Dienstag, 27.01.2015

Hier wächst Qualität für die Frische-Märkte von Reichelt

Als ob meine Existenz nicht schwer genug auf mir lastete, habe ich mir die zentnerschweren Existenzen der „Kinder von Golzow“ (Barbara und Winfried Junge, 1961–2007) aufgeladen. Es war mir nicht nach Operette. Der Reiz dieser 43-stündigen Dokumentation liegt nicht so sehr darin, dass sie über 40 Jahre lang das unerquickliche Geschäft eines Lebens in Deutschland, das Leiden und Dulden der Unteren, beobachtet, sondern in der vollkommenen Verkehrung der Voraussetzungen des Projekts. Das Projekt beginnt als ein Versuch, sozialistische Normalität und sozialistisches Ideal miteinander zu vergleichen, schönfärberisch zuweilen, oft erhellend, es endet mit der kapitalistischen Katastrophe, die auch Filmproduktion und Ästhetik mit sich reißt. Nun wird der Film zu einer radikalen Selbstrevision, er zeigt zuvor zensierte Passagen, er deckt schwierige Produktionsbedingungen auf, von einer inszenierten und – insbesondere von Hans Dumke, einem früh verstorbenen Kameramann der Defa-Wochenschau – glänzend fotografierten Geschichte wird er zu einer Folge von eiligen Improvisationen. Vor allem aber wird er Teil unserer kapitalistischen Situation, er stellt sich nicht nur mit seinen Protagonisten, sondern auch mit uns in die Schlange am Arbeitsamt. Indem Golzow kapitalistisch wird, golzowisiert sich der Film. Er hat uns Westlern dabei eine Enttäuschung voraus, er hat einen Sinn, eine Ideologie verloren. Die Ideologie in Winfried Junges Akzentuierung lautete etwa, der Aufbau des Sozialismus werde schwierig werden, nicht alles werde gelingen, aber, keine Angst, für jeden gebe es einen Platz. Mit 1989 gibt es nicht nur faktisch, sondern auch ideologisch für niemanden mehr einen Platz, für die Protagonisten nicht, für den Film nicht, auch für die Zuschauer nicht, es gibt bestenfalls befristete Stellen und ABM-Maßnahmen, es gibt nur noch Hetze und Hohlheit, und selbst da, wo zuvor gar keine tönenden Parteilosungen standen, steht nun z.B.: „Hier wächst Qualität für die Frische-Märkte von Reichelt“. Wenn Rüdiger Neumanns Zufallsfilme die äußere Schäbigkeit des Landes zeigen, zeigen die „Kinder von Golzow“ seine innere.

Sonntag, 25.01.2015

Wozu nur diese schwarze Katze?

die katze - film  juni 1968

Freitag, 16.01.2015

Lügenpresse

Das durch Nazigebrauch stigmatisierte Wort darf also nicht mehr auf eine Presse angewandt werden, die von einem Tag auf den andern aufgehört hat, Neonazis Neonazis zu nennen, als die zu Ministern und Generalstaatsanwalt ernannt wurden (ich spreche von der Ukraine); die nicht mehr auf die Maidan-Ereignisse beim Umsturz in Kiew zurückkommen wollte (die hatte jener Generalstaatsanwalt in Verwahrung genommen) und die Toten allein auf die eine (für sie richtige) Seite schaufelte; die auch den Besuch von Vize Joe Biden in Kiew im April 2014 im folgenden zu erwähnen ‚vergass’ (drei Tage vorher war der CIA-Chef dagewesen), obschon doch die provisorische ukrainische Regierung sich auf ‚amerikanische Rückendeckung’ berief, als sie daraufhin ihre Armee gegen die Separatisten in Marsch setzte; die Bilder fälschte und auf Bilderfälschung hereinfiel (bei der angeblichen ‚Schändung’ der Absturzstelle des Flugzeugs der Malaysia Airlines MH17). Etc.
Ich verwende also das Wort ‚Lügenpresse’ nicht und sage einfach: unsere politische Presse (inklusive TV-Nachrichten und Magazine) hat einseitig berichtet, immer wieder ein bisschen ‚nachgeholfen’, taktisch verschwiegen, hie und da (zum Beispiel in Talk-Shows) auch ganz schön ‚gewütet’ wie der ukrainische Ministerpräsident Jazenjuk vor versammelten Journalisten (so etwas wie die US-amerikanische Interessenvertretung in der Ukraine übernehmend, damit der Konflikt nicht etwa abkühle).

