Donnerstag, 19.09.2019

Ella Bergmann-Michel: Die Frau mit der Kinamo

Dringende Empfehlung: ab heute, 20.00 Uhr im Zeughauskino:

* Ella Bergmann-Michel: Die Frau mit der Kinamo

Ein von Madeleine Bernstorff zusammengestelltes vielteiliges Programm mit zahlreichen Gästen, das ausgehend vom schmalen Werk Bergmann-Michels Fragen der Technik, Öffentlichkeit und Politik erörtert.

Aus dem Einführungstext: „Anhand der Fernsehfilme des Hamburger Filmaktivisten Gerd Roscher fragt die Reihe nach den Bedingungen eines politischen Amateurfilms. Sie untersucht zudem technische Neuerungen als Voraussetzung für selbstorganisiertes, mobiles Filmen, führt einen lange verschollenen Film des Mitstreiters Paul Seligman wieder auf und wirft ein Schlaglicht auf Konzepte der „Gegenöffentlichkeiten“, der Filmclubarbeit und des Radioaktivismus. Und sie erzählt nicht zuletzt von der allmählichen, vielgestaltigen Wiederentdeckung der Filme Ella Bergmann-Michels.“

Freitag, 13.09.2019

Günter Peter Straschek: Filmemigration aus Nazideutschland

Nicht gerade häufig hat man Gelegenheit, alle fünf Folgen von Günter Peter Strascheks FILMEMIGRATION AUS NAZIDEUTSCHLAND (1975, Redaktion Werner Dütsch) an einem einzigen Tag zu sehen – noch dazu in der für die Ausstellung am Museum Ludwig vom WDR bestmöglich aufpolierten Version mit englischen Untertiteln.

Mehr über Straschek hier.

FILMEMIGRATION AUS NAZIDEUTSCHLAND im Zeughauskino Berlin
Sonntag, 15.9.2019, ab 12.00 Uhr

zu Gast sind Julia Friedrich (Museum Ludwig) und Volker Pantenburg.

Mittwoch, 04.09.2019

Bodies in Motion

Andy Holden: Laws of Cartoon Motion Cinema (Poster/Print Ed 100), Auszug (link)

Vgl. auch hier: To a Friends house…

Dienstag, 03.09.2019

Filme von Peter Goedel und Wolfgang Höpfner

Kino Arsenal, Berlin, vom 1. – 8.10.2019

Programmtext von Peter Nau

Philip Rosenthal, der Unternehmer, der nicht an den Kapitalismus glaubte

Am 4.9. wird im PODEWIL um 20.30 in der Reihe „Bauhaus und Film“ der nie ausgestrahlte Film „Philip Rosenthal, der Unternehmer, der nicht an den Kapitalismus glaubte“ von Dominik Graf, CJ Pfeiffer und Martin Gressmann gezeigt. Mit Dominik Graf und Martin Gressmann gibt es anschliessend eine Podiumsdikussion.

(link)

Sonntag, 01.09.2019

Auge und Umkreis (VI)


The Owl Service (1969 Peter Plummer)

Im Sommer 1969 schweben drei Teenager in der Gefahr eine uralte, schreckliche Legende ungewollt nachleben zu müssen.

„Als ich einst an einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschenleeren Straßen einer italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet ich in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht lange in Zweifel bleiben konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an den Fenstern der kleinen Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, die enge Straße durch die nächste Einbiegung zu verlassen. Aber nachdem ich eine Weile führerlos herumgewandert war, fand ich mich plötzlich in derselben Straße wieder, in der ich nun Aufsehen zu erregen begann, und meine eilige Entfernung hatte nur die Folge, dass ich auf einem neuen Umwege zum drittenmal dahingeriet. Dann aber erfasste mich ein Gefühl, das ich nur als unheimlich bezeichnen kann.“ (Sigmund Freud: Das Unheimliche, 1919)

Das Unheimliche der ungewollten Wiederholung, erklärt Freud damit, dass in uns allen der infantile Wiederholungszwang fortlebt, lauernd. So wie in der Unheimlichkeit lebendiger Puppen noch der Kindertraum von den lebenden Dingen steckt.

