Etymologie gesucht, weil in der Saarbrücker Zeitung stand, ‚der Asket Straub‘ oder so ähnlich liebt die Askese. Das hat mich so geärgert, daß ich nachgesehen habe. ‚Askese‘, etymologisch, bei den Griechen heißt: einen Beruf und ein Handwerk gut ausüben; die Dinge gut polieren; als Schreiner zum Beispiel oder als Töpfer. Also bedeutet es genau das Gegenteil von dem, was die Leute heute denken, wenn sie meinen, ein Asket ist einer, der hat kein Blut. Das war die Frömmigkeit vom 17. Jahrhundert, die das umgekippt hat. Die schlimme Frömmigkeit. Bis zur Peitsche auf sich selbst.

Bramkamp: Die Kulisse beinhaltet ein Stilleben mit Telefon. Ein Cézanne-Bild hängt an der Wand über dem Telefon und links daneben steht ein Volksempfänger. Jedenfalls ein altertümliches Radio.

Straub: Ungefähr die Zeit vom Goebbels.

Bramkamp: Die beiden technischen Medien konnten dann kurze Zeit später die Plätze als Ansager tauschen?

Straub: Was hatte der Goebbels als Propagandamaschine zur Verfügung, das arme Schwein. Nur das Radio. Wenn man das vergleicht mit heute!

Bramkamp: Das Telefon hat auch einen Zeitindex. In Ihrem Stilleben wirkt es noch nicht alltäglich, eher etwas unheimlich. Es steht schon bereit, Befehle durchzugeben, die nicht mehr unterschrieben sein mußten? Durchaus in einem weitgehenden Sinn?

Straub: Ja gut. Du weißt, wann genau sie (Schönbergs Frau Gertrud unter dem Pseudonym Max Blonda) das Stück geschrieben hat? Gerade als es fertig wurde und so knapp nach der Uraufführung in Frankfurt an der Oper, wo es nur dreimal gezeigt wurde, weißt Du was da passiert ist?

Bramkamp: Nein.

Straub: Krach an der Wall Street. Da ging es los. Danach ging’s sofort auch in Weimar los. Also wirklich, (das war) knapp. Ich war selbst überrascht, als ich das entdeckt habe und der Schönberg ist sicher noch mehr überrascht worden als wir.

Bramkamp: Überrascht von der Zeitgleichheit?

Straub: Vom Krach. Das genügt schon.

Bramkamp: Warum haben Sie den Film mit Mono Lichtton gedreht?

Huillet: Weil wir beide Stereo hassen. Und Dolby hassen wir noch mehr. Und nochmehr hassen wir den sogenannten Surround Dolby Ton, bei dem man von hinten beschossen wird. Wo man plötzlich entweder Musik oder Gewehrschüsse auf den Nacken bekommt. Der Woody Allen, der hat keine Wahl, der muß Dolby machen, weil man in Amerika soweit ist, daß man sonst nichts mehr machen kann. Aber er nutzt die Dolby Methode als Monoton! Wenn Du zwei Leute auf einer Leinwand hast, was macht das für einen Sinn die von links und rechts zu hören?

Bramkamp: Sie hätten den Dolbyton nehmen können, weil er technisch besser aufzeichnet und auch Mono nutzen können.

Huillet: Nein, das wollten die von Dolby-France nicht. Der „Chef“ hat gesagt, besser ein guter Monoton, als ein mittelmäßiger Dolbyton! Auch vom Digitalton hat man so geschwärmt. Jetzt hat man entdeckt, was einige Musiker schon vorher wußten. Der ist zum Beispiel bei Klavieraufnahmen ganz schlecht, weil gewisse Harmonien nicht durchkommen. Aber natürlich hat man das verkauft als das Beste vom Besten. Und wenn Du heutzutage eine MAZ machst und man sagt Dir, das ist das Beste, was wir zur Zeit haben, und dann guckst Du Dir das an und sagst, was ist denn das für eine Scheiße? Dann antworten die: Ja, wir haben jetzt nur ein Viertel von den Informationen, die man auf einem Negativ hat, aber wenn wir die High Definition haben werden, dann werden wir eine Hälfte haben. Auch das verkauft man den Leuten als das Beste vom Besten. Man sagt ihnen nicht, daß es im besten Fall nur die Hälfte der Informationen sein wird.