Samstag, 10.01.2015

Ein Mensch-Versuch

Der Regisseur schreibt an Tito: „Sehr geehrter Herr Präsident, ich wende mich an Sie mit der Bitte, mir in einem Fall zu helfen, in dem ich mir selbst nicht helfen kann.“ Wieder einmal sei einer seiner Filme verboten worden, diesmal habe es „Resni človek“ (Der General und der ernste Mensch; 1962) getroffen. „Jemandem gefalle ich nicht.“ Dabei sei sein Kurzfilm „scharf, modern, und ich schäme mich seiner nicht. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie die Zeit finden, um ihn anzuschauen. Das ist umso wichtiger, da man mich beschuldigt, mit diesem Film hätte ich Sie beleidigen wollen.“ Dieser und andere Briefe von Vlado Kristl finden sich in dem erfrischenden Band Noch – immer nichts. Briefe und Zeichnungen. Herausgegeben von Wolfgang Jacobsen. Verbrecher Verlag. Kristls Briefe sind verspielt, kühn, traurig, prächtig, bunt. Das wunderschöne Buch bietet sie in farbigen Faksimiles, fein begleitet vom Herausgeber. Es wird am Dienstag, 13.1., im Fahimi, Berlin, Skalitzer Str. 133, 1. OG, ab 20:30 Uhr in der „Verbrecher Versammlung“ vorgestellt. Eintritt vier Euro.
Hier eine Besprechung von Dieter Wenk.

Mittwoch, 31.12.2014

2014 – Elf Listen

– Michael Baute –

12 Filme, 1 Serie, alt und neu, in der Sichtungsreihenfolge
James Gray: The Immigrant (USA 2013) – im Babylon, Berlin, Unknown Pleasure #6 ● Guillaume Nicloux: L’enlèvement de Michel Houellebecq (F 2014) – im Delphi, Berlinale Forum ● Louis C. K.: Louie Season 04 [insbesondere die Episoden 2 (»Model«), 3 (»So Did the Fat Lady«), 4 (»Elevator Part 1«), 8 (»Elevator Part 5«)] (USA 2014) – alles zuhause ● Richard Linklater: Boyhood (USA 2014) – im Hackesche Höfe Kino, Berlin ● Nicole Holofcener: Enough Said (USA 2013) – zuhause ● Dominik Graf: Die geliebten Schwestern (D 2014) – die Kurzfassung im fsk, Berlin, eine Woche darauf dann die Langfassung im Hackesche Höfe Kino, Berlin ● Rainer Knepperges: Looping (D 2014) – zuhause ● Sabine Herpich & Diana Botescu: Zuwandern (D 2014) – zuhause ● Hellmuth Costard: Der kleine Godard an das Kuratorium Junger Deutscher Film (BRD 1978) – zuhause ● Christian Petzold: Phoenix (D 2014) – im Kino International, Berlin ● cyop&kaf: Il Segreto (Italien 2013) – Kino Meeting Point, Sarajevo, Pravo Ljudski Film Festival ● Aleksei German: Trudno Byt Bogom (Hard to be a God; RUS 2013) – im Babylon, Around the World in 14 Films ● Norman McLaren & Evelyn Lambart: Begone Dull Care (Canada 1949) – im Metropolis, Hamburg

*

– Johannes Beringer –

Stars In My Crown. (Jacques Tourneur, USA 1950)
Nightfall. (Jacques Tourneur, USA 1957)
Slightly Scarlett. (Allan Dwan, USA 1956)
Fényes szelek / Confrontation. (Miklós Jancsó, Ungarn 1968)
Napló gyermekénmek / Diary for my children. (Márta Mészarós, Ungarn 1982)
Návrat idiota / Die Rückkehr des Idioten. (Sasha Gedeon, Tschechien 1999)

Kommunisten. (Jean-Marie Straub, CH/F 2014)
Cavalo Dinheiro / Horse Money. (Pedro Costa, P 2014)

A Kurdish Woman. (Alexander Sokurov, R/F 2010)

Mark Lombardi – Kunst und Konspiration. (Mareike Wegener, D 2012 / arte, 8.1.2014)
Mittal – die dunkle Seite des Stahlmagnaten. (Jérôme Fritel, F 2013 / arte, 16.9.2014)