„Das Wetter war jetzt schon so lange durchgehend schön, dass ich davon ausging, es würde noch lange so bleiben. Mich überfiel die Frage, was von diesem außergewöhnlich schönen Sommer bliebe. Er würde ja nicht zur Folge haben, dass es keinen Winter mehr gäbe und auch nicht, dass der nächste wieder schön oder noch schöner würde.“
(Harun Farocki: Zehn, zwanzig, dreißig, vierzig. Fragment einer Autobiografie. Schriften, Band 1)

„Die Freiheit, Geschichte zu machen, deren sich der moderne Mensch rühmt, ist für fast alle Menschen illusorisch.“ Mircea Eliade sieht (in: Kosmos und Geschichte) den Menschen als Gefangenen in der Historie, vertrieben aus dem Paradies der zyklischen Wiederholung.
„Wir wissen, dass die archaischen und überlieferungsgebundenen Gesellschaften die Freiheit zugestanden, jedes Jahr eine neue, „reine“ Existenz mit jungfräulichen Eigenschaften zu beginnen.“


The Lickerish Quartet (1970 Radley Metzger)

Ein runder Spiegel, auf dem kreisförmig angeordnet viele kleine Konvexspiegel haften, wie Wassertropfen. So etwas Schickes gibt es nur bei Radley Metzger.

In Drogerien sind die Spiegel rund. Auf ihren Rückseiten lauern Hohlspiegel auf die Gelegenheit ein Gesicht zu vergrößern.


Joe (1970 John G. Avildsen)

Now the face that I see in my mirror
More and more is a stranger to me
More and more I can see there’s a danger
In becoming what I never thought I’d be
(Dick Feller: Some Days Are Diamonds Some Days Are Stone, 1975)

Sehr schön ist dieser Song auch in Eugene Chadbournes Version von 2015.


Viskningar och rop (1972 Ingmar Bergman)

Schau mich nicht an, sagt sie (Ingrid Thulin) zur Dienstmagd – durch den Spiegel.


Tales That Witness Madness (1973 Freddie Francis)

Sie (Joan Collins) bemerkt die Gefühle, die ihr Mann entwickelt für das aus dem Wald heimgebrachte bizarre Stück eines Baumes.


The Mutations (1974 Jack Cardiff)

“Ich hörte ein feines Rieseln im Wasser, das meinen Kupferhelm umschloss, ein Geräusch, das immer stärker wurde und mich unruhig machte, denn ich wusste nicht woher es kam und ob es Gefahren ankündigte. Aber dann war mir plötzlich die Ursache klar, und ich musste lachen: auf der Meeresoberfläche regnete es, und was ich hörte, war das Prasseln der Regenstöme, die auf das Wasser auftrafen. Augenblicklich verdrängte eine andere Empfindung das seltene Hörerlebnis: ich fühlte mich durchnässt vom Wasser im Wasser, ich musste mir den Gummianzug zu Bewusstein bringen, indem ich mich berührte.” (Jules Verne: 20.000 Meilen unter den Meeren)


McQ (1974 John Sturges)

“Ich verstand jetzt, welchen Aufwand es bedeutet, eine Hose mit Bügelfalte vorweisen zu können,” schreibt Harun Farocki. “Die Kleiderordnung verlangte eine ganz andere Lebensordnung, die einzuhalten meine ganze Lebenskraft verbrauchen würde. Führte ich ein ordentliches Leben, könnte ich nicht einmal davon auch nur träumen, dass mir etwas Außerordentliches gelingen könnte.”


Sesame Street (Episode 685, 1974)

Kermit: „Today I’m speaking to you from the magic mirror room of the wicked witch.“


A Matter of Time (1976 Vincente Minnelli)

„It isn’t enough to look at oneself. The mirror must be beautiful too.“


Suspiria (1977 Dario Argento)

Harun Farocki in Erinnerung an den heißen Sommer 1976: „Ich sah Rentner, die wohl wegen der Hitze nicht schlafen konnten und morgens um vier ihren Wagen wuschen.“ *


Superbia – Der Stolz (1986 Ulrike Ottinger)

„Wir sind heute in der Geschichte gefangen. Die Steinzeitmenschen waren es nicht.“
Das sagt Christian Schwanenberger als Werner Herzog in Der über den Herzog herzog (2012 Kiesewetter & Knoop)

Zweidritteljahresrückblick (Januar – August 2019)

Entdeckungen und (*) Wiedersehen in Sälen – in Bologna, Frankfurt, Heidelberg, Nürnberg, München, Oberhausen – oder (**) daheim:

