Einträge von Volker Pantenburg

Dienstag, 20.09.2016

Ein mögliches Leben

Vor ein paar Wochen ist Werner Dütschs Buch „Im Banne der roten Hexe“ erschienen. Im Untertitel, Kino als Lebensmittel, teilt sich mit, dass es um eine existentielle Begegnung geht: Um die Berührung mit dem Kino in den 1950er Jahren, „Verweis auf ein mögliches Leben jenseits eng empfundener Gegenwart“, wie es auf dem Rückumschlag heißt. Die Schauplätze dieser Initiation sind Marl und Düsseldorf, eine erste Fahrt nach Paris, Mutmaßungen über Sexualität, das Gegen-den-Strich-Lesen moralischer Verurteilungen von Filmen als ausdrückliche Empfehlungen. Schöne Beobachtungen zur Überblendung.

In „Welcome to the Club“ die verwirrende Erfahrung, wie wenig die anderen mit den eigenen Vorlieben anfangen können: „Besuch auch der Filmclubs in Herten und Recklinghausen, sonntags, neun, zehn Kilometer mit dem Fahrrad. Ich mochte ja die französischen Filme, besonders Grémillon und Renoir und war verwundert, dass im Club niemand amerikanisches Kino kannte. In Gesprächen zeigte sich die Geringschätzung der Mehrzahl der Filme, die ich mochte. Vergebliches Werben für Preminger und Western von Ford und Anthony Mann. Zweifellos wurde ich für jemand gehalten, der ein abseitiges Interesse für ein kulturloses Kino pflegte und jetzt eingeschüchtert wurde mit Originalfassungen.“

Wie sehr das Kino damals als wirkliche Volkskultur gelten konnte, zeigt die Statistik der SPIO auf Seite 150:
Kinogänger in der Bundesrepublik, 1956: 817,5 Millionen
Kinogänger in Gesamtdeutschland, 2014: 121,7 Millionen.

In den Sätzen des Buchs wird die alte BRD plastisch spürbar. Ein angenehm schweifender Blick, der in präzisen Erinnerungsminiaturen auskristallisiert, sich dann wieder auf die Wanderschaft begibt, etwas Neues entdeckt. Das Tastende, Unstete hat mit jugendlicher Neugier ebenso viel zu tun wie mit den Bild- und Blickwechseln des Kinos.

So wie ich das Buch lese, ist es zugleich ein Versprechen, denn es endet mit dem Beginn der Nouvelle Vague, und es hebt damit zugleich für die Zukunft auf, wie es für den Autor weiterging – in Berlin und, besonders folgenreich für die Filmgeschichte, als Redakteur der Filmredaktion des WDR. Gäbe es die Möglichkeit zur Subskription, wäre ich einer der ersten Subskribenten und würde besonders auf Band 3 warten: Pick Up on Appellhofplatz, 537 S., zahlreiche Abbildungen, mit Lesebändchen, den ich mir hier und jetzt schonmal herbeiphantasiere. Am liebsten bei einem prominenteren Verlag, der dem Buch dann auch etwas mehr Sorgfalt im Korrektorat spendieren würde.

Werner Dütsch ist so nett, uns eine Leseprobe drucken zu lassen, „aber bitte nur, wenn es auch einen begleitenden Text gibt, andernfalls erschiene mir das dann doch wie eine erschlichene Selbstanzeige.“ Hier der Abschnitt zu James Dean.

Werner Dütsch: Im Banne der roten Hexe. Kino als Lebensmittel, Würzburg: Königshausen & Neumann 2016.

Dienstag, 17.05.2016

Bruce Baillie Project

Kickstarter-Kampagne:

A project to preserve and share Bruce Baillie’s films and legacy

Bis 27. Mai.

Samsung Tango Version
Young-Hae Chang Heavy Industries, 2009, 3:52 mins

Samstag, 07.05.2016

London Republic

»By 24th of June, with the count nearly over, it was clear that all of England except London had voted to leave the EU.«

William Raban: London Republic, 2016

Freitag, 25.03.2016

Harry Smith

Vor nicht allzu langer Zeit erschienen: Paper Airplanes und String Figures, die ersten beiden Bände des Catalogue Raisonné der Sammlungen von Harry Smith.