*

– Daniel Eschkötter –

Filme, Serien, Episoden 2014

Boyhood (2014, Richard Linklater) | Broad City (Comedy Central 2014, Illana Glazer, Abbi Jacobson) | L’Enlèvement de Michel Houellebecq (2014, Guillaume Nicloux) | Die geliebten Schwestern (2014, Dominik Graf) | Gone Girl (2014, David Fincher) | Hannibal, Season 2 (NBC 2014, Bryan Fuller) | High Maintenance (Vimeo 2012ff., Katja Blichfeld, Ben Sinclair) | It’s Always Sunny in Philadelphia (Season 1-9, 2005ff. FX, Rob McElhenney) | Listen Up Philip (2014, Alex Ross Perry) | Louie Season 4, Ep. 2: Model, Ep. 3: So Did the Fat Lady, Ep. 4: Elevator: Part 1, Ep. 8: Elevator: Part 5 (FX 2014, Louis C.K.) | Norte, hangganan ng kasyaysayan (2013, Lav Diaz) | Nymph()maniac I (2013, Lars von Trier) | Phoenix (2014, Christian Petzold) | P’tit Quinquin (2014, Bruno Dumont) | Under the Skin (2013, Jonathan Glazer) | Welcome to New York (2014, Abel Ferrara) | The Wolf of Wall Street (2013, Martin Scorsese)

*

– Michael Girke –

Mit Gewinn gelesen:
Martin Pollack, “Kontaminierte Landschaften”
Herta Müller, “Immer derselbe Schnee und immer derselbe Onkel”
H.G. Adler, “Panorama”
Manfred Bauschulte, “Versuch über die Festigkeit”
Joseph Roth, “Das journalistische Werk”
Michael Köhlmeier, “Zwei Herren am Strand”
Les Murray, “Bunyah”, “Der schwarze Hund”, “Aus einem See von Strophen”
Per Leo, “Flut und Boden”
Karl Emil Franzos, “Aus Anhalt und Thüringen”
Christa Wolf, “Stadt der Engel”
Georges Didi-Hubermann, “Remontagen der erlittenen Zeit”
Katja Petrowskaja, “Vielleicht Esther”
Pierre Michon, “Die Elf”

Mit Gewinn geschaut:
Jean-Marie Straub, “Montaigne”
Howard Hawks, “The Big Sky”
Sabine Herpich und Jöns Jönsson, “Wertingen”
Dominik Graf, “Die geliebten Schwestern”
Margarete von Trotta, “Hannah Arendt”
Bernd Schoch, “Kurzes Eck”
Volker Koepp, “In Sarmatien”
Paul Thomas Anderson, “The Master”
Pier Paolo Pasolini, “Große Vögel, kleine Vögel”

*

– Bettina Klix –

Wichtigste Filme, 2014 gesehen
Phoenix, R: Christian Petzold, D 14
Verbotene Filme, R: Felix Moeller, D 14
Der Anständige, R: Vanessa Lapa, A/ISR 14
The Big Sky, R: Howard Hawks, USA, 1952
Das Turiner Pferd, R: Bela Tarr, HUN, F, SUI, D 2011
Against all Flags, R: George Sherman, USA 1952
The Big Trail, R: Raoul Walsh, USA, 1930
Deux jours, une nuit, Jean-Pierre und Luc Dardenne, Belgien 2014

*

– Rainer Knepperges –

Auf Leinwänden in Aachen, Berlin, Fürth, Höchst, Köln, Neuss, Nürnberg, Paris. Und zuhause. (11:11)

Vivien Leigh > Waterloo Bridge (1940 Mervyn LeRoy)
Amy Adams > American Hustle (2013 David O. Russell)
Julia Roberts > August: Osage County (2013 John Wells)
Parker Posey > Louie: Daddy’s Girlfriend (2012 Louis C.K.)
Der Schwarze Panther (2011 Bruno Sukrow)
Hayley Mills > Tiger Bay (1959 J. Lee Thompson)
Ayn Ruymen > Liza’s Pioneer Diary (1976 Nell Cox)
Tanna Frederick > The M Word (2014 Henry Jaglom)
Alexander Farwer > Das Millionengrab (2014 Thomas Oberlies)
Typisch Weiber! (1981 Strigel, Verhaag, Harrich)
Belinda Lee > Ce corps tant désiré (1959 Luis Saslavsky)
John McInerny > The Last Elvis (2012 Armando Bo)
Hilary Swank > The Homesman (2014 Tommy Lee Jones)
Valéry Inkijinoff > La tête d’un homme (1933 Julian Duvivier)
Die geliebten Schwestern (2013 Dominik Graf)
Werwölfe (1971 Werner Klett)
Martins Feuer (2013 Bruno Sukrow)
Robert Duvall > The Judge (2014 David Dobkin)
Charles Laughton > St. Martins Lane (1938 Tim Whelan)
Anke Syring > Herbstromanze (1980 Jürgen Enz)
Günter Wolf > Als wär’s von Beckett (1976 Lutz Mommartz)
Anthony Quayle > Incompreso (1966 Luigi Comencini)