Straub: Unsere Jalousien zum Beispiel (in „Von Heute auf Morgen“) kommen gar nicht durch. Die kann die MAZ nicht aufnehmen.

Huillet: Die flimmern.

Straub: Wir haben bei den vier letzten Filmen gemerkt, daß die (MAZ-Techniker) sich nicht einmal um den Rahmen bemühen. Wir haben das schon bei „Cézanne“ gemerkt. Wir hatten um den Rahmen der Bilder eine Wand drumherum und die war allmählich weg. Jedesmal, wenn wir auf Video einen Film vom Renoir oder vom Hitchcock sahen, den wir gut kannten, haben wir gemerkt wie links, rechts, oben, unten was fehlte.

Bramkamp: Sie würden aber eine Video-Kaufkassette mit „Lothringen!“ und „Von Heute auf Morgen“ auf den Markt bringen, falls es der einzige Weg ist die Filme verfügbar zu halten?

Huillet: Das haben wir für Filme gemacht. Aber jedesmal, wenn wir das machen, gehen wir daraus krank hervor.

Bramkamp: Trotzdem gibt es in Deutschland einen Videoverleih, der „Tod des Empedokles“ und „Antigone“ als Kaufkassette anbietet?

Straub: Das ist der Chinese in Düsseldorf, all stars. Der hat zunächst die „Antigone“ von der Ziegler bekommen. Und dann kam er zu uns und hat sich „Tod des Empedokles“ geholt.

Bramkamp: Wo läßt sich „Von Heute auf Morgen“ anfordern, um ihn im Kino zu zeigen?

Huillet: Entweder in Frankfurt oder in München, die werden die Kopie aber nicht so gern geben, denn der Horak ist da sehr streng. Oder beim Rother im Zeughauskino. Man kann auch versuchen, daß die in Hamburg eine Kopie vom Dubnegativ kaufen.

Straub: München hat eine Kopie aus dem Originalnegativ gekauft. Das ist schön. Frankfurt hat eine aus dem Dubnegativ gekauft und Berlin auch. Jetzt haben wir drei Kopien. Ja schön. Der Rainer Rother zeigt den Film im Zeughauskino. Wir freuen uns, aber er kann den Film nicht öfter zeigen, als?

Huillet: Ich weiß nicht, viermal?

Straub: Das Kommunale Kino in Frankfurt hat den Film zweimal gezeigt. Einmal um 8 Uhr 30. Und einmal um elf Uhr. Die waren überrascht, daß es um 11 Uhr zwar nicht ausverkauft war, aber immerhin noch sehr voll. Es erschien etwas vom Koch in der FAZ, aber der Film ist schon weg!

Bramkamp: Kann man sagen, daß „Von Heute auf Morgen“ gegen das anwachsende Rauschen eine bestimmte Form von Polyphonie empfiehlt? Eine Art, gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen anwesend zu sein und damit aktiv umzugehen? Natürlich zeigt der Film das als Film und nicht als eins zu eins-Empfehlung. Aber auf der Leinwand sehe ich Gestalten, die tatsächlich so sind.

Straub: Ja. Ich hoffe.

Bramkamp: Wir spielen vielleicht nicht mehr nach der „Règle du Jeu“, aber empfehlen Sie genau für diese Stelle diese Art von Wirklichkeit, die Ihr Film zeigt?

Straub: Ja. Das wär‘ schön. Und das müssen wir. Sicher… Ich hoffe, es ist so. Bei jedem Film von uns war die Methode genauso wichtig wie das Thema und das Thema war genauso wichtig wie die Gefühle oder die Erfahrungen, die von uns kamen, bevor das Thema da war und sich überkreuzten. Aber, wie gesagt: Die Methode haben wir immer geliefert. Und die ist jedesmal anders. Die Methode, eine Oper zu verfilmen, haben wir geliefert mit „Moses und Aron“. Hier ist eine andere. Eine Methode haben wir geliefert für den Bachfilm und wo ist das Ergebnis davon? Keiner von unseren Kollegen hat das überhaupt wahrgenommen und benutzt.

Bramkamp: Ich bin sicher, viele haben es wahrgenommen.

Straub: Was? Wo? Der einzige Film, bei dem ich mir gesagt habe, wir haben doch nicht ganz für die Katz gearbeitet, das ist „d’Est“ von der Chantal Ackermann. Die hat „Zu früh, Zu spät“ gesehen und für sie haben wir den Film nicht umsonst gemacht. Sie hat jetzt einen Film gedreht, der diese Methode benutzt, und doch einen ganz anderen und einen persönlichen Film gemacht. Das war nicht umsonst.

