Montag, 03.12.2001

Ein Tag, wie er für die Zeit zwischen 1790 und 1810 typisch war: Am Flussufer stehen bayrische Soldaten, während ein Dampfboot vorbeifährt. Der Zug mit der Lokomotive im Hintergrund transportiert Waren, während die Menschen sich mit einer Pferdekutsche fortbewegen.
Am Donnerstag, auf dem Flug nach London, wo ich und andere den deutschen Film oder den Film aus Deutschland zu repräsentieren hatten, las ich in der FAZ das Gespräch mit Eichinger und Hofmann
..und es kam mir sehr gespenstig vor.
Zuerst einmal war das alles unglaublich verwirrt und unstrukturiert und letztendlich blieben ein paar Sätze. Daß weniger Filme gedreht werden sollen, dafür mit mehr Geld ausgestattet. Vom Staat Verknappung der Geldempfänger (Produzenten/Autoren/Projekte) fordern, gleichzeitig mehr Geld. Wofür?
Dass man Filme drehen kann, historische, sechziger oder siebziger Jahre, vielleicht auch mal letztes Jahrhundert, vielleicht noch historischer.
Die Politik von Söhnen, dachte ich. Taschengeldpolitik. Wir wollen, wir können, wir sind stark. Aber die anderen, die nehmen was weg, die Schwachen, und Papa, mach was. Immer schwer, wenn man kein Bürger ist, sondern Sohn, und wenn man nicht mit der Gesellschaft redet oder seine Rede an sie richtet, sondern an den Verteiler, an den Papa Staat.
Von was für einem Kino träumen sie. Denn die beiden sind ja jetzt nicht die Fondverwalter. Denen geht es nicht um eine Yacht in Cannes oder eine Hazienda auf Ibiza. Die träumen ja. Es ist dieses David Lean Kino, ein Kino der Totalen, ein Kolonialkino. Man baut nach. Die Geschichte, oder England, die Heimat, in den Kolonien oder im Studio.
Der Unterschied ist nur. Lean und auch Visconti, die waren sich über die Brüchigkeit dieser Nachbauten bewusst. Da reisst und zerfällt und lässt sich nicht bewahren, das ganze Zeug. Wie auch die Heimat als nachgebaute in den Kolonien selbst. Und darum geht es in den Filmen. Vielleicht auch um die Noblesse und die Traurigkeit, die untergehende Systeme noch einmal zeigen, bevor sie verglühen und verstauben.
Wenn in Deutschland Geschichte nachgebaut wird, dann sieht das aus wie Gebrüder Sass. Oder Geisterhaus. Oder Rosemarie. Detailgenauigkeit. Die kostet. Und das Geld ist nicht da. Und deshalb sind die Filme dann so entsetzlich geheimnislos. Denken sie.
Das Zitat oben ist aus einem Buch, das „Mein wunderbarer Märchenschatz“ heisst. Ich muss daraus meiner Tochter vorlesen. Viele Illustrationen, die Märchenfiguren sind alle geklont wie in einer Soap, die Märchen selbst verkürzt und sprachlich verblödet. Das Buch gibt es bei Aldi weggeramscht für 5Mark95. Es hat auf dem Markt nicht bestanden. Die Verleger machen wahrscheinlich die Buchpreisbindung dafür verantwortlich. Es gefällt meiner Tochter wie uns auch eine Soap manchmal gefällt. Sie nimmt das alles nicht ganz ernst und das gibt ihr wahrscheinlich den Spaß.
Manchmal denke ich, die Referenz dieser deutschen Kinoträume, das sind die Vierteiler, die es früher zu Weihnachten im Fernsehen gab. Die Kartoffel von Seewolf Raimund Harmstorf, gequetscht in der Hand. Man lag mit den Geschwistern auf dem Sofa, und es gab Plätzchen und Weihnachtsgerüche und nur zwei Programme und aus der Küche das Gemurmel der Eltern, die Wunschzettel betreffend. In dieses warme Gefühl, dahin wollen sie zurück. Was ja O.K. ist. Als Traum. Nur über die Vergeblichkeit davon, da weiß jedes Märchen von zu erzählen. Und jeder gute Film.