*

– Ekkehard Knörer –

Neue Filme, Serien – 2014 gesehen

Filme
1. Interstellar (2014; Christopher Nolan)
2. Ich bin das Glück dieser Erde (2014; Julian Hernandez)
3. Norte – The End of History (2013; Lav Diaz)
4. Die Wolken von Sils-Maria (2014; Olivier Assayas)
5. Boyhood (2014; Richard Linklater)
6. Der Wind hebt sich (2013; Hayao Miyazaki)
7. Tao Jie – Ein einfaches Leben (2011; Ann Hui)
8. Love Battles (2013; Jacques Doillon)
9. Die geliebten Schwestern (2014; Dominik Graf)
10. In Sarmatien (2014; Volker Koepp)

Serien
1. Les revenants (2012ff; Fabrice Gobert)
2. Rectify (2013f; Ray McKinnon)
3. Orphan Black (2013f; John Fawcett, Graeme Manson)
4. Transparent (2014; Jill Soloway)
5. The Affair (2014; Hagai Levi; Sarah Treem)
6. True Detective (2014ff; Nic Pizzolatto)
7. Broadchurch (2013ff.; Chris Chibnall)
8. Game of Thrones (2011ff.; Benioff/Weiss)
9. Black Mirror (2011ff; Charlie Brooker)
10. Olive Kitteridge (2014; Anderson/Cholodenko)

*

– Florian Krautkrämer –

Was ich gerne noch gesehen hätte:
Einen neuen Film von Harun Farocki; ein zweites Mal „Adieu au langage“ von Jean-Lud Godard; „Jauja“ von Lisandro Alonso; „From What Is Before“ von Lav Diaz; „Saint Laurent“ von Bertrand Bonello; „A Spell To Ward Off The Darkness“ von Ben Russell; „Jiao you“ von Tsai Ming-liang.

Empfehlen möchte ich noch den Film „Limbo“ von Anna Sofie Hartmann. Wieder ein dffb-Film, dem das Machtvakuum der Hochschule gut getan hat. Und wie das merkwürdige Kätzchen einer, der so einfach und wie nebenbei gedreht aussieht, bei dem sich die Präzision aber auf den zweiten Blick offenbart und einen beeindruckt zurück lässt. (Hier gibt es ein kleines bisschen mehr von mir dazu: http://dkritik.de/kritik/limbo/)

Was ich lieber nicht gesehen hätte:
„Im Keller“ von Ulrich Seidl; „Monsieur Claude und seine Töchter“ von Philippe de Chauveron; „A Million Ways to Die in the West“ von Seth MacFarlane.

*

– Volker Pantenburg –

10 Filme (analog, digital, privat und öffentlich)

Adieu au langage (Godard 2014, 3D-DCP, Babylon Berlin)
Anasteria – Das Fest der Feuerläufer von Lagadás (Raspé 1978-1985, Super 8, Arsenal-Kino, Berlin)
Boyhood (Linklater 2014, DCP, Lichthaus, Weimar)
Citizenfour (Poitras 2014, DCP, Lichthaus, Weimar)
Ein Bild von Sarah Schumann (Farocki 1978, digitale Projektion, AdK Berlin)
L’Image manquante (Panh 2013, AVI-Projektion, Seminar Bauhaus-Universität Weimar)
Magueyes (Gámez 1962, Quicktime-File, Think-Film, Forum Expanded)
Phoenix (Petzold 2014, Yorck-Kino, Berlin)
Projection Performance (Gibson/Recoder 2014, 35mm, Lichthaus, Weimar)
Tirez la langue mademoiselle (Ropert 2013, Link vom Verleih)

außer Konkurrenz:

Transformers. The Premake (Lee 2014, vimeo)