Au-dela des grilles – Le mura di Malapaga (1948 René Clement)
Tomorrow Is Another Day (1951 Felix E. Feist)
Filumena Marturano (1951 Eduardo De Filippo)
Wait Till the Sun Shines, Nellie (1952 Henry King) *
Marito e moglie (1952 Eduardo de Filippo)
Oss Oss Wee Oss! (1953 Alan Lomax) *
The Elephant Will Never Forget (1953 John Krish) **
The Night of the Hunter (1955 Charles Laughton)
I Fidanzati della morte (1957 Romolo Marcellini)
The Bravados (1958 Henry King) *
Übermut im Salzkammergut (1963 Hans Billian)
Sie heirateten in Gretna Green (1964 Fritz Illing) *
Rouli-roulant – The Devils Toy (1966 Claude Jutra) **
The Owl Service (1969 Peter Plummer) **
Flöz Dickebank (1974 Johannes Flütsch) **
The Finishing Line (1977 John Krish) **
Il Cilindro (1978 Eduardo De Filippo)
Leuchtturm des Chaos (1983 Wolf-Eckart Bühler)
Wurstpoesie (2008 Stefan Friedel) *
Der über den Herzog herzog (2012 Kiesewetter & Knoop) **


Ostwärts (1990/91 Christian Petzold)

In Toy Story 4 (2019 Josh Cooley) ist zu sehen, wie die Sommersprossen in einem Puppengesicht mit Pinsel und Farbe aufgefrischt werden. Die Puppe selbst nimmt dies an sich vor, mit Hilfe eines Handspiegels. Es geht Gefahr aus von ihr, aber die Güte dieses schönen Films, erlaubt Mitgefühl mit ihrem unbedingten Geliebtseinwollen.


Hook (1991 Steven Spielberg)

Er hatte es abgelehnt, einen erwachsenen Peter Pan darzustellen. Aber konnte man 1991 wissen, dass Michael Jackson der Richtige gewesen wäre für die andere Rolle – die des Captain Hook?

Hitchcock hätte nach Marnie so gerne Barries „Mary Rose“ verfilmt. Das Drehbuch schrieb Jay Presson Allen.


Deconstructing Harry (1997 Woody Allen)

“Life isn’t about finding yourself or about finding anything. Life is about creating yourself, and creating things”, sagt Bob Dylan in The Rolling Thunder Revue – A Bob Dylan Story by Martin Scorsese (2019)


Artificial Intelligence (2001 Steven Spielberg)

In Disneys Pinocchio (1940) ist zu sehen, wie eine Grille in einer Luftblase vom Meeresgrund aufsteigt, wobei sie ihren verlorengegangenen Zylinderhut sichtet und mit dem Schirm zu sich heranzieht. Weil dadurch die Luftblase verletzt wird und voll Wasser läuft, kommt es zu einem Überlebenskampf, der zwar sekundenschnell glücklich endet, aber die große Erzählung von Einsamkeit und Tod blitzt dabei mikroskopisch verkleinert auf.


American Sniper (2014 Clint Eastwood)

Ernst Mach: “Als junger Mensch erblickte ich einmal auf der Straße ein mir höchst unangenehmes widerwärtiges Gesicht im Profil. Ich erschrak nicht wenig, als ich erkannte, dass es mein eigenes sei, welches ich an einer Spiegelniederlage vorbeigehend durch zwei gegen einander geneigte Spiegel wahrgenommen hatte. — Ich stieg einmal nach einer anstrengenden nächtlichen Eisenbahnfahrt sehr ermüdet in einen Omnibus, eben als von der anderen Seite auch ein Mann hereinkam. ‘Was steigt doch da für ein herabgekommener Schulmeister ein’, dachte ich. Ich war es selbst, denn mir gegenüber befand sich ein großer Spiegel. Der Klassenhabitus war mir also viel geläufiger, als mein Specialhabitus.” („Die Analyse der Empfindungen“)

Sigmund Freud: “Ich kann ein ähnliches Abenteuer erzählen. (…) Ob aber das Missfallen dabei nicht doch ein Rest jener archaischen Reaktion war, die den Doppelgänger als unheimlich empfindet?”


Coincoin et les z’inhumains (2018 Bruno Dumont)

„Eben bin ich vor einem Schatten an der Wand fast zu Tode erschrocken – und dann sah ich erst, dass es mein eigener war. “ (Wilkie Collins: „Der rote Schal“, 1866)


Annabelle Comes Home (2019 Gary Dauberman)

In der gewölbten Mattscheibe sieht der Teenager: sein Spiegelbild, ganz leicht zeitversetzt – in die drohende Zukunft.