Mittwoch, 28.11.2001

langtexthinweis

Ein Bericht von Stefan Pethke über Filme aus Syrien steht hier!

Dienstag, 27.11.2001

„The day I became a woman“

Marziyeh Meshkini, Iran 2000
3 Episoden. Ein Thema. 3 Frauen: 9, jung und alt. Großartiger Film, wunderschön erzählt, betreibt das überhaupt noch einer, diese allegorische Erzählform? Werde ich jetzt ab sofort pflegen.
I.
Ein kleines Mädchen wacht auf und darf nicht mit ihrem Freund spielen, der bereits ungeduldig auf sie wartet, weil es der Morgen ihres 9. Geburtstags ist. Der Tag, an dem sie zur Frau wird, an dem sich alles ändert. Von jetzt an muß sie einen Schador tragen und darf nicht mehr aus dem Haus gehen. Es beginnt ein Gequengel und ein Handeln, sogar zwischen Mutter und Großmutter, weil sie doch gegen Mittag geboren wurde und bis dahin ist es noch eine Stunde. Die Großmutter gibt ihr einen Stock und sagt, den soll sie in den Sand stecken. Wenn der Schatten verschwunden ist, ist es Zeit nachhause zu gehen.
Das Mädchen geht los mit dem Stecken und sucht ihren Freund. Immer wieder überprüft sie den Schatten, der schwindet.
Jetzt ist aber ihr Freund eingesperrt. Er darf nicht raus, bevor er seine Hausaufgaben gemacht hat. Sie sprechen durch ein Gitterfenster. Sie versucht ihn zu überreden, den Lehrer zu bescheißen, sie hat kaum noch Zeit. Sie wartet am Strand. Tauscht ihr Kopftuch gegen einen bunten Gummifisch. Die Jungs am Strand brauchen es als Segel für ihr selbstgebautes Boot. Sie überreden sie mitzukommen, aber sie bleibt, ihre Zeit ist zu knapp. Sie geht zurück zum Freund, der ist immer noch hinter Gittern. Sie kauft einen Lutscher und saure Tamerinden. Sie essen zusammen und teilen sich den Lutscher durch das Gitter. Als der aufgelutscht ist kommt ihre Mutter und holt sie.
II.
Ein Pferd galoppiert durch die Prairie, mit einem Reiter schnell und sehr kraftvoll. Eine einsame Teerstrasse in dieser Steppe. Ein Haufen junger Mädchen in Schadors fahren auf Sporträdern um die Wette, schnell und sehr kraftvoll. Der Mann auf dem Pferd ist der Ehemann einer von ihnen. Er will sie aufhalten, droht mit Scheidung, sie sagt, mach doch, fährt weiter, ehrgeizig, überholt, fährt und fährt, immer wieder kommen immer mehr Männer auf Pferden, reiten neben ihr her und wollen sie abhalten, sie fährt und fährt, die Männer reiten wieder weg. Schließlich kommen ihr Reiter auf der Straße entgegen. Sie muß anhalten. Sie steigt ab. Die Kamera fährt weiter. Aus der rückblickenden Perspektive eines überholenden Mädchens entfernt man sich von ihr.
III.
Eine alte Frau kommt in die Stadt und kauft ein. Alles, was sie sich ihr Leben lang nicht leisten konnte. Sie baut alles am Strand auf, ein absurdes Wohnzimmer im Freien und wartet auf das Schiff. Zwei Mädchen mit Fahrrädern kommen vorbei. Sie erzählen, daß sie bei einem Radrennen waren und da war ein Mädchen, das wurde von ihrem Ehemann geschieden, weil sie nicht aufhören wollte zu fahren und dann kamen ihre Brüder und haben sie gezwungen abzusteigen und ihr das Fahrrad weggenommen.
Und sie hat dann ein Fahrrad von einem anderen Mädchen genommen und ist weiter gefahren, sagt die eine. Nein, sagt die andere, sie hat aufgegeben, nein, sagt die andere, sie ist weitergefahren.
Ende

Montag, 26.11.2001

„David Lynch’s latest tour de force Mulholland Drive, the ultraweird director’s horrorshow look at Hollywood, has a malevolent movie industry, debauched actresses, and lots and lots of steamy lesbian sex.“
Dienstag, 13 Uhr, Filmpalast

Samstag, 24.11.2001

gestern nacht (2)

erotameoroz01g-2.jpg
Gabriel Orozco
Island into the island
1993 cibacromo
cortesia Marian Goodman Gallery, Nova York

„They all laughed“ von Peter Bogdanovich.