Bramkamp: Sie haben oft betont, daß ihre Filme in einen ganz normalen Kinodiskurs gehören, der dazu sicher breiter sein müßte, als das was im Augenblick in Deutschland sichtbar wird. Da fehlt zuviel.

Straub: Was? Fehlt? Es wird immer mehr zerstört, das meinst Du?

Bramkamp: Man kann auch sagen, es wird zuwenig Vielfalt dazu produziert? Sie haben selbst mal gesagt, daß das Kino noch gar nicht richtig entwickelt ist.

Huillet: Ja.

Bramkamp: Wie ist das bei einem Film wie ‚Von Heute auf Morgen‘, der beim ersten Sehen schon viel Spaß macht, aber mich zugleich Wissenslücken spüren läßt. Ich weiß beispielsweise wenig über Zwölftonmusik, aber das ist im Kino nicht hinderlich, weil ich im Film sehen kann, wie sie Erstaunliches tut. In einem anderen Fall brauche ich aber Vorwissen, um eine Stelle zu verstehen, bei der vier verschiedene Sätze gleichzeitig gesungen werden. Ich müßte dazu das Libretto gelesen haben?

Straub: Ist das nicht ein bißchen schade? Wäre das nicht besser, man bekommt das nach dem Film, anstatt vorher?

Bramkamp: Wenn ich das Libretto vorher gelesen habe, kann ich an dieser Stelle des Films eine Entscheidung in Bezug auf die Satzinhalte wahrnehmen. Und kann dann auch wahrnehmen, welche Entscheidung der Film dazu trifft. Unter anderem die, daß ich diese Stelle eben kennen muß, wenn ich den Text verstehen will. Was heißt das für die Position so eines Films im normalen Kinodiskurs?

Straub: Zum ersten Mal haben wir ein Kino in Paris gehabt das kein Flur ist und auch nicht das Viertel von einem großen Saal. Das ist das Studio des Ursulines. Es ist eines der ältesten Kinos in Paris, in dem schon die Surrealisten waren. Und der Film blieb darin wie lange?

Huillet: Drei Monate.

Straub: Der Film blieb darin drei Monate. Am Schluß nicht mit vier Vorstellungen am Tag, aber immerhin. Gegen Ende macht einer einen Bericht im Radio, in France Culture, und sagt darin: Der Film ist wunderbar, aber seine Auswertung ist eine Katastrophe gewesen. Was heißt das? „Moses und Aron“ hat das damals nicht bekommen, drei Monate in einem Kino zu laufen und zugänglich zu sein. Die kommunalen Kinos sollten nicht wie Theater arbeiten, wo jeden Tag ein anderer Film kommt. Die sollten ab und zu einen Film rausbringen und ihn halten. Drei Monate lang, bis die Leute, die arbeiten, die Zeit haben es zu merken, daß es den Film gibt.

Bramkamp: Dazu müßte es dann aber mehrere kommunale Kinos in einer Stadt geben. Das kann nicht das eine und einzige leisten.

Straub: Eben. Zumindest in drei, vier Großstädten.

Bramkamp: Sie haben mir gestern gesagt, daß ihre Hölderin-Filme in Frankreich regulär bei FNAC als Kaufkassette zu haben sind.

Huillet: „Moses und Aron“ auch. Die verkaufen nicht viel, aber trotzdem stehen die Filme da.

Bramkamp: In den USA sind Ihre Film Repertoire.

Straub: (lacht)

Bramkamp: Es kann in Los Angeles passieren, daß die ‚Chronik der Anna Magdalena Bach‘ eine Woche lang im Kino wiederaufgeführt wird und kurz darauf eine Retrospektive Ihrer Filme im UCLA stattfindet. Das ist erstaunlich, angesichts der desolaten Lage des europäischen Films in Amerika. In diesem Zusammenhang habe ich mich gefragt, wo doch dort eine erkennbare und im akademischen Bereich sogar rege Rezeption ihrer Filme vorliegt…

Straub: Wir sehen kein Geld davon.