Annabell Comes Home (Gary Dauberman)
Apollo 11 (Todd Douglas Miller)
Creed II (Steven Caple Jr.)
First Reformed (Paul Schrader)
Neue Götter in der Maxvorstadt (Klaus Lemke)
The Rolling Thunder Revue (Martin Scorsese)
Shazam! (David F. Sandberg)
Der Tag X (Bruno Sukrow)
Toy Story 4 (Josh Cooley)
Wo der Widder stand (Kiesewetter & Knoop)

Freitag, 30.08.2019

Jean Seberg, † 30./31. August 1979

Notiz Jean Seberg

Neulich / Auf der Straße / habe ich plötzlich / große Angst bekommen / UM MEINE AUGEN / NICHTS ZU TUN / Mit den Grauen, die ich durchlebe / Lediglich der Schrecken / um diesen intimen Teil / EINGESCHLOSSEN UND ÜBERWÄLTIGEND / JENER TRAURIGKEIT UND DREAM / MEINE AUGEN

[Notiz von Jean Seberg, abgedruckt in: Thomas Lescure / Philippe Garrel: Une caméra à la place du coeur, Aix en Provence: Admiranda/Institut de l’Image 1992, S. 107.]

[siehe auch hier]

Dienstag, 27.08.2019

Langtexthinweis

* Den Rest des Jahres schenkte man der Zeitschrift.

Ein Gespräch mit Wilhelm Roth über die Filmkritik

Donnerstag, 22.08.2019

Und dann …

Die Suche nach einem Film, mit dem ein anderer Film kritisiert werden kann, führte zur Wahl der LINKSHÄNDIGEN FRAU. Im Milieu der Kulturbourgeoisie. In einem Vorort von Paris. In einem großen Haus, fast möchte man sagen einer Villa. Wer das Haus putzt, wer es instand hält, bleibt offen. Die Frau trennt sich von ihrem Mann. Geh weg! Und lebt fortan allein. Mit ihrem Sohn. In dem Haus. Sie nimmt ihre Arbeit wieder auf. Übersetzungen Französisch-Deutsch.
An der Wand des Arbeitszimmers eine Reverenz an Ozu: Ein großes Plakat mit seinem Konterfei. Der Bruch der Kontinuität wirft Fragen auf. Nicht nur beim verstörten Ehemann.

    In den nähergelegenen
    Bibliotheken war der Film
    seltsamerweise entliehen.
    Deshalb mit dem Fahrrad von
    Schöneberg nach Prenzlauer
    Berg um 18:00 Uhr im
    Feierabendverkehr. Um 19:00
    Uhr machen sie zu.

Und dann …

… die Schauspieler Edith Clever, Bruno Ganz aber auch Angela Winkler spielen ihre Rollen nicht psychologisch. Sie scheinen sie zu erklären. Wie Darsteller im Kindertheater zuweilen mit Bedacht sprechen, wenn ein komplizierter Gegenstand verhandelt wird. Bernhard Minetti, dessen ungeachtet, lässt seine Sätze bruchlos entströmen, als seien sie ihm just in diesem Moment eingefallen und entsprächen seinem Wesen. Die Rolle des Sympathieknochens. Als Vater kommt er aus Deutschland angereist. Er verortet. Schon auf dem Bahnsteig macht er klar: Ich bin Antifaschist. Das Motto des Films vor dem Abspann

    ... Ja, habt ihr nicht bemerkt,daß
    eigentlich nur Platz ist für den,
    der selbst den Platz mitbringt...
    Vlado Kristl

scheint er sich angeeignet zu haben. Ein gutes Party-Motto.

Bleib doch nicht immer stehen, wenn Dir was einfällt, Vater. Das ist mir schon als Kind auf die Nerven gegangen. So die Frau.
Das Gehen auf dem Kies ist so tröstlich, darauf er.

Und dann …

… die Umgebung des Hauses, die Vorstadt, ist keineswegs vornehm. Grau verputzte Fassaden, Ödnis, Ausfallstraßen und Bahngleise. Ein Ort der Passage. Er wird durchquert, um in die Stadt zu kommen. Verweilen tut man nicht. Raum aber für ausgedehnte Spaziergänge der Frau. Das Außen, die Natur, ist immer schon gebrauchter Naturstoff und sozialer Raum. Immer.