*

– Stefan Ripplinger –

2014 habe ich alle Filme von Mike Leigh und von Yamanaka Sadao gesehen, deren ich habhaft wurde. Unvergesslich waren außerdem:
„One A.M.“ (Chaplin 1916)
„Herr Arnes penningar“ (Herrn Arnes Schatz; Stiller 1919)
„Seppuku“ (Harakiri; Kobayashi 1962)
„Marketa Lazarová“ (Vláčil 1967)
„(nostalgia)“ (Frampton 1971)
„3 Women“ (Altman 1977)
„Un papillon sur l’épaule“ (Mord in Barcelona; Deray 1978)
„L’ingorgo“ (Der Stau; Comencini 1978)
„Slipstream Dream“ (Hopkins 2007)
„Gravity“ (Cuarón 2013)
„Phoenix“ (Petzold / Farocki 2014)

*

– Simon Rothöhler –

Neues, unsortiert: The Iron Ministry (J.P. Sniadecki, 2014) | Dumb and Dumber To (Bobby & Peter Farrelly, 2014) | Norte, the End of History (Lav Diaz, 2014) | The Wolf of Wall Street (Martin Scorsese, 2014) | Boyhood (Richard Linklater, 2014) | Sieniawka (Marcin Malaszczak, 2013) | Die geliebten Schwestern (Dominik Graf, 2014) | The Second Game (Corneliu Porumboiu, 2013) | Listen Up Philipp (Alex Ross Perry, 2014) | All the Light in the Sky (Joe Swanberg, 2012) | The Grand Budapest Hotel (Wes Anderson, 2014) | Interstellar (Christopher Nolan, 2014) | American Hustle (David O. Russell, 2014) | In Sarmatien (Volker Koepp, 2014) | Zuwandern (Sabine Herpich & Diana Botescu, 2014) | Städtebewohner (Thomas Heise, 2014) | The Guests (Ken Jacobs 2013) | The Immigrant (James Gray, 2013) ++ Transparent (Jill Soloway, 2014) | Halt and Catch Fire (Christopher Cantwell und Christopher C. Rogers, 2014) | | Neu für mich: The Docks of New York (Josef Sternberg, 1928) | Family Portrait Sittings (Alfred Guzzetti, 1975) | 12 Dicembre (Pier Paolo Pasolini, 1972)

Montag, 15.12.2014

Das weiche Buch

The Brothers Rico (1957 Phil Karlson)

So wie sich Wellen an den Strand wälzen, so dramatisch schlägt nur ein einziges Buch seine großen Seiten auf. Das Telefonbuch.

The Brothers Rico 1957 Phil Karlson
The Brothers Rico (1957 Phil Karlson)

Side Street  - Anthony Mann
Side Street (1949 Anthony Mann)

In Filmen wird Lesenden nur mit Ungeduld über die Schulter geschaut. Lektüre soll einen Zweck erfüllen, den Lauf des Geschehens in Bewegung halten. Der frühe Tonfilm war verliebt in Telegramme und Schlagzeilen. Das stumme Kino rückte noch ganze Briefe und Zeitungsartikel ins Bild.

Nicht zu zählen sind die Telegramme, die vernichtet, die Briefe, die verbrannt, und die Fahndungsplakate die von Wänden gerissen wurden im Lauf der Filmgeschichte. Wo ständig Spuren gesucht und Fährten verwischt werden, da geht vom Telefonbuch ein verständlicher Reiz aus. Das weiche Buch ist schwer.

1950 - No Man of Her Own - Mitchell Leisen

1950 - No Man of Her Own - Mitchell Leisen b
No Man of Her Own (1950 Mitchell Leisen)

Eine Frau wird erpresst. Ihr bleibt keine Wahl. In der Schublade: ein Revolver und Munition. Im Telefonbuch: die Option auf eine Taxifahrt in den gefährlichen Teil der Stadt, um dort den Erpresser abzuknallen.

strangers on a train
Strangers on a Train (1951 Hitchcock)

Das Buch, das für jeden offen da liegt. Ohne Widerstand.

1966 - YUL 871 - Jacques Godbout 2
YUL 871 (1966 Jacques Godbout)

Der Zustand von Telefonbüchern, die öffentlich verfügbar sind, grenzt an Verwüstung. Spuren von Suchenden am Rande der Verzweiflung.