Sehr vielversprechend klingen etliche der weiteren angekündigten Bücher:

Beggar Signs
Gourds
Papier-mâché Masks
Seminole Textiles

Mit dem Band »Decorated Ukrainian Eggs« ist sicher nicht vor Ostern 2017 zu rechnen.

Sonntag, 17.01.2016

Mag Bodard

Noch bis Ende Januar ist im ARSENAL eine Reihe von Filmen zu sehen, die Mag Bodard produziert hat. Auf der Langtextseite meine Einführung zur Eröffnung der Reihe am 8. Januar, wenige Tage nach Bodards 100. Geburtstag. Gezeigt wurde Godards DEUX OU TROIS CHOSES QUE JE SAIS D’ELLE.

* Bodard/Godard

Freitag, 13.11.2015

Paul Sharits

»Paul Sharits, July 8 [1982]: shot with a shotgun in the doorway of some dingy Buffalo bar. Mistaken identity, the mistook him for somebody else. Spleen removed.
Paul Sharits, 1981: went to a friend’s house. Couldn’t remember where his friend hid the key, tried to get into the house through the roof window. Fell down. Broke his pelvis.
Paul Sharits, 1980: stabbed in Buffalo bar, during an argument with a stranger. I was with Paul in a New York bar once when he turned to a young woman who was there with a man and he said, „Why are you with that guy? Have a drink with me.“ The woman ignored him. That time he was lucky.

[…]

Paul Sharits, 1990: smoke was noticed in Anthology’s lobby. Manager called the Fire Department. The smoke was coming from the toilet room. There was Paul Sharits with a fire thrower in his hands and a young woman in strange garb. Paul was burning holes in her dress. He had decided to become a fashion designer. He was producing his first dress.«

[Jonas Mekas: Anecdotes from the Life of Paul Sharits… As Far as I Remember]

– veröffentlicht in PAUL SHARITS, dem imposanten, 2642 g schweren, jetzt erschienenen „Katalog und Werkverzeichnis“, hg. von Susanne Pfeffer, London: Koenig Books / Friedericianum 2015

Mittwoch, 04.11.2015

Chris Marker: Kommentare

Bei Brinkmann und Bose sind vor einiger Zeit die „Commentaires“-Bände Chris Markers in deutscher Übersetzung erschienen:

Chris Marker. Kommentare 1 + Kommentare 2
Aus dem Französischen v. Erich Brinkmann u. Rike Felka

Bd. 1: Br., 176 Seiten, ca. 300 Abb., 28 EUR, ISBN 978-3-940048-21-9
Bd. 2: Br., 176 Seiten, ca. 300 Abb., 28 EUR, ISBN 978-3-940048-22-6

Die französischen Erstausgaben erschienen 1961 und 1967 und seit Jahrzehnten vergriffen. Hier drucken wir mit freundlicher Genehmigung des Verlags einen Auszug aus Bd. 2 ab; die ersten Minuten von Si j’avais quatre dromadaires (1966).

Sonntag, 12.07.2015

Arbeitshypothese

„In nahezu allen Experimental- und Avantgardefilmen wird bewußt oder unbewußt immer wieder neu die Behauptung aufgestellt, der Film befinde sich noch – wie zu den Zeiten von Méliès – im Stadium der Unschuld, im Stadium seiner Erfindung. Diese schöne, demonstrativ naive Geste ist geradezu eine Arbeitshypothese dieser Filmarbeit. Fatal ist nur, daß diese Geste oft wirklich naiv ist, das heißt: Bei vielen, die mit dem Film zu experimentieren beginnen, ist die Kenntnis der frühen Arbeitstechniken und Erfindungen nur bruchstückhaft vorhanden.“

[Helmut Herbst: Kopf-Werk & Hand-Zeug – Zusammenhänge zwischen Technik und Filmästhetik, in: Ingo Petzke (Hg.): Das Experimentalfilmhandbuch, Frankfurt/Main: Deutsches Filmmuseum 1989, S. 103-143: 103]

Freitag, 12.06.2015

Baillie on YouTube

Im Oktober letzten Jahres hat Bruce Baillie, inzwischen knapp 85 Jahre alt, begonnen, seine Filme bei YouTube zugänglich zu machen. Darunter neben QUIXOTE und den Kurzfilmen von Vol I. seiner DVD-Edition auch viel Unbekannteres (etwa LITTLE GIRL: „This film made in 1966, never released, recently restored by Academy Film Archives, Los Angeles.“)


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