Die Kameraarbeit gediegen. Der Ausnahme-Kameramann Robby Müller. So Wim Wenders. Viele statische Einstellungen.
Bleib doch nicht immer stehen, wenn Dir was einfällt …
Eine schäbig digitalisierte Videokopie. Ständige Lichtschwankungen. Das Ausnahmelicht ist auf der DVD nur zu erahnen. Die Beschreibung – schöne Bilder – ist für einen Film vernichtend. Auch und gerade im Film, Medium der Moderne, ist Schönheit vielleicht nur als je schon Gewesenes, als Flüchtiges, zu denken. Was vorbei ist, ist vorbei. Wie war das noch?

Und dann …

… nach mehrmonatiger Ignoranz Suche auf den new-filmkritik-Seiten. Der gemeinte Film wird
hier – wie eigentlich auch erwartet – nicht besprochen. Dafür aber: Volker Pantenburg schreibt über Gerhard Friedls Filme. Was für ein wunderbarer, uneitler Text.

    Die Filme sind in der Amerika-
    Gedenk-Bibliothek sofort zu
    haben. Es ist um Mittag
    herum, die Sonne scheint.
    Auf dem Fahrrad mit der DVD
    in der Tasche. Was für ein
    antiquiertes Verhalten! Gibt es
    bestimmt auf youtube. Genau,
    aber die Qualität ist viel
    schlechter. Eine CD von Bill
    Callahan kommt auch mit ins
    Gepäck. Tut aber nichts zur
    Sache.

Und dann …

… über Jahre verhindert die Verwechslung der Namen von Amerongen und von Bohlen und Halbach die Sichtung des Friedl-Films. Schon bekannt. Denkste! Unbekannt. Noch nie gesehen. Die Schwäche für Klugesche Lakonie-Einflüsterungen findet ihre Fortsetzung in der gesteigerten Nüchternheit von Friedls Kommentaren. Und was sagt das Bild? Bleib doch nicht immer stehen, wenn Dir was einfällt.

Und dann …

… die Steuererklärung wird ein weiteres Mal verschoben. Der ursprünglich zu besprechende Film ist nicht mehr so wichtig.
Was bleibt?
Überformungswut?

Samstag, 17.08.2019

Filme der Fünziger LII: Die Barrings (1955; R: Rolf Thiele)

Die über Generationen reichende Familiengeschichte, heute pompös zur „Saga“ erhoben, konzipiert der  Film der fünfziger Jahre als eine in die Vergangenheit gerichtete Verlustgeschichte. Die großen Landsitze, die „Stammgüter“ der alten Familien, sind verloren; Schuldige sind die Zeit, die sich wandelnden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umstände und – fast möchte man sagen natürlich – eine fehlgeleitete erotische Leidenschaft. Schicksal eben.
Die Barrings spielt in der Zeit von 1880 -1900, zur Zeit von Bismarcks Entlassung und dem Beginn des Wilheminismus, aber, so Rolf Thiele, Regisseur und Co-Drehbuchautor: “Der politische Hintergrund tritt zurück, und nur ein grundlegendes Thema beherrscht den Film, ein zeitloses Problem: das Geschick einer Familie und die verhängnisvollen Folgen, die aus falscher Partnerwahl entstehen können.“ Der Film entstand nach dem Buch von William von Simpson, einem Wälzer von 787 Seiten, der 1937 erschien und mit 1,7 Millionen Auflage in jedem gutbürgerlichen Haushalt stand. Eine Eheberatungs-Studie zur richtigen Partnerwahl wurde daraus auch im Film nicht, Die Filmwerbung trifft es schon richtiger: „Ein Großfilm von deutschen Menschen, in deutscher Heimat – Ein altes deutsches Geschlecht zerbricht an dem Leichtsinn einer lebenslustigen jungen Frau.“ Und so weiter.

Ein geselliger Abend im Hause des Baron von Eyff (Heinz Hilpert). Gerda von Eyff tanzt und flirtet mit Graf Wilda (Jan Hendriks).  Baron von Eyff will Gerda mit Fried von Barring (Dieter Borsche) verheiraten. „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt,; wenn Du Barring heiratest, sind wir aus dem Schneider; wenn nicht, sind wir pleite.“ Aber die Barrings kommen nicht, denn der Vater Archibald (Paul Hartmann) weiß genau, dass es nur um Geld geht. Und „Gerda passt nicht nach Wiesenburg“. Zuvor haben wir schon Gerda gehört, schneidend und entschlossen: „Ich werde Fried heiraten, ob er heute kommt oder nicht.“ Als Fried doch noch zum Fest kommt, ist er nur noch Staffage.