Edmond O’Brien ruft jede Linda Norton an, in Obliging Young Lady (1942 Richard Wallace), Edward Brophy ruft jede April Smith an, in I’ll Remember April (Harold Young 1945). Dana Andrews ruft jede M. Taylor an, in Duel in the Jungle (1954 George Marshall). Jeff Daniels findet im Telefonbuch niemanden mit dem Namen Samsonite, in Dumb and Dumber (1994 Peter Farrelly).

The Million Dollar Brain 1966
The Million Dollar Brain (1967 Ken Russell) via

Ein Finger wird als Pfeil ins Alphabet geschickt. Vergleichbares wird, seit die Natur das Auge erfand, mit unwillkürlichem Interesse wahrgenommen. Klaus Wybornys Topologie des Narrativen klärt darüber auf. Der Stoff, aus dem die Welt seit Millionen Jahren besteht, ist bewegliche Verkettung von Möglichkeiten, Bewegung und Stillstand, Gefahr und Begehren, kurz: Erzählstoff.

1966 - YUL 871 - Jacques Godbout

Wählscheiben gaben dem Finger noch eine zweite Gelegenheit in Filmen groß aufzutreten.

1966 - YUL 871 - Jacques Godbout 6
YUL 871 (1966 Jacques Godbout)

Hat ein Buch ein gewisses Gewicht, ist es als Waffe verwendbar.

Les ripoux (1984 Claude Zidi)
Les ripoux (1984 Claude Zidi)

The Terminator
The Terminator (1984 James Cameron)

Das erste Telefonbuch, 1880 in London, verzeichnete nur die Namen der 248 Kunden der Telephone Company. Keine Nummern. – – – “Operator!”

Back to the Future 1985
Back to the Future (1985 Robert Zemeckis)

Das Verzeichnis der Sesshaften trägt niemand freiwillig durch die Gegend. Allenfalls unwissend. Eine Aktentasche, aus der Wertvolleres unbemerkt entnommen wurde, lässt sich damit füllen. So macht es Sydney Toler als Charley Chan at Treasure Island (1938 Norman Foster).

rain man 1988 Barry Levinson
Rain Man (1988 Barry Levinson)

Die Existenz von Telefonbüchern gilt inzwischen als überflüssig und klimabelastend.

Man vergleicht Kartoffeln mit Telefonbüchern, wenn man den Seewolf mit dem Seeteufel verwechselt. Was Graf Luckner gerne vorführte, hält Wikipedia für einen Trick, zu dem “ein scharf gefeilter Daumennagel” und dann doch “eine nicht unerhebliche Kraft” dazugehört. “Der Trick wird heute kaum noch im Fernsehen gezeigt, da die Hände zu sehr durch die Kameras vergrößert werden und dadurch das Wirken des Daumens offenbar wird.” Der trickversierte Maler Brandon McConnell geht ganz anders vor; auf youtube zeigt er, wie ein geschickter Knick etwas Luft zwischen den Seiten lässt…

the man who knew too much 1956
The Man Who Knew Too Much (1956 Hitchcock)

Meinten Sie: Ambrose Chapel

The Lady in Cement 1967 c

The Lady in Cement 1967 d
The Lady in Cement (1967 Gordon Douglas). Gelbe Seiten.

Im Nachhinein bemerkenswert: Die klare Unterscheidung der gelben Seiten von den weißen. Die Idee der zwei getrennten Bücher: Das eine ganz der Konkurrenz verschrieben, das andere der Gleichheit verpflichtet.

Um nachzuschauen, wie sehr sich inzwischen die Händler im Tempel breitgemacht haben, musste ich ein Telefonbuch zur Hand nehmen. Lange hatte ich keins aufgeschlagen.

Tony Rome 1966 a

Tony Rome 1966 b miami beach. twenty miles of sand looking for a city
Tony Rome (1966 Gordon Douglas), Miami Beach, “twenty miles of sand looking for a city”. via

“Es sei der Post gedankt, dass sie keinem Parasiten erlaubt, im Telefonbuch ein Feuilleton zu eröffnen”. Harun Farocki schrieb das 1978 in der Filmkritik – gegen die damals entstehenden Stadtzeitungen.

Ich erinnere mich, dass ich trotzdem stolz war, in einer Stadtzeitung meinen Namen gedruckt zu lesen.