Jan fragte mich im Sommer vor ein paar Wochen nach Screwballkomödien und mir fiel wie fast immer wenn ich die Pistole auf die Brust gesetzt bekomme nichts ein – nicht mal an den Namen Cary Grant konnte ich mich erinnern. Der Film gestern, versteckt in der Nacht bei SuperRTL, zerbrochen zwischen Endlosreklamen für Handstaubsauger und HitCDs von Time-Life, ist eine unglaublich schnelle Komödie, bei der bis zum Schluss nicht klar ist um was es geht. Es ist wie in Truffauts „Der Mann der die Frauen liebte“, nur dass hier alle Männer alle Frauen lieben. Alle Männer sind Detektive und alle Frauen werden irgendwie von ihren Ehemännern verdächtigt. Mit gutem Grund. Eine der Hauptrollen, das besonders schöne Mädchen, spielt Dorothy Stratton, ein ehemaliges Playmate, in das sich Bogdanovich vor oder während der Dreharbeiten verliebt hat. Diese Liebe sieht man dem Film an. Kurze Zeit nach den Dreharbeiten, im wirklichen Leben, wird Dorothy Stratton von ihrem eifersüchtigem ehemaligen Freund und Zuhälter/Förderer ermordet. Vielleicht ist das der Grund, warum den Film, der eine Gesellschaft vollkommenen Glücks beschreibt, anfang der 80er Jahre niemand mehr sehen wollte.
Die Hotels, Büros, Bars, Hubschrauberlandeplätze und Rollschuhdiscos des Films liegen zum grossen Teil in downtown Manhattan, der Umgebung des World-Trade-Centers, das zwei oder drei mal im Hintergrund zu sehen ist. Vielleicht wegen Dorothy Stratton fragte ich mich später ob hinter den Glasfassaden des von Bogdanovich bzw. Robby Müller gefilmten WTCs vielleicht Leute aus den Fenstern kuckten die 20 Jahre später dort immer noch standen und dann diese Flugzeuge auf sich zufliegen sahen. Eine unnütze und lächerlich sentimentale Überlegung. Ich hab dann sogar auf den Seiten der NYT nachgesehen, wo kurze Biografien der Opfer veröffentlicht werden und bin zur Überzeugung gekommen, dass es nicht sehr wahrscheinlich ist.

The Transfiguration of the Commonplace (1)