Nadja Tiller

Verlobungsfeier bei den Barrings. Der Vater hält eine Rede, eine Hymne auf seine Frau (Lil Dagover), eine Mahnung an seine Schwiegertochter, sich ebenso einzufügen Die Kamera fasst die Szenerie in einem Top-Shot ins Bild. Und ebenfalls aus der Obersicht sehen wir Fried und seinen Vater an einer Kutsche auf Gerda warten. Als Gerda endlich kommt, ist der Vater schon gegangen. 35 Minuten ist Gerda zu spät! „In seinem ganzen Leben hat mein Vater noch nicht eine Minute auf seine Frau warten müssen.“

Lil Dagover, Paul Hartmann an den Geweihen und Lil Dagovers Bild zwischen den Pferden

Die wartet, das sehen wir später, bis spät in die Nacht mit dem Abendbrot auf ihren Mann. So war sie, die gute, alte Zeit.
Gerda ist anders, Gerda will das Leben geniessen. Und sie baut ihr Gutshaus um, mit Marmortreppe, Springbrunnen und Terrasse, kauft teure Kleider und gibt Gesellschaften, auch wenn ihr Mann
nicht zu Hause ist. „Sie ist wie ein wildes Pferd, die kannst du nur auf Kandarre reiten und mit Peitsche“, sagt der alte Barring zu seiner Frau, die zur Geduld mahnt. Die Kamera fährt langsam zurück und verwandelt das Gespräch in einen Beschluss.
Fried ist dafür zu schwach; Gerda bekommt ein Kind und alles scheint wieder im Lot. Aber die Schulden bleiben und Gerda gibt weiterhin das Geld mit vollen Händen aus. Frieds Liebe verwandelt sich in Hass. „Die Hexe!“ Gerda wendet sich an den Vater. Sie wolle doch nur glücklich sein mit Fried. Da kommt sie aber an den Falschen. „Heutzutage wollen die jungen Leute auch noch glücklich werden im Leben – davon hat der liebe Gott nichts gesagt.“

Nadja Tiller, Erik von Loewis, Eugen Bergen und Dieter Borsche

Der Vater stirbt; Fried hat einen schweren Unfall, er ist jetzt gelähmt, war ja sowieso kein Mann mehr „Vom Schreibtisch aus kann man ein Gut nicht leiten“, erklärt Gerda mit hartem Ton und will das Gut verkaufen. „Nein!“ ruft Fried, muss aber den Kaufvertrag unterschreiben und bricht im selben Augenblick tot zusammen. Und so verlässt Gerda mit ihrem Sohn das Gut; der blickt nochmal zurück, aber Gerda wendet seinen Kopf nach vorn.

Es ist, in historische Kostüme gekleidet, das alte Nachkriegs-Lügenmärchen, dass die junge Generation verspielt, was die Väter aufgebaut haben. In Nadja Tillers Blick liegt dafür nur Verachtung. Sie kennt ihre Macht und ist entschlossen, sie zu gebrauchen. Tiller spielt das so perfekt perfide, dass die penetrant beschworene Weiblichkeitsrolle der Dulderin dagegen keine wirkliche Chance hat. Günter Anders Kamera fasst die altbackene Geschichte in tief gestaffelte Bilder, in denen sich die Personen in ihren jeweils eigenen Charakterräumen bewegen. Es ist, als lasse Anders seine Kamera gegen die Ideologie des Stoffes sprechen, als argumentierte er mit seinen Bildern dafür, dass das Leben komplizierter und reicher ist als es uns die Erzählung glauben machen will.

DVD bei Filmjuwelen
Präzisierungen zu filmportal:
Geschäftsführung: Günther Klein; Kasse: Hans Mühlberg; Produktionssekretärin: Sigrid Ruttke; Presse: Erwin Peter Close; Atelier-Sekretärin: Anneliese Gubitz; Garderoberiere: Annie Loretto; Aussenrequisite: Kurt Squarra; Innenrequisite: Paul Prätel, Waldemar Hinrichs
Dreharbeiten: 20. Juli 1955 – 16. August 1955 im Atelier Göttingen; Aussenaufnahmen: 16. – 30. August 1955 in und um Göttingen; vom 31. August bis 2. September 1955 in Verden an der Aller.


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