The Jerk 1

The Jerk 2

The Jerk 3
The Jerk (1979 Carl Reiner)

“I’m somebody now. Millions of people look in this book everyday. This is the kind of spontaneous publicity – your name in print – that makes people. I’m in print! Things are going to start happening to me now.” (Steve Martin, in The Jerk, 1979)

1965 I saw what you did  - William Castle
I saw what you did (1965 William Castle)

Make Love Not War 1968 Klett 01

Make Love Not War 1968 Klett
Make Love Not War (1968 Werner Klett)

Im Berliner Telefonbuch sucht eine junge Bielefelderin nach einem besonders häufigen Namen, der als Tarnung taugt für den amerikanischen Deserteur, den sie auf dem Dachboden versteckt hält.
“Herbert Richter, der hat keinen Beruf”, sagt sie, “der ist beim Geheimdienst.”
Schaut man genau hin, waren die meisten Herbert Richters in Berlin 1967 ohne Beruf – oder beim Geheimdienst. Als Amateurdetektiv im Offensichtlichen (keine Berufsnennung) ein Geheimnis (beim Geheimdienst) entdecken zu können, das ist eine Vorstellung aus Kindertagen, als alles rund ums Telefon interessant war.

James Garner - Rockford Files
James Garner

In einem noch unveröffentlichten Buch über die Ereignisse im Inflationsjahr 1923 in Mönchengladbach und Rheydt macht Achim Bovelett auf eine Anzeige in der Westdeutschen Landeszeitung (vom 13.4.1923) aufmerksam: Für einen Eintritt von 400 Mark konnte man im Restaurant P. Tillmann eine Riesenspinne bewundern, die im Stande war, jeden Gast mit Vor- und Zunamen anzureden.

Freitag, 12.12.2014

Moral Authority

Yamanaka Sadao macht sich über die überkommenen Ehrbegriffe lustig. Heilige Versprechen werden gebrochen, alte Insignien gefälscht, aufgeblasene Würdenträger sind in Wahrheit krumme Hunde. Das könnte eine konservative Kritik sein, aber sie kommt von unten und erinnert deshalb wie von sehr ferne an Archilochos.

Irgendein Saier hat jetzt an meinem Schild seine Freude. Ich ließ ihn an einem Busch zurück; / tadellos war er gewiss, und ich tat es nicht gern. / Mich selbst aber hab‘ ich gerettet. Was kümmert mich jener Schild?

Es fehlt heute einer, der auf diese Weise David Cameron seine „moral authority“ um die Ohren haut, die doch immer andere (und nicht nur im waterboarding) ausbaden müssen.

Bei Yamanaka fragt ein verkommener Ronin einen stolzen Samurai, dem sein Messerchen gestohlen worden ist und der ob dieser Kastration den alten Regeln zufolge Harakiri begehen müsste: „Wie alt bist du? 53? Dann wird es doch höchste Zeit.“ Am Ende gibt es sowohl in Tange Sazen (1935) als auch in Kôchiyama Sôshun (1936) die western- oder gangsterfilmhafte Wendung, dass diejenigen abgesunkenen, verarmten, versoffenen Leute sich für eine Moral opfern, denen sie stets abgesprochen wird, dieselbe, die sich andere anmaßen, um ihr Ausbeuterregime zu decken. Vielleicht ist es aber gar nicht genau dieselbe Moral, sondern mehr ein menschliches (und deshalb spontanes) Können, das die Oberen behaupten und die Unteren tatsächlich besitzen. In Yamanakas bestem Film Ninjô kami fûsen (1937) wird diese Umkehrung sogar von Anfang an vollzogen. Es könnte sie einer romantisch nennen, ich nenne sie dialektisch.

Mittwoch, 10.12.2014

Langtext- und Kinohinweis

Ab Donnerstag läuft der neue Film von Nuri Bilge Ceylan im Kino: Kış Uykusu (Winterschlaf). Für den Originalton während der dreimonatigen Drehphase war Andreas Mücke-Niesytka verantwortlich. Auf der Langtextseite ist sein Bericht über die Dreharbeiten zu lesen: Dreharbeiten Kış Uykusu (Wintersleep).