Reichstag, 3. Etage, Fraktionsebene. Sagt der Aufzug mit seiner freundlichen, leicht depressiven Stimme. Pressekonferenz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zur Lage der Sozialversicherungen. Wie immer lasse ich mir vom Automaten hinter dem Einlass die Schuhe putzen. Wegen der verstärkten Security nach dem 11.9. sind wir zu früh, aber zu unserer Unterhaltung läuft auf dem Screen neben dem CDU-Logo das aktuelle Vormittagsprogramm der ARD.
Eine Heimatsendung. Nachher wird hier zur PK die Reichstagskuppel eingeblendet, aber jetzt: Volksmusik, Marktplatzbrunnen und Hubschrauberaufnahmen irgendwelcher Mittelgebirge. Wenn die CDU sich solch eine volksmusikalische Identity zulegen könnte würde sie bestimmt bei der nächsten Wahl mehr Stimmen bekommen. Die Journalisten, Fusstruppen der Redaktionen, lesen Zeitung oder unterhalten sich über irgendwas, aber nicht über die Lage der Sozialversicherungen.
Dann ist es 12 und die Kameraleute stellen sich auf für die Eingangsbilder. Friedrich Merz und Horst Seehofer sind so pünktlich wie nur jemand, der vorher schon eine Viertelstunde auf diesen Moment gewartet hat. Damit er schnell vorbeigeht. Ich filme sie wie sie sich an den Tisch setzen. In düsteren Bildern malen die beiden Spitzenpolitiker Belastungen an die Wand, die auf die Sozialversicherungen und die Bürger zukommen. Aufgrund der verfehlten Politik der Bundesregierung. Aber sie sprechen die Sätze kaum zu Ende, leiern sie runter wie früher in der Kirche die Pfarrer lateinische Formeln der Liturgie.
Opposition spielen. Muss sein. Die Ebenen des parlamentarischen Systems. Eigentlich auch schön. Aber nicht hier, denn niemand nimmt diese Veranstaltung ernst. Seehofer und Merz machen nicht einmal entsprechend besorgte oder mahnende Gesichter. Warum ich das filme ist unklar, kaum vorstellbar, dass jemand was mit dem Zeug anfängt, aber dann denke ich, dass, wenn so etwas nicht gefilmt wird, es nicht stattfinden würde und wenn so etwas nicht stattfinden würde, dann könnte unsere Demokratie zusammenbrechen.
Die Zeit steht still. Seehofer stellt komplexe Rechnungen auf, die ich, wie ich mich schwindelig erinnere, genau so schon mal vor einem halben Jahr in diesem Raum gehört habe. Dann wird er selber Opfer dieser somnambulen Arithmetik und sagt: “Das führt zu einer unzumutbaren Belastung für den Bürger bei seinem Lebensaustieg.”
Ein paar lachen. Auch Seehofer, denn er meint natürlich “Lebensarbeitszeitausstieg”.
Natürlich. Schade, denn „Lebensausstieg“ ist so ein grossartig neues wunderbares Wort für „Tod“. Würde sofort die Angst nehmen. Wir könnten aus dem Leben steigen wie aus einem kaputten Auto und zu Fuss gehen, mit dem Kannister zur nächsten Tankstelle oder zur nächsten Rufsäule und den ADAC anrufen. Das wäre dann auch gut für die Sozialversicherungen.

Ja, finde ich auch einen interessanten Text – gerade für einen Diskurs über Filmkritik in einer Filmkritik. Was den Gebrauch des Zitat-Begriffs in Filmkritiken über die Coens, das terminologische Sicherheitsdenken/-stiften, angeht, hatte ich einen ähnlichen Gedanken. Auf seine Weise funktioniert THE MAN WHO WASN’T THERE vielleicht wie ein Gegengift gegen eine eilfertige Kritik, die immer schon vorher weiß, wohin es am Ende gehen soll – im Zweifelsfall immer um Autorität, die wie eine heiße Ware zwischen Kritiker und Filmemacherinstanz verschoben, bzw. verliehen wird.

Donnerstag, 22.11.2001

langtexthinweis

Von Michael Girke, den ich für einen bemerkenswerten Filmkritiker halte, ist hier jetzt etwas sehr schönes zu lesen zum neuen Film der Gebrüder Coen, The Man who wasn’t there.

Dienstag, 20.11.2001

Baute said the search for victims will continue for at least the next three weeks and could be extended further.

Was ich hier gerne lesen würde [1]:

-von Thomas Arslan eine Folge von Aufzeichnungen über Filme von Hou Hsiao Hsien und Abbas Kiarostami
-von Hartmut Bitomsky ein Fortsetzungs-Tagebuch zu den Dreharbeiten an seinem neuen Film
-von Gene Reuter eine knallige Serie über die Arbeit als Nachrichten-Kameramann
-von Jan Distelmeyer Notizen über Film Studies in den U.S.A. und in Deutschland
-von Antje Ehmann eine Reihe über europäische Querschnittsfilme
-von Harun Farocki einen vielteiligen Bericht über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schneiden und Schreiben
-von Michel Freericks Notizen zu den Vergessenen des Weltkinos
-von Claudia Lenssen eine Weiterführung ihrer „Liste des Unverfilmten“ in mindestens 60 Folgen
-von Stefan Pethke Stücke über Suchen und Finden
-von Christian Petzold etwas über den bevorstehenden Angriff auf die Majors
-von Bert Rebhandl Anekdoten über den Wiener Filmtheorie-Korruptionssumpf, mit Namen
-von Angela Schanelec Texte über’s Drehbuchschreiben


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