Inge Classen
Zwischen den Jahren zufällig beim Durchblättern der letzten Ausgabe „BLACKBOX – filmpolitischer Informationsdienst“, Nr. 270, Dezember 2017, sah ich zwei Traueranzeigen. Platziert zwischen den Mitteilungen der Förderentscheidungen Hamburg unter Gender-Gesichtspunkten in den letzten 10 Jahren und denen des BKM/FFA, Filmstiftung NRW für November 2017.
Eine Anzeige als Erinnerung der 3 SAT Redaktion, und an anderer Stelle die ihrer Lebensgefährtin mit den Lebensdaten der INGE CLASSEN, 15.02.1957 – 14.10.2017
Die schwarzen Rahmungen um ihren Namen, jeweils unten auf einer rechten Seite, und darüber, die Aufzählung von Fördersummen, wem was zugestanden wurde, um ein Filmvorhaben beginnen zu können, oder es mit Unterstützung auszuwerten, sah ich als ein Bild, das sagt, dass es weitergeht und dass Inge Classen damit zu tun gehabt haben muss.
(Und wie ihr Name da zu lesen war, erschien mir ihr nicht gerecht, zwischen den Zahlen, irgendwie darauf reduziert zu sein, als fehle da noch was.)
Im Internet fand ich dann noch andere Traueranzeigen, die zwei Monate zuvor im Oktober in überregionalen Zeitungen abgedruckt waren.
Am Tag ihres Ablebens war ich bei Dreharbeiten beschäftigt, eindrückliche Momente mit A. Schanelec, und denke jetzt an „Orly“, den Inge Classen seinerzeit noch mitproduziert hatte.
Und dass Sie drei Jahre nach Harun Farocki verstorben ist, dass beide Anfang der Achtziger in der FILMKRITIK über Truffauts „La Femme d’à côté“ geschrieben haben. Sie, die genau den Film Beschreibende, während Farocki, wie ein Sidekick, sich in seinem Text über die deutsche Synchronisation ärgert.
„Duras filmt“, eine Dokumentation der Dreharbeiten zu „Agatha“ und Margarete Duras zu ihrer Arbeit, protokolliert von Inge Claßen, kann man in der FILMKRITIK Heft 4, April 1982 nachlesen.
Da war Inge Classen 25 Jahre alt und das, was sie dann als Produzentin alles möglich machte, lag noch vor ihr. Eine Cinephile, die als Redakteurin später Regisseuren wie Peter Nestler und Harun Farocki die Arbeit, die Weiterarbeit ermöglichte und all den hier Nichtgenannten mit ihrem Engagement bar jeder Eitelkeit die Grundlagen verschaffte im deutschen Fördersystem Filme herstellen zu können.
(„Was zum Beispiel Inge Classen und andere auf 3sat zeigen, hat mit dem übrigen Sender nicht viel zu tun, der eine Abladestelle für allerlei Zulieferanten ist. Und was Werner Dütsch und die Filmredaktion beim WDR machen, das ragt ja wie ein Fremdkörper aus dem Übrigen.“ *)
2013, als sie schon sehr krank war, nicht mehr aktiv arbeitete, zeigte das Arsenal-Kino einige der von ihr betreuten, mit auf den Weg gebrachten Filme als kleine Hommage. Der Einführungstext dazu beschreibt ihre Haltung, ihre Arbeit.



Am 30. Januar 1954 trieb es den Familienminister Wuermeling (CDU) zu einer programmatischen Erklärung: “Der durchschnittliche Unterhaltungsfilm zeigt allzu oft eine Auffassung der Ehe und Familie, die dem im Abendland gültigen Bild widerspricht. In der Sorge um den Bestand unserer Familie und damit auch um die Zukunft unserer Gesellschaft muss das einmal offen ausgesprochen werden. Nicht Prüderie und altjüngferlicher Moralismus, sondern das ewig gültige Richtbild von Ehe und Familie sollen bei der Beurteilung maßgebend sein.“ Mit Blick auf die Bundesbürgschaften für Filme forderte Wuermeling, nur jene Produktionen „finanzieren zu helfen, die den Wert von Ehe und Familie nicht herabsetzen. … Wenn in der Demokratie der Staatsbürger der Träger des Staates ist, dann hat er das Recht und die Pflicht, allem entgegenzutreten, was seinem Staat die Existenzgrundlagen entzieht.“ Er forderte „nicht Staatszensur, sondern Volkszensur unseres kulturellen Lebens!“.



Das Herz im Titel bemüht bewusst das empfindsame Gemüt; aber was ist mit dem Titel gemeint? Findet ein Mann nach langen Irrwegen seine Frau oder vielleicht umgekehrt? Kehrt der verlorene Sohn zurück, wurde ein Baby vertauscht? Nichts von alledem, wir begegnen einem Heimkehrerfilm, bei dem man bis zum Schluss nicht weiß, wessen Herz nach Hause findet. Kommen Heimkehrer im BRD-Film aus dem Osten, sind sie in der Regel verbittert und müssen sich erst mal zurechtfinden. Kommen sie aus dem Westen, bevorzugt aus Amerika, haben sie etwas gutzumachen, weil sie natürlich reich geworden sind, während die Deutschen so schrecklich gelitten haben. Hier geht es jetzt um Wiedergutmachung und da hört der Spaß auf.