Sonntag, 30.11.2014

Kino der Blinden

Bei meinem vorletzten Fernseher hatte ich die Möglichkeit, die Beschreibung für Blinde zuzuschalten; ich war so begeistert davon, dass es mich nachdenklich machte. Ich begriff, dass ich oft Gesten oder Handlungen nicht entziffern konnte: Nicht nur wegen meiner starken Kurzsichtigkeit und einem Hörsinn, der bei erhöhter Aufmerksamkeit das Sehen fast völlig ausschaltet.
Nun las ich mit jahrelanger Verspätung ein Buch, das sich auf ganz grundsätzliche Weise mit dem Kino und seinem Verhältnis zur Blindheit auseinandersetzt. Stefan Ripplingers „I can see now.“. Da es sich um einen Band der Reihe Filit im Verbrecher Verlag handelt, in der ich auch einmal veröffentlichte, die aber viel zu wenig Aufmerksamkeit erhalten hat, möchte ich mir die Freiheit, die gerade aus meiner Befangenheit erwächst, nehmen und auf dieses wichtige Buch hinweisen. „Die Blindheit fordert eine Kunst heraus, die glaubt sehen zu können.“ So Ripplinger im Vorwort.
„Es ist interessant, dass einem Betrachter des Kinos, der die Setzungen und Illusionen des Kinos nicht akzeptiert, gerade dieser oft übersehene Aspekt, die spezifische Negation des Kinos, die Blindheit charakteristisch für es erscheint. Als Gustav Janouch seinem Freund Franz Kafka berichtet, er arbeite als Musiker in einem Kino, das „Bio slepcu“, „Kino der Blinden“ heiße, ruft der Schriftsteller : „So sollten alle Kinos heißen!“ Seine Ansicht erläutert er damit, Kino sei „zwar ein großartiges Spielzeug. Ich vertrage es aber nicht, vielleicht weil ich zu ‘optisch’ veranlagt bin. Ich bin ein Augenmensch. Das Kino stört aber das Schauen. Die Raschheit der Bewegungen und der schnelle Wechsel der Bilder zwingen den Menschen zu einem ständigen Überschauen. Der Blick bemächtigt sich nicht der Bilder, sondern diese bemächtigen sich des Blickes. Sie überschwemmen das Bewusstsein. Das Kino bedeutet eine Uniformierung des Auges, das bis jetzt unbekleidet war.“ (Aus: Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen) Von diesem Buch, aus dem zitiert wird, hatte ich zuvor noch nie gehört, aber einen Tag später entdeckte ich es in einem Antiquariat, in einem Regal mit „Ladenhütern“, das ich regelmäßig durchsuche. Und ich bin mir sicher, dass es da auch schon länger stand, aber für mich vorher nicht sichtbar.
I can see now. Blindheit im Kino, Filit Band 3, Verbrecher Verlag, Berlin, 2008

Montag, 17.11.2014

Es wird schon nicht so schlimm!

„Es wird schon nicht so schlimm!“ Ist der Titel einer Filmerzählung von Hans Schweikart, aber die darin zu findende Geschichte des Schauspielerpaares Lilly und Gregor Maurer nimmt die allerschlimmste Wendung. Das heißt, nicht die letzte schlimme – von der nationalsozialistischen Rassenpolitik aufgezwungene – Wendung. Da der Ehemann sich weigert, sich von seiner jüdischen Ehefrau scheiden zu lassen und mit ihr und dem gemeinsamen Kind Selbstmord begeht, bewahrt er sie vor jenem Schicksal, das Nelly in „Phoenix“ ereilte, weil ihr Mann sie preisgab. Während der Diskussion über „Phoenix“ musste ich schon die ganze Zeit an diese Umkehrung der Entscheidungssituation denken. Schweikarts noch nie veröffentlichte Erzählung war bis vor kurzem verschollen. Sie bildete aber gleich nach dem Krieg die Grundlage für eine filmische Verarbeitung des Stoffes: die Geschichte des Schauspielerehepaars Meta und Joachim Gottschalk in „Ehe im Schatten“ (1948). „Der Regisseur Kurt Maetzig verarbeitet darin auch den Suizid seiner Mutter, die Jüdin war. Auch sie lebte in einer „Mischehe“…“ So Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen in ihrem atemberaubenden Nachwort, das nicht weniger erschütternd als die Filmerzählung selbst ist. Unter dem Titel „Alle Giftmittel standen hoch im Kurs“ beleuchten sie die Hintergründe des Textes, der Verfilmung und der biographischen Hintergründe.
Hans Schweikart, Es wird schon nicht so schlimm! oder Nichts geht vorüber! Ein Filmvorschlag. Herausgegeben von Carsten Ramm, Verbrecher Verlag, Berlin, 2014, 120 Seiten, 12 Euro