Bramkamp: … warum sind die Filme nach „Tod des Empedokles“, beispielsweise „Antigone“, da nicht im Verleih, wie doch fast alle Ihre anderen Filme? Und das in einem Moment, wo gerade eine umfangreiche Monographie zu ihren deutschsprachigen Filmen inklusive „Antigone“ erscheint, die sich auf vielen Buchregalen findet? Ich meine Barton Byg’s „Landscapes of Resistance“.(2)

Huillet: Bei „Tod des Empedokles“ haben wir eine Hälfte der Kopie selbst bezahlen müssen.

Straub: Das war der letzte Film, den der Talbot (New Yorker Films) noch haben wollte, weil er dachte, das geht jetzt nicht mehr.

Huillet: Er hätte den „Cézanne“ übernommen, aber wir hätten eine englische Sprach-Fassung machen müssen. Das wollten wir nicht und wir wollten diesen Film andererseits auch nicht untertiteln.

Straub: Wir hatten schon eine deutsche Sprach-Fassung gemacht. Eine französische. Wir hatten die Nase voll. Es ist zu schwierig einen solchen Text zu übersetzen, noch schwieriger als bei einem Text von Mallarmé oder von Kafka oder von Hölderlin. Dieser Text ist halb Alltag, halb ein Gespräch. Wir hätten wieder aufnehmen müssen, daß wir beide diesen Dialog sprechen und dieses Sprachband hat dann nicht mehr die gleiche Länge. Bei der deutschen Fassung vom „Cézanne“ haben wir schon erlebt, daß der Film 60 Minuten lang wurde, anstatt 50 Minuten lang auf Französisch. Wir hätten außerdem keine dritten Aufnahmen mehr übrig gehabt. Das haben wir alles weggeworfen. Gott sei Dank.

Bramkamp: Viele andere deutsche Filme sind schon früher in diese Lage geraten. Sie werden von Internationes gefördert und im Ausland angeboten.

Straub: Internationes!? Für Internationes sind wir gestorben seit „Bräutigam“. Stimmt’s oder nicht?

Huillet: Ja.

Straub: Internationes hat „Machorka Muff“, „Nicht versöhnt“, den Bachfilm und…

Huillet: … „Bräutigam“.

Straub: Schluß. Punctum finale. Alles, was wir nachher gemacht haben, haben die nicht mehr wahrgenommen.

Bramkamp: Und zwischenzeitlich ist diese Politik nie mit Blick auf den vorhandenen Bedarf geändert worden?

Huillet: Nein.

Straub: Das ist schon hart. Sie haben nicht wahrgenommen, daß es einen Kafkafilm gibt, einen „Moses und Aron“ und daß es die Hölderin-Filme gibt. Das sind schon drei dicke Beispiele.

Huillet: Und daß es „Geschichtsunterricht“ gibt.

Straub: Gut. „Geschichtsunterricht“, das war ein etwas extremistischer Film, formal. Die anderen bestimmt nicht.

Bramkamp: Das Gerücht, ihr neuer Film von „Heute auf Morgen“ sei auch ihr letzter, darf ich als taktisches Manöver werten?

Straub: (lacht) Warum? Soll ich immer weiter machen? Ich sollte längst eine Rente haben, die ich nie kriege. Ich habe keine Altersversorgung, keine Krankenversicherung.

Huillet: Außerdem ist die Energie, die man heutzutage braucht um einen Film zu machen, noch viel größer als damals als wir „Nicht versöhnt“ oder „Chronik“ gemacht haben.

Straub: Nicht nur bei der Finanzierung, sondern selbst bei der Organisation im Alltag, weil nichts mehr funktioniert. Nicht mal die Kommunikation.

Huillet: Man kann Faxgeräte, Computer und so weiter haben, aber es funktioniert wirklich Nichts mehr! Sobald man eine Sache nicht selbst macht sondern delegiert, erlebt man eine organisatorische Katastrophe.

Bramkamp: Der Rauschpegel steigt?

Straub: Ja, ja.

Huillet: Dementsprechend braucht man viel mehr Energie, viel mehr Zeit, viel mehr Kraft. Und wir werden älter. Also, wie lange kann man das noch machen?

Straub: Vielleicht machen wir noch einen Film auf italienisch.

Bramkamp: Auf Abschlußgesten verzichtet „Von Heute auf Morgen“ in jedem Fall?

Huillet: Aber wir machen jeden Film so, ich glaube seit „Tod des Empedokles“, als ob er der letzte wäre. Weil wir wirklich nicht wissen, ob wir noch mehr Kraft haben. Das betrifft nicht nur das Filmen selbst, sondern auch die Zeit danach… damit die Filme wenigstens ein bißchen gesehen werden.

Straub: In so einer Welt das zu machen, wozu man Lust hat, und nichts anders als wirklich das zu machen, erfordert eine gewisse Energie.

Huillet: Und dazu kommt, daß man immer mehr allein ist. Obwohl es diesmal ein bißchen leichter war.

Bramkamp: Wie ist das in Deutschland? Immer mehr allein, heißt, es gibt immer weniger Kollegen?

Huillet: Ja.

Bramkamp: Wolfram Schütte hat in der FR auf den Punkt gebracht, daß es nicht Ihr Problem ist, daß Sie gewissermaßen ins „Präteritum“ gerutscht sind. Sondern daß eher das Kino zumindest in Deutschland so eng geworden ist, daß sie mehr aus Versehen als Buhmänner oder uneinsichtige Avantgardisten außerhalb stehen.

Straub: Wenn ich ihm sage, was hast Du da geschrieben? Das ist ein Melodrama über dich und was Dir passiert ist, dann sagt er: Du kannst Dir nicht vorstellen, wie das ist, ich sehe‘ doch meine Kollegen. So ist das! Die interessieren sich seit langer Zeit für ganz andere Sachen und sind nicht mehr da.

Bramkamp: Ein Effekt von verminderter Bandbreite tritt ja nicht nur im Kino auf. Der tritt auch bei Wissenschaftlern auf und bei Künstlern.

Huillet: Ja. Außerdem braucht diese Gesellschaft die Kunst nicht mehr.

Bramkamp: Während die Kunstszene Ihre Filme gut gebrauchen kann? Da klang gerade auch etwas ökonomische Resignation mit durch, aber dem zum Trotz werden Ihre Filme zum Beispiel in der amerikanischen Kunstszene, die mit der deutschen eng verknüpft ist, als äußerst wertvoll gehandelt. Außerhalb des normalen Kinodiskurses funktionieren sie wie eine Währung.

Straub: (lacht)

Bramkamp: Ja, liegt das auch daran, daß zu wenig Erfindungsreichtum investiert wird, damit sich diese verschiedenen Szenen noch kreuzen?

Straub: Ja.

Huillet: Ja, das sicher.

Straub: Es gibt immer mehr Ghettos.

Huillet: Das erinnert mich an das, was in der DDR passierte. Filme, wie die unsrigen, die sind schon gezeigt worden. Aber wem? Den Kollegen. Nur denen. Die anderen Leute hatten nicht das Recht, die zu sehen. Das hat man damals angeführt als Indiz für eine stalinistische Zeit. Aber hier ist das im Grunde genauso.

Bramkamp: Dann würden Sie sagen, wenn ihre Filme hauptsächlich nur noch in einem Kunstdiskurs gezeigt würden, wäre das in diesem Sinn für die Kollegen gezeigt?

Huillet: Ja, genau. Ja.

Bramkamp: Als Herrschaftswissen?

Huillet: Ja.

Straub: Man macht doch Filme nicht deswegen. Man macht doch Filme für hic et nunc. Wenn mir einer erzählt, Sie werden sehen, in dreißig Jahren werden Ihre Filme laufen, dann ist das doch eine Witz. In dreißig Jahren gibt es keine Kopiermaschinen mehr oder es werden andere sein. Wir haben unsere Negative jetzt verteilen müssen zwischen dem ehemaligen Archiv der DDR (Außenstelle Bundesarchiv) und dem Archiv in Bois d’Arcy in Paris. Weil das Kopierwerk in Rom geschlossen hat. Und so mußten wir mit dem R 4 sämtliche Büchsen langsam nach Ostberlin und nach Paris schaffen.

Huillet: Als dann die Japaner von unseren Filmen bis „Lothringen!“ jeweils eine Kopie gekauft haben, nicht inklusive, sondern exklusive, weil der Film noch nicht existierte…

Straub: Das war das Museum in Kobe.

Huillet: Vor dem Erdbeben.

Straub: Es hat drei Jahre gedauert die Kopien zu ziehen.

Huillet: … da mußten wird zum Beispiel eine neue Kopie von „Geschichtsunterricht“ ziehen lassen. Das Kopierwerk gab es wie gesagt nicht mehr. Daraufhin sind wir zu Geyer nach Berlin gegangen. Wir hatten eine Frau für die Lichtbestimmung, die übrigens aus der DEFA kam. Sie hat gut gearbeitet. Wir haben eine erste Kopie gezogen, die schon ganz gut war und dann nur noch eine zweite. Das ging. Aber trotzdem ist das nicht mehr das gleiche.
__________


(1) Ronell, Avital: The Telephone Book. Technology, Schizophrenia, Electric Speech, Lincoln, London: University of Nebraska 1989 [dt. Übersetzung von Rike Felka: Das Telefonbuch, Berlin: Brinkmann und Bose 2001]. (zurück)


(2) Byg, Barton: Landscapes of Resistance. The German Films of Danièle Huillet and Jean-Marie Straub. Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press 1995. (zurück)

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Das Gespräch fand 1997 in Saarbrücken statt.

Sonntag, 01.07.2007

Langtext-Hinweis

* Johannes Beringer: Andi Engels Kino-Enthusiamus

Freitag, 22.06.2007

Für Berry

STECKBRIEF 7-73 (HE RAN ALL THE WAY) Shelley Winters und John Garfield. Morgen früh um 3:05 in der ARD, gute Zeit für diesen ganz großen kleinen Film von 1951. Musik: Franz Waxman. Kamera: James Wong Howe. Unter den Drehbuchautoren: Dalton Trumbo (uncredited, blacklisted). Regisseur John Berry floh im selben Jahr vor der Kommunistenjagd (als man in seine Wohnung eindrang) durchs Fenster. „A friend of mine said, ‚It might not be six months [in jail], it could be for years. You’ve got to know that you could crack.‘ I think I’m enough of a resister. I don’t think I would have cracked. Anyway, he told me to go out on the road for a while — some guys had already been sentenced. So I went, as if I were a dangerous criminal. I did that for six weeks. Then I made my way to France.“ Das Kino MacMahon zeigte, als er 1999 in Paris starb, noch mal zu seinen Ehren HE RAN ALL THE WAY.

Donnerstag, 21.06.2007

Frage an den Leser

Stellen Sie sich vor, Ihnen fiele im Elektrofachhandel „Der BRD-Film-Kanon 1949-1990 als DVD-Edition im Schlangenlederschuber“ in die Hände. Interessiert läsen Sie die Liste der Filme: ALRAUNE (Arthur Maria Rabenalt, 1952); DER CORNET (Walter Reisch, 1955); BARBARA – WILD WIE DAS MEER (Frank Wisbar, 1961); DIE ENDLOSE NACHT (Will Tremper, 1963); OLD SHATTERHAND (Hugo Fregonese, 1964); EIN ARBEITERCLUB IN SHEFFIELD (Peter Nestler, 1965); PLAYGIRL (Will Tremper, 1966); MÄDCHEN MIT GEWALT (Roger Fritz, 1969); NICHT FUMMELN, LIEBLING (May Spils, 1969); BRANDSTIFTER (Klaus Lemke, 1969); ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN (Zbynek Brynych, 1969); ROCKER (Klaus Lemke, 1971); CHAPEAU CLAQUE (Ulrich Schamoni, 1973); PAUL (Klaus Lemke, 1974); DIE HAU SCHAU (Arend Agthe, 1975); AMORE (Klaus Lemke, 1978); MONARCH (Manfred Stelzer & Johannes Flütsch, 1979); JOHNNY FLASH (Werner Nekes, 1986); SUKKUBUS (Georg Tressler, 1988);
DER MANN AUS DEM OSTEN (Christoph Willems, 1990); LEBEN BRD (Harun Farocki, 1990). Nehmen wir einmal an, Sie wären mit der Auswahl nicht restlos glücklich. Das mag ja sein. Die kommende Ausgabe von Sigi Götz Entertainment wird einen weitaus umfassenderen und verbindlich gültigen Sub-Kanon des deutschen Films vorstellen. Die heutige Frage aber gilt nun lediglich dem Filmtitel, den Sie in der Liste am meisten vermissen und der Sie, wäre er im „BRD-Film-Kanon 1949-1990“ enthalten, spontan zum Kauf der ganzen DVD-Edition im Schlangenlederschuber verführen würde? Gefragt ist nach einem einzigen Film. Überlegen Sie gut, Sie haben Zeit